Meine Hoffnung war, daß entgegen den Ansichten von Jozef Winiewicz,

auf polnischer Seite die Konzeption eines starken Polens in einer

Europäischen Union, aber letzten Endes eben unausweichlich als guter

Nachbar eines reformierten, demokratischen Deutschlands Anklang

finden könnte. Ich sprach häufig mit Ludwik Berger über mein Thema,

er verstand das gut. Außerhalb des Zirkels, in dem wir uns trafen,

hatte er auch Verbindungen zu Kreisen der Londoner Exilsregierung.

Mein Entwurf für ein Memorandum wurde ganz umfangreich, ich gab es

ihm zu lesen, aber er kam zurück und fand, es sei für die damalige

Lage viel "zu liberal" und würde seine Wirkung verfehlen. Ich hatte

es auf deutsch geschrieben, weder mein Polnisch noch damals mein

Englisch waren gut genug, ohne diesen Umweg auszukommen, ich hätte es

noch übersetzen lassen müssen.

Die "damalige Lage" hatte sich in diesen Wochen ganz entscheidend

geändert, schwerwiegendst durch den Einfall Hitlers in die

Sowietunion am 22.Juni 1941. Es war eine Überraschung, eine, meiner

Ansicht nach, nicht rational erklärliche Entscheidung Hitlers. Auch

dabei machten also seine Generäle mit. Da hatten Hitlers Gegener

gewartet, daß Rußland und die Alliierten sich doch noch

zusammenfinden, jetzt sorgte Hitler selbst dafür. Die Chancen, daß

der Krieg gegen Hitler nicht nur in ein stalemate verwandelt, daß er

auch gewonnen werden könnte, schienen nun weit besser. Die ersten

Nachrichten von der russischen Front waren allerdings beängstigend,

es war furchtbar von dem neuen riesigen Blutvergießen zu hören, das

Hitler da angefangen hatte. Näher, im Mittelmeerraum, hatten die

Deutschen aber vorher nicht nur Kreta erobert, auch in Nordafrika

waren sie unter Rommel bis an die ägyptische Grenze vorgestoßen und

stellten eine akute Bedrohung dar. Auf Cypern fühlten sich nach dem

Fall Kretas alle bedroht, die Grund hatten, vor Hitler zu fliehen,

und die britische Regierung veranlaßte ihre Evakuation, mit ihnen

auch die Familie Weingrün. Es handelte sich aber um eine sehr viel

umfangreichere Aktion für polnische Flüchtlinge, denn die britische

Regierung hatte früher 500 polnische Flüchtlinge aus Rumänien nach

Cypern evakuiert, wobei es sich um die im Falle einer deutschen

Besetzung Rumäniens politisch am meisten bedrohten Personen handeln

sollte. Die polnische Exilregierung in London war unter General

Sikorski als breite Koalition aller der Parteien von den

Nationaldemokraten bis zu den Sozialisten entstanden, die sich in

Opposition gegen die Sanacjagruppierung um Pilsudski gehalten hatten.

Deren Anhänger wurden von der Exilregierung so gut wie

ausgeschlossen. Dafür wurden sie vornehmlich berücksichtigt, als die

Liste für die Evakuation von 500 Flüchtlingen nach Cypern aufgestellt

wurde. Die eigenen Anhänger wollten die Parteien der Exilsregierung

lieber in wichtigere Zentren bringen. Lotte und ihre Familie wurden

nun bei ihrer Evakuation von Cypern dieser polnischen Cyperngruppe

angeschlossen. Für mich wurde es eine sehr bewegende Veränderung,

daß ich jetzt Lotte und ihre Familie wiedersehen sollte. Die erste

Station der Evakuierung sollte Palästina sein. Zygmunt Weingrün

wurde bei Landung gleich zur polnischen Armee eingezogen, er hatte

einst seinen Armeedienst gemacht. Er war nicht der einzige, die

Gruppe war also kleiner geworden, es hieß bald, die Engländer würden

sie nach Nordrhodesien weiterevakuieren, um die Zahl der polnischen

Flüchtlinge in Palästina nicht weiter anschwellen zu lassen.

Unerwartet stellte sich für mich nun dieselbe Frage. Ich hatte

beantragt, auf die Liste der polnischen Kriegsflüchtlinge gesetzt zu

werden, die vorläufig in Palästina bleiben konnten und als

Flüchtlinge betreut wurden. In Istanbul hatte ich nur im polnischen

Konsulat einen neuen Paß bekommen und mich dabei auch zum Militär

nochmals stellen müssen, wurde aber nicht genommen; es war nun wieder

so. Dann kam Bescheid, für Kriegsflüchtlingsstatus könnten sie mich

in Palästina nicht annehmen, aber mich als "War Evacuee" auf die

Listen für den Transport der Britischen Regierung nach Nordrhodesien

setzen. Das war eine frappierende Entwicklung, da Lotte und ihre

Tochter auch dorthin gehen sollten. Ich entschloß mich dazu. Die

Weiterreise nach Nordrhodesien schien gar nicht so populär bei

manchen Mitgliedern der Cyperngruppe zu sein. Einige der zum Militär

eingezogenen Männer hofften, ihre Familien könnten ihnen näher in

Palästina bleiben, auch andere zogen das vor, es wurde nur in

Ausnahmefällen erlaubt.

Immerhin ergaben sich verschiedene freie Plätze in der Gruppe, unter

den neu in Palästina hinzukommenden waren auch einige andere jüdische

Flüchtlinge aus Polen. Alter und sehr gern wiedergesehener Bekannter

aus Kattowitz war der Tierarzt Dr. Ignacy Mann, er hatte unterdeß

eine rumänische Architektin geheiratet, und dann war dort das mir aus

Kattowitz bekannte polnisch­jüdische Arztehepaar Berman. Lotte, die

von Cypern her schon viele Bekannte in der Gruppe hatte, versäumte

aber die Abreise der ersten Teilgruppe, Zyga wollte sehr, daß sie in

Palästina bleibt. Vor der Abreise der weiteren Gruppe wurde sie

krank, ich stieg allein in den Zug, ohne sie. Es war ein

schmerzlicher Abschied gewesen.

Der Transportleiter war Ing. K., Bekannter von Mersin und der

Bridgepartie auf der Schiffsreise, und es war gut, daß Dr. Manns da

waren. Einige Tage vorher war ich noch nach Jerusalem gefahren, um

von Freunden Abschied zu nehmen. Franz Goldstein benutzte immer noch

die Schreibmaschine, die ich ihm 1937 bei seinem Weggang von

Kattowitz gegeben hatte. Nun borgte ich sie, um mir einige meiner

Artikel aus der Wirtschaftskorrespondenz abzuschreiben. Ich dachte,

da ich jetzt auch ein Flüchtling war und weit weg ging, könnte ich

nicht jetzt die Maschine wiederhaben. Er hatte eine Redaktion in

Jerusalem, ich dachte an mein Manuskript, an dem ich weiter arbeiten

wollte. Er war sehr bestürzt, es ist doch sein Brot, sagte er, ohne

diese Maschine wäre er vollkommen gelähmt. Ich habe sie dort

gelassen.

Eine Bekannte in einer Pension etwas außerhalb Jerusalems sagte mir,

es wäre ein Verwandter von mir da, Dr. Erich Sachs, von der Berliner

Konzertdirektion Wolf & Sachs, wir hatten uns nie kennengelernt. Der

Weg zur Pension führte durch das Quartier Mea Shearim der

Ultraorthodoxen Juden, noch heute oft erwähnt und umstritten, und so

lernte ich noch einen weiteren Aspekt des jüdischen Palästinas kennen.

Besucht hatte ich auch von Tel Aviv aus verschiedene

genossenschaftliche Siedlungen, Moshaws, deutsch­jüdische

Hühnerfarmen, aber zu einem Kibbutz brachte ich es damals nicht. Vor

der Abreise hatte man natürlich versucht, etwas über Nordrhodesien zu

erfahren. Geographische Nachschlagewerke mußten her, etwas

Geschichte, aber Augenzeugen fanden wir nicht, es wurde doch

weitgehend eine Reise ins Unbekannte.

Reise nach Nordrhodesien

Die Eisenbahnfahrt in Palästina ging vorüber an einigen Siedlungen,

noch mit viel Grün, dann Wüste, bei El Kantara kamen wir an den

Suezkanal und Grenzkontrolle nach Ägypten, britische

Militärverwaltung. Meine Korrespondenz und andere Papiere wurden

wieder eingehend geprüft, man nahm einige meiner Artikel aus der

Wirtschaftskorrespondenz für Polen und den Entwurf für das Memorandum

an die polnische Exilregierung weg, versprach, ich würde es später

wiederbekommen. Ich war perplex, wie hatte man ausgesucht, welche

meiner Artikel zu weiterer Prüfung mitzunehmen und welche mir zu

belassen? Aber es gab genug, was einen zunächst jetzt beschäftigte.

Der neue Zug, der uns nach Cairo bringen sollte, hielt auf einem

Bahnhof, als Alarm wegen eines deutschen Luftangriffs ertönte.

Schneller konnte es einem nicht klargemacht werden, daß man in

Kriegsgebiet war. Es wurden ängstliche Minuten, umso mehr, als das

Gerücht aufkam, der Zug, der neben unserem stand, sei ein

Munitionszug.

In Kairo kamen wir zunächst in ein Lager, ein Teil des Transports

reiste weiter, aber das nächste Schiff mit Platz für unsere

Restgruppe ging erst in einigen Wochen. Wir wurden ins Hotel

Lunapark, gut gelegen in der Stadt, einquartiert. Natürlich bekam

ich kein Einzelzimmer, ich mußte es teilen, mein Zimmergenosse war

der Senator Rudolf Kornke, prominent in Oberschlesien als

Vorsitzender des Verbands der polnischen Aufständischen. Als wenn

sich das jemand ausgedacht hätte. Um mich klar zu identifizieren,

habe ich gleich gesagt, wer ich bin, nämlich der Sohn meines Vaters,

dessen Namen er ja gut kannte. Er war ein sehr ruhiger Mann nicht

vieler Worte, aber mit sehr bestimmten Ansichten. Bei einer

Unterhaltung über die Kriegslage, die Nachrichten von der russischen

Front waren weiter schlecht, fragte ich, hätte der Eintritt Rußlands

in den Krieg auf Seiten der Alliierten nicht die Aussichten auf eine

Niederlage Hitlers entscheidend verbessert? Es entsprach der

allgemeinen Stimmung. Nein, sagte Kornke, ohne den Eintritt der USA

in den Krieg kann Hitler nie besiegt werden. Aber, meinte ich,

Roosevelt hat ja schon die vollste industrielle Unterstützung für die

gegen Hitler vereinigten Kriegspartner organisiert. Nein, sagte

Kornke, das genügt nicht, nur Einsatz amerikanischer Truppen in

Europa kann die Situation wenden. Es schien die nüchternste Analyse,

die ich bis dahin gehört hatte. Die Japaner haben ja dann dafür

gesorgt, daß es dazu kam. Als sie in Pearl Harbour angriffen, mußte

ich an den Senator Kornke denken.

Unseres war ein Turmzimmer, direkt unter dem Dach. Es gab damals

auch in Kairo deutsche Luftangriffe. Bei einem Alarm, und es wurde

ziemlich heiß, wollte ich ins Vestibül des Hotels gehen, wo in Mangel

eines Luftschutzkellers sich die Bewohner versammeln sollten. Kornke

bestand darauf, oben zu bleiben. Sind Sie wahnsinnig, sagte er, dort

unten fällt das ganze Haus auf Sie, wenn wir getroffen werden, hier

oben ist es vielleicht halb so schlimm. Er klang sehr überzeugend,

ich blieb mit ihm oben, ungemütlich wie es wurde.

Tagsüber sahen wir uns kaum, er hatte seine Kreise und Freunde, und

ich hatte meine gefunden. Mit den Manns und anderen meistens

jüdischen Evacuees machte ich Ausflüge zu den Pyramiden, auch den

Ausgrabungen in Sakara, die Museen waren leider wegen des Krieges

geschlossen oder sogar evakuiert. Man besuchte Moscheen in der Stadt,

aber ich hatte auch noch meine eigenen, deutsch­jüdischen Kontakte.

Otto Lilien war im Stab der Royal Air Force als Experte für Aerial

Photography. Er nahm mich in den jüdischen Servicemen Club mit, ins

Haus des FWV Bundesbruder Dr. Hermann Engel, als bekannter

Orthopädischer Chirurg aus Berlin nach Kairo emigriert und dort sehr

anerkannt, so war der Internist Dr. Rosenberg, den ich durch meinen

Onkel Walter Oettinger in Berlin kannte. Ich ging in Synagogen, wie

ich es auch in Istanbul und Palästina getan hatte, der sephardische

Gottesdienst war schon vertraut geworden. Assimilation gab es, viele

gute Bürger kamen mit Fez als Kopfbedeckung in die Synagoge. Man

merkte sie aber auch sonst, es gab da reiche und vornehme

Kaufmannsfamilien, deren Häupter den Paschatitel trugen und gute

Beziehungen zum Königshof hatten.

Dann sah ich Dr. Hans Nissel, verwandt mit Familie Landshut in

Jerusalem, Verwandschaft unserer Sachs Familie. Er war

deutsch­jüdischer Emigrant, Elektroingenieur, arbeitete in einer

dieser jüdischen Firmen und wohnte mit seiner Familie im schönen

Gartenvorort Madi. Es waren viele Engländer da, zum ersten Mal kam

ich mit ihm auf einen Bowlinggreen. Er war auch ein passionierter

Cellospieler, ich sah so auch Leben in Kairo von angenehmster Seite.

Aber der Krieg war furchtbar nahe, die Nazis machten nicht nur

Luftangriffe, sie waren vor der Tür, und der König, der es mit den

Engländern hielt, im Lande stark umstritten.

Die Britische Armee und ihre Verwaltung war überall sichtbar. Es war

ein eindrucksvoller Apparat, der da zur Verteidigung Ägyptens und des

Mittleren Ostens aufgebaut wurde. Die polnische Armee, die im

mittleren Osten gebildet wurde, war auch dabei, mein Schwager

Weingrün war damals bei Tobruk stationiert, ich habe ihn während

unseres Aufenthalts in Kairo nicht sehen können. Es kamen dann die

Tage, wo wir stündlich auf den Befehl zur Weiterreise warteten. Es

sollte ein nächtlicher Konvoy zur Hafenstadt Suez sein, sobald ein

Schiff zur Abfahrt bereit ist, und es durfte dann niemandem gesagt

werden, wann wir abfahren. Es konnte also gar keine Abschiede geben.

Indem man selbst Abschied von Kairo nahm, wurde man nachdenklich.

Jetzt hatte ich seit Kriegsbeginn vom altbekannten mitteleuropäischen

Gebiet weg soviele alte Kulturstätten, Rom, Istanbul, Jerusalem und

Kairo gesehen, und nun ging es wirklich weit weg, ins Innere Afrikas,

wie mir schien. Aber auch der Besuch in Kairo war ganz unter dem

Zeichen des Krieges, die Sorge, wie er weiter geht, und um all die

Lieben, die weiter in großer Not oder Bedrohung waren, die Mutter in

Rußland. Von Marianne hatte man nur Rotkreuznachricht, sie war unter

Naziokkupation in Guernsey gekommen, und soviel Familie doch noch in

Deutschland, Beuthen, Breslau und Berlin zurückgeblieben. Man fuhr

schweren Herzens in die unbekannte neue Welt.

Der Konvoy fuhr mit viel Vorsicht durch die Wüstennacht, in Suez

erwartete uns die "New Amsterdam", größtes, neugebautes holländisches

Passagierschiff gewesen, jetzt von den Alliierten als wichtiges

Truppentransportschiff benutzt. Unsere polnische Evacuee Gruppe war

zusammen untergebracht, aber in den allgemeinen Räumen traf man sich

mit vielen Soldaten, die das Gros der Passagiere waren. Die meisten

waren Urlauber, viele auch aus Südafrika. Das wurde also gleich ein

Hauch der neuen Welt, in die wir reisten. Gleich auf den Anfang der

Reise fiel das jüdische Neujahrsfest. Einige in unserer Gruppe

legten Wert darauf, ich tat es auch, und so war es auch bei einigen

der Soldaten und Offiziere aus England und Südafrika, es gab einen

gut besuchten Gottesdienst. Natürlich gab es dann auch viele

Unterhaltungen über Leben in Südafrika, wie war es im Vergleich dazu

in Nordrhodesien, wollten wir wissen. Es war aber niemand da, der

wirklich dort gewesen war.

Auch die Schiffsreise stand ganz unter Vorsicht vor dem Feind, nicht

nur das Rote Meer, auch der Ozean bis nach Süden hinunter galt als

bedrohtes Gewässer. Wir erfuhren, daß das Schiff uns nach Durban

bringen und wir von dort ohne Aufenthalt mit dem Zug nach

Nordrhodesien fahren würden. Die Reise nach Durban dauerte wohl

etwas über zehn Tage, das kann ich noch gut schätzen, denn der letzte

Tag der Reise war der Versöhnungstag, es gab wieder Gottesdienst und

ich fastete, aber aß noch das letzte frühe Abendbrot, bevor wir in

Durban landeten.

In Afrika gelandet

Eine nächtliche Zugfahrt sollte unsere Gruppe zunächst von Durban

nach Johannesburg führen. Dort hatten wir einige Stunden Aufenthalt.

Ich wußte, dorthin waren die Verwandten Mia Weissenberg und Kurt

Koenigsfeld emigriert und die Freunde Hans Kunz mit Frau Margot,

deren Eltern und ihr Bruder Ernst Koenigsfeld (EK). Ich hatte die

Adresse von Kunz, alle kamen schnell auf den Bahnhof, mich zu sehen,

ich war ja von soviel näher ihrer Heimat frisch angekommen. Sie

wollten viel von mir hören, aber es war auch schon Monate her, daß

ich von Kurts Schwester Erika Schlesinger aus Beuthen vor meiner

Abreise aus der Türkei noch gehört und Kurt nach Pretoria darüber

geschrieben hatte. Es wurde ein sehr bewegtes Wiedersehen, dann ging

der Zug mit unserer polnischen Evacuee Gruppe weiter nach Bulawayo im

damaligen Südrhodesien. Ich bekam noch die Adresse von Franz

Schalscha, ursprünglich aus Kattowitz, der zu den dort eingewanderten

deutschen Emigranten gehörte. Wir mußten dort den Zug wechseln, mit

mehreren Stunden Aufenthalt konnte ich mich bei den Schalschas melden,

wurde sehr herzlich begrüßt und hatte nun einen freundschaftlichen

Kontakt in Bulawayo, der Stadt, die für das ganze damalige

Nordrhodesien die nächste "Metropole" war, zu der Eisenbahnverbindung

bestand. Die ging über die Viktoria Falls, erste vorüberfahrende

Begegnung mit diesem großen Naturschauspiel, und dann Livingstone,

unser erster Halt in Nordrhodesien. Auf dem Bahnhof erste Neugier,

man trifft einen Transportunternehmer, der Taxis hat, Furmanovsky,

Jude, das gibt es also auch.

Einige von unserem Transport waren dort platziert worden und stiegen

aus. Ein Teil unserer "Cypern Gruppe" war ja schon vorher angekommen,

auf verschiedene Orte in Nordrhodesien verteilt worden, meist nicht

in Lagern, sondern in Hotels, und unsere Gruppe wurde auf diese Orte

nun auch verteilt. Ich aber kam zu einer kleinen Gruppe, etwa zwölf,

die auf einer Farm 15 Meilen von dem Ort Monze wohnen sollten. Auf

der Reise hatte uns von der nordrhodesischen Regierung aus Major

McKee, ein Geschäftsmann aus der Hauptstadt Lusaka begleitet, der dem

Parlament (Legislative Council) angehörte und uns nicht nur empfangen,

sondern auch beraten wollte. Es hieß, natürlich wird arbeiten

können, wer eine Stellung finden kann. Ich verwies weniger auf

meinen nationalökonomischen Doktor, als mein Diplom Kaufmanns Grad,

mit Betonung auf Buchhaltungskenntnisse; er meinte, wenn das so etwas

wie ein Chartered Accountant wäre, dann würde ich bestimmt gleich

eine Stellung finden. Nordrhodesien war eine britische Kronkolonie,

deren Verwaltung und Beamte dem Colonial Office in London

unterstanden. Im Norden hatte sich bedeutender Kupferbergbau

entwickelt, der die Kolonie kriegswichtig machte. Neben Kupfer, Zink

und Blei fielen auch Kobalt und Vanadium an.

Der Farmer H.L. Savory erwartete uns an der Station Monze, wo auch

eine größere Gruppe ausstieg, die dort im Hotel untergebracht wurde.

Die Farm der Familie Savory war schon alt und für nordrhodesische

Begriffe ehrwürdig, ursprünglich vom Vater Savory angelegt, einstigem

Landvermesser der ersten englischen Kolonialregierung Nordrhodesiens.

Man hatte für uns sogenannte Rondavels (9) errichtet, ich bewohnte

eins allein. Im alten Farmhaus hatte unsere Gruppe ihr Eßzimmer und

Aufenthaltsräume mit sehr schönem Garten, eine lange Allee mit

riesengroßen alten Bäumen führte vom Farmhaus des jetzigen

Farmerehepaars Savory zu unserem kleinen Evacuee Compound. Von

meinen Freunden und Bekannten in unserer Reisegesellschaft hatte ich

mich in Monze verabschieden müssen, von der kleinen Gruppe auf der

Farm Savory kannte ich niemanden, es waren zum Teil etwas schwierige

Leute, aber ich kam gut aus. Die Farm war für unsere Begriffe

riesengroß, hatte einen Viehbestand von etwa 2000 und großen

Maisanbau. Die Schwarzen wohnten mit ihren Familien in Dörfern um

die Farm, zu der sie zur Arbeit kamen.

Natürlich war bei der Ankunft in Afrika diese Frage, wie es mit den

Schwarzen stand, ein Hauptgegenstand meines Interesses. Ich

erinnerte mich an ein Buch, wohl etwa 1931 verfaßt, des damals

sozialdemokratischen Geographen Walter Pahl, der die Frage der

Schwarzen in Afrika als ein kritisches Problem der nahen Zukunft

beschrieben hatte. Ich selbst hatte ja einmal diesen Seminarvortrag

über die Zukunft des Britischen Empires halten müssen, aber da

schienen etwaige Probleme auf den zentrifugalen Tendenzen in einigen

weißen Dominien und Indien, und nicht so stark auf der Frage der

Schwarzen in afrikanischen Kolonien zu liegen. Pahl hat das wenig

später mit Blick auf Südafrika anders dargestellt. Es war eine ganz

neue Begegnung für mich, nun inmitten dieser Fragestellung zu leben,

und da waren rein menschlich nun auch die ersten Kontakte mit

Schwarzen, zunächst einfach zu den Bediensteten, die für unsere

Gruppe in dem kleinen Evacuee Compound beschäftigt wurden, oder dann

auch die Hausangestellten des Ehepaars Savory oder Arbeiter auf der

Farm.

Die sechs Monate dort waren eine gute Einführung ins Leben in Afrika

(10), seine Reize als Gegensatz zum Leben in Europa, viele seiner

Probleme, Leben mit englischen Menschen in den Kolonien. Mein

Englisch verbesserte sich entscheidend, ich hatte soviel Zeit dafür

und viel Verständnis und Hilfe von den Savorys. Mit einigen aus

unserer Gruppe, die auch etwas Englisch konnten, hielten wir engen

Kontakt mit der Farmer Familie, spielten auch Bridge dort oder

sollten sie zum "Sundowner" besuchen. Das waren die abendlichen

"Drinks" bei Sonnenuntergang, eine typisch koloniale Sitte, wurde mir

gesagt, man mußte um die Zeit seine Chininpillen nehmen, und dazu

mußte man natürlich etwas trinken. Die Pillen mußte ich auch nehmen,

aber bekam trotzdem bald meine erste Malaria.

Als Tageszeitung brachte die Post das "Bulawayo Chronicle" mit kurzer

Verspätung, auch gab es die "Sunday Times" aus Johannesburg, aber für

wirkliche tägliche Nachrichten versorgte uns die BBC. Man konnte sich,

wie es die Savorys taten, Bücher aus den guten Beständen der

öffentlichen Bibliothek in Bulawayo kommen lassen. In diesen sechs

Monaten wurde ich in meinem Rondavel, es hatte eine typische hohe

Decke, die auch das Dach war, aus Gras, ein unermüdlicher Leser,

natürlich nur englischer Bücher, viel Anthropologie, das war ja ein

sehr aktuelles Interesse in der neuen Umgebung, aber auch alle

politischen Fragen, die mit Afrika oder dem Kriegsgeschehen und

seiner Vorgeschichte zu tun hatten.

Es war ein großes Programm, aber bald nahm ich auch wieder mein

Memorandum über das erhoffte Nachkriegseuropa zur Hand. Ich weiß

nicht mehr, wieviel mir davon nach der Grenzkontrolle am Suezkanal

noch übrig geblieben war, ich bekam meine Papiere von dort nie zurück,

ich machte wohl eine ziemlich neue Fassung jetzt, konnte eine

Schreibmaschine der Savorys dazu benutzen. Ich konnte es doch

vorläufig erst in Deutsch schreiben, ein früherer polnischer Richter

jüdischer Herkunft hatte zugesagt, es mir ins Polnische zu übersetzen,

es kam aber nie dazu.

Im April 1942 fing ich dann an, in der Wirtschaft des "Copperbelt" zu

arbeiten, und da gab es neue Prioritäten. Auch wurde dann klarer,

daß mein Bild einer Europäischen Union mit Rußland ruhig hinter

seinen alten Grenzen sitzend, kaum den Realitäten entsprechen würde.

Ich hatte es so erhofft, als beste Sicherheit nach dem Kriege für

alle, ich hatte beiseite geschoben, daß am 17. September 1939 ich ja

so spontan und panisch auf den russischen Einmarsch in Ostpolen mit

der Vermutung reagiert hatte, sie würden erst am Rhein Halt machen.

Durch die polnische Vertretung in Lusaka erhielt man auch regelmäßig

die in London erscheinende Exilpresse und Literatur. Als wir in

Nordrhodesien ankamen, gab es dort eine Welle von Sympathie für die

Russen, die unter den heftigen Angriffen Hitlers verzweifelt kämpften,

und man konnte sich dem gar nicht verschließen. Für mich kam noch

das Gefühl dazu, daß meine Mutter nun in deren Obhut war, durch die

Deportation vor den Nazis gerettet. Die Freunde, die in Lemberg

blieben, waren den Nazis in die Hände gefallen, die ja in von den

Russen eroberten Gebieten sofort mit systematischen Massenmorden

begannen.

Die Lage der polnischen Flüchtlinge in Rußland dagegen hatte sich

langsam verbessert. Die Sowjetregierung erkannte die polnische

Exilregierung in London an, es wurden Vereinbarungen über Bildung

einer polnischen Armee in Rußland aus dort befindlichen Flüchtlingen

getroffen, dann aber Pläne für deren Evakuation über Persien in den

Westen gemacht. Meine Mutter konnte zusammen mit den alten Weingrüns

und Töchtern Andzia und Irene aus der Internierung in Marijskaja auf

langem Weg zunächst in die provisorische Hauptstadt Rußlands in

Kuybishew auf der Wolga fahren, wo auch die englische und polnische

Botschaft waren. Meine Mutter erhielt dort im Oktober 1941 einen

neuen Paß und ihr englisches Visum, dann fuhren sie weiter nach

Uzbekistan, von wo manche polnischen Flüchtlinge dann über die Grenze

nach Persien gehen konnten. Besonders diejenigen, die Angehörige in

der polnischen Armee hatten, bekamen dazu die Erlaubnis. Obwohl mein

Schwager in der polnischen Armee in Egypten diente und meine Mutter

ein Visum nach England hatte, wurde sie in keinem der polnischen

Transporte mitgenommen. Auch vorsorgliche Bitten um Hilfe bei der

polnischen Regierung in London hatten nicht geholfen.

Rückblicke · 第 23 / 27 段