Es war nur ein Zufall, daß ich in dieser Pension nun auch mit dem

Ehepaar Daniec zusammen war. Zur Gesellschaft beim Mittagessen

gehörte auch noch ein jugoslawischer Journalist, politisch gut

informiert, schien manchmal ins Revolutionäre zu tendieren, so alles

zusammen, es war eine lebhafte Tafelrunde mit oft ganz offener

Diskussion über die Kriegsereignisse, die sich unterdeß dramatisch

entwickelt hatten. Schon zwei Tage nach meiner Ankunft in der Türkei

kamen die Meldungen über Hitlers Angriff an der Westfront, Einmarsch

in Holland und Belgien, in London übernahm sofort Winston Churchill

die Regierung. Der deutsche, uns atemlos haltende Vormarsch in

Frankreich bedeutete den Zusammenbruch einer Welt und ließ einen

sprachlos. Es waren Wochen der Agonie Europas, die man miterlebte,

wie man es und wie es die Geschichte nie gekannt hatte. Rotterdam

war Warschau gefolgt mit großen Verwüstungen durch erbarmungslosen

deutschen Angriff.

Mit meiner Mutter in Lemberg hatte ich von Istanbul gute

Postverbindung, mit den regelmäßigen Schiffen aus Odessa kamen auch

öfters Ausreisende von dort, die einem über die Verhältnisse

berichteten. Für Mutter wurde durch Stella Braham und ihren Mann ein

Einreisevisum nach England besorgt, es machte einen hoffnungsvoll,

daß sie eines Tages auch mit einem dieser russischen Schiffe in

Istanbul ankommen könnte. Bei dieser Aktion für ein englisches Visum

hatte Herbert geholfen und auch Marianne. Sie hatte sich aber im

April entschlossen, eine Stellung auf Guernsey in den Channel Islands

anzunehmen und war dorthin abgereist, grade als ich dabei war, von

Italien nach der Türkei zu gehen. Sie hatte keine richtige

Arbeitsgenehmigung in England selbst bekommen, lebte von temporären

Jobs, die sich ergaben. Für landwirtschaftlichen Betrieb zog

Guernsey sie an, so schrieb sie.

Als Erleichterung und jedenfalls Versprechen für fortgesetzten

Widerstand gegen Hitler empfand man die erfolgreiche Evakuation der

britischen Truppen von Dunkerque, auch General de Gaulle entkam nach

England. Sein Name war mir gut bekannt, schon durch Schwarzschilds

Tagebuch, durch seinen vergeblichen Kampf um stärkere Tankausrüstung

der französischen Armee. Noch in Warschau hatte man gesagt, wenn

doch nur die polnische Armee seinen Ansichten in den späteren 30er

Jahren mehr Beachtung geschenkt hätte. Die Lage nach der Evakuation

von Dunkerque machte mir schwere Sorgen über Mariannes Schicksal.

Hatte sie sich evakuieren können, hatte sie die richtige Entscheidung

dafür getroffen? Sollte man telegraphieren, mit Zensur im Kriege?

"Nihil nocere" hatte mir einmal ein Arzt als seine wichtigste Maxime

genannt. Es ist eben nicht immer richtig. Ich habe nicht

telegraphiert, ich weiß nicht, ob es sie erreicht und auch noch hätte

helfen können. Sie ging einem tragischen Schicksal entgegen.

Die nationalsozialistische Propaganda über bevorstehende Invasion in

England stiftete Verwirrung und Unsicherheit. Aus Berlin schrieb

Margot Epstein mit großer Besorgnis über die Verwandten, die es

geschafft hatten, nach England auszuwandern. Diese Gedanken teilte

ich nicht, der Kampfwille und die Zuversicht, die von Churchill

ausgingen, waren sehr überzeugend, die Türken blieben auch bei ihrer

ganz eindeutigen proenglischen Haltung. Man sagte ihnen nach, daß

sie eine gute Armee hatten, jedenfalls bedeutende Truppenstärke.

Nachdem Italien im Juni auch in den Krieg eingetreten war, schien

eine Ausdehnung auf das Mittelmeer zu drohen. Ich fand vieles an der

türkischen Machtstruktur damals eindrucksvoll. Die modernistische

und laizistische Bewegung Kemal Atatürks versuchte Land und

Gesellschaft an westliche Ideen und Formen anzugleichen. Verglichen

mit anderen "Parteidiktaturen", die im 20.Jahrhundert erwachsen waren,

schien mir diese 1940 zivilisiert und mit einer grundsätzlichen

Ausrichtung, die zu der stillen Allianz mit den Westmächten durchaus

paßte. Eine Richtlinie war gewiß auch das alte Gefühl der Bedrohung

durch Rußland, das immer dominiernd zu sein schien.

Ich hatte angefangen, etwas Türkisch zu lernen, so konnte ich auch

verstehen, woher der Drang nach einem türkischen Geschichtsbewußtsein,

unabhängig von arabisch­islamischer Kultur genommen wurde. Es war

ja alles auf lateinische Schrift umgestellt, in Postämtern konnte man

noch manchmal sehen, wie ältere Beamte sich unter dem Schaltertisch

noch Notizen oder Kalkulationen in arabischer Schrift machten,

eigentlich war es verboten. Die Verwaltung beruhte auf ältester

Tradition, manches noch von Byzanz herkommend, sagte man. Es gab

einen Bazar, aber Handel und Wirtschaft waren doch stark in den

Händen von Minderheiten, Griechen und Armeniern und nicht zuletzt den

Juden, den länger eingesessenen sephardischen und auch später einigen

aus Rußland zugewanderten. In türkischen Familien war es mehr üblich,

seine Karriere im Militär oder der Verwaltung zu suchen. So ergab

sich für die neue modernistische Jungtürkenpartei ein Aufgabenraum,

türkische Wirtschaftsentwicklung vom Staat her zu stimulieren, also

eine ähnliche Ausgangposition für Etatismus, wie ich sie von Polen

her kannte.

Von polnischem Etatismus und neuer wirtschaftliche Intelligenz bekam

ich in Istanbul noch einiges mehr zu sehen, mein Freund Daniec blieb

nicht der einzige, Istanbul war ja ein lebhafter Durchreisepunkt für

die verschiedensten polnischen Flüchtlinge geworden. Der Präsident

von Dal in Polen war der Senator Roman Przedpelski gewesen, er wurde

oft erwähnt, war auch aus Polen entkommen, noch im Balkan, sollte

auch auf der Weiterreise durch Istanbul kommen. Dieser Name war mir

sehr bekannt, denn sein Bruder war in Oberschlesien als Verwalter des

größten Bergbau­ und Hüttenkonzerns vom Staat eingesetzt worden (2).

Als Zeichen für die erfolgreiche Profilierung solcher neuen

polnischen Wirtschaftselite schien mir auch bemerkenswert, daß im

Verlaufe des Krieges und danach eine Reihe polnischer Berg­ und

Hüttenfachleute in westlichen Ländern große Anerkennung fanden.

Meine Eindrücke und Kenntnisse der wirtschaftlichen Entwicklung in

der Türkei waren in der nur kurzen Zeit meines Aufenthalts nicht sehr

eingehend, aber da ich mich interessierte und durch meine

geschäftlichen Anstrengungen bekam ich doch Einiges zu hören.

Es gab die beiden zur Wirtschaftsförderung gegründeten neuen

staatlichen Banken, die Etibank, hauptsächlich für Bergbau, die

Sumerbank für Verwaltung und Entwicklung von Industrie. Die Etibank

hatte seit Kriegsausbruch das Monopol für Chromerzexport, damals

sollte keines nach Deutschland gehen. Schon die Namen der beiden

Banken fand ich interessant, bei Etibank kam er von den alten

Hethitern, Sumerbank von den Sumerern. Mit dem Streben nach einem

neuen, säkularisierten, von jeder arabischen Akulturierung

unabhängigen türkischen Nationalbewußtsein wollte man also weit

zurück in die Vergangenheit reichen. Die archäologische Suche nach

den Hethitern erregte damals viel Aufmerksamkeit, es wurde viel über

Bogazhkoi gesprochen, ich hatte auch unter den deutschen

Emigrantenakademikern in Istanbul den jungen, aber schon damals

anerkannten Hethitologen Dr. Güterbok kennengelernt.

Eine für mich nähere Bekanntschaft wurde aber der Nationalökonom Dr.

Kessler, aus Leipzig aus politischen Gründen emigriert, der

Vorsitzender des Verbands Republikanischer Hochschullehrer zu Zeiten

der Weimarer Republik gewesen war. Er war auch einmal in Kattowitz

zu einem Vortrag im Deutschen Kulturbund, wo ich ihn gehört hatte.

Franks riefen an, um mich einzuführen. Sabine Frank nahm regelmäßig

teil an Abenden bei ihm, wo oft Schauspiele deutscher Klassiker mit

verteilten Rollen gelesen wurden, und ich ging mit ihr. Er

beeindruckte mich sehr, das Bild eines deutschen Wissenschaftlers,

von gediegener Sachlichkeit, mit einem weiten Blick, nicht nur auf

seinem Fachgebiet, sondern alles kulturelle und auch religiöse

einbeziehend, man konnte ihm nur mit großer Hochschätzung und im

Laufe der Monate auch Zuneigung begegnen. Sein Vater war

protestantischer Geistlicher gewesen, Generalsuperintendent der

Kurmark, und er schrieb, unter anderem, gerade an einer Biographie

seines Vaters. Er selbst war ursprünglich erst Althistoriker

geworden und dann zur Nationalökonomie gekommen, für die er den

Lehrstuhl in Leipzig hatte. Dort war er bald nach Hitlers

Machtübernahme verhaftet worden. Für mein Verständnis des türkischen

Wirtschaftslebens, aber auch des Kriegsgeschehens, war diese

Bekanntschaft sehr interessant, ich habe ihn oft gesehen. Er nahm

mich auch mit in sein Institut an der Universität, und ich lernte die

türkischen Assistenten kennen, die er dort in

Wirtschaftswissenschaften ausbildete. Von einigen anderen

Wirtschaftsexperten unter den deutschen Emigranten, die nicht an der

Universität, sondern in Regierungsämtern arbeiteten, lernte ich auch

den Agrarexperten Dr. Wilfrid Baade kennen (auch seine Frau, die aus

der Leinenfabrikantenfamilie F.V. Grünfeld aus Landeshut stammte), und

sah auch wieder Dr. Hans Wilbrandt, der bei unserer

mitteleuropäischen Studententagung 1931 in Preßburg gesprochen hatte.

Die Sommermonate 1940 der "Battle of Britain" waren für die Engländer

grausam und verzweifelt, aber doch erfolgreich verlaufen, und das

Gefühl unmittelbarer weiterer Bedrohung hatte sich gewendet. Wie

aber sollte es weitergehen, woher sollte eine wirkliche Wende kommen?

Es war immer noch schwer, wirklich Zuversicht zu gewinnen. Da

erinnere ich mich an meine Unterhaltungen mit Lotek Potok aus Bendzin,

der einer der vielen polnischen Flüchtlingspassanten auf dem Weg vom

Balkan nach dem Westen oder nach Palästina war. Er war ein sehr

erfolgreicher Industrieller in der weiterverarbeitenden

Stahlindustrie gewesen, einer der Partner in dem Syndikat, das

gewalzte verzinkte Bleche nach dem Verfahren des polnischen

Ingenieur­Erfinders Sendzimir herstellte und diesem damit zu seinem

großen Erfolg verhalf. Potok fand die Lage ganz einfach. Die

Amerikaner hatten schon angefangen, England industriell massiv zu

unterstützen. Sehen Sie, sagte er, wenn sie die Stahlproduktion der

Welt zusammenrechnen, auch wenn der ganze Kontinent Europa jetzt in

deutscher Hand ist, das Übergewicht bleibt schwer gegen die Deutschen,

und man kann sich darauf verlassen, sie müssen den Krieg verlieren.

Es war das Zuversichtlichste, was ich in jenen Tagen hörte, hatte er

Recht? War das der allein wichtige Schlüssel? Immerhin, ich habe

diese Unterhaltung mit ihm in Istanbul nie vergessen.

Aber mit Stahl allein Hitler aus Europa zu vertreiben, da fehlte wohl

doch etwas. Wieder, wie Mitte der dreißiger Jahre, mußte einem dabei

auch Rußland einfallen. War das nun doch der fehlende Faktor, auf

den man noch hoffen mußte? Es interessierte mich immer sehr, Leute

zu treffen, die noch immer vereinzelt aus Lemberg mit den russischen

Schiffen ankamen, die vom Schwarzen Meer her durch den Bosporus ihren

Weg zum Hafen Istanbul nahmen, mit lauten Klängen der Internationalen.

Es gibt manchmal so Reaktionen, die man nur als ganz emotionell und

primitiv bezeichnen kann, so ging es mir einmal. Jemand beschreibt,

wie die russische Polizei auftritt. Man sitzt in einem Kaffee, in

Lemberg, sie kommen herein für eine Kontrolle, jeder mit zwei

Schußwaffen, eine nach rechts, die andere nach links vom Gang her

gerichtet. Ich habe mir das vorgestellt, ich hatte von so einer

Szene noch nie gehört, die zwei Pistolen, oder was es war, für jeden,

das war mir zuviel. Ich wußte wieder, das ist nicht für uns, es

bleibt ganz fremd.

Über meine Mutter hatte ich am 15. Juli aus Lemberg eine, wie ich es

damals empfand, Schreckensnachricht bekommen. Sie war "nach Rußland

abgereist", und, wie sich bei Nachfrage herausstellte, sie war ins

Innere Rußland zunächst mit unbekanntem Ziel deportiert worden. Die

Briefe, in denen sie die Reise in Viehwagen mit allen Entbehrungen

schilderte, waren herzzerbrechend, aber es waren gar nicht die

Grausamkeiten und Demütigungen erwähnt, über die man von

Deportationen in Viehwagen durch Hitlerdeutschland später hören

sollte. Ich telegraphierte gleich an Brahams nach London und die

Britische Botschaft in Moskau, wo ja ein englisches Visum für meine

Mutter angekommen war. Dr. Frank empfahl mich an einen prominenten

Patienten, der seit einiger Zeit in Istanbul stationiert war. Sir

Dennison Ross war einer der führenden englischen Orientspezialisten,

ein älterer, sehr freundlicher Mann, halb Gelehrter, halb eben ein

prominenter Regierungsmann. Er bot sofort an, einen Freund in der

Moskauer Botschaft zu alarmieren. Ich blieb in schrecklichster

Ungewissheit, bis am 1.August Nachricht kam, daß meine Mutter in der

Sowjetrepublik Mariskaja angekommen war, anscheinend interniert in

einem Barackenlager im Wald.

Das Gute war, die Eltern und zwei Schwestern von Zygmunt Weingrün

waren im selben Transport und sie blieben zusammen. Der Winter in

dieser entlegenen Gegend wurde hart. Nach dem Krieg erfuhr ich, daß

man meiner Mutter Aufnahme in ein russisches Altersheim angeboten

hatte, aber sie dachte nur daran, uns Kinder so schnell wie möglich

wiederzusehen. Vielleicht hätte sie eine bessere Chance gehabt, den

Krieg dort in einem Altersheim zu überleben.

Es wurde noch viel versucht, Mutters Ausreise aus Rußland zu

erreichen. Die Russen verweigerten damals Gebrauch der alten

polnischen Pässe, wie meine Mutter ja einen hatte, für die Ausreise.

Die Britische Botschaft konnte kein "Laissez Passer" ausstellen.

Schließlich konnte ich durch den befreundeten Kattowitzer Zahnarzt Dr.

Fritz Reichmann aus Lissabon einen mittelamerikanischen Paß für

Mutter besorgen. Mit dem englischen Visum, oder für Türkei und

Cypern, um die wir uns bemühten, hoffte man, darauf russische

Ausreiseerlaubnis zu bekommen. Frau und zwei Kinder Dr. Reichmanns

waren in Lemberg immer sehr hilfreich zu meiner Mutter, ich hielt

auch weiter von Istanbul aus durch sie Verbindung mit Mutter im

fernen Marijskaja aufrecht.

Unterdeß hatte sich die Kriegssituation im Balkan und am Mittelmeer

sehr zugespitzt. Schon im Juni war Rumänien gezwungen worden,

Bessarabien an Rußland abzutreten, im August/September andere Gebiete

an Ungarn und Bulgarien, und es war in Rumänien eine Nazifreundliche

Diktatur entstanden, der König Karol geflohen, antisemitische

Richtungen hatten die Oberhand. Im Oktober besetzten die Deutschen

Rumänien, und es verbreitete sich Besorgnis in der Türkei, daß

deutsche Truppen auch Bulgarien besetzen und so an der türkischen

Grenze erscheinen würden. Man gab sich zuversichtlich in der Türkei,

daß die Deutschen dort nicht einfallen würden, weil die türkische

Armee auf ihrem Gebiet erfolgreich Widerstand leisten könnte, aber

als Flüchtling vor Hitler wurde ich, wie viele ähnlich placierte,

doch sehr unruhig. Es kamen viele weitere polnische

Flüchtlingsfamilien aus Bukarest auf der Durchreise nach Istanbul,

viele gingen nach Palästina, andere konnten sich z.B. brasilianische

Visen beschaffen. Das tat ich denn auch und dazu noch von der

englischen Botschaft ein dazugehöriges Transitvisum für Palästina.

Italien griff Ende Oktober Griechenland an. Die Türkei war

weitgehend abgeschnitten, jedenfalls für unsereinen. Syrien, damals

noch von der mit Hitler zusammenarbeitenden französischen Regierung

von Vichy kontrolliert, kam als Durchgangsland auch nicht in Frage.

Der einzige Weg für Ausreise führte über den Hafen Mersin im Süden

der Türkei mit Schiff nach Haifa, und alle, die nicht Hitler oder

anderen Axismächten in die Hand fallen wollten, mußten ihn nehmen.

Man traf sich oft mit anderen polnischen Flüchtlingen. Als

Neuankömmling stellte sich eines Tages Jozef Winiewicz vor, der

Chefredakteur des Dziennik Poznanski in Posen gewesen war, und setzte

gleich noch hinzu, er sei ein Endek, also zur nationalistischen

Rechtspartei der Dmowski Richtung gehörend. Ich wunderte mich

eigentlich, wieso er das so betonen mußte. Man sah ihn dann nicht

oft, aber eines Tages sah ich Daniec mit ihm durch den ganzen Raum

schnurstracks auf mich zukommen, und Daniec sagt mir, Winiewicz will

mich etwas fragen. Er wollte wissen, wie ich mir für nach dem Krieg

die Grenze zwischen Polen und Deutschland vorstelle. Offenbar wußte

er, wer ich war, woher ich kam. Wie Daniec gesagt hatte, ich trug ja

meinen "preußischen Akzent" wie eine Fahne umher. Ich war ganz

unvorbereitet auf diese Frage. Es war schon richtig, die Battle of

Britain hatte Hitler schon so gut wie verloren und alle, die seine

Niederlage herbeiwünschten, sollten sich Gedanken über die Gestaltung

der Nachkriegszeit machen und dabei auch über künftige

deutsch­polnische Grenzen.

Wie es in Europa damals im Spätherbst 1940 aussah, schien mir die

Frage früh, und ich mußte sehr schnell denken. Mit voller

Überzeugung habe ich dann geantwortet, ich fände die 1939

Vorkriegsgrenzen sollten wiederhergestellt werden. Sie waren doch

gar nicht so schlecht gewesen, meinte ich. Daniec schien meine

Antwort ganz gut und natürlich für mich zu finden, aber Winiewicz

erklärte nach einer Pause sehr entschieden und aggressiv, die Grenze

müsse weit nach Westen bis ganz an die Oder verschoben werden. Ich

gab zu bedenken, daß dort doch gar nicht polnisch gesprochen wird.

Nach ihm war das belanglos, es seien alte slawische Gebiete und sie

müßten zu Polen kommen. Daniec klopfte mir beruhigend auf die

Schulter und wir trennten uns (3). Während der größten Nervosität

über deutschen Einmarsch in Bulgarien im November 1940 war ich nicht

nach Mersin abgefahren, um zunächst einmal nach Palästina

weiterzukommen, was viele gemacht haben. Es stellte sich heraus, die

Flucht wäre auch nicht nötig gewesen. Bulgarien wurde zwar im März

1941 doch von deutschen Truppen besetzt, aber Hitler hat die Türkei

nie angegriffen, und alle, die in Istambul blieben, sollten es gut

überleben.

Im September war Sir Dennison Ross gestorben, der sich für die

Ausreise meiner Mutter aus Rußland miteingesetzt hatte; ich nahm teil

am Trauergottesdienst in der Englischen Botschaft. Nun am 14.

Dezember starb Alfed Palukka nach monatelangem Leiden, ich hatte ihn

immer seltener sehen können. Bei der katholischen Beerdigung sah man

auch viele Deutsche. Zu Weihnachten lud Dr. Kessler seine jungen

Freunde ein, sein Sohn lebte auch bei ihm, es war ein kleiner Kreis,

es waren auch mit mir einige andere jüdische Flüchtlinge da. Es war

etwas Tragisches dabei, wie er sein Weihnachtsfest verbringen mußte,

denn seine Frau war in Deutschland, in Bethel beim Pastor

Bodelschwing.

Es gab anscheinend nicht nur den Herrn Winiewicz, der sich mit den

Problemen der Nachkriegszeit beschäftigte. In der englischen

Botschaft sollte jemand auf Dr. Kessler als einen möglichen deutschen

Reichspräsidenten hingewiesen haben, wenn Hitler abgesetzt wird.

Vielleicht war Kessler durchaus geschmeichelt, als wir darüber

sprachen, aber er wollte nichts davon wissen, er könnte es sich gar

nicht vorstellen, wieder nach Deutschland zurückzukehren und einigen

Leipziger Kollegen zu begegnen, die ihn nicht einmal im Gefängnis

besucht hatten.

Die Entscheidung, ob und wann ich weiterreisen sollte, wurde mir am

31. Dezember abgenommen. Die Türkische Polizei verlängerte meine

Aufenthaltsgenehmigung nicht, und ich mußte sofort nach Mersin

abreisen. Die Bahnfahrt ging durch Anatolien und dann die aufregende

Gebirgsszenerie des Taurus, ein großartiges Naturschauspiel. An der

Mittelmeerküste in Mersin war man schon wieder in einer anderen Welt

nahe Syrien, auch bei der Bevölkerung merkte man das. Das Hotel

hatte damals viele fremde Transitgäste verschiedener Nationen und

Herkunft, die den Weg rund um das Vichy Syrien machen wollten.

Man traf viele Bekannte, die kamen und gingen, ich versäumte die

nächsten Schiffe und war nicht der einzige. Nachdem meine Mutter nun

im Innern Rußlands war, schien ihre baldige Ausreise noch schwieriger.

Man wußte damals nicht, daß nach schon sechs Monaten sich Rußlands

Stellung im Krieg und damit auch die Bedingungen der dorthin

verschlagenen polnischen Flüchtlinge entscheidend ändern würden.

Damals, Januar 1941, sah ich Erlangung eines türkischen Transitvisums

für sie zur Weiterreise nach Cypern als eine der wenigen Chancen für

sie, wieder mit ihren Kindern zusammenzukommen. Ich wäre gern mit

dem Anwalt Halil Bey in Istanbul in engem Kontakt geblieben. So

versuchte ich, wie ein Freund das nannte, mich noch in Mersin etwas

am Rand der Türkei festzuhalten. Es war ja auch noch Vorsorge zu

treffen für Finanzierung der Weiterreise. Viele polnische

Kriegsflüchtlinge wurden damals von der Exilregierung in London

unterstützt, doch dazu gehörte ich nicht. Die Polizei drängte, wenn

immer ein Schiff abgehen sollte, und schließlich mußte ich auch eines

besteigen. "Vous vous devez débrouiller" sagte der Beamte, und das

war es dann. Es war ein kleiner ägyptischer Frachter mit

Passagierverkehr. Die Hauptfracht schienen Schafe zu sein, in einem

großen offenen "Hold", aus dem ein penetranter Geruch strömte, der

den abenteuerlichen Charakter unserer Reise noch verstärkte. Darum

herum saßen hunderte von einfachen Passagieren, die man um ihr Los

nicht beneiden konnte.

Etwas weg davon waren Kajüten, ich bekam einen Platz dort, mit

anderen polnischen Flüchtlingen. Im Hotel hatte ich Jerzy Nowak aus

Kattowitz kennengelernt, er gehörte zu einer Gruppe, seine Schwester

war mit Lotte in der Schule bekannt, er wußte, wer ich war, zeigte

sich hilfreich. Zu den Passagieren gehörten der Senator Roman

Przedpelski und Sohn, er hatte von meiner Assoziation mit TürkDal und

meiner Anwesenheit in Mersin bei der Durchfahrt in Istanbul gehört

und begrüßte mich schon im Hotel in Mersin dem entsprechend. Er

erwähnte wieder, wie es schon Podczaski und Daniec in Istanbul getan

hatten, daß ich in Palästina mich immer an den dortigen langjährigen

Vertreter von Dal, Hermann Safir, auch aus Polen stammend, um Rat

wenden kann. Das Schiff fuhr verdunkelt, das östliche Mittelmeer war

Kriegsgebiet. Der Seegang war beträchtlich, meine Anfälligkeit für

Seekrankheit ominös. Nach dem Abendbrot suchte der Ingenieur K., wir

hatten uns öfters im Hotel gesprochen, einen Vierten für eine

Bridgepartie, ich war bereit. Die beiden anderen Partner, die K.

gefunden hatte, waren Roman Maier, den ich auch schon im Hotel in

Mersin kennengelernt hatte, Chefredakteur der Sanacja

Regierungszeitung in Kattowitz: "Polska Zachodnia", der andere war

Josef Winiewicz, und den kannte ich ja auch schon. Ich konnte nicht

lange mitspielen, der Seegang wurde immer heftiger, einige verließen

schon den Raum, Bridge verpflichtet ja zu mehr, aber ich mußte mich

dann auch entschuldigen und in die Kajüte fliehen. Mit Mühe schaffte

ich es am nächsten Morgen noch zum Frühstück, dann kamen wir in Haifa

an. Die Polen hatten alle kaum Schwierigkeiten, Senator Przedpelski

wurde von Hermann Safir abgeholt und stellte mich ihm vor, er sagte,

ich solle ihn später in Tel Aviv anrufen, falls ich bei der Landung

Schwierigkeiten habe. Bei mir verlief die Paßkontrolle gar nicht

glatt. Der für die britische Mandatsverwaltung amtierende Inspektor

Tabori, wie man mir nachher sagte, ein ungarischer Jude, sehr bekannt

in Palästina, wollte alles über mich wissen. Er prüfte auch die

ganze Korrespondenz, die ich mit mir führte, also mit meinen

Verwandten in London, auch der Mutter in Rußland, es war ja dort sehr

Verschiedenes. Er mußte mich wohl nicht nur vom Standpunkt der

Mandatseinwanderungsbestimmungen prüfen, das war ja auch mein

Übergang in Kriegszeiten vom neutralen Ausland in Englisch

verwaltetes Gebiet. Vielleicht war es Tabori gar nicht so vollkommen

fremd, ein polnischer Paß, aber jemand offensichtlich, auch in seiner

ganzen Korrespondenz deutschsprachig, und jüdisch, kam nicht mit

einem Zertifikat, sondern Transitvisum nach Brasilien, er wollte wohl

seiner Sache ganz sicher gehen. Dabei war er sehr freundlich, aber

Landegenehmigung gab er mir nur gegen Zahlung eines Deposits von

Sechzig Pfund.

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