zurückblickte, hatte ich ja immer wieder eine Menge gutes Glück
gehabt, aber es oft auch bitter nötig, denn so vieles kam mir da
nicht leicht bei. Auch hier wieder gab es unerwartete
Schwierigkeiten, die Bearbeitung meines Einwanderungsgesuchs zog sich
hin, dann wurde es abgelehnt. Es gab einen starken
Einwanderungsdrang, technische Berufe hatten bessere Chancen, für
meine geplante kaufmännische Tätigkeit war das schon schwerer, aber
mit den Empfehlungen der Beteiligten, der Auslandsvertretung des
südafrikanischen Bergbaudepartments in London und der Schwedischen
Botschaft in Pretoria hatte man gedacht, mein Antrag würde eine
sichere Passage haben. Alle Beteiligten beschlossen erneute
Interventionen in Pretoria.
Unterdeß war meine Kündigungszeit aber abgelaufen, der Manager, den
ich vertreten hatte, aus Wales zurückgekehrt und ein Nachfolger für
mich aus Johannesburg geholt worden. Ich verließ meinen Job und
beschloß aus Mufulira abzureisen, zurückblickend auf eine sehr
bedeutsame, auch etwas eigenartige und zurückgezogene, aber doch auch
wieder anregende und lehrreiche Zeit in meinem Leben. Ich hatte mir
etwas Geld gespart und beschloß in Ruhe den Ausgang der weiteren
Anstrengungen in Pretoria abzuwarten. Für einige Wochen ging ich in
die Hauptstadt Lusaka. Dort gab es auch interessante Bekanntschaften
unter polnischen Evacuees, die in der Regierung Stellungen hatten,
zum Teil im Audit aber auch in anderen Departments. Eine Bekannte,
Janka SüsskindScheck, hat dann sogar im nordrhodesischen
Regierungsdienst bis in die Jahre nach der 1964er Übergabe von der
englischen Kolonialverwaltung an die neue Regierung des unabhängigen
Zambias gearbeitet.
Dann ging ich nach Livingstone, die ursprüngliche Hauptstadt am
Zambesi, nahe den Victoriafällen. Die ganze koloniale Besiedlung
Nordrhodesiens war ja sehr jung, sogar bei den Maßstäben meiner
Heimat im oberschlesischen Industriegebiet, aber diese kleine
koloniale Stadt Livingstone hatte schon so etwas wie Patina,
verglichen mit den ganz neuen Siedlungen im Copperbelt. So
erschienen einem auch die jüdischen Kaufleute dort mehr
alteingesessen als alte Kumpanen anderer Alteingesessener in Bowling
oder Golfclubs und die Frauen bei durch die Kriegzeiten gegebenen
charitativen Gelegenheiten in Uniformen der St.Johns Brigade.
Besonders in Erinnerung bleibt mir die Familie Kopelowitz. Sie
führten ein gar nicht pompöses, aber sehr stilvolles und gastfreies
Haus. Er präsidierte auch über die jüdische Gemeinde, die Synagoge
war viel benutzt, es gab auch viel Jugend und verschiedene
Bekanntschaften mit deutschen jüdischen Emigrantenfamilien. Auch
polnische Evacuees gab es in Livingstone. Eines Tages hörte ich, daß
unter denen, die durchgereist waren, um nun doch nach Hause in die
Volksrepublik Polen zu gehen, auch der alte Senator Kornke war.
Meine Freunde aus Mufulira sind einige Jahre später dann auch zu
ihren Familien nach Polen zurückgekehrt.
Als Höhepunkt des Aufenthalts in Livingstone bleibt mir aber der
Besuch der Englischen Königsfamilie im Juni 1947 in Erinnerung.
Dieser war ausgedehnter für Südafrika und Südrhodesien. Für die
damalige Kronkolonie Nordrhodesien war Livingstone der einzige Punkt,
in dem sich so alles für den Empfang des Königspaars zusammenzog. Es
war eine außerordentlich wirksame und malerisch geplante
Veranstaltung. Alle waren sehr aufgeregt und die Stimmung herzlich.
Außer den üblichen Empfängen für Behörden und Honoratioren unter der
Bürgerschaft gab es auch zwei großartig ausgedachte und aufgezogene
Veranstaltungen, die die Begegnung des Königpaares mit den schwarzen
Eingeborenen darstellten. Sie waren dem Publikum zugänglich, ich
erinnere mich gut an sie. Eine besondere Ehrung wurde dem Chief des
Barotse Stammes zuteil. Er beanspruchte königlichen Rang, sein Stamm
hatte einst die meisten anderen im nachmaligen Nordrhodesien
tributpflichtig gemacht. Symbol seiner königlichen Würde war eine
zeremonielle Barke, in der er jährlich auf dem Zambesi von der
Sommer in die Winterhauptstadt seines Stammesreiches fuhr. Nun
wurde arrangiert, daß diese Barke am Ufer des Zambesi bis in die Nähe
der Viktoriafälle transportiert wurde. Als Beginn ihres
nordrhodesischen Besuchs fuhren der Englische König mit Familie und
Begleitern in einem Motorschiff vom südrhodesischen Ufer des Zambesi
herüber zum nordrhodesischen Ufer, in der Mitte des Flusses
begegneten sie der traditionell geruderten königlichen Barke der
Barotses mit dem Chief und Gefolge, es gab die entsprechenden Salute
und Respektsbezeigung. Sehr aufgeregt über diese spektakuläre
Veranstaltung, an deren Erfolg er auch, wohl schon im Zusammenhang
mit dem schwierigen Transport der anthropologisch so interessanten
Barke Anteil zu haben schien, war der Dr. Max Gluckmann. Ich hatte
viel Zeit in seinem RhodesLivingstone Institut zugebracht, wunderte
mich, wie jemand, dem man kommunistische Neigungen nachsagte, sich
emotionell so stark mit der Stammestradition der Barotse verbunden
fühlte, die einst fast ganz Nordrhodesien unterworfen hatten.
Trotzdem fand ich seine professionelle Begeisterung über diese
Zeremonie sehr sympathisch und nachdenklich machend. Später gab es
dann die offizielle Begegnung des Englischen Königs mit den
Vertretern der gesamten eingeborenen Bevölkerung, wozu die vier
Chieftains der wichtigsten Stammesgruppen ausgewählt wurden. Es war
eine Art Indaba auf einer großen Wiese, tausende von Schwarzen waren
da, einer der Chieftains war natürlich der König der Barotse. Drei
von ihnen erschienen in traditionellem Gewand oder in einer
prunkvollen Uniform, aber der Häuptling des größten der Stämme, der
Bemba, erschien wie ich mich erinnere, ganz ohne Prunk in einem
grauen Lounge Anzug. Die Bemba waren mir gut vertraut, stellten
einen großen Teil der Bevölkerung des Copperbelts.
Auf der Empore für die Begegnung mit dem englischen König konnte man
auch den ChiefInduna, also etwa Kanzler, der Barotse sehen. Man
hatte ihn öfters erwähnt in diesen Tagen als vermeintlich den
klügsten Mann in Nordrhodesien überhaupt, dessen Rat oft bei der
Regierung in Lusaka gefragt war. Ich sah ihn also, ein älterer Mann,
auch in einer schönen Uniform oder Hoftracht. Viele Jahre später
sollte mir auffallen, als Nordrhodesien unabhängig und der Staat
Zambia wurde, da war von einem Mann seiner Stellung wenig die Rede
mehr. Es waren ganz andere Kräfte, die dabei in den Vordergrund
traten.
Eines Tages traf ich in Livingstone Frau Savory. Ich hatte die
Savorys in den über fünf Jahren, seit ich von der Farm bei Monze
wegzog, nicht mehr gesehen, aber manchmal geschrieben. Sie lud mich
ein, doch einige Tage bei ihnen auf der Farm zu verbringen, wenn ich
noch auf das Permit von Südafrika warten muß. Ich habe das sehr gern
getan. Es war schön die Menschen und die alte Szene meiner ersten
Monate im Lande wiederzusehen und diese Freundschaftlichkeit der
Savorys wieder zu erfahren. Es war dann wirklich so, nach schon zwei
Tagen kam das Telegramm von Oskar Lazar, mein Einwanderungsvisum war
bewilligt, ich mußte mich bei den liebenswürdigen Gastgebern
entschuldigen, fuhr zurück nach Livingstone und dann bald auch mit
dem Zug nach Johannesburg. Es war der 17. August 1947. Mein Dasein
als Kriegsflüchtling und Evakuee war nun vorüber. Ich war jetzt
eingewandert in Südafrika, damals ein Dominium im Britischen
Commonwealth.
P.S.: In Johannesburg war man Informationen und Literatur über die
Welt meiner Vorkriegs und Kriegserlebnisse wieder soviel näher
gekommen, als ich es in Nordrhodesien haben konnte. Bald nach meiner
Ankunft 1947 sah ich in einer Buchhandlung eine dünne Broschüre "A
German of the Resistance". Das interessierte mich brennend, ich
hatte so wenig darüber lesen können. Es hieß weiter "The Last
Letters of Count Helmuth James von Moltke". Ich hatte von ihm und
dem Kreisauer Kreis im Zusammenhang mit dem mißlungenen Putsch vom 20.
Juli 1944 gehört, aber nie Einzelheiten erfahren. Ich sah, daß die
Mutter dieses Grafen Moltke englischer Herkunft war, die Tochter des
Chief Justice des Transvaal, Sir James RoseInness. Die Broschüre,
die ich gekauft habe, war in Südafrika herausgegeben "wegen des
Papiermangels in England, um die Briefe den vielen Freunden des
Grafen Moltke und der Familie RoseInness in Südafrika zugänglich zu
machen". Es war ein Nachdruck, von dem "Round Table" herausgegeben.
Die Broschüre brachte mit Abdruck einzelner Briefe auch eine Liste
der Hauptteilnehmer des Kreisauer Kreises, der sich um den Grafen
Moltke gebildet hatte. Ich war sehr bewegt, als ich unter den 16
Namen, die genannt waren, so viele mir bekannt sah, so Carlo
Mierendorf und Paul van Husen, der auch in Kattowitz amtiert hatte,
und persönlich hatte ich drei von ihnen gekannt, es waren Theo
Haubach, Adolf Reichwein und Hans Lukaschek, ich habe ihn öfters
erwähnt in meinen Rückblicken. Es gab mir doch das Gefühl einer noch
immer bestehenden Verbundenheit mit diesen Menschen, für die man nur
die größte Bewunderung haben konnte, etwas, was einem neue Zuversicht
für die europäische Zukunft geben konnte.
Anmerkungen
Anmerkungen zu "Frühes Panorama und Vorgeschichte"
1) So Thomas G.E. Powell in "Europe, Prehistory..", Encyclopaedia
Britannica 1964, Bd.8 S.852/3.
2) Jazdzewski, Konrad "Urgeschichte Mitteleuropas" Wroclaw 1984 S.
271/486; auch A. Gieysztor u.a. "History of Poland", Warszawa 1968 S.
31. Als gegenteilige Meinung O. Kleemann "Vorgeschichte Schlesiens" in
"Geschichte Schlesiens", Stuttgart 1961.
3) Darüber siehe ausführlich O. Pustejowsky "Schlesiens Übergang an
die böhmische Krone", Köln 1975.
4) O. Karzel, "Die Reformation in Oberschlesien", Würzburg 1979, S.224,
allgemein für Ausbreitung der Reformation im südlichen Oberschlesien
S.150f.,206f. Maßnahmen der Gegenreformation waren aber früh wirksam:
die Kirche in Woschczytz wurde für den lutherischen Gottesdienst
1628 gesperrt.
5) Für die frühen Besuche zeugt die "Raffelstädter Zollurkunde". Ein
früher Reisebericht stammt von dem jüdischen Kaufmann aus Spanien
Ibrahim ibn Jaqub (G. Rhode "Kleine Geschichte Polens", S.8 und A.
Gieysztor a.a.O S... Für spätere jüdische Ansiedlung siehe B.
Bretholz "Geschichte der Juden in Mähren im Mittelalter" I, Brünn
1934.
6) V. Lipscher: "Die Juden im Habsburgerreich des 17.und 18.
Jahrhunderts am Beispiel Böhmens und Mährens", Dissertation Zürich
1983, S.103 undS.141.
7) H. Teufel: "Zur politischen und sozialen Geschichte der Juden in
Mähren vom Antritt der Habsburger bis zur Schlacht am Weissen Berg
(15261620)", Phil. Dissertation Erlangen 1971, S.74,S.84.
8) S. Dubnow: "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes", Berlin 1928, Bd.
VI, S.225 und C. d'Elvert: "Zur Geschichte der Juden in Mähren und
Österr.Schlesien", Brünn, 1895, S.123.
9) B Brilling: "Die schlesische Judenschaft im Jahre 1737" im
Jahrbuch der Schlesischen FriedrichsWilhelmUniversität zu Breslau,
Bd. XVII, Berlin 1972.
10) S. Dubnow a.a.O., Bd. VII, S.286f.
Anmerkungen zu "Die Familie und Kattowitz"
1) Nr.1256 des Staatsbürgerverzeichnis im Amtsblatt der Königlichen
Breslauschen Regierung vom 16.November 1814, Beilage S.16, sein
Wohnsitz Woschczytz. Er ist auch verzeichnet im Register der im
Kreis Pless damals wohnenden Juden im Zydowski Instytut Historyczny w
Polsce, Warszawa, als 1782 geboren, seit 1808 verheiratet mit Saara,
und zu seinem Hausstand gehören 4 zwischen 1799 und 1806 geborene
Stiefkinder mit dem Namen "Walder". Laut Überlieferung und anderer
Evidenz war die Ehefrau Sarah geb. Holländer, verwitwete Waldau.
Keines der beiden Register hat Rubriken für den Geburtsort oder Namen
des Vaters. Über diesen, meinen Ururgroßvater haben wir nur die
mündliche Tradition, daß er in seinem Alter von Woschczütz als
Schriftkundiger nach Pilica gerufen wurde und dort starb. Das könnte
zu der Zeit gewesen sein, als Pilica durch die Teilungen Polens an
der Grenze des preußischen und österreichischem Teilgebiet lag
(Gieysztor "History of Poland", Karte Nr.25).
2) Siehe "Mormonen" Film 579598 Bd.29 Familienregister der Juden von
Sohrau Nr.39. In der 1817 Zuzugseintragung ist sein Geburtsjahr als
1779 verzeichnet, sein Beruf als Lederhandel.
3) Von den Kindern seiner verstorbenen Frau adoptiert er den 1802
geborenen jüngsten Stiefsohn Isaak, dessen Sohn Louis später
Mitgründer der bekannten Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld wird.
4) Vermutlich eine Tochter des 1768 geborenen, seit 1809 in
Nieborowitz, Kreis Rybnik, ansässigen Gastwirts Samuel Huldschinsky.
5) Handbuch zu dem Atlas von Preußen, Erfurt 1836.
6) Im Zuge der wieder zunehmenden Ansiedlung von Juden in
Oberschlesien wird Woschczytz für 1693 erwähnt(....), und ein
jüdischer Toleranzsteuerzahler in 1737 ist auch für Woschczytz
erwähnt bei Brilling S...
7) M. Freudenthal "Leipziger Messgäste"...
8) Nerlich S.51.
9) A. Weltzel, Geschichte der Stadt Sohrau, Sohrau 1897, und die
neuere von G. Nerlich, Dortmund 1972.
10) Weltzel S.65.
11) Weltzel S.431.
12) Nerlich S.46.
13) Das Rittergut Bogutzker Hammer mit Kattowitz und Brynow wurde
1702 an die Plesser Standesherren v. Promnitz verkauft. Das Inventar
(Urbar), das dafür gemacht wurde, verzeichnet die Namen der
angesiedelten Gärtner, darunter Skiba (Hofmann S.30) und erwähnt wird
auch (Majowski 1958, S.25) der "Kretschem, von dem wegen Bierund
Brannweinverlag der Jude jährlich Mittem zu geben pfleget". Eine
ausführliche und, in vieler Beziehung sich um Abgewogenheit bemühende
Darstellung der Geschichte des Dorfes Kattowitz und der nachfolgenden
Stadtwerdung bringt auch S. Karski in Kattowitz (1985).
Unter den jüdischen Toleranzsteuerzahlern 1737 (Brilling S.57) ist
für Bogutzker Hammer ein Abraham Moses verzeichnet, auch je ein Name
für die Dörfer Bogutschütz und Zalenze, ebenso wie für Woschczytz.
Das Rittergut mit den Dörfern ging 1736 von den v. Promnitz wieder an
die Myslowitzer Standesherren, die polnische Adelsfamilie v.
Mieroszowski über.
14) Dieser Urgroßvater Peretz (oder Perens) Sachs, 1794 geboren, Sohn
des dann 1812 in Maczejkowitz, Kreis Beuthen, ansässigen und
Staatsbürger gewordenen Isaac Sachs, zog 1819 von Hajduck, Kreis
Beuthen, nach Smilowitz, bei Nikolai, Kreis Pless und heiratete dort
die 1799 geborene Tochter Minel des 1812 dort ansässigen Joachim
Ludniowski, der selbst als 1763 geboren ausgewiesen wird. Das
Ehepaar Peretz Sachs zog 1827 mit 3 Kindern von Smilowitz nach
Zalenze, damals im Kreis Beuthen gelegen.
15) Unter den Veröffentlichungen über ihn siehe Dr. Ernst Koenigsfeld
in "Schlesien" IV, 1984. Von polnischer Seite, wo man sich auch gern
an diesen Engländer unter den Pionieren der oberschlesischen
Stahlindustrie erinnert, die Broschüre "John Baildon" von Jerzy
Sikora (KatowickieTow.Spo.Kult.).
16) Majowski 1958 S.55/6.
17) Hoffmann S.34.
18) Broszat, Martin "Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik" S.90.
19) Broszat S.105. Es ist interessant, daß die Betonung auf dem
Erfordernis der Loyalität gegenüber dem preußischen Staat und seiner
Monarchie lag, zu deren Stärkung Kenntnis der deutschen Amtssprache
verbreitet werden sollte, aber sie sollte nicht aufgedrängt werden
und "jeder Anschein einer versuchten Verdrängung oder Beeinträchtigung
des polnischen Elements vermieden werden" (Denkschrift des v.
ArnimBoitzenburg, zitiert von M. Broszat).
20) In einer Atmosphäre, die sich schon zu der liberalen 1848
Revolution hin entwickelte, hatte der Führer der Liberalen im
Preußischen Landtag, Georg v. Vincke, erklärt, nicht nur das
Großherzogtum Posen, auch Teile anderer preußischer Provinzen, so
Oberschlesien müßten "als der polnischen Nationalität zugehörig"
angesehen werden. S. Broszat, S.108.
21) Broszat, S.116.
22) Für 1783 verzeichnet Hoffmann 490 Einwohner für Kattowitz mit
Brynow, 1825 675, 1836 sind es laut Atlas von Preußen, Erfurt, 785
Einwohner. Für 1867 sind es schon 4.815 ohne Brynow, das nicht ins
neue Stadtgebiet einbezogen wurde.
23) Hoffmann S.54.
24) Veröffentlichungen des Katowickie Towarzystwo
SpolecznoKulturalne und auch dort Krystyna Szaraniec "Znani i
nieznani Katowiczanie".
25) Dr. J. Cohn, Geschichte der Synagogengemeinde Kattowitz, S.1.
26) Hoffmann, S.71. Auch die neue Veröffentlichung Kattowitz 1985
behandelt die damaligen Vorgänge ausführlich, so Dr. S. Karski S.30/37.
27) S. Wenzel, "Jüdische Bürger und Kommunale Selbstverwaltung", S.
126/8.
28) Fuchs, Konrad, Wirtschaftshistoriker in Mainz, erwähnt die
Gründung des Unternehmens durch diese 3 "Kattowitzer Finanziers"; in
"Die Bismarckhütte in Oberschlesien..." in der Schriftenreihe
"Tradition" 15/1970 gibt er eine ausführliche Darstellung des Werks,
das bald auf Wunsch seines technischen Pioniers Wilhelm Kollmann in
Bismarckhütte umbenannt wurde.
29) Das Baugeschäft war sehr erfolgreich und hatte meinen Großvater
zu einem sehr anerkannten und wohlhabenden Mann gemacht. Aus dem
Jahr 1877 stammen Zeugnisse über von ihm ausgeführte Arbeiten in der
oberschlesischen Industrie. So bescheinigt Wilhelm Kollmann den Um
und Neubau (1869/72) des ganzen Hüttenwerks der damals W.
Hegenscheidt'schen Baildonhütte unter den schwierigsten Verhältnissen,
während die Hütte selbst in fortwährendem Betrieb war,
einschließlich schwieriger Fundament und Zementarbeiten für die
Maschinen, Dampfhämmer, Kessel und Schornsteine. Das zweite Zeugnis
von Kollmann bescheinigt die Bauten an der Bismarckhütte 1872/4 (das
ganze Puddel und Walzwerk mit 12 großen Kaminen, das
Verwaltungsgebäude und 10 große Arbeiterwohnhäuser). \XC4hnlich
preisend ist das Zeugnis des Herrn Bernhardi für Giesche über
Arbeiten 1874/76 u.a. an den Wilhelm und PauliZinkhütten. Es
erwähnt besonders eine 302 Fuß hohe Esse. Es gibt dann noch alte
Zeugnisse der Schlesag (einer Zinkhüttengesellschaft), der
ThieleWinkler'schen Verwaltung und der Eisenbahnverwaltung
betreffend Arbeiten in Kattowitz, Königshütte, Beuthen, Gleiwitz und
Neuberun.
30) In einem Bericht über die Einweihung des neuen Gymnasiums 1900
(aus Kattowitzer Zeitung, abgedruckt im Oberschlesischen Kurier,
Salzgitter) sind beide Brüder in diesen Eigenschaften erwähnt, der
Stadtbaurat Max Grünfeld wurde dabei mit einem Orden ausgezeichnet,
da das Gymnasium nach seinen Entwürfen gebaut wurde. Viele Jahre
später erwähnt (auch in einem Beitrag in der Kattowitzer Zeitung,
abgedruckt im Oberschlesischen Kurier) der einstmalige Kattowitzer
Stadtrat Louis Dame, auch ein Baumeister, in seinen Erinnerungen an
Kattowitz, die städtebaulich hervorragende Bebauung der damaligen
August Schneiderstraße (später und noch heute ulica Mickiewicza): das
städtische Badehaus, danach die Synagoge (die ebenfalls von meinem
Onkel Max Grünfeld entworfen war) und dann eben das Gymnasium, alle
in einer Reihe, in ähnlichem roten Backsteinbau. Er erinnerte sich
damals an diese Lösung als ein besonderes städtebauliches
Schmuckstück für Kattowitz. Für eine Abbildung siehe Sammelwerk
Kattowitz, 1985, S.92. 1939 haben die Nationalsozialisten als
Eindringlinge die Reihe gestört, als eine ihrer ersten Taten
sprengten sie die Synagoge.
31) Maximilian Harden in seinem Buch "Köpfe", S. 141, erwähnt ihn als
Hausarzt des Geheimrat Holstein, der bekannten "Grauen Eminenz" im
Auswärtigen Amt.
32) Als Student in Würzburg trat er der "Deutschen Burschenschaft"
bei, wie damals manche aus stark assimilierten jüdischen Familien.
33) Die Stadt Rackwitz hatte laut Atlas von Preußen 1836 1494
Einwohner, "besuchte Getreidemärkte". Josef Oettinger war ca.50
Jahre Gemeindevorsteher, gründete 1806 die "Chevra Kadisha", er starb
1862. Ein Sohn, Hermann Noah, als "fromm und wohltätig bekannt",
gründete das Handelshaus H.N. Oettinger & Cie. in Hamburg (Hepner S.
879).
34) Eine Kopie seiner Dissertation (mit Lebenslauf: Geburtsdatum 1808,
hatte das Gymnasium in Posen besucht) zum Thema "Hippokrates, vita,
philosophia et ars medica", in lateinischer Sprache verfaßt, habe ich
in der Zentralbibliothek Zürich gefunden und kopieren können.
35) Ihre Familie gab es in Wollstein, zu ihr gehörte Moritz Schiff
und Frau Sydonie geb. v. Taussig, die Verwandtschaft in Ungarn hatte.
36) Er soll ein sehr erfolgreicher Industrieller geworden sein, der
in jungen Jahren mittellos aus Litauen nach Ostpreußen kam, mit einem
jüngeren Bruder, den er studieren ließ und der als Beamter und
Wissenschaftler in preußischen Statistischen Ämtern eine Karriere
machte und den Geheimratstitel erhielt. Das war dann wohl der
früheste in meiner Familie, aber ich habe keine Details darüber
gefunden.
37) Paul Gerber war Hals, Nasen und Ohrenarzt, Professor an der
Universität Koenigsberg, auch mit Geheimratstitel, veröffentlichte
aber auch Gedichte und auch kleine politische Schriften, so eine um
1918 betitelt "Goethe und die französische Revolution, ein blaues
Trostbüchlein in roter Zeit". Politisch gehörte er zur
Deutschnationalen Volkspartei, er starb schon jung 1919.
38) Er war Assistenzarzt des bekannten Dr. Flügge und danach, bis er
1914 in den Krieg ging, Oberarzt des Dr. Pfeiffer in Breslau. Als
Student gehörte er zum "Akademisch Literarischen Verein" in Breslau.
Anmerkungen zu "Kindheit und frühe Jugend"
1) Es gibt dafür Hinweise in der nach dem 2.Weltkrieg sich
profilierenden Literatur über Anzeichen von Antisemitismus in
Deutschland vor der Hitlerzeit.
2) An Encyclopaedia of World History ed. W. Langer, London 1948, S.936.
3) Verfasser der Geschichte der Stadt Kattowitz (1895), hatte lange
dort gelebt, mein Vater kannte ihn gut. Wie mir erzählt wurde,
verließ er mit anderen seine Burschenschaft aus Protest gegen den
Ausschluß jüdischer Altburschenschaftler, also ein liberaler Zug,
aber in die Weimarer Nationalversammlung ging er 1919 als
deutschnationaler Abgeordneter.
4) Über die sprachliche Verhältnisse im Regierungsbezirk Oppeln zu
Beginn des 19. Jahrhunderts heißt es im "Handbuch zu dem Atlas von
Preußen" (Erfurt, 1836): "Die herrschende Sprache ist die polnische,
um Neisse und Grottkau wird ganz, um Falkenberg und Neustadt viel
deutsch, in den Kolonien Friedrichgrätz, Buddenbrock und Prittwitz
böhmisch, an der österreichischen Grenze mährisch gesprochen" (S.l91).
Dann werden die einzelnen Kreise besprochen, so zu Beuthen: "die
Sprache der Bevölkerung ist fast überall polnisch", Lublinitz: "die
polnische Sprache ist fast überall die herrschende", Kreis Neustadt:
"die Sprache ist um Neustadt die deutsche, übrigens wird mehr
polnisch gesprochen", Kreis Pless: "In Pless wird deutsch, übrigens
polnisch gesprochen", Rybnik: "die Einwohner, welche sich der
polnischen Sprache bedienen..." (S.207).
Exkurs
Die Struktur der polnischsprechenden Bevölkerung hatte sich mit der
Zeit geändert. Es hatte nicht nur polnische Landbevölkerung gegeben.
Noch im 18. Jahrhundert waren viele Städte katholisch und polnisch
sprechend. Durch die schnelle Industrialisierung im 19. Jahrhundert
entstand dann eine starke polnische Industriearbeiterschaft, bei der
nationale polnische Bestrebungen einen ebenso aktiven Anklang fanden
wie bei der bäuerlichen polnischen Landbevölkerung. Andererseits gab
es aber auch zunehmende Assimilation (Germanisierung), besonders bei
Intelligenz und wirtschaftlich gehobeneren Schichten. Das preußische
Schulwesen und die Anziehungskraft des damals hauptsächlich von der
deutschsprechenden Bevölkerung vorwärts getriebenen wirtschaftlichen
Fortschritts verfehlten nicht eine gewisse Wirkung. So finden sich
unter den deutschsprechenden und deutschgesinnten Oberschlesiern
viele mit polnischen Namen.
Andererseits war das Polentum unter oberschlesischer Intelligenz und
Mittelstand nicht im Verhältnis zu seiner Bevölkerungsstärke
vertreten. Die nationalpolnische Bewegung, in die polnische Kräfte