wiederzusehen; zumal diese in der Meinung, daß der junge Ingenieur
sich draußen in der Welt genügend umgesehen habe, und sich nunmehr
eine dauernde Existenz gründen solle, auf die Rückkehr drängten,
die nach ihrem Wunsche eine dauernde Heimkehr sein sollte, während
Rathenau selbst, als er sich zur Heimreise anschickte, noch nicht
fest entschlossen war, sich für die Dauer im Heimatlande anzusiedeln.
Indessen gefiel es ihm im Hause Viktoriastraße 3, das die Eltern
inzwischen bezogen hatten, recht wohl und er ließ sich unschwer
überreden, seine weiteren Wanderpläne aufzugeben. Den Eltern und
Freunden kam es bei ihren Plänen zu statten, daß Rathenau, trotz
aller Lust die Welt kennen zu lernen, doch mit seinem ganzen Herzen
an Deutschland und besonders seiner Heimatstadt Berlin hing, und
eigentlich in seinem ganzen Leben niemals ernstlich daran dachte, sich
wie so viele andere tüchtige Deutsche jener Zeit irgendwo draußen, wo
es sich zu jener Zeit besser und aussichtsvoller leben ließ, dauernd
anzusiedeln. In seinem Streben und Denken war Rathenau Kosmopolit.
In seinem Grundgefühl blieb er trotzdem immer bodenständig. Jeder
Fortschritt, jede Errungenschaft, jede Verbesserung der Verhältnisse,
die er irgendwo draußen sah, waren ihm nie allein Inhalt genug. Er
konnte sie sich nur in Verbindung mit der Heimat denken, der er
entstammte und der er ihren Nutzen dienstbar machen wollte. So wenig
sich Rathenau durch die Schranken und Bedingungen des Vaterlandes
binden oder hemmen ließ, so sehr er alle Fernen nach neuen wissens- und
nachahmenswerten Einrichtungen abschweifte, in irgend einem fremden
Boden hätte er nie Wurzel fassen können. Dort sich einfach und bequem
niederzulassen, wo das Neue bereits entwickelt war, reizte ihn nicht,
bot seinem Schaffenswillen wohl auch nicht Leistungsmöglichkeit und
Spielraum genug. Ihn leitete stets das instinktive Bestreben, das Neue
dorthin zu verpflanzen, wo es sich noch nicht vorfand und ihm schwebte
wohl schon damals der Gedanke vor, daß in Deutschland ein weiteres
Arbeitsgebiet offen lag als in fortgeschritteneren Ländern, wo er die
Hauptstraßen bereits durch einen zu starken Wettbewerb besetzt fand.
„Trotz schmaler Kost und wenig Geld“, sind Emil Rathenau, der in dem
berechtigten Stolz, auf eigenen Füßen zu stehen, schon damals auch die
kleinste geldliche Beisteuer des Vaters nicht mehr angenommen hatte,
die Jahre in England unvergeßlich geblieben. Außer den technischen
Erkenntnissen, die er ihnen verdankte, gaben sie ihm den freien Blick
des Staats- und Weltbürgers und eine ausgeprägte +demokratische
Anschauungsweise+, deren Fundament sich nie verlor, wenngleich
der Geschäftsmann sie später aus Opportunitätsgründen, vielleicht
auch aus Mangel an Zeit für politische Interessen, nicht mehr
sonderlich betonte, allerdings auch nie verleugnete. Auch der spätere
Gegensatz zu der aufkommenden sozialdemokratischen Agitation mit
ihrer Erschwerung der Arbeiterbehandlung und Arbeiterökonomie für das
Unternehmertum mag dazu beigetragen haben, den demokratischen Grundton
der Rathenauschen Denkweise zu dämpfen. In den englischen Jahren
warf er sich ihr aber mit Entschiedenheit in die Arme. Bedeutete sie
doch eine reife Betätigung und Erfüllung der ringenden Bestrebungen,
deren jähes gewaltsames Aufflackern der heranwachsende Knabe im
Jahre 1848 staunend, wenn auch wohl nicht verstehend, miterlebt,
für die der junge polytechnische Student dann im engen Kreise
mitgekämpft hatte. Das waren Erinnerungen, die in der englischen Luft
wieder aufgewacht waren und ihm manche Einrichtungen der englischen
Bürgerfreiheit als glücklich und nachahmenswert erscheinen ließen.
Auch die +Freihändlerlehre+ mochte sich dem jungen Deutschen
damals so tief ins Gemüt gesenkt haben, daß er Zeit seines Lebens nie
so recht von ihr loskam, auch hier allerdings später die Theorie den
Zweckmäßigkeitsgründen seiner besonderen Interessensphäre anpassend.
Nun machte Emil Rathenau zum ersten Mal den Versuch, seßhaft zu werden
und sich eine Position zu schaffen, wie sie den Augen der Familie
wohlgefiel. Ein wohlsituierter Bürger und tüchtiger Fabrikbesitzer,
das war das Ziel, das den Eltern vorschwebte und das sich immerhin um
eine wesentliche Spielart von den Lebens- und Wirtschaftsbedingungen
unterschied, die sonst in den damaligen jüdischen Kreisen Berlins
und Deutschlands üblich waren. In der Industrie hatten die jüdischen
Kaufleute damals erst in geringem Umfange Fuß gefaßt. Handel und Finanz
waren noch ausgesprochener als heute die Hauptgebiete ihrer Betätigung,
und die kombinierten, großkapitalistischen und großgewerblichen
Methoden, durch die sie späterhin den Übergang auch in die Industrie
fanden, erschienen damals noch wenig ausgebildet. Allerdings
fehlte es nicht an Ausnahmen. Der Stern des industriellen Gründers
Strousberg, der allerdings durch eine Welt von dem soliden deutschen
Industrietypus geschieden war, stand damals noch im Zenith. In Berlin
waren es gerade Rathenaus Verwandte, die Liebermanns und Reichenheims,
die als Industrielle sich bereits einen soliden Reichtum und ein
großes bürgerliches Ansehen geschaffen hatten. Mitglieder der Familie
Liebermann besaßen neben der schon erwähnten Wilhelmshütte in Sprottau
eine bedeutende Tuchweberei, die Familie Reichenheim gleichfalls
eine blühende Textilfabrik im schlesischen Wüste-Giersdorf. Auch die
noch jetzt als Aktiengesellschaft bestehende Textil-Firma Anton und
Alfred Lehmann befand sich im Besitz von Verwandten Rathenaus. Gerade
diese Beispiele aus der Familie, die sich allerdings nach dem Tode
des Großvaters Liebermann nicht mehr allzuviel um Emil Rathenau und
sein Elternhaus kümmerte, werden dazu beigetragen haben, den jungen
Rathenau der industriellen Laufbahn zuzuführen. Nach der Rückkehr aus
England begab er sich auf die Suche nach einem geeigneten, bereits
bestehenden und eingeführten Unternehmen. Durch Familienbeziehungen
gelangte Rathenau an eine Fabrik, die damals verkäuflich war und auch
den Eltern eine geeignete Grundlage für eine Selbständigkeit zu bieten
schien. Es war die kleine Maschinenfabrik von M. +Webers+, die in
der Chausseestraße, dem damaligen Berliner Maschinenfabrikenviertel,
unweit der alten Berliner Anstalten von Schwartzkopf, Borsig,
Wöhlert und Engells gelegen war. Die Fabrik beschäftigte nicht mehr
als 40-50 Arbeiter und betrieb neben dem Bau von Dampfmaschinen
die Herstellung von Einrichtungen für Gas- und Wasserwerke. Auch
Zentrifugalpumpen, Lokomobilen und was sonst zu dem Betrieb einer
damaligen Maschinenfabrik gehörte, wurde gelegentlich hergestellt.
Daneben führte das Unternehmen, gewissermaßen als Monopol, sämtliche
Apparaturen aus, die die Königlichen Theater brauchten. Emil Rathenau
prüfte die Grundlage des Betriebes, von denen die technische trotz
ziemlich primitiver Methoden einen besseren Eindruck machte als die
kaufmännische, und war grundsätzlich zu einem Erwerb bereit. Die
Verfassung, in der sich das Unternehmen damals befand, wurde von ihm
wie folgt geschildert:
„Aus einem früheren Vergnügungslokal, Bella Vista, war ein
hübsches Wohnhaus mit Vorgarten stehen geblieben, das sich durch
schmuckes Äußeres hervortat; hinter diesem lag die Fabrik in dem
früheren Tanzsaal, der sich als Seitenflügel dem einstöckigen
Wohnhause anschloß; Dampfkessel, wie sie unter bewohnten Räumen
zu jener Zeit zulässig waren, und eine ihrer Größe entsprechende
Dampfmaschine trieben vermittels Wellentransmission die einfachen
Werkzeugmaschinen, wie sie Chemnitzer und Berliner Fabriken
herstellten. Die Fabrik hatte einen guten Ruf. Der spätere Rektor
der technischen Hochschule in Darmstadt hatte als technischer Leiter
die Bügel- und Balanziermaschinen etwas modernisiert und mit einer
Expansionsvorrichtung versehen, die sich recht bewährt hat. Ein
Glockenventil, das auf und mit dem Schieber sich bewegte, wurde von
dem unrunden Konus auf der Spindel des Zentrifugalregulators geöffnet
und geschlossen.“ -- Der junge Ingenieur konnte und wollte das
Wagnis, das auch über die ihm zur Verfügung stehenden finanziellen
Kräfte hinausging, nun allerdings nur in Gemeinschaft mit einem
tüchtigen und gleichgesinnten Kaufmann übernehmen. Für die Fabrik mit
Grundstücksgebäuden und Inventar -- dazu gehörte ein großer Garten mit
schönen alten Bäumen -- wurden 75000 Taler gefordert und von dem Käufer
eine Anzahlung von einem Drittel dieses Betrages verlangt, über das
Emil Rathenau nur zum Teil verfügte. An Geldmännern, die sich an dem
Geschäft beteiligen wollten, fehlte es nicht. Doch konnte sich Rathenau
nicht zur Wahl eines stillen Teilhabers entschließen. Ein Sozius
fand sich aber bald in der Person des um zwei Jahre jüngeren Julius
+Valentin+, den Rathenau als Nachbarkind vom Monbijouplatz und
als jüngeren Schulgenossen vom Grauen Kloster her kannte. Die beiden
jungen Männer trafen sich ganz zufällig. Auf der Straße begegnete
Rathenau einige Zeit nach seiner Rückkehr aus England dem jungen
Valentin, der ihm den Eindruck eines intelligenten, offenen Menschen
machte. Den ersten gegenseitigen Fragen nach dem „Woher“, nach den
Lebensschicksalen beider seit der gemeinsamen Schulzeit, folgte bald
die Frage nach dem „Wohin“, den Plänen für die Zukunft.
Rathenau erzählte schließlich, daß er etwas Eigenes unternehmen
wolle, auch schon eine bestimmte Sache in Aussicht habe, daß ihm
aber noch der Kaufmann fehle. Auf die Frage, ob er dieser Kaufmann
sein wolle, und ob er sich mit einem bestimmten Kapital beteiligen
könne, bat sich Valentin Bedenkzeit aus, gestand auch ganz offen,
daß er nicht nur über die zu erwerbende Maschinenfabrik, sondern
auch über Rathenau selbst vorher Erkundigungen einziehen müsse.
Einige Tage nachher bat sich Valentin von Rathenau eine schriftliche
Erklärung aus, daß er ihn zum Sozius bei der Fabrik nehmen wolle. Den
jungen Ingenieur verstimmte diese Vorsicht ganz und gar nicht, sie
gefiel ihm sogar, und man vereinbarte weitere Besprechungen. Diese
fanden statt, und man wurde miteinander einig. Rathenau und Valentin
erwarben gemeinsam die Maschinenfabrik, und der Jugendbekanntschaft
folgte eine enge, fast zehnjährige Geschäftsgenossenschaft und bald
eine herzliche Freundschaft, die auch die geschäftliche Trennung
überdauerte, in manchen späteren gemeinsam geplanten, wenn auch nicht
ausgeführten Projekten ihren Ausdruck fand, und das ganze Privatleben
der beiden trefflich zueinander passenden Männer durchzog. Wenn man
den glaubhaften Schilderungen des in seinem Verhältnis zu Rathenau
selten bescheidenen Valentin folgt, so ist Emil Rathenau schon in der
damaligen gemeinsamen Tätigkeit der führende, aktive und bestimmende
Teil gewesen, während Valentin sich anpaßte und bemüht war, die
Gedanken und Anregungen Rathenaus, so gut ihm das möglich war,
auszuführen. Daß auch Valentin kein gewöhnlicher Mensch gewesen ist,
zeigen die immerhin respektablen Erfolge in seiner späteren eigenen
Tätigkeit. In der Leitung der Maschinenfabrik Webers jedenfalls
vereinigten und ergänzten sich die beiden Charaktere auf das beste,
und es ist vielleicht nie wieder ein äußerlich Gleichgeordneter mit
Rathenau, der im Verkehr mit Menschen als eigenwillig, rücksichtslos,
ja manchmal sogar als hart galt, so gut und glatt ausgekommen wie
Valentin. Dieser rühmt besonders die feine, taktvolle Art, mit der sein
damaliger Sozius bei gemeinsamen Verhandlungen und Beratungen jedes
Pochen auf seine Überlegenheit, jede besserwisserische Art vermied.
„Ja sogar, wenn man Aufklärung, Belehrung bei ihm suchte, hatte man am
Ende den Eindruck, als ob Rathenau, der klar und mit ausgeprägtem Sinn
für das Wesentliche auseinanderzusetzen und zu antworten verstand, als
der Gewinnende, Belehrte und Dankbare aus der Unterhaltung schied.“
-- Ungefähr zu derselben Zeit, als die Maschinenfabrik M. Webers in
den Besitz der beiden Freunde überging, heiratete Rathenau Mathilde
Nachmann, die Tochter eines angesehenen und wohlhabenden Bankiers, und
die Mitgift, die er erhielt, bildete zum Teil die finanzielle Einlage,
die er in die Sozietät mit einbrachte. Mathilde war Emil Rathenau sein
ganzes Leben hindurch eine treue und kluge Lebensgefährtin, die in den
jungen Jahren der ersten kaufmännischen Tätigkeit an den Plänen und
Arbeiten ihres Mannes ihren beratenden Anteil nahm und ihm später in
den Jahren des beschäftigungslosen, manchmal unbefriedigten Suchens
stützend und anspornend zur Seite stand. Als dann das Lebenswerk
Rathenaus auf fester Grundlage errichtet war, die Tätigkeit wuchs, sich
verzweigte und die Tages-, manchmal auch die Nachtstunden des Mannes in
immer zunehmenden Umfange fortnahm, lernte sie sich bescheiden, gerade
weil sie verstand, daß große Männer mehr ihrem Werke als sich und ihren
Nächsten gehören. Sie konnte sich auch bescheiden, weil sie der Liebe
ihres Mannes, +des+ Teils seines Denkens und Fühlens, der dem
Menschen und Privatmann verblieb, stets sicher war und stets sicher
sein durfte. So wenig Emil Rathenau für seine Familie im weiteren Sinne
übrig hatte, so innig war er mit seiner engsten Familie verwachsen, so
selbstverständlich fest war sein Familienzusammengehörigkeitsgefühl mit
seinen nächsten Angehörigen. Unzertrennbar wie er den Eltern, besonders
der Mutter anhing, fühlte er sich auch Frau und Kindern verbunden.
Dieses Bewußtsein linderte auch in den späteren Jahren die Klage der
Lebensgefährtin, daß sie von ihrem Manne so wenig hätte, und „es kaum
so viele Romane gäbe, wie sie in ihren einsamen Stunden lesen müßte.“
Daß an eine ins Einzelne gehende Teilnahme der Gattin an der Arbeit des
Gatten in späteren Jahren in der Rathenauschen Ehe gar nicht mehr zu
denken war, erscheint bei der Größe, dem Umfange und der Vielseitigkeit
dieser Arbeit nicht verwunderlich. Auch die aktiengesellschaftliche
Form und die strenge Scheidung, die Rathenau -- wie wir noch später
sehen werden -- zwischen seinen eigenen Vermögensinteressen und denen
der Aktiengesellschaft stets wahrte, ließ eine enge Fühlungnahme
der Gattin mit den Geschäften des Gatten, zu der Mathilde Rathenau
an sich durchaus fähig gewesen wäre, nicht entstehen. Wie weit ihre
Geschäftsfremdheit in späteren Jahren gegangen ist, zeigt ein Vorfall,
den mir Rathenau einmal persönlich erzählt hat. Die A. E. G. hatte
seit einiger Zeit die Herstellung der lichtstarken und stromsparenden
Metallfadenlampen aufgenommen und dafür eine große geschäftliche
Propaganda entfaltet. In seiner eigenen Wohnung am Schiffbauerdamm
brannten aber noch ganz gemütlich die altmodischen Kohlenfadenlampen,
bis eines Abends Frau Mathilde einmal den Gatten fragte: „Sag mal,
Emil, Ihr macht doch jetzt in den Zeitungen so viel für eine neue
Lampe Reklame. Können wir die nicht auch bei uns einführen?“ -- Dieser
Vorfall, der zugleich für die völlige Gleichgültigkeit kennzeichnend
ist, mit der Emil Rathenau immer nur das Allgemeine, nie das Spezielle
sehend, sein Privatleben wenigstens in äußeren Dingen behandelte, kann
gegen den tiefen inneren Ernst, mit dem Rathenau die Ehe -- allerdings
weitab von jeder modernen Emanzipation -- ansah und behandelte, nicht
das geringste besagen. Frau Mathilde wird diesen Vorfall wahrscheinlich
ebenso von der gemütlichen, humoristischen Seite genommen haben, wie
die harmlose Galanterie, die ihr Mann, besonders auf Reisen -- und zwar
je älter er wurde, umso mehr -- jungen oder klugen Damen, mit denen
er gern und gut plauderte, entgegengebracht hat. Wußte sie doch, daß
dabei keine Spur von Erotik, sondern nur angeborene Ritterlichkeit
dem weiblichen Geschlechte gegenüber mitspielte, die diesem innerlich
keuschen, jeder groben Sinnlichkeit abholden Manne stets eigen war,
eine Ritterlichkeit, die er der Gattin selbst stets entgegengebracht
hatte.
Aber kehren wir wieder zu dem jungen Rathenau und seiner
Maschinenfabrik zurück. Kurz nach ihm hatte auch der Sozius Valentin
geheiratet, und die beiden Familien wohnten nun in dem der Fabrik
vorgelagerten Wohnhause in der Chausseestraße, einträchtig beisammen.
Abends nach getaner Arbeit zogen die beiden Ehepaare nicht selten
gemeinsam in das Stadtinnere, nach der Friedrichstadt, wo es damals
noch an jeder Kanalisation fehlte und die Abwässer in offenen
Rinnsteinen, an den Straßenübergängen nur von Bohlen überdeckt, sich
ihren Weg suchten, an warmen Sommerabenden einen wenig angenehmen Duft
verbreitend. Die baulichen und hygienischen Verhältnisse ließen auch
in der Zeit, als Berlin schon Reichshauptstadt geworden war, noch
viel zu wünschen übrig. Die Einführung der Gasbeleuchtung hatte die
wenig fortgeschrittene Kommunalverwaltung zunächst einer englischen
Gesellschaft überlassen, die Gründung des ersten öffentlichen
Schlachthofes und der ersten Markthalle durch Strousberg betrachtete
man mit Mißtrauen und suchte ihr, statt sie zu unterstützen, allerlei
kleinliche Hindernisse in den Weg zu legen. Rathenau, der ja die damals
viel besseren Verhältnisse in englischen Großstädten kannte, empfand
die Rückständigkeit der Vaterstadt schmerzlich, und auf den gemeinsamen
Abendspaziergängen entwarf er, dessen Hirn stets voll von Plänen
steckte und dem besonders beim Sprechen die Projekte nur so zudrängten,
nicht selten kühne und großzügige Modernisierungsvorschläge.
Die Tätigkeit Rathenaus in der Maschinenfabrik M. Webers dauerte fast
10 Jahre. Als die beiden Freunde die Leitung übernahmen, verstanden sie
von dem Fabrikbetriebe, wie Rathenau selbst zugab, wenig oder nichts.
Der alte Webers hatte einen Buchhalter hinterlassen, der Valentin
in die Mysterien der einfachen kaufmännischen Tätigkeit einweihte.
Rathenau glaubte eine ähnliche Stütze in dem Ingenieur zu finden, der
den technischen Arbeiten in Bureau und Werkstatt vorgestanden hatte.
Dieser Mann, verstimmt darüber, daß sein früherer Chef das Anwesen
verkauft hatte, ohne ihn zu fragen, ob er selbst darauf reflektiere,
zog sich aus dem Geschäft zurück, um eine eigene Fabrik zu begründen
und Emil Rathenau war somit allein auf sich selbst angewiesen. Der
wichtigste Gegenstand bei seinem Eintritt war die Herstellung des
Schiffes für Meyerbeers Oper „Die Afrikanerin“, die von dem Königlichen
Opernhaus damals vorbereitet wurde. Rathenaus Interesse für derartige
Theaterarbeiten war gering. Weder die Bühne noch die Balletteusen,
für deren Gruppendarstellungen er schmiedeeiserne Konstruktionen
auszuführen hatte, übten eine Anziehungskraft auf ihn aus. Zu dem
Programm des Unternehmens gehörten, wie wir schon gesehen haben, außer
Dampfmaschinen von nicht erheblicher Größe, Apparate für Gasanstalten
und Wasserwerke, wie sie in den beschränkten Werkstätten und mit den
vorhandenen einfachen Hilfsmaschinen ausgeführt werden konnten. Auch
Schieber von den kleinsten bis zu den größten Abmessungen bildeten eine
lohnende Spezialität. Über die technischen Zustände, die Rathenau in
der Fabrik vorfand, und über die Versuche, sie auf eine höhere Stufe zu
heben, lassen wir ihn am besten wieder selbst berichten:
„Während Aufträge auf gewisse Gegenstände ohne Mühe und regelmäßig
einliefen und die listenmäßigen Preise ohne Feilschen erzielten,
schwankten die Bestellungen auf Dampfmaschinen, und diese Schwankungen
erschwerten den geordneten Werkstattbetrieb. Brauchbare und
leistungsfähige Arbeiter lassen sich nur erziehen, wenn sie die
Überzeugung gewinnen, daß ihre Beschäftigung eine dauernde ist und
das Unternehmen im Aufblühen sich befindet, denn mit dem Wachsen der
Bestellungen nimmt auch ihr Verdienst zu. Der Bau von Dampfmaschinen
nach Preislisten, wie viele amerikanische Fabriken ihn später
aufgenommen haben, lag zuerst in meiner Absicht, aber ich sah bald, daß
jeder Kunde neue Wünsche äußerte und die von mir festgelegten Typen
diesen nicht entsprachen. Lag die fertige Maschine rechts, wünschte
man das Spiegelbild, war das Schwungrad als Riemscheibe ausgebildet,
forderte man besondere Scheiben, befand sich die Kondensation hinter
dem Dampfzylinder, legte man Wert auf den Antrieb der Luftpumpe von
der Kurbel usw. Unter solchen Umständen beschloß ich eine neue Type
zu schaffen, in der Hoffnung, daß mit derselben die Kritik aufhören
würde, und in dieser Erwartung habe ich mich nicht getäuscht, denn
viele hundert Maschinen von 1 PS bis zu ansehnlichen Leistungen wurden
ohne Änderungen der Modelle ausgeführt und verkauft; freilich sorgte
ich stets, daß sie auf der Höhe der Technik verblieben. Diese Maschinen
nannte ich zum Unterschiede von Lokomobilen auf Rädern transportable
Dampfmaschinen. Sie bildeten ein in sich abgeschlossenes Ganze. Die
vertikale Maschine war mit ihrer Grundplatte an dem sauber gearbeiteten
stehenden Dampfkessel befestigt; die einfache Feuerbüchse erhielt
durch herabhängende (Fieldsche) Röhren genügende Heizfläche, und die
aufsteigenden Rauchgase wurden durch eine mit feuerfestem Material
bekleidete Eisenwand abwärts und dann in den Schornstein geführt.
Die Montage der Maschinen nahm geringe Zeit in Anspruch, sie konnten
in tadelloser Ausführung fast immer sogleich vom Lager oder aus
den Werkstätten geliefert werden, hatten einen ganz befriedigenden
ökonomischen Effekt und so viele Vorzüge vor stationären Maschinen
mit schwerfälligen Kesselanlagen, Einmauerungen, Schornsteinen usw.,
daß die Firma sich bald eines Rufes erfreute und die Fabrikate über
die ganze Welt absetzte. Weitere Spezialfabrikationen bauten sich auf
direkt gesteuerten Dampfpumpen auf, die die Schwungradpumpen allmählich
ersetzten, auf Zentrifugalpumpen, darunter solche für Hochdruck und
direkten Dampfmaschinenantrieb, auf Ejektoren für Kondensationszwecke
und dergleichen, während Dampfmaschinen und Dampfkessel in allen
Größen, wie sie damals üblich waren, auf besondere Bestellung gebaut
wurden. Es muß hier bemerkt werden, daß der schöne Garten modernen
Werkstätten für Kessel- und Maschinenbau inzwischen Platz gemacht und
Umsatz sowie Arbeiterzahl mit jedem Jahre sich vermehrt hatten. Außer
den laufenden Bestellungen betätigten wir uns in Konstruktionen für
das Heer und die Marine.
Die Firma Siemens & Halske hatte uns den Auftrag zur Herstellung einer
10 PS transportablen Dampfmaschine erteilt, die auf Rädern dergestalt
hergestellt war, daß Dampfkessel und Maschinen auf der Hinterachse,
Dynamo- und Erregermaschine auf einem leichten schmiedeeisernen
Gestell ruhten. Der Betrieb erfolgte mittels Riemen. Die Versuche mit
Scheinwerfern wurden entweder auf dem Tegeler Schießplatze oder der
damals unbebauten Genthinerstraße, wo die Bureaus des Ingenieurkomitees
sich befanden, wie ich meine, mit befriedigendem Erfolge ausgeführt.
An ersterer Stelle hatten wir bereits größere Leistungen aufgewiesen.
Unter Leitung eines sehr befähigten, damals als Hauptmann fungierenden
Offiziers hatten wir einen drehbaren Panzerturm für zwei 50
cm-Geschütze erbaut; die Panzerplatten waren so schwer, wie sie die
englische Firma damals walzen konnte, umgaben aber hauptsächlich
+den+ Teil des Turmes, in dem die Minimalscharten sich befanden,
während der übrige Teil des Ringes aus sehr starken Flächen und die
gewölbte Kalotte aus einer Doppellage von diesen gebildet wurde. Die
Drehung des solid und genial konstruierten Turmes erfolgte durch das
Gewicht von Artilleristen mittelst Hebel und Tritte vorwärts und
rückwärts in mäßigem Tempo. Fast eine Kunst war die Auswechslung der
schweren und langen Geschützröhren in dem niedrigen Turm; ohne Kräne
und Winden mußte sie in wenigen Stunden erfolgen. Diese Röhren wurden
in Eisenblechlafetten durch zwei voneinander unabhängige Vorrichtungen
so bewegt, daß der ideelle Drehpunkt in der Schießscharte verblieb und
diese auf ein Minimum reduziert werden konnte.
Die Mannschaft wurde allmählich mit den Manipulationen so vollkommen
vertraut, daß es eine Freude war, die schwierigen Exerzitien zu
beobachten. Welche Einfachheit der Übungen im Vergleich zu den
heutigen Manövern, bei welchen alle Neuerungen der modernen Technik
zur Anwendung gebracht sind! Über die zahlreichen Feldbefestigungen,
die wir ausführten, gehe ich hinweg zu dem Barackenlager, das in Tegel
errichtet, vorher aber in einem Exemplar in unserer Fabrik aufgestellt
wurde. Gebogene I-Eisen, durch einen Ring zu einer Kuppel vereinigt und
mit einem halben Stein ausgewölbt, bildeten hohe, luftige Wohnräume
für etwa je 16 Mann; kleinere Baracken waren für Offiziere, Küchen,
Latrinen usw. bestimmt. Bei Ausbruch des französischen Krieges hatte
das für eine Kompagnie in Tegel bestimmte Lager die Aufmerksamkeit
auf sich gelenkt, und der damalige Direktor der Charité Esse, Virchow
und andere Zelebritäten bestürmten uns, zwei solcher Baracken, für
die das Material noch vorhanden war, in dem Königin Augusta-Hospital
zu errichten. Acht Damen, darunter meine Frau, übernahmen die Pflege
der Verwundeten, deren Lob und Dank sie erwarben. Die hohe Protektorin
wünschte mir als Urheber des zeitgemäßen Gedankens und seiner
Verwirklichung ihre Anerkennung persönlich auszusprechen, aber die
Auszeichnungen, die meine Frau erfuhr, schienen mir eine ausreichende
Belohnung für die zur Befriedigung meiner patriotischen Gesinnung
bewirkte Leistung.