der Gütertransport auf den Bahnen hatte aufgehört, die besten Arbeiter
waren zu den Fahnen berufen, Aufträge liefen nicht mehr ein, und
niemand wußte, welche Ausdehnung der Zustand nehmen würde. Da erhielten
wir die Anfrage, ob wir Minentorpedos anfertigen könnten. Die anderen
Berliner Fabriken hatten es abgelehnt, sich auf die Herstellung
der völlig neuen und von unseren Fabrikaten gänzlich verschiedenen
Konstruktionen einzulassen, und so erhielten wir den großen Auftrag
zu den von uns auskömmlich berechneten Preisen. Das Material wurde
auf Requisitionsschein herbeigeschafft, und die mit der Fabrikation
beschäftigten Beamten, wie ich selbst, von der Dienstpflicht im Heere
befreit. In kurzer Zeit waren Werkstätten und Höfe für den neuen
Zweck eingerichtet. Verzinkereien angelegt, große Feuer zum Biegen
der Bleche gebaut und Drehbänke für Herstellung der Schrauben und
Zünder angeschafft. Die ungewohnte Arbeit ging anfänglich schwer
vonstatten; es fehlte an guten Holzkohlenblechen, die die unsanfte
Behandlung vertrugen, und auch die Dichtung ließ zu wünschen übrig.
Allmählich lernten wir und unsere Arbeiter jedoch die Behandlung, und
jeder Torpedo wurde anstandslos abgenommen. Als die Konkurrenz sah,
wie immer neue Arbeiter von uns eingestellt wurden, die sie aus Mangel
an Beschäftigung entlassen mußten, bewarben auch sie sich um diese
Aufträge und erhielten sie, da unsere Leistungen erschöpft waren. Aber
die höheren Preise, die man ihnen zugebilligt hatte, wurden uns nicht
nur für die noch in Ausführung und Bestellung gegebenen, sondern
auch für die bereits abgelieferten Torpedos in einem schmeichelhaften
Schreiben über unsere Leistungen gewährt.
So beschlossen wir, unsere Fabrikation beträchtlich zu erweitern. Die
Kesselschmiede wurde damals in Berlin noch recht primitiv betrieben.
Bei Arbeiten aus dünnen Blechen, wie bei Gasbehältern, erhielten wir
kaum die Auslagen für Material und Lohn ersetzt, wie wir zuletzt beim
Bau in Nauen zu unserem Bedauern erfahren hatten, und nicht viel
besser erging es bei Dampfkesseln, Brücken, Dächern, Trägern usw.,
die nach Gewicht geliefert und verrechnet wurden. Die einzige Hilfe,
uns aus dieser üblen Lage zu befreien, war auch in diesem Zweig die
Aufnahme von Spezialfabrikaten, denn die Herstellung der Torpedos
hatte gezeigt, daß wir billig zu arbeiten in der Lage waren. Da mit
feinerem Material auch die Arbeit sich verbessern mußte, nahmen
wir den Bau von Stahlkesseln auf, die zwar neue Konstruktionen und
Einrichtungen erforderten, aber auch bessere Verkaufspreise erzielten,
da wir mit Preisunterbietungen seitens der Konkurrenz nicht mehr
zu rechnen brauchten. Auch hier zahlten wir Lehrgeld; denn als ich
in den Weihnachtsfeiertagen durch die Kesselschmiede ging und die
Arbeiten betrachtete, sah ich, daß an verschiedenen Bördelungen der
Feuerröhren infolge mangelhaften Materials Längsrisse entstanden waren.
Der Fabrikant der Bleche schob die Schuld von sich auf nicht genügend
langsame Abkühlung nach dem Biegen der Flansche, ich vermutete die
Ursache in der Unzuverlässigkeit des Materials und überlegte, ob es
nicht geraten sei, die weitere Fabrikation solange zu sistieren, bis
Erfahrungen aus dem Betriebe vorlägen. Seit länger als 30 Jahren ist
der von mir gefertigte Stahlkessel im Betriebe einer Tuchfabrik, und
der Besitzer ist seines Lobes voll.
Eine andere von mir eingeführte Fabrikation hat sich seit meiner
Zeit zu außerordentlicher Höhe entfaltet: die Verarbeitung von
Wellblechen. In der Fabrik für Eisenbahnbedarf von Pflug erbaute ich
zwei freitragende Dächer aus Wellblech von erheblicher Spannweite über
der großen Schmiede. Interessant ist, daß gerade auf diesem Grundstücke
die A. E. G. etwa zehn Jahre später ihre erste Fabrikationsstätte
errichtet hat. Indem ich jener Fabrik gedenke, erinnere ich mich, daß
nicht nur die ersten Dampfheizungen in den Waggons unter den Sitzen
der Reisenden, sondern auch Niederdruck-Wasserheizungen in Wohnhäusern
von mir ausgeführt sind: sie bewiesen, daß man ideale Behaglichkeit
erreichen kann, wenn man die Kosten der Anlage nicht spart. --
Kompressoren wurden gebaut, um Gefäße mit komprimierter Luft zu füllen,
mit der die Soldaten in langen Minengängen sich ernährten. Sie trugen
die kurzen Röhren über den Tornistern auf dem Rücken und konnten
dadurch ihre Arme frei bewegen. Erwähnenswert ist auch die Herstellung
einer +Dampfturbine+. Sie bestand aus zwei miteinander verbundenen
Scheiben, die, durch dünne Zwischenlagen voneinander getrennt, den
Dampf von der Mitte nach dem Umfang durch Schaufeln ausströmen ließen,
die in den Zwischenlagen ausgespart waren. Die Querschnitte der
Aktionsturbinen erweiterten sich der Expansion des Dampfes entsprechend
nach dem Umfang zu, und dieser strömte durch die hohle Welle in das
Rad, das in einem Gebäude rotierte, um den Auspuff in die Atmosphäre zu
leiten. Bei der geringen Heizfläche der stehenden Dampfkessel und der
wenig ökonomischen Wirkung war es immer nur minutenweise möglich, die
Turbine im Leerlauf zu erhalten, und die Versuche wurden aufgegeben.
Hätte man die Geschwindigkeit zu steigern, Kondensation anzuwenden und
die erzeugte Arbeit auf die noch wenig bekannten Dynamos zu übertragen
verstanden, die Fortsetzung der Versuche wäre beim Übergang von
Aktions- zu Reaktionsrädern vielleicht von Erfolg gekrönt worden.“
Diese Schilderung zeigt, daß alles von Rathenau damals an Neuerungen
Versuchte, zwar im einzelnen ganz schöne Erfolge brachte, aber doch den
Rahmen für eine großzügige Erweiterung oder gar für eine grundlegende
Umgestaltung des im ganzen primitiven Betriebes nicht abgeben konnte.
Über die Grenzen, die der damaligen Maschinen-Industrie in Deutschland
noch gesetzt waren, fand sich das Unternehmen nicht hinaus. Es gab in
der Maschinenfabrikation jener Zeiten bestimmte Typen, an denen zwar
hier und da kleinere oder größere Verbesserungen angebracht wurden,
die aber doch im großen und ganzen ziemlich festlagen. Bahnbrechende
Erfindungen wurden nicht gemacht, für großzügige Experimente wurde
nicht viel Geld ausgegeben. Emil Rathenau, der noch mit einem anderen
Ingenieur den ganzen technischen Stab der Maschinenfabrik bildete,
saß in jener Zeit fleißig am Reißbrett und betätigte sich, ohne schon
eine Spur seiner späteren schöpferischen Kaufmannsbegabung erkennen
zu lassen, hauptsächlich als Konstrukteur. Mit dem, was sich mit
den Mitteln seiner Fabrik verwirklichen ließ, war er innerlich nicht
zufrieden. Damals durchgrübelte er in den freien Stunden, die ihm
der nicht überhastete Betrieb ließ, bereits die Möglichkeiten des
Maschinenbaus, und Ideen, die später in der Hochdruck-Zentrifugalpumpe
und der Dampfturbine ihre Verwirklichung fanden, fühlte und dachte er
schon bis an die Schwelle ihrer Konstruierbarkeit problematisch vor.
Zum großen Konstrukteur fehlte ihm weder die technische Phantasie
noch die intime Kenntnis der maschinellen Praxis, aber wohl das
breite Zwischengebiet, das zwischen diesen beiden Exponenten liegt.
Er hatte das Gefühl dafür, welche Erfindung nottat, und wußte wohl
auch die Richtung ungefähr zu treffen, in der sie zu gewinnen
war. Er verstand es auch trefflich, die vielen kleinen und großen
Hindernisse zu beseitigen, die auf dem Wege von der prinzipiell
gelungenen Konstruktion bis zu ihrem glatten und geschäftlich
rationellem Funktionieren in der Praxis wie Steingeröll auf einer schon
tracierten, aber noch nicht applanierten Chaussee zu liegen pflegen.
Aber die Chaussee zu bauen vermochte er nicht. Dazu fehlte es seinem
technischen Sinn an gleichmäßiger Kraft, seiner Arbeit an Freiheit und
Selbständigkeit. Darunter scheinen auch seine konstruktiven Versuche in
der Maschinenfabrik gelitten zu haben. Gänzlich neue Gebilde vermochte
er nicht zu schaffen. Damals bemächtigte sich seiner zeitweilig sogar
eine gewisse Resignation hinsichtlich der Entwickelungsfähigkeit
des Maschinenbaus überhaupt, und seinem Sozius klagte er in der
beginnenden Stimmung des Überdrusses an dem ewigen Kreislauf des
kleinen Betriebes, daß die Kolbendampfmaschine in allem Großen und
Wesentlichen wohl für alle Zeiten festgelegt sei, und an ihr höchstens
mittlere und kleine Verbesserungen noch erreicht werden konnten.
Es war schon nach einigen Jahren ersichtlich, daß die Tätigkeit in
der Maschinenfabrik dem ruhelos schweifenden Geist Rathenaus, der
Entwickelungsfeld, Weite und die Möglichkeit des vollen Schaffens vor
sich sehen mußte, keine dauernde Befriedigung zu bieten vermochte.
Wäre Emil Rathenau eine Durchschnittsnatur gewesen, ein Mensch, dem
es genügt hätte, einen guten und entwickelungsfähigen Wohlstand zu
gründen, so würde er in der Chausseestraße zufrieden geblieben sein,
mit der Aussicht, es vielleicht allmählich zu einer Position zu
bringen, wie sie seine Verwandten Liebermann sich geschaffen hatten.
Das Gefühl und der Wert des Erwerbens und Besitzens haben aber
Rathenau in seiner Handlungsweise nie geleitet. Gelderwerb war ihm eine
Begleiterscheinung der Arbeit und ein äußeres Zeichen für ihren Erfolg.
Persönlich bedürfnislos, ohne Sinn für Wohlleben und Luxus, auch in
der Zeit des Reichtums noch dem Geld mit kleinbürgerlichen Gefühlen
gegenüberstehend, so ist er allezeit geblieben. Nur die Seligkeit des
Schaffens war es, die ihn beflügelte und befriedigte. Seinem Werke
diente er, weil er in dem Werke und mit ihm wachsen, sich ausleben
konnte, nicht weil er durch Geld genießen und Macht üben wollte. Es
ist kein Wunder, daß einen so gearteten Menschen nach wenigen Jahren
ruhigen Wirkens im gemäßigten Klima Überdruß und Unrast überfielen.
Nicht lange vermochte er sie sich und den Seinen zu verbergen. „Lassen
Sie mich heraus,“ bat er den Sozius, Valentin. „Behalten Sie mein Geld
im Geschäft, ich will keinen Pfennig heraushaben.“ -- „Aber warum
wollen Sie unser gutes Unternehmen, unsere harmonische Zusammenarbeit
im Stich lassen?“ fragte bekümmert der Freund. „Ich finde darin
keine Zukunft für mich, ich komme mir auch manchmal unseren Kunden
gegenüber wie ein Betrüger vor. Unsere heutigen Maschinen verbrauchen
viel mehr Kohlen, als sie dürften. Die Abnehmer rügen es nicht, aber
gerade deswegen drückt es mich. Gewiß sind unsere Fabrikate nicht
schlechter als die anderer Firmen. Das ganze Niveau ist zu niedrig. Es
müßte gehoben werden, aber in einer Fabrik wie unserer, mit unseren
Mitteln muß ich daran verzweifeln, es heben zu können.“ So sprach
Rathenau, zuerst aus vorübergehenden Stimmungen heraus, die Valentin
zurückzudrängen versuchte. „Ich will Ihre Stimmungen und Verstimmungen
nicht benutzen, um mich zu bereichern. Wenn Sie aus der Firma
herausgehen, bleibe auch ich nicht. Dann liquidieren wir eben oder
verkaufen die Fabrik gemeinsam.“ Der Gedanke, den Sozius und Freund
der ihm lieb gewordenen Unternehmung zu entziehen, hielt Rathenau dann
wieder eine Zeitlang von seinem Vorhaben zurück. Aber die Stimmungen
wurden immer düsterer, die Klagen immer dringlicher. „Es ist die
typische Veränderungssucht der Rathenaus, ihr Mangel an Sitzfleisch,“
so urteilte vielleicht die Familie über die Nöte des schwer ringenden
Mannes. Wer mochte ihn damals verstanden haben? -- Nach dem Kriege
von 1870/71 schien ein Ausweg zu winken. Ein großer Auftrag der
Militärverwaltung auf Umarbeitung von 800000 Gewehren sollte vergeben
werden. Rathenau gibt von dem Vorgang folgende Schilderung:
„Während der Torpedoauftrag zu Ende ging, erfuhr ich, daß man in
den Spandauer Gewehrfabriken sich mit Umänderung der Visiere auf
den eroberten Chassepotgewehren herumquälte und gern Offerten der
Privatindustrie entgegennehmen würde. Ich begab mich unverweilt in
das Bureau des Dezernenten und führte aus, daß die Umänderungen mit
den hier üblichen Mitteln kostspielig und zeitraubend seien, daß
ich mit modernen amerikanischen Millingmaschinen die Arbeit, deren
Selbstkosten in Spandau ich auf fünf Taler schätzte, für ebensoviel
Mark liefern würde. Der alte General hielt mich zuerst für einen
Hochstapler oder Wahnsinnigen, wie ich aus seinen Fragen und Mienen
sah, im weiteren Verlauf der Unterhaltung gewann er indessen die
Überzeugung, daß meine Offerte Ernst sei, als ich als Garantie für
die Erfüllung meiner Verpflichtungen eine imposante Summe (300000
Taler) bei einer ersten hiesigen Bank zu hinterlegen mich erbot.
Obwohl ich keine Zusage erhielt, daß der Auftrag an uns zur Vergebung
gelangen würde, veranlaßte ich einen Freund, der die Fabrikation
der oben bezeichneten Maschinen durch seine Tätigkeit in Amerika
genau kennen gelernt hatte, schleunigst nach den Vereinigten Staaten
abzureisen und sich zu vergewissern, in welcher kürzesten Zeit der
ausgedehnte Maschinenpark zu beschaffen sei. Ein Probevisier hatte
er mitgenommen, und bald erhielt ich ein Kabeltelegramm, daß ein
großer Teil der Werkzeuge und Maschinen in vier Monaten, der Rest in
gewissen, näher bezeichneten Perioden zur Verladung gelangen würde. Mit
diesem Telegramm begab ich mich nach der Zimmerstraße in das Bureau
des Dezernenten, der fast sprachlos war, als ich auf seine Fragen die
Absendung meines Delegierten kurz und bündig schilderte. Er hätte mir
weder einen Auftrag erteilt, noch in sichere Aussicht gestellt, meine
Handlungsweise sei nicht zu rechtfertigen; als ich ihm entgegenhielt,
daß die Arbeit in kürzester Zeit vollendet werden müsse, daß weder
die Königlichen Fabriken noch ein Dritter hierzu in der Lage seien,
daß mit den alten Werkzeugmaschinen präzise Arbeit nicht hergestellt
werden könne und meine Mittel mir gestatteten, für die Möglichkeit,
eine große Bestellung zu erlangen, eine Summe zu opfern, beruhigte
sich der alte Herr und entließ mich mit dem Versprechen, die Offerte
wohlwollend zu prüfen. Als wir am Weihnachtsheiligabend desselben
Jahres unsere Kinder unter dem Baum zu bescheren gerade im Begriff
waren, meldete sich der Adjutant des Generals mit dem Auftrage, uns zu
befragen, ob wir den geforderten Preis für Änderung von 800000 Visieren
um 50 Pfg. das Stück zu reduzieren geneigt seien; in diesem Falle würde
der Auftrag uns, sonst aber der inzwischen aufgetauchten Konkurrenz
erteilt werden. Ohne lange Überlegung lehnten wir den Vorschlag ab,
nicht weil wir an einen ernsten Wettbewerb glaubten, sondern weil nach
Lage der Dinge diese Behandlung uns nicht fair erschien. Der Konkurrent
ging, wie vorauszusehen war, bei der Arbeit zugrunde, denn er hatte
weder die Mittel, die neuen Arbeitsmethoden einzuführen, noch kannte
er diese. Sein Untergang war die Erweckung der Nähmaschinenfabrik von
+Ludwig Loewe & Co.+, die bis dahin Erfolge nicht aufzuweisen
gehabt hatte. Nach meinen Kalkulationen sind an diesem Auftrage mehrere
Millionen verdient worden, aber wichtiger als der einmalige Gewinn war
die hierdurch herbeigeführte Annäherung an die Firma Pratt, Whitney
& Co. in Hartford, Conn., deren Maschinen- und Werkzeugbau Loewe an
Stelle der unlohnenden Nähmaschinen aufnahm und hiermit das Verdienst
erwarb, den amerikanischen Machine tools eine würdige Stätte in unserem
Vaterlande zu bereiten.“
Das Fehlschlagen dieses Geschäfts bedeutete aber für die
Maschinenfabrik Rathenaus nicht nur einen entgangenen Gewinn und eine
entgangene Entwicklungsmöglichkeit, sondern brachte auch einen --
wenn auch nicht allzu schweren -- Geldverlust mit sich. Im Vertrauen
auf das erwartete Geschäft, an dessen Zustandekommen die Sozien
nicht zweifelten, hatten sie zur Aufbringung der erforderlichen
beträchtlichen Kapitalien einen stillen Teilhaber aufgenommen oder
doch mit ihm einen Vertrag abgeschlossen, nach dem er einen Betrag von
600000 Mark einbringen sollte. Nachdem das Geschäft sich zerschlagen
hatte, mußte dieser Vertrag gelöst werden, wobei dem Kapitalisten eine
Abstandssumme von 20000 Mark zu zahlen war. Die Frage, ob Rathenau dem
Unternehmen treu geblieben sein würde, wenn es durch den großen Auftrag
der Militärverwaltung auf eine verbreiterte, und vielleicht wesentlich
veränderte Grundlage gestellt worden wäre, ist schwer zu beantworten.
Auch auf dem Gebiet der Waffen- und Werkzeugmaschinen-Industrie waren
große Entwickelungsmöglichkeiten vorhanden, wie ja der Werdegang der
Löweschen Fabrik zeigte, die später einen ganzen Kranz gewaltiger
Unternehmungen der Waffen- und Munitionsindustrie, ihrer Hilfs- und
Nebengewerbe und der Werkzeugmaschinenfabrikation um sich gruppiert
hat. Hinter dem großartigen und vielgestaltigen Sonnensystem der A. E.
G. mit seinen Ausstrahlungen nach allen Seiten und Himmelsrichtungen
bleibt die beschränkte Spezialfabrikation des „Waffenkonzerns“
aber nicht nur an Umfang, sondern auch an Fülle der Formen und
Gestaltungen, an Möglichkeiten zur Betätigung des kaufmännischen
Ingeniums und des industriellen Schaffenswillens so weit zurück,
daß sie fast einförmig erscheint. Ob einen Emil Rathenau, dem der
Formenreichtum und die gewaltigen Maße der A. E. G. kaum genügten,
dessen Phantasie den Wundern der Elektrizität himmelhoch nachfliegen
durfte, die nüchterne Klein- und Präzisionskunst der Waffenindustrie
und der Drehbänke dauernd gefesselt hätte, will mir nicht sonderlich
glaubhaft erscheinen. Für die Entwickelung der deutschen Industrie
ist es jedenfalls gut gewesen, daß Emil Rathenau als 33jähriger eine
Enttäuschung bei einem kleineren Werke erlebte, um für größere Aufgaben
freizubleiben, zu denen er erst als Reiferer mit 43 Jahren gelangen
sollte.
Den Jahren der gewerblichen Beschäftigungslosigkeit und der
Kriegsdepression, in denen Rathenau und Valentin, um ihrer Fabrik
überhaupt eine größere Arbeit zuzuführen, dem ihnen an sich fremden
Auftrag aus dem Gebiet der Waffenindustrie nachgegangen waren, folgte
bald die +Gründerperiode+ mit ihrem Überschwung, ihren stürmischen
Hoffnungen und schweren Enttäuschungen. An alledem sollte auch die
Webers’sche Maschinenfabrik Anteil haben. Die Inhaber entschlossen
sich, da die Räume in der Chausseestraße eine Vergrößerung, wie
sie diese planten, nicht zuließen, eine neue Fabrik nach modernen
Grundsätzen auf billigem Gelände in der Nähe der Stadt zu errichten.
Sie erwarben einen geeigneten Komplex von großer Ausdehnung in
Martinikenfelde für 70000 Taler. Der Plan war großzügig angelegt. An
den beiden gegenüberliegenden Straßenfronten lagen nach Martinikenfelde
zu die mächtige Eisengießerei, an der Huttenstraße die ihr an Größe
entsprechende Modellierwerkstatt und Dreherei und zwischen ihnen auf
der westlichen Seite Schmiede und Kesselschmiede. Im Mittelpunkte
befand sich die zentrale Dampferzeugungsstation, die alle Maschinen
des ausgedehnten Werkes durch wohl isolierte Röhren mit Dampf
versorgte. Die Kondensation erfolgte durch Ejekteure, deren Bau die
Firma neuerdings aufgenommen hatte, auch nur ein Schornstein war auf
dem Werke vorhanden.
„Die Gießerei bestand aus einem Längsschiff von ca. 20 Meter
Spannweite und einer beträchtlichen Höhe und Länge. Sie war mit großen
Kupolöfen, schweren Lauf- und Drehkranen, tiefen Dammgruben und allen
Vorrichtungen einer modernen Gießhalle ausgerüstet, um die schwersten
Stücke in Sand, Masse und Lehm zu gießen. An ihren Enden schlossen sich
zweistöckige Gebäudeflügel an; der eine diente als Modelltischlerei
und Modellboden, der andere für Kleinguß, der mit Maschinen geformt
wurde. -- Die Montagehalle war in Form und Größe der Gießerei ähnlich,
die sich ihr anschließende Dreherei mit kräftigen Werkzeugen reichlich
versehen. Auch in den anderen Werkstätten ließen die Einrichtungen
nichts zu wünschen übrig.“
Rathenau faßte später sein Urteil über die Anlage in die Worte
zusammen: „Es war eine Fabrik aus einem Guß, wie sie Berlin
nicht besaß.“ Schon während des Baues waren in der Gründerzeit
Offerten von Großbanken zur Umwandlung des Unternehmens in eine
+Aktien-Gesellschaft+ immer wieder ihren Inhabern gemacht worden.
Rathenau hatte sie zuerst standhaft zurückgewiesen, ja er hatte sogar
ein großes Kapital unter nicht leichten Bedingungen von privater Seite
beschafft, um den Klauen des Geldmarktes zu entschlüpfen, dem er eine
unüberwindliche Abneigung entgegenbrachte und trotzdem, so bekannte er
später resigniert, „entging ich meinem Schicksal nicht.“
„Ein befreundetes Bankhaus hatte mit einer ersten Bank sich verbunden
und meinen Sozius zum Verkauf überredet. Trotz der ungewöhnlichen
Bedingungen, die ich in der Erwartung stellte, daß sie die Käufer
abschrecken würden, gingen sie zu meinem Bedauern auf diese ein und
verwandelten das gutrentierende Unternehmen in eine Aktiengesellschaft.
Ich übernahm keine Aktie, erhielt vielmehr den gesamten Kaufpreis
in bar ausgezahlt, die Leitung der Geschäfte mußten wir trotz allem
Widerwillen für einige Zeit übernehmen, da eine geeignete Direktion
nicht sogleich sich finden ließ und die zweckmäßige Umwertung der
Bestände von nicht zu unterschätzendem Wert war. Die Geschäfte gingen
zunächst glänzend, als aber der Krach von 1873 hereinbrach und das
große und sehr geschätzte Bankinstitut, das die Gründung durchgeführt
hatte, von diesem am stärksten betroffen wurde, erlitten wir zwar keine
Einbuße an dem vorhandenen Betriebskapital, aber die Obligationen,
die für den Bau der neuen Fabrik uns zugesichert waren, konnten nicht
zur Ausgabe gelangen, und Hypotheken waren nicht zu beschaffen. Mein
Entschluß war sofort gefaßt: Nachdem die Fabrikbauten schleunigst
vollendet und alle Gläubiger befriedigt waren, legten wir unsere
Stellungen nieder und überließen das weitere Geschick der Gesellschaft,
die später liquidierte. Den fast täglich an mich herantretenden,
zuweilen sehr verlockend erscheinenden Anerbietungen, das glänzende
Unternehmen zurückzuerwerben, entzog ich mich durch eine lange Reise.
Gewiß wäre es ein gutes Geschäft gewesen, die beiden Werke billig zu
kaufen und den früheren Betrieb mit vergrößerten Mitteln aufzunehmen,
aber dieses Ansinnen widerstrebte mir. Geradezu verfolgt hat mich
mit seinen Anträgen der reiche Verwandte eines Großindustriellen der
Branche, der Kriegsmaterial in Martinikenfelde fabrizieren wollte,
große Aufträge der Regierung hinter sich hatte und über sehr erhebliche
pekuniäre Mittel verfügte. Der Kauf kam ohne meine Mitwirkung
zustande, die schöne Fabrik wurde umgestaltet, und ihr Besitzer
stellte die Zahlungen ein, nachdem er das große Vermögen der Erzeugung
von Stahl geopfert hatte. Aus dem Konkurs erwarben die Waffen- und
Munitionsfabriken dieses Werk und gestalteten es für ihre Zwecke um.“