Nun erlebte ich ja Zionismus auch aus nächster Nähe von einer anderen

Seite, durch meinen zunehmenden Kontakt mit polnischen Juden. Hier

waren seit langem auch in Intelligenz und Bürgertum fast alle

prozionistisch eingestellt. Polen, das Zufluchtsland für europäische

Juden nach mittelalterlichen und späteren Verfolgungen, hatte ein

wirkliches jüdisches Bevölkerungsproblem im Zuge rapide wachsender

Industrialisierung und Urbanisierung seiner Bevölkerung. Es gab Rufe

nach einer drastischen Berufsumschichtung in der jüdischen

Bevölkerung oder eben auch massiver Auswanderung, und das waren

Fragen, die auch von den einsichtigsten Leuten auf jüdischer Seite

empfunden wurden. Zionisten und Ort hatten daher einen fruchtbaren

Boden für ihre Bestrebungen. In Krakau gab es eine jüdische

polnische Tageszeitung "Nowy Dziennik", auch prozionistisch

eingestellt, und die habe ich auch verfolgt. Ich nahm auch an

Veranstaltungen der Zionistischen Vereinigung in Kattowitz teil, sie

bestand aus einigen alteingesessenen deutschen Juden, Zionisten der

ersten oder jedenfalls frühen Stunden und manchen der

polnisch­jüdischen Zuzügler. Zu Vorträgen kamen Martin Buber, Harry

Torczyner, Dr. Elias Auerbach, Olschwang u.a., nach denen man die

Redner auch noch beim Tee kennen lernen konnte. Hannah Rappaport,

vorher kurze Zeit mit Franz Neumann verlobt, hatte den aus Krakau

stammenden Zygmunt Krieger, Importeur Schweizer Uhren, Bruder des

sehr erfolgreichen Bankiers Hennek Krieger, geheiratet, ich wurde ein

enger Freund. Sie war sehr aktiv bei den Zionisten, und ich erklärte

mich bereit, an Spendenwerbungen teilzunehmen, man wies mir als

Mitglied der entferntesten Kreise die "hoffnungslosen Fälle" zu.

Dazu gehörte auch die Frau Else Silberstein. Ich rief an und sagte,

ich wolle sie zusammen mit Hannah Krieger besuchen. Sie wußte daher

gleich, worum es gehen sollte und sagte, Herr Walter, Sie wissen doch

wie gern ich Sie habe, und Sie sind doch immer bei mir willkommen,

aber, bitte, kommen Sie mir doch nicht "mit diesen Leuten". Ich

mußte mich darauf einigen, daß sie eine Spende per Post schicken

würde. Sie tat es auch, aber die Spende war sehr klein.

Es schien nicht einmal ein hoffnungsvoller Anfang, und leider konnte

es auch keiner werden, denn sie wurde bald schwer krank. Bei der

Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof fand ich mich in der Reihe, die

am Grab vorbeizog, um Erde auf den Sarg zu streuen, plötzlich hinter

den einstigen Bridgepartnern v.d. Knesebeck und Waclawek. Jeder

verabschiedete sich von der alten Dame noch mit einer formellen

Verbeugung wie einem militärischen Salut. Es schien wie das Symbol

einer vergehenden Zeit. Es blieb schon dabei, das zentrale Anliegen

war einem der Sturz des Hitlerregimes in Deutschland, die

Verbundenheit mit der deutschen Emigration und ihrer Publizistik das

eigentliche Medium. Das war nicht nur das persönliche, jüdische

Interesse, sondern auch die deutsche und schlechthin europäische

Betroffenheit, die man darüber empfand. Das jüdische Interesse aber

an neuen Lösungen und dann auch die Lage Polens, seine Probleme und

Innenpolitik waren Fragen des Alltags geworden, mit denen man auch

zunehmend befaßt war. Einige meiner jüdischen Schulfreunde waren aus

ihrer juristischen Karriere in Deutschland geworfen worden, lebten

zeitweilig auch wieder in Kattowitz. So hatten wir einen kleinen

Kreis ähnlich gestellter (11).

Meine Großmutter Oettinger war von Breslau nach Berlin zu ihrem Sohn

gezogen. Er war nach den Nürnberger Gesetzen vorzeitig pensioniert

worden und war im Verein nicht­arischer Christen tätig. Sie kamen

beide öfters für lange Besuche zu uns. Weiterer von Hitler bedingter

langer Besuch waren meine Vettern Gerber. Wolfgang, nachdem er den

Juristischen Dienst quittieren mußte, war im Berliner Büro der GfE

untergekommen. Der Rassenschande angeklagt, kam er schnellstens zu

uns, sein Bruder Hans, Mediziner, später auch. Die polnische

Regierung gab Aufenthaltsbewilligungen, aber nicht unbegrenzt,

Wolfgang mußte später nach Prag gehen, Hans ging nochmal zurück nach

Deutschland. Sie waren beide als Protestanten aufgewachsen, nun

lernten sie auch unsere vielen neuen Kontake aus polnisch­jüdischen

Kreisen kennen. Diese waren fast alle in polnischer Sprache

aufgewachsen, Anwälte, Ärzte, Ingenieure oder Geschäftsleute, sie

gehörten zu den jüdischen Gebildeten, die mit ihren lebhaften

Interessen, gutem Geschmack und Temperament viel beitrugen zum

pulsierenden Leben und der kulturellen Szene von Städten wie Warschau

und Krakau. Die wir kannten, waren eben die, die es nach

Oberschlesien verschlagen hatte. Meine Eltern nahmen an neuen

Kontakten mit polnisch­jüdischen Kreisen kaum Teil, aber die mit

deutsch­jüdischen wurden enger und vielfältiger.

Unsere Parzellierung hatte gute Anfangserfolge aber ging dann langsam,

ein neuer Durchbruch mußte noch kommen. Mein Vater hatte im Oktober

1935 seinen 70.Geburtstag gefeiert. Er meinte, wenn man genug Grund

verkaufen könnte, müßte die Familie wieder eine neue

"Produktionsstätte" aufbauen. Das blieb sein wirklicher Wunsch. Ich

begann verschiedentlich, mich auch nach einstweiliger anderer

Beschäftigung in der Nähe von zu Hause umzusehen.

Dabei helfen wollte mir Hans Proskauer, Sohn unseres einstigen

Hausarztes, der Karriere als Syndikus der Oberschlesischen

Kohlenkonvention noch unter dem alten Geheimrat Williger gemacht

hatte und nun auch unter den neuen polnischen Führungskräften in der

Industrie in seiner wichtigen Stellung blieb. Er war einiges älter

als ich, aber wie seine Eltern Freund unserer Familie. Dann waren

Pläne für eine Beteiligung an einem Transportgeschäft in Danzig

zwecks Eröffnung einer Filiale im neuen polnischen Hafen Gdyngen für

mich, und schließlich näher dem Kriegsausbruch Ankauf eines

Agenturgeschäfts in Kattowitz, das den Import von Rohstoffen für

kleinere Industrien betrieb. Es hätte Kommissionsguthaben im Ausland

gebracht. In Polen war seit 1936 auch volle Devisenbeschränkung

eingeführt und Auswanderungspläne waren sehr erschwert.

Es kam aber doch so, daß ich ganz mit den Angelegenheiten des

väterlichen Vermögens in Kattowitz befaßt blieb. Wegen der

Baubeschränkungen sollten Entschädigung von Hohenlohe und der

Luftverteidigungsliga (LOP) gezahlt werden, ich fuhr mehrfach nach

Warschau mit unserem Anwalt, der mit dem Syndikus der LOP gut bekannt

war, die auch bereit schien, etwas zu tun. In der großen Tongrube der

Ziegelei war ein sehr schöner Teich entstanden. Wir hörten über

einen Plan in der Wojewodschaft in Kattowitz, daß dieses Teichgelände

uns abgekauft und als Erholungsgebiet gestaltet werden sollte, als

Abgeltung etwaiger Ansprüche von uns an die LOP. Das war dann aber

schon sehr nahe dem Kriegsausbruch, und so blieben das alles Probleme

und Hoffnungen, die sich in der dann einsetzenden Katastrophe wie

Rauch und Dunst verflüchtigten.

In diesen späteren 1930er Jahren ging ich auch noch mehrfach auf

Ferien in die Hohe Tatra, wieder auf die slowakische Seite, nun in

das Sanatorium des Dr. Holtzmann. Die Mischung war von ungarischem,

slowakischen und deutschem Element, auch recht viel jüdisches

Publikum, es war noch das einstige Mitteleuropa in einer so

anziehenden Form.

Nach Berlin war ich seit Mai 1936 nicht mehr gekommen. Kontakt mit

den Berliner Verwandten gab es dann immer noch, da Vetter Herbert

öfters auf Geschäftsreisen nach Polen kam und uns besuchte, einmal

traf ich ihn sogar zufällig in Warschau. Im September 1937 starb der

Onkel Paul Grünfeld. Er hatte sich immer geweigert, an Aufgabe der

deutschen GfE Werke und Auswanderung zu denken. Die Familie war aber

unter zunehmenden Druck der Nazis gekommen, mußte verkaufen und

Deutschland verlassen. Tante Grete und die beiden Söhne Herbert und

Ernst wanderten nach England aus.

Für uns in Kattowitz wurde die weitere politische Entwicklung auch

Grund zunehmender Beängstigung. Hitler hatte provokativ einen

einseitigen Bruch des Versailler Vertrags nach dem anderen verkünden

und durchführen können, ohne Widerstand seitens der Westmächte, das

flagranteste die Remilitarisierung des Rheinlandes Anfang 1936, bei

der man allgemein und wohl auch in Kreisen der deutschen

Heeresleitung französische und englische Militäraktionen erwartet

hatte, die, hoffnungsvoll, vielleicht zu einem Ende des Hitlerregimes

hätten führen können. Diese Erwartung, daß eines Tages die

Heeresleitung es ablehnen würde, die Verantwortung für Hitlers

abenteuerliche Kriegspolitik weiter mitzutragen, gab es ja immer

wieder, aber die Erfolge, die ihm wiederholt vergönnt wurden,

schwächten in Deutschland Skepsis und Widerstandswillen gegen Hitler

und schienen bei den Westmächten das Streben nach Appeasement nur

noch zu vergrößern.

Im September 1936 kam Stella Braham zu Besuch, Mutters Freundin aus

Breslauer Jungmädchenjahren. Ihr Mann Dudley Braham war unterdeß

einer der Editors der "Times" in London. Sie war nach Schlesien

gekommen, um zu sehen, wie es den alten Freunden, die noch dort waren,

in der Hitlerzeit erging, und so kam sie auch über die Grenze zu uns.

Marianne hatte ihre Zeit in Frankreich abgeschlossen,

Arbeitsgenehmigungen waren schwer, sie hatte zum Schluß dort als Au

Pair oder Praktikantin in Bauernbetrieben auf dem Land verbracht, das

hatte ihr sehr gelegen. Tante Stella lud sie nach London ein, sehr

wesentliche Folge ihres Besuchs. Marianne war immer ein Mensch mit

einem Lächeln und gewinnendem Wesen, sehr natürlich und "down to

earth". Sie gewann dann auch in England viele Freunde.

Mit unserem Besuch sprachen wir auch viel über Politik. Die "Times"

war ja später ein Hauptpfeiler für Neville Chamberlains Appeasement

Politik. Wie immer stark unter dem Eindruck von Leopold

Schwarzschild's "Tagebuch" über die Gefahren deutscher Aufrüstung und

drohenden Krieges und die Artikel Churchills, die dort veröffentlicht

wurden, fragte ich sie, wann denn in England Winston Churchill in die

Regierung aufgenommen würde. Nein, sagte sie, uns in England ist er

zu abenteuerlich, man hat Mißtrauen, er wird nicht wieder in die

Regierung kommen. Ich war sehr betroffen über diese Antwort, und das

steigerte sich zur kritischen Verzweiflung beim Miterleben der

ständig sich brauenden Katastrophe, die sich dann von Beginn des

Jahres 1938 an unaufhaltsam entwickelte (12).

Im Februar hörte man vom erzwungenen Rücktritt des Chefs der

deutschen Heeresleitung v. Fritsch wie von einem Warnzeichen weiterer

Zuspitzung. Viele hatten ihn für eine Hoffnung militärischen

Widerstands gegen Hitler angesehen. Danach folgte der Einmarsch in

Wien. Von Oberschlesien aus war man Wien näher gerückt, es war noch

ein deutsches Gebiet gewesen, das nicht gleichgeschaltet war, auch

viele unserer polnischen Freunde waren noch aus galizischer

Vergangenheit her gewohnt, nach Wien als Beziehungspunkt zu sehen, so

für Einkauf, Mode, Theater, ärztliche und zahnärztliche Kapazitäten.

Wellen von politischen und jüdischen Flüchtlingen strömten nach Prag

und manche kamen schon von dort nach Polnisch­Schlesien, als Hitler

seine Aggressivität und Propaganda gleich nach dem österreichischen

Anschluß auf die Tschechoslowakei richtete, mit der er dann im

September in München einen vollen Erfolg erzielte: die

Tschechoslowakei wurde ihm von Neville Chamberlain und Daladier

ausgeliefert. Schon für einige Zeit hatte sie Zweifel am Wert des

französischen Bündnisses gehabt und einen Vertrag auch mit Rußland

abgeschlossen.

Es schien uns in diesen späten Septembertagen 1938 ungewiß, ob die

Russen, selbst wenn das Münchener Abkommen zustande kam, was ja auch

bis zum letzten Moment unsicher war, nicht doch zunächst durch

Luftangriffe bei einem Einmarsch Hitlers in die Tschechoslowakei

intervenieren würden, und dann wohl nicht ohne Auswirkungen auf das

benachbarte Oberschlesien. Überhaupt waren diese Tage des

Münchner Abkommens für uns ja nicht nur Tage aufregender Radio­ und

Zeitungsmeldungen. Polen selber hatte eine sehr eigenartige Stellung

bezogen.

Schon im Januar 1934 hatte Pilsudski, nachdem die Westmächte seinen

Vorschlag (13) gemeinsamer militärischer Intervention gegen den

damals noch schlecht bewaffneten Hitler abgelehnt hatten, einen

Nichtangriffspakt mit Deutschland geschlossen, durch den Hitler auch

die bestehenden Grenzen für zehn Jahre anerkannte. Auch nach

Pilsudskis Tod 1935 änderte sich wenig in dem semiautoritären Regime

Polens, dessen "Obersten"Regierung versuchte, Konflikte mit

Deutschland zu vermeiden und eine gute Atmosphäre zu erhalten. So

wurden, obgleich die Kreise um Pilsudski eher von linker,

nichtklerikaler Seite kamen, eines Tages alle Freimaurerlogen

verboten. Es gab keine Gesetze, die jüdische bürgerliche

Gleichberechtigung einschränkte und schon gar nicht Rassengesetze,

aber zunehmende Diskussion über die Notwendigkeit verstärkter

jüdischer Auswanderung z.B. durch eine spezielle Aktion nach

Madagaskar, und es kam ein stark umstrittenes Verbot ritueller

Schächtung, das der polnischen Regierung auch wirtschaftlich

vorteilhaft erschien.

Am auffälligsten aber wurde die eigenhändige außenpolitische Linie

der polnischen Oberstenregierung in den beiden großen Krisen des

Jahres 1938. Die Zeit des österreichischen Anschlusses benutzten sie,

um ultimativ eine alte Rechnung mit Litauen zu begleichen, und in der

Krise der Tschechoslowakei verlangte Polen die Zuteilung des 1920 bei

der Tschechoslowakei verbliebenen westlichen Olzateils des früheren

Österreich­Schlesiens und bereitete sich vor, dort mit polnischen

Truppen einzurücken, sobald Hitler die Tschechoslowakei angreifen

würde. Gewiß war das nicht als deutschfreundliche Maßnahme gedacht,

es war der verzweifelte Versuch, wenn die westlichen Alliierten die

CSR nicht verteidigen würden, die Grenze zu Hitler dort wenigstens

etwas nach Westen zu schieben. Es war aber auch die polnische

Verweigerung russischer Durchmarschrechte, die eine Einigung des

Westens mit Rußland hinderte und zum Weg nach München führte.

So erlebten wir denn die Tage um München bei uns in Kattowitz als

wirkliche Vorboten kriegerischer Verwicklungen, als polnische

Militärbewegungen sich in der Stadt bemerkbar machten. Wir hatten

auch Grundstücke in Nikolai, bei Kattowitz, es war auf dem Weg nach

der Tschechoslowakischen Grenze bei Teschen. Ich mußte gerade

dorthin fahren, es wurde eine Reise mit Hindernissen, die Straße war

voll mit motorisiertem Militärtransport, auch Artillerie war zu sehen.

Man konnte nur den Kopf schütteln, es sollte also wirklich dort

einmarschiert werden, und es wurde auch.

Der Versöhnungstag 1938 stimmte einen besonders ernst, als ob man

ahnte, es könnte der letzte in Kattowitz sein (14). Zunächst gab es

neue dramatische Vorfälle, auch für uns persönlich. Die

Naziregierung hatte bisher Aufenthaltsrechte jüdischer polnischer

Bürger in Deutschland respektiert. Gleich nach München hatten sie

begonnen, ihre Aggressivität auch gegen Polen zu richten, noch im

Oktober gab es Forderungen und dann plötzliche gewalttätige

Ausweisung aller polnischer Juden, die einfach abgeführt und an die

nächste polnische Grenzstation transportiert wurden. Man kann sich

vorstellen, was solch eine spätherbstliche, nächtliche Aktion gegen

ganze Familien und viele ältere Menschen an Härte und Grausamkeit

bedeutete. Jenny Grünfeld, die schon betagte, unverheiratete Kusine

des Vaters aus der Zalenzer Grünfeld Familie, war einer Erbschaft

wegen unlängst von Kattowitz nach Beuthen gezogen, hatte einen

polnischen Paß. Sie wurde auch zwangsweise nachts an die Grenze

gestellt, die von den Polen zunächst geschlossen wurde. An manchen

Stellen zwangen die Nazis die Deportierten zu Fuß auf die polnischen

Grenzposten zuzulaufen, es wurde eine grausame Nacht für alle

Betroffenen. Bei uns läutete morgens das Telefon, meine Mutter fuhr

an die Grenze, um die Tante auszulösen. Sie hat dann in Kattowitz

bei uns zu Hause bis zu Kriegsausbruch und Flucht gewohnt.

Man erinnert sich, in Paris war der junge Grünspan so erschüttert

über die Deportation seiner Eltern, daß er auf einen deutschen

Diplomaten, der das nicht verdiente, ein Attentat verübte. Die Nazis

benutzten das in der Nacht des 9.November 1938 als Anlaß für die

"Reichskristallnacht". In allen jüdischen Geschäften wurden die

Schaufenster eingeschlagen, und alle Synagogen in Deutschland sollten

angezündet werden.

Durch einen seltsamen Zufall kamen wir diesem bis dahin massivsten

Nazi Gewaltausbruch gegen die Juden auch selber ganz nahe.

Großmutter und Walter Oettinger hatten uns nicht mehr in Kattowitz

besuchen können. Ein "J" war in ihren Paß gestempelt und Ausreise

nur mit ordnungsgemäßen Auswanderungspapieren erlaubt. Wir hatten mit

dem Onkel ein Treffen in Beuthen für 9.November verabredet, bevor man

ahnen konnte, was an dem Tag passieren wird. Erika Schlesinger,

Kusine aus der Zalenzer Grünfeld Familie, hatte angeboten, in ihrer

Wohnung in Beuthen zusammenzukommen. Auch mein Vater wollte

mitfahren, um den Onkel Walter zu sehen. Am Morgen wußte man schon

in Kattowitz, was sich in der Nacht in ganz Deutschland und auch in

Beuthen ereignet hatte.

Wir hörten von Erika, daß inzwischen weiter alle jüdischen Männer

abgeholt oder gesucht und in Konzentrationslager gebracht wurden.

Ihr Mann, er war protestantisch, war noch nicht abgeholt worden, aber

man befürchtete es. Da Onkel Walter schon angekommen war, fuhren wir

auch nach Beuthen und nahmen teil an den Gefühlen und der Beklemmung,

die die Vorgänge der Kristallnacht bei den deutschen Juden auslösten.

In der Wohnung wartete man ängstlich jede Minute, ob SS oder Polizei

doch kommt, um den Arzt Dr. Schlesinger abzuholen. Man hörte über

andere Beuthener Verwandte, darunter den über 80 jährigen Onkel

Wachsmann und Frau Bertha, älteste Tochter der Zalenzer Grünfelds,

und deren Kinder Weissenberg und Brann, die abgeholt und gezwungen

wurden, die Nacht über mit an der brennenden Synagoge zu stehen. Am

Nachmittag gingen wir auf die Rückreise, die Straßen immer noch voll

Glas und Trümmer, eine bedrückende Stimmung lag in der Luft.

Die Vorgänge hatten großen Nachhall von Abscheu und Zweifel im

Ausland. So kurz nach den unerwarteten Konzessionen, die Hitler in

München gemacht worden waren und "Frieden für unsere Generation"

bedeuten sollten, brachte diese massive Exhibition Hitler'scher

Grausamkeit und Zerstörungswut große Ernüchterung und damit einen

Schritt weg vom Geiste des Appeasements. Auch in Deutschland schien

Zustimmung zu diesen Vorgängen nicht allgemein zu sein. Unser

jüngerer Onkel Paul hatte 1937, als der Ablauf des Genfer

Minderheitenschutzabkommens auch die Juden in Deutsch-Oberschlesien

voll der Nazi Gesetzgebung aussetzte, sein Geschäft in Beuthen

aufgeben müssen und es seinem bisherigen Geschäftsführer Slamal,

einem guten oberschlesischen Deutschen überlassen. Er selbst konnte

sich nicht zur Auswanderung entschließen und zog nach Berlin. Herr

Slamal kam kurz nach der Kristallnacht nach Kattowitz und besuchte

uns.

Er war sehr erschüttert und in Aufruhr über die Vorgänge der

Kristallnacht, es gäbe viele, die seine Entrüstung teilten. Er fand

überhaupt, daß es viel Ablehnung gäbe. Neulich hatte er Besuch von

einem Verkaufsdirektor von Krupp aus dem Westen, war zum Frühstück

mit ihm verabredet. Als er ihn pflichtgemäß mit dem Hitlergruß

begrüßte, winkte der Besucher ab, nein bitte, daß könne er vor dem

Frühstück schon überhaupt nicht vertragen. So etwas gab es also,

auch in solchen Kreisen, aber es hatte, leider, keine Konsequenzen.

Im weiteren Verlauf des Winters wurde die Wendung Hitlers nun zu

aggressiver Frontstellung auch gegen Polen immer klarer. Weihnachten

besuchte uns Marianne. Sie hatte in England nach der Einladung bei

Brahams und Sprachkursen eine Au Pair Stellung bei dem älteren,

kinderlosen Ehepaar Dr. Kidd, er Naturwissenschaftler, gefunden, was

auch mit Landwirtschaft zu tun hatte, und sie wurden ihr sehr gute

Freunde. Daraus wurde dann Studium des Gartenbaus an der Universität

Reading, so daß sie für diese Zeit keine Aufenthalts­Schwierigkeiten

in England hatte. Für nachher machte sie sich Sorgen. Man hatte sie

für Auswanderung nach Neuseeland begeistert, oder, wenn wir ihr

finanziell von Kattowitz dafür helfen konnten, wollte sie ein kleines

Gartenbaugrundstück in England kaufen, wovon man bei harter Arbeit

gut leben könnte. Die Eltern, meinte sie, könnten dann auch

hinkommen, wenn Hitler auch bei uns angreift.

Das Ehepaar Kidd wollte sie adoptieren, wie würde Vater das nehmen?

Ich fand man sollte ihm das nicht antun. Natürlich war das ganz

falsch. Sie wollte sich auch taufen lassen, was ohnehin ihren

Neigungen entsprach, anders als Lotte und ich hatte sie nie eine

positive Beziehung zu ihrem Jüdischsein.

Arme Marianne, die Tragweite des Ernstes unserer Situation hatte man

nicht richtig begriffen. Heute weiß ich es, man hätte alles in

Bewegung setzen, alles andere hintanstellen sollen, und versuchen

sollen, ihr das Geld für die kleine Gartenwirtschaft freizumachen und

ihr nach England zu transferieren, und ihr zur Adoption durch die

Professor Kidds zuraten sollen. Als ich sie zum Abschied auf die

Bahn brachte, erzählte sie, Vater hatte ihr beim Abschied gesagt, sie

würden sich wohl nicht wiedersehen. Er ahnte und verstand es

vielleicht viel besser.

Die Stimmung ängstlicher Ungewißheit erreichte einen neuen Höhepunkt

und eigentlich den entscheidenden Wendepunkt mit Hitlers Einmarsch am

15. März 1939 in die nach München noch unabhängig verbliebenen Teile

Böhmens und Mährens, und Abtrennung der Slowakei von was bis dahin

der tschechoslowakische Staat gewesen war. Es war mit hergebrachten

Kategorien des Denkens schwer faßbar. Nach all den Zusicherungen,

die Hitler in München gegeben hatte, marschierte er weiter.

Churchill hatte es immer gesagt, Leute wie Schwarzschild hatten

vergeblich versucht, Hitler die biedere Maske vom Gesicht zu reißen,

jetzt ließ er sie selber ganz unverfroren fallen. Die Wirkung war

momentan. Als Hitler gleich darauf seine Forderungen an Polen

betreffs Danzig und den Korridor stellte, verpflichtete sich England

schon am 31.März zu gemeinsamer englisch­französischer Hilfe für

Polen. Nach weiteren fünf Monaten brach der 2.Weltkrieg aus.

Nach der Besetzung Prags durch die Nazis ergoß sich ein Strom von

politischen und jüdischen Flüchtlingen an und über die

tschechisch­polnische Grenze. Es waren dabei auch viele, die erst

ein Jahr vorher von Wien nach Prag entkommen waren. Es fanden sich

verborgene Wege über "die grüne Grenze" und wegkundige Begleiter, für

politische Flüchtlinge einschließlich Journalisten wurde auch viel

getan von den Deutschen Sozialdemokraten in Kattowitz unter Johann

Kowoll. Viele, die entkommen konnten, lernte man in Kattowitz kennen,

die Kaffeehäuser Skala und Opera waren voll von ihnen, es entstanden

gute Bekanntschaften, ja Freundschaften, bei uns zu Hause kamen immer

irgendwelche neue oder auch wiedergefundene Flüchtlingsfreunde zum

Essen.

Viele blieben nur kurz, hatten schon von Prag aus an Visas gearbeitet,

oder konnten sie jetzt sich verschaffen, die Konsulate, besonders

das englische hatten viel zu tun und versuchten so viel zu helfen,

wie es London ihnen erlaubte, die polnischen Behörden drückten alle

Augen zu. Polen war ja nun selber in der heißesten Schußlinie. Die

Leute, die da geflohen waren, sie erschienen beinahe schon

Schicksalsgenossen.

Viele der Flüchtlinge aber wurden von den Nazis bei Ankunft von Prag

an der Grenze geschnappt und für weitere Untersuchung interniert. So

erging es meinem armen Vetter Wolfgang Gerber. Er war einige Zeit in

Prag geblieben, er kannte ja das GfE Geschäft und sie hatten dort

Aufträge für ihn, mit späteren Bemühungen um Auslandsvisas hatte er

noch keinen Erfolg gehabt, er war aus Prag geflohen, aber nicht bei

uns angekommen, und wir hatten keine Nachricht. Bei Rosa Speier

hatte ich damals das Ehepaar Kowoll getroffen, schließlich fuhr ich

mit ihm wieder auf der Straße nach Teschen zu seinen Kontakten an der

Grenze. Er erfuhr, daß Wolfgang auf der anderen Seite im Gefängnis

saß, es wurden in Berlin Nachforschungen gemacht, ob etwas gegen ihn

vorliegt.

Das klang nicht gut. Wenn man etwas über das Rassenschandeverfahren

gegen ihn fand, würde er wohl zur Aburteilung nach Deutschland

gebracht werden. Wenn nichts vorlag, wurden die Flüchtlinge meist

entlassen und konnten dann sehen, wie sie über die Grenze kamen. Die

Fahrt mit Kowoll gab mir eine Idee von seiner wichtigen Arbeit, ich

hielt mit ihm Kontakt aufrecht.

Die wachsende Spannung zwischen Deutschland und Polen machte sich in

Polens westlichen Provinzen besonders bemerkbar, Zeichen von

Sympathie, ja Begeisterung von großen Teilen der deutschen Minderheit

für Hitlers Forderungen auf Abtretung polnischer Gebiete wurden immer

markanter, es kam zu Zusammenstößen, jugendliche Deutsche flohen auf

die deutsche Seite und bildeten dort Stoßtrupps für den Tag, der

kommen sollte. Man war umgeben von dauernder Kampfstimmung um die

Zukunft Polens, und es waren nicht nur die vielen Flüchtlinge aus

Prag, die einem die Lage deutlich machten.

Rückblicke · 第 17 / 27 段