Nach einer längeren Weile das

+Mädchen+: Muß man nicht unglücklich sein, wenn die Schwesterseele

nicht zu finden ist?

+Weib+: Du nennst sie Schwesterseele. Nenne sie Allmenschenseele,

das wäre besser. Aber deine Augen sagen es mir, du verlangst mehr vom

Leben. Die Schwesterseele bin ich dir. Doch du wünschest mehr. Deine

hungernden Mädchenaugen verraten das Verlangen nach Glück.

+Mädchen+ (leise): Und Glück ist Liebe.

+Weib+ (traurig): Auch du, die der neuen Generation! Ist dies ein

Mangel unserer Gewöhnung oder unserer Erziehung, werden wir alle immer

so denken müssen?

+Mädchen+ (seufzt).

+Weib+: Wäre unsere Welt wirklich so eng? Der Mann hat Berge und

Bergestiefen, Meer und Meeresgrund, Reiche, Sternenwelten und noch über

sie hinaus Sehnsüchte, und wir, wir hätten nur die Liebe? Sind wir so

arm?

+Mädchen+: Und er hat noch die weiten Reiche, die er unter dem

Mikroskop sieht: Wunder über Wunder, Staunen ohne Ende! Ist das Leben

nicht das allerherrlichste Märchen? Da siehst du in ein kleines, dünnes

Rohr, nicht größer als dein Auge und drinnen, dahinter liegen plötzlich

Welten, Reiche von Ungekanntem ... Und immer neues, immer wieder!

+Weib+: Wir aber, wir hätten nur die Liebe?

+Mädchen+: Der Mann sehnt sich auch nach Liebe.

+Weib+: +Auch!+ Du sagst es. Aber wir sehnen uns +nur+

nach Liebe. Hast du nicht Frauen beobachtet, die einen Beruf haben?

Der Mann wird sein Lebensziel ernst nehmen, und Liebe wird ihm das

Versüßende sein. Der Frau aber wird die Liebe ernst sein und der Beruf

ein Tändelding. Ein Ding, das sie ihrer Erwartung wie eine Schürze

vorhängt.

+Mädchen+: Wer lehrte dich so bittere Gedanken? War das Leben so

schlimm mit dir?

+Weib+: Ich meine nur so. Es ist keine Bitterkeit darin.

Vielleicht habe ich unrecht. Es quält mich nur manchmal in schlaflosen

Nächten, das zu finden, was uns wirklich aus unserer inneren Natur

heraus angepaßt wäre. Damit wir von dort aus unser Lebensziel fänden.

Nicht was wir eben „auch“ leisten könnten, sondern was nur wir zu

stande brächten.

+Mädchen+: Und wenn es die Liebe wäre!

+Weib+: Dann müssen wir sie eben zu unserem Lebenszweck erheben.

Liebe zu allem Geborenen; zu allen Leidenden, Trostsuchenden. Dann

soll es die Liebe sein, mit der wir den Ernst, den Schmerz der andern

lindernd durchleuchten.

+Mädchen+: Es ist noch etwas. Ich finde die Worte nicht, aber ich

trage es in mir.

+Weib+: Du Einfältig-Süße, die du die Erfahrene lehrst! Auch wir

waren nicht ganz arm. Denn in uns liegen, dem Manne unbewußt, der

Kräfte viele. Ohne Erworbenes zu sein, ruht es in uns. Und wir liegen,

wie die Frucht im Mutterleib, geschützt im Schoße des Alls. Das ist

das Uns-Eigene. Warum sollte nur herrlich sein, was der Mann sein Werk

nennt.

[Illustration]

Kleines Kind.

Die Bäuerin hielt das Kind am Arm und sah dem Horo[1] zu.

Du, sagte zu ihr die junge Stadtfrau: Ist’s ein Bub’ oder ein Mädchen?

Nein! Ein Bube!

Wie alt?

Schon fast zwei Jahre.

Geht er?

Ach nein, noch immer nicht.

Die Stadtfrau sieht sein bleiches Gesichtchen an, welches klagt: noch

immer nicht, ich bin ja so krank!

Fidelfideldidilum!

Sieh’ ’mal die dort an, wie sie tanzt, die mit dem goldflittrigen

Kleide, das ist meine Tochter!

Aber dein Kleiner?

Ist sie nicht schön und weiß und blühend?

Liebe Stadtfrau, sie trinkt mein Blut, sie saugt am Mark meiner

Knochen, für mein Fleisch kauft sie sich Goldflitter und die Mutter

hält mich fest dazu, daß ich nicht fortkann.

Das Kleid hat viel gekostet, eine Kuh und ein Kalb.

Frau, dein Kindchen ist blaß.

Und leise in der Seele löst sich’s los und legt sich warm über des

Kindes Seele.

Da hebt der Kleine sein schmerzlich-gleichgültiges Gesichtchen.

Der Kopf, den der abgemagerte, unnatürlich helle Hals nicht zu tragen

vermochte, lag kraftlos auf der Schulter!

Aber jetzt wurde ihm gut. Und seine klugen, totgezeichneten Augen sahen

nach der Stadtfrau.

Die Frau erschauerte.

Aus dem mageren Körper flatterte eine zuckende Seele empor und legte

sie mit mildem Schauer um ihr Sein.

Und etwas sprach -- aber nicht mit armen Menschenworten, sondern

unendlich schöner, heiliger zu ihr, flog ihr zu wie heißer Dank, wie

inniges Verständnis, klagte von frühem Tod und einsamem Sterben. Und

noch viel heimlicher tönte es darunter: auch du leidest, auch du!

Die Stadtfrau bebte. Ist’s möglich! Die Vernunft sagt doch nein!

Aber ein Neinsagen ist doch kein Ungeschehenmachen.

Die Augen des Kindes erschlossen sich plötzlich, es blühte ein Glanz

darinnen auf, der zu ihr herüberstrahlte.

Endlich hab’ ich dich doch gefunden, mein Teil, mein Sein, meine Seele!

Nun kann nichts mehr schaden.

Träume ich? dachte die Frau.

Und ihre Augen versanken in die des Kindes, in Tiefen, Untiefen,

Unendlichkeiten.

Wie weit deine Seele ist, dachte sie.

Sieh’ da! sprach die Bäuerin, er lacht, das hat er noch nie gethan.

Wirklich! Ein beredter Glanz lag um das Schweigen seiner Lippen.

Sieh’ zu! Das hat er noch nie gethan!

Und das wird er nie mehr thun.

Die Frau dachte: es ist alles so wunderbar, fast erschrecklich. Er

spricht kein Wort, dennoch sagt er bergetiefes Durchschauen. Mir ist

mild zu Mute, als hätte ich mein totes Kind wieder.

Allein. Das ist doch nicht möglich! Ich bin ja irr. Es muß etwas

anderes sein, etwas Heimliches, das wir noch nicht wissen.

Nun fing es zu dunkeln an. Die Frauen, die kleine Kinder hatten, gingen

heim, um sie zu füttern.

Der Leib will auch sein Teil.

Aber die Bäuerin sah, wie ihre Tochter zu der Fiedel sprang.

Frau, sagte die Städterin, er ist müde, führ’ den armen Liebling heim.

Nun ja, werden schon, sieh’ erst meine Tochter an.

Der Kleine stöhnte, aber die Bäuerin hörte nicht. Da stieg in seiner

Seele das wilde, rohe, gewaltthätige Tier auf, das der Mensch ist,

kämpfend, dürstend, verzweifelnd!

Und er kratzte und biß die Mutter. In seinen Augen lag ein finsterer

Haß.

Um mein Leben ring’ ich, ohne los zu können.

Sie mordet mich, die Böse! Leben! Leben! Werden! Erfüllen!

Die Bäuerin lachte: Siehst du den Schlimmen, aber er kann doch nicht

los, ich halte ihn fest.

Fest!

Es krallte sich dies bange Wort in der Stadtfrau Seele ein.

Eine wilde Angst stieg aus ihrem Innern zu dem Kleinen:

Kann ich dir nicht helfen, kleiner Liebling? dachte sie. Ich will dich

retten. Ich will! Ich will!

Trag’ ihn gleich heim, sagte sie befehlend.

Und dann schwammen Brocken von Gedanken in dem Wogen ihres Innern

empor.

Trinkt er genug?

I, woher denn! sagte die Bäuerin. Wir können keine Milch zahlen und

unsere Kuh mußten wir verkaufen. Ein Brot in Wasser verrührt thut’s

auch.

Ich werde den Bauern Geld geben für Milch.

(Das behalten sie für sich.)

Oder selbst Milch schicken.

(Die trinken sie aus.)

Oder das Kind ihnen abnehmen.

(Das wäre eine Schande im Dorfe, der Ehr’ wegen können sie’s nicht --)

..... oder, oder! Himmel, giebt’s nichts mehr, keinen Ausweg!

Ihr stieg die Röte ins Gesicht. Sie sah den Kleinen an, ein unendlich

feines, bedeutungsvolles Lächeln flog traurig über sein Antlitz: keinen.

Aber du thatest mir so wohl, sagte die Sanftmut seines Blickes.

Nun ging die Bäuerin.

Leb’ wohl, ich bin immer bei dir -- lebe wohl, sagte des Kindes Seele.

Die Bäuerin war schon weit. Das Kind hielt den Kopf wie durch helfende

Kraft aufrecht und der Stadtfrau zugewandt.

Sein Mund lächelte ihr vielen Dank.

Und dann waren sie ihr weit. Da sank sein Haupt wieder kraftlos auf die

Schulter und müde Verzweiflung legte sich in die Furchen um den Mund.

Ferne stand die Stadtfrau, seelenwund und verzweifelnd und sann und

sann und rang die Hände gegen den Himmel und wollte, wollte so gerne!

-- und -- konnte doch nicht!

[Illustration]

[1] Ein Nationaltanz.

Ein Märchen.

Die kleineren Schulmädchen saßen in der Vorpause zusammen. Sie hatten

schon alles Mögliche geschwatzt, ihre feinen Kleidchen bewundert und

ihre Eltern gerühmt. Was nun?

Da sagte eine: „Else, bitte erzähl uns ein Märchen. Aber wieder eins,

das du fandest.“

„Ich erzähle nur die, welche mir selbst einfallen,“ erwiderte diese.

Darauf steckte sie die Spitze des Zeigefingers ein klein wenig in den

Mund, machte ein schrecklich nachdenkliches Gesicht und fing an:

Es war einmal ein junger König. Er hatte Augen aus Bernstein. Und

drüber lagen goldene Wimpern. Die funkelten wie Blitze.

Er trug goldene Kleider und goldene Schuhe, denn darauf sieht man den

Staub nicht so sehr. Und seine Diener fanden auch, daß er so am besten

angezogen sei.

Zu ihm kamen die Leute des Landes und brachten ihm ihre Verehrung dar.

Der eine sagte: „Du bist herrlich!“ Der andere: „Du bist umsichtig und

weise!“ Der dritte: „Du kannst alles. Du bist der Größte und Beste.“

Und der König nickte allen freundlich zu, sah auf sein Kleid und

dachte: gut, daß ich meinen goldenen Anzug habe.

Einstmals kam aber ein junges Weib zu ihm, die ehrlich und aufrichtig

an seine Weisheit und Größe geglaubt hatte. Und sie meinte, sie müsse

ihm das wie ein braves Kind seinem Vater sagen.

Als sie aber vor ihm stand und sah, wie jung und schön er war, wurde

sie ganz verlegen und wußte nicht, was sie sprach.

Draußen vor der Thür war einer, die Brust voller Orden. Der hatte ihr

die Hofsprache gelehrt. Er sagte ihr: „Mein Kind, du mußt dir unsere

feine Rede angewöhnen. Willst du sagen, hier ist’s schmutzig, so rufst

du, ei, welche schöne Reinlichkeit! Und gefällt dir was nicht, so mußt

du sagen, ich bin mit allem einverstanden. Dann versteht man dich

schon.“

Sie wollte auch die Worte des goldgestickten Kleides mit den Orden

beherzigen. Denn sie hielt auf feine Manieren.

Aber als sie vor dem jungen König stand, hatte sie alles vergessen.

„Das bist du also!“ entfuhr es ihr.

Und dann schwiegen beide verlegen. Denn eine solche Anrede hatte der

König noch nie gehört. Da wußte er nicht, was er antworten sollte.

„Weißt du, jetzt muß ich erst sehen, wie hübsch du es hast,“ sagte sie,

und setzte sich auf den Thron.

Da mußte der König lachen, denn nie war ihm so drolliges passiert.

Kaum saß sie aber, als sie schon aufsprang: „Hör mal,“ sagte sie, „da

ist ja alles voll Staub.“

Der König wurde verlegen: „Am Golde sieht man es doch nicht,“

entschuldigte er.

„Aber meine Finger fühlten es.“ Da sah er, daß sie zarte, weiße

Händchen hatte. Und wie sie sich schüttelte, damit der Staub nicht an

ihrem Kleide hängen bliebe, lösten sich ihre dunklen Haare und fielen

in lockigen Längen über die Schultern.

Der König rief plötzlich: „Du gefällst mir unbändig!“ Denn er liebte

die Kraftausdrücke.

„Du gefällst mir auch,“ sagte sie und bereute gleich, daß sie sich

verraten hatte.

„Was hast du mir denn eigentlich zu sagen?“ fragte er.

„Ach, das hab ich nun vergessen. Aber du hast ja braune Augen mit

Goldwimpern,“ rief sie erstaunt wie ein Kind, das eine schöne Blume

findet. „Das ist ja wie in einem Märchen!“

„Was ist denn das für ein Märchen,“ fragte er neugierig, denn er liebte

über alles Geschichten zu hören.

„Das kann ich dir jetzt nicht sagen, es warten so viele andere draußen

auf dich.“

„Du hast recht,“ sagte der König. „Du mußt aber wiederkommen.“

„Ach nein,“ meinte sie.

„Du mußt. Ich bin der König und ich beordere Dich zur Audienz.“

„Wann denn?“

„Morgen gleich,“ sagte er und strich sich mit der Hand unter der Nase

weg, denn er liebte die einfachen Manieren.

„Gut, morgen!“

„Aber jetzt sag mir noch schnell, wer du bist und was du thust.“

„Ein Weib bin ich und träume. Weißt du, so schöne Träume,“ sagte sie,

und wurde rot vor Vergnügen.

„Ach, ach!“ sagte der König, was immer viel zu bedeuten hat.

Und dann ging er ganz nahe an sie und wollte sie küssen.

„Niemals!“ rief sie und sah ihm zornig in die schönen Augen. Und wupp,

ehe sie’s selber wußte, hatte er seinen Kuß.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Lehrerin kam herein. Da mußte Else ihr Märchen unterbrechen. In der

Nachmittagspause aber setzten sich wieder alle um sie herum und sie

begann:

Als der König am andern Tage das junge Weib erblickte, lief er ihm

schnell entgegen, so daß der goldene Pantoffel am Boden nachschlappte.

„Da bist du ja,“ rief er froh und schüttelte ihre Hände.

„Warte mal,“ rief sie und zog aus der Tasche einen kleinen vergoldeten

Holzstiel, aus dem ein Büschel rosa und blauer Federn herauswuchs.

„Erst pußte ich mir den Sessel da ab, sonst ärgere ich mich.“

Dann setzte sie sich und sie plauderten. Aber als sie dem König in

die braunen Augen sah, die mit den goldgelben Wimpernrändern wie zwei

Aurikelchen aussahen, bemerkte sie, wie er so traurig darein blickte.

„Was hast du denn? Sag mir’s,“ meinte sie zutraulich.

„Ach!“ sagte der König und glaubte, es schicke sich für ihn nicht,

seine Geheimnisse gleich auszuplaudern.

Aber dann fing er an: „Draußen ist’s wohl schön?“

„Nun und ob,“ sagte die junge Frau.

„Und draußen giebt es Leute, die lachen dürfen?“

„Warum denn nicht?“

„Ach!“ sagte der König wieder, denn er meinte, er hätte schon zu viel

von sich verraten.

Nach einer Weile, als sie so friedlich nebeneinander am Thron saßen,

kam ein Sonnenstrahl, küßte zuerst die Frau, nachher den König und

blieb dann wie ein goldener Segen über ihren Häuptern liegen.

Die junge Frau lächelte mild und erzählte mit süßer Stimme ihr Märchen.

Da wurde dem König, er wußte nicht wie! Als ob aller Frühling und alle

Sonne in ihm wäre! Aber er traute sich nicht, es der jungen Frau zu

sagen.

So seufzte er nur: wie unglücklich und allein bin ich!

Die junge Frau aber sprach weiter, leise, süß, lieblich.

Da wuchs dem König der Mut. Er rief: „Weißt du was, du wirst meine Frau

und ich werde froh wie du.“

Und die junge Frau lächelte nur und war gar nicht erstaunt darüber, als

ob dies so sicher hätte kommen müssen, wie Blumen im Frühling.

Da kribbelte und krabbelte es im Gang und die Klinke der Thüre, die zu

des Königs Gemächern führte, wurde angefaßt.

Mit einem Satze war der König an der Thüre und riegelte zu. „Ich bin

nicht zu sprechen,“ rief er hinaus.

„Wer ist’s denn?“ fragte das junge Weib.

Aber der König sagte nur „ach!“ und der Sonnenstrahl war auch

fortgehuscht. Da meinte sie, es sei Zeit und ging auch.

„Du kommst aber wieder, du bist ja nun meine Braut.“

Als sie das nächste Mal zu ihm wollte, ging sie durch den Garten. Ein

Vöglein hüpfte auf dem Sandweg. Wenn sie es haschen wollte, war es ein

paar Schritte weiter, drehte das Köpfchen nach ihr um und hielt still.

So ging es, bis sie endlich tief im Schloßpark stand. Es rischelte und

raschelte und am Wege standen drei alte Runzeldamen. Sie hatten alle

Drei den Drachenorden I. Klasse an der Kette umgebunden und sahen sehr

böse drein.

Vor Schreck blieb die junge Frau stehen. Die Drei aber sprachen wütend:

„Warum ist der Himmel blau und der Frühling grün und warum die Frauen

schön! Und können wir auch nicht beglücken, so können wir doch schaden.“

Dann riefen sie einander zu: „Du hast ihn verdorben, du hast ihn

verdorben, du hast ihn verdorben.“ Nachher schrien sie so aufeinander,

daß das junge Weib davonlief und ganz atemlos in den Audienzsaal kam.

„Höre mal,“ sagte sie dem König, „da bei dir ist es doch nicht so

schön, als ich dachte.

Da sah ich drei...“

„Sei still, sei still,“ rief der König.

Da schwieg sie.

Dann setzte er sich hin und weinte. Und dann sagte er leise: „Das sind

meine hohen Verwandten.“

„Nicht möglich!“ lachte sie.

„Und ich will nie ein böses Wort über sie hören, verstehst du, nie!“

„Aber sie schimpfen über dich.“

„Sie haben mich lieb, auf ihre Weise,“ sagte er und fing wieder zu

weinen an.

Dann sagte er: „Es muß sein und ich will sie rufen lassen und ihnen

sagen, daß du meine Braut bist.“ Dem Diener befahl er: „Rufe ihre

Hoheiten die Galle, die Milz und die Leber. Ich lasse sie zu mir

bitten.“

Aber sie kamen nicht.

Als sie aber fort war, traten sie ein und knurrten: „Die, die, die?

Niemals!“

Darauf waren sie verschwunden.

Der König konnte es aber vor Sehnsucht nicht mehr aushalten und ließ

sich heimlich mit dem jungen Weibe trauen.

„Nun bist du mein Weib, aber warte nur, ich setze dich auch auf den

Thron, bei meinem Königsschwur, über ein Jahr bist du Königin.“

Bis dahin wohnte sie in einem unterirdischen Palast. Von außen mußte

sie durch eine schmutzige finstere Höhle. Fledermäuse scheuchten auf,

Ratten huschten herum.

Aber drinnen war es gemütlich. Wände aus Porphyr, Stufen aus rosa

Marmor, Stühle aus duftenden Hölzern und kleine Tischchen von

Amethysten. Nur Blumen gab es keine, die verdorrten gleich. Und die

Sonne konnte auch nicht hinab.

Des Königs Frau wurde aber immer blässer und blässer. Denn sie wohnte

in Nacht. Aber sie hatte die Sonne lieb. Und seine Lippen küßten warm,

aber unter der Erde war es so kalt.

„Bist du glücklich?“ fragte er sie. Da stürzten Thränen in ihre Augen.

Aber sie verbarg ihren Kopf schnell an seiner Brust und sagte: „Ich bin

glücklich.“

Und jedesmal rief er: „Von morgen sollst du auch Königin sein.“ Aber

dann dröhnte es draußen, und die Fledermäuse flatterten ängstlich und

drei Stimmen kreischten. Nie, nie! Und eine rief: ich habe die Macht

von der Erde. Und die zweite: ich habe die Macht vom Firmament, und

die dritte: ich habe die Macht von der Hölle. Und können wir niemand

beglücken, so wollen wir schaden. Und es wird nie!

Da weinte der König und schmiegte sich hilfesuchend an sein schutzloses

Weib.

So verging die Zeit, und als er einmal heimlich zu seiner Frau kam, lag

ein kleines Mädchen da, sein Kind.

Da lächelten beide vor Glück und umschlangen einander. Er warf sich der

jungen Mutter zu Füßen und rief: „Wie glücklich hast du mich gemacht!“

Draußen aber dröhnte es: ich habe die Macht von der Erde und ich habe

die Macht von der Hölle. Nur die dritte Stimme schwieg.

„Weißt du, ich sehne mich nach der Sonne,“ sagte die junge Mutter.

„Entsinnst du dich noch der Sonne, als wir zusammen so froh am Throne

saßen?“

„Noch heute laß ich dich zur Königin ausrufen! Du zweifelst doch nicht

an meinem Wort“ sagte er und warf sich in die Brust. „Ich habe auf der

ganzen Welt nur dich lieb. Baue auf mich.“

Von der Erde,... von der Hölle! klang es draußen.

Und kleinlaut verbesserte sich der König: „Habe nur noch ein Weilchen

Geduld, dann wird alles gut werden.“

Da lächelte die junge Frau wehmütig, sah noch einmal nach dem Kindchen

und dem König, als müßten die in ihren Augen eins werden. Dann

flüsterte sie: „Wo ist Frau Ehr, meine Mutter?..“ seufzte und war tot.

Unter den Schulmädchen war eine Bewegung entstanden. Die blasse, kleine

Desiree, mit der nie jemand sprechen wollte, war aufgesprungen. Thränen

liefen über ihre harmvollen Wangen, als sie zitternd sagte: „Aber das

ist ja die Geschichte meiner Mama!“

Da wurden die Mädchen böse und erklärten, es sei eine dumme, häßliche

Geschichte und sie wollten nichts weiter davon hören. Damit drehten

sie der kleinen, blassen Desiree verächtlich den Rücken und gingen

auseinander.

[Illustration]

Schulfreundinnen.

Sie sind einst zusammen im Lehrerinnenseminar gewesen. Wieviel Jahre

seither schon verflossen waren! Nun sahen sie mit ihren ergrauenden

Haaren zurück in die Vergangenheit, die schon weit, o wie weit lag, --

und wunderten sich, wie schnell sie gegen das Land des Todes fuhren.

Ist das ein Eilzug durch Gefahren und Geschehnisse! Kaum, daß sie sichs

versahen, war alles schon wieder vorüber.

Und nun blickten sie unwillkürlich zurück. Da saßen sie, durch einen

äußerlichen Zufall zusammengeführt bei einander, erinnerten sich der

in der Jugend gemeinsam verlebten Jahre, gestanden sich die fern von

einander entstandenen Geschehnisse der vielen Jahre.

Wie es so geht, hatten sie als Mädchen sich fest versprochen,

Freundinnen durchs Leben zu bleiben. Aber das Leben ist mächtiger als

Versprechungen aus Kindermund. Der Zufall riß sie auseinander. Nun

waren sie überzeugt, daß sie sich nie wieder begegnen würden und daß

das Ganze nur thörichte Jugendträume blieben. Wieder vergingen Jahre,

da hatte eine die andere vergessen.

Doch das Leben führte sie plötzlich zu einander. Und nun fühlten sie

sich wieder so vereint und fast verpflichtet, sich gegenseitig zu

berichten, was das Leben ihnen Schlimmes oder Gutes gebracht.

Mit Scheu und Wehmut sahen sie einander an. Da ein blonder Kopf, der

einst voll ährengoldner Haare glänzte -- nun waren sie schütter und

verblaßt.

Hat zuviel Sonne darauf geschienen? dachte die Dichterin.

Dort ein Kopf: Augen wie schwarze Kirschen, Jasmin die Wangen -- alles

Duft und Glut einst! Jetzt war die Haut lehmfarben und über das Haar

lag es wie Spinneweben auf altem Gemäuer.

Und dann jene.

Die schöne Gestalt, die sie damals hatte. Ja, wie wurde die einst

beneidet! Sie war die erste, die einen Busen hatte und Hüften. Ach!

Wie sah sie reizend und rund im Schwimmkleid aus! Wie ein Püppchen.

Sie-Selbst hatte damals eine rechte Herzensfreude an sich! Nun war sie

ganz aufgedunsen und von ungesunder Blässe, die einst schönen Augen

verschwanden im Fett.

Jene wieder war hager. Fast hätte man es von ferne für Jugend nehmen

können. Aber es ist die spitzige Eckigkeit stark gewordener Knochen.

Wie sie sich so ansahen und sich vergebens bemühten, die geliebten Züge

der Jugend unter dieser schlimmen Veränderung wiederzuerkennen, fiel

sinnender Ernst in ihr Gemüt.

Als wären sie von derselben Gedankenkette umschlungen, fühlten sie:

ist mit unseren Träumen, Wünschen, Hoffnungen nicht dies gleiche

Anderswerden vor sich gegangen, wie mit unserer äußeren Gestalt? Haben

wir erreicht, was einst unsere Jugend hoffend sich als Ziel gesetzt?

Da schwiegen sie beschämt auf ihre eigene, stumme Frage.

Sie wurden sich klar, daß alles, alles anders gekommen war, als

sie gewollt, gedacht, geträumt hatten. Wie durch die heransausende

Lokomotive die dürren Blätter auf den Schienen durch den Luftzug

fortfliegen, so hatte sie das Schicksal hinausgeweht und sie glaubten,

sie wären selbst geflogen.

Nun wußten sie es und mußten fast über sich lächeln. Dann erzählten sie

einander von ihren Geschehnissen.

Da war eine unter ihnen, zärtlich, scheu, voll liebender Hingebung.

Ueber alles, wie die Schale um süßen Kern, ein herber Trotz. Ach! ach!

was wird das für ein Glück für den, der einst den Kern bekommt! hatten

damals die Mädchen gesagt. Die verheiratet sich bald, prophezeiten sie.

Aber es kam anders. Sie schlug einen nach dem andern aus. (Wer hätte

sich dies von ihr gedacht!) Und spät, wie der, welcher lange suchend am

Markte umhergeht, ohne zu finden, was ihm eigentlich behagt und dann

etwas halbwegs Konvenierendes nimmt, um nur nicht ganz leer nach Hause

zu kommen, spät erst wählte sie einen Gatten.

Ihre Befürchtungen hatten sich nicht getäuscht. Es wurde so schlimm,

daß sie sich gezwungen sah, wieder in ihre Einsamkeit zurückzukehren.

Das Leben war aber drüber halb vergangen und dem Herbste blüht kein

neuer Mai.

Du Arme, Süße, sagten die Freundinnen. Du weinst um ein verpfuschtes

Leben!

Ei nein! sagte sie. Zwar schön war es nicht, doch weiß ich nicht, was

ihr habt. Warum soll ich nur an mich denken? Ist denn mein kleines

Einzeldasein schon wert eines so großen Gejammers! Ein Mensch allein,

was ist das? Nichts. Alle, alle, die Menschheit! Erst die hat ein

Schicksal, ein Leben, einen Weg, eine Zukunft.

Die kleine Zwischenkette des Leides, die ich im Dasein

repräsentiere...! (Sie machte eine verächtliche Handbewegung, als wäre

das gar nicht der Betrachtung wert.)

Und mein Dasein ist gar nicht so umsonst, als ihr meint. In dem

Verfehlten meines Lebens habe ich soviel erlernt, beobachtet, was ich

andern warnend geben kann, damit ihr Weg einst lichter wird. So ist die

ganze Jugend, alles Blühende, Hoffnungskünftige der Menschheit meine

Familie.

Die Schwarze seufzte tief auf.

Erzähle du nun, flüsterten die anderen. Aber es lag nicht das

Oberflächliche klatschsüchtiger Neugierde darin, sondern der Durst, aus

den Bechern der Geschicke das Leben zu ergründen.

Die Schwarze seufzte nochmals mit den Augen nach dem Spiegel

hinüber --: Ihr könnt es euch nun nicht vorstellen, aber ich war schön,

verehrt, angebetet.

Unschuld: Ein modernes Mädchenbuch · 第 3 / 4 段