Geld für das Deposit hatte ich nicht, ich war zuversichtlich, Herbert
würde mich da auslösen, aber anscheinend hatte ich nur drei Stunden,
dann sollte das Schiff nach Alexandria weiterfahren. Es kam schon
ein Matrose, der mein Gepäck wieder an Bord nehmen wollte. Man hatte
viel gehört über Flüchtlinge, die monatelang auf dem Mittelmeer
herumkreuzten, von manchen hatte man nie wieder gehört. Ich hatte ja
schon manches mitgemacht, aber geriet in ziemliche Panik. Sobald ich
annehmen konnte, daß Hermann Safir und die Przedpelskis schon in Tel
Aviv angekommen sind, rief ich dort an und erklärte meine Lage, hörte,
wie er mit Przedpelski sprach, und dann sagte er zu, das Deposit für
mich vorzuschießen und sofort alles Nötige zu veranlassen. Das
Schiff wurde schon zur Abreise gerüstet, ich aufgefordert, wieder an
Bord zu gehen, da kam zur Zeit noch die Bestätigung, daß mein Deposit
bezahlt worden war. Ich konnte an Land bleiben (4).
Aufenthalt in Palästina
Jetzt war ich also in Palästina, eine sehr wichtige, neue Begegnung.
Einmal das Land altzeitlicher jüdischer Vergangenheit, sehnsüchtiges
Ziel zionistischer Hoffnungen auf jüdische nationale Existenz, ein
Thema, dem ich neuerdings mit viel Sympathie, aber als wirkliche
persönliche Identifikation doch mit angeborenen Hemmnissen und
Vorbehalten bisher begegnet war. Ich wollte es nun wirklich ganz
unvoreingenommen und mit soviel Idealismus wie möglich erleben. Der
andere Aspekt, und vom Standpunkt meines Erlebens des Krieges ebenso
wichtig, ich war jetzt auf englischem Gebiet, auf der Seite, von wo
der Kampf gegen Hitler geführt wurde, die Seite der Alliierten, die
die Hoffnung aller Gegner des Nationalsozialismus wurde.
Meine Kontakte sollten sehr mannigfach sein, und da war die Frage, ob
ich werde bleiben wollen, und ob überhaupt bleiben können.
Aussichten für Weiterreise nach Brasilien waren ganz undeutlich, im
Gegensatz zu Bolivien hatte Herbert schon geschrieben, daß er in
Brasilien keine passenden Verbindungen hätte und mir dorthin nicht
helfen kann. Man hatte mir für die Nacht ein Hotel am Hafen in Haifa
genannt, es gehörte Arabern. Die arabische Umgebung im Hafengebiet
und Hotel war natürlich recht fremd. Ich wußte von einigen alten und
neueren Bekannten in Palästina, aber von wenigen in Haifa. Ich sah
den FWFer Grünpeter, auch aus Oberschlesien, der bei einer Bank
arbeitete, mir erste Informationen und auch die Adressen von
Bekannten gab, und beschloß, nach Jerusalem zu fahren.
Es war nicht leicht, dort Unterkunft zu finden, und ich weiß nicht,
wer mich ins Hotel Zion brachte. Es wurde von einem vollbärtigen
Besitzer streng orthodox geführt, so streng, das war wieder soviel
fremder als alle die guten Bekannten und Freunde, die ich in
Jerusalem wiedertraf. Das Klima schien mir gar nicht zu bekommen,
ich hatte das stärkste Asthma und andere allergische Krämpfe,
Freitagabend ging das Licht aus, und man konnte es auch nicht mehr
anzünden im Hotel. Die Wirtsfamilie nahm auch gar keine Notiz davon,
daß es einem schlecht ging, etwelcher Enthusiasmus über die neue
Umgebung wurde bald gedämpft.
Es war anders mit den vielen Freunden und Bekannten, die ich
wiedertraf. Da war Erich Markus aus Gleiwitz, Musikenthusiast; als
Zahnarzt hatte er wohl Telefon, das war dort gar nicht so
selbstverständlich damals. Otto Lilien selbst war bei der Royal
Airforce in Kairo, aber Lore Lilien war da, auch der einstige
Schulkamerad und FWV Bundesbruder Hans Roman. Ganz große Hilfe in
meinen Krankheitsproblemen wurde der FWVer Max Altmann, einstiger
Mitarbeiter und Nachfolger von Kurt Lange in der Krankenkasse der
Studentenhilfe der Universität Berlin, jetzt Assistenzarzt am
Hadassahhospital bei seinem Onkel, dem Laryngologen Dr. Lachmann aus
Berlin. Bald traf ich auch Franz Goldstein, von seinem ersten Exil
Prag noch rechtzeitig nach Jerusalem gelangt, mit seiner großen
Bibliothek, und als Musik und Filmkritiker bei der Palästine Post
tätig.
Mein Asthma nahm aber in wenigen Tagen solche Formen an, daß Max
Altmann mich ins Hadassahhospital in die 2. Medizinische Abteilung
bei Dr. Rachmilewitz einlieferte, der sich für mich als wunderbarer
Arzt erwies. Ich teilte das Krankenzimmer mit einem jungen
Kibbutznik. Mit seiner guten Stimme hatte sein Kibbutz ihn zur
Ausbildung nach Jerusalem geschickt. Er schien ein einfacher Mensch,
aber sehr geweckt, gut gebildet, mit großem Enthusiasmus für die
Ideen des Kibbutz und das neue jüdische Palästina. Meine Aussprache
der ersten hebräischen Worte fand er zwischen bedauernswert und
belustigend. Ich sollte am Wort "bachur" versuchen, mich von meinem
hochdeutschen Akzent dabei zu befreien. Es schien hoffnungslos.
"Jecke potz" sagte er verzweifelt, ich mußte an Daniec's Ausspruch
über meine preußische Akzentfahne denken, anscheinend blieb man
Fremder überall. Verstehen lernte ich gut in den wenigen Tagen dort,
wie auch in einem bewußt nichtreligiösen Kibbutz jüdische biblische
Überlieferung ganz wie gegenwärtig als Folklore, wie
Sagenüberlieferung oder Märchen weitergelebt, ja erlebt wird, und es
wurde eine meiner wichtigsten Erfahrungen in Palästina.
Mein Aufenthalt war diesmal recht kurz, ich konnte bald entlassen
werden und zog in die Pension Shalwa, von polnischjüdischen
Einwanderen aus Sosnowitz geführt. Die Gäste waren mehr im gewohnten
Stil, auch deutschjüdische, auch von der Universität. Nun hatte ich
einige Wochen vor mir, in denen ich am Leben in Jerusalem teilnehmen
konnte. Franz Goldstein war wieder ein interessanter Kontakt (5).
Seine Bibliothek war gut installiert, ganz anheimelnd für Besucher,
oft kam zum Beispiel Else LaskerSchüler, schon sehr alt, mit viel
Zauber und Humor.
Eines Tages wollte sie eine Art Séance vorbereiten, so viele wie
möglich sollten zusammensitzen und durch ganz starke Konzentration
ein Ereignis herbeiwünschen, das den Fall des Hitlerregimes nach sich
zieht. Sie war sicher, durch starke Konzentration könnte man das
erreichen. Ihre Idee war, man muß sich ganz auf die Person Hitlers
konzentrieren und wünschen, daß er eine ganz große Dummheit begeht,
zum Beispiel in einem Argument mit einem seiner Generäle diesen
ohrfeigt. Bin ich nicht auch der Ansicht, fragte sie mich, daß
Hitler dann gestürzt werden würde? Das habe ich schon bestätigt,
aber taktvolle Zweifel angemeldet, daß man so etwas tatsächlich
herbeiwünschen kann. Mit einem so wundersamen Menschen wie ihr mußte
man ja behutsam umgehen. Das Thema wurde auch allgemein akzeptiert,
die Session fand später auch statt, aber ich mußte mich entschuldigen.
Heute weiß ich nicht einmal mehr, nach aller Literatur, die es über
die Reaktionen und Nichtreaktionen der Generäle in der Hitlerzeit
gibt, ob solch eine Entgleisung Hitlers damals wirklich zu seinem
Sturz geführt hätte.
In seinen Anschauungen hatte sich Franz Goldstein, er schrieb immer
noch als "Frango", immer besonders mit Max Brod und Arnold Zweig
verbunden gefühlt und war in Kontakt mit beiden geblieben. Max Brod
blieb eine Säule zionistischer Gesinnung, aber Arnold Zweig war, so
erzählte Frango, von viel stärkeren Zweifeln und Entfremdung befallen.
Frango war es ähnlich ergangen, seit er von Prag nach Palästina
weiterreisen mußte. Er hatte in Jerusalem durchaus Anklang und
Anschluß gefunden, materiell aber war es noch problematisch, aber da
war er nicht allein.
Außer für die Palästine Post schrieb er dann auch für die Zeitschrift
"Orient" (6), die von Arnold Zweig und Wolfgang Yourgrau
herausgegeben wurde und sich stark für jüdischarabische
Verständigung einsetzte. Darin gehörte sie zu der vom Rektor der
Universität Dr. Magnes geführten Bewegung, der auch Martin Buber
nahestand. Dessen Rolle im damaligen jüdischen Palästina schien mir
bezeichnend für die Schwierigkeiten, einige Züge deutschjüdischer
Tradition in den Strom der Entwicklung zionistischen Denkens
einzufügen. Das betraf nicht nur solch geistige Prominenz, auch alte
oberschlesische Zionistenführer, die ich traf, fühlten sich deutlich
ausgelassen, als ob sie nicht Jahrzehnte lang für den Zionismus
gearbeitet hätten. Es gab nur wenige, die damals ihren Begabungen
und früherem Wirkungskreis entsprechende Stellungen einnahmen, z.B.in
der Verwaltung Fritz Naphtali und im Bildungswesen Ernst Simon.
Durch Lore Lilien lernte ich im jüdischen Bezalel Museum in Jerusalem
Jakob Steinhardt kennen, einen alten Freund des Malers E.M. Lilien,
und eine andere interessante Begegnung arrangierte sie für mich mit
der Witwe Eliezer ben Jehudas, Pioniers der neuen Hebräischen Sprache,
nach dem prominente Straßen in allen Städten benannt waren. Die
eindrucksvolle alte Dame kam wie ihr Mann aus Rußland, sprach
fließendes Deutsch, verwaltete sehr aktiv die Herausgabe des
Hebräischen Lexikons und anderer Werke. In der lebhaften
Unterhaltung stellte ich auch Fragen über weitere Entwicklungen, denn
ich wußte, daß ein Sohn in Tel Aviv für die Übernahme lateinischer
Schrift für das Neue Hebräisch eintrat, ein paralleles Thema war mir
ja vom Aufenthalt in der Türkei her geläufig. Es schien mir nicht,
daß sich die Frau Elieser ben Jehudas mit den Bestrebungen des Sohnes
identifizierte. Sie erwähnte aber ein anderes Thema, Reform der
hebräischen Grammatik, das hätte ihrem Mann sehr am Herzen gelegen,
aber, sagte sie, wie mir schien etwas kryptisch, jetzt während des
Krieges kann dafür ohnehin nichts getan werden. Wieso, fragte ich.
Ihr Mann hatte immer gesagt, daran würde er nur mit Hilfe eines
bestimmten deutschen Philologen arbeiten können, und den könnte man
ja jetzt während des Krieges eben nicht hinzuziehen. Ich war
erstaunt, es schlug da ein Cord an, der mir ja von meiner
Beschäftigung mit der Literatur deutscher Alttestamentler über
israelitische Geschichte und Religion so vertraut war, aus der ich ja
eigentlich glaube, mein bestes Verständnis für diese mir so wichtigen
Themen gewonnen zu haben. So fühlte ich mich unerwartet recht zu
Hause bei dieser Unterhaltung.
Eine, wie mir schien, wichtige Perspektive für Palästina wurde mir
nahegebracht, als ich mich um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühte.
Einer meiner Bekannten aus dem Demokratischen Studentenbund Berlin
war in Jerusalem erfolgreich geworden in einer der deutschjüdischen
Privatbanken. Deren Anwalt arrangierte für mich einen Besuch im
Immigrationsdepartment der Britischen Mandatsverwaltung, wo ich von
einem Mitglied der arabischen Familie Nashashibi empfangen wurde. Im
Gegensatz zu dem Großmufti aus der Familie Husseini, der scharf gegen
England Stellung nahm, waren Mitglieder der arabischen Familie
Nashashibi auf Seite der Alliierten und, so meinte man, vielleicht
eher zu einem Zusammenleben mit den Juden in Palästina bereit. Die
Unterhaltung spielte sich in vollendeter Höflichkeit ab, und ich habe
mich oft an die Haltung dieses damals noch jüngeren Mannes erinnert.
Sie vermittelte mir den Eindruck der starken, alteingesessenen
Stellung der arabischen Palästinenser, aber, so dachte ich, auch eine
mögliche Hoffnung, daß bei gegenseitigem Respekt es eine Möglichkeit
für ein Zusammenleben geben könnte. Ich erhielt eine mehrmonatige
Aufenthaltsverlängerung für mein Transitvisum.
In diesen Wochen konnte ich auch die Altstadt, Klagemauer und andere
berühmte Stätten in Jerusalem besuchen, die Hebräische Universität
und die Bibliothek. Aber meine Zeit dafür lief bald ab. Von der
Pension Shalwa war ich grade in eine Wohnung im gleichen Haus
umquartiert worden, und die Frau Justizrat aus Köln war, wie sich
herausstellte, die Schwester des Dirigenten Otto Klemperers, es waren
all die alten Möbel da. Mein Asthma nahm wieder bedrohliche Formen
an, Max Altmann nahm mich wieder in die Hadassah, diesmal in die 1.
Medizinische Klinik, wo mich ein deutscher Professor behandelte. Ich
wurde dort vier Wochen gehalten, quälend und mit nachhaltigem Schaden,
trotz des Vorgangs der früheren erfolgreichen Behandlung. Zum
Schluß entschied der Professor, man müßte einfach einen Tag wählen,
wo es mir einigermaßen ging, und dann sollte ich schnell packen und
nach Tel Aviv übersiedeln in der Hoffnung, daß es mir dort besser
gehen wird. Ich hatte durch Beobachtungen festgestellt, daß ich,
wenn dem in Jerusalem besonders heftigen Chamsinwind zugekehrt, mehr
litt als abgekehrt vom Wind. Es bestätigte sich auch, daß es mir
dann in Tel Aviv weit besser, wenn auch nie wirklich gut ging.
Im Hotel Hayarkon an der BenYehudaStraße in Tel Aviv war erster
neuer Eindruck die vielen Leute von der jüdischen "Bürgerwehr"Truppe
der Haganah, die dort ein und ausgingen. Diese jüdische
Selbstverteidigungsbewegung war gegenüber den schon so lange
anhaltenden Angriffen arabischer bewaffneter Gegner des Zionismus
entstanden. Die jüdische Arbeiterbewegung schien ihre Hauptstütze zu
sein. Meine Erinnerung aus diesen Tagen in Tel Aviv bleibt an
vernünftige und entschlossene Leute, oft schon gesetzteren Alters,
man fühlte die große Zuverlässigkeit ihres Einsatzes. Unterdeß war
der Krieg dem östlichen Mittelmeer immer näher gerückt. Die
Deutschen waren nach einem ProachseStaatsstreich in Jugoslawien
eingefallen, machten die anfänglichen Rückschläge der Italiener in
Griechenland und Nordafrika wieder gut. Tel Aviv war schon von
deutschen Luftangriffen bedroht, und Anfang Mai gab es in Irak einen
pro Hitler Putsch gegen die Engländer durch Raschid Ali, vom
Jerusalemer Mufti Husseini unterstützt, man war wieder im Feld
äußerster Spannungen. Der Putsch im Irak wurde von den Engländern
bald unterdrückt, aber im Mittelmeer spitzte die deutsche Invasion
Kretas die Lage weiter zu.
In Tel Aviv hatte ich Verwandte wiedergefunden. Meine Tante Edith
Samuelssohn aus Königsberg, Arztwitwe, selber einst schriftstellernd
und Mitglied des Deutschen Penclubs dort gewesen, war eine
Lieblingskousine meiner Mutter. Ihre Tochter Eva war diejenige, die
sich für den Zionismus begeistert und bei Paltreu, der in Deutschland
entstandenen Treuhandgesellschaft für Auswanderer nach Palästina,
gearbeitet hatte. So kam dann auch ihre Mutter, recht
unwahrscheinliche Kandidatin dafür von ihrem bisherigen Leben her,
nach Palästina, und auch Schwester Lilly, Goldschmiedin, mit zweitem
Vornamen Margarethe, die mit einem Arzt verheiratet war. Ich lernte
in ihrem Haus viele ihrer meist Königsberger Freunde kennen und hatte
oft guten Rat und Zuspruch. Tante Ediths Bruder war Paul Riesenfeld
aus Breslau, ein Musikkritiker und lehrer, etwas exzentrisch, der
nun für eine in deutscher Sprache erscheinende kleine
Emigrantenzeitung in Tel Aviv schrieb.
Zu meinen bereicherndsten neuen Bekanntschaften in Tel Aviv gehörte
Conrad Kaiser, der entfernt verwandt war. Als Lotte später auch nach
Tel Aviv kam, wohnte sie mit Nina bei Kaisers, und ich nahm am
Mittagstisch teil. Er war ein alter Zionist, KIVer, aber auch mit
erfolgreicher Karriere im preußischen Staatsdienst, zuletzt
Regierungsdirektor im Berliner Polizeipräsidium, mit weitem Horizont
und Interessen, besonders Geschichte, hatte eine ausgewählte, große
Bibliothek. In seinen Ansichten war er ein Beispiel konsequenter
zionistischer Einstellung und Reaktionen auf alles was vorkam, und er
versuchte mir, das jeweils ganz klar zu machen. Ich glaube, es war
ein Raubmord in Tel Aviv über den die Zeitungen berichteten. Er
brach in Jubel aus, das war es, nun gab es auch jüdische Verbrecher,
die Juden waren auf dem Weg, ein normales Volk zu werden (7), das war
die Essenz des Zionismus. Er konnte sehen, wie diese Interpretation
mich überraschte und mir gegen den Strich ging, aber er ließ nicht
locker. Eine starke Bewunderung, die ich teilte, verband ihn mit dem
Werk Jakob Burkhardts, aber was für ein schrecklicher Antisemit er
gewesen sei. Da war alle Literatur in seiner Bibliothek, auch
Burkhardts Briefwechsel mit seinem Freund Prehn, es war wirklich so.
Ein gemeinsames Interesse mit Conrad Kaiser war die Betrachtung
jüdischer Ursprünge und Geschichte im Lichte der Erkenntnisse der
alttestamentlichen Bibelkritik, auch hier war seine Bibliothek reich
versehen.
Einige der alten Freunde Conrad Kaisers lernte ich auch kennen und
besuchte auch Dr. Badt, den früheren Ministerialdirektor beim
preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun. Er war selbst
Sozialdemokrat aber auch immer alter Zionist gewesen stark
angegriffen von der Rechten. Seine Schwester Bertha BadtStrauss,
Schriftstellerin, hatte ich oft in Dahlem gesehen, eine Schulfreundin
meiner Tante Grete, so auch eine Jugendbekanntschaft des Dr. Badt,
und er sprach von ihr. Ich hatte wieder denselben Eindruck; Badt,
trotz großer Erfahrung in Politik und Verwaltung und alter Zionist,
wurde wie mancher andere deutschjüdische Einwanderer damals
außerhalb des zionistischen Establishment gehalten.
Als wie eine persönliche Ermahnung blieb am stärksten in Erinnerung
von allen deutschjüdischen Begegnungen mein FWV Bundesbruder Max
Pinn. Er hatte sich in Berlin dem Kreis um Robert Weltsch
angeschlossen, war überzeugter Zionist geworden, arbeitete bei
Paltreu und war erst im letzten Moment nach Palästina gekommen,
studierte nun nochmals für sein juristisches Examen dort. Wir hatten
einige lange abendliche Spaziergänge in lebhafter
Meinungsverschiedenheit. Ich mußte mich an meine Spaziergänge in
München mit Walther Seuffert erinnern, aber diesmal ging es um ein
anderes Thema. Ich hatte große Schwierigkeiten nicht nur für mich
selbst, sondern auch vom Standpunkt des deutschjüdischen
Assimilanten, und das waren wir ja beide gewesen, eine positive
Bilanz über das, was ich dort sah, zu ziehen. Zuviel schien mir
verloren zu gehen, nicht bei der zionistischen Zielsetzung an sich,
sondern wie ich es empfand, daß sich die Dinge im Lande tatsächlich
entwickelten. Sein Enthusiasmus war so groß, daß er all das bei
Seite schob. Das ist die geschichtliche Entwicklung, sagte er, was
Du dabei empfindest, ist ohne Belang, wenn die Zeit über in der
Diaspora entwickeltes Gedankengut hinweggeht, dann muß es halt sein,
das wichtige ist, daß es ein jüdisches Palästina geben wird. Strenge
Ermahnungen, er war ein Mensch geneigt zu einer Art eiserner
Disziplin, eigentlich sehr preußisch in seinem Charakter (8). Wir
haben uns nicht geeinigt, ich fand, entscheidend muß sein, wie so ein
neues Judentum aussehen, sich gestalten kann. Vor dieser großen
Frage war ich so skeptisch, ja vielleicht kann man sagen, entfremdet
geworden. Das war noch ganz unabhängig von dem großen Problem des
Verhältnisses zionistischer territorialer Ziele zu der arabischen
Umwelt.
Ich hatte natürlich auch lebhafte Kontakte mit polnischjüdischen
Kreisen. Abgesehen von vielen Kattowitzer Bekannten, zum Teil schon
in kurzer Zeit als Neuankömmlinge erfolgreich, so in der jungen
Diamantenindustrie, aber auch viele, die sich sehr quälten, sah ich
beinahe täglich einen Kreis, zu dem der mir von vielen
Vorkriegsartikeln bekannte Krakauer Nationalökonom Dr. Ludwik Berger
gehörte. Ich hatte da schon einige gemeinsame Anschauungen über
polnische wirtschaftliche Probleme gefunden, und auch jetzt
verstanden wir uns gut über nun aktuelle Fragen. Zu dem Kreis, den
ich fast täglich in einem Caffee am Dyzengoff Platz traf, ich war
unterdeß aus dem Hotel in ein möbliertes Zimmer in dieser Gegend
gezogen, gehörte auch Zygmunt Hochwald, Herausgeber der Krakauer
jüdischen Tageszeitung "Nowy Dziennik", eine der repäsentativsten der
großen jüdischen Minderheit in Polen. Sie war prozionistisch,
säkular, für bürgerliche, assimilierte polnische Juden mit jüdischem
politischen Bewußtsein. Es waren mehrere Journalisten da, und das
heißt ja oft, daß die Stimmung aufsässig ist, so gab es auch manche
Kritik an jüdischer Entwicklung und Politik in Palästina. Die
offizielle Spitze der jüdischen Präsenz in Palästina war die Jewish
Agency, Sochnuth im jüdischen Sprachgebrauch dort. Weitzmann war ja
im Ausland, der Statthalter war Ben Gurion. Einige prominente
Vertreter der polnischen Juden gehörten zur Spitze. Meine
Stammtischfreunde am Dyzengoff Platz schienen einen ganz guten
"Draht" dorthin zu haben. Eines Tages kam jemand zurück aus
Jerusalem und sagte, wenn man da in die Sochnuth kommt, die sprechen
schon so, als ob sie morgen die Regierung des Landes sein werden.
Ich war bestürzt. Das hatte nie zu meinem Blickfeld gehört.
Die Balfour Deklaration hatte eine "Heimstätte" für das jüdische Volk
in Palästina proklamiert, es war daraus schon eine starke jüdische
Siedlung entstanden, der Jischuw genannt. Juden konnten auf vieles
dabei stolz sein und weitere gute Hoffnung haben, aber die Idee eines
jüdischen Staates anstelle eines Schutzes wie des von England
ausgeübten Mandates, das schien mir ein verwegener Gedanke mit all
den alteingesessenen Arabern herum. Man war im ganz arabischen Jaffa
gewesen, im Bus von Jerusalem nach Tel Aviv durch ganz arabische
Gegenden gefahren, sollte, ja konnte es da einen jüdischen Staat
geben, war das sinngemäß, im wirklichen Interesse der Zukunft des
Jischuws? Man schien auch etwas skeptisch an dem Caffeehaustisch, ob
solche Stimmung in der Sochnuth zeitgemäß oder wirklichkeitsfremd ist,
aber meine Reaktion war viel stärker, für mich ging schon die
Konzeption eines jüdischen Staats als Staat in Palästina zu weit.
Ereignisse seitdem haben meine damalige Reaktion ja weitgehend
überholt. Ich frage mich heute, war das mein Wirklichkeitsempfinden
nach mehrmonatigem Aufenthalt in Palästina, oder ist da ein
Ideologieverdacht: die Idee einer Zionistischen Heimstätte schon,
aber die eines jüdischen Staates konnte meine assimilierte
Grundhaltung schwer vertragen. Von dem eigentlichen Holocaust mit
Millionen jüdischen Lebens vernichtet, wußte man damals im frühen
Sommer 1941 noch nicht. Es ging alles darum, daß Hitler besiegt wird
und das Hitlerregime von der politischen Szene Europas verschwindet.
Die Frage der Gestaltung der Nachkriegswelt in Europa beschäftigte
mich immer mehr. Die Unterhaltung mit Winiewicz war da ein Stachel.
Mit solchen polnischen Zielsetzungen schien es mir schwer, sich ein
friedliches neues Europa vorzustellen. Ich versuchte für solch ein
Europa eine Konzeption zu entwerfen und das sozusagen als
ausführliche Antwort in die Form eines Memorandums an die polnische
Exilsregierung in London zu bringen. Ein wesentlicher Gedanke war,
die Formulierung von Kriegszielen der Alliierten dürfe sich nicht im
luftleeren Raum bewegen, eine Schlüsselfrage mußte sein, wie man sich
die Entwicklung in einem besiegten und von den Nazis befreiten
Deutschland vorstellen kann. Das Postulat einer zunächst
vollständigen Entwaffnung Deutschlands nach diesem 2.Weltkrieg schien
unabweisbar, politisch sah ich die Antwort damals im Sommer 1941 in
der sofortigen Gründung einer Europäischen Union mit Einschluß
Englands. Nach Wiederherstellung Frankreichs müßten auch die mittel
und osteuropäischen Nachbarn Deutschlands so gestärkt werden, daß sie
eine wichtige Stütze für eine Europäische Union wären. Deutschland,
zunächst unvermeidlich ganz entmachtet, könnte dann in eine solche
Union hineinwachsen. Für WiederIdentifikation und gute Nachbarschaft
wäre das der hoffnungsvollste Weg. Darauf, daß dies dann auch gelingt,
muß man aber bedacht sein, daß drastische Grenzrevisionen auf Kosten
Deutschlands da nichts Gutes für die Zukunft bringen würden.