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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1901 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird.
Die in diesem Text vorkommenden Umlaute in Großbuchstaben (Ä und Ü)
wurden in ihren Umschreibungen (Ae und Ue) dargestellt.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt. Die Fußnote
wurde an das Ende des betreffenden Kapitels verschoben.
Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
Sonderzeichen gekennzeichnet:
unterstrichen: _Unterstriche_
Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
Der Text wurde in Frakturschrift gedruckt, mit Ausnahme der
Buchanzeige für ‚Der Roman von Tristan und Isolde‘ von Joseph
Bédier, welcher komplett in Antiquaschrift erscheint. Dies wurde
hier nicht separat ausgezeichnet.
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Unschuld
[Illustration]
Ein modernes Mädchenbuch
von
Elsa Asenijeff
[Illustration]
Leipzig 1901
Verlag von Hermann Seemann Nachfolger
Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.
Gedruckt bei
E. Haberland in Leipzig-R.
Inhalt.
Einleitewort.
Heimlichkeiten. 1
Großstadtdunkel. 7
Mädchenklatsch. 9
Ehe. 14
Bei den Volkssängern. 18
Allein. 24
Die drei Schwestern. 28
Tatjana. 34
Loras Wirtschaftswoche. 43
Mütterchen erzählt! (Zwei Märchen.)
I. 52
II. 63
Tante Jola. 67
Am Waldweg. 72
Was Mädchen nicht wissen sollen. 79
Mädchen und Weib. (Eine Plauderei.) 87
Kleines Kind. 92
Ein Märchen. 99
Schulfreundinnen. 113
Und so seien wir geweiht. 131
Einleitewort
an die jungen Mädchen!
[Illustration]
Ihr Jugendknospen der Menschheit! Eure Schönheit erfreut alle Herzen.
Aber wer dankt Euch und denkt, daß Ihr auch knospende Seelen seid!
Nicht für alle unter Euch kann ich sprechen, denn es giebt niemand auf
der Welt, der für alle sprechen könnte. Für Jene, welchen ein Walzer
oder ein schönes Kleid oder Reichtum und Glanz alles gelten, sind
meine Worte nicht. Noch für solche, die wie im dämmernden Schlaf im
Dasein dahingehen, nicht nach rechts, noch nach links blickend, nicht
fragend, nicht wollend, und an deren stummer Teilnahmslosigkeit sich
das Schicksal vollzieht.
Aber die Einfalt meines Lebens kann Euch Edelsten dienen, hinter deren
maienschönen Stirnen die Frage an das Schicksal sich einkrallt.
Euch, die Ihr in Heiligkeit und Schönheit durch die rauhe Rohheit des
Lebens gehen wollt.
Euch, mit den glühenden, opfervollen Herzen, denen alles Beleidigende,
was sie erblicken, nur den Gedanken der Güte an heilendes Bessern gibt.
Ach! wären meine Gefühle Macht! -- ich segnete Euer werdendes Leben!
Elsa Asenijeff
Zur Zeit der
Tuberosenblüte
1901
Heimlichkeiten.
Bertha kam vom Pensionat heim. Ihre Eltern wohnten im ersten Stock.
Jedesmal, wenn sie die Stiege nach fünf Uhr hinaufging, kam vom zweiten
Max, der Gymnasiast, herunter. Er hatte Locken wie ein Dichter und sah
sehr männlich aus.
Zuerst waren sie beide rot geworden. Er hatte sie gegrüßt.
Der Schulbub, dachte sie, ihn böse anblickend.
Aber am anderen Tage hielt er ein Briefchen, welches plötzlich in ihre
Hände glitt. Das gefiel ihr. Es war etwas so Heimliches, Verbotenes
dabei.
Ein Liebesbrief! Gott, das mußte schön sein!
Vielleicht gar ein Gedicht: Brust -- Lust, Herz -- Schmerz!
Etwas regte sich in ihr, das Ding da wegzuschleudern. --
Sie schwebte fast die Treppe empor. Es war, als hätte sie neue,
kräftigere Muskeln bekommen.
Oben klingelte sie. Das Stubenmädchen öffnete. Die Mama kam zufällig
auch heraus.
„Was hast du denn, du siehst ganz sonderbar aus?“
„Ich? o gar nichts,“ sagte sie in halb keckem, halb wegwerfenden Ton.
In sich meinte sie, nun sei sie etwas, weil sie einen Brief von einem
„Herrn“ bekam.
Die Mutter sah ihr in die Augen, strich ihr über die Scheiteln: „Hast
du mir nichts zu sagen, mein Kind?“
Plötzlich wurde der Kleinen weich zu Mute: die Mami belügen! So etwas!
Aber dann kam der aufrührerische Kindertrotz in sie: „warum sind sie
immer hinterher, mich zu quälen, mich auszuspionieren, als ob ich etwas
Schlechtes thun wollte. Justament! da habt ihr’s, nun thue ich’s erst
recht.“
„Gut, mein Mädchen: du weißt noch nicht, daß selbst der Dieb Einwände
und Entschuldigungen für sich findet.“
Der Mama entgegnete sie: „ich weiß nicht, was du hast, es ist nichts.“
Dann ging sie nach einem gewissen Ort, dem einzigen, wo sie allein
gelassen wurde, und las: „Glühende Liebe -- Triebe, Sonne -- Wonne.“
Es war wunderbar schön! Sie zitterte dabei vor freudiger Aufregung.
Er bat um ein Rendezvous. Gott! wo denn? Man ließ sie ja nie allein.
Aber es ging doch, weil es verboten war. Er sah sie am Schulweg, und
in einer Hauseinfahrt drückte er ihr schnell die Hände, umschlang und
küßte sie. Das war herrlich! Die ganze Zeit dachte sie nichts als: na,
wenn Papa und Mama das wüßten!
Max erzählte ihr auch von schönen Büchern, die er bereits gelesen.
Er wollte ihr dieselben auch leihen. Das konnte er, der sie stets
heimlich aus seines Vaters Bibliothek entwendete.
Aber da wurde ihr Stolz gekränkt. Sie lehnte dankend ab. Denn sie hatte
auch Mut, und auch +ihr+ Papa eine Bibliothek.
Nun wollte sie etwas Verbotenes lesen.
Mittags schlich sie, einen plausiblen Vorwand vorschützend,
hinaus und trat in des Vaters Arbeitszimmer. Dort nahm sie ein
~x~-beliebiges, dünnes Buch mit extravagantem Einband. Das mußte
„so etwas“ sein.
Dann trug sie es in ihr Bett, legte es unter die Polster, um danach
scheinbar gleichgültig ins Speisezimmer zurückzukehren.
Nachts, als alles schlief, zündete sie an, um zu lesen. Richtig! Eine
Liebesgeschichte für erwachsene Leute!
Sie verstand nicht alles, allein es war sehr schön: Da liebte ein Mann
ein Mädchen. Und er sagte ihr: Das Leben ist ernst und schwer. Wollen
wir miteinander gehen und treu zusammen aushalten? Das Leben ist oft
schmutzig, du aber bist rein wie eine weiße Blüte am hohen Aste.
Willst du mein Weib und mein Kind und meine Mutter sein? Sie aber sah
ihn mit ihren reinen Augen an und legte ihre Hände vertrauend in die
seinen.
Bertha las, las -- ihre Wangen wurden fiebernd. Dann glitt das Buch aus
den Händen, über die Decke -- sanft hinab bis auf den Teppich, wo es
zuklappte.
Ihre Gedanken aber kamen drohenden Gespenstern gleich, höhnend: Siehst
du, siehst du! Nun haben deine Lippen geküßt. Du Schulmädchen mit dem
Schulbuben, ihr schriebt euch Liebesbriefe, statt zu lernen.
Nun hast du die zarte Knospe Liebe in deiner Seele aufgerissen, ehe
es Frühling ward. Und das Leben ist so lang und so schön! -- Wenn es
dann einmal Mai in deinem Herzen wird und einer vor dich hintritt (dem
du nicht Küsse giebst, weil es die Eltern verboten) -- wirst du ihm so
selig -- rein in die Augen sehen können? So glücklich, wie im ersten
Kuß an einen, der deiner wert ist!
Ja, nun ist eines schon vorüber -- eins hast du dir selbst für immer
schon zerstört. Wen hast du gestraft in deinem Kindertrotz? Deine
Eltern oder dich?
Siehe zu, das Leben ist schwer. Da weinte sie um ein Süßes,
Ewig-Verlorenes, Niewiederbringliches, das sie verscherzt, wie die
ersten Menschen das Paradies.
[Illustration]
Großstadtdunkel.
Ja, ja, in einer Großstadt, da sieht man so manches, was man nicht
bemerken darf.
Diese Frauen z. B., von denen man nicht spricht.
Die sich nach den Männern umdrehen und so schöne Unterröcke haben.
Marie ging mit ihrer Tante. Lästig! Immer steckte jemand hinterher. Als
ob das Leben derart dann lustig wäre!
Frei sein wie ein Bub! Nicht immer wie ein kranker Vogel behütet
werden! Das wäre was!
Ihre Tante schritt in Engelsgeduld neben ihrer Nichte, aber solcher
Liebenswürdigkeiten wird man eben erst inne, wenn man selbst ins
Tantenalter kommt.
Plötzlich tauchte aus einem Hausthore ein widerliches, altes Weib auf,
welches ein wunderschönes, halbwüchsiges Mädchen vor sich herstieß:
„Nun, wird’s bald? Wenn du nicht bald anfängst, so giebt’s Prügel! Da
geht einer -- schnell!“
Das junge Mädchen aber machte ein Gesicht, als geschähe ihm das
Schrecklichste im Leben. Als wäre es ganz hilflos und allein allem
Elend preisgegeben. Völlig verlassen! Aus seinem wehen Blick schrie
diese Verlassenheit anklagend zu Marien hinüber. Beider Augen
begegneten sich eine Viertelsekunde.
Nie im Leben wird sie diesen Blick vergessen. Diese bodenlos tiefe,
einsame Qual.
Die Tante zog Marie schnell auf die andere Straßenseite.
Und nun ahnte sie manches, als würde sie plötzlich hellsehend.
Leise flüsterte sie zur Tante, die geduldig neben ihr einherschritt:
„Du Schützende, Gute!“
[Illustration]
Mädchenklatsch.
„Wieviel Taillenweite hast du, Grete?“
„Achtundvierzig Centimeter.“
„Und du, Mary?“
„Fünfzig.“
„Und du, Ella?“
„Siebenundvierzig Centimeter.“
„Gott, wie schön! Siebenundvierzig!“
„Du schnürst dich, du! Das ist unschön, Künstler sagen, es sei häßlich.“
„Ja, nur -- hm, ich habe mit einem Leutenant getanzt, was versteht ihr?“
„Natürlich, der schnürt sich selber, so darf er es an dir nicht tadeln.“
„Weißt du,“ sagte die bisher schweigsam dasitzende kleine Sophie, „du
wirst, wenn du heiratest, keine Kinder bekommen können.“
„Das will ich auch nicht, da würde ich meine Taille verlieren.“
„Ja, also wozu willst denn du auf der Welt sein?“
„Zum Tanzen, Schönanziehen, Rudern, Reiten.“
„Und du willst kein kleines Kind, das dich anschaut mit Augen, die
sagen: liebe Mami, ehe es noch sprechen kann.“
„Nein! denn ich kann den Kinderlärm nicht vertragen und dann -- die
Taille...“
„Ja,“ meint Sophie, „deine Taille wirst du behalten, aber dein Gesicht
wird alt werden. Dann wird auch dein Leutnant trotz deiner Taille nicht
mehr mit dir tanzen wollen. Du aber wirst allein sein, wie andere.“
„Ihr sprecht Unanständiges,“ sagte Mary. „Wenn ihr noch von euren
Courmachern sprechen würdet, aber vom Kinderbekommen, wovon wir noch
gar nichts wissen sollen.“
„Ihr wißt es ja doch,“ sagte Sophie. „Na, aber man thut so
dergleichen, aus Anstand!“
„Was soll denn da Schlimmes daran sein, Mary? An eine liebe Mutter zu
denken, die Tag und Nacht bei ihrem Kindchen wacht und seinen kleinen
hilflosen Leib pflegt, während die anderen tanzen und sich freuen.“
„Du regst immer Gespräche an, die nicht sein sollen, Sophie. Sieh, in
keinem Roman steht von kleinen Kindern, sondern immer nur von der süßen
Liebe. Aus Anstand, weißt du!“
Die kleine Sophie mit den ernsten, verträumten Augen: „Nein, nicht aus
Anstand, ich weiß eigentlich nicht warum. Es ist -- hm! vielleicht,
weil die Männer die Bücher schreiben. Sie wissen nicht, wie süß ein
kleines Kind ist.“
Ella: „Aber es schreiben doch auch Frauen.“
Sophie: „Ja, aber die trauen sich nicht. Sie schreiben, wie sie es von
den Männern gelernt. Ihre Seelen kriechen erst aus ihrem Leib heraus
und in ein Mannesgehirn hinein, dann erst schreiben sie.
Die Lieben aber, welche die Kinder gern haben, die schreiben nie. Die
sitzen zu Hause und heißen Mami und pflegen das liebe Kind, daß es
dereinst ein ordentlicher Mensch werde.“
Mary: „Laß es gut sein. Du bist noch zu kindisch. Erzähl, Ella, von
deinem Leutnant.“
Sophie leise in ihren Gedanken: Was haben sie von ihrem Rudern, Reiten
und ihren Leutnants? Alle Tage dasselbe Einerlei.
Ich aber möchte blühen wie die Erde, die Bäume bringt, kleine, die
wachsen und schön werden. Ich möchte ein kleines Kindchen. Lieben wollt
ich das Süße, bevor ich es noch sähe. Lieben und schützen. Es soll
einmal ein großer Mann werden, ja, so berühmt wie noch niemand...
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
„Sophie, Mary, Ella, schnell, wir haben Erlaubnis, in den Cirkus zu
gehen. Kommt, die Gouvernante geht mit.“
Alle ziehen sich an.
Sophie: „Ich danke euch, ich kann jetzt nicht mitgehen.“
„Warum?“
„Ach! laß sie, den launenhaften Spielverderber.“
Sophie, der es warm um die Augen wird, heimlich zu sich: Ich will das
Geld lieber der armen, blinden Frau geben, damit ich gut werde, für
einst -- für mein Kindchen!
[Illustration]
Ehe.
Die Mama war immer so bleich. Soweit sich Maria zurückerinnerte, aus
ihren Mädchenjahren bis zurück in die Kinderzeit -- immer sah sie die
Mutter bleich, mit den ernsten, wunden Augen und dem milden Lächeln um
die Lippen.
Der Papa liebt die Mama nicht. Entschieden! Maria sagt dies niemandem,
niemandem! Dennoch ist es so. Sie hat es schon als Kind gefühlt. Sie
wußte nichts damals, dachte nichts -- aber sie litt!
Niemals gab es Scenen oder Rohheiten im Hause. Die Eltern blieben immer
vornehm und gebildet. Aber es fehlte der Sonnenschein. Das Weiche,
Gütige, welches in einem Blick sich offenbart! Und wofür gerade
Kinder, denen Worte noch unverständlich sind, ein so feines Empfinden
haben.
Aber jetzt war sie schon ein Mädchen. Und es blieb das Gleiche.
Nie hörte sie zanken, oder ein rohes Wort. Aber es war da, wie die
Gewißheit, saß gleich einem Schiefer in schmerzender Wunde. Sie wußte
und schwieg. Niemand erfuhr ihr Geheimnis.
Sie litt.
Aber heute geschah Schreckliches. Sie saß mit Mama. Diese am Sofa, sie
selbst ihr ~vis-à-vis~ vor dem Spiegel, mit dem Rücken gegen die
Thür.
Es begann zu dämmern. Beide schwiegen. Da verstanden sie sich am
besten. Sie hätte so gerne ihre Arme um Mutters Hals geschlungen, in
heißen Küssen flüsternd: Du arme, arme Mami! Aber es ging nicht. So
durfte sie mit der, die ihr das Leben geschenkt, nicht sprechen. Wie
hätte sie der Tochter klagen dürfen -- -- --
Also schwiegen beide, nur ihr Empfinden sickerte in feinen Wellen durch
den Raum, vermischte sich, während die Lippen geschlossen blieben.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Es läutete.
Der Papa! dachten beide, aber niemand sprach es aus.
Und plötzlich fühlten sie eine schwere Müde in den Gliedern. Sie
wollten ihm entgegen, ohne es zu können. Es war etwas in ihnen, wie im
Kinde, dem vor Schlaf die Lider zufallen -- schwer -- müd -- -- --
Der Papa lachte, er ging durch die Zimmer. Endlich kam er ins
Nebengemach. Er schäckerte mit dem Stubenmädchen, das Licht anzünden
wollte.
Maria sah es genau durch den Spiegel. Da -- schrecklich -- ganz
unmerklich zuckte Mama zusammen. Sie konnte es nicht beschreiben. Es
war, als ob ihre Seele innen einen Ruck bekommen hätte. Dabei spreizten
sich ihre Augen auseinander, als sähe sie in einer Vision den Tod vor
sich. Die arme Mama! Es dauerte alles nur eine Tausendstelsekunde.
Papa hatte das Mädchen in die Wangen gekniffen.
Nun fühlte sie Mamas gefolterten Blick: Hat meine Tochter gesehen?
Da blickte sie in schamhaftem Mitleid auf die Tischdecke: ich denke
schon die ganze Zeit, wie diese Gobelins heutzutage eigentlich ganz
schön imitiert werden können.
„Ja, nicht wahr,“ sagte die Mama. „+Siehst du, alles ist möglich,
wenn man nur ernstlich will.+“
Dann stand sie auf, laut rufend: „Guten Abend, Papa.“ Und ging dem
Gatten entgegen.
Darauf saßen alle drei unter der Lampe. Papa, sie und Mama, mit den
wunden, traurigen Augen und dem gütig-verzeihenden Lächeln -- die Gute
-- Edle -- --
[Illustration]
Bei den Volkssängern.
Taratahi taho! Tschin! tschin!
Volkssänger, Auflauf.
Es ist Feierabend. Sie geht mit Vatern und Muttern zu den Volkssängern.
Sie ist ein sehr braves Mädchen, eigentlich ganz altmodisch erzogen.
In der Atmosphäre von Bier, Schweiß und Cigarrendampf lassen sie
sich an einem Tische nieder. Die Kellner schreien, die Frauen machen
dumme, possierliche Affengesichtchen auf die Männer, die wie Faune
dreinschauen.
Vorne auf der Bühne steht einer, der sich zu lange Arme und Beine
gemacht. Darüber lachen die Leute. Er singt, wie niemand singt;
springt, wie niemand springt -- darüber lachen die Leute.
Sie sieht alle diese Gesichter an. Schrecklich! Es liegt etwas
Gemeines, Rohes in dieser Freude. Alle werden häßlich. Plötzlich fällt
ihr ein, wie süß es wäre, wenn alle Menschen schön sein würden. Und wie
komisch es sei, daß die Menschen sich extra bemühen, häßlich und gemein
zu werden.
Wären doch alle schön! denkt sie. Dann erinnert sie sich der kleinen,
bleichen Martha, die immer den blinden Peter zur Kirche führt, während
die Gassenbuben sie auslachen. Die ist so schön. Nein! Sie hat ein
Stumpfnäschen und kleine, grüne Augen. Sie ist häßlich. Aber doch
schön. Ihre Seele leuchtet aus ihr heraus.
Die kleine Martha, die schöne Martha -- taratahi, taho! Tschin-tschin.
Alles applaudiert!
Endlich eine neue Nummer!
Wie die Frauen würdelos sind! Wie sie sich mit Blicken anbieten. Ihr
kommen die Thränen in die Augen: wären doch alle schön! Die Frauen
wenigstens -- so schön wie die kleine Martha.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Ein Weib tritt auf das Podium heraus. Sie hat kurze Röcke und ein
tiefdekolletiertes Kleid. Wie sie wunderschön ist! Das Kleid ist aus
glänzender Seide und Brillanten funkeln darin. Sie ist schön wie die
Märchenprinzessin. Sie tanzt und hebt die Röcke wie Flügel empor, so
daß sie einem wunderschönen, fliegenden Schmetterlinge gleicht.
Sie singt dazu etwas, was Geny nicht ganz verstehen kann und jedesmal
am Ende einer Strophe macht sie plötzlich ein häßliches, gemeines
Gesicht. Ihre Augen zwinkern. Die Männer aber klatschen, Beifall
schreiend, in die Hände. Geny weiß nicht warum, aber sie kann es sich
so ungefähr denken.
Und dann tanzt jene wieder so entzückend, die Märchenprinzessin.
Die Männer sitzen da mit Augen wie Feuerräder. Die Märchenprinzessin
aber lächelt und tanzt in funkelnder Seide.
Ihr Gesicht ist schön. Allein es ist ganz verklebt von einer dicken,
weißen Schicht Schminke, und die Lippen sind unnatürlich rot gefärbt.
Auch hat sie breite, schwarze Striche unter den Augen.
Warum machst du das? es ist häßlich, sagen Genys Blicke.
Weil sie es so wollen. Taratahi-taho! tanzt die Märchenprinzessin.
Dann zwinkert sie wieder mit den Augen. Ihr Gesicht wird gemein -- die
Männer applaudieren.
Die Augen Genys sind feucht. Du schöne Märchenprinzessin, warum machst
Du dich häßlich?
Genys Eltern stehen auf. Die Nummer ist aus. Sie gehen fort. Die Eltern
voran. Sie zappelt hinterdrein.
Im Korridore steht die Märchenprinzessin mit ein paar Herren plaudernd.
Geny guckt sie verwundert an. Die Märchenprinzessin macht plötzlich ein
böses, herausforderndes Gesicht, als wollte sie sagen: was willst du
kleine Alberne von mir?
Warum hat sie die häßliche Schminke? Darunter ist sie gewiß schön.
Und weshalb macht sie so gemeine Blicke? Darunter -- darunter -- ist
die Seele darunter schön?
Auf einmal wird ihr so weich und wehleidig zu Mute, sie weiß nicht
warum. Ihr thut so leid um die Märchenprinzessin. Es ist alles nur die
häßliche Schminke, darunter --
Im Nu geht sie, ganz impulsiv, auf die Märchenprinzessin zu, umarmt sie
und flüstert: „Schwester!“
Diese hat sie zuerst wild und abweisend angesehen, mit einem Blick voll
Rohheit, aber dann brechen zwei dicke Thränen aus ihren Augen, auf
ihrem Wege das Weiß-schwarz-rot der Schminke wegschwemmend.
Die Seele jener fühlt: ich danke dir, du bist der erste Mensch, der
nichts von mir verlangte und mir dennoch Gutes that.
Sie sehen einander gütig und heilig an. Ihr Weg liegt weit
auseinander. Die eine wird einst eine brave, kleine Frau, die andere
muß verkommen.
Aber einmal kamen ihre Seelen doch zueinander.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Die Eltern rufen: „Geny!“ Und sie zappelt schnell nach. Ihre Seele
fühlt: es ist doch nur die Schminke, die häßlich war -- nichts als die
Schminke -- -- --
[Illustration]
Allein.
Sie versteht sich mit Papa besser, als mit Mama. Die Mama hat sie nicht
lieb. Nicht, daß sie es je gesagt hätte, aber es ist so. Die Mama hat
niemand vom Hause lieb, auch den Papa nicht.
Sie sitzt nur immer da und träumt und seufzt. Wenn sie durch die Zimmer
geht, sieht sie niemand an, als wäre ihre Seele immer wo anders. Nur,
wenn dann die Gäste kommen, leuchten ihre Augen. Alle sehen dann auf
ihr schönes Kleid und ihre nackten Schultern. Sie aber lacht, daß man
ihre schönen Zähne sieht.
Dann läßt sie ihr Töchterchen rufen, damit es die Gäste begrüße. Das
Mädchen kommt in den Saal voll unbekannter Leute, sich selber fremd
mit dem gebrannten Haar und dem weißseidenen Kleide. Und eine schöne,
fremde Frau ruft sie heran, küßt sie auf den Mund. Diese Dame ist ihre
Mutter. Ihr ist so bang, aber doch so gut. Die Mutter jedoch küßt sie,
sagend: „Mein liebes Töchterchen!“
Sie weiß nicht, was das alles soll, die Lichter thun ihren Augen weh.
Aber die Mutter, die M--u--tt--er hat sie geküßt! Ist das gut! Ist das
süß!
Plötzlich weiß sie es ganz sicher in sich, vielsicher: sie hat ja die
Mutter so lieb. Es ist ja alles nicht wahr, sie hat die Mama lieb.
Und sie reckt sich zu ihr empor, um ihr ins Ohr zu flüstern: „Mami!“
Sie stockt. Sie wollte sagen: wirst du mich immer so lieb haben wie
heute?
Aber sie schämt sich und getraut sich nicht. Unten hat sie aber
unglückseligerweise mit den Füßen auf Mamas schönes Kleid getreten, daß
es knackt. Da trifft sie ein strafender Blick und sie muß hinaus.
Ihre Seele aber weint. Sie kann es nicht begreifen. Wegen dieses
dummen Kleides durfte sie nicht bei ihr bleiben.
Und nun sieht sie immer diesen zürnenden Blick. Ach!
Wo muß nur der Papi sein? Der ist noch im Comptoir und rechnet. Rechnet
und zählt den ganzen Tag, daß ihm davon die Haare vom Kopfe fielen.
Wenn nur der Papi da wäre, der hat wenigstens kein schönes Kleid an.
Doch der Papi hat zu arbeiten und Mama empfängt Gäste. Sie jedoch muß
mit der Gouvernante im kahlen Mädchenzimmer essen.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Es ist heute schon so was Warmes, Trauriges in ihr. So, als ob sie ganz
verlassen während des Regens im Freien stünde und um Obdach bettelte.
Sie geht zu Fräulein Anna, welches in der Ecke sitzend schreibt.
„+Liebes+ Fräulein Anna!“
„Betty! siehst du nicht, daß ich schreibe? Laß mich doch einmal in
Ruhe. Nicht fünf Minuten kann man für sich haben.“
„Verzeihen Sie, Fräulein Anna.“
„Und wissen Sie, Betty, ich muß heute noch auf eine halbe Stunde fort.“
Betty treten die Thränen in die Augen.
„Aber daß Sie nichts davon erzählen, sonst giebt’s Strafaufgaben.“
„Nein, niemand, Fräulein Anna.“ (Heimlich denkt sie, wen? sie denn nur
zum Erzählen gehabt hätte!)
Fräulein Anna geht fort mit einem Federhut, ganz weiß im Gesicht und
Brillanten in den Ohren.
Betty ist allein.
Wenn ich nur schon groß wäre! denkt sie. Dann werde ich auch einmal
Mama und bekomme einen Papa. Dann will ich zu ihm ins Comptoir gehen
und sagen: Komm, lieber Papi, laß die Sorgen! Draußen scheint die Sonne.
Ich will lieber kein schönes Kleid. Komm mit mir ins junge Grün und
gieb mir die Hand. Dann weiß ich wenigstens, daß ich nicht allein bin.
Denn es giebt so viele, viele Menschen, aber alle sind sie allein.
[Illustration]
Die drei Schwestern.
Hollah! der Papa ist zu Hause. Da darf man nicht viel Lärm machen,
denn er ist nervös. Aber +da+ ist er doch. Nun sitzen alle drei
plaudernd um ihn herum. Nur die schöne Mama geht umher, denn sie hat
mit den Blumen zu schaffen. Der Papa spricht und die Mama lächelt nur
manchmal vom Fenster zu ihnen herüber.
Der Papa weiß stets so Schönes, Merkwürdiges vom Leben zu erzählen.
Zuletzt aber fragt er sie immer: wenn ihr in diesem oder jenem Fall
gewesen wäret, was hättet ihr dann gethan? Und alle sagen dann, was sie
gethan hätten. Es ist wie in der Rechenstunde, alle lauschen gespannt
und denkfiebernd.
Doch einmal fragt der Papa: „Was hält jede von euch für das größte
Glück? Oder, ich will es besser so formulieren: was wäre euch heißester
Lebenswunsch?“
Alle Gesichter werden ernst. Selbst die Mama kommt herzu und lauscht.
Bertha, die zweite, sagt: „Ich möchte einen Freund, der mich nach
meinem Tode beweint.“
Mara, die jüngste, wird sehr rot, indem sie spricht: „Ich möchte ein
liebendes Herz, das treu für mich schlägt.“
„Und du, Elsa? Nun?“
Elsa steht da, aufrecht, plötzlich ganz bleich im Gesicht, mit
leuchtenden Augen und zerzaust eine Blume in ihren Händen.
„Nun, Elsa?“
„Ich, Papa? ich will nichts als Ruhm.“
Die Schwestern brechen in ein schallendes Gelächter aus. Die Stimmung,
welche harmonisch über allen lag, flirrt auseinander.
Der Papa ist plötzlich böse. Seine zürnenden Augen liegen drohend auf
den beiden Allzufröhlichen.
„Ihr seid albern,“ sagt er.
Innerlich fühlt er das Unabwendbar-Tragische in diesem Weib-Kind.
Dann wendet er sich zur ältesten, seine sonst herrische Stimme wird
förmlich schüchtern und eine Nuance leiser als sonst. Er flüstert fast:
„Da wirst du immer unglücklich sein, mein Kind.“
„Ja, das weiß ich,“ sagt Elsa herb und lächelt dazu, als hätte man ihr
das Allersüßeste verheißen.
Sie sieht vor sich hinaus, weit, weit in Fernen, wo es keine Eltern,
noch Geschwister giebt.
Sie blickt ins Land der stolzesten Verheißung. Alles ist still. Bertha
dreht ein Sacktuch um den Daumen, immer und immer wieder.
Papas Augen sind feucht: wie hatte ihn dies Kind da erraten! In alle
seine verborgensten Verschwiegenheiten geschaut. Ein großer, edler
Ehrgeiz, der lag auch in seinem Blute!
Hjah! den hatte sie von ihm geerbt. Er sah auf dieses halbwüchsige
Mädchen in seiner schlanken Kraft, mit dem trotzigen Zug um den
Mund. Ihm ward wehe. Wie hatte er gestrebt, gesehnt, gewollt und viel
erreicht, aber dennoch -- nicht alles. Er wußte -- die Erfüllung war er
noch nicht.
Und dort stand die schöne, bleiche Mutter. Ihr Blick glitt schamhaft
über die Bilder an den Wänden, die ihre Hand gemalt. Man sagte, sie sei
genial -- allein es war doch noch nicht das -- das -- +Genie+!
Ganz nahe daran, wie ein Ansetzen dazu, wie eine große Sehnsucht
danach, aber nicht es selbst.
Und dieser beiden Sehnsüchte hatte dies Kind bekommen.
Nun sahen sie einander an und verstanden plötzlich ihre schamhaft
heimlichsten Hoffnungen, welche nie die Lippen gestanden.
Es liegt Schmerz und Enttäuschung darin, die Scham der Armut. Noch
heißt es warten, ansammeln, aufspeichern durch die sparende Geduld von
Generationen.
Segnend und wehmütig fällt beider Blick auf den Scheitel ihrer Tochter.
Wenn sie nur kein Mädchen wäre, denkt der Vater.
Die Mutter aber: wird +sie+ es endlich? Bringt +sie+ die
Verheißung unserer Generationen oder ihre Lenden?
Die Schwestern sind verschämt, aber trotzdem kitzelt sie noch ein
schlechtverbissenes Lachen. Elsa sieht niemand, sondern träumt: das
Leben ist mein, denn ich erzwinge es mir.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Aber es kam anders, als die drei erwachsen wurden.
Berthas Gemahl starb, die Wittwe in Thränen lassend. Und Maras Gatte
wurde ihr untreu. Elsa aber verstand, was sie damals mit dem Worte
+Ruhm+ gemeint hatte. Sie verstand darunter „+Größe+“. Und
die Erhabenheit wich nicht aus ihrer Seele.
Sie dachte: was brauchen Frauen das Buhlen um Erfolg? Seien wir groß!
Und dabei wurden ihre Pupillen so schmerzlich weit und traurig.
Dann sah sie mit dem Blick ihrer Eltern auf ihren kleinen Knaben, mit
jenem Blick voll flehendem Herzeleid: „bist du es endlich? Bist du die
Erlösung? O künde mir es, bevor ich sterbe!“
[Illustration]
Tatjana.
Schon als ganz kleines Kind war sie anders als die übrigen. Sie schien
gesund und blühend, hatte auch volle, runde Kinderbacken. Aber immer
kam ihr junger Organismus bei geringsten, fast unbeachteten Anlässen zu
Erschütterungen, die von Verdauungsstörungen und heftigen Krämpfen im
Unterleib gefolgt waren. Dann legte man sie zu Bett und sie träumte.
Für sie war Kranksein und im Bette liegen der Inbegriff des Schönsten.
Dann starrte sie vor sich hin, dachte, sie läge in einem gläsernen
Sarge, der weit hinausschwämme ins ferne Meer, wo nichts zu erblicken
als sie und weite Wolken und unendliche Wässer.
Dieses Lieblingsbild ihrer Kinderphantasie war charakteristisch für ihr
Wesen. Selbst bewegungslos aus dem kleinsten Raum in das Unendliche
hinauszuträumen. In ihm, der Ausgeburt eines kaum dreijährigen
Gehirnes, lag schon der Keim für ihr ganzes künftiges Werden.
Sie blieb bewegungsfaul und träumte gerne. Lachen, springen, lärmen
war ihr ein Gräuel. Bis in ihr zwölftes Jahr hatte sie überhaupt
niemand lachen gesehen. Noch weniger springen oder laufen. In einer
Ecke zusammengekauert oder die gefalteten Hände ums Knie geschlungen,
während die weiten Pupillen verloren in die Ferne starrten, war ihr am
wohlsten.
Später kam jene Zeit der Unruhe, der Fieber, des Unbehagens ohne Grund,
wo aus dem Kind das Weib geboren werden soll.
Da löste sich das erste Lächeln von den geschlossenen Lippen und unter
Schmerzen, Zittern und Stolz fühlte sie sich, dem Kinde entwachsen,
Mädchen, Weib.
Das war die erste Freude in ihr. Etwas, was sie mit andern einte,
gleichmachte.
Denn die Mädchen tuschelten untereinander, ganz rot: „Hast du schon? --
hm? -- du verstehst --???“
Und die, so noch Kinder waren, wurden wie etwas gar Verächtliches
angesehen! Aber in den Augen der andern lag ein Glanz, in ihrer Haltung
plötzlich über Nacht ein Stolz, wie in der Pflanze, die eine Blüte
angesetzt.
Tatjana kam einst in die Pensionsklasse; sie, die stets zu früh
erschien, um sich schweigend, gleich wie in ein Versteck auf ihren
Platz zu flüchten, hatte sich verspätet.
Fast alle Kolleginnen waren schon anwesend und sahen mit Erstaunen auf
das fast diaphane Antlitz Tatjanas, deren Augen fiebrig glänzten.
Eine Freundin zog sie in die Fensterecke. „Aber Tatjana, was ist’s
denn? Ich wette, du -- -- --“
„Ja,“ sprach Tatjana. Und eine königliche Würde lag in Wort und Geberde.
Damals, als sie ihnen gestehen konnte, daß sie das Schicksal reif zum
Leben befunden hatte.
Und allen war heilig und schicksalsbang über das, was kommen mußte und
vor ihnen lag, noch in Dunkelheiten verhüllt.
Aber sonst gab es nichts Gemeinsames zwischen ihnen und ihr.
Das Geschehen rollte der Zeit entlang. Die einen heirateten, andere
studierten, andere mußten Stellen zu ihrem Lebensunterhalte suchen. Das
äußerliche Leben ist so schwer und drängt fast alle in denselben Weg
nach Brot.
Aber es giebt noch ein innerliches Leben; dies lebte Tatjana.
Gerade als ihre Eltern für sie einen soliden Herrn gefunden hatten,
der pensionsfähig war, weder trank noch Karten spielte, noch sich in
schlechter Gesellschaft umhertrieb, erklärte Tatjana, sie wolle ins
Kloster.
Man denke den Jammer ihrer Eltern! Sie war mit diesem Herrn so
gut als verlobt. Während sie bisher mit den beiden die Abende
verplaudern mußte, hatte sie nun diesem Herrn Antworten zu geben, auf
all das Verschiedene, was er sie fragte und worin er manchmal die
Würze belehrender Wahrheiten einstreute. Aber Tatjana hörte nicht
darauf. Wenn sie nun auch wohlerzogen genug war, in anmutsvoller
Haltung scheinbar lauschend hinzuhorchen, so blieb ihre Seele doch
zusammengekauert und träumte ins Weite.
Man zog über die Geistlichkeit los, die die Seelen verführe und von
allem praktischen abwende. Sie solle sagen, wessen Einflüsterungen sie
erlegen sei. Wer doch der intrigante Priester wäre, der sie lehre, dem
Willen ihrer Eltern entgegen zu sein. Wann? wo? man ließ sie doch nie
allein.
Tatjana verstand nicht einmal, was Vater und Mutter meinten. Ihr hatte
niemand zugeredet. Ganz zufällig las sie in einem Zeitungsfetzchen,
worin eine Anstoßschnur, die sie gekauft hatte, eingewickelt war,
von einem Kloster, worin das Sprechen verboten sei. Die ärgsten
Demütigungen des Stolzes würden dort den einzelnen auferlegt, obwohl
zumeist die Erbinnen alter Adelsgeschlechter darin aufgenommen wären.
So mußten sie z. B. im Freien Esel oder Gänse hüten. Tatjanas Seele
prägten sich nur die ersten Zellen ein: nicht sprechen, allein sein.
Auf einer weiten, weiten Wiese, ohne Meer zwar, aber den Himmel über
sich. Und ist das nicht der tiefste, geheimnisvollste Ocean, größer als
alle Seen der Erde, mit leuchtenden Welten, die darin herumschwimmen,
weit hinaus über die weißen Korallenstöcke der Milchstraßen -- -- --
Ihr wurde weit und wohl, als wäre ihr ganzer Leib ein Gebet an das All.
Aber die Eltern drangen auf Gehorsam, schalten über ihre
Hyperreligiosität in Unerkenntnis des heimlichen Grundes ihrer
Seelensehnsucht.
So wurde sie, entgegen ihrem Wunsche, dieses Herrn Gemahlin.
Ihr Herz hatte keine Liebesknospen angesetzt, denn ihrem Leben war
niemand erschienen, der der weckende Frühling ihrer Seele hätte sein
können. Zu Liebschaften war sie aber zu ernst und tief.
Doch wurde sie ihrem Gemahl eine mustervolle Gattin. Und mehr verlangte
man nicht von ihr, als dieses Aeußerliche. Mehr hätte sie auch nicht
zu geben gehabt. Im Innern aber blieb sie die Gleiche. Nur war der
Ocean nun das Leben, das tiefer und unfaßbarer als alle Himmel ist.
Und darin schwamm sie im Netze ihres engen Geschicks, einsam, ganz
allein umher zwischen den dräuenden Gefahren böser Erfahrungen, die wie
Meeresungeheuer ihren Untergang verlangten. Darin träumte sie -- im
Ocean des Lebens allein.
Und alles äußere Geschehen wurde ihrem innersten Wesen nach ein
träumendes Gefühl, wie bei anderen ein Gedanke, oder noch anderen eine
That.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
„Und so soll das Leben aus sein, weil sie ihr’s verpfuscht haben? Das
+eine+ Leben!!“ rief die resolute Brigitta, welche der Geschichte
zugehört und die immer oppositionslustig war.
„Aus? verpfuscht?“ sagte Agnes, während sie sinnend vor sich
hinstarrte. „Aber es geht nicht zu verderben.“
„Wieso denn nicht?“ sprach Brigitta, die Specialistin für Eltern- und
Erzieherkritik! „Wenn alles gegen ihren Willen ging!“
„Nicht doch,“ entgegnete Agnes. „Alles blieb, wie es sein mußte, ob
sie geheiratet hätte oder nicht, geliebt oder nicht, glücklich oder
unglücklich gewesen wäre, immer würde sie dieselbe grübelnde Träumerin
gewesen sein. Immer, in allen Lebensmöglichkeiten. Also, was hätte
jemand daran ändern können? Ein paar äußerliche Zufälligkeiten. Weiter
nichts.
Jedes wird, was in seiner Natur vorbereitet liegt.“
„Ja,“ sprach eine, die den Spitznamen Fräulein Chrysantheme trug. Sie
war sorgsam gelockt, parfümiert und herausstaffiert wie die kostbarsten
jener Treibhauspflanzen, deren Namen man ihr gab. Sie war schon Braut
eines sehr reichen Menschen, der den ihr nötigen Luxus verschaffen
konnte und von ihr nichts verlangte, als daß sie die Schönste und
Eleganteste sei.
Im Gedanken an ihre voraussichtlich glänzende Zukunft wiederholte sie
triumphierend mit jenem Stolz ohne Duft ihrer Blumen: „Jedes wird, was
in seiner Natur vorbereitet liegt.“
„Ja,“ seufzte es aus der dunkelsten Ecke, wo Violetta saß. Und sie
fühlte mit heimlichem Grauen, daß sie ihre Seele verschenken müsse,
sei es für ein Leben, einen Tag oder eine Stunde, wie das Schicksal
es dann wollen wird, aber verschenken, ohne zu fordern. Verschenken!
Verschenken ohne Gegenglück -- o! und vergessen sein, wie der, der
schenkt, ohne Erwiderung zu erwarten. Vergessen, wie der Sonnenstrahl,
der lebengebende.
[Illustration]
Loras Wirtschaftswoche.
Wie sie aussah, wollt ihr wissen? Ob sie „schwarze, schwarze“ übergroße
Augen hatte und eine „weiße, weiße“ Haut, eine schlanke, schlanke
Taille und dazu eine sehr üppige Brust.
Nein, seht ihr, so war’s nicht. Sie ist keine Romanfigur, sondern ein
lebender Mensch, und die Farbe ihrer Augen ist rätselhaft graugrün.
Sie hat auch kein klassisches Gesicht. Ihre dunkelbraunen, lockigen
Haare lassen die junge, schon durchfurchte Stirne und die mächtig
hervorgebogenen Hügel über den Brauen frei. Doch bedecken sie
eingefallene Schläfen, die von dem Mangel an Eßlust der Trägerin
Zeugnis geben. Die Nase ist oben breit angelegt und verläuft
fleischlos und schmal in ein paar stets vibrierende Nasenflügel. Das
Kinn springt nicht vor, aber ist wohlwollend, breit und zeigt viele
Festigkeit.
Die Kleine heißt Lora. Solche 18 Jahre, das ist Jugend, sag ich euch!
Diese Fröhlichkeit. Immer ein Witz, eine Taquinerie auf den Lippen,
immer Worte, auf welche die Männer wie Bienen nach dem Honig gehen. Sie
ist eigentlich frei in ihren Bemerkungen, macht nicht die schamrote
Jungfrau, sondern spricht offen über alles, was sie im Leben mit ihren
eigenen Augen gesehen. Denkt Euch!
Dabei ist sie so aalglatt in ihrem Benehmen, daß sich keiner ihrer
Verehrer auch das geringste erlaubt. Nicht einmal das bekannte,
geraubte Küßchen in einer Ballsaalnische.
Die Eltern können sorglos sein. Jetzt schon sind ein paar
Heiratsanträge da. Lora will aber nicht und -- na, da darf sie auch
noch warten. Es ist auch zu hübsch im Hause mit ihr. Die zwei jüngeren
sind einsilbiger; machen als wären sie nur da, um zu Lorens Witzen
zu applaudieren. Grete, die jüngste, ist sentimental und weint über
alles. Amalie, die zweite in der Schwesternreihe, ist jedoch die
Praktische. Immer sitzt sie und überrechnet jeden Pfennig ihres kleinen
Monatsgeldes oder ordnet die Wäsche in ihrem Schrank, in dem ohnedies
alles so peinlich eingereiht ist. Sie wird einmal sicher ein braves
Hausmütterchen.
Das kann man eigentlich von Lora nicht sagen. Es ist, als entzöge sie
sich dieser behäbigen Pünktlichkeit, die so segenvoll jedem Haushalt
wird.
Kommt +ihre+ Woche der Hausführung daran -- denn jede der drei
hat abwechselnd nach einander eine Woche die Hausfraupflichten -- so
ist das ganze Haus wie Geisteshänden übergeben. Nichts von Amaliens
Pünktlichkeit. Bei dieser weiß man wenigstens, um so und so viel
ist das Frühstück und dann das Mittagsmahl. Dabei stets ausreichend
zu essen und Speisen, die der Köchin wenig Mühe machen. Alles ist
geregelt. Amaliens Woche ist auch sehr vom hygienischen Standpunkt zu
empfehlen. Einmal wöchentlich Hülsenfrüchte (wegen der Zähne); zweimal
Schweinebraten, einmal Kalbfleisch und Freitags Fisch. Sonst Beefs.
Und nachher dreimal wöchentlich Mehlspeisen. So, da weiß jeder, wie er
daran ist. Auch Grete ahmt Amalien nach.
Nur diese arme Lora! Ihre Woche ist so was ganz Merkwürdiges. Die
Köchin fürchtet sich davor. Immer lauter komplizierte Gerichte. Immer
etwas, woran mindestens eine Stunde gerührt oder mit der Schneerute
geschlagen werden soll. Und dabei muß man acht geben, wie auf die Lunte
einer Bombe. Dann kommt so wenig auf den Tisch, daß jeder kaum so viel
bekommt, als nötig ist, daß er Lust hätte, mehr zu wünschen.
Lora macht dabei auf Anklagen das unschuldigste Gesicht: „Was wollt
ihr denn? Was ihr soeben gespeist habt, ist nur allernahrhaftestes;
gleichsam die Essenz der Speisen. Viel nahrhafter, als das schwere,
schlechtverdauliche Zeug, womit ihr sonst den Magen überladet, und das
euer Gehirn dann denkunfähig und faul macht.“
Lora geht, wie ihr staunend hören werdet, selbst in die Küche. Es
ist kein „Schwindel“ möglich. So und so viel Eier und so und so viel
anderes. Sie weiß es ganz genau. Und dann das schreckliche Rezept
erfinden! Lora sagt: „Aus dem Kochbuch? Nein! Wir wollen etwas machen,
was noch niemand gegessen hat.“
Dann kommen die sonderbarsten Gerichte. Canapes von Artischockenböden
mit Fülle von einem seltsamen Champignonragout, überzogen mit... u. s.
w.... oder eine ganz besondere Sauce von Hahnenkämmen, wie sie nirgends
angegeben steht. Die Kochkönigin, deren Herrschaft die Küche ist, sinkt
zu einer Rührmamsell herab. Ohne Loras Gegenwart kann kein Gericht zu
Ende gebracht werden. Und das Fräulein ist so genau.
„Nicht mit den Händen, Käte, nur nicht mit den Fingern! Dazu sind zwei
Gabeln da,“ sagt Lora, die sich leicht ekelt. Dann hantiert die Köchin
damit so ungeschickt, wie jemand, der zum ersten Male Stelzen geht.
Dennoch zittert sie vor Angst, wenn das Fräulein fortgeht. „Es wird was
geschehen, es wird verpanschen, bitte, bitte, bleiben Sie, Fräulein
Lore.“
„Komme schon wieder, Käte, bis es Zeit ist; nur immer nach rechts
rühren, sonst wird’s nichts.“
Und das Fräulein schlüpft hinaus, leicht, elastisch, den Saum des
weißen Kleides sorgsam emporgehoben.
Käte rührt ängstlich. Wenn’s nur was wird! Sie traut sich unter keiner
Bedingung aufzuhören. Dann schimpft sie innerlich über das Fräulein, in
dem Maße, als ihre Finger müde werden.
Da ist aber das Fräulein wieder da. „Nein, diese verteufelte
Sauce, bei der alle Finger krachen. Es ist Schinderei, so was zu
kochen,“ sagt Lore in einem ärgerlichen Tone, der so gut zu Kätens
momentanem Gedankengang paßt, daß diese auflachen muß. Und so ist der
Küchenfrieden wieder hergestellt.
Lore legt dann die letzte Hand an, wie der Bildhauer an des Abbozzators
grobe Arbeit. Und dann ziert sie alles gefällig, verführend,
appetitreizend.
Darauf schlüpft sie in ihr Zimmer, doucht sich, wechselt das Kleid,
denn der Küchengeruch ist ihr unerträglich und sie schmückt sich
gerne zum Essen. Alle Blumentöpfe, die im Hause sind, werden um den
Tisch gestellt. Ueberall Sträuße oder blühende Blumenstöcke. Einer
ihrer Verehrer, der zufällig zur Essenszeit im Hause erschien, fragte
erstaunt, ob heute wohl ein Familienfest sei. Heimlich vermutete er,
weil es gar so blumenfroh aussah, es sei seiner Geliebten Geburtstag.
„Meine Woche ist’s,“ sagte sie lächelnd, während er von ihr auf alle
die weißen Azalien, Hyazinthen und Fraisien sah, die blütenduftend
erfreuten.
Kam dann das Essen, so wurde niemand satt, als die Augen. Denn alles
war so hübsch. Und Lore begriff nicht, wie man so viel essen könne. Sie
naschte kaum von jedem und sobald ein Schüsselarrangement zerstört
war, konnte sie’s nicht sehen, es ekelte sie davor.
Was sie freute, waren die Blumen. Sie legte in diese Organismen eine
Fülle von Bezauberung, welche deren Leben ihr gewährten. Es war
eigentlich das Einzige, was sie wirklich liebte. Nur der Duft geliebter
Blumen, (denn auch unter ihnen hatte sie Antipathien), vermochte ihrer
Seele eine Weile innere Heiterkeit zu geben.
Denn wie sehr man auch darüber staunen kann, Lores Seele war voller
Schwermut. Nicht, daß sie sentimental gewesen wäre, aber alles in ihr
drängte nach außen, gepeinigt von Sehnsuchten, deren Ursache und Ziel
sie selbst nicht kannte. Zerstört von Wunden, die verfließend schienen,
wie die zartfarbigen Nebel am Himmel. Gewürzt von Enttäuschungen, die
ihr das Leben schon gab, als sie es erst sah, ohne es genossen zu haben.
Das schönste war weg: die Illusionen.
Wie allen Mädchen, meinte man auch ihr nichts Besseres, Weiblicheres
mitgeben zu können, als Illusionen. Diese wurden in ihr großgezogen,
wie künstliche Treibhauskulturen, wo es Pflanzen voller Blüten giebt
und kein einziges, lebensnotwendiges grünes Blatt.
Aber auch sie hatte Augen, sah und war unglücklich. Doch schwieg sie
ängstlich darüber, daß sie das Leben so schaute, entkleidet seiner
Poesie. Sie schämte sich dessen, wie ein Ungläubiger, der aus Ehrfurcht
vor dem, was er verloren, eine Blasphemie auf den Lippen zurückhält,
die ihm doch aus ehrlichem Herzen käme.
[Illustration]
Mütterchen erzählt!
(Zwei Märchen.)
(Ein warmer, hellerleuchteter Raum. Um den runden Tisch sitzen: die
Mutter, Fritz, 6jährig; Marie, 9jährig; Kätchen, 14jährig.)
„Mütterchen, erzähl uns was!“
„Ei,“ sagt die gütige Mutter, „ich habe drinnen einen ganzen Kasten
voll Bilder. Da will ich eines nach dem andern hervornehmen und euch
zeigen.“
„Wo ist der Koffer?“ rief der neugierige Fritz.
„Sachte mal! Warte nur! Es sind gar keine gewöhnlichen Bilder. Wer
nicht ein unschuldig Herz hat, der kann sie gar nicht sehen. Dem
Aufmerksamen aber erscheinen sie wunderhübsch, und der Beste sieht sie
am schönsten.“
Alle warteten gespannt, denn Mütterchen wußte so schöne Geschichten zu
erfinden.
Da fing die Frau an:
„Es war einmal ein Junge, der weder Vater noch Mutter hatte. Beide
waren dort draußen am Friedhof unter der Erde. Wenn es ihm gar zu
traurig zu Mute wurde, ging er hinaus, um die Eltern zu sehen. Die aber
lagen tief unter der schwarzen Erde. Da konnte er sie nicht erblicken.
Deshalb weinte er, denn er hatte niemand, der ihm den Weg ins Leben
zeigen wollte.
Die fremden Leute, bei denen er wohnte, wiesen ihm die Thüre und
sagten: Nun bist du groß genug, dich allein weiter zu bringen, gehe
jetzt in die Welt. Irgendwo draußen ist das Glück, gehe hin, es zu
suchen.
Darauf schlossen sie die Thüre hinter ihm. Nun war er draußen. Aber es
wurde ihm sehr bange. Er fing zu laufen an und es war ihm, als müßte
er noch heute an das Ende der Welt, wenn er nicht den Mut verlieren
wollte. Da kam er in den verzauberten Wald. Ich will doch ein wenig
rasten, meinte er, während er sich auf einen schönen Rasen niederließ.
Plötzlich horchte er auf. Durch die Stille des Waldes klopfte und
hämmerte etwas, das war sein Herz. Warum fürchtete er sich nur so?
Alles war ruhig um ihn, die Vögel ruhten Gefieder an Gefieder; die
Blumen blühten still; niemand that ihm was zuleide. Da kam auch der
Friede in ihn und er schlief ein. Im Traum erschien ihm eine schöne
Fee, setzte sich zu ihm, streichelte ihm die Wangen und küßte ihn auf
den Mund. Und plötzlich war es ihm so gut wie noch nie. Er sah sie an,
sie war so schön, o so schön! Aber am herrlichsten waren ihre Augen,
die schienen so tief, wie der tiefste See und so weit, wie der Himmel.
Und wenn man hineinstarrte, wurde man jung und froh.
Ihr klagte er all sein Leid. Er erzählte ihr alles, was er gelitten,
aber plötzlich kam ihm dies alles so gering vor, daß er dabei lachen
mußte. Und bei der Schilderung jedes neuen Schmerzes von einst lachte
er immer mehr, so sehr schien ihm jetzt alles unbedeutend.
Warum hatte es ihm nur einst so weh gethan?
Nun sah er sie an und fragte: wer bist du?
Sie lächelte aus ihren Augen und sagte: ich bin die Zufriedenheit. Aber
manche nennen mich das Glück.
Ei, rief er, das trifft sich gut, ich suche ja eben das Glück. Willst
du immer mit mir bleiben? Das hängt von dir, aber nicht von mir ab,
sagte das Glück.
So lange du mich allein liebst, bin ich bei dir, aber sowie du an
anderes denkst, muß ich dich verlassen. Bewahre dir ein einfältiges
Herz, dann bleiben wir immer zusammen.“
Ei gewiß, sagte der Junge. So soll es immer bleiben und nun schau, daß
wir beide schlafen können.
Aber morgens kam der böse Dämon und kniff ihn ins Herz.
Auh! schrie der Junge.
Mit Verlaub, sagte der Dämon, ich sah Sie da so gedankenlos schlafen,
während das Leben dahin fließt. Da suchte ich Sie auf eine zarte Weise
zu wecken.
Du Grobian, du.
Mit Verlaub! Ich wollte Ihnen nur jene schönen Knaben und Mädchen
zeigen, die dort in Reihen vorüberziehen.
Da sah der Junge plötzlich, daß sein Kleid ärmlich und verschlissen war.
Traurig sagte er: Ich kann nicht mit.
Ei, sehen Sie, das ist Ihre Schuld. Warum träumen Sie, statt sich um
etwas zu kümmern?
Träume ich?
Na ja, natürlich! Sie thäten besser, Ihre Toilette zu wechseln.
Aber ich bin arm, dies ist mein einziges Kleid.
So? Nun dann laufen Sie, zu suchen, wo Sie was finden können.
Wo sind die anderen?
Fort, sagte der Dämon, an’s Ende der Welt. Dort ist Glück. Wirklich?
sagte der Junge. Am Ende der Welt, wo es so vieles zu sehen giebt!...
Ja, dort.
Da durchzog ihn plötzlich eine Sehnsucht, die Welt zu sehen und zu
erkämpfen, zu erobern: Geld, Reichtum, alles, was glücklich macht!
Er fühlte in seinem Herzen inmitten dieses dunklen Verlangens einen
schmerzenden Stich und vor sich sah er zwei wunderschöne Augen, aber er
erkannte sie nicht mehr.
Nun machte er sich auf den Weg. Und der Dämon war sein Begleiter. Jetzt
durfte er freilich auf keinem Wege mehr ausrasten.
Weiter, weiter, sagte der Dämon.
Jetzt hatte er weder zum Lachen noch zum Weinen Zeit. Die Welt ist gar
so weit. Es war zum müde werden. Aber der Dämon peitschte ihn fort,
weiter, weiter! Nun trug er schöne, seidene Kleider und schlief in
Betten aus duftenden Hölzern, und viele Diener waren um ihn, die seiner
Befehle warteten. Aber der Dämon rief: Wie stünden dir silberne Kleider
gut, und wie schön ruht es sich in Betten aus kostbarem Elfenbein. Da
lief der Junge, sich dies zu erwerben.
Dann stellte er sich vor den Dämon und sagte: Siehst du mein
schimmerndes Silberkleid und das Bett aus feinstem Elfenbein?
Nicht übel, meinte der Dämon. Aber würdiger ist doch ein goldenes Kleid
und ein Bett aus Gold und Edelsteinen.
Nun war dem Jungen die ganze Freude vergangen und er arbeitete, bis das
goldene Kleid sein wurde.
Dann stellte er sich im Goldkleid neben sein Edelsteinbett und rief den
Dämon.
Keine Krone? sagte dieser.