Mit dem Zeugnis für Unterprima verließ Rathenau schließlich

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung

und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend

korrigiert. Fremdsprachliche Ausdrücke können in verschiedenen

Variationen auftreten. Diese wurden nicht korrigiert, wenn sie im

Text mehrmals auftreten. Auch andere inkonsistente Schreibweisen,

einschließlich Personennamen (z.B. ‚Sigismund/Sigmund Schuckert‘)

wurden nicht vereinheitlicht.

Der Übertrag (‚Transport‘) der Tabelle ‚Gewinn- und Verlust-Conto‘

zu Beginn der Seite 122 wurde vom Bearbeiter entfernt.

Die von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden

in der vorliegenden Fassung mit den nachfolgenden Sonderzeichen

gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

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[Illustration:

Akademische Verlagsgesellschaft m. b. H. Leipzig.

Nach einem Bilde von Prof. Max Liebermann.

Dr. Emil Rathenau]

Grosse Männer

Studien zur Biologie des Genies

Herausgegeben von

Wilhelm Ostwald

Sechster Band

Emil Rathenau

und

das elektrische Zeitalter

Von

Felix Pinner

Leipzig

Akademische Verlagsgesellschaft m. b. H.

1918

Emil Rathenau

und

das elektrische Zeitalter

Von

Felix Pinner

Mit einer Heliogravüre

[Illustration]

Leipzig

Akademische Verlagsgesellschaft m. b. H.

1918

[Illustration]

Copyright 1918

by Akademische Verlagsgesellschaft m. b. H.

in Leipzig

Druck von +Paul Dünnhaupt+, Cöthen i. A.

Vorwort

Als die „Akademische Verlagsgesellschaft“ an mich die Aufforderung

richtete, eine Lebensgeschichte Emil Rathenaus zu schreiben, habe

ich diesen Vorschlag mit Freuden angenommen. Gab er mir doch die

Möglichkeit, das Bild einer großen, und in jedem Zuge ihres Wesens

reizvollen Persönlichkeit aus dem Hintergrund ihrer Zeitgeschichte

heraustreten zu lassen und den wechselseitigen Einfluß von

Persönlichkeit und Organisation, der für die großen Kaufleute der

letzten Epoche deutscher Wirtschaft typisch gewesen ist, an einem

großen, wohl dem größten Beispiel darzustellen. Gerade dieses Bild und

dieses Leben wird zeigen, wie falsch es ist, wenn man die Kraft und

das Wesen der deutschen Industriewirtschaft -- was ja heute häufig in

der Kritik des Auslandes +und+ leider auch des Inlands geschieht

-- ganz allein aus dem Organisatorischen ableitet und ihnen damit

den Charakter einer unpersönlichen, zwar durchschnittlich starken,

aber doch höchster Einzelleistungen nicht fähigen Kultur aufprägen

will. Emil Rathenau, und nicht nur er allein -- neben dem mindestens

ein halbes Dutzend ähnlicher Kopfe über einen gehobenen Durchschnitt

in Geniehöhen hinausragt -- beweist, daß Persönlichkeiten in dem

Deutschland der Organisation und des „Militarismus“ durchaus nicht

zu verkümmern brauchten. Wo sind im Bereiche des viel gepriesenen

englischen Individualismus während der letzten Jahrzehnte die

Erscheinungen gewesen, die einen Vergleich mit Emil Rathenau, Albert

Ballin, Georg v. Siemens, August Thyssen, Emil Kirdorf, Guido v.

Donnersmarck aufnehmen konnten? -- Gewiß mag das Mittelmaß an

Persönlichkeitswerten, der Mensch, Bürger und Kaufmann mittlerer

Größe in England und in anderen Ländern freier gelebt, geschaffen,

über seine Zeit und Arbeit verfügt haben als in Deutschland, aber

die +große+ Persönlichkeit konnte sich in Deutschland so stark

und frei ausleben wie nirgend wo anders. Allerdings haben sich alle

diese deutschen Schöpfernaturen den Gesetzen, die sie zuerst kraft

ihrer Eigenart und Überlegenheit aufgestellt haben, später freiwillig

unterworfen gemäß dem klugen Spruch des Wagnerschen Hans Sachs, der das

Wesen jeder schöpferischen Meisterschaft darin sieht, die Regeln zuerst

aufzustellen und ihnen dann zu folgen. Daraus und nicht aus dem Mosaik

des Zusammenwirkens vieler, zu großen höchstpersönlichen Leistungen

unfähiger Mittelmäßigkeiten sind die deutschen Organisationen

entstanden, die sich in ihrer Wirkung als so stark und unüberwindlich

erwiesen haben.

Das Bild der Persönlichkeit Emil Rathenaus, das ich in diesem Buche

zeichnen möchte, soll sozusagen in einem +doppelten Rahmen+

gefaßt sein. Der engere stellt die +Geschichte der A. E. G.+ dar,

der weitere die +allgemeine deutsche Wirtschaftsentwicklung+,

wie sie sich in jenem Zeitalter gestaltet hat, von dem Emil Rathenau

so viel empfing, dem er aber auch nicht weniger zurückgab. Eine

solche Darstellung bald nach dem Tode eines Mannes nicht als Skizze,

sondern als sorgfältig ausgeführtes Bild zu versuchen, hat seine

Schwierigkeiten, aber auch seine Vorteile. Die Nähe noch frischer oder

halbfrischer Geschehnisse mag dem Urteil die Distanz erschweren und

auch der Sammlung des vollständigen Materials in mancher Beziehung

hinderlich sein, da mit Rücksicht auf den soeben Gestorbenen und noch

Lebende sich manche Quellen vorerst nicht öffnen werden. Bei einem

volkswirtschaftlich zu Wertenden ist der Nachteil, der aus solcher

Zurückhaltung erwachsen könnte, allerdings nicht so groß wie bei einem

Künstler oder selbst einem Politiker. Das Privat- und Intimmenschliche,

auf das sie sich erstrecken könnte, spielt bei der zutreffenden

Schilderung einer wirtschaftlichen Persönlichkeit, wenngleich es

durchaus nicht ohne Wichtigkeit ist, doch nicht die gleiche Rolle wie

bei einem Dichter oder Musiker. Die Geschäftsgeheimnisse hinwiederum

brauchen vor dem rückschauenden Auge nicht so sorgsam und so lange

gehütet zu werden wie manche politischen Geheimnisse (meist nicht

der großen, sondern der kleinen Art). Denn das Geschäftsgeheimnis

verliert seinen diskreten Charakter in dem Augenblick, in dem das

Geschäft oder die Geschäftsreihe, deren Teil es ist, seinen Abschluß

erreicht hat. Bei Emil Rathenau im besonderen liegt der Fall für den

Geschichtsschreiber so, daß ein wirklich bedeutendes Schriftenmaterial

+innerer+ Art gar nicht vorhanden ist. Es könnte im wesentlichen

nur in Briefen bestehen, und ein Briefschreiber war Rathenau im

Gegensatz zu Werner v. Siemens, dessen interessanten Briefwechsel

kürzlich Conrad Matschoß veröffentlicht hat, ganz und gar nicht.

Persönlichkeit, Zeit, Arbeits- und Ruhensart Rathenaus widerstrebten

der Beschaulichkeit, auf deren Boden ein Bedürfnis zum Briefschreiben

und die Kunst des Briefschreibens erwachsen können. Die Privatbriefe,

die Rathenau mit seinen Angehörigen und Freunden wechselte, sind rein

familiär und meist knapp gehalten, ohne besondere stilistische und

menschliche Eigenart und bekunden höchstens -- was wir auch ohnedies

wissen -- daß Rathenau ein guter Sohn, Gatte und Vater gewesen ist. Mit

Berufs- und Geschäftsfreunden korrespondierte Rathenau nur selten in

persönlicher Weise, wichtige Auseinandersetzungen wurden meist mündlich

erledigt. Viel bessere Proben seines fachlichen Stils als Briefe bieten

die Geschäftsberichte der A. E. G., an deren Abfassung sich Rathenau

-- in Gemeinschaft mit seinem Sohn Walther -- bestimmend zu beteiligen

pflegte, ferner Denkschriften, Reden, von denen ich einige besonders

kennzeichnende ganz oder auszugsweise wiedergebe.

Im ganzen war das dokumentarische Material, das einer Bearbeitung

unterzogen werden mußte, trotzalledem außerordentlich umfangreich.

Die Geschäftsberichte nicht nur der A. E. G. selbst, sondern der

wichtigeren Tochter- und Konkurrenzgesellschaften, die sehr zerstreuten

Zeitungsberichte über Generalversammlungen und sonstige Vorgänge bei

dem Konzern, Verträge, Denkschriften und Vorlagen der verschiedensten

Art mußten durchgearbeitet werden. Diese Vorbereitung war nicht

ganz einfach, weil die A. E. G. wie die meisten und leider auch die

allergrößten unserer gewerblichen Unternehmungen keine systematischen,

nach volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten geführten Archive besitzt,

sondern sich mit der -- lediglich für geschäftliche Bedürfnisse

hinreichenden -- Registratur begnügt, in die ja wohl Geschäftsdokumente

zunächst auch gehören, aus der aber wenigstens die wichtigeren nach

Ablauf einer gewissen Frist in Archive überführt werden sollten.

Die ganzen Registraturen zu durchforschen ist naturgemäß für den

volkswirtschaftlichen Schriftsteller ebenso undurchführbar und

unlohnend, wie es den Geschäftsunternehmungen nicht zugemutet werden

könnte, eine solche Durchforschung zu gestatten. So blieb nichts übrig,

als jeweils solche Dokumente zu erbitten, deren Studium sich mir im

Laufe meiner Arbeit als notwendig oder wünschenswert erwiesen hatte,

ein Verfahren, das natürlich bei aller erzielten Reichhaltigkeit

+absolute+ Vollständigkeit des Materials nicht zu gewährleisten

vermag.

Gerade bei einer solchen Verfassung der dokumentarischen Verhältnisse

bietet die +schnelle+ Inangriffnahme einer biographischen

Bearbeitung eher Vorteile als Nachteile. Denn mit der fortschreitenden

Zeit werden diese Verhältnisse nicht besser, sondern schlechter.

Die Registraturen entrücken immer mehr der Zugänglichkeit, die sich

ständig häufende Fülle des Nebensächlichen erdrückt das Wesentliche,

-- und vor allem die Personen, die heute noch durch ihre Kenntnis der

zurückliegenden Vorgänge, durch ihre lebendige Erinnerung den Schlüssel

zu den toten Akten in den Händen haben, verschwinden allmählich aus

dem Betrieb und aus dem Leben. Die neueren Leiter haben aber an die

Gegenwart zu denken, nicht an die Vergangenheit.

Gerade aber die Erinnerung Mitlebender ist eine schätzenswerte und

unersetzbare Quelle für die Nachschaffung wirtschaftlicher Vorgänge.

Ich konnte sie erfreulicherweise reich zum Fließen bringen, und wenn

auch in manchen Einzelzügen die Schilderung, mehr noch das Urteil der

noch lebenden Mitarbeiter und Freunde Emil Rathenaus auseinanderging,

so haben gerade diese Darstellungen, verbunden mit meiner eigenen

persönlichen Kenntnis des Menschen Rathenau mir eine plastische

Vorstellung von diesem gegeben, die keine Distanz des späteren

Biographen ersetzen könnte.

Gedenken möchte ich noch der zahlreichen, wenn auch nicht immer ebenso

reichen Literatur, die bereits vor meiner Arbeit über Emil Rathenau und

die A. E. G. vorlag. Für die ersten Abschnitte, etwa bis zur Befreiung

von den Fesseln der Verträge mit Siemens & Halske, vermochte sie mir

manche wertvolle Hilfe zu leisten. Für die Darstellung der Reifezeit

und der Zeit der Reife, wie auch besonders für die Schilderung der

wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenhänge bin ich im wesentlichen

auf mich selbst angewiesen gewesen.

+Berlin-Friedenau+, im Jahre 1917.

Dr. Felix Pinner.

Litteratur

Arthur Wilke, Die Berliner Elektrizitätswerke. Berlin 1890. F. A.

Günther & Sohn.

Dr. Hermann Hasse, Die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft und

ihre wirtschaftliche Bedeutung. Heidelberg 1902. Karl Winter.

Dr. Emil Kreller, Die Entwicklung der deutschen elektrotechnischen

Industrie. Leipzig 1903. Dunker & Humblot.

Dr. Friedrich Fasolt, Die sieben größten deutschen

Elektrizitätsgesellschaften, ihre Entwickelung und

Unternehmertätigkeit. Dresden 1904. O. V. Böhmert.

A. E. G. Zeitung, Festnummer 2. 10. 1908.

A. E. G. 1883-1908, herausgegeben von der Gesellschaft.

Conrad Matschoß, Die geschichtliche Entwickelung der Allgemeinen

Elektrizitäts-Gesellschaft in den ersten 25 Jahren ihres Bestehens.

Jahrbuch des Vereins Deutscher Ingenieure, 1909, 1. Bd. Julius

Springer, Berlin.

B. E. W. 1884-1909, herausgegeben von der Gesellschaft.

Dr. Felix Pinner, Emil Rathenau, „Der Kaufmann und das Leben“.

Beiblatt der Zeitschrift für Handelswissenschaft und Handelspraxis.

Leipzig, Februar 1913. Ernst Poeschel.

Artur Fürst, Emil Rathenau, der Mann und sein Werk. Vita, Deutsches

Verlagshaus. Berlin.

Gedenkblatt zum Todestage Emil Rathenaus. Berlin, Juni 1915.

Emil Schiff, Allgemeine Elektrizitäts Gesellschaft und Berliner

Elektrizitäts-Werke. Berlin 1915. Franz Siemenroth.

Conrad Matschoß, Geschichtliche Entwickelung der Berliner

Elektrizitäts-Werke von ihrer Begründung bis zur Übernahme durch

die Stadt. Jahrbuch des Vereins Deutscher Ingenieure. Berlin 1916.

A. Riedler, Emil Rathenau und das Werden der Großwirtschaft. Julius

Springer. Berlin 1916.

Werner v. Siemens, Lebenserinnerungen. 9. Auflage. Berlin 1912.

Julius Springer.

Francis Arth. Jones, Thomas Alva Edison. Sechzig Jahre aus dem

Leben eines Erfinders. Frankfurt a. M. Otto Brandner.

Dr. ing. Gustav Siegel, Der Staat und die Elektrizitätsversorgung.

Berlin 1915. Georg Stilke.

G. Klingenberg, Elektrische Großwirtschaft unter staatlicher

Mitwirkung. Berlin 1916.

Archiv der Handelszeitung des Berliner Tageblattes.

Archiv der Zeitschrift „Die Bank“, Herausgeber Alfred Lansburgh.

Berlin.

Inhaltsverzeichnis

Seite

Vorwort V

Litteratur X

Erstes Kapitel: Jugendjahre 1

Zweites Kapitel: Zwischenspiel 35

Drittes Kapitel: Wirtschaftliche Vorbedingungen 48

Viertes Kapitel: Technische Vorbedingungen 59

Fünftes Kapitel: Licht 80

Sechstes Kapitel: Die Deutsche Edison Gesellschaft 100

Siebentes Kapitel: Zentralstationen 129

Achtes Kapitel: A. E. G. 146

Neuntes Kapitel: Ausdehnung und Befreiung 155

Zehntes Kapitel: Das Finanz- und Trust-System 186

Elftes Kapitel: Krisis 223

Zwölftes Kapitel: Konzentration 251

Dreizehntes Kapitel: Weltwirtschaft 280

Vierzehntes Kapitel: Großkraftversorgung 317

Fünfzehntes Kapitel: Gemischt-wirtschaftliche Unternehmung 336

Sechzehntes Kapitel: Charakterbild 350

Erstes Kapitel

Jugendjahre

Emil Rathenau wurde am 11. Dezember 1838 in Berlin geboren. In der

Rede, die er am Vorabend seines 70. Geburtstages hielt, erzählte er,

nicht ohne beziehungsreichen Stolz:

„Als ich die Lebensreise antrat, gab es in unserer Vaterstadt ein

interessantes Erlebnis: Die Vollendung der ersten preußischen

Eisenbahn. Die Berliner sollen in hellen Haufen begeistert zum

Potsdamer Tor hinausgepilgert sein, um den Zug nach Steglitz abfahren

zu sehen. Viel zu langsam (nach heutigen Begriffen) bewegte er sich

vorwärts, ohne Schlaf- und ohne Speisewagen; und doch war die Eisenbahn

ein gewaltiger Fortschritt gegen die Postkutsche, in der mein Vater aus

der Uckermark als Jüngling, meine Mutter als Kind mit ihren Eltern aus

der Mark hierher übersiedelten.“

Rathenaus Großeltern väterlicherseits und namentlich mütterlicherseits

waren für die damalige Zeit wohlhabende Leute gewesen. Sein

Vater wurde früh Rentier und betätigte sich nur hier und da

in Gelegenheitsgeschäften. In der Mischung von geschäftigem

Unternehmungsdrang und schnellem Überdruß an einer seßhaften,

geordneten Geschäftlichkeit, die der ganzen Familie etwas eigen

gewesen zu sein scheint, die sich entschiedener in dem Lebensgang

seines ältesten und seines jüngsten Sohnes ausprägte und die eine

Zeitlang auch den mittleren und begabtesten Sohn Emil zu erfassen

drohte, scheint bei dem Vater die Abneigung gegen eine ausdauernde

Geschäftstätigkeit das überwiegende Element gewesen zu sein. Gewiß

nicht aus Unlust zur Arbeit, sondern zu einer Arbeit, die ihm nicht

zusagte, seinen Wünschen und Fähigkeiten nicht zu entsprechen

schien. Ein strenger, Fremden und Verwandten gegenüber nicht gerade

entgegenkommender Mann, dessen Denkungsweise aber rechtlich und redlich

war, so wird er von denen geschildert, die ihn gekannt haben. Sein

Anteil an der Erziehung seiner Kinder war offenbar nicht sehr positiv,

er hielt sie äußerlich streng, aber er verstand und versuchte es nicht,

auf ihre innere Bildung Einfluß zu gewinnen, und zu diesem Zwecke in

ihr Charakter- und Seelenleben einzudringen. Sie entwickelten sich,

im Guten wie im Schlechten, ohne ihn und trotz ihm, und da er kein

sehr hohes Alter erreichte (er starb im Jahre 1871), verwischte und

verfärbte sich die Einwirkung seiner Persönlichkeit in dem späteren

Leben der erwachsenen Söhne ziemlich schnell. Emil Rathenau hat in der

selbstbiographischen Skizze, die in seinem Nachlaß vorgefunden wurde,

das Verhältnis zu seinen Eltern mit ein paar kurzen und ziemlich kühlen

Worten geschildert:

„Mein Vater hat sich bald nach meiner Geburt vom Geschäft

zurückgezogen. Er war streng und gewissenhaft und führte eine korrekte

Ehe mit der klugen und geistreichen Mutter, die Ehrgeiz besaß und

Eleganz in ihrer Erscheinung bis an ihr spätes Lebensalter zu bewahren,

die Schwäche hatte. Für die Erziehung der drei Söhne scheuten die

Eltern keine Kosten, aber sie überließen die Sorge hierfür der Schule

und Privatlehrern, weil das gesellige und gesellschaftliche Leben ihnen

die Muße nicht ließ, den wilden Knaben die erforderliche Aufmerksamkeit

zu widmen.“

Auch der Mutter werden in dieser sachlich-knappen Darstellung keine

Worte innerer Beziehung gewidmet und es mag richtig sein, daß auch sie

trotz unleugbarer geistiger Begabungen und Interessen keine eigentliche

Menschenerzieherin im innerlichen Sinne des Wortes gewesen ist. Dennoch

wirkten der mütterliche Einfluß und das Gefühl für die Mutter in

dem Leben der Kinder ganz anders nachhaltig wie die Beziehungen zum

Vater fort. Hier war nicht nur Respekt, hier war Liebe und herzliche

Zuneigung auf beiden Seiten, und wie sehr auch Entwicklung und

Veranlagung die Söhne später auseinander führten, ja entfremdeten,

der Mutter hingen sie alle treu an, und namentlich Emil Rathenau ließ

-- auch in den Zeiten, in denen seine Tage nicht mehr die Fülle der

Arbeit fassen wollten -- kaum einen Sonntag vergehen, an dem er die

Frau, die in seltenem und klugem Greisenalter den stolzen Aufstieg

des Sohnes erleben, seinen Stern noch im Zenith sehen durfte, nicht

zu einem Plauderstündchen besuchte. Den Kindern gegenüber hatte sie

jene Herzensfreundlichkeit besessen, die die Grundlage jedes wirklich

schönen Verhältnisses zwischen Eltern und Kindern ist und die bei

tüchtigen und guten Kindern auch einmal einen bewußten Erziehungsplan

ersetzen kann.

Emil Rathenau besuchte, wie seine Brüder, zunächst die alte Berliner

Knabenschule von Marggraf in der Sophienstraße, wo die Vorschüler in

ziemlich patriarchalischer Weise auf das Gymnasium vorbereitet wurden.

Die Privatanstalt verließ Emil Rathenau nach einiger Zeit mit seinem

älteren Bruder, der das nach Ansicht des Schulvorstehers unverzeihliche

Vergehen begangen hatte, den Unterricht durch Knallerbsen zu stören.

Im Jahre 1849 kam er auf das Gymnasium zum grauen Kloster, das damals

von dem älteren Professor Bellermann geleitet wurde. Wie so viele,

die später im praktischen Leben bedeutende Männer geworden sind,

war Emil Rathenau kein Musterschüler, und den meisten Fächern, die

auf dem humanistischen Gymnasium gelehrt wurden, vermochte er nicht

viel Interesse abzugewinnen. Immerhin hielt er sich auf leidlichem

Niveau. Die Selbstkritik seiner Leistungen auf dem Gymnasium hat er

in die Worte zusammengefaßt: „An Begabung fehlte es mir weniger als

an häuslichem Fleiß.“ Die interessanten und aufregenden Begebnisse

politischer Art, die in die ersten Schuljahre Rathenaus fielen,

lenkten naturgemäß seine und seiner Mitschüler Aufmerksamkeit von

den Schuldingen ab, so sehr auch die Eltern und Lehrer die Jugend

durch Vorhaltungen und Strafen ihrer Wirkungssphäre zu entrücken

versuchten. Die Ereignisse des Jahres 1848 hat Rathenau meist auf

der Straße miterlebt. Die ausführliche Schilderung, die er in seinen

Aufzeichnungen von ihnen gibt, läßt erkennen, daß der Eindruck auf ihn

und die damalige Schuljugend ein starker war, aber ebenso auch, daß

dieser Eindruck ganz im Sensationellen, Straßenjungen-Romantischen

wurzelte und ihm kaum eine Ahnung der politischen Hintergründe

beigemischt war. „Es war eine lustige Zeit für die Jungen, da die

neuerrungene Freiheit sich häufig auch auf den Schulunterricht

erstreckte und Eltern und Lehrer im Ernst der Zeit den strengen

Gehorsam nicht als das oberste Gesetz mehr zu betrachten schienen.“ --

Einen ernsten und tiefen Eindruck machte wohl nur die Überführung der

Märzgefallenen nach dem Friedrichshain. Hier traf die Wucht und Tragik

der Ereignisse auch die Kinderseele. „Unvergeßlich“ nannte Rathenau

diese Stunde.

„Wir beobachteten das Schauspiel von den Fenstern eines kleinen Hauses

am Schloßplatz, das jetzt dem Neubau des Marstalls zum Opfer gefallen

ist; es gehörte der Firma Krüger & Peterson, deren Tabakgeschäft durch

den Verkauf von Hyazinthenzwiebeln in Berlin bekannt geworden war. Der

Schloßplatz, die Kurfürstenbrücke, König- und Burgstraße waren dicht

gedrängt, alles schwarz; überall wehten Trauerfahnen von den Dächern

und an Fenstern, und auf Balkonen standen Männer und Frauen in tiefer

Trauer. Die nicht endenden Züge von offenen Särgen konnten sich nur

mühsam und langsam durch die enge Menschengasse gen Osten bewegen. Auf

den Balkonen des Schlosses und gegenüber standen entblößten Hauptes der

König und sein Gefolge über der Stelle, von der die Kartätschen ihren

Weg durch die Breitestraße zur d’Heureuseschen Konditorei genommen und

manche Erinnerung an die blutigen Ereignisse in Straßenbrunnen und

Häusern zurückgelassen hatten.“

Mit dem Zeugnis für Unterprima verließ Rathenau schließlich das

Gymnasium. Über seinen zukünftigen Beruf hatte er noch wenig

nachgedacht. Technische Neigungen hatten sich wohl gelegentlich

gemeldet, waren aber nicht so stark und bestimmend gewesen, daß die

technische Laufbahn sozusagen im festen Plan eines zielbewußten

Willens gelegen hätte. Die Entscheidung brachten vielmehr, wie so

häufig im Leben, Familienbeziehungen. Rathenau wurde Maschinenbauer

und lernte sein Handwerk von der Pike auf. „Da weder Terpsichore noch

andere Musen an meiner Wiege gestanden,“ erzählt er launig, „reiste

ich auch ohne ihr Geleit in die Lehre nach Schlesien.“ Dort besaßen

seine reichen Verwandten, die Liebermanns, industrielle Betriebe,

die für die damalige Zeit als sehr respektabel gelten konnten. Die

Wilhelmshütte, bei Sprottau, ein Eisenwerk mit Maschinenbauanstalt, das

seine Entstehung wie viele der damals noch karg gesäten industriellen

Unternehmungen des preußischen Landes Friedrich dem Großen verdankte,

später in Privatbesitz übergegangen war, aber erst in den Händen von

Rathenaus Großvater mütterlicherseits, Liebermann und dessen Söhnen

sich schnell einen gewissen industriellen Ruf erworben hatte, diente

Rathenau als Lehrstelle. Die Lehre war wie die väterliche Erziehung zu

Hause streng, und das verwandtschaftliche Verhältnis zu den Inhabern

der Fabrik schaffte dem jungen Maschinenbauer in der Arbeit keine

Erleichterung. „Proletarier in blauer Bluse und mit zerschundenen

Händen“ nannte er sich, als er in späteren Jahren auf diesen Abschnitt

seines Lebens zurückblickte. Das Herrensöhnchen durfte er -- zu seinem

eigenen Besten -- nicht spielen und der tüchtige Mestern, der den

technischen Betrieb ziemlich selbständig leitete, behandelte ihn wie

jeden beliebigen anderen Praktikanten auch. Der junge Rathenau, der

doch immerhin die Primareife besaß, niemals gering von sich dachte und

sich wohl damals schon zu Höherem berufen fühlte, mag manchmal unter

dem Joch geknirscht haben, und sich etwas inferior vorgekommen sein,

zumal wenn er den nicht nur äußerlich feinkultivierten Haushalt seiner

Verwandten als Kontrast zu seiner damaligen Lage betrachtete. Erblickte

der Lehrling im Arbeitskittel seine „vornehmen“ Kusinen von ferne, so

wich er einer Begegnung lieber aus und drückte sich, wenn es ging, um

eine naheliegende Ecke, tief beschämt, wenn er inne ward, daß sie ihn

doch gesehen und sich an seiner Verlegenheit geweidet hatten. -- Volle

4½ Jahre mußte er aushalten und er hielt aus. Von seiner Lehrzeit

hat Rathenau die folgende Schilderung gegeben:

„Das Werk hatte mein Großvater, ein hervorragender Industrieller

unserer Stadt, mit seinen Söhnen eben erworben. Es lag in hübscher

Gegend am Bober, besaß schöne Wohnhäuser und einen großen Park, und

prächtige Wälder in der näheren und weiteren Umgebung machten den

Aufenthalt angenehm.

Der Reichtum an Holzbeständen und Wiesenerzen, die die Verhüttung

lohnten, Wasserkräfte von mäßiger Stärke und sehr billige Arbeitslöhne

hatten im niederschlesischen Revier zur Errichtung von Hochöfen und

Walzwerken Anlaß gegeben, und namentlich erstere versorgten fast die

ganze Monarchie mit einfachem Guß und Poterien, die roh oder mit

einer schönen weißen Emaille auf den Markt kamen. In den Gießhütten

stellte sich bald das Bedürfnis nach Kupolöfen ein, um die Hallen

und Arbeitskräfte durch Herstellung von Maschinen- und Bauguß besser

zu verwerten. Die Wilhelmshütte hatte einen Hochofen von mäßigen

Dimensionen, dessen Gase ungenutzt in die Luft stiegen und die Gegend

mit hellen Flammen erleuchteten. Das Kolbengebläse wurde durch ein

mittelschlächtiges Wasserrad angetrieben, wie es Scharwerker jener

Zeit herstellten; bei der Konstruktion hatte man offenbar mehr auf

billige und solide Herstellung als auf hohen Nutzeffekt Wert gelegt.

Die Maschinenfabrik baute landwirtschaftliche Maschinen, meist

nach englischem Muster, Pumpen, Wasserstationen, Weichen, Radsätze

für Eisenbahnwagen, Apparate für Gasanstalten, Einrichtungen für

Brennereien und Mühlen jeder Art, daneben wurde all und jedes, was das

Publikum verlangte, auch wenn es in sehr losem Zusammenhang mit dem

Maschinenbau stand, hergestellt, zum Beispiel eiserne Bettstellen,

Turmuhren und dergleichen. Diese Vielseitigkeit wurde eingeschränkt,

als bald nach meinem Antritt A. Mestern die Leitung des Werkes

übernahm. Dieser begabte Techniker hatte sein gemeinsam mit Tischbein

in Magdeburg betriebenes Zivil-Ingenieur-Geschäft aufgegeben und war

auf Fr. Walz’ Empfehlung als Sozius in die Firma getreten. Er war

ein reiner Empiriker und hatte meines Wissens weder im praktischen

Betriebe noch auf Hochschulen Erfahrungen gesammelt, aber sein feines

Auge und Gefühl, sein Verständnis der kinematischen Vorgänge, sein

Talent in der Formgebung und Abmessung aller Konstruktionen ersetzten

diesen Mangel an Ausbildung. Mestern kannte die Dampfmaschine in

ihrer damaligen primitiven Ausführung, und wenn er nach einfachen

Formeln, wie sie in England gebräuchlich zu sein schienen, die

Hauptabmessungen festgestellt hatte, konstruierte er vertikale oder

Balanzier-Maschinen mit gotischem Gestell oder auf blanken Säulen

gelagerter Schwungradwelle. Viel Fleiß verwendete er auf Ausgestaltung

der Formen im Geschmack seiner Zeit, auf tadellose Bearbeitung von

unzähligen blanken Pfeilern; das Publikum der 50er Jahre des vorigen

Jahrhunderts liebte und bezahlte solche Erzeugnisse, legte aber wenig

Wert auf die ökonomische Wirkung, die es weder zu beurteilen noch zu

messen verstand. Obwohl Sachverständige die Bedeutung der Expansion des

Dampfes zu schätzen wußten, begnügten viele Konstrukteure sich mit der

unvollkommenen Wirkung nicht entlasteter Schieber und Drosselklappen,

und die Kunst im Bau dieser langsam laufenden Maschinen bestand zumeist

in der Bearbeitung der Einzelteile mit nichts weniger als vollendeten

Werkzeugen. Die schwachen Hobelmaschinen vibrierten schon bei winzigen

Spänen, und da genaue Flächen einer gründlichen Nacharbeit in jedem

Falle bedurften, begann man häufig sogleich mit der Handarbeit, um die

Zeit des Aufspannens zu ersparen.

Eine neue Ära des Maschinenbaues begann mit der Corliß-Dampfmaschine

nach amerikanischen Mustern. Ihr vorangegangen war eine Periode des

Maschinenbaues mit U-förmiger Grundplatte, deren Dampfzylinder und

Geradführung an dieser seitlich befestigt waren; das Schwungradlager

mit mehrteiliger Büchse lag so in derselben, daß die Kurbel gegen die

gedrehte Fläche lief; der hohle Raum der Grundplatte war mit einem

Holzdeckel geschlossen und diente als Schrank für Werkzeuge; auf der

Grundplatte stand der von einem Riemen angetriebene Regulator.

Die Konstruktion der Corliß-Maschine mit ihren getrennten Ein-

und Auslaßschiebern wurde in allen Größen und in einer Ausführung

hergestellt, die dem amerikanischen Original nicht nachstand;

sie führten sich durch das bestechende Äußere und die Ökonomie

des Dampfes rasch ein, trotzdem die Verkaufspreise den teuerern

Herstellungskosten entsprechend hohe waren. Für Reversier-Walzwerke

und Gebläsemaschinen wurde die Schiebersteuerung beibehalten, und

bei den Wasserhaltungsmaschinen für das Waldenburger Revier büßte

die Katarakt-Ventil-Steuerung ihre Bedeutung nicht ein. Als ich

die Wilhelmshütte nach 4½jähriger Tätigkeit verließ, war sie

eine Maschinenfabrik, die sich eines guten Rufes in den Kreisen der

Industrie erfreute und den besten Fabriken gleichwertig erachtet wurde.“

Die lange praktische Lehrzeit, die weit über das hinausging, was heute

ein akademisch gebildeter Ingenieur auf diesem Gebiete zu leisten hat,

gab Rathenau eine gründliche handwerkliche Kenntnis des Maschinenbaus,

für den er immer eine gefühlsmäßige Vorliebe behielt, mit auf den

Lebensweg.

Rathenaus Austritt aus der Wilhelmshütte wurde durch die Mobilmachung

der preußischen Armee aus Anlaß des italienischen Krieges

herbeigeführt. Er sollte beim 2. Garde-Regiment eintreten, als der

Friede von Villafranca geschlossen wurde. Damit wurde der Eintritt in

das Heer zunächst aufgeschoben, der junge Mann ging aber nicht wieder

zur Wilhelmshütte zurück, sondern entschloß sich, seiner technischen

Bildung zunächst eine wissenschaftliche Grundlage zu geben. Aus

der Erbschaft des Großvaters, die beim Kinderreichtum der Familie

allerdings in 15 Teile ging, fiel ihm eine an sich bescheidene, für ihn

aber damals nicht unbedeutende Summe von einigen tausend Talern zu.

Mit diesem Gelde ausgerüstet, über das er ganz frei verfügen konnte,

durfte Emil Rathenau, seinem längst gehegten Wunsch nach akademischer

Durchbildung nachgeben. Er bezog zunächst die polytechnische Schule

in Hannover. Da seine mathematischen Kenntnisse durch den Schulbesuch

auf dem „Grauen Kloster“ nur recht mangelhaft gefördert worden waren,

strebte er danach, sie durch Selbststudien zu ergänzen und hatte sich

tatsächlich in kurzer Zeit in die Differential- und Integral-Rechnung

so eingearbeitet, daß er den Vorlesungen, die allerdings keine großen

Vorkenntnisse der Mathematik voraussetzten, gut folgen konnte. Die

meisten Lehrer, so der Technologe Karmarsch, der Architekt Debo und

der Statiker Ritter verstanden es, mit einer geringen Menge von

Mathematik auszukommen, auch für das Studium des Maschinenbaus in

seiner damaligen Form war ein Zurückgehen auf mathematische Begriffe

nicht unbedingt erforderlich. Nicht lange konnte sich aber Rathenau in

Hannover seinen Studien ruhig hingeben. Ein Streit um die akademische

Freiheit sah Rathenau und einige preußische Kommilitonen unter den

Wortführern, was den Zorn der welfischen Lehrer gegen die preußischen

Studenten erregte. Nach Beendigung der Ferien ging Rathenau darum

nicht mehr nach Hannover zurück, sondern wandte sich nach Zürich, wo

Männer wie Zeuner, Reuleaux, Culmann und andere lehrten und in einem

fast kameradschaftlichen Verhältnis zu ihren Schülern standen. Die

Diplomprüfung bestand Rathenau, trotzdem die Zeit der schriftlichen

Arbeiten gerade in die feuchtfröhliche Feier des eidgenössischen

Schützenfestes fiel, mit der besten Nummer. Mit dem Diplom „eines

richtig gehenden Ingenieurs“ kehrte der junge Techniker nach Berlin

zurück. Der Wiedereintritt in die Wilhelmshütte stand ihm wohl offen,

aber er hatte die Empfindung, daß er mit seiner inzwischen erworbenen

wissenschaftlichen Methodik nicht mehr so recht unter die dortigen

Empiriker passen würde. Als einen großen Erfolg betrachteten er und

die Familie es, als er eine Anstellung in der Lokomotivfabrik von A.

Borsig erhielt, die damals von dem Sohn des Begründers geleitet wurde.

Zuerst wurde er im Zeichenbureau beschäftigt und hatte Arbeiten mehr

untergeordneter Art auszuführen. Bald wurde er aber unter die meist

älteren Konstrukteure versetzt und konnte sich unter der Leitung des

Oberingenieurs Flöhringer mit der Konstruktion von Gitterbrücken,

später unter der Leitung des Obermaschinenmeisters Stambke mit dem

Entwerfen von Lokomotiven beschäftigen. Sein Gehalt betrug 25 Taler

monatlich, womit er seine einfachen Bedürfnisse bestreiten konnte,

ohne die geldliche Hilfe der Eltern in Anspruch zu nehmen. Dagegen

speiste er Sonntags und an manchen Abenden der Woche im elterlichen

Haus in der Kronenstraße. Die Tätigkeit bei Borsig befriedigte den

jungen Ingenieur indessen nicht lange. Der Lokomotivbau wurde ziemlich

schematisch nach den Entwürfen der Maschinenmeister durchgeführt und

ließ den Konstrukteuren wenig Spielraum für die freie Entfaltung

eigener Gedanken. Dazu war auch die Fühlung mit der Praxis, die eine

solche Tätigkeit wenigstens vorausgesetzt hätte, sehr gering. Denn der

Besuch der Werkstätten wurde durch Meister und Werkführer, die ihre

Domäne namentlich den jungen Ingenieuren eifersüchtig verschlossen,

sehr erschwert. Befand man sich doch damals in einer Zeit, in der

die alte empirische Technik im Kampfe mit der neu aufkommenden

wissenschaftlichen Methode stand, die auf den technischen Schulen

herangebildet wurde und infolgedessen ihre Ideen etwas ungestüm und in

der Form vielleicht auch etwas überheblich in die Praxis hineinzutragen

suchte. Emil Rathenau war nicht der Mann, um seine frisch errungenen

wissenschaftlichen Erkenntnisse sich im praktischen Betriebe um des

leichten Fortkommens willen wieder langsam abzugewöhnen. Er hätte,

wenn er ein Durchschnittsmensch und ein Durchschnittstechniker gewesen

wäre, bei Borsig bleiben und allmählich eine wichtige Stellung,

wahrscheinlich sogar einen Ober-Ingenieurposten erringen können.

Aber Rathenau hat sich nie in seinem Leben mit mittelmäßigen Zielen

begnügt. Er besaß die fruchtbare Unzufriedenheit des nach Großen

strebenden Charakters, dem seine innere Entwickelung mehr wert war als

eine gesicherte Existenz. Als er Borsig von seinem Entschluß, bereits

nach ½jähriger Tätigkeit aus seinem Betriebe auszuscheiden und nach

+England+ zu gehen, benachrichtigte, schien der Chef einigermaßen

darüber befremdet, daß Rathenau sein Interesse und seine Absicht, ihn

bald in eine höhere Stellung aufrücken zu lassen, nicht mit größerem

Dank anerkannte. Neben dem Bestreben, sich fortzubilden und alles in

sich aufzunehmen, was die Technik damals in den fortgeschritteneren

Industrieländern an Gegenwartserfüllungen und Zukunftsmöglichkeiten

bieten konnte, war es wohl auch der Wandertrieb, der „Durst nach

weiter Welt“, die ihn bewogen, die aussichtsreiche Stellung in der

Heimat aufzugeben und sich in England, dem damals an der Spitze

schreitendem Lande der Technik und Wirtschaft, gründlich umzusehen.

Mit einem Empfehlungsbrief von Borsig an die große Maschinenfabrik von

John Penn in Greenwich und einem zweiten des Admiralrates Coupette

reiste Rathenau über den Kanal. Die Hoffnung einer Anstellung bei Penn

schien sich zunächst nicht zu verwirklichen und Rathenau war vorerst

darauf angewiesen, sich durch Annoncen im „Engineer“ eine Stellung

zu suchen. Ein persönlicher Besuch in der Villa John Penns führte

aber, ehe sich der junge Ingenieur zur Annahme eines Anerbietens

der landwirtschaftlichen Maschinen- und Lokomotivfabrik Marshall in

Gainsborough entschloß, doch noch zum Ziele einer Anstellung in der

großen Greenwicher Fabrik und er bekam die Stelle eines Draughtsman mit

30 sh. Wochenlohn. Lassen wir nun Rathenau wieder selbst erzählen, wie

sich seine Tätigkeit in verschiedenen englischen Fabriken gestaltete:

„Mein Vorgesetzter war ein liebenswürdiger Herr Lobb, der bald

nach meiner Anstellung zu dem Österreichischen Lloyd überging;

sein Nachfolger, Mr. Wright, war mir weniger sympathisch. Aber

dieses Vorurteil war ungerecht, denn gerade ihm verdanke ich meine

Heranziehung zu größeren Arbeiten. Ein Landsmann, der spätere

Oberwerftdirektor Meyer, trat in dasselbe Bureau ein. Die teueren

Lebensbedingungen veranlaßten uns zu einem gemeinsamen Haushalt,

und wir fanden eine passende Behausung in der Nähe von zwei

Marineingenieuren Gujod und Dede, die zur Überwachung der im Bau

befindlichen Panzerkorvette nach England geschickt waren. Während

wir unser Leben in Gainsborough allesamt sehr bescheiden einrichten

mußten, fand ich hohe Befriedigung in der geschäftlichen Tätigkeit.

Die englische Marine muß sehr gute Erfahrungen mit den Schiffen der

Warrior-Klasse, zu denen „Achilles“ und „Black Prince“, wie ich

glaube, gehörten, gemacht haben, denn sie ging zu einem ähnlichen

Typ, dem Bellerophon, über und übertrug der Firma J. Penn & Sons die

Ausrüstung des Schiffes mit Maschinen, Kesseln und Zubehör. Es war

die erste 1000 PS-Expansionsdampfmaschine mit Zylinder von 105 Zoll,

eine Trunk-Maschine, in der die Kurbelwelle zwischen jenen und den

Kondensatoren gelagert war. Diese Konstruktion war neu, die Firma

hatte früher meist oszillierende Dampfmaschinen gebaut und durch sie

einen Weltruf erlangt. Nach Vollendung der Werkstattszeichnungen,

Transportmittel, die für die ungewöhnlich schweren Arbeitsstücke

angefertigt werden mußten, und der Gesamtanordnung, die bis in

die Einzelheiten auf dem Papier festgelegt und in Maßskizzen den

verschiedenen Abteilungen zur Fertigstellung überlassen wurden,

befragte mich ein Freund, der nach Deutschland zurückzukehren im

Begriff stand, ob ich sein Nachfolger in der Firma Easton & Amos zu

werden wünsche. Die Vielseitigkeit dieses Geschäftes zog mich an und

ich siedelte nach London über, das ich während meines Aufenthaltes

in Gainsborough an Sonnabenden jeder Woche nachmittags mit Vergnügen

aufgesucht hatte, und in dem das großzügige Leben und der enorme

Verkehr auf den Straßen mich förmlich elektrisierten.

Im Gegensatz zu John Penns prächtigen Werkstatthallen und imposanten

Werkzeugmaschinen fand ich hier eine elende Baracke, man mußte sich

erst an die Arbeit in diesen Bureaus gewöhnen, die von den Schlägen

der Dampfhämmer erzitterten. Auf den Zeichenbrettern häufte sich der

Kohlenstaub, und während in Gainsborough unsere Kollegen junge lustige

Leute waren, die Späße trieben und sich amüsierten, befanden sich hier

meist Familienväter, deren Pünktlichkeit, wie die von Arbeitern, durch

den Portier und Stundenzettel kontrolliert wurde; sie waren wohl meist

aus diesem Stande hervorgegangen.

Meine erste Aufgabe war die Konstruktion einer Tunnelbohrmaschine

nach den Patenten von Captain Beaumont: Eine Scheibe von etwa 5 Fuß

Durchmesser enthielt an ihrem Umfange zur Achse parallel laufende

Schlitze, in denen eine große Zahl von Stahlbohrern mit Keilen

befestigt waren. Die hin- und hergehende Bewegung wurde durch einen

mit der Scheibe verbundenen Differential-Dampfkolben verursacht, der

in einem nach Art direkt wirkender Dampfspeisepumpen gesteuerten

Zylinder vor- und rückwärts lief. Der volle Dampfdruck erfolgte bei

der Stoßwirkung, während die kleinere Fläche den Rückzug vollendete.

Waren die Stähle bis an die Befestigung in der Scheibe vor Ort in das

Gebirge durch schnell aufeinanderfolgende Schläge eingedrungen, so

erhielt der auf Rollen stehende Truck, der nach jedem Stoß selbsttätig

vorrückte und sich wieder befestigte, eine geringe Drehung, so daß die

Löcher in der gewünschten Teilung einen Kreis bildeten. Ein Bohrer in

seinem Zentrum diente zur Aufnahme der Patrone, durch die die Sprengung

erfolgte. Hierbei wurde die schwere Maschine auf den radial zur

kreisrunden Öffnung stehenden Rollen des Trucks so weit zurückgezogen,

daß man die Débris vor Ort bequem ausräumen konnte. Über das Schicksal

dieser Maschine ist mir nichts bekannt geworden, dagegen sah ich ein

anderes Werk meiner damaligen Tätigkeit nach einem Menschenalter noch

im Betriebe. Es war ein hydraulischer Aufzug mit direktem Antrieb für

Personentransport, der in dem ersten großen, damals im Bau befindlichen

Hotel in Brighton aufgestellt wurde. Der sehr lange Stempel stak in

dem Preßzylinder, für den man einen tiefen Rohrbrunnen in das Erdreich

gesenkt hatte. Die einzelnen Kolbenteile bestanden aus gußeisernen

Röhren, die durch Gewinde miteinander verbunden waren. Trotzdem diese

Konstruktion große Sicherheit den Reisenden bot, erfuhr ich später

durch Zeitungen, daß im Grand Hotel ein nach diesem Muster erbauter

Aufzug mit den Passagieren verunglückt sein soll.

Die primitiven Einrichtungen deuteten auf den allmählichen Verfall des

Werkes, und obgleich ich wegen der Vielseitigkeit der Aufträge eine

bessere Schule in England kaum hätte wieder finden können, trat ich

mit achttägiger Kündigung aus der Fabrik aus, die zwar bald nachher

einen neuen Partner aufnahm, aber später von der Bildfläche, wie ich

vorausgesehen hatte, verschwand. Der Wert der Grundstücke in der

City hat hoffentlich die Inhaber oder Gläubiger für ihre Verluste im

Betriebe entschädigt.

Auf eine Annonce in einem Londoner Fachblatt, durch die ein theoretisch

erfahrener, der französischen Sprache mächtiger Ingenieur bei hohem

Salär gesucht wurde, meldete ich mich zum sofortigen Antritt und

hatte das Glück, aus der großen Zahl von Bewerbern mit 4 Lstrl.

wöchentlichem Gehalt Anstellung nach kurzer Prüfung bei einer neu

gegründeten Gesellschaft, die British & Continental Steam Improvements

Co. firmierte, zu erhalten. Das Bureau der Gesellschaft lag in

Adelphi Street, Strand, ihr Leiter war ein französischer Chemiker

namens Martin, auf dessen Erfindungen das Unternehmen gegründet

war. Der Dienst begann um 10 Uhr; nach dem Luncheon, das ich in

dem dem Theater gegenüber liegenden Public House stehend, aber mit

Gemütsruhe einzunehmen pflegte, erschien der Chef; er las die wenigen

eingegangenen Briefe, besprach die Geschäfte, die ihn kaum mehr als

mich erregten, und führte mich bei eintretender Dunkelheit in ein

vornehmes Restaurant zum Mittagessen, das mir wegen der lukullischen

Genüsse und der gewaltig hohen Preise imponierte. Niemals hatte ich

für eine so geringe Tätigkeit eine solche Behandlung und Bezahlung

erfahren. Meine Aufgabe war doppelter Natur; Konstruktionen und

Schriftstellerei. Beide erstreckten sich auf eine Rauch verzehrende

Lokomotivfeuerung einerseits und einen Kesselsteinreinigungsapparat

andererseits; letzteren kannte ich bereits aus meiner früheren

Tätigkeit; ich entsinne mich nicht, wo er zuerst konstruiert worden

war, glaube aber aus der Literatur später erfahren zu haben, daß er

unter dem Namen Schau in der Lokomotivfabrik in Wiener-Neustadt gebaut

wurde. Auf dem Kessel war ein zweiter Dampfdom so befestigt, daß

man ihn von den ebenen Dichtungsflächen leicht abnehmen konnte. In

diesem waren Teller übereinander so angebracht, daß das kaskadenweise

herabfließende Speisewasser von den oberen zu den unteren langsam in

der heißen Dampfatmosphäre herabtröpfelte. Da gewisse Verunreinigungen

bei diesen Temperaturen sich bereits absondern, so wurde die bewußte

Reinigung häufig erzielt, und da auch die Wärmeverluste unbedeutend

waren, so hat der Apparat sich zuweilen und jedenfalls bei den

Versuchen bewährt, wie denn die Salze auf den Tellern bei ihrer

Herausnahme ad oculus demonstrierten. Mit guten Patenten, genügender

Reklame und glänzenden Zeugnissen hätte der Erfinder vielleicht durch

Herstellung en masse einen Gewinn für die Gesellschaft erzielen können,

dazu aber fehlte ihm kaufmännische Begabung.

Die Lokomotive, in die auf einem der großen Bahnhöfe in London --

ich entsinne mich nicht, ob Great Eastern, Northern oder Western --

die neue Feuerung eingebaut wurde, gab befriedigende Resultate in

ökonomischer Beziehung, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß die

feuerfesten Konstruktionsteile bei den Stößen und Erschütterungen,

denen solche Dampfkessel ausgesetzt sind, eine genügend lange Dauer

besitzen. Die maßgebenden Persönlichkeiten scheinen anderer Ansicht

gewesen zu sein, denn kaum waren die Meßresultate in ihren Händen, so

erhielt ich den Auftrag, eine Straßenlokomotive von Aveling und Porter

mit der Feuerung auszurichten. Technisch bot dieses Kommissorium keine

Schwierigkeiten, aber die kommerzielle Behandlung öffnete mir die Augen

über die Geschäftsgebarung, und ich beschloß deshalb, einen neuen

Wirkungskreis zu suchen.“

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 1 / 41 段