Wenn ich auf meinen Lebenslauf bis dahin, zum Jahre 1946,

zurückblickte, hatte ich ja immer wieder eine Menge gutes Glück

gehabt, aber es oft auch bitter nötig, denn so vieles kam mir da

nicht leicht bei. Auch hier wieder gab es unerwartete

Schwierigkeiten, die Bearbeitung meines Einwanderungsgesuchs zog sich

hin, dann wurde es abgelehnt. Es gab einen starken

Einwanderungsdrang, technische Berufe hatten bessere Chancen, für

meine geplante kaufmännische Tätigkeit war das schon schwerer, aber

mit den Empfehlungen der Beteiligten, der Auslandsvertretung des

südafrikanischen Bergbaudepartments in London und der Schwedischen

Botschaft in Pretoria hatte man gedacht, mein Antrag würde eine

sichere Passage haben. Alle Beteiligten beschlossen erneute

Interventionen in Pretoria.

Unterdeß war meine Kündigungszeit aber abgelaufen, der Manager, den

ich vertreten hatte, aus Wales zurückgekehrt und ein Nachfolger für

mich aus Johannesburg geholt worden. Ich verließ meinen Job und

beschloß aus Mufulira abzureisen, zurückblickend auf eine sehr

bedeutsame, auch etwas eigenartige und zurückgezogene, aber doch auch

wieder anregende und lehrreiche Zeit in meinem Leben. Ich hatte mir

etwas Geld gespart und beschloß in Ruhe den Ausgang der weiteren

Anstrengungen in Pretoria abzuwarten. Für einige Wochen ging ich in

die Hauptstadt Lusaka. Dort gab es auch interessante Bekanntschaften

unter polnischen Evacuees, die in der Regierung Stellungen hatten,

zum Teil im Audit­ aber auch in anderen Departments. Eine Bekannte,

Janka Süsskind­Scheck, hat dann sogar im nordrhodesischen

Regierungsdienst bis in die Jahre nach der 1964er Übergabe von der

englischen Kolonialverwaltung an die neue Regierung des unabhängigen

Zambias gearbeitet.

Dann ging ich nach Livingstone, die ursprüngliche Hauptstadt am

Zambesi, nahe den Victoriafällen. Die ganze koloniale Besiedlung

Nordrhodesiens war ja sehr jung, sogar bei den Maßstäben meiner

Heimat im oberschlesischen Industriegebiet, aber diese kleine

koloniale Stadt Livingstone hatte schon so etwas wie Patina,

verglichen mit den ganz neuen Siedlungen im Copperbelt. So

erschienen einem auch die jüdischen Kaufleute dort mehr

alteingesessen als alte Kumpanen anderer Alteingesessener in Bowling

oder Golfclubs und die Frauen bei durch die Kriegzeiten gegebenen

charitativen Gelegenheiten in Uniformen der St.Johns Brigade.

Besonders in Erinnerung bleibt mir die Familie Kopelowitz. Sie

führten ein gar nicht pompöses, aber sehr stilvolles und gastfreies

Haus. Er präsidierte auch über die jüdische Gemeinde, die Synagoge

war viel benutzt, es gab auch viel Jugend und verschiedene

Bekanntschaften mit deutschen jüdischen Emigrantenfamilien. Auch

polnische Evacuees gab es in Livingstone. Eines Tages hörte ich, daß

unter denen, die durchgereist waren, um nun doch nach Hause in die

Volksrepublik Polen zu gehen, auch der alte Senator Kornke war.

Meine Freunde aus Mufulira sind einige Jahre später dann auch zu

ihren Familien nach Polen zurückgekehrt.

Als Höhepunkt des Aufenthalts in Livingstone bleibt mir aber der

Besuch der Englischen Königsfamilie im Juni 1947 in Erinnerung.

Dieser war ausgedehnter für Südafrika und Südrhodesien. Für die

damalige Kronkolonie Nordrhodesien war Livingstone der einzige Punkt,

in dem sich so alles für den Empfang des Königspaars zusammenzog. Es

war eine außerordentlich wirksame und malerisch geplante

Veranstaltung. Alle waren sehr aufgeregt und die Stimmung herzlich.

Außer den üblichen Empfängen für Behörden und Honoratioren unter der

Bürgerschaft gab es auch zwei großartig ausgedachte und aufgezogene

Veranstaltungen, die die Begegnung des Königpaares mit den schwarzen

Eingeborenen darstellten. Sie waren dem Publikum zugänglich, ich

erinnere mich gut an sie. Eine besondere Ehrung wurde dem Chief des

Barotse Stammes zuteil. Er beanspruchte königlichen Rang, sein Stamm

hatte einst die meisten anderen im nachmaligen Nordrhodesien

tributpflichtig gemacht. Symbol seiner königlichen Würde war eine

zeremonielle Barke, in der er jährlich auf dem Zambesi von der

Sommer­ in die Winterhauptstadt seines Stammesreiches fuhr. Nun

wurde arrangiert, daß diese Barke am Ufer des Zambesi bis in die Nähe

der Viktoriafälle transportiert wurde. Als Beginn ihres

nordrhodesischen Besuchs fuhren der Englische König mit Familie und

Begleitern in einem Motorschiff vom südrhodesischen Ufer des Zambesi

herüber zum nordrhodesischen Ufer, in der Mitte des Flusses

begegneten sie der traditionell geruderten königlichen Barke der

Barotses mit dem Chief und Gefolge, es gab die entsprechenden Salute

und Respektsbezeigung. Sehr aufgeregt über diese spektakuläre

Veranstaltung, an deren Erfolg er auch, wohl schon im Zusammenhang

mit dem schwierigen Transport der anthropologisch so interessanten

Barke Anteil zu haben schien, war der Dr. Max Gluckmann. Ich hatte

viel Zeit in seinem Rhodes­Livingstone Institut zugebracht, wunderte

mich, wie jemand, dem man kommunistische Neigungen nachsagte, sich

emotionell so stark mit der Stammestradition der Barotse verbunden

fühlte, die einst fast ganz Nordrhodesien unterworfen hatten.

Trotzdem fand ich seine professionelle Begeisterung über diese

Zeremonie sehr sympathisch und nachdenklich machend. Später gab es

dann die offizielle Begegnung des Englischen Königs mit den

Vertretern der gesamten eingeborenen Bevölkerung, wozu die vier

Chieftains der wichtigsten Stammesgruppen ausgewählt wurden. Es war

eine Art Indaba auf einer großen Wiese, tausende von Schwarzen waren

da, einer der Chieftains war natürlich der König der Barotse. Drei

von ihnen erschienen in traditionellem Gewand oder in einer

prunkvollen Uniform, aber der Häuptling des größten der Stämme, der

Bemba, erschien wie ich mich erinnere, ganz ohne Prunk in einem

grauen Lounge Anzug. Die Bemba waren mir gut vertraut, stellten

einen großen Teil der Bevölkerung des Copperbelts.

Auf der Empore für die Begegnung mit dem englischen König konnte man

auch den Chief­Induna, also etwa Kanzler, der Barotse sehen. Man

hatte ihn öfters erwähnt in diesen Tagen als vermeintlich den

klügsten Mann in Nordrhodesien überhaupt, dessen Rat oft bei der

Regierung in Lusaka gefragt war. Ich sah ihn also, ein älterer Mann,

auch in einer schönen Uniform oder Hoftracht. Viele Jahre später

sollte mir auffallen, als Nordrhodesien unabhängig und der Staat

Zambia wurde, da war von einem Mann seiner Stellung wenig die Rede

mehr. Es waren ganz andere Kräfte, die dabei in den Vordergrund

traten.

Eines Tages traf ich in Livingstone Frau Savory. Ich hatte die

Savorys in den über fünf Jahren, seit ich von der Farm bei Monze

wegzog, nicht mehr gesehen, aber manchmal geschrieben. Sie lud mich

ein, doch einige Tage bei ihnen auf der Farm zu verbringen, wenn ich

noch auf das Permit von Südafrika warten muß. Ich habe das sehr gern

getan. Es war schön die Menschen und die alte Szene meiner ersten

Monate im Lande wiederzusehen und diese Freundschaftlichkeit der

Savorys wieder zu erfahren. Es war dann wirklich so, nach schon zwei

Tagen kam das Telegramm von Oskar Lazar, mein Einwanderungsvisum war

bewilligt, ich mußte mich bei den liebenswürdigen Gastgebern

entschuldigen, fuhr zurück nach Livingstone und dann bald auch mit

dem Zug nach Johannesburg. Es war der 17. August 1947. Mein Dasein

als Kriegsflüchtling und Evakuee war nun vorüber. Ich war jetzt

eingewandert in Südafrika, damals ein Dominium im Britischen

Commonwealth.

P.S.: In Johannesburg war man Informationen und Literatur über die

Welt meiner Vorkriegs­ und Kriegserlebnisse wieder soviel näher

gekommen, als ich es in Nordrhodesien haben konnte. Bald nach meiner

Ankunft 1947 sah ich in einer Buchhandlung eine dünne Broschüre "A

German of the Resistance". Das interessierte mich brennend, ich

hatte so wenig darüber lesen können. Es hieß weiter "The Last

Letters of Count Helmuth James von Moltke". Ich hatte von ihm und

dem Kreisauer Kreis im Zusammenhang mit dem mißlungenen Putsch vom 20.

Juli 1944 gehört, aber nie Einzelheiten erfahren. Ich sah, daß die

Mutter dieses Grafen Moltke englischer Herkunft war, die Tochter des

Chief Justice des Transvaal, Sir James Rose­Inness. Die Broschüre,

die ich gekauft habe, war in Südafrika herausgegeben "wegen des

Papiermangels in England, um die Briefe den vielen Freunden des

Grafen Moltke und der Familie Rose­Inness in Südafrika zugänglich zu

machen". Es war ein Nachdruck, von dem "Round Table" herausgegeben.

Die Broschüre brachte mit Abdruck einzelner Briefe auch eine Liste

der Hauptteilnehmer des Kreisauer Kreises, der sich um den Grafen

Moltke gebildet hatte. Ich war sehr bewegt, als ich unter den 16

Namen, die genannt waren, so viele mir bekannt sah, so Carlo

Mierendorf und Paul van Husen, der auch in Kattowitz amtiert hatte,

und persönlich hatte ich drei von ihnen gekannt, es waren Theo

Haubach, Adolf Reichwein und Hans Lukaschek, ich habe ihn öfters

erwähnt in meinen Rückblicken. Es gab mir doch das Gefühl einer noch

immer bestehenden Verbundenheit mit diesen Menschen, für die man nur

die größte Bewunderung haben konnte, etwas, was einem neue Zuversicht

für die europäische Zukunft geben konnte.

Anmerkungen

Anmerkungen zu "Frühes Panorama und Vorgeschichte"

1) So Thomas G.E. Powell in "Europe, Prehistory..", Encyclopaedia

Britannica 1964, Bd.8 S.852/3.

2) Jazdzewski, Konrad "Urgeschichte Mitteleuropas" Wroclaw 1984 S.

271/486; auch A. Gieysztor u.a. "History of Poland", Warszawa 1968 S.

31. Als gegenteilige Meinung O. Kleemann "Vorgeschichte Schlesiens" in

"Geschichte Schlesiens", Stuttgart 1961.

3) Darüber siehe ausführlich O. Pustejowsky "Schlesiens Übergang an

die böhmische Krone", Köln 1975.

4) O. Karzel, "Die Reformation in Oberschlesien", Würzburg 1979, S.224,

allgemein für Ausbreitung der Reformation im südlichen Oberschlesien

S.150f.,206f. Maßnahmen der Gegenreformation waren aber früh wirksam:

die Kirche in Woschczytz wurde für den lutherischen Gottesdienst

1628 gesperrt.

5) Für die frühen Besuche zeugt die "Raffelstädter Zollurkunde". Ein

früher Reisebericht stammt von dem jüdischen Kaufmann aus Spanien

Ibrahim ibn Jaqub (G. Rhode "Kleine Geschichte Polens", S.8 und A.

Gieysztor a.a.O S... Für spätere jüdische Ansiedlung siehe B.

Bretholz "Geschichte der Juden in Mähren im Mittelalter" I, Brünn

1934.

6) V. Lipscher: "Die Juden im Habsburgerreich des 17.und 18.

Jahrhunderts am Beispiel Böhmens und Mährens", Dissertation Zürich

1983, S.103 undS.141.

7) H. Teufel: "Zur politischen und sozialen Geschichte der Juden in

Mähren vom Antritt der Habsburger bis zur Schlacht am Weissen Berg

(1526­1620)", Phil. Dissertation Erlangen 1971, S.74,S.84.

8) S. Dubnow: "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes", Berlin 1928, Bd.

VI, S.225 und C. d'Elvert: "Zur Geschichte der Juden in Mähren und

Österr.­Schlesien", Brünn, 1895, S.123.

9) B Brilling: "Die schlesische Judenschaft im Jahre 1737" im

Jahrbuch der Schlesischen Friedrichs­Wilhelm­Universität zu Breslau,

Bd. XVII, Berlin 1972.

10) S. Dubnow a.a.O., Bd. VII, S.286f.

Anmerkungen zu "Die Familie und Kattowitz"

1) Nr.1256 des Staatsbürgerverzeichnis im Amtsblatt der Königlichen

Breslauschen Regierung vom 16.November 1814, Beilage S.16, sein

Wohnsitz Woschczytz. Er ist auch verzeichnet im Register der im

Kreis Pless damals wohnenden Juden im Zydowski Instytut Historyczny w

Polsce, Warszawa, als 1782 geboren, seit 1808 verheiratet mit Saara,

und zu seinem Hausstand gehören 4 zwischen 1799 und 1806 geborene

Stiefkinder mit dem Namen "Walder". Laut Überlieferung und anderer

Evidenz war die Ehefrau Sarah geb. Holländer, verwitwete Waldau.

Keines der beiden Register hat Rubriken für den Geburtsort oder Namen

des Vaters. Über diesen, meinen Ururgroßvater haben wir nur die

mündliche Tradition, daß er in seinem Alter von Woschczütz als

Schriftkundiger nach Pilica gerufen wurde und dort starb. Das könnte

zu der Zeit gewesen sein, als Pilica durch die Teilungen Polens an

der Grenze des preußischen und österreichischem Teilgebiet lag

(Gieysztor "History of Poland", Karte Nr.25).

2) Siehe "Mormonen" Film 579598 Bd.29 Familienregister der Juden von

Sohrau Nr.39. In der 1817 Zuzugseintragung ist sein Geburtsjahr als

1779 verzeichnet, sein Beruf als Lederhandel.

3) Von den Kindern seiner verstorbenen Frau adoptiert er den 1802

geborenen jüngsten Stiefsohn Isaak, dessen Sohn Louis später

Mitgründer der bekannten Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld wird.

4) Vermutlich eine Tochter des 1768 geborenen, seit 1809 in

Nieborowitz, Kreis Rybnik, ansässigen Gastwirts Samuel Huldschinsky.

5) Handbuch zu dem Atlas von Preußen, Erfurt 1836.

6) Im Zuge der wieder zunehmenden Ansiedlung von Juden in

Oberschlesien wird Woschczytz für 1693 erwähnt(....), und ein

jüdischer Toleranzsteuerzahler in 1737 ist auch für Woschczytz

erwähnt bei Brilling S...

7) M. Freudenthal "Leipziger Messgäste"...

8) Nerlich S.51.

9) A. Weltzel, Geschichte der Stadt Sohrau, Sohrau 1897, und die

neuere von G. Nerlich, Dortmund 1972.

10) Weltzel S.65.

11) Weltzel S.431.

12) Nerlich S.46.

13) Das Rittergut Bogutzker Hammer mit Kattowitz und Brynow wurde

1702 an die Plesser Standesherren v. Promnitz verkauft. Das Inventar

(Urbar), das dafür gemacht wurde, verzeichnet die Namen der

angesiedelten Gärtner, darunter Skiba (Hofmann S.30) und erwähnt wird

auch (Majowski 1958, S.25) der "Kretschem, von dem wegen Bier­und

Brannweinverlag der Jude jährlich Mittem zu geben pfleget". Eine

ausführliche und, in vieler Beziehung sich um Abgewogenheit bemühende

Darstellung der Geschichte des Dorfes Kattowitz und der nachfolgenden

Stadtwerdung bringt auch S. Karski in Kattowitz (1985).

Unter den jüdischen Toleranzsteuerzahlern 1737 (Brilling S.57) ist

für Bogutzker Hammer ein Abraham Moses verzeichnet, auch je ein Name

für die Dörfer Bogutschütz und Zalenze, ebenso wie für Woschczytz.

Das Rittergut mit den Dörfern ging 1736 von den v. Promnitz wieder an

die Myslowitzer Standesherren, die polnische Adelsfamilie v.

Mieroszowski über.

14) Dieser Urgroßvater Peretz (oder Perens) Sachs, 1794 geboren, Sohn

des dann 1812 in Maczejkowitz, Kreis Beuthen, ansässigen und

Staatsbürger gewordenen Isaac Sachs, zog 1819 von Hajduck, Kreis

Beuthen, nach Smilowitz, bei Nikolai, Kreis Pless und heiratete dort

die 1799 geborene Tochter Minel des 1812 dort ansässigen Joachim

Ludniowski, der selbst als 1763 geboren ausgewiesen wird. Das

Ehepaar Peretz Sachs zog 1827 mit 3 Kindern von Smilowitz nach

Zalenze, damals im Kreis Beuthen gelegen.

15) Unter den Veröffentlichungen über ihn siehe Dr. Ernst Koenigsfeld

in "Schlesien" IV, 1984. Von polnischer Seite, wo man sich auch gern

an diesen Engländer unter den Pionieren der oberschlesischen

Stahlindustrie erinnert, die Broschüre "John Baildon" von Jerzy

Sikora (Katowickie­Tow.Spo.Kult.).

16) Majowski 1958 S.55/6.

17) Hoffmann S.34.

18) Broszat, Martin "Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik" S.90.

19) Broszat S.105. Es ist interessant, daß die Betonung auf dem

Erfordernis der Loyalität gegenüber dem preußischen Staat und seiner

Monarchie lag, zu deren Stärkung Kenntnis der deutschen Amtssprache

verbreitet werden sollte, aber sie sollte nicht aufgedrängt werden

und "jeder Anschein einer versuchten Verdrängung oder Beeinträchtigung

des polnischen Elements vermieden werden" (Denkschrift des v.

Arnim­Boitzenburg, zitiert von M. Broszat).

20) In einer Atmosphäre, die sich schon zu der liberalen 1848

Revolution hin entwickelte, hatte der Führer der Liberalen im

Preußischen Landtag, Georg v. Vincke, erklärt, nicht nur das

Großherzogtum Posen, auch Teile anderer preußischer Provinzen, so

Oberschlesien müßten "als der polnischen Nationalität zugehörig"

angesehen werden. S. Broszat, S.108.

21) Broszat, S.116.

22) Für 1783 verzeichnet Hoffmann 490 Einwohner für Kattowitz mit

Brynow, 1825 675, 1836 sind es laut Atlas von Preußen, Erfurt, 785

Einwohner. Für 1867 sind es schon 4.815 ohne Brynow, das nicht ins

neue Stadtgebiet einbezogen wurde.

23) Hoffmann S.54.

24) Veröffentlichungen des Katowickie Towarzystwo

Spoleczno­Kulturalne und auch dort Krystyna Szaraniec "Znani i

nieznani Katowiczanie".

25) Dr. J. Cohn, Geschichte der Synagogengemeinde Kattowitz, S.1.

26) Hoffmann, S.71. Auch die neue Veröffentlichung Kattowitz 1985

behandelt die damaligen Vorgänge ausführlich, so Dr. S. Karski S.30/37.

27) S. Wenzel, "Jüdische Bürger und Kommunale Selbstverwaltung", S.

126/8.

28) Fuchs, Konrad, Wirtschaftshistoriker in Mainz, erwähnt die

Gründung des Unternehmens durch diese 3 "Kattowitzer Finanziers"; in

"Die Bismarckhütte in Oberschlesien..." in der Schriftenreihe

"Tradition" 15/1970 gibt er eine ausführliche Darstellung des Werks,

das bald auf Wunsch seines technischen Pioniers Wilhelm Kollmann in

Bismarckhütte umbenannt wurde.

29) Das Baugeschäft war sehr erfolgreich und hatte meinen Großvater

zu einem sehr anerkannten und wohlhabenden Mann gemacht. Aus dem

Jahr 1877 stammen Zeugnisse über von ihm ausgeführte Arbeiten in der

oberschlesischen Industrie. So bescheinigt Wilhelm Kollmann den Um­

und Neubau (1869/72) des ganzen Hüttenwerks der damals W.

Hegenscheidt'schen Baildonhütte unter den schwierigsten Verhältnissen,

während die Hütte selbst in fortwährendem Betrieb war,

einschließlich schwieriger Fundament­ und Zementarbeiten für die

Maschinen, Dampfhämmer, Kessel und Schornsteine. Das zweite Zeugnis

von Kollmann bescheinigt die Bauten an der Bismarckhütte 1872/4 (das

ganze Puddel­ und Walzwerk mit 12 großen Kaminen, das

Verwaltungsgebäude und 10 große Arbeiterwohnhäuser). \XC4hnlich

preisend ist das Zeugnis des Herrn Bernhardi für Giesche über

Arbeiten 1874/76 u.a. an den Wilhelm­ und Pauli­Zinkhütten. Es

erwähnt besonders eine 302 Fuß hohe Esse. Es gibt dann noch alte

Zeugnisse der Schlesag (einer Zinkhüttengesellschaft), der

Thiele­Winkler'schen Verwaltung und der Eisenbahnverwaltung

betreffend Arbeiten in Kattowitz, Königshütte, Beuthen, Gleiwitz und

Neuberun.

30) In einem Bericht über die Einweihung des neuen Gymnasiums 1900

(aus Kattowitzer Zeitung, abgedruckt im Oberschlesischen Kurier,

Salzgitter) sind beide Brüder in diesen Eigenschaften erwähnt, der

Stadtbaurat Max Grünfeld wurde dabei mit einem Orden ausgezeichnet,

da das Gymnasium nach seinen Entwürfen gebaut wurde. Viele Jahre

später erwähnt (auch in einem Beitrag in der Kattowitzer Zeitung,

abgedruckt im Oberschlesischen Kurier) der einstmalige Kattowitzer

Stadtrat Louis Dame, auch ein Baumeister, in seinen Erinnerungen an

Kattowitz, die städtebaulich hervorragende Bebauung der damaligen

August Schneiderstraße (später und noch heute ulica Mickiewicza): das

städtische Badehaus, danach die Synagoge (die ebenfalls von meinem

Onkel Max Grünfeld entworfen war) und dann eben das Gymnasium, alle

in einer Reihe, in ähnlichem roten Backsteinbau. Er erinnerte sich

damals an diese Lösung als ein besonderes städtebauliches

Schmuckstück für Kattowitz. Für eine Abbildung siehe Sammelwerk

Kattowitz, 1985, S.92. 1939 haben die Nationalsozialisten als

Eindringlinge die Reihe gestört, als eine ihrer ersten Taten

sprengten sie die Synagoge.

31) Maximilian Harden in seinem Buch "Köpfe", S. 141, erwähnt ihn als

Hausarzt des Geheimrat Holstein, der bekannten "Grauen Eminenz" im

Auswärtigen Amt.

32) Als Student in Würzburg trat er der "Deutschen Burschenschaft"

bei, wie damals manche aus stark assimilierten jüdischen Familien.

33) Die Stadt Rackwitz hatte laut Atlas von Preußen 1836 1494

Einwohner, "besuchte Getreidemärkte". Josef Oettinger war ca.50

Jahre Gemeindevorsteher, gründete 1806 die "Chevra Kadisha", er starb

1862. Ein Sohn, Hermann Noah, als "fromm und wohltätig bekannt",

gründete das Handelshaus H.N. Oettinger & Cie. in Hamburg (Hepner S.

879).

34) Eine Kopie seiner Dissertation (mit Lebenslauf: Geburtsdatum 1808,

hatte das Gymnasium in Posen besucht) zum Thema "Hippokrates, vita,

philosophia et ars medica", in lateinischer Sprache verfaßt, habe ich

in der Zentralbibliothek Zürich gefunden und kopieren können.

35) Ihre Familie gab es in Wollstein, zu ihr gehörte Moritz Schiff

und Frau Sydonie geb. v. Taussig, die Verwandtschaft in Ungarn hatte.

36) Er soll ein sehr erfolgreicher Industrieller geworden sein, der

in jungen Jahren mittellos aus Litauen nach Ostpreußen kam, mit einem

jüngeren Bruder, den er studieren ließ und der als Beamter und

Wissenschaftler in preußischen Statistischen Ämtern eine Karriere

machte und den Geheimratstitel erhielt. Das war dann wohl der

früheste in meiner Familie, aber ich habe keine Details darüber

gefunden.

37) Paul Gerber war Hals­, Nasen­ und Ohrenarzt, Professor an der

Universität Koenigsberg, auch mit Geheimratstitel, veröffentlichte

aber auch Gedichte und auch kleine politische Schriften, so eine um

1918 betitelt "Goethe und die französische Revolution, ein blaues

Trostbüchlein in roter Zeit". Politisch gehörte er zur

Deutschnationalen Volkspartei, er starb schon jung 1919.

38) Er war Assistenzarzt des bekannten Dr. Flügge und danach, bis er

1914 in den Krieg ging, Oberarzt des Dr. Pfeiffer in Breslau. Als

Student gehörte er zum "Akademisch Literarischen Verein" in Breslau.

Anmerkungen zu "Kindheit und frühe Jugend"

1) Es gibt dafür Hinweise in der nach dem 2.Weltkrieg sich

profilierenden Literatur über Anzeichen von Antisemitismus in

Deutschland vor der Hitlerzeit.

2) An Encyclopaedia of World History ed. W. Langer, London 1948, S.936.

3) Verfasser der Geschichte der Stadt Kattowitz (1895), hatte lange

dort gelebt, mein Vater kannte ihn gut. Wie mir erzählt wurde,

verließ er mit anderen seine Burschenschaft aus Protest gegen den

Ausschluß jüdischer Altburschenschaftler, also ein liberaler Zug,

aber in die Weimarer Nationalversammlung ging er 1919 als

deutsch­nationaler Abgeordneter.

4) Über die sprachliche Verhältnisse im Regierungsbezirk Oppeln zu

Beginn des 19. Jahrhunderts heißt es im "Handbuch zu dem Atlas von

Preußen" (Erfurt, 1836): "Die herrschende Sprache ist die polnische,

um Neisse und Grottkau wird ganz, um Falkenberg und Neustadt viel

deutsch, in den Kolonien Friedrichgrätz, Buddenbrock und Prittwitz

böhmisch, an der österreichischen Grenze mährisch gesprochen" (S.l91).

Dann werden die einzelnen Kreise besprochen, so zu Beuthen: "die

Sprache der Bevölkerung ist fast überall polnisch", Lublinitz: "die

polnische Sprache ist fast überall die herrschende", Kreis Neustadt:

"die Sprache ist um Neustadt die deutsche, übrigens wird mehr

polnisch gesprochen", Kreis Pless: "In Pless wird deutsch, übrigens

polnisch gesprochen", Rybnik: "die Einwohner, welche sich der

polnischen Sprache bedienen..." (S.207).

Exkurs

Die Struktur der polnisch­sprechenden Bevölkerung hatte sich mit der

Zeit geändert. Es hatte nicht nur polnische Landbevölkerung gegeben.

Noch im 18. Jahrhundert waren viele Städte katholisch und polnisch

sprechend. Durch die schnelle Industrialisierung im 19. Jahrhundert

entstand dann eine starke polnische Industriearbeiterschaft, bei der

nationale polnische Bestrebungen einen ebenso aktiven Anklang fanden

wie bei der bäuerlichen polnischen Landbevölkerung. Andererseits gab

es aber auch zunehmende Assimilation (Germanisierung), besonders bei

Intelligenz und wirtschaftlich gehobeneren Schichten. Das preußische

Schulwesen und die Anziehungskraft des damals hauptsächlich von der

deutschsprechenden Bevölkerung vorwärts getriebenen wirtschaftlichen

Fortschritts verfehlten nicht eine gewisse Wirkung. So finden sich

unter den deutschsprechenden und deutschgesinnten Oberschlesiern

viele mit polnischen Namen.

Andererseits war das Polentum unter oberschlesischer Intelligenz und

Mittelstand nicht im Verhältnis zu seiner Bevölkerungsstärke

vertreten. Die nationalpolnische Bewegung, in die polnische Kräfte

Rückblicke · 第 25 / 27 段