Da wurde es dem Jungen schwer, er ließ das Bett zertrümmern und warf

das Kleid in den Strom.

Darauf suchte er sich ein Königreich. Ganz am Ende der Erde lag

eins, größer als alle anderen. Das eroberte er. Dort war die Erde am

reichsten. Oben auf den Wiesen blühten nur glänzende, duftende Blumen

und in den Bächen blitzte goldener Sand und auf den Feldern lagen

funkelnde Diamanten.

Hob man aber die Erde weg, so standen darunter die herrlichsten Säle,

deren Wände lauter Edelstein und Gold waren. Und das Volk brachte ihm

eine Krone, die ein einziger, großer Brillant war, in dem die ganze

Sonne in vielen Farben leuchtete.

Darin sah er so schön aus wie ein Gott, so daß niemand es wagte, ihn

anzublicken.

Und in der großen Stadt, wo sein goldener Palast stand, blickte er aus

den edelsteinernen Fenstern auf sein Volk, welches jauchzte und schrie:

Hoch lebe unser König, der Erde glücklichster Herr!

Er stand derweil auf dem Balkone und hielt ängstlich die seltene Krone

mit seinen beiden Händen, damit sie nicht der Wind davontrüge.

Und unten tanzten schöne Mädchen mit flatternden Locken. Aber er konnte

nicht hinab, wegen seines Ansehens und auch aus Furcht vor dem Winde.

Nun hieß es ja auch denken, wie alle diese Schätze vor untreuen Dienern

und habgierigen Feinden zu sichern seien.

So hatte er wieder keine Zeit, sich zu freuen und er selbst zu sein.

Da kam der Dämon.

Der König drehte sich um und sprach: Siehst du meine Krone?

Nun ja, was weiter?

Du bist doch nicht der Einzige in der Welt, der König ist. Und es muß

doch nur eine Freude sein, das zu haben, was sonst niemand hat.

Da wurde der König traurig, und wenn er nicht so viel Sorgen gehabt

hätte, so würde er geweint haben.

So aber hatte er keine Zeit dazu.

Und nun wollte er wissen, was das sei, das sonst niemand haben könne.

Such es, sagte der Dämon.

Aber der König konnte nicht weiter, denn er war ja am Ende der Welt.

Und er konnte nicht aus seinem Schloß, damit die Sonne nicht an dem

Schimmer der Edelsteine seine Kleider entzünde.

So mußte er zum ersten Male ruhig bleiben. Und da konnte er nachdenken.

Dabei fiel sein Blick auf einen Spiegel.

Wer war der alte Graukopf mit dem traurigen Runzelgesicht, der ihm

daraus entgegengrinste? Der Alte war es selbst. Und hinter ihm stand

der Tod und streckte seinen Arm nach ihm aus.

Sind wir schon so weit?

Ja, sagte der Tod. Nun bist du am Ende der Welt und am Ende des Lebens.

Aber ich habe mich ja noch gar nicht gefreut?

Das ist deine Schuld.

So? Und ich habe das Glück nicht gefunden.

Das ist wieder deine Schuld. Uebrigens scheint mir dies auch gar nicht

der Zweck des Lebens zu sein.

Der König dachte nach. Eigentlich war er nie glücklich gewesen, d. h.,

doch einmal, als er noch arm war. Damals, als er im zerrissenen Kleid

den Traum von der Glücksfee geträumt.

So schön war in seinem Leben doch nichts als dieser Traum.

Alles herrliche der Erde war nicht so schön wie dieser Jugendtraum. Nun

wollte er wieder sich zu verinnerlichen versuchen.

Aber es ging nicht. Da kamen Ziffern, Sorgen, Galle und Neid -- alles

-- nur kein Traum.

Und nun nahm ihn der Tod in seine Arme. Die Räte zogen darauf seinen

Leichnam aus, sodaß er nun so nackt war, wie der Aermste der Armen.

„Nichts hab’ ich gehabt und doch das Schönste. Doch ich wußte es nicht.“

Draußen stand der Jüngling, welcher der neue König werden sollte.

Da wollte ihn der Tote warnen, aber seine Glieder waren steif und der

Tod nahm Erde und legte sie über seinen Leib. Daraus blühen Blumen

empor und sie duften des toten Königs Gedanken.

Aber nur der Reine kann sie verstehen. Das ist das Schlimme, es ging

noch kein Reiner vorüber.

II.

Es war einmal ein alter Mann, der nie mit Menschen sprach. Ja er ging

niemals hinaus in Feld und Flur, um zu sehen, ob die Erde ihr grünes

Samtkleid oder den weißen Pelz überzogen hatte. Er saß nur immer still

in seiner Stube, mit der großen Brille über der Nase und schluckte

durch die Augen schwarze Buchstaben.

Die Leute nannten ihn Gelehrten.

Einstmal im Winter sah des Nachbars Kind zwischen den weißen Eisblumen

nach dem stillen Haus, wo der alte Mann wohnte. Die Fenster waren

von innen vermacht, so daß man nicht hineinsehen konnte. Das thut er

wahrscheinlich wie die Vögel bei den Nestern, um sich vor Kälte zu

schützen, dachte das Kind.

Aber einstmal schien die Sonne wieder so warm und sagte: guten Morgen,

Erde, steh doch auf, erwache doch!

Da streckte sich die Erde, schüttelte die weiße Federdecke und aus

allen ihren Falten lächelte frisches Grün hervor. Ei! wie war das

schön! Und die Leute gingen wieder ins Freie, die Frauen in bunten

Kleidern, so daß man sie für wandelnde Blumen hielt.

Da dachte das Kind: jetzt wird auch das Fenster dort sich öffnen, denn

die Sonne sprach schon: Wachet auf! Hatte es der Alte nicht gehört? Es

guckte neugierig heute und morgen und übermorgen hinüber, aber immer

blieb das Fenster verrammelt.

Da denkt das Kind: er ist wohl krank, daß er nicht der Sonne Ruf

verstand. Ich will gehen, ihn zu wecken. Heimlich schlich das Kind sich

hinüber an die Thüre, aber niemand sagte: „herein“.

Da öffnete es beherzt.

Drinnen flackerte ein kleines Lämpchen am Tische, wo der Alte saß und

Buchstaben aß.

„Guten Tag,“ sagte das Kind. „Erwache doch, lieber Alter, Du schläfst

wohl?“

„Wer bist du?“ fragte der Alte mürrisch.

„Ich bin ein Kind und komme dich zu wecken.“

„Warum störst du mich?“

„Ich wollte dich wecken.“

„Du glaubst wohl, daß ich schlafe?“

„Ja.“

„Du irrst dich.“

„Also, was thust du denn, lieber Alter?“

„Ich suche das Leben und kann’s nicht finden.“

„Das Leben,“ jauchzte das Kind.

Und es kletterte über einen Bücherstoß zum vergitterten Fenster hinauf,

schob den Vorhang zur Seite und stieß den Flügel auf.

„Aber da ist ja das Leben, da draußen ist’s.“

Die Luft wehte frisch herein, der Klang von Menschenstimmen,

Wagenrollen, der Pfiff der Eisenbahnen tönte in den Räumen.

„Da draußen?“ sagte der Alte. „Nicht möglich!“

Das Lämpchen verlosch, erschreckt durch den frischen Luftzug. Und nun

sah das Kind, daß der Alte gelb war, wie die Blätter seiner Bücher, und

daß seine Haut den Pergamenteinbänden derselben glich.

Der Alte war ja tot und hatte es selbst nicht gewußt.

Huh! Da fürchtete sich das Kind und sprang hinaus, in’s Leben... in’s

Leben!!

[Illustration]

Tante Jola.

Die Tante ging im Zimmer herum, übersah den gedeckten Tisch, ordnete

die Blumen. Draußen war es so froh und sonnig. Nicht schwül, nur so ein

Maitag des Lebens.

Else sah der Tante zu. Wie sie milde und sanft in jeder ihrer

Bewegungen war! Und ihr Gesicht, so liebend gütig.

Else dachte nach. Tante war doch schon viele Jahre verheiratet und noch

immer glücklich.

Das Nichtchen legte den Finger an den Mund, als wollte sie es nicht

verraten und machte dabei ein verschmitztes Gassenjungengesicht: etsch!

ihr glaubt, weil ich ein Backfisch bin, bemerk ich nicht, daß die

meisten Ehen unglücklich sind.

Tante Jola aber machte ihr stilles, liebenswürdiges Gesicht und als

sie jetzt so freundlich nach Else blickte, konnte diese sich nicht

enthalten zu fragen.

Erst sondierte sie die Tante. Wird sie böse sein, oder ihr statt einer

Antwort eine gute Lehre geben? Denn das konnte sie so nicht leiden. Sie

wollte über manches klar werden, aber stets schickte es sich nicht,

dies zu wissen. Dann blieben immer nur die Dienstmädchen zum Ausfragen

über. Die sagten aber alles brutal. Und sie meinte, wenn ihr dasselbe,

was sie zu fragen hatte, von Tante beantwortet würde, so müßte es so

fein und zart sein, wie ihre Haut, ihr Gang, ihr ganzes Benehmen.

„Tante Jola?“ begann sie zaghaft.

„Nun Else?“

„Aber ich bitte dich, sei lieb und kläre mich auf. Du bist so gut, du

wirst mich nicht ausmachen.“

„Was ist’s denn?“

„Liebe, liebe Tante,“ sprach jene ganz leise flüsternd: „ich weiß, daß

du glücklich verheiratet bist und Onkel auch.“

Die Tante lächelte: „Ist das so schlimm?“

„Nein, Tante, aber... aber, ich wollte damit sagen, daß die meisten

anderen Ehepaare, die ich sah,... es nicht sind.“

Die Tante wurde ernst und nachdenklich.

„Bitte, sag mir, wie ihr es macht, daß ihr so glücklich seid!... Daß du

ihn so glücklich machst!“

Die Tante sah Else in die Augen: „Du kleine Psychologin, das letzte

Wort merke dir für dein zukünftiges Weibsdasein. Es ist der Frau

möglich, ihren Gatten glücklich zu machen. Sie muß nur ein bißchen die

Augen offen halten und guten Willen haben.“

Danach dachte sie wie traumversunken nach und sagte endlich: „Nur daß

wir zwei eine gute Ehe sind, das danke ich eigentlich meiner guten,

klugen Mutter.

Schau dir einmal deine Freundinnen an. Sind nicht gerade jene, die

nicht oberflächlich sind, voll seltsamer Träume über den künftigen

Gatten? Scheint er ihnen nicht wie ein Ideal, das aus dem Himmel zu

ihnen niedersteigt? Wenn sie sich mit diesen schönen Träumen in stillen

Stunden begnügten! -- aber sie wollen diesen Wolkengott heiraten,

täglich mit ihm zusammen sein, die Alltagssorgen und Kleinlichkeiten,

die das Leben mit sich bringt, mit ihm teilen.

Das sieht so anders aus, als das Erträumte. Nachher werden sie

mürrisch, unzufrieden und kommt erst dies, dann ist es des immer

Schlimmeren kein Ende.

Meine liebe Mutter hatte mich aber irdisch erzogen, sie gab mir Sinn,

das Leben zu nehmen wie es ist und schön zu finden, was einmal so sein

muß. Ich habe mir keine Idealmänner erdichtet, sondern Charaktere

herauszufinden gewußt. Und glaube mir, der beste von allen war mein

Gatte,“ sagte sie warm.

Else dachte nach.

Die Tante nahm aber die Nichte beim Kopf und sah ihr in die

träumerischen Augen: „so mußt du es auch machen, Else! Dann wirst du

einst glücklich werden und selbst beglücken.“

Der Kleinen wurde wirr und flimmernd um die Augen.

„Wenn man aber träumen +muß+, Tante Jola, und das Leben nicht

sehen will,“ sagte sie flüsternd.

„Armes Kind!“

„Wenn man nichts wünscht vom Leben, als einen einzigen schönen Traum,

so schön, wie alle Träume zusammen, die je geträumt wurden..“

Stimmlos leise klang es zurück: „Armes reiches Kind!“

[Illustration]

Am Waldweg.

Hella ging mit der Malerin durch den Wald. Es war Sommer. Die heiße

Nachmittagssonne konnte nicht direkt herabglühen. Das Laub der Bäume,

je nachdem es dichter oder schütterer stand, war heller, goldiger oder

tiefergrün beleuchtet. Wie ein Sonnenlächeln strahlte das Licht durch

den Wald.

Hella und die Malerin plauderten miteinander.

Hella sprach mit ihrer selbstüberzeugten, sicheren Jung-Frauenart: „Das

Porträt ist sehr schön, aber zu nüchtern. Wissen Sie, es ist so, wie

der Wald hier ist, aber das Sonnenlächeln drüber fehlt. Und das ist

doch das schönste daran.“

Die Malerin antwortete: „Ja, könnte ich immer, wie ich wollte. Aber

ich muß es den Leuten recht machen. So wie die es wollen, muß ich es

machen, sonst bekomme ich keine Aufträge.“

Das Mädchen fühlte sich durch diese Antwort angewidert. Sie dachte, man

müsse lieber leiden, als seiner Ueberzeugung untreu werden. Nachher

schämte sie sich ihrer absprechenden Anmaßung. Dachte, wie schwer

das Leben wohl sein mag und wie schrecklich der Kampf um die nötigen

Daseinsbedingungen. Und da wurde es ihr klar: einige sind stark genug

zu widerstehen und sich endlich durchzusetzen, andere jedoch müssen

nachgeben, um leben zu können. Und Leben-Können ist doch der Zweck des

Daseins.

Dann sah sie die Malerin an. Sie hatte dunkelgrüne Augen. So

ungefähr, wie die dunklen Stellen einer Resedablüte oder eines

tiefgrünen Chrysoberylls. Sie selbst aber hatte eine kornblumenblaue

Leinwandbluse. Etwas ganz gewöhnliches. Aber dieses Blau, das an sich

durch die Art des Stoffes am Kleidungsstücke stumpf erschien, spiegelte

im Glanz der Augen in ungeheurer Heftigkeit. Das schwarze Innere der

Pupille verschwand. An seiner Stelle leuchtete eine blaue Rundung,

wie von blankpoliertem ~Lapis lazuli~. Und rings herum der grüne

Kranz des Augensternes. Das Weiße im Auge strahlte gletscherfarben. Es

war wunderschön. Etwas Mystischem, Dämonischem glich dieser Anblick.

Und es war doch nur der Widerschein der gemeinen Leinwandbluse in

den freundlichen Augen der Malerin. Aber daß eben so aus Nichts

plötzlich ohne unser Wissen und Zuthun Bedeutendes werde, das ist das

Rätselhaft-Wunderbare des Lebens.

Da Hella die Malerin mit begeisterten Worten auf ihre Beobachtung

aufmerksam machte, sprach diese ihre Verwunderung aus, daß ein junges

Mädchen, welches nicht male, solches bemerke.

„Ja, warum denn nicht,“ sagte Hella. „Woran sollte man sich sonst

freuen?“

Die Malerin sagte: „Wenn alle solch’ geübte Augen hätten, wäre für uns

das Malen leichter. So müssen wir manches anders malen, als wir es

sehen, weil wir wissen, daß es das Publikum nicht verstehen würde.“

Hella erhitzte sich, indem sie erwiderte: „Das sollte kein Maler thun.

Das ist ein Versündigen an der Kunst. Mögen die Leute sehen lernen!“

Die Malerin dachte seufzend nach. Dann sagte sie: „Sie haben ja

recht. Aber das Leben ist schwer. Indes giebt es ja viele, die wahren

Künstler, welche lieber eine Weile den Spott der Wenig-Beobachtenden

hinnehmen und getreulich wiedergeben, was sie sehen. Spät, oft erst

nach ihrem Tode kommen die, welche sie verstehen und ihnen recht geben.

Aber gemeiniglich ist für den gewöhnlichen Menschen der Himmel blau,

der Sonnenuntergang gelb, die Anzeichen des Windes am Himmel rot. Damit

ist ihr Farbensehen der Natur zu Ende.“

Hella flüsterte geheimnisvoll: „Wissen Sie, jemand anderem würde ich

es nicht verraten, man würde mich ja auslachen. Doch Ihnen kann ich es

sagen. Ich sah einen Sonnenuntergang, da erschienen die Fenster der

Häuser türkisblau. Das war märchenschön.

Und dann ein andermal konnte ich einen Brand beobachten. Unten drängten

sich die Menschen wie häßliches Ungeziefer. Es war Sommer und ungefähr

½9 Uhr abends. Das Licht der Laternen hatte noch keine Leuchtkraft.

Aber die Brandlohe war so intensiv, daß sie den Himmel leuchten machte.

Nie hätte ich mir dies als möglich gedacht. Das Firmament hatte das

tiefe Blau eines südeuropäischen Himmels. Und goldene Sternentropfen

fielen aus der Luft. Oben aber, ferne und blaß wie Auerlicht mit

schlechtgewordenen Strümpfen, hingen die Sterne. Denken Sie, unsere

schönsten Sterne!“

Die Malerin lächelte über diese drollige Beschreibung, während Hella

fortfuhr: „Und die Straßen sahen gräßlich aus; durch das übermäßige

Licht schien die unbeleuchtete Seite in tiefstem Schatten, die andere

aber phantastisch erhellt. Es war, als wäre die Grellheit des Blitzes

bleibend geworden.

In allen Fenstern sah man Menschen. Doch man unterschied weder Augen

noch Haare. Sondern ihre Gesichter hingen nur wie Riesenbüschel

fahlfarbiger Früchte aus den Fensterrahmen.“

-- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wieder dachten beide nach. Die Malerin sagte: „Haben Sie gesehen, daß

der Sonnenuntergang in manchen Gegenden violett ist?“

Die junge Eigensinnige entgegnete: „Violett? Nein! Aber

tieffliederfarben. Es giebt eine Art seltener Syringen, die so tief im

Ton sind, d. h.“ und sie verbesserte sich selbst „eine Nuance zwischen

tieffliederfarben und mauve.“

Ihr Gesicht drückte ein leises Mißbehagen aus. „Wissen Sie,“ meinte sie

zur Malerin, „die Maler können überhaupt meistens die Farben gar nicht

benennen.

Aber malen können wir sie! Ja, das ist wahr. Doch wie soll sich der

Schriftsteller helfen? Es giebt rot, blau, grün, gelb, weiß, schwarz,

violett. Dann sind wir fast fertig. Wie brutal muß da eine Beschreibung

sein, während das Auge die herrlichsten Nuancen sieht, die so schön

zusammenstimmen, wie Harmonieen.“

„Nun, so belehren Sie die Leute, wenn Sie es besser wissen,“ sagte die

Malerin mit leichtem Spott.

„Das will ich auch einst, bis ich mehr weiß,“ sagte Hella mit

träumender Heftigkeit. „Aber wo soll ich anfangen? Selbst innerhalb der

paar armseligen Worte, die die Menschen für Farben haben, haben sie

nicht Gefühl genug zu unterscheiden, daß eine Farbe in glänzendem Stoff

zu einer anderen paßt, während dieselbe, matt zur anderen gebracht,

disharmoniert.“

Die Malerin, die mehr auf Sehen, als auf das Reden über das Sichtbare

eingerichtet war, fand sich verletzt und gelangweilt.

So schieden sie, eben als Hella noch etwas von ihren Beobachtungen

verraten wollte.

Die Malerin dachte: „Ein bißchen verrückt ist sie doch.“

Hella aber träumte: „Was für Herrlichkeiten hat die Erde -- wir aber

gehen wie knurrende Blinde ewig unzufrieden an allem Schönen vorbei.“

[Illustration]

Was Mädchen nicht wissen sollen.

Oben, fünf Stock hoch, wohnte die arme, junge Frau in der Mansarde. Sie

war ganz unförmig und hatte ein hageres, eingefallenes Gesicht. Da ihre

Beine geschwollen waren, konnte sie die vielen Stockwerke nicht mehr

hinabsteigen, um in Arbeit zu gehen.

Fräulein Helene brachte ihr heimlich alltäglich das Essen hinauf.

Wissen durfte niemand davon, denn ihre Eltern hätten sie gescholten und

ihr niemals gestattet, so bei „allerlei Leuten“ herumzulaufen.

Wenn das feine, junge Mädchen über die Treppe der Armut stieg, sorgsam

die Röcke raffend, damit dieselben nicht vom Schmutz der Stiege

verunreinigt würden, so wurde ihr wirr zu Mute über die Kompliziertheit

des Lebens.

Irgendwo war es nur hell, weiß, schön und irgendwo schien alles grau,

Schmutz, Ekel. Wenn nur mein Leben heilig und schön bliebe, wünschte

ihre Seele.

Die junge Frau kam ihr diesmal nicht entgegen. Sie saß am Bettesrand.

Und obwohl ihr armes Leidensgesicht ganz unbewegt schien, gingen doch

zwei stille Thränen ihren Weg über die Wangen. Helene wußte nicht, was

sie fühlte. Viel Mitleid vielleicht, aber auch Ekel. Dennoch sagte sie

mild: „liebe Frau, soll ich Ihnen den Arzt schicken?“

„Nein, nein, danke, Fräulein.“ Und dann stöhnte sie plötzlich auf, als

zerrisse ihr Leib. Die Nachbarin kam herein. „Fräuleinchen, fort von

hier. Wenn das Ihre Leute wüßten.

Werde schon nach Hilfe sehen. Gehen Sie nur schnell fort und kommen Sie

nicht wieder. Sonst giebt es Schelte für uns arme Leute.“

„Soll ich ihren Mann holen? Wo ist ihr Mann?“

„Mann? Hehe! sie hat keinen. Ihr Bräutigam ist fortgelaufen, als sie

ihm sagte, daß ein Kind kommt.“

„Ein Kind?“ rief Helene erschreckt, während ein zweites, mächtigeres

Grauen in ihrem Innern auflohte. Ihr war, als müßte sie umsinken vor

Entsetzen, aber ein Ekel hielt sie aufrecht. Es kam ihr vor, als

würde sie mit in den Sumpf gezogen, dessen sie im Halbverständnis der

angedeuteten Worte inne ward.

Ihre Seele that heimlich den Eltern Abbitte. So etwas gab es!

Aber die junge Frau stöhnte immer heftiger, während die alte Nachbarin

ihr bedeutete, fortzugehen.

Plötzlich entsann sie sich, daß eine neugierige Freundin einmal im

Konversations-Lexikon über die Geburt nachgelesen hatte und einer

zweiten Freundin hatte es das Dienstmädchen erzählt. Nur ihre Eltern

thaten, als wußten sie nichts davon.

Helene zitterte, wollte nicht bleiben, konnte nicht fort.

Das wurde also ein Kind ohne Vater. Und zu solchen Leuten ging sie. Die

mußte man ja verachten, das schlechte Geschöpf. Danach dachte sie: muß

ich gleich verurteilen, was ich für mich selbst als schlecht empfände?

Und sie schämte sich ihrer Pharisäergedanken.

Die alte Nachbarin, die einstweilen Wasser gehitzt und eine Menge

Bändchen, Tücher und eine Schere bereitete, sah so ruhig aus. Helene

konnte nicht umhin, dies gemeine Weib, mit den groben, furchigen

Arbeitshänden mit einer Art Ehrfurcht zu betrachten. Während sie selbst

zitterte, war jene die ruhig Helfende. All das Hündisch-Demütige der

Armut war von ihr weg, und sie schien von einer stillen Größe. In ihrem

Antlitz lag etwas Erzstarres und dennoch Güte. Wie eine Priesterin des

Schmerzes erschien ihr die Alte, die der Leidenden zuzurufen schien:

„Weib, erfülle Dein Schicksal.“

Helene flüsterte ihr zu: „müssen alle Frauen so leiden?“

„Alle! Die einen mehr, andere weniger, aber alle, alle.“

Wieder wirbelte es durch ihr Inneres. Alle? Und warum verachtet man,

oder bespöttelt man die, welche verunstaltet durch die Gassen gehen,

mit der Last des zukünftigen Lebens in ihrem schwachen Leib.

Man sollte sich vor ihnen neigen, wie vor dem Herrscher, wenn er

vorübergeht.

Nun aber drängte die Alte, sie müsse Hilfe holen, es würde Zeit und

Helene müsse unbedingt fort.

Es stieg wieder eine Verachtung für jenes Weib in ihr auf. Dann fragte

sie: „Wird sie auch so schwer leiden müssen?“

„Natürlich.“

Helene zitterte, dann ging sie zu der Stöhnenden, reichte ihr, was

sie sonst nie gethan, die Hand und flüsterte leise: „Möge es Ihnen

wohlergehen, +Mutter+!“

Als Helene nach drei Tagen Zeit fand, wieder zu der Verlassenen

hinzugehen, kam ihr die Alte an der Thür entgegen, noch starrer als

sonst.

„Es ist vorüber,“ sagte sie hart.

„Was?“

Die Alte deutete hinein, ohne sie anzusehen. Im Zimmer lag in einem

schmalen Holzsarg die junge Frau. Kein Kranz, kein Schmuck. Arme Leute

zieren Tote nicht. Armer Leute Geld reicht nur zum Hungerstillen.

Helene fing zu weinen an. Die Alte sah fast verächtlich zu ihr hinüber.

Ihre Weichheit schien ihr Schwäche.

„’s ist gut so, sie hat sich’s zu sehr zu Herzen genommen. Die Schande

hat sie umgebracht.“

„Aber wenn alle gut und verzeihend mit ihr gewesen wären, hätte sie da

gelebt?“

„Wahrscheinlich.“

„Und das Kind hätte jemand gehabt, der es geschützt und gepflegt hätte!

Nun wird es wieder schutzlos sein, wie die arme Tote und alles wird

wieder so häßlich werden, weil niemand gut ist.“

Die Alte sah wieder so sonderbar zu ihr.

Dann ging sie ins andere Zimmer und machte Milch warm für das erwachte

Kind, und mit vieler Zartheit kam sie seiner kleinen Hilflosigkeit

entgegen.

Als das Kind gesättigt war, legte sie es hin und sagte barsch: „Heute

kommt es ins Findelhaus.“

Dann ging sie zur Thür hinaus.

Erschüttert ging Helene weg.

Sie dachte: „So schwer ist unser Leben. Ein Schicksal liegt auf unserem

Scheitel. Und man öffnet uns nicht die Augen. Man läßt uns lächeln und

vertändelt sein. Wir wissen nichts vom Leben. Wir fehlen oder thun

Gutes, werden dafür verurteilt oder gelobt und begreifen selbst nichts

davon. Einst sollen wir dieses Schauerliche und Süße werden: Mütter!

Wir tragen der Menschheit Zukunftshoffnung in unserem Schoß.“

Helene gelobte sich: „Und ich will dieser armen Toten gedenken, wie

die einfache Frau mich durch ihr Thun gelehrt: nicht mit Worten oder

schönen Gefühlen, sondern in Werken.

Warum sagt man uns nichts vom Leben, von +unserem+ Leben, damit

unsere eigenen Seelen nicht leichtsinnig verworfen werden, sondern weiß

und heilig bleiben, für das Schicksal, das unserer harrt?“

Sie ging die Straßen entlang, ihrem Hause zu. Mechanisch streiften ihre

Augen die Aufschriften an den Läden. An einer Thür hing ein Schild:

Heute Schlachtfest.

Ihre verletzte Seele buchstabierte den Augen nach: Schlachtfest.

Sie sah das bluttriefende, noch rauchende Fleisch, aus dem der ihm

eigentümlich fad-üble Geruch stieg. Da ein Bein, dort der Kopf,

enthäutet, noch mit den Augen darin. Das hatte noch vor wenigen Stunden

gelebt. Darin pulsierte fröhlich das Blut, welches nun zerronnen am

Fleisch klebte. Auch das ist unter Qual dem Leben gegeben worden,

dachte sie. Dann: „Wie können Mütter sich von Getötetem nähren? Frauen

muß alles Geborene heilig sein. Der Mann mag das Töten verherrlichen,

wir aber wollen das Leben feiern und alles Geborene ehren und schützen.

Denn in uns liegt des Lebens Sinn. +Und unser Werk dieser Erde muß

Güte sein und wieder Güte und der Güte nie genug+...“

[Illustration]

Mädchen und Weib.

(Eine Plauderei.)

+Weib+: Du bist ein Mädchen von heute: unschuldig, aber wissend --

+Mädchen+: ja, alle Mysterien sind mir bekannt, ohne --

+Weib+: daß du dich selbst dabei beschmutzt hättest. Du weißt nur,

wie die Sonne am Himmel von der Erde weiß.

+Mädchen+: Ja.

+Weib+: Und was gedenkst du nun zu thun? Wohin zieht dich das

Leben?

+Mädchen+: Dir ist’s leicht, du gabst deine Seele hin.

+Weib+ (bitter): Heißt geben empfangen?

+Mädchen+: Nein, allein du konntest jemand etwas geben. Nur

Reiche beschenken und wenn du den würdigen für deine Seele fandest...

+Weib+: Wenn! Wenn! Wenn ich ihn aber nicht gefunden hätte? Wenn

ich mich getäuscht habe und schnell die zum Geben geöffnete Hand wieder

geschlossen hätte?

(Beide schweigend nachdenkend.)

Unschuld: Ein modernes Mädchenbuch · 第 2 / 4 段