eine ganze Reihe anderer in der näheren Umgebung gefunden, auch
hatten wir Besuch von dem ursprünglich polnischjüdischen Dr. Alberg
aus Kattowitz, wo er als Syndikus von Giesche arbeitete, auch
spanischer Honorarkonsul war. Er war Katholik geworden. Nun schien
er sehr aktiv bei der Verteidigung Warschaus. Sein Vater aber war
ein sehr typischer Warschauer Jude, mit entsprechendem Akzent, er kam
uns öfters besuchen. Als das jüdische Neujahrsfest kam, wurde in
Erich Steinitz's Wohnung gebetet, er war sehr kompetent dafür, es
waren nostalgische Stunden.
Die Chronik verzeichnet etwas ruhigere Tage vorher, da deutsche
Truppen von Warschau wegen der Schlacht mit polnischen Heeresteilen
an der Bzura abgezogen wurden, aber am 13.September griff die
deutsche Luftwaffe mit größter Vehemenz wieder an, mit 150
Großbränden verzeichnet für diesen Tag, mit besonders heftigen
Verlusten im jüdischen Stadtteil. Die Bevölkerung der Stadt zeigte
große Beherrschung und Starzynski dankt ihr besonders für den Einsatz
beim Löschen der Brände. Die Deutschen melden am 14., die Polen dann
für den 16., daß der Ring um Warschau vom Osten her auch geschlossen
ist. Deutsche Versuche, in die Stadt einzudringen, werden noch
erfolgreich abgewiesen, Artilleriefeuer steigert sich am 17. zu
bisher unerlebter Intensität, die Chronik berichtet über um 5000
Geschosse in weniger als 20 Stunden, und dazu kamen noch die
Luftangriffe wie eine Arbeitsteilung der Angreifer. Auch machte sich
ein Rhythmus bei der Artillerie bemerkbar, die Batterien strichen mit
ihrem Feuer in bestimmten Abständen und Intervallen über unseren
Stadtteil oder Vorort, so daß man schon erwarten konnte, wann sie bei
uns oder in nächster Nähe einschlagen könnten. Dann gab es auch
Pausen, vermutlich für Frühstück etc. Als es zu solch enggezieltem
Artilleriefeuer kam, war der Platz doch auch im Luftschutzkeller,
vorher hatte man sich schon so an Artillerie gewöhnt, daß man auch
bei leichterer Beschießung heraus oder auch in die Stadt ging. Am 17.
September wurde auch das Elektrizitätswerk durch Feuer beschädigt.
Als das wichtigste Ereignis dieses 17.September erwies sich aber die
Meldung vom Einmarsch russischer Truppen in die Ostgebiete Polens.
Kriegers hatten in ihrer Wohnung einen sehr guten Radioapparat und
wir konnten uns gut informiert halten. Außer dem Warschauer Radio
hörten wir nicht nur deutsche Stationen, sondern auch Sendungen der
BBC, und so hörten wir auch sofort über dieses schicksalhafte
Ereignis. So empfand ich es und habe spontan gesagt, wir haben schon
viel erlebt, aber das wird sich als das schwerwiegendste erweisen,
die Russen haben angefangen zu marschieren, wahrscheinlich werden sie
erst am Rhein halt machen. Warum ich diesen blitzschnellen Gedanken
hatte? Es stellte sich ja auch zunächst als ganz falsch heraus, dann
aber auch gar nicht, es wurde aber nur die Elbe, und das ist
schwerwiegend genug geworden für Europa. Man wußte damals dort in
Warschau am 17.September 1939 nicht, ob das eine gezielte aber
einseitige Abwehrmaßnahme der Russen im Hinblick auf die schnellen
deutschen Erfolge in Polen war. Daß es ein abgekartetes Spiel war,
schon im HitlerStalin Abkommen vom 22.August vorgesehen, das begann
man erst langsam zu ahnen.
Der Warschauer Bevölkerung wurde die Nachricht zunächst vorenthalten.
Es war ja auch für die Menschen im belagerten und verzweifelt sich
verteidigenden Warschau eine erschütternde Wendung. Als Ernst
Berliner und ich in den Luftschutzkeller kamen und niemand etwas
gehört hatte, haben wir zunächst auch nichts gesagt, aber am nächsten
Tag ging das dann im Laufe von den üblichen Unterhaltungen über die
Lage doch nicht mehr. Warum hatte das Warschauer Radio nichts
gesagt? Außer unseren engeren Bekannten glaubte man uns nicht recht,
nur Frau Zandberg schien anzunehmen, daß ich nicht Unsinn rede. Aber
als die nächsten Nachrichtensendungen des Warschauer Radios immer
noch nichts sagten, da sah sie mich auch vorwurfsvoll an, und Helena
sagte, wenn wir Sie nicht schätzten und sie nicht ganz sympathisch
fänden, müßte ich eigentlich jetzt dafür sorgen, daß Sie an die Wand
gestellt und erschossen werden. Dann am 19.September kam doch die
Nachricht, und die Betretenheit schlug breite Wellen. Nichts über
Hilfe hatte man vom Westen gehört, jetzt wurde der Rest Polens von
den Russen verschlungen, Warschau und sein Kampf blieben einsam und
allein. Die Not wuchs ins Ungeheuerliche, Straßenränder und Plätze
füllten sich weiter mit Gräbern, es brannte überall, Häuser stürzten
ein, in der Versorgung mit Strom gab es Störungen. Die Chronik
verzeichnet schon für den 16. September Anstrengungen des
Diplomatischen Korps, auf ein Abkommen mit den Deutschen für eine
Evakuierung der Ausländer hinzuarbeiten, und verzeichnet die
Evakuierung am 21. September von 178 Mitgliedern des Diplomatischen
Korps und 1200 anderen Ausländern (4).
Im noch immer intensiver werdenden Artilleriefeuer und bei
Fliegerangriffen verbrachten wir dann den Versöhnungstag, wieder auch
mit Gebet bei Steinitz, oft unterbrochen, wenn man doch in den Keller
mußte, und an diesem 23. September deutete die Intensität des Feuers
darauf hin, daß die Deutschen den Angriff auf die Stadt vorbereiteten.
Lärm, Feuer, Rauch, Schwefelgeruch, der gelbrote Himmel ließen
einem kaum Atem daran zu denken, was uns passieren wird, wenn die
Deutschen einrücken sollten. Die Elektrizitätsversorgung brach am 24.
September vollkommen zusammen und damit auch die Radiosendungen, die
Wasserversorgung versagte weitgehend, Feuer konnte kaum noch gelöscht
werden. Für den 25. verzeichnet die Chronik Luftangriffe von 7 Uhr
morgens bis abends. Ich erinnere mich, das waren Stuka (Sturzkampf)
Flieger, eine unbeschreibliche Tortur, und es gab zu jeder Zeit des
Tages etwa 200 gleichzeitige Brände in der Stadt.
Am 26. September beschloß die militärische Führung und der
Verteidigungsrat mit den Deutschen über Kapitulation zu verhandeln.
Am 27.September, um 14 Uhr, trat ein Waffenstillstand ein, die
deutschen Truppen waren jetzt unter dem Kommando des Generals v.
Blaskowitz, der die wenigen von polnischer Seite gestellten
Bedingungen annahm. Dann gab es Verhandlungen, zu denen außer den
Bevollmächtigten des polnischen Militärs auch der Bürgermeister
Starzynski zusammen mit technischen Beamten der Stadtverwaltung
kommen mußte, die für Gesundheit, Elektrizitäts und Wasserversorgung
verantwortlich waren. Die Deutschen verlangten die Stellung von
zwölf Geiseln aus allen Teilen der Bevölkerung, unter ihnen war auch
Schmuel Zygielboim von der jüdischen Arbeiterorganisation "Bund",
dessen Name ich vorher noch nicht gehört hatte (5).
Unter deutscher Besetzung
Der erste Eindruck war, daß die Deutschen sich mit einiger Vorsicht
an die Aufgabe des Einmarsches und der Besetzung der Stadt
herantasteten. Es war ja wohl auch keine alltägliche Operation, eine
Millionenstadt, die sich militärisch verteidigt hatte, ihre
technischen Einrichtungen weitgehend zerstört, zu besetzen und dafür
ein Abkommen mit Militär und Stadtverwaltung zu verhandeln. Der
Einmarsch deutscher Truppen war erst für die nächsten Tage angesagt,
aber aus der Stadt wurde uns berichtet, daß an einigen Punkten
Soldaten in polnischer Uniform erschienen, die Deutsche waren. Noch
am 30.September schien es unklar, ob der Einmarsch stattgefunden
hatte oder wie weit er gekommen war (6).
In unserem Haus Sulkowicza 8 habe ich damals keine deutschen Truppen
erlebt, wie ein Wunder blieben wir verschont, aber aus naher
Nachbarschaft gab es bald schreckenerregende Berichte. Es war nun
nicht so, daß deutsche Einheiten und schon gar nicht Militär kamen
und blindlings Juden ermordeten, aber es zeigte sich sofort, daß
Juden weitgehend vogelfrei waren, jeder Willkür ausgesetzt und eben
in ständiger persönlicher Gefahr, auch Gefahr ihres Lebens. Meine
erste Assoziation war, Leben unter dieser deutschen Okkupation in
Warschau, das war wie "die ganze Zeit Reichskristallnacht".
Soldaten waren zunächst gleich auf Missionen geschickt,
Wohnungseinrichtungen zu requirieren, die von der Besatzungsmacht
gebraucht wurden. Das war wohl nicht ungewöhnlich, wenn fremdes
Militär einrückte. Aber hier wurden sie in jüdische Wohnungen
geschickt. In der Nachbarschaft kam eine Truppe, ließ sich
bestätigen, daß die Bewohner Juden sind und begannen, alle Betten
wegzutragen. Die alte Großmutter war krank, sie wurden gebeten,
wenigstens das eine Bett ihr zu lassen, der befehlende Leutnant
wollte das auch tun, da trat einer seiner Leute hervor und fragte ihn,
"sind das nun Juden, oder nicht?". Das Bett wurde auch mitgenommen.
Das war so einer der Berichte, die einem vermeintlich Anhaltspunkte
geben konnten, wie es bei den Deutschen damals aussah. Die Frage
danach hatte ja einen wesentlich weiteren Rahmen, als wie sie es mit
dem Antisemitismus hielten: Es hatte immer wieder Anzeichen und
Berichte gegeben über hohe militärische Opposition gegen die
nationalsozialistische Regierung, die dann im Widerspruch gegen die
mehr abenteuerlichen Pläne Hitlers zum Vorschein kam. Darüber hatte
man vor dem Einmarsch in Österreich und der Tschechoslowakei gehört,
es gab die Rücktritte v. Fritzschs und v. Becks, und nun hatte man
während der Belagerung gehört, daß der frühere Oberbefehlshaber
Generaloberst v. Fritzsch aus seinem 1938 erzwungenen Ruhestand heraus
mit den deutschen Truppen vor Warschau gekämpft habe. Hieß das, daß
er dann von Warschau zurückkommen und die Wehrmacht dann Hitler zum
Rücktritt zwingen würde, um einen Friedensschluß mit England und
Frankreich zu erreichen?
Das war so eine der flüchtigen Spekulationen über ein mögliches
rechtzeitiges Ende der Katastrophe, in die Hitler die Welt gestürzt
hatte. In unserer deutschjüdischen Enklave dort in Warschau hatten
wir von den Meldungen oder Gerüchten über Fritzsches Anwesenheit
außerhalb Warschaus Notiz genommen (7). Noch zwei weitere Episoden
aus den ersten Tagen der Okkupation fallen mir ein zu unserer sehr
intensiven Frage, wie es bei den Deutschen damals aussah. Der alte
Dr. Koenigsfeld kam von einem ersten Erkundungsgang in die Stadt
zurück. Vor dem nahen Eingang zum Schloß Lazienki hatten zwei
Schilderhäuser gestanden, jetzt mit zwei deutschen Soldaten besetzt,
auf der Belwederskastraße fuhren gerade Lastautos vorbei, voll
besetzt mit schwarzuniformierten SS Leuten, die ersten, die er in
Warschau sah, und so ging es anscheinend auch den beiden Soldaten; er
hörte, wie der eine zum anderen rief "na, die haben uns hier grade
noch gefehlt". Der alte Dr. Königsfeld freute sich diebisch, das zu
hören. Also so etwas gab es doch noch.
Dann war da noch Gustav T. aus Karlsruhe, der in eine der alten
deutschjüdischen Familien nach Kattowitz geheiratet hatte und auch
in Warschau gestrandet war. An einer Straßenecke hatte ein Auto mit
deutschen Offizieren gehalten und die dort wartenden Passanten
gefragt, ob jemand deutsch spricht. Neben ihm Stehende hatten auf
ihn gewiesen, und er sollte ins Auto zusteigen, wurde gleich gefragt,
wie er mit seinem Badenser Akzent hier nach Warschau verschlagen
wurde. So wie er uns das erzählt hat, betonte er, ich muß Ihnen
gleich sagen, ich bin Jude, vielleicht hatten sie es ohnehin gesehen,
jedenfalls sagte der Höchstrangige sofort, aber das macht uns gar
nichts, das wird jetzt sowieso alles anders, da können Sie versichert
sein. Das gab es also auch. Aber ausgemacht für den weiteren
Verlauf der Dinge hat es eben nichts.
Außer unserem besonderen Problem, wie sich die Okkupation für die
Juden gestalten wird, gab es ja aber noch die allgemeine Not der
Stadt, wie sie langsam nach der Belagerung wieder zum Leben finden
könnte. Die ersten Tage, mit Wasser und Strom noch unterbrochen,
waren schwierig, daß es nicht mehr schoß, brannte, der Himmel langsam
nicht mehr gelb und schweflig war, half, aber man mußte weit laufen,
um sich nach Wasser anzustellen. Es war nach dem heißen September
früh herbstlich kühl geworden, die modernsten Häuser, wo es nicht mal
mehr Herde für ein Küchenfeuer gab, sondern alles auf Strom
eingestellt war, hatten es am Schlimmsten, in Höfen, Gartenplätzen
und Straßen stellten die Bewohner kleine Roste auf, um sich eine
Suppe zu kochen; den Anblick werde ich nicht vergessen. Der
öffentliche Verkehr spielte sich ausschließlich mit Leiterwagen ab,
große und kleinere, man konnte Plätze bekommen, aber eigentlich lief
man nur, weite Wege in die Stadt und dort und wieder zurück, viele
waren auf den Beinen, es kamen nach der Belagerung neue Schübe von
Flüchtlingen aus der Provinz in großen Mengen, es kamen aber auch
langsam mehr Lebensmittel. Das schien leichter zu bekommen als
manches andere.
Statt der Geschäfte gab es zunächst an den Straßen nur Händler, die
von Bänken oder in Ständen verkauften, was grade noch zu bekommen
gewesen war aus den Trümmern und nach Plünderungen in den
allerletzten Tagen der Belagerung. Die Zerstörung in der Stadt war
groß und bedrückend, nach meinem Eindruck war es etwa ein Drittel
aller Gebäude, die durch Bomben oder Brandschäden zerstört waren,
und da waren die vielen Gräber auf den Straßen. Ich ging auch bald
in die Stadt, ich hatte ja nur Sommerkleidung mitgenommen, es dauerte
eine Weile, bis ich etwas finden konnte, Geschäfte richteten sich
langsam wieder ein, sogar einen Wintermantel konnte ich auftreiben.
Ein wichtiger Besuch war zu dem Rechtsanwaltsfreund aus Kattowitz
Marek Reichmann, der schon eine ganze Reihe Verbindungen aufgenommen
hatte, die mit dem brennendsten Thema, wie man aus Warschau wegkommen
könnte, zu tun hatten. Auf dem Weg nicht so weit von unserer Wohnung
hatte ich die Schwedische Botschaft entdeckt, und daß da jemand drin
war (8). Am nächsten Tag warf ich einen Brief ein, adressiert an
Ragnar Nilson, Chef der immer noch zum Restbesitz meiner nach London
ausgewanderten Dahlemer Verwandten gehörenden AB Ferrolegeringar
Stockholm, den ich in Dahlem öfters getroffen hatte. Ich bat ihn,
nach London mit meiner Adresse mitzuteilen, daß ich in Warschau die
Belagerung überlebt habe. Ich hoffte, so auch vielleicht etwas über
meine Eltern und Schwestern zu hören.
Es gab unterdessen auch Verbindungen mit Kattowitz, und ich habe da
schon gehört, daß meine Eltern gar nicht dort geblieben waren. Als
ich mich am Bahnhof am 31.August nachts von meinem Schwager
verabschiedete, fuhr er nicht sofort zu Lotte nach Lemberg, sondern
übernachtete noch bei sich zu Hause. Als die deutschen Bomber am
frühen Morgen gekommen waren, fuhr er erst zu meinen Eltern, und da
entschlossen sie sich, doch mit ihm die Autofahrt nach Lemberg zu
riskieren. Von Lemberg, nun unter russischer Besetzung, hatten wir
zunächst in Warschau noch keine Nachrichten. Mittlerweile war
verschiedentliche Bewegung in die Frage des Wegkommens von Warschau
gekommen. Erstens gab es schon Traffik über die "grüne Grenze" von
und nach dem russisch besetzten Teil Polens, eben auch Lemberg, wo
ich Lotte und ihre Familie und vielleicht auch meine Eltern glaubte
(9). In Kattowitz waren eines Tages alle jüngeren jüdischen Männer
verhaftet und nach Osten abtransportiert worden (10), nämlich an die
Grenze der russischen Besetzungszone, dort wurden sie herausgelassen
und befohlen über die Grenze zu rennen. Es wurde auch nach ihnen
geschossen dabei, einige, so auch mein Freund Ludel Berliner kamen in
Lemberg an, andere zögerten, verbargen sich und tauchten dann bei uns
in Warschau auf, konnten alles erzählen.
Für ein Wegkommen setzte ich aber Hoffnungen auf doch noch einen Weg
nach dem Westen, denn es gab auch die Italienische Botschaft, die
offen war und Transitvisa erteilte. Von anderen Konsulaten, zum Teil
wohl auch Honorarkonsulen, tauchten unterdeß Pässe auf, die man
kaufen konnte, und einige Bekannte hatten schon beinahe alles
zusammen um abzureisen. Es war eine Verordnung ergangen, die auch
Ausreisegenehmigungen für Juden vorsah, ähnlich wie ja auch in
Deutschland auch nach der Kristallnacht und noch nach Kriegsausbruch
Ausreise von Juden zunächst möglich war. Meine Freunde Krieger, die
wieder in ihre Wohnung gezogen waren, hatten sich auch bald
irgendwelche Visa beschafft, auf die hin man dann ein italienisches
Transitvisum und durch das polnische Reisebüro "Orbis" auch eine
Ausreisegenehmigung der deutschen Besatzungsbehörde erhielt. Sie
reisten ab, wohl schon gegen Ende Oktober, und Ernst Berliner und ich
zogen in die untere Wohnung in unserem Hause, von wo die Familie
Steinitz auch schon ins Ausland abgereist war.
Eines Abends wurde ich in Sulkowicka 8 mit sehr ernster Miene
empfangen. Am Nachmittag war meine Tante Jenny Grünfeld da, nach
einem Fußmarsch über die russischdeutsche Zonengrenze von Lemberg
her in Warschau angekommen. Sie wollte mir berichten, daß meine
Eltern mit ihr und meinem Schwager am Morgen des 1.September auch
nach Lemberg geflohen und dort angekommen waren, am 17.September
Lotte und Familie weiter gefahren sind, in der Hoffnung nach Rumänien
zu entkommen. Meine Eltern blieben mit ihr in Lemberg, mein Vater
kam in ein Krankenhaus mit einer Lungenentzündung und starb dort am
20.September.
Tante Jenny war mit meiner Mutter allein zurückgeblieben, aber wollte
zurück nach Beuthen gehen, meine Mutter wollte in Lemberg bleiben,
ließ mir aber sagen, ich sollte auf keinen Fall dorthin kommen,
sondern versuchen, nach dem Westen auszureisen. Da Tante Jenny auf
mich gar nicht mehr warten wollte, wurde mir das alles von dem
Ehepaar Dr. Königsfeld schonend beigebracht. Ich war wie erschlagen,
das war ein trauriges Ende für meinen Vater, Ende eines einst so
stolzen Lebens. Und die Situation meiner Mutter dort in Lemberg, es
war kaum auszudenken, mein Vater starb an dem Tag, als Lemberg schon
von deutschen Truppen angegriffen, sich ihnen ergeben hatte, sie
zogen aber nicht ein, sondern übergaben die Stadt den Russen. Am Tag
ihres Einzugs wurde mein Vater begraben. Das spiegelt so die ganze
Verwicklung dieser ersten Kriegswochen wider. Heute, wo man über das
Schicksal der unter deutscher Hoheit verbliebenen Juden, Auschwitz
und Theresienstadt weiß, muß man es eigentlich noch als ein gnädiges
Schicksal empfinden, aber das war damals nicht so, es war eine
bittere Nachricht, inmitten all des Unglücks um mich herum in
Warschau (11).
Ende Oktober mußten sich alle jüdischen Einwohner Warschaus
registrieren(12), der Aufruf ging an alle Juden, also nicht wie
deutsche Rassegesetze. Es ließen sich noch manche schnell taufen, um
zu vermeiden, sich durch Nichtregistrierung strafbar zu machen. Ich
tat das nicht, wir registrierten uns. Der Aufruf schuf große
Verängstigung, war das nun die Einleitung zu strengeren Maßnahmen
gegen die Juden? Es hatte ja immerfort Grausamkeiten und Schikanen
gegeben. Auf der Straße konnte man von unterschiedlich Uniformierten
angehalten und, wenn man Jude war, um Pelz, Mantel oder Geld gebracht
werden. Juden wurden zur Zwangsarbeit in den Ruinen requiriert, man
sah dort in zunehmender Kälte die bejammernswerten Gestalten von
bärtigen Kaftanjuden, auf zusammenstürzenden Ruinenmauern oder
gerüsten bei der ungewohnten und ungelernten Zwangsarbeit. Was für
ein Elend. Mit der polnischen Bevölkerung teilte man die Furcht vor
Vergeltungsmaßnahmen des deutschen Militärs: wenn einem Deutschen
etwas zustieß, wurden 100 Leute als Geiseln zusammen gelesen und
erschossen; es konnte jeden treffen, der grade vorüberging.
Für die polnische Bevölkerung wurden die katholischen Feiertage
Allerheiligen/Allerseelen am 1.und 2.November eine eindrucksvolle
Kundgebung stillen Widerstands. Ich kannte diese katholischen
Totengedenktage von Oberschlesien, wo man auf den Friedhöfen Kerzen
auf meist blumen oder tannengeschmückten Gräbern sah. Nun hier in
Warschau brannten sie auch auf den vielen Gräbern, die auf Straßen
und Plätzen während der Belagerung entstanden waren, es war bewegend
zu sehen. Es konnten ja kaum nur Angehörige von Umgekommenen sein,
die das ganze Lichtermeer bereitet hatten, man schloß, daß dies
organisiert war, als Demonstration eines Untergrundwiderstands.
Weiteres wurde dann von den Deutschen für den 11. November befürchtet,
Waffenstillstandstag des 1. Weltkrieges und Jahrestag der Gründung der
Polnischen Republik 1918. Es entstand erhebliche Nervosität und
Spannung, man erwartete eine Verhaftungswelle, und wie viele andere
zog ich es vor, diesen Tag nicht in der Wohnung, wo ich registriert
war, zu verbringen. Ich fand Unterkunft bei Dzidzia Kapellner, einer
Verwandten der Krieger Familie.
Für die Juden war unterdeß weitere Panik und Verzweiflung
ausgebrochen, da bekannt gemacht wurde, daß in Kürze für alle die
sofortige Umsiedlung in die Gegend des alten Warschauer Ghettos
angeordnet wird. Das konnte dann nur der Anfang zu wesentlich
Schlimmerem sein. Man wußte schon, daß es bisher in Warschau noch
eher besser zugegangen war als zum Beispiel in Lodz und vielen
kleineren Orten. Aus Lodz waren viele Flüchtlinge weiter nach
Warschau gekommen. In unserer Enklave hatten wir Besuch von Bruno
Altmann, dem Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Kattowitz, der
zunächst nach Lodz entkommen war und nun in Warschau ankam. Der
Schreck und Kelch mit dem Umzug ins Ghetto ging zunächst vorüber, der
Plan wurde verschoben (13).
Wie man weiß, wurde die Umsiedlung ins Ghetto dann aber doch im
Herbst 1940 begonnen. Zu dieser Zeit war ich schon aus Warschau
entkommen. Bemühungen um eine Ausreisemöglichkeit hatten bei mir
ganz absolute Priorität, nur so konnte ich es doch noch schaffen.
Kein Risiko konnte mich abhalten, dafür immer wieder in die Stadt zu
wandern.
Es wurde auch höchste Zeit. Man konnte mit seinem polnischen Paß
abreisen, die deutsche Ausreisegenehmigung beschaffte das alte
polnische Reisebüro Orbis als separate Bescheinigung, man brauchte
gar keine deutschen Amtsstellen zu sehen. Die Schwierigkeit war ein
Visum zu bekommen, auf das die Italiener dann ein Transitvisum
erteilen konnten. Gut hatten es Bekannte wie Ernst Berliner mit
seinem amerikanischen Stipendium und Visum, ausnahmsweise hatten die
Italiener einmal ein echtes Visum zur Weiterreise von Italien vor
sich. Die beiden Töchter der Dr. Koenigsfelds waren schon vor dem
Krieg nach Brasilien ausgewandert, die Eltern erwarteten also auch
echte Auswanderungsvisen. Für Andere mußte versucht werden, Visas zu
kaufen. Es mußten immer wieder neue Kombinationen gefunden werden,
die für ein italienisches Transitvisum gut waren. So bereitwillig
anscheinend die Italienische Botschaft war, es mußte ja dann auch in
Italien klappen.
Das erste Pech dabei hatten schon die Zygmunt Kriegers gehabt. Die
italienischen Grenzbehörden hatten schon etwas Nachteiliges über die
spezifische Kombination bemerkt, die Kriegers wurden trotz
Transitvisum nicht hereingelassen und kamen in ein deutsches
Transitlager. In dieser Notlage konnten ihre Geschäftsfreunde aber
sehr schnell damals ein Visum nach der Schweiz für sie bekommen, von
wo aus sie dann Auswanderung nach Brasilien arrangieren konnten. Das
waren eben die Risiken mit diesen "Kombinationen", denen ich auch ins
Auge sehen mußte. Was immer man hatte, konnte sich als schon
"abgenutzt" herausstellen, wenn man an der italienischen Grenze ankam,
und dann war man in großer Gefahr. Der Weg hinaus führte von
Warschau mit schon verkehrendem Schnellzug nach Wien und dann nach
Triest über die Grenze bei Tarvisio.
Es gab schon auch eine "Grüne Grenze" nicht nur nach Rußland, sondern
auch nach Süden, Slowakei und Ungarn. Das war die Route besonders
für Polen, die sich der in Frankreich entstehenden polnischen Armee
anschließen wollten, aber man konnte auch für private
Fluchtmöglichkeiten sorgen. Gesundheitlich kam das für mich aber gar
nicht in Frage, nach schweren Asthmaanfällen in den letzten Tagen der
Belagerung war ich noch immer in schlechtem Zustand, wir waren ja
alle ziemlich verhungert gewesen, ich konnte an eine Flucht zu Fuß
über die Karpathen nicht denken.