Einer unser häufigen Flüchtlingsgäste, früher Syndikus der

österreichisch­englischen Handelskammer in Wien, schlug meinem Vater

Besorgung von brasilianischen Einwanderungsvisen für die ganze

Familie vor. Es war schwer vorstellbar, mein Vater nahe 74 Jahre,

finanziell waren wir sehr gebunden, die Parzellierung kam nur langsam

vorwärts, so auch unsere Entschädigungsklagen. Als sich die Lage so

zuspitzte, machten wir besondere Anstrengungen auch für billigen

Verkauf des gesamten Grundbesitzes. Als ein Interessent erschien

unerwartet der polnische Bergarbeiterverband, noch immer unter

Führung von Herrn Grajek wie zur Abstimmungszeit, jetzt war er

Mitglied des polnischen Senats in Warschau. Er fand, sein Verband

sollte die Grundstücke erwerben, aber konnte nicht allein entscheiden.

Ich war interessiert zu hören, wie das mit seinen Erwartungen über

Aussichten für einen Krieg zusammenhing. Ja, sagte der Senator

Grajek, ich weiß, was Sie denken, aber die Schicksale des Krieges

sind wechselhaft, ich weiß, wenn die Deutschen angreifen, wir werden

schon weichen und Grund aufgeben müssen, aber wir werden dann

wiederkommen. Das war also ein alter polnischer Oberschlesier,

Bergarbeiterführer. Ich habe oft an diesen Ausspruch gedacht. So

wie es dann kam, haben wir es uns beide wahrscheinlich in diesem

Sommer 1939 kaum vorgestellt. Die Verhandlungen kamen nicht zum Zuge.

Es gelang uns aber in den Wochen vor Kriegsausbruch die vier Gebäude,

Wohn­ und Bürohäuser, die noch von dem Betrieb der Ziegelei her

bestanden, zu verkaufen, und so hatten wir bei Kriegsausbruch etwas

flüssige Mittel, um für das Gröbste zunächst gerüstet zu sein. Das

brachte uns dann aber schon bis in die letzten Tage des August 1939.

Es gab immer stärkere Anzeichen, daß Hitler eine Vermittlung

überhaupt nicht haben wollte, daß er ganz auf Krieg setzte. Ich

hoffte noch, wenn er sich überzeugt, daß England und Frankreich

wirklich für Polen in den Krieg gehen, er doch noch zurückschreckt.

Aber die Spannung wuchs, wir begannen, wieder zu beraten, was man tun

würde, wenn es wirklich...

Die Eltern würden in Kattowitz bleiben, das wurde eigentlich immer

angenommen. Wenn die Deutschen kommen sollten, für die Eltern als

alte Leute, und sie hatten ja auch verschiedene alte Bekannte, hoffte

man, es könnte kaum so schlimm werden, wie auf einer Flucht. Wir

Kinder würden weggehen, weder ich noch mein Schwager sollten

riskieren, den Nazis, falls sie in Kattowitz einrückten, in die Hände

zu fallen.

Da war, wenn man die Lage betrachtete, noch die offene Frage, was

Rußland im Konfliktfall tun würde. Man wußte, London und Paris

verhandelten intensiv, aber es schien zu keiner Vereinbarung zu

kommen. Trotz aller politischen Aggressivität und autokratischem

Gebaren, wie sie es zum Beispiel im Spanischen Bürgerkrieg gezeigt

hatten, ich selbst sah die Russen nicht als militärisch aggressiv an.

Waren sie dafür genug gerüstet? Einstellung zu ihnen war eine sich

wiederholende Kette von versuchtem positivem Interesse und gewaltiger

Enttäuschung. Ich hatte das ja auch lebhaft in Literatur und Presse

der deutschen Emigration verfolgt. Mitte der dreißiger Jahre, als

man desillusioniert wurde über die Haltung der Westmächte gegenüber

Hitler, bemühte man sich, herauszufinden, ob Rußland doch sich als

eine Hoffnung für fortschrittliche und freiheitliche Gesinnung

entwickeln könnte. Die Vergangenheit war nicht ermutigend. Gab es

Entwicklungen, die zu Hoffnung berechtigen konnten? Zu wem konnte

man hinsehen, wenn der Westen zu beginnen schien, sich mit Hitler

abzufinden?

Es gab Erkundigungs­Pilgerschaften nach Moskau, auch Thomas Mann ging.

Lion Feuchtwanger blieb sogar lange ein Getreuer, Schwarzschild

hielt Distanz, und in Prag machte Willy Schlamm in der Weltbühne

sogar einen Salto und wurde einer der heftigsten Rußlandgegner. Das

hat man damals alles sehr miterlebt. Für mich war mit Stalins

Säuberungsprozessen und Exekutionen wieder einmal alles vorüber. So

war es ja schon in Deutschland spätestens 1932 beim

Verkehrsarbeiterstreik in Berlin gewesen. Man konnte sich nur

abwenden, und so war es ja auch mit der Behandlung von linken

Abweichlern im Spanischen Bürgerkrieg, die Orwell zum Feinde machten,

und auch als Arthur Koestler enttäuscht aus Rußland in den Westen

zurückkehrte. Nun wartete man, konnten die Westmächte als

Trumpfkarte gegen Hitler doch noch zu einem Abkommen mit Rußland

kommen? Dann kam das rüde Erwachen als Stalin einen Pakt mit Hitler

schloß. Nun schien der Ausbruch des Krieges fast unabwendbar.

Viele gingen schon fort von Kattowitz. Lotte reiste mit Nina nach

Lemberg ab, viel Haushaltsgut, auch z.B. Silber von den Eltern wurde

dorthin geschickt. Ich war zweifelhaft über die Wahl von Lemberg in

ukrainischer Umgebung, würde ein Krieg sich nicht auch bald auf den

Balkan ausdehnen, mit Rumänien und Jugoslawien, Restmitglieder der

Kleinen Entente und Verbündete Frankreichs? Aber viele Bekannte und

Freunde gingen nach Lemberg. Manche aber waren schon vor Monaten

nach Warschau gegangen, hatten dort Wohnungen gemietet. Ich war auch

für Flucht in Richtung Warschau, wenn einem schon nicht mehr Chance

und Zeit blieb, noch eine Reise ins westliche Ausland zu versuchen.

Manche unserer Bekannten waren vorsorglich auf Ferien gegangen. Man

konnte in Polen damals Ausreiseerlaubnis und kleine Devisenzuteilung

für Ferienreisen nach Frankreich oder England bekommen. Bis in die

allerletzten Tage des August war ich aber mit Vater noch mit den

verschiedenen Notariatsterminen und anderem im Zusammenhang mit den

Hausverkäufen "unabkömmlich". Mein Schwager plante schon während

dieser Tage, auch nach Lemberg zu fahren, aber er war noch in

Kattowitz, als es im Laufe des 31. August ganz klar wurde, daß

Hitlers Angriff auf Polen unmittelbar bevorsteht. In Polen wurde

Mobilmachung erklärt, der zivile Verkehr auf der Eisenbahn sollte um

Mitternacht eingestellt werden, der letzte Zug von Kattowitz nach

Warschau um 9.30 Uhr abends abgehen. Ich begann meinen Koffer zu

packen. Mein Schwager wollte im kleineren Skoda Wagen, den er immer

benutzte, nach Lemberg fahren.

Manchmal hatte ich gedacht mit unserem alten großen Mercedes

wegzufahren, hatte Telefongespräche mit Johann Kowoll über die Lage

und ob wir nicht zusammen wegfahren würden, aber woher sollte das

Benzin für so einen schweren Mercedes im Kriegsfall kommen? Ich war

auch kein guter Fahrer, es kam also für mich auf die Eisenbahn heraus.

Ich rief Kowoll noch an, er hatte auch gesagt, J. Maier vom "Der

Deutsche in Polen" war auch interessiert, aber es war niemand mehr da,

das Telefon antwortete nicht mehr. Ich packte fertig, nur ein

handlicher Koffer, man mußte leicht und beweglich sein, es waren sehr

heiße Sommertage, so packte man also. Ahnte man, wie lange es sein

würde, daß man nie wiederkommen, die Eltern nie mehr sehen würde?

Man konnte es nicht ausschließen. Es gab einen herzzerreißenden,

ganz kurzen Abschied, es war beinahe, als ob Mutter doch dachte, die

Eltern sollten auch mitfahren. Mein Schwager brachte mich auf den

Bahnhof, wir verabschiedeten uns, er wollte noch die Nacht durch nach

Lemberg zu Lotte und Tochter fahren.

Als polnischer Staatsbürger war ich ja militärpflichtig, hatte

zunächst Aufschub für mein Studium erhalten. Als ich mich 1931 zur

Musterung stellen mußte, wurde ich wegen Kurzsichtigkeit zur

Kategorie C eingeteilt, vom Dienst befreit, aber konnte im Fall einer

Mobilmachung doch eingezogen werden. Ich hatte einen entsprechenden

Militärausweis erhalten, unter Personalien stand da auch

"Nationalität: Deutsch", "Religion: mosaisch". Neben meinem Paß hatte

ich diesen Ausweis auch bei mir, als ich nun meinen Zug bestieg.

Kapitel 8

Der 2.Weltkrieg bricht aus

Der Zug war übervoll. Mein einziger Koffer lag da irgendwo oben, ich

stand oder vielmehr hing an dem Handgriff, der von der Decke kam, so

voll war das Coupé, gesprochen wurde kaum. Von Station zu Station

kamen noch Leute in den Zug, erst nach langer Zeit erreichte der Zug

das so nahe Sosnowiec, und da es Mitternacht war und der Zivilverkehr

eingestellt wurde, sollte der Zug nicht weitergehen. Man sollte aber

warten. Auf dem Bahnsteig sprach mich ein untersetzter Mann

mittleren Alters auf deutsch an. Er war ein jüdischer Anwalt aus

Chemnitz, der aus Prag nach Kattowitz geflohen war, und hatte mich,

wie er sagte, öfters im Café Skala gesehen. Er war ganz allein,

sprach kein Wort polnisch. Was für ein Elend, dachte ich. Er hatte

gehört, am Ende des Zugs sei ein spezieller Wagen für Flüchtlinge aus

der Tschechoslowakei, könnte ich ihm helfen, dorthin zu kommen. Wir

kamen auch dort an, es war ein Salonwagen, für tschechische

politische Flüchtlinge, wie es sich herausstellte, vielleicht waren

auch einige Prominente darunter, sie taten eher so, jedenfalls für

ihn hatten sie keinen Platz, er wäre ja nur ein "wirtschaftlicher"

Flüchtling. Wir mußten abziehen, er sprach immerfort deutsch mit mir,

wir wurden aufgehalten, mußten uns ausweisen, er fuhr dabei gut, er

hatte von der polnischen Polizei in Kattowitz einen

Flüchtlingsausweis erhalten. Ich mußte meinen Militärausweis zeigen,

da stand ja Nationalität deutsch, Bekenntnis mosaisch. Das schien

schwieriger für die Bahnhofspolizei, er konnte gehen, ich blieb

verhaftet. Dann hieß es, der Zug geht doch weiter, ich wurde

freigelassen und stieg wieder in mein Coupé, es war mehr Platz, ich

konnte sitzen, und wir fuhren auf Umwegen Dombrowa­Olkusz, kamen nach

Wolbrom. Es kam schon die Morgendämmerung und man sah eine Gruppe

von Flugzeugen, sie flogen niedrig, paßten sich den Konturen des

hügeligen Geländes an, eigenartig und unheimlich. Waren das schon

deutsche Flugzeuge? Man wußte es nicht, aber konnte wenig Illusionen

haben. Es gab also doch Krieg, all die letzten Bemühungen des 31.

August, belgischholländisch noch, waren wohl gescheitert, es war nun

der frühe Morgen des 1. September. Die eigene Situation war schwer

zu glauben. Zu Hause waren die Eltern geblieben, hier war ich allein

in diesem Zug, wohin fuhr er? Wo führte das alles hin, versank jetzt

alles, was man kannte? Ich sah einen Lichtblick: Es würde wohl das

Ende Hitlers sein, auch Deutschland würde von ihm befreit werden,

aber was war der Preis? Was hieß Krieg 1939 verglichen mit 1914?

Was würde die Zerstörung durch Flugzeugbomben sein? Man hatte von

Guernica viel gehört, würden alle Städte im Nu zerstört werden?

Für meine eigene Situation hatte ich ja schon in Sosnowiec noch einen

zusätzlichen gehörigen Schock bekommen. Schon in den Wochen vor

Kriegsausbruch war ja die Luft voll gewesen von Furcht und

Verdächtigungen gegen eine 5. Kolonne, jetzt nahm das noch ganz

andere Formen an.

Auf einer Zwischenstation hatte ich die Abteiltür geöffnet, mein

Weggenosse aus Chemnitz war froh, mich wiederzuentdecken und stieg

ein, wir sprachen wieder deutsch, ich versuchte, es zu beschränken.

Man wartete auf die nächste größere Station, Tunel, Knotenpunkt mit

der Bahn von Krakau nach Warschau, was würde man dort hören, wie war

das mit diesen Flugzeugen? Die Abteiltüren gingen auf, man sprach

die ersten Leute, ja, deutsche Flugzeuge waren gekommen und hatten

Bomben abgeworfen. Also das war es, der Krieg war da.

Es war noch früher Morgen am 1.September. Alles war bedrückt und

aufgeregt, dann kam Polizei, jemand im Coupé mußte sie gerufen haben,

wir beide wurden verhaftet. Es war wieder dasselbe, auf seinen

Flüchtlingsausweis wurde er gleich freigelassen, ich mußte warten.

Es war wohl auch besser, daß wir uns trennten. Schließlich konnte

ich auch weiterfahren, mußte nochmals den Zug wechseln, es gab

weitere deutsche Fliegerangriffe, aber ich kam in Warschau an und

fand ein Zimmer im Hotel Angielski.

Meine Freunde Zygmunt und Hannah Krieger hatten auch eine Wohnung in

Warschau gemietet und waren schon vor Wochen dorthin gezogen. Ich

rief an, sein Bruder, Bankier Hennek, war auch da, wohnte bei ihnen,

ein Prokurist der Bank, Zygmunt Rosshändler war grade angekommen, da

ich ein Doppelzimmer im Hotel hatte, könnte er nicht zu mir kommen.

Ja, natürlich. Auf der Straße und im Café traf ich einige

Kattowitzer, den Schulkameraden "Julek" darunter, überhaupt manche

deutsche Juden mit polnischen oder deutschen Pässen. Von der

Vereinigten Holzindustrie Viktor Bulowa und Frau, sie wollten mit

ihrem Auto nach Schweden, ja das würde mich interessieren, sie

wollten mich wissen lassen. Es gab Sirenen, Luftangriffe, schon

schlechte Nachrichten von deutschen Erfolgen in den Grenzgebieten.

Am Sonntag 3.September saßen wir im Café vor dem Hotel Europejski,

als die Nachricht über Englands Kriegserklärung durchkam, es war eine

enorme Erleichterung, man spürte es allgemein, vor den Botschaften

Englands und Frankreichs gab es Sympathiekundgebungen (1).

Zum Abendbrot verabredete ich mich dort also mit dem Schulfreund,

mein Hotel war ganz nahe dem Europejski. Es entsprach zwar den

Gewohnheiten für einen Besuch in Warschau, aber an dem Tag war es

wohl eine irre Idee. Ich bekam eine Tisch für zwei, aber er kam

nicht, ich sah immerfort nach ihm aus, fiel wahrscheinlich auf,

bestellte mein Essen, nachher in der Toilette verwickelte mich einer

von diesen pfadfinderähnlich grün gekleideten jungen Männern mit

Luftschutzabwehrtaschen umgehängt in eine Unterhaltung, erzählte mir

über verschiedene deutsche Angriffe und die Wirkungen, die sie hatten,

wollte wissen, was ich gehört hätte. Mit meinem holprigen Polnisch

und heftigem Akzent sprach ich so wenig wie möglich, ging zum Tisch

und zahlte. Als ich aus der Tür auf die Straße kam, wurde ich von

zwei Bewaffneten verhaftet und in die Festung von Warschau gebracht,

tief im Keller.

In einem ziemlich großen Raum waren schon etwa 40 Leute, man konnte

sitzen. Es war eine eigenartige Mischung, ich sah Bekannte, das

Ehepaar Löbel aus Kattowitz, er aus Bayern mit deutschem Paß, ich

hatte sie schon am Morgen getroffen, einige ähnliche Fälle. Von

verschiedenen Polen, die dort auch saßen, wurde besonders ein

deutscher katholischer Geistlicher beschimpft, dem man nicht glauben

wollte, daß er vor Hitler auf der Flucht war. Es wurde nicht viel

gesprochen, plötzlich sah ich Ernst Berliner hereinkommen. Der

jüngste Bruder des Schulfreundes Ludel Berliner hatte spät in

Freiburg sein Chemiestudium beendet, war dann auch mit uns in

Kattowitz, wir hatten uns gut kennengelernt. Da er ein sehr gutes

Examen gemacht hatte, bekam er ein Stipendium für die Harvard

University, ein amerikanisches Visum und Schiffsbillet von Gdyngen

für die letzten Augusttage. Würde er es noch schaffen? Nun sah ich,

er hatte es nicht mehr geschafft, war offensichtlich von Gdyngen noch

nach Warschau gekommen, und nun fand man sich im Keller der Citadelle.

Zunächst blieben wir alle dort unten. Bei mir meldete sich mein

Asthma besonders stark, und ich hatte meine Tabletten gar nicht mit.

Die Nacht wurde eine Qual. Morgens wurden wir in Gruppen in ein Büro

geführt, ein sehr ruhiger und sachlich scheinender Offizier prüfte

die Ausweise; man wurde dazu aufgerufen, er sah meinen Militärpaß,

fragte nach meinem zweiten Vornamen. Ich kannte ihn als Hans, aber

zögerte, stand da vielleicht auf polnisch Jan? Ich entschied mich

dafür, es stimmte, ich wurde entlassen, ging eine schiefe Ebene

hinauf, an deren Ende man von weitem Licht sah. Mir entgegen wankte

ein vollkommen mit stellenweise durchbluteten weißen Verbänden

bedeckter Mann, er schien im Delirium, an den Seiten standen mehrere

Wachen mit ihren Gewehren auf ihn gerichtet, anscheinend um sein

Entkommen zu verhindern.

Ich konnte durchgehen, ein grausiger Eindruck, dieses Ende einer

schrecklichen Episode. Auf der Straße sah ich bald eine Apotheke,

sie war schon offen, kaufte meine Tabletten, konnte dann besser gehen.

Im Hotel ging ich nach dieser Nacht im Festungskerker gleich unter

die Dusche, und da war ich noch, als Zygmunt Rosshändler

hereinstürzte, seine Sachen zusammenpackte und Adieu sagte. Er fahre

mit Dr. Krieger weg aus Warschau, hoffe über Lemberg herauszukommen.

Wie ich da stand, konnte ich nicht gut mitfahren. Das war's denn.

Ich rief bei meinen Freunden Krieger an, erzählte, was mir passiert

war. Da der Bruder Hennek nun weg war, hatten sie das Zimmer frei

und luden mich ein, zu ihnen heraus zu kommen. Das paßte mir sehr.

Sulkiewicza 8 war ein ganz neues Sechsfamilienhaus in einer kleinen

Seitenstraße der Belwederska, direkt am Lazienki Park, es hätte nicht

schöner, passender und ruhiger sein können. Passend auch, denn außer

meinen Freunden Kriegers hatten noch zwei andere Zuzügler aus

Kattowitz dort Wohnungen gemietet: Ferdinand Baender mit Frau und

noch sehr junger Tochter Steffi; er besaß ein großes Haus an der

Grundmannstraße in Kattowitz mit einem Konfektionsgeschäft, hatte

aber in Breslau gelebt, war von dort 1938 mit der Oktoberaktion der

Nazis vertrieben worden und dann nach Warschau gekommen. Die anderen

Zuzügler waren Erich Steinitz mit Familie; seine Firma L. Borinski,

liiert mit der Familie Weichmann, hatte den alten Kolonialwaren­ und

Produktengroßhandel in Kattowitz durch ein großartiges

Delikatessengeschäft ergänzt. Beide hatten schon Logierbesuch aus

Kattowitz. Bei Steinitzs wohnten die alten elterlichen Freunde Dr.

Max Koenigsfelds und bei Baenders Dr. Hurtigs (2).

Der Hausbesitzer Rosen.....hatte auch eine der Wohnungen, eine andere

Ing.Zandberg, der selber beim Militär war, seine Familie war da und

mit ihnen Frau Dr. Krz. aus Gdyngen und Tochter Helena, Studentin.

Sie war zum Luftschutzwart des Gebäudes ernannt worden. Das war also

das Kompliment unseres Hauses, in dem wir die kommenden Wochen

Belagerung, Fall und Okkupation von Warschau zusammen erleben sollten.

Ich erzählte Kriegers, wie ich Ernst Berliner traf, und sie

schlugen vor, daß er auch kommen sollte. Die Kriegers selber zogen

dann bald in eine Pension in der Stadt und ließen uns die Wohnung

(mit Dienstmädchen Bolla) hüten.

Man war natürlich fast dauernd mit allen Hausbewohnern zusammen, denn

zunehmend spielte sich das Leben im Luftschutzkeller ab. Das Radio

spielte eine große Rolle, es wurde sehr gut geführt, dem Ernst der

Stunden angemessen, viele Bekanntmachungen, Reden, Kommentare, Musik,

viel klassische, auch das bekannte Warschauer Orchester unter dem

alten Fitelberg. Am stärksten in Erinnerung blieb das Pausenzeichen,

der Anfang von Chopins Polonaise A­dur, immer wieder, und dann die

ominösen Signale: "uwaga, uwaga nadchodzi..", es schien die

Möglichkeit eines baldigen Airraid Alarms anzudeuten, Sirenen und

alles wieder in den Keller. Dazwischen sollte man auf der

Belwederska helfen, Luftabwehrgräben auszuheben. Helena war

verantwortlich, daß man da mithalf. Ich habe das erklärt, ich wollte

nicht nochmals riskieren, als verdächtig von patriotisch begeisterten

Mithelfern denunziert zu werden. Das verstand man auch. Wenn ich

hinausging, dann um mitzuhelfen bei der Versorgung der Freunde mit

Lebensmitteln.

Diese wurden sehr knapp, je mehr sich die Lage in Warschau

verschärfte. Man mußte alle Vorkost­, Fleischer­ und Bäckerläden der

Umgebung abklappern, um einfach irgendetwas zu beschaffen. Für

besondere Gelegenheiten erwies sich Erich Steinitz sehr großzügig und

verteilte Konserven und anderes von den Vorräten, die er aus seinem

Geschäft nach Warschau gebracht hatte. Ihm gebührte wirklicher Dank

dafür.

Es war sehr schnell gegangen, daß die Stadt Warschau de fakto von

deutschen Truppen belagert war. Schon vom 3.September an hatten sich

die Luftangriffe sehr verstärkt und schlechte Nachrichten über

Zusammenbruch polnischer Verteidigung in den Westgebieten Polens

häuften sich. Die Deutschen hatten ja zugeschlagen, als die

Mobilisierung in Polen noch in den Anfängen war, Teile der

Zivilbevölkerung in den polnischen Westgebieten begaben sich auf

panische Flucht, überfüllten Verkehrsmittel und Straßen, auch

Warschau füllte sich mit Flüchtlingen, aber auch mit versprengten

Truppen von Heeresteilen, die im Westen aufgerieben wurden, und es

kamen die ersten Transporte von Verwundeten. Die Möglichkeit

Warschau zu halten wurde bald in Zweifel gestellt, die Regierung

ordnete zunächst Verlegung der Ämter auf das Ostufer der Weichsel an

und beschloß schon am 4.September Verlegung von Warschau nach Lublin,

die am 5 und 6 eilig durchgeführt wurde; auch der Staatspräsident

verließ Warschau. Aber der Gedanke, Warschau aufzugeben, drang nicht

durch, der Bürgermeister Stefan Starzynski wurde zum Zivilen

Kommissar für die Verteidigung ernannt, und schließlich gab auch der

Oberkommandierende General Rydz­Smigly von Lublin aus den Befehl zur

Verteidung Warschaus und ernannte dafür einen militärischen

Kommandanten. Starzynski gab ihr seine starke Note.

Sein Name war mir gut bekannt, er war ein prominenter Vertreter der

wirtschaftspolitischen Ideen des Pilsudski Regimes, eben des

Etatismus, und ich hatte viel über und von ihm gelesen. Nun hörte

man ihn täglich mit seinen Radioansprachen an die Bevölkerung und

mußte seine Energie und seinen Mut bewundern, mit der er alles

versuchte, die Verteidigung, das Funktionieren der technischen

Einrichtungen und Feuerwehr und die Versorgung der Bevölkerung so

lange wie möglich aufrecht zu erhalten.

Als Übergang von "mittelbarer" zu "unmittelbarer" Verteidigung

Warschaus wird der 8.September angesehen, als Beschießung mit

Feldartillerie begann und die ersten deutschen Panzerabteilungen in

der Umgebung von Warschau getroffen wurden, am 9.

begann schon Feuer von schwerer Artillerie. Obgleich die Stadt schon

von den verschiedensten Seiten her unter Angriff war, gab es immer

wieder Reste polnischer Heeresgruppen, die sich durchschlugen und in

die Stadt kamen, ebenso wie viele Zivilflüchtlinge. Neben dem

Artilleriefeuer und meist mit ihm abwechselnd, gab es fortgesetzte

Luftangriffe, die Zerstörung und großen Brände waren furchtbar, viele

Tote wurden schon oft nur an Straßenrändern begraben. Die Spitäler

waren überfüllt, viele fielen Zerstörung oder Bränden zum Opfer, über

der geschundenen, verzweifelt kämpfenden Stadt breitete sich eine

riesige Rauchschicht, der Himmel wurde gelb von all dem Schwefel, den

man auch stark riechen konnte und einatmen mußte, er wechselte bald

von gelb in lila­gelb, rotgelb, blaugelb, die Detonationen peinigten.

Die Haltung und Stimmung der Bevölkerung in allen Teilen blieb

exemplarisch, es war eine Atmosphäre der Bereitschaft und Einigkeit,

solidarischer Handlungen und Verständnisses.

Starzynski trug mit seinen Ansprachen wohl entscheidend dazu bei,

aber auch viele Organisationen von Bürger­ und Arbeiterschaft.

Während von außerhalb der Regierungslager stehenden Kräften die

sozialistischen Arbeitergruppen unter dem Veteranen Niedzialkowski

einen prominenten Platz im Beirat des kommandierenden Generals

einnahmen (3), nahm man die Mitarbeit, zu der die Jüdische Gemeinde

und andere Jüdische Organisationen aufgerufen hatten, wohl als

gegeben an, sie waren im Verteidigungsrat nicht vertreten. Dabei war

etwa ein Drittel der Bevölkerung Warschaus jüdisch.

Starzynski hatte in seinen Ermahnungen an die Bevölkerung häufig von

der Wichtigkeit der Sauberhaltung von Straßen und Häusern gesprochen

und dabei auch das dicht besiedelte jüdische Viertel, das Warschauer

Ghetto erwähnt und an die jüdische Bevölkerung appelliert.

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