Mutter die Ausreise verweigert wurde, blieben die alte Frau Weingrün
und Tochter Andzia mit ihr zusammen in Uzbekistan in der Stadt
Kermine zwischen Bokhara und Samarkand. Für viele ein Land
märchenhafter Erzählungen, aber sie haben dort sicher in großem Elend
leben müssen. Meine Mutter ist dort am 30.November 1942, wie man mir
später sagte, an Typhus gestorben. Der Taschenkalender, den sie seit
1939 führte, hat sich erhalten, da steht noch unter den Adressen
"Mein geliebter Walter c/o Savory Monze Northern Rhodesia", also daß
ich in Nordrhodesien gelandet war, hat sie noch erfahren, hoffentlich
auch noch Briefe von mir gehabt. Über ihren Tod hörte ich erst im
April 1943 von Lotte aus Tel Aviv, es war eine tragische Botschaft,
sehr großes Leid.
Damals war ich schon ein Jahr lang weg von der Farm bei Monze und
arbeitete im Copperbelt. Als es in meinen ersten Monaten auf der
Farm diese Welle der Sympathie für das mitkämpfende Rußland gegeben
hatte, wurde zu Spenden aufgefordert durch eine Gesellschaft der
Freunde Rußlands, und ich gab eine kleine Spende, die Savorys fanden
das richtig, sie hatten es auch getan. Wie das aber schon mehrmals
gewesen war, dann gab es wieder Nachrichten über die abstoßenden Züge
des dortigen Regimes, es kam eine, die bei mir wieder eine
entschiedene Abwendung brachte. Zwei Führer des
jüdischsozialistischen "Bund" aus Polen, Alter und Ehrlich, die auch
als Flüchtlinge in Rußland waren, wurden nach einem Prozeß erschossen.
Ich hatte die Nachricht in der polnischen Exilpresse gelesen.
Diese Sowjets waren immer wieder die alten. Wer für Ansichten stand,
die nicht 100% Konform waren, mußte umgebracht werden. Man konnte
sich nur abwenden, was für eine Tragik. Es hieß nichts Gutes für die
Zukunft.
Mein Vetter Herbert hatte Verbindungen zu den zwei großen
Bergbaukonzernen, die in Nordrhodesien Gruben besaßen, da sie ja auch
Kobalt bzw. Vanadium produzierten. Es gab keine Vakanz bei
AngloAmerican, aber durch Ronald Prain bekam ich eine Stellung bei
Mufulira Copper Mines, ging April 1942 dorthin, fing an im Magazin zu
arbeiten. Der Chefarzt aber fand, daß mein Röntgenbild
Silikosisverdacht (Steinstaublunge) zeigte. Es war gegen die Politik
der Grubengesellschaften, Silikosisverdächtige anzustellen. Ich fand
eine andere Stellung im Copperbelt bei Northern Caterers, die alle
Hotels und Bäckereien dort betrieben. Abgesehen von einigen
dienstlichen Zwischenaufenthalten in Kitwe und Luanshya blieb ich in
Mufulira, mit wechselnden Stellungen allerdings, bis Anfang 1947.
Dort habe ich dann also auch den weiteren Verlauf der Kriegsjahre
miterlebt.
Es waren dieselben Zeitungen wie in Monze, ich wurde auch Abonnent
der "Time". Radioempfang war gut, man blieb doch ganz gut informiert,
außer der polnischen Exilpresse sah ich manchmal das deutsche
Emigrantenblatt "Aufbau" aus New York. Ich teilte alle diese
Erlebnisse mit den etwa 2000 Europäern (10) in Mufulira. Die
Mehrheit waren die Englischstämmigen, darunter manche Bergleute aus
Yorkshire oder Wales, viele Beamten der Grube, auch Südafrikaner,
englische oder Buren, auch einige jüngere ostjüdische Einwanderer und
sephardische Juden aus Rhodos und drei andere von den polnischen
Evakuees, zwei Juristen und ein Bankdirektor; wir hielten engen
Kontakt.
Von den nicht zur Grube, sondern wie ich zur kommerziellen Township
gehörigen, wurden zu engsten Freunden die Familien Mohrer und
Messerer aus Frankfurt und zwei Familien Illion aus Libau. Es gab
eine sehr ungezwungene Gesellschaft, viel angeregte Unterhaltung und
auch Meinungsverschiedenheiten. Zu den jüdischen Feiertagen gab es
kleine Gottesdienste, erst im Hause Mohrer, schließlich wurde eine
jüdische Gemeinde gegründet und sogar eine schöne, nicht zu große
Synagoge gebaut. Es waren doch etwa 100 Mitglieder. Die
Begeisterung besonders des jungen Messerers war inspirierend.
Schließlich war ich auch im Vorstand, als Kassierer. Der Verlauf des
Krieges gab mehr Zuversicht, daß er mit einem Sieg der Alliierten
über Hitlers Axismächte enden würde. Es gab immer noch viel
Ungewißheit, so im Fernen Osten und den UBootkrieg, aber in
Nordafrika und an der Ostfront hatte es doch deutliche Fortschritte
gegeben. Zwei große Felder von Sorgen zeichneten sich ab. Das eine
war das Schicksal der jüdischen Bevölkerung, die in Hitlers Hand
gefallen war. Man wußte über die Vorgänge in den Anfängen der
Besetzung Polens, hatte immer wieder von dort gehört. Mit dem
Eindringen der Deutschen in Rußland waren noch schrecklichere
Nachrichten über systematische Ausrottung der dortigen jüdischen
Bevölkerung gekommen. Eines Tages kam die Nachricht, daß aus dem
polnischen Untergrund Berichte nach London gekommen waren über den
Beginn von systematischen Vernichtungsaktionen auch im besetzten
Polen. Die Meldung kam in sehr eindringlicher Form, nämlich daß der
Abgeordnete im polnischen Exilparlament in London, Schmuel Zygielboim,
sich aus dem Fenster gestürzt und das Leben genommen hatte, aus
Protest dagegen, daß es keine wirkliche Reaktion auf diese
Todesberichte aus Polen gegeben hatte. Sein Selbstmord wurde
verschiedentlich von der Presse berichtet, aber die polnische
Exilpresse gab ihm natürlich das weiteste Profil. Sein Name als
Führer des jüdischen "Bund" war mir ja von der Besetzung Warschaus
her vertraut. Er hatte zu den zwölf Geiseln gehört, die für die Zeit
der Übernahme den Deutschen vom polnischen Verteidigungskomitee
hatten gestellt werden müssen. Er war dann entkommen und nach
Aufenthalten in Brüssel und New York 1941 nach London gelangt. Es war
eine erschütternde Nachricht zu einer Zeit, als das Vernichtungslager
Auschwitz mit seinen Cyclon B Anlagen noch nicht bekannt war. Lager
wie Treblinka wurden aber schon erwähnt. Man hörte auch von
Deportationen aus Holland und Frankreich und es gab so viele, um die
man sich persönlich Sorgen machte, eben auch die Schwester Marianne.
Es schien nichts zu geben, was von alliierter Seite getan werden
konnte, auch nicht nach dem großen Signal, das Schmuel Zygielbojm als
Protest des jüdischen Volkes gesetzt hatte.
Das andere Problem, auf das man zunehmend aufmerksam wurde, waren die
sich abzeichnenden Interessengegensätze zwischen den Anhängern
Rußlands und seines kommunistischen Regimes und den anderen Gegnern
Hitlers. Da war nicht nur die wachsende Antipodie Rußlands gegenüber
der polnischen Exilregierung in London, mit der sie schon April 1943
die Beziehungen abbrachen und dann zur Bildung einer eigenen
polnischen, kommunistisch geführten Exilregierung in Rußland
schritten. Es war auch die Entwicklung in Jugoslawien, die einen
beunruhigte. Die von Moskau unterstützten Antihitlerguerillas Titos
machten bald bessere Fortschritte als die den alten jugoslawischen
Regimes treuen Guerillas Michajlowiczs, gegen die auch zu kämpfen den
Gruppen Titos gar nichts ausmachte, im Gegenteil, dieser Kampf schien
genauso ihr Ziel zu sein wie der Kampf gegen Hitler. Das war auch
wieder beängstigend. Auf alliierter Seite war die Entschlossenheit
zur siegreichen Beendigung des Krieges absolut vorherrschend, daher
hat auch die englische Regierung Churchills dann Tito aktiv
unterstützt, weil es die besseren Chancen für baldige Beendigung des
Krieges zu bieten schien. Mit den polnischen Evacuee Freunden in
Mufulira teilte ich stark die Besorgnisse, die man für die künftige
Gestaltung der Dinge in Polen deswegen haben mußte.
In diesen Jahren waren für mich die Sylvesterabende immer ein Anlaß
für wehmütige Erinnerungen an das zu Hause, die Eltern, und alles,
was so vollkommen untergegangen zu sein schien. Es gab immer Feiern
im Freundeskreis, einmal, wohl 1943/44 war es bei den jungen Illions
gewesen. Danach hatte ich eine so besonders starke Erinnerung an
diese Abende einst zu Hause, und ich sah vor mir auch das Bild des Dr.
Hans Lukaschek, der ja einige Male Gast bei uns zu Hause an
Sylvesterabenden gewesen war. Es war beinahe wie eine Vision, und
ich erinnerte mich an die spätere Begegnung in Breslau, als ihm die
Tränen über die Backen liefen wegen der Verhältnisse in Deutschland
unter Hitler. Wo war das alles, gab es solche Leute noch in
Deutschland, fragte ich mich dann gerade in dieser Sylvesternacht im
fernen Mufulira.
Das nächste Jahr 1944/45, die Illions waren von Mufulira weggezogen,
beging ich den Sylvesterabend bei mir zu Haus mit den zwei Polen
Notar P. und Bankdirektor D. als meinen Gästen. Mein Hausgehilfe und
Koch Moffat hatte eine schöne Ente bereitet, wir tranken
südafrikanischen Rotwein, es war ein nachdenklicher und sorgenvoller
Abend. Eine Radiorede des neuen Premiers der polnischen
Exilregierung in London Mikolajczyk wurde von der BBC übertragen.
Die Russen hatten im Juli 1944 das Moskauer polnische Komitee als
polnische Regierung anerkannt; als die mit der Londoner Regierung
zusammenarbeitende polnische Untergrundarmee und die Bevölkerung eine
Aufstand in Warschau gegen die Deutstschen machten, verweigerte die
nahestehende russische Armee jede Unterstützung und erlaubte den
Deutschen diesen Aufstand blutig zu liquidieren. Trotz
Luftunterstützung von den westlichen Alliierten kam es dazu. Grund
für uns an diesem Tag zu düsteren Erwartungen. Für mich waren das
nicht nur Gedanken an Polen und meine oberschlesische Heimat, ich
fühlte, wenn die Alliierten sich nicht stark machen, eine wirkliche
Unabhängigkeit Polens zu schützen, dann ist das ein schlechtes Omen
für das zukünftige Bild Europas. Da war ich von den Ideen meines
Memorandums noch nicht weggekommen. Ich habe damals wegen meiner
starken Gefühle für die Interessen der Polen gegenüber russischen
Vormachttendenzen viele Argumente mit meinen jüdischen Freunden und
Anfeindungen von Fernerstehenden gehabt. Es war da ganz allgemein,
einfach wegen vermeintlichem besonders großem Antisemitismus der
Polen, ein starkes Vorurteil zugunsten der Sowjetunion bemerkbar.
Unter den ostjüdischen Minenarbeitern gab es einige, die stark
kommunistisch eingestellt schienen, es gab aber auch
revisionistischzionistische, alle etwas rabiater Disposition. Von
den Linksstehenden wurde mir ausgerichtet, wenn mein Freund P. nicht
mit seinen besorgten polnischen, d.h. antirussischen Ansichten
zurückhält, dann könnte ihm eines Tages untergrund etwas passieren.
Das möchte ich ihm doch bitte sagen, es sei ernst gemeint. Ich war
konsterniert, so eine Drohung von Leuten, die der Gesellschaft der
Freunde Rußlands nahestanden. Sie hatte einmal eine Versammlung
gehalten mit Rednern aus Südafrika, zufällig saßen sie im Hotel am
Nebentisch, daher habe ich mir die Namen so gemerkt, es waren die
Advokaten Abraham Fischer und Zwarenstein. Man hat die Namen dann
oft in Südafrika gehört.
Die Yaltakonferenz einige Wochen nach unserem Sylversterabend gab den
Russen weitgehende Handlungsfreiheit gegenüber der Londoner
Exilregierung Polens. Es gab zwar Versprechen demokratischer
Verfassungen, man konnte hoffen gegen alle Anzeichen, aber im Grunde
genommen zeichnete sich eben ab, wozu es dann kam, die Zweiteilung
Europas. Der Putsch gegen Hitler am 20.Juli 1944 war gescheitert,
der Putsch, den die deutsche Heeresleitung allerspätestens nach
Stalingrad hätte machen sollen, hatte nie stattgefunden. Die
Alliierten hatten die bedingungslose Kapitulation Deutschlands schon
1943 als Ziel formuliert. Es wurde klar, die Russen würden vorrücken
bis zu Linien, die man vereinbart hatte, und was hinter ihren Linien
sich politisch gestalten würde, darüber sollte man keine Illusionen
haben.
Ein anderes Thema heftiger Diskussion mit den jüdischen Freunden war
die Entwicklung in Palästina. Für mich war die Verfolgung
zionistischer Ziele ohne Rücksicht auf bestehende arabische
Interessen nicht vorstellbar. Eine alte Dame wies mich zurecht, sie
war nicht nur eifrige Zionistin sondern auch sozialistisch
eingestellt gewesen. Sie sagte, die Interessen der Araber, das wären
doch nur feudalistische Interessen, sehen Sie sich doch ihre
Gesellschaftsordnung und Rückständigkeit an, Palästina kann doch nur
gewinnen durch einen zionistischen Staat. Gewiß, ich dachte an
manches, was ich gesehen, und Rückständigkeit war schon da, aber
schon 15 Jahre vorher hatte ich Hans Kohns Buch "Nationalismus im
Vorderen Orient" gelesen, das hatte ein ganz anderes Bild der
nationalistischen Bewegung der Araber gegeben.
Im Argument über Polen und die Sowjetunion hat sich seitdem das Blatt
sehr gewendet. Manche meiner Freunde von damals habe ich
wiedergetroffen, sie haben mir unterdeß Recht gegeben. Nicht ganz so
ist es mit dem Argument über zionistsiche Ziele, unterdeß also den
Staat Israel. Dabei hatte ich damals auch nach dem Weggang von
Palästina keineswegs meine Sympathie aufgegeben, war auch dem
Zionistischen Verein in Mufulira beigetreten, sogar sein Sekretär
geworden, lernte einige der südafrikanischen aktiven Zionisten kennen,
aber auf meine grundlegenden Vorbehalte bin ich immer wieder
zurückgekommen.
Um noch einen kurzen Blick auf meine berufliche Tätigkeit zu werfen,
Northern Caterers hatten mich zunehmend als Vertreter für abwesende
leitende Leute verwendet, auch in Kitwe im Hauptbüro der Gesellschaft.
Dort war wieder der Freund Wasserberger, als Neuankömmlinge das
jüngere Ehepaar Banasz, die in Polen nahe uns in Bendzin gelebt
hatten, er war Ingenieur, erfahren in Zinkweißproduktion. Sie waren
intelligente und anregende Gesellschaft dort. Ich verließ meine
Firma, denn ich hatte mich dort in Abwesenheit des befreundeten
Schulmanns von seinem Boss aus Bulawayo zurückgesetzt gefühlt, und
fand gleich eine neue Stellung bei den griechischen Unternehmern
Tatalias & Samaras in Mufulira, wo ich die administrative Seite zu
betreuen hatte. Sie waren Kontraktoren mit Holzwirtschaft, Ziegelei
und hatten ein Fleischgeschäft, das aber bald von der größeren Firma
Werner & Co. übernommen wurde, die mir bei sich eine ähnliche
Stellung anboten, und dort habe ich dann bis Anfang 1947 gearbeitet.
Die Firma hatte die Verträge für die Fleischversorgung der großen
Mufulira und LuanshyaMinen. Ich hatte als Dienstwohnung die Hälfte
eines Zweifamilienhauses, aber noch keine Familie, hatte mir ein Auto
gekauft. Als nach Kriegsende der Leiter der Firma auf Urlaub nach
England ging, übernahm ich die Vertretung und bekam als Dienstwagen
einen großen Ford Mercury, also ich brauchte mich gar nicht zu
beklagen. Die Arbeit hat mich auch interessiert. Diese
Viehwirtschaft hatte schon ihre anregenden Seiten. Es handelte sich
um große vertragliche Verpflichtungen. In diesen halbtropischen
Gebieten konnte Vieh nur in bestimmten krankheitsfreien Zonen
gehalten werden. Das Vieh für den Copperbelt mußte zum Teil über
große Entfernungen z.B. aus Bechuanaland (heute Botswana)
herangebracht werden, dazu über den Zambesi Fluß getrieben und dann
auf dafür gekauften Ranchen vorübergehend gehalten werden. Der
energische Junior Partner der Firma war Harry Wulfsohn in Livingstone,
ein sehr begabter junger Mensch, mit dem ich gut auskam. Er war zu
mir ausgesprochen freundschaftlich. Es war verabredet, daß ich als
Nebenbeschäftigung weiter die Bücher des Kontraktorgeschäfts meiner
griechischen Freunde führen konnte, es gab sogar noch einen
Bauunternehmer in Mufulira, für den ich das auch tat, ich habe also
sehr hart dort gearbeitet. Man fühlte sich auch wohl.
Der VE Day und wie sich Dinge, wo ich in Europa her kam, zu gestalten
schienen, machten eine Rückkehr nach Hause nicht ratsam. Als
dauernde Lösung aber fand ich Nordrhodesien wohl doch nicht richtig,
weder für meine beruflichen Ambitionen noch die kulturellen
Interessen. Ich ging zunächst einmal im September 1945 auf Ferien
nach Johannesburg und fand Atmosphäre und Leben dort sehr angenehm.
Unter den Verwandten, die ich auf der Durchreise im Oktober 1941 auf
dem Bahnhof wiedergesehen hatte, war Mia, nun Mary, Weissenberg,
unterdeß mit Herbert Priebatsch verheirat. Sie hatten einen Sohn
Norman, Kurt Kingsfield war verheiratet mit Violet. Was 1941 noch
gemeinsame Besorgnis war um die Familie, die unter Hitlers Gewalt
zurückblieb, nun war es Trauer und unbeschreiblicher Schmerz,
manchmal auch noch Ungewißheit und Warten auf weitere Informationen.
Volles Begreifen, was die Nationalsozialisten mit der jüdischen
Bevölkerung getan hatten, die ihnen in die Hände fiel, kam ja doch
erst nachdem alliierte Truppen diese Gebiete Europas befreit hatten.
Die Geographie dieser Vernichtungsgreuel nahm langsam Gestalt an vor
den Augen der Welt. Da waren die Berichte über Lager wie
BergenBelsen, Buchenwald und andere, dann über Auschwitz und
Birkenthal, so nah bei Kattowitz, und man hörte immer mehr über die
Vernichtungslager weiter in Polen.
Mary und Kurt waren sicher, die Familie, die sie in Beuthen
zurückgelassen hatten, lebte nicht mehr, waren deportiert worden,
Mary's Eltern und Großeltern, Kurts Schwester Erika und ihre Familie.
Ich hatte von Marianne nichts mehr gehört, es war jetzt fünf Monate
nach Kriegsende in Europa, sie war wohl nicht mehr am Leben. Hatte
man noch, gegen alles Wissen, gehofft? Es gab ja einige wenige
Überlebende, die sich hatten verbergen können. Es schrieb dann ihre
Kollegin, Mary Edwards, von ihrem Arbeitsplatz in Guernsay. Marianne
hatte ihr noch nach ihrer Deportation aus Frankreich 1942 geschrieben,
sie war dann vom Sammellager Drancy im August 1942 nach Auschwitz
deportiert worden. Solche Tragik des Schicksals, von den englischen
Channel Islands zu dieser Greuelstätte, so nahe ihrem zu Hause, wo
sie geboren war und aufwuchs, und wir alle waren schon lange weg (11).
Von den in Berlin zurückgebliebenen Mitgliedern der Grünfeld Familie
überlebte als einziger Hans Hirschel. Er hatte eine wundersame
Rettung durch die mutige und aufopfernde Haltung und Tätigkeit von
Maria Gräfin von Maltzan, die ihn verbarg und ihm das Leben retten
konnte. Sie heirateten nach Kriegsende (12). Ich hatte auch bald
Briefe von Hans Hirschel und nahm Anteil an dem Wunder seiner Rettung.
Von den anderen Mitglieder der Familie waren die älteren Luzie
Hirschel und Felix Benjamin nach Theresienstadt, die vier Kusinen,
Kaiser und Epstein, nach dem Osten deportiert worden, Paul und Mimi
Grünfeld nach Lodz. Sie kamen alle um. Walter Oettinger wurde, wie
ich erst nach vielen Jahren feststellen konnte, im August 1942 zum
Ghetto Riga als "Jude" durch die Gestapo Berlin "evakuiert, ein
Todesnachweis...liegt nicht vor".
Mein Vetter Hans Gerber war noch 1939 nach England emigriert, diente
als Arzt in der englischen Armee, nach Indien und Burma gesandt als
Antimalaria und Bilharzia Spezialist. Er blieb auch später ein
Fachmann auf diesem Gebiet. Bald nach dem Krieg arbeitete er für
UNRA auch in Europa, wußte, daß sein Bruder Wolfgang im
Konzentrationslager umkam.
In Johannesburg lernte ich 1945 als weitere Verwandte Robert Grünfeld
und Joan kennen, er der jüngere Bruder des zum bekannten Bankier in
London gewordenen Vetters Henry Grünfeld aus der Zalenzer Linie der
Familie. Ich traf weitere Freunde aus der FWV, Fred Rothberg und
Frau Grete geb. Schild, Heinz Kretschmer und andere Breslauer mit
ihren Familien. Auch durch meine Kontakte in Mufulira machte ich
Bekanntschaften in Johannesburg. Es war gut, andere Menschen, auch
Zeitungen und Buchhandlungen zu sehen, in einer größeren Stadt mal zu
sein, mit Naturschönheit mußte Johannesburg ja nicht unbedingt mit
der subtropischen Landschaft Nordrhodesiens konkurrieren. Auf der
Bahnfahrt zurück entlang durch Bechuanaland machte ich die
interessante Bekanntschaft des Anthropologen Max Gluckmann, der
damals das RhodesLivingstone Institute in Livingstone leitete.
Durch meine anthropologische Lektüre noch auf der Farm Savory war ich
auf dessen Arbeiten und Veröffentlichungen aufmerksam geworden und
ein Leser geblieben. Wir hatten eine sehr angeregte Unterhaltung, er
stand sehr links, wie mir schien. Ihn interessierte, daß ich etwas
über Max Weber wußte, er meinte, ich könnte vielleicht am Institut
mitarbeiten, denn das würde gut passen.
Das hätte mich schon interessiert, aber ich dachte doch mehr an eine
Tätigkeit in der Wirtschaft. Ich fühlte, ich hatte mich da gut
eingearbeitet und hatte Erfolg und Anerkennung gehabt. Ich fragte
meinen Vetter Herbert, ob er Möglichkeiten in Südafrika und Rhodesien
für mich sehe z.B. für Einkauf von Erzen. Ich berichtete ihm auch
über die Pläne für Bau eines Staudammes entweder am Zambesi vor der
Kariba Gorge oder am Kafue Fluß in Nordrhodesien, durch den billiger
Strom unter anderem für die Produktion von Ferrochrome aus
südrhodesischen Chromerzen bereitgestellt werden sollte. Für das
nordrhodesische KafueProjekt trat besonders der Ingenieur Morris ein,
Mitglied des Legislative Councils für Mufulira, den ich auch besuchte.
Herbert zeigte sich damals sehr interessiert; seine Gruppe sei eine
der ganz wenigen im Britischen Commonwealth mit Erfahrung in
Ferrochrome Produktion. Morris zeigte sich auch sehr interessiert,
aber die Pläne waren noch sehr unbestimmt. Für Einkauf von Erzen im
südlichen Afrika erwähnte Herbert, daß er diese viel durch die Firma
Derby & Co. Ltd in London gekauft hätte, einer deren Direktoren,
Frederik Rau, käme demnächst nach Salisbury in Südrhodesien und würde
mich gern kennenlernen. Ich traf ihn dort im Mai 1946.
Er erschien mir ganz als der gebürtige Engländer, der er war und den
ich erwartet hatte, aber dann stellte sich heraus, daß er einer sehr
frommen jüdischen Familie angehörte; der Vater war aus Fürth gekommen,
er sprach auch fließend Deutsch. Fred Rau machte einen starken
Eindruck auf mich und ich konnte sehen, daß er das auf viele machte,
geschäftlich sowohl wie als Persönlichkeit. Herberts Firma schien
ein wichtiger Kunde Derbys für ihre rhodesischen und südafrikanischen
Erze zu sein, und die Beziehungen sehr freundschaftlich. Rau hatte
das Geschäft von Derby im südlichen Afrika besonders gepflegt, hatte
viele Monate im Krieg dort mit einem Auftrag des British Ministry of
Supply für die Beschaffung kriegswichtiger Rohstoffe zugebracht.
Derby dachten daran, jetzt eine Vertretung in Johannesburg
einzurichten, ich war daran natürlich sehr interessiert, er würde das
erwägen, sagte er, als ich an meinen Posten im Copperbelt zurückflog.
Nur nach wenigen Tagen bekam ich dort ein Telegram von ihm aus
Johannesburg, ob ich dort zu einer weiteren Besprechung sofort
hinkommen könnte. Ich mußte nochmals um kurzen Urlaub bitten und
fuhr mit der Bahn.
Am Bahnhof wurde ich abgeholt von Fred Rau und Oskar Lazar, Inhaber
des Chemischen Laboratoriums McLachlan & Lazar, ein guter Freund
Derbys in Südafrika, der eine Handelsfirma "Minerals & Plant (Pty.)
Ltd" in Johannesburg gegründet hatte, um die Vertretung von Derby zu
übernehmen. Der als geschäftsführender Partner von Lazar
vorgeschlagene junge Anwalt, den Fred Rau jetzt hatte kennenlernen
sollen, erwies sich als unverträglich und gab auf. Fred Rau schlug
vor, daß ich in die neue Firma als geschäftsführender Partner
eintreten soll und diese dann die gemeinsame Vertretung von Derby und
der von Herbert geführten Grünfeld Gruppe übernehmen würde. Man
besprach die Grundlinien von Verträgen dafür, nach wenigen Tagen flog
ich zurück auf meinen Posten in Mufulira. Plan und
Vertragsbedingungen brauchten noch die Zustimmung aller Beteiligten
in London, ich mußte Einwanderungsgenehmigung für Südafrika
beantragen und sechs Monate Kündigung meines Postens in Mufulira
geben.