eröffneten Büro der Ferrolegeringar in Verbindung gebracht, wo mir Dr.
Hans Krakenberger und Hans Grelling von Berlin her noch gut bekannt
waren. Sie gaben mir die Warschauer Adresse von Frau Janina Nejfeld,
falls man sich wegen Ausreisemöglichkeiten gegenseitig helfen könnte.
Sie war Witwe des früheren Vertreters des Konzerns in Polen und
hatte selbst die Vertretung noch weitergeführt. Sie war jetzt aus
Lodz nach Warschau gekommen und hatte mit Zürich Kontakt aufgenommen.
Wir hatten beide das Gefühl, daß man bei Ankunft in Italien auf
erste Hilfe von diesem Büro in Zürich hoffen konnte.
Visas waren schon schwer zu beschaffen. Die nächste "Kombination",
die Marek Reichmann fand, dann auch selbst benutzte und mir anbot,
war einfach eine Bescheinigung in den Paß geklebt, daß für den
Inhaber bei Ankunft in Triest ein Zertifikat zur Einreise nach
Palästina bereit liegt. Die Italienische Botschaft war bereit, auch
darauf ein Transitvisum zu geben. Es kostete ebenso viel wie ein
"besseres" "richtiges" Visum; das ganze wurde für eine Gruppe
arrangiert, wobei die Hälfte, ich eingeschlossen, zahlt, und die
andere Hälfte nicht, nämlich alles verdiente zionistische Funktionäre
mit Familien, und zwar, etwas zu meinem Leidwesen, Revisionisten. So
jedenfalls wurde mir das erklärt. Ich lernte zwei der Revisionisten
auch kennen (14). Alles ging auch durch "Orbis", wo ich außer in
Marek Reichmanns Wohnung ein beinahe täglicher Besucher wurde.
Vom 1.Dezember an (15) wurde für Juden das Tragen eines weißblauen
Davidsternabzeichens verordnet. Es war also kein "Gelber Fleck" wie
in den Deutschland einverleibten westlichen Gebieten. Was es auch
war, das Leben wurde gefährlicher, nicht zuletzt das Risiko von der
Straße weg zu Zwangsarbeit requiriert zu werden. Man überlegte sich
jeden Morgen, was das größere Risiko war, mit oder ohne den
Davidstern auszugehen. Wochentags in die Stadt ging ich meist ohne
das Abzeichen, für sonntägliche Besuche von Freunden in den Vororten
dachte ich, man kann sich den Luxus des Davidsterns erlauben, denn es
wurde ja kaum gearbeitet. Das Risiko ihn nicht tragend ertappt zu
werden war wochentags geringer als das Tragen des Sterns, wenn man
ertappt wurde, konnte es aber total sein. Daran hatte man sich eben
gewöhnen müssen, nach dem Risiko von Artilleriefeuer und Bomben
während der Belagerung war jetzt das Risiko der Konfrontation mit SS
und Gestapo oder ihren geringeren Helfern getreten.
Ich mußte Gott danken, mit welchem Glück ich in der Okkupationszeit
meine Anonymität behalten konnte und davonkam. Die einzige Begegnung
mit einem SSMann in Warschau verlief auch harmlos. In der Wohnung
von Marek Reichmann, der selbst schon abgereist war, erschien ein
junger, anscheinend oberschlesischer SSMann, gestikulierte wild und
machte Ansätze zu schreien, wollte prüfen, wer da ist. Er war
offenkundig ein Anfänger, noch nicht lange bei der SS, das Schreien
kam ihm nicht natürlich. Eine andere Besucherin Frau B., gefragt ob
sie jüdisch ist, sagte nein, aber setzte dann hinzu, sie sei getauft,
seit dem 24.Oktober (also eben vor dem Registrierungsstichtag 29.
Oktober). Ich sah sie fassungslos an, dann mußte ich lächeln, auf
dem Gesicht des SS Manns war auch ein breites Grinsen. Er zog sich
bald zurück, er hatte wohl gemerkt, daß er sich hatte ertappen lassen,
daß er doch ein Mensch war.
Noch war die Gefahr für mich nicht vorüber, meine Abreise verzögerte
sich. Für Benutzung eines Schnellzuges brauchte man eine Genehmigung,
und Juden waren Schnellzüge neuerdings verboten. Orbis hatte noch
keine Lösung für mich. Eine kleine Verbesserung in den Verhältnissen
war noch gewesen, daß der Postverkehr von und zwischen dem besetzten
Warschau und Orten in Deutschland aber auch dem neutralen Ausland
schon gut funktionierte. So hatte ich Kontakt nicht nur mit Zürich,
sondern auch der noch in Berlin lebenden Familie, Großmutter und
Onkel Walter Oettinger, von der Grünfeld Familie die Epsteins und
Hans Hirschel.
Kontakt hatten wir von unserer Enklave auch weiter mit Erika
Schlesinger in Beuthen, wo Tante Jenny unterdeß zurückgekehrt war, und
durch das Hausmädchen von Königsfelds mit den vielen traurigen
Vorgängen in Kattowitz. Ich war sehr gerührt, als durch sie der
Kürschnermeister Klimanek, zur katholischen deutschen Gruppe gehörend,
bei dem wir jeden Sommer unsere Pelze aufbewahrten, mir den Pelz
meines Vaters nach Warschau schickte. Ich bekam auch einige
Kondolationen zum Tode meines Vaters, so eine besonders bewegende von
dem deutschen Baumeister Kutchera, Nachfolger meines Vaters in
verschiedenen Berufsverbänden.
Die Verwandten in Berlin rieten, ich soll doch versuchen, zu ihnen zu
kommen. In diesen ersten Kriegsmonaten hatte man wohl noch keine
richtige Vorstellung dort, was das Schicksal der in Deutschland
zurückgebliebenen Juden sein würde. Als ich meine Papiere mit
DZugbillet nach Triest bei Orbis endlich abholen konnte, um mit dem
nächsten DZug am 10. Januar 1940 abzufahren, wurde ich gefragt, ob
ich bereit bin, mit einer alten polnischen Dame und ihrem Enkelsohn
zusammen zu fahren, da sie gar kein Deutsch sprechen. Es war eine
Frau Aleksandrowicz, Mutter des amtierenden polnischen Konsuls in
Triest, und dessen kleiner Sohn. Ich war verwundert, vielleicht war
es ganz natürlich, daß man bei Orbis auf diese Idee kam, aber in
Wirklichkeit, dachte ich, war meine Passage unter einem größeren
Risiko als die der alten Dame. Ich sagte aber doch zu.
In der Sulkiewicza 8 gab es einen bewegten Abschied. Bei den
freundschaftlichen Gefühlen, die sich entwickelt hatten, wurde es so
schwer, sie alle dort ihrem so ungewissen, aber doch so bedrohend
schwer aussehende Schicksal zurückzulassen. Ich hatte schon lange
versucht, besonders den Familien Baender und Hurtig zur Ausreise
zuzureden, sie hätten die Mittel in Warschau gehabt aber hatten Sorge
für das Leben im Ausland. Ich meinte, es ist noch niemand verhungert,
und was einen in Warschau erwartete, sah grimm aus. Ich nahm
Abschied.
Es war ein sehr kalter Winter geworden, 1939/40, so war es ja in ganz
Europa. Der Zug sollte gegen 10 Uhr abends gehen, ich traf jemanden
von Orbis auf dem Perron, der mich mit Frau Aleksandrowicz bekannt
machte. Wegen des Wetters verspätete sich die Abfahrt des Zuges um
einige Stunden, wir mußten bei minus 26 Grad auf dem überfüllten
Bahnsteig warten. So fing die Fahrt schon mit einer schweren Probe
an, dann ging es ganz glatt, vor Kattowitz verschwand mein Gesicht
unter meinem Mantel und blieb. Man mußte annehmen, daß wir den
Anschluß an den Zug, der unsere Wagen durchgehend nach Wien plombiert
und ohne Grenzkontrolle durch das "Protektorat" (die besetzte
Tschechoslowakei) bringen sollte, schon längst versäumt hatten, die
Verspätung war des kalten Wetters wegen nur noch größer geworden.
Mir ahnte nichts Gutes, selbst nachdem ich Kattowitz ohne
Zwischenfall passiert hatte.
So war es auch; wir hatten keinen durchgehenden Zug nach Wien, mußten
einen Zug im "Protektorat" nehmen und eine unvorhergesehene
Grenzkontrolle zwischen dem "Protektorat" und Österreich in Breclav
(Lundenburg) passieren. Sie wurde für mich sehr unangenehm. Männer
und Frauen wurden getrennt, Frau Aleskandrowicz konnte mit ihrem
Enkelsohn gehen, mich grillten drei SSLeute. Ich dachte zeitweise
nicht, daß ich davon komme, einer schien ein fanatischer und grober
Judenhasser, die beiden anderen mehr zivilisiert, zum Schluß fanden
sie wohl, sie sollten meine Ausreisegenehmigung aus Warschau
honorieren. Die Aleksandrowiczs warteten schon besorgt auf mich, wir
fuhren nach Wien weiter, mußten den Bahnhof wechseln. Das waren wohl
auch die Dinge, wegen der man mich gebeten hatte, sie unter meine
Obhut zu nehmen. Wir aßen Abendbrot am Südbahnhof und fuhren dann
nach Triest weiter. An der deutschen Grenzkontrolle nach Italien
erschienen nochmals SS Leute, stolzten provokativ umher, schrien,
aber es war wohl mehr ein Einschüchterungsmanöver, wir kamen ohne
Schwierigkeiten durch, dann auch an der italienischen Kontrolle,
meine "Kombination" schien also noch zu halten.
Als der Zug weiter fuhr in Richtung Udine überkam mich ein großes,
unvergeßliches Gefühl der Erleichterung. Es war kaum vorstellbar,
nun schien ich gerettet vor Nazis und Gestapo, was für eine Wendung.
Sicher, die Zukunft war ungewiß, noch mit vielen undurchsichtigen
Wolken verhüllt, aber das war eine Erlösung, wie man sie selten
empfinden konnte. Frau Aleksandrowicz bemerkte das gleich, wie ich
fühlte und nahm Anteil. Die Fahrt hinein nach Triest hoch über den
unwirtlichen, windgefegten Karst nahm sich auch wie eine
schicksalsvolle Reise aus, beim Abschied bat sie, ich möchte doch
ihren Sohn bald im polnischen Konsulat besuchen.
Kapitel 9
Kriegsflüchtling
In Transit in Italien
Es war mein erster Besuch in Italien. In Triest war es auch kalt und
unfreundlich, mich reizte der bunte, geschichtliche Hintergrund, man
spürte die Nachbarschaft Jugoslawiens und manches von der
österreichischen Vergangenheit. Es gab viele Flüchtlinge und andere
Reisende. Von meinen KattowitzWarschauer Freunden war die Familie
Steinitz noch dort, auf Emigration wartend. Er war ein großer
Lehrmeister, wie man als Flüchtling so sparsam wie möglich leben
mußte. Ich nahm gleich Kontakt mit Zürich auf, die Nachricht, daß
ich aus Warschau entkommen war, wurde schnell in der Familie
verbreitet, Lotte und Familie waren in Bukarest, standen in Kontakt
mit meiner Mutter in Lemberg. Jetzt konnte ich wenigstens in
Korrespondenz mit ihnen sein. Von Marianne hörte ich aus England und
auch von der Dahlemer Familie, Tante Grete, Herbert mit Frau Ery und
der jüngere Bruder Ernst. Er hatte arrangiert, daß Lotte und Familie
in Bukarest bei den Eltern des gemeinsamen Freundes Ralph Kleeman
wohnen konnten.
Beim polnischen Konsul Aleksandrowicz wurde ich freundlich, aber
etwas zurückhaltend empfangen. Ich vermutete, daß er über mich
rätselte, als ich meine Personalien und Lage erklärte. Mit meinen
Papieren sollte ich so schnell wie möglich Italien verlassen, und
Frankreich schien am nächsten. Ich erkundete mich beim Konsul, ob er
mir dabei helfen könnte, ich würde mich dann für die polnische Armee
stellen. Er winkte gleich ab, ich war ja Kategorie "C" wegen
Kurzsichtigkeit, die polnische Armee in Frankreich war noch sehr
klein und konnte nur gut trainierte Leute mit vorherigem Armeedienst
brauchen.
Der nächste Besuch war beim Büro der Jewish Agency. Laut meinen
Papieren lag dort für mich ein Zertifikat für Einwanderung nach
Palästina, was ich ja natürlich gar nicht geltend machen wollte, aber
ich sah den Leiter des Büros Dr. Goldin, um mich über Möglichkeiten
zu erkunden, wie man nach Palästina kommen kann. Ich fand auch, daß
ich die Bescheinigung in meinem Paß über ein Zertifikat erwähnen
mußte. Es war mir nicht klar, ob er über diese "Kombination" aus
Warschau zu fliehen, zum ersten Mal hörte, jedenfalls zeigte er sich
empört und sagte mir, ich hätte in Warschau bleiben sollen. So
provoziert, teilte ich noch mit, daß auch andere, darunter sehr
aktive Zionisten, und zwar Revisionisten mit solchen Papieren
ankommen, da sagte er, die sollen dort bleiben. Ich traute meinen
Ohren nicht, weiß er, was er da sagt, fragte ich. Ich begann zu
verstehen, daß es in Zionistischen Ämtern nur strikt politische
Kategorien gab, die hatten mit charitativem Denken oder Gefühlen
nichts zu tun.
Seit der Nachricht vom Tod meines Vaters hatte ich an keinem
Gottesdienst mehr teilgenommen, in Triest nun ging ich Freitag abends
in die Synagoge, um das Kaddisch Gebet zu sagen, und das habe ich
dann versucht, bis zum Ende des Trauerjahrs aufrecht zu erhalten, wo
immer ich nahe einer Synagoge war. Es hieß Bekanntschaft mit ganz
verschiedenen Gemeinden und Gottesdienstformen, eine traurige, aber
auch anregende und wichtige Erfahrung gerade in dieser Zeit der
Verfolgung. Ich blieb nicht lange in Triest, fand, daß Marek
Reichmann und Familie sich in San Remo aufhielten, und beschloß, dort
herauszufinden, wie man nach Frankreich gelangen kann. Anscheinend
gab es dafür Wege über die Grüne oder auch die Blaue Grenze, nämlich
mit einer Motorbootfahrt, aber sehr riskant. Ich machte Halt in
Mailand, wo Ernst Berliner war, auch Danek Zins aus Kattowitz,
Pianist und Begleiter des Tenors Jan Kiepuras, und Frau B. mit
Tochter, und traf einen polnischen Diplomaten, früher
Handelsdelegierter in Hongkong, der erklärte, warum Leute wie er
jetzt in der Emigration soviel Kontakt mit jüdischen Landsleuten
suchten. Die Juden, fand er, haben einen so ausgeprägten Sinn für
Kommunikation, und das ist, was wir jetzt als Emigranten alle
brauchen. Es war auffällig, wie eng sich der Kontakt in der
Emigration, wo immer man hinkam, gestaltete. In Mailand lernte ich
auch einen älteren Mitemigranten, Anwalt aus Lemberg, auch Danzig, Dr.
Parnes kennen, den ich später in Rom wiedertraf. Er wurde dann für
mein rechtzeitiges Wegkommen von Italien entscheidend.
Der kalte Winter 1939/40 hielt noch immer an, Mailand war tief im
Schnee. Erst auf der Fahrt nach Genua südlich der Bergkette änderte
es sich etwas, und da war auch das Erlebnis der MittelmeerVegetation
mit Pinien anstatt der gewohnten Bäume.
In San Remo fand ich eine billige Pension. Die Unbilden von
Belagerung, Okkupation, Reise und andauernder Ungewißheit machten
sich bemerkbar, ich wurde sehr krank, an die Motorbootfahrt nach
Frankreich war ohnehin nicht zu denken. Mein Vetter Herbert in
London wollte mir Einwanderung nach Bolivien ermöglichen. Nach dem
Tod meines Onkels Paul Grünfeld und der Auswanderung der Familie mit
einigen Mitarbeitern nach London wurde dort eine neue Firma gegründet,
die schwedischen Werke und Chromerzgruben in Türkei und Cypern
gehörten weiter dazu. Lotte und Familie konnten am 21.März von
Bukarest nach Cypern abreisen, wo ihr Mann durch Herbert eine
Stellung als Chemiker erhielt. Bei einer neuentstandenen Verbindung
in Bolivien für Einkauf von Erzen wollte Herbert mich unterbringen.
Ich wartete sehr, daß das zustandekommt.
Ernst Berliner fuhr von Genua nach den USA ab, und dann auch Dr.
Koenigsfelds, direkt aus Warschau nach Genua kommend, auf dem Weg
nach Brasilien. Die Abschiede waren immer bewegend, man hoffte, auch
einmal so weit zu sein, aber der Bolivienplan für mich schien nicht
gut zu gehen.
Statt dessen bekam ich von der Fremdenpolizei in San Remo Ende März
einen Ausweisungsbefehl, die Zeit für ein Transitvisum sei abgelaufen.
Ich sollte mich sofort bei der italienischen Grenzpolizei in
Tarvisio melden, um über die Grenze, über die ich hereingekomen war,
wieder zurückgestellt zu werden. Anstatt der vorläufigen, nun nicht
verlängerten Aufenthaltsgenehmigung der Fremdenpolizei, wurde das von
nun an mein einziger gültiger polizeilicher Ausweis, den ich in
Italien vorzeigen konnte. Kaum von schwerer Erkrankung etwas erholt,
befand ich mich also erneut in Alarmzustand.
Inzwischen war Marek Reichmann nach Rom gefahren, um dort an seiner
weiteren Auswanderung zu arbeiten, ich mußte jedenfalls aus San Remo
verschwinden und beschloß, nach Rom zu gehen. Die Geschwister
Grelling hatten einen Teil ihrer Jugend in Florenz verbracht, ihr
Vater hatte Deutschland im 1.Weltkrieg als Gegner des Kriegs
verlassen, seinerzeit eine "cause celebre". Die Tochter Annemarie
kannte ich von Dahlem her, sie hatte unterdeß den jungen Verleger
Gentile geheiratet, Sohn des bekannten italienischen Philosophen,
Senators und zeitweiligen Kultusministers Mussolinis, Dr. Giovanni
Gentile. Ich hatte Annemarie's Adresse in Florenz (Fiesole) von Hans
Grelling aus Zürich erhalten, hatte ihr schon geschrieben und gehört,
daß ich jederzeit zu einem Besuch willkommen sei.
So meldete ich mich an, um auf der Reise nach Rom kurz in Florenz
halt zu machen. Dieser Tag in Florenz war ein Lichtblick in meinem
oft so bedrückenden und angespannten Flüchtlingsaufenthalt in Italien.
Früh schaute ich mich um in den großen Kunstschätzen in Florenz und
genoß das Stadtbild, machte einen Besuch im Verlag Olschki, worum
mich Warschauer Leidensgenossen gebeten hatten. Die
freundschaftliche Aufnahme zum Mittagessen in der alten Villa in
Fiesole bei Annemarie und ihrem Verlegergatten war so wohltuend, man
saß im Freien in der Frühlingssonne, es wurde viel Interessantes
erzählt. Der kleine Sohn Giovanni spielte herum und machte die
Verzauberung vollkommen durch sein Lächeln, wenn auch soviel
Trauriges zu erzählen war. Ich sollte mich gleich am nächsten Tag
bei Dr. Gentile (1) in Rom melden, fuhr über Nacht hin.
Er war nun Präsident der Italienischen Akademie der Wissenschaften,
ein imposantes Gebäude und Büro. Auch hier war der Empfang wieder
überaus freundlich. Er erkundigte sich nach "Tante Grete", wie er
sie wohl in der Sprache seiner Schwiegertochter Annemarie nannte. Er
verfaßte eine Eingabe an ein Ministerium und beruhigte mich. Wenn
ich in Schwierigkeiten mit der Polizei komme, sollte ich ihn sofort
anrufen. Es kam nicht dazu, aber ich konnte auch nicht sicher sein,
wie es ausgegangen wäre, ob noch Zeit geblieben wäre für einen Anruf.
Das Damoklesschwert war noch nicht wirklich fort in meinen Gedanken,
und die Wochen in Rom blieben davon beschwert. Es war nicht so
einfach, sich ein Bild von der politischen Stimmung in Italien zu
machen. Der 9.April, an dem ich in Rom ankam, brachte auch die
Nachricht vom Angriff Hitlers auf Dänemark und Norwegen, also das
Ende des angespannten Zwischenstadiums, in dem der Krieg seit dem
Zusammenbruch Polens geblieben war. Das trug natürlich dazu bei, das
Gefühl eigener Bedrohtheit zu steigern. Man kam nicht heraus aus dem
Staunen über die Pracht von Rom, und doch hatte man dafür zunächst
nur einige flüchtige Blicke, man war unter lauter Flüchtlingen, die
Suche nach Reisezielen und Visen verdrängte alles. Man traf nicht
nur jüdische oder polnische Flüchtlinge. So teilte ich in Rom einen
Tisch in der Pension mit einem jungen lettischen Historiker und
Journalisten, es war interessant und neu. In Triest war es ein alter
griechischer Politiker gewesen, der zu Steinitz und mir sagte, wir
hätten doch in Polen bleiben und gegen Hitler kämpfen sollen, wie das
eben die Griechen seit Jahrhunderten für ihre nationale Sache tun
mußten.
Ein Merkmal des Flüchtlingsdaseins wurde eine immer größer werdende
Korrespondenz. So lange man noch im neutralen Ausland war, wie
damals noch Italien, gab es Kontakt mit zu Hause, der nahen Schweiz,
ebenso wie England, Frankreich und USA. Man hatte viele Bitten,
Nachrichten zu übermitteln, auch an die in Warschau, Oberschlesien
oder Berlin/Breslau Zurückgebliebenen.
Mein Vetter Herbert konnte den Bolivienplan für mich nicht
weiterverfolgen, aber durch meine Bekanntschaft mit Dr. Parnes fand
ich unerwartet die Möglichkeit, ein Visum nach der Türkei zu bekommen.
Sie wurde zusehends ein Zufluchtshafen für die polnischen
Flüchtlinge, meistens nur auf Transitbasis. Ich bekam ein
Einreisevisum. Herbert bot sofort an, daß die Firma der türkischen
Chromgruben, Türk Maden, sich um mich kümmern würde, aber
Arbeitsgenehmigung für eine Anstellung bei ihnen könnten sie nicht
bekommen. Lotte und Familie waren bei kurzer Durchreise nach Cypern
schon in Istanbul betreut worden, hatten mir davon geschrieben. In
Dahlem hatte ich einst die Tänzerin Palukka kennengelernt, ihr Vater
war der Chef der Türk Maden in Istanbul, ich wußte auch, daß eine
Reihe deutscher, darunter viele jüdische Emigranten als Professoren
von der türkischen Regierung nach der Türkei gerufen worden waren.
Es gab also Bezugspunkte. In Rom traf ich auch wieder Frau Nejfeld
und sie bekam auch ein türkisches Visum. Während des Wartens auf die
Visaausfertigung und Buchung einer Schiffspassage
NeapelPiräusIzmirIstanbul hatte ich doch noch mir viel von Rom,
auch seinen Museen und Kirchen in etwas größerer Ruhe ansehen können.
Neapel ging an mir schnell vorüber, dafür war aber die Schiffsreise
schön, wenn auch ins so ziemlich Ungewisse, und schön war auch der
erste Blick auf Istanbul.
In der Türkei
Alfred Palukka hatte im Park Hotel für mich gebucht. Ein älterer
Herr, viele Jahre mit der Firma meines Onkels Paul in der Türkei
verbunden, er war albanischer Herkunft, sehr ruhig und weise, gab mir
freundliche Einführung ins Leben in der Türkei, im Nahen Osten
überhaupt, und nun mußte ich mich umsehen.
Zu den deutschen Emigrantenprofessoren an der Universität Istanbul
gehörte der Breslauer Mediziner, Internist, Dr. Frank. Er war ein
jüngerer Vereinsbruder meines Onkels Walter Oettinger. Meine
Großmutter schrieb sofort von Berlin, ich muß mich bei Franks melden,
mit denen die Familie in Breslau gut bekannt war. Dann stellte sich
auch heraus, daß Frau Frank aus Kattowitz kam, Mitschülerin meiner
Kusine Margot Epstein, die mir auch darüber schrieb. Sie hatten
zusammen viel Tennis auf unserem Tennisplatz gespielt. Franks hatten
eine Tochter Sabine, die in Istanbul Orientalistik studierte, und
einen jüngeren Sohn. Ich wurde sehr freundschaftlich aufgenommen und
bin der Familie immer wirklich dankbar dafür gewesen.
Durch sie lernte ich auch viele andere Mitglieder der deutschen
akademischen Emigration in Istanbul kennen; das wurde einer der recht
verschiedenen Kreise, die ich dort hatte. Für meine Suche nach einer
beruflichen Lösung hatte Dr. Frank mich an einen aus rassischen
Gründen abgesetzten Direktor der Deutschen Bank in Istanbul empfohlen,
der nach seinem Auscheiden eine Handelsfirma gegründet hatte.
Es ergab sich aber ein anderer Plan. Frau Nejfeld brachte mich mit
ihrem Lodzer Landsmann Podczaski zusammen, ein mit einer Türkin
verheirateter Pole, deren Bruder Tekim durch Podczaski zu einer
Zusammenarbeit mit der polnischen staatlichen Exportgesellschaft für
Agrarprodukte "Dal" gekommen war. Es gab eine Tochterfirma "Turkdal"
in der Türkei, für die neue Geschäftstätigkeit gesucht wurde. Ich
hoffte, für Außenhandelsgeschäfte Verbindungen durch Ferrolegeringar
in Stockholm und Zürich anzuknüpfen, das Türkdal interessierte, und
wir kamen zu einer Vereinbarung. Sie sollten alle Kosten tragen, ich
selbst war auf Gewinnbeteiligung angewiesen, also es hing für mich
alles davon ab, daß auch Geschäfte zustande kommen. Ich begann
gleich aus ihrem Büro eine lebhafte Korrespondenz, der türkische
Partner Tekim brachte viele mögliche Kunden.
Bald zog ich aus dem Parkhotel, in dem Herr Palukka mich glaubte
zunächst unterbringen zu müssen, in die Pension Hella, die er mir
empfohlen hatte. Sie gehörte Herrn Errol, der ursprünglich Grünfeld
hieß, aus Ungarn. Es war eine interessant gemischte kleine
Gesellschaft dort. Dr. Weiss aus Wien, ein Chemiker, gehörte zu den
jüdischen Emigranten an der Universität, dann waren verschiedene
Engländer da, ein älterer war in Istanbul als Sachverständiger für
Marinetransport stationiert, ein junger Mann von der japanischen
Botschaft und das Ehepaar Daniec, aus Polen geflohen, er war dort
einer der Direktoren von Dal gewesen und jetzt in Istanbul
verantwortlich für Türkdal. Mit ihm hatte ich auch die
Vereinbarungen mit Turkdal abgeschlossen, und es ergab sich eine gute
und freundschaftliche Zusammenarbeit. Er schien mir ein besonders
guter Prototyp der neuen Wirtschaftselite, die sich im Polen der
Zwischenkriegszeit unter den Zeichen des Etatismus gebildet hatte.
Dal war eine unabhängige staatliche Wirtschaftsgesellschaft.
Ausbildung und geschäftlichem Denken nach schienen Dals Leute aber
ganz wie nach privatwirtschaftlichen Kategorien zu arbeiten und
hatten in und für Polen gute Erfolge erzielt, zum Beispiel im Aufbau
eines großen Exports polnischer prozessierter Schinken u.a. nach
England.