Erlebnis und eine neue Erfahrung, und auch eine aktuelle. Es hatte
in der Politik gerade den Stavisky Skandal gegeben, man wußte nicht,
war das auch eine tödliche Krise der Republik, es gab auch
Straßendemonstrationen, Ausschreitungen. Werden sie das System
umstürzen? Nein, sagte Kurt Kronheim, der alte Freund vom
Demokratischen Studentenbund, die französische Republik steht fest
auf ihren Füßen, und er schien recht zu behalten. Er war einer von
vielen deutschen Emigranten, die ich in Paris nun wiedertraf, auch
Kurt Berlowitz war darunter. Marianne wohnte am Boulevard des
Augustins, nahe dem Quartier Latin. Auch hier waren, wie in Prag,
bereits viele der deutschen Emigrantenzeitschriften entstanden, die
bis zum Kriegsausbruch 1939 für mich wichtige Beziehungspunkte mit
politischen Entwicklungen bleiben sollten. Marianne und ihre Freunde
führten mich zu Weihnachten in ein elsässisches Restaurant, sie
hatten alle noch Heimweh. Berlowitz war vom Weltstudentenwerk
gebeten worden, einen Artikel über die Lage der jüdischen Studenten
zu schreiben. Er schlug vor, ich sollte das an seiner Stelle tun,
ich wüßte ja mehr z.B. über Polen, und jetzt in Basel hatte ich ja
nicht nur deutsche Emigranten getroffen, sondern auch jüdische
Studenten aus Ost und Südosteuropa, von denen seit Jahren viele ins
Ausland gehen mußten, um zu studieren. Es war ein wirkliches Problem,
über das ich da nachdenken sollte, das die Sorgen jüngster
deutschjüdischer Emigration in einen viel weiteren Rahmen stellte.
Wo gab es da Wegweiser, war eine verstärkte jüdische
Berufsumschichtung zu einer normaleren soziologischen Struktur, weg
vom hohen Prozentsatz akademischer Berufe und Ambitionen, wie ihn ja
nicht nur die Zionisten für die Möglichkeiten, die sich ihnen in
Palästina bieten könnten, sondern auch für die weite Diaspora zum
Beispiel die Gesellschaft "Ort" als Ziel hatte? Aber welche Chancen
konnten verloren gehen für wirkliche Intelligenz aus dieser jüdischen
Bevölkerung Europas, man mußte nur an die vielen Nobelpreisträger
denken, die aus ihr hervorgegangen waren. Mit diesem zu verfassenden
Artikel im Gepäck fuhr ich dann von Paris nach Hause.
Kapitel 7
Emigration nach Hause, in Polen
Wenn ich mir vorstellte, wo ich mir einst eine Karriere und
Aufgabenfeld für meine Zukunft aufbauen würde, war mir im Laufe
meiner Studentenjahre doch immer die Weimarer Republik als das
natürliche Habitat für die Zukunft erschienen. Die gab es nun nicht
mehr. Meine Freunde aus der Studentenzeit emigrierten, meist in die
weite Welt, wo immer man ein Visum bekommen konnte, manche auch nach
Palästina, für manche hieß es Umschulung weg von ihrem Studiengebiet
auf einen praktischen Beruf. Für mich aber hatte wieder gegolten,
daß ich jedenfalls zur Zeit an der Seite des Vaters gebraucht würde,
und so sollte Mitarbeit im Familiengeschäft jetzt meine
Hauptbeschäftigung werden. Man mußte sehen, wie sich das gestalten
würde. Für weitere Sicht blieb Auswanderung, weiter weg von Hitlers
Deutschland, immer noch im Blickfeld. Geschäftlich aber konnten wir
damals in Kattowitz mit sich verbessernder Konjunktur wieder
zuversichtlicher sein. Die Ziegelei stellte als eine ihrer
Spezialitäten aus ihren Tonreserven Eisenklinker her, für die sich
plötzlich substantielles Interesse für den Straßenbau ergab. Das
Projekt war im Verhandlungsstadium und interessierte mich sehr.
Im Verhältnis der deutschen Juden zu den offiziellen deutschen
Organisationen hatte sich nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland
alles geändert. Es gab gewiß auch Kräfte bei den Deutschen dort
gegen eine Gleichschaltung dieser Organisationen mit den
Nationalsozialisten in Deutschland (1), aber es wurde doch unmöglich
für jüdische Mitglieder, in einer Organisation zu bleiben, die nicht
offiziell von der judenfeindlichen Linie der Nazis abrückte. Mein
Vater legte sein Amt als Vizepräsident des Deutschen Volksbunds sehr
bald unter Protest dagegen nieder und schied aus der
Stadtverordnetenversammlung aus (2).
Die persönlichen Kontakte zum Leben der deutschen Minderheitsgruppen
und zu manchen guten Freunden wurden auch betroffen. Meine Mutter
und andere jüdische Mitglieder zogen sich nach einiger Zeit aus dem
Meister'schen Gesangverein zurück, auch aus dem Hilfsverein Deutscher
Frauen, und man ging nicht mehr in die Veranstaltungen der Deutschen
Theatergemeinde, deren Spielplan ja von DeutschOberschlesien herkam.
Zum Teil war das ein langsamer Erosionsprozeß, es gab ja doch die
verschiedensten Deutschen, die das wirklich bedauerten und aus ihrer
Distanzierung zu den Nationalsozialisten keinen Hehl machten, es war
ja auch nicht so wie in Deutschland, daß ein behördlicher Druck
dagegen stand.
Als bezeichnend für das Bild der deutschen Minderheit vor 1933 sehe
ich, daß am Vortragsprogramm des Deutschen Kulturbunds, unter Leitung
von Viktor Kauder, auch viele republikanische Akademiker und
Schriftsteller aus Deutschland teilnahmen, so die Professoren G.
Kessler, Th.Litt, Bergsträsser, H.v.Eckart, unter den Schriftstellern
Walter v.Molo und Klaus Mann, der sich damals für den noch sehr
jungen Autor Dr. Franz Goldstein sehr einsetzte (3). Bis
Kriegsausbruch gab es dann zwei deutsche politische Gruppen im
damaligen PolnischSchlesien, die sich offen gegen Hitler stellten.
Da war die deutsche Sozialdemokratische Partei unter ihrem schon
langjährigen oberschlesischen Führer Johann Kowoll und Dr. Siegfried
Glücksmann aus dem früher östereichischen Teil (Bielitz). Sie hatte
weiter ihre eigene Fraktion im Schlesischen Sejm, unterhielt ihre
Zeitung "Volkswille", aber verglichen mit den 1920er Jahren waren
ihre Statur und Einfluß zurückgegangen. Bei hoher Arbeitslosigkeit
und der gegen deutsche Arbeiter gerichteten Einstellungspolitik der
polnischen Regierungspartei hatten die deutschen Gewerkschaften an
Boden verloren, und als 1933 die Freien Gewerkschaften in Deutschland
gleichgeschaltet wurden, verloren die deutschen Sozialdemokraten in
PolnischOberschlesien noch mehr an Rückhalt. Ihre Partei und einige
ihrer Organisationen blieben aber aktiv und arbeiteten effektiv mit
an der gefährlichen Tätigkeit des sozialdemokratischen Widerstands
gegen Hitler in Deutschland zusammen mit der deutschen
sozialdemokratischen Emigration in Prag. Dazu gehörte sowohl
"Kuriertätigkeit" für Einschleusen von Flugblättern und anderer
Literatur, wie auch Rettung von politisch Verfolgten, die Deutschland
heimlich verlassen mußten (4). Ich wußte damals nicht im Einzelnen
über diese Aktivitäten, aber kannte den Gewerkschaftsvertreter Johann
Kowoll. Mein Vater hatte ja auch einige Ämter in seiner Berufssphäre
gehabt, Obermeister der Maurer und Zimmererinnung, Vorsitzender der
Arbeitgeberverbände für Bau und Ziegeleiindustrie, und da hatten die
Gewerkschaften ja auf der anderen Seite des Tisches gesessen.
Der Syndikus der vom Vater geleiteten Arbeitgeberverbände war Franz
Cichon. Er stand der anderen Gruppe von deutschen Hitlergegnern in
PolnischSchlesien nahe, deren Auftreten besonders bemerkenswert ist.
Sie bestand aus einem Teil der ursprünglichen Deutschen Katholischen
Volkspartei. Unter deren Vorsitzenden Dr. Eduard Pant war diese
Partei und ihre Zeitung "Oberschlesischer Kurier" zunächst ganz offen
gegen den Machtwechsel in Deutschland aufgetreten (5). Auf Pants
Antrag hatte sie gleich im März 1933 ihren Namen in Deutsche
Christliche Volkspartei gewechselt, um auch anderen christlichen
Hitlergegnern Zusammenarbeit anzubieten, und Dr. Pant fand dafür noch
im August 1933 eine Mehrheit seines Parteitags. Daneben gab es noch
den "Verband der Deutschen Katholiken", wo er auch bis Dezember 1934
die Oberhand behielt.
Seit Februar 1934 gab er eine Wochenzeitung, "Der Deutsche in Polen",
heraus; der bisherige Chefredakteur des Oberschlesischen Kuriers J.C.
Maier wurde dort schon früher wegen seiner offenen antihitlerischen
Haltung sehr angefeindet und wechselte zu Dr. Pants Zeitung als
Chefredakteur. Im Juni 1934 legte Dr. Pant sein Amt im Deutschen
Volksbund nieder, und im Dezember 1934 erzielten die Gruppen der
deutschen Katholiken, die es vorzogen sich nicht offen gegen
Nationalsozialisten zu stellen, eine Mehrheit gegen Dr. Pant im
Verband der deutschen Katholiken. Dr. Pant und seine Gruppe blieben
danach isoliert, ihre Haltung blieb eindeutig gegen die
Nationalsozialisten gerichtet, und der "Deutsche in Polen" brachte
fortlaufend viele kritische Berichte über Nazigreueltaten und auch
die antisemitischen Exzesse.
Natürlich wurden in deutschjüdischen Kreisen die Entwicklung von Dr.
Pants Partei zu einer so entschlossenen antihitler Organisation mit
ihrer eigenen sehr gut redigierten Zeitung außerordentlich begrüßt
und bewundert. Wir waren Abonnenten der Zeitung und verbundene Leser,
es war aber eine sehr betont auf christlicher und eigentlich eben
katholischer Basis bestehende Gruppierung, so daß sich die Frage
einer eventuellen Mitarbeit oder Einbeziehung deutschjüdischer
Kreise nie stellte.
Ich erinnere mich auch nicht an persönliche Kontakte mit Dr. Pant
selber aus dieser Zeit. Er war aus dem österreichischen Teil
Schlesiens gekommen, von daher in seine führende Stellung unter den
deutschen Katholiken PolnischSchlesiens aufgestiegen und später nach
Kattowitz gezogen, gehörte also nicht zu den alten Bekannten (6). In
der ideologischen Einstellung gab es einen gewissen Unterschied
zwischen reichsdeutschen und den österreichischen Katholiken, mit
ihrer stärkeren Betonung einer völkischen Note und damit einem
gewissen offenen Antisemitismus, anders als man es gewöhnlich von
einem Führer des katholischen Zentrums in Deutschland gewohnt war (7).
Bei Dr. Pant hatte man Anfang der dreißiger Jahre vor Hitlers
Machtergreifung einen Kampf um den Vorsitz der Deutschen
Theatergemeinde in Kattowitz, vielleicht zu Unrecht, etwas in diesem
Licht gesehen. Die langjährige Vorsitzende Rosa Speyer sah sich
einer Gegenkandidatur Dr. Pants gegenüber. Ich war bei dieser
erregten Versammlung, die Wogen gingen hoch, es wurde durchaus nichts
antisemitisches gesagt, für Dr. Pant schien es eine Sache
christlichnationaler Thematik für das Kulturprogramm im Gegensatz zu
dem vermeintlich bisher vorherrschenden liberalem Einfluß (8). Es
ist eigenartig: protestantische Gruppen und Jugend, aus der sich
später viele proNazis rekrutierten, stimmten damals gegen Dr. Pant
für die Wiederwahl der langjährigen Vorsitzenden Rosa Speier, und als
einer ihrer Freunde beschwerte ich mich beim katholischen
Abgeordneten Jankowski, daß seine Organisation die Einheit stören
wolle. Er selbst aber war dann in der Hitlerzeit unter den
Katholiken nicht mehr auf der Seite Dr. Pants.
Nun war also gerade Dr. Pant an die Spitze der katholischen
Abwehrbewegung gegen Hitler getreten und gab ihr soviel Profil und
Aggressivität. Persönlich besser bekannt waren uns einige der
angestammten Oberschlesier, die zu ihm hielten, so der langjährige
Kattowitzer Stadtrat Schmiegel, Dr. Alfons Rojek von den Christlichen
Gewerkschaften und Dr. Alfred Gawlik, Geschäftsführer der
"Wirtschaftlichen Vereinigung in PolnischSchlesien". Ihn sah ich
dann oft, denn die Vereinigung ermöglichte es Dr. Franz Goldstern,
Redakteur ihrer Wochenzeitung "Wirtschaftskorrespondenz in Polen" zu
bleiben und auch seine literarische Beilage im bisherigen Stil
weiterzuführen. Er hatte mich gebeten, Buchrezensionen über
politische und geschichtliche Themen zu übernehmen, da seine
Interesse mehr Literatur und Musik galten, und ich hatte auch
angefangen, über aktuelle wirtschaftspolitische Tagesthemen
Leitartikel für das Hauptblatt zu schreiben. Dabei bewegten mich
auch Sorgen wegen der polnischen Finanzpolitik, die sich strikt an
französischen Theorien modellierte, während woanders eine
expansionistische Geldpolitik basierend auf den Ideen von Keynes
betrieben wurde.
Das Amerika Roosevelts war das einprägsamste Beispiel dafür, über das
ich oft schrieb. Für Polen sollte ja die Nähe des sich auch mit
expansionistischer Geldpolitik rapide aufrüstenden Hitlerdeutschlands
ein Grund gewesen sein, seine Geldpolitik zu überdenken und sich von
den Fesseln der französischen Schule von Gide und Rist zu
emanzipieren, wovon ich auch sprach. Polen schien sich lange durch
seine Finanzpolitik den notwendigen Spielraum zur erforderlichen
Weiteraufrüstung zu verbauen. Zur Zeit der Weimarer Republik mit
ihrer 100.000 Mann Reichswehr galt ja wohl in Deutschland mit Recht
die polnische Armee als eine mögliche Bedrohung. Die Welt erwachte
nur sehr langsam zu dem Ausmaß der von Hitler seit 1934 betriebenen,
viele Vorstellungen sprengenden deutschen Aufrüstung. Jemand, der
darüber laut und stark sprach, war Leopold Schwarzschild in seinem in
Paris erscheinenden Neuen Tagebuch, das wir in Kattowitz natürlich
abonnierten. Überhaupt war nun die in allen ihren Schattierungen
bei uns vorhandene deutsche Emigrationspresse eine wesentliche Quelle
von Information und Verbindung mit den Vorgängen in der Westlichen
Welt.
Man hatte sich ja auch neue Tageszeitungen suchen müssen, die
Vossische Zeitung gab es nicht mehr, die lokale Kattowitzer Zeitung
war gleichgeschaltet, so kamen wir zunächst zum "Prager Tagblatt",
eine liberale Zeitung, die durch den Zuzug so vieler deutscher
Emigranten nach Prag an Profil noch gewonnen hatte. Als sie nachließ,
war da die "Prager Presse", im Besitz der tschechischen Regierung,
aber auch mit Beiträgen von deutschen Emigranten, zum Schluß, wohl
bis März 1939 war es dann noch die MährischOstrauer Morgenzeitung,
die uns in Kattowitz ganz gut versorgte. Mein Freund Dr. Fritz
Guttmann wurde auch von Kattowitz aus ein Mitarbeiter.
Von allen politischen Emigrantenzeitschriften hat mich
Schwarzschild's Neues Tagebuch immer am nachhaltigsten beeindruckt.
Um die Warnungen vor der tödlichen Bedrohlichkeit der Hitler'schen
Aufrüstung zu unterstreichen, brachte er häufig Beiträge von Winston
Churchill und André Tardieu, den prominentesten der einsamen Rufer
unter westlichen Politikern, die das Gleiche fühlten. Meine
Mitarbeit an der Wirtschaftskorrespondenz für Polen gab mir natürlich
einige Genugtuung. Meine Schwester Marianne erzählte nach einem
Skiausflug in die Beskiden, daß auf der Rückfahrt in ihrem Abteil
zwei Beamte des Wojewodschaftsamts saßen, die sich über meine
prokeynesianischen Artikel lebhaft unterhielten. Ich wurde also
gelesen. Es änderte sich aber wenig in der Politik.
Was wir in der Wirtschaftskorrespondenz schrieben, machte sie nicht
zu einem politischen antihitler Kampforgan, wie es Dr. Pant's "Der
Deutsche in Polen" war. Es war ja eine Wirtschaftszeitung mit
Literaturbeilage, aber aus der klaren antinationalsozialistischen
Einstellung wurde kein Hehl gemacht, und unter den Büchern, die
besprochen wurden, waren viele, die in Deutschland verboten worden
waren. Für mich blieb das eine Nebenbeschäftigung, für die ich kein
Honorar bezog. Ich schrieb unter einem Pseudonym, denn meine
Hauptaufgabe dort in Kattowitz war ja im väterlichen Geschäft.
Dort war das Projekt für Bau großer Straßen mit Eisenklinkern weiter
fortgeschritten, der Initiator war der frühere polnische
Finanzminister Wladyslaw Grasbki in Warschau, auch Eigentümer einer
großen Ziegelei und sehr interessiert an der Mitwirkung unserer
Ziegelei, die ihrer Kapazität nach eine der größten in Polen war.
Der Vater fuhr nach Warschau mit Zygmunt Weingrün zu einer
Besprechung mit Grabski, der zwar ein Politiker der
nationaldemokratischen Opposition, aber doch mit guten Verbindungen
war, und das Projekt sah weiter vielversprechend aus. Zusätzliche
Kredite wurden von der Stadtsparkasse in Kattowitz dafür in Aussicht
gestellt, und ich sollte nach Berlin fahren, um das dafür nötige
Einverständnis der Witwe des Onkel Max zu erlangen, die von der
dortigen Familie beraten wurde.
Bevor ich nach Berlin fuhr, kamen die Nachrichten von der politischen
Mordaktion Hitlers am 30. Juni 1934. Ich war gerade für einen Tag nach
Krakau gefahren, man saß im Kaffee auf dem Platz vor den Tuchlauben
gegenüber der alten Marienkirche; Kaffeehaus dort schien ein Anklang
an die österreichische Vergangenheit Galiziens. Da kamen die
Zeitungen heraus mit den Nachrichten über Hitlers Mordaktion und die
Kommentare, die Hitler dazu abgab. Es war unbeschreiblich und
unfaßbar, wie so etwas vom Zaune gebrochen, wie es aufgezogen war,
dahin also waren die Deutschen gekommen, so sah ihre Regierung aus
(9).
Kurz danach fuhr ich also nach Berlin. Die alten Kumpane vom
Demokratischen Studentenbund Franz Suchan und Horst Mendershausen
holten mich am Bahnhof ab. Ich wohnte in Dahlem, die geschäftlichen
Unterhaltungen spielten sich im Büro der GfE an der Hardenbergstraße
ab. Mein Vetter Herbert schien dort im Sattel als ein Primus inter
pares in der GfE Leitung mit Leo Forchheimer und Dr. Hans
Krakenberger. Mein Onkel Paul war viel abwesend durch Krankheit.
Meine geschäftlichen Gespräche verliefen befriedigend, also stand der
Aufnahme des Kredits in Kattowitz, der für das neue Projekt gebraucht
wurde, nichts mehr entgegen.
Die Eindrücke während des Besuchs in Berlin waren schlimm. Die
meisten Menschen, die ich traf, waren verwundert und verschreckt.
Freunde, die nahe bei den Kasernen in Lichterfelde wohnten, wo man
die ganze Nacht die Schüsse gehört hatte, ja es wurde immer noch
weiter geschossen, waren ein lebhaftes Beispiel. Ich besuchte auch
Richard Winners und Else Runge, er arbeitete jetzt wieder für eine
amerikanische Zeitung. Ich fragte, was nun wirklich passiert wäre,
das können Sie uns doch viel besser erzählen. Da meinten beide, Sie
kommen ja aus dem Ausland, und das hörte ich noch oft. Dabei gehörte
Winners' amerikanische Zeitung zu den prominentesten, die sich durch
konsequente antihitlerische Berichterstattung und Haltung
auszeichneten, und das war auch ganz energisch wie je seine Haltung.
Bei manchen anderen schienen es nicht nur die Schwierigkeiten zu sein,
richtige Informationen zu bekommen, sondern auch das Risiko, dem man
sich aussetzte, wenn man zuviel herumzuhören schien. Ich glaube da
eine beginnende Übung zu entdecken, möglichst nicht mehr zu viel zu
sehen und zu hören. Das waren also die Wochen nach dem 30. Juni 1934.
Auf der Rückfahrt von einer meiner Reisen nach Berlin während der
Hitlerzeit hatte ich in Breslau Station gemacht und war auf der
Schweidnitzer Straße Dr. Hans Lukaschek begegnet. Er hatte bei
Hitlers Machtübernahme sein Amt als Oberpräsident von
DeutschOberschlesien verloren, ein engagierter Zentrumsmann. Er
hatte sich als Anwalt in Breslau niedergelassen, erkundigte sich nach
meinen Eltern. Als ich fragte, was er über die Entwicklung in
Deutschland denke, sagte er, Sie haben es doch nun selbst gesehen,
Sie wissen es doch, ich sah zu ihm auf, es liefen Tränen über seine
Backen. So stand dieser große, starke Mann vor mir, für den ich
immer soviel Sympathie und Hochachtung gehabt hatte, ein Eindruck,
den ich in den kommenden Jahren nie vergessen konnte.
Am Morgen nach meiner Rückkehr gab es bei uns Alarm. In der Ziegelei
war in der Nacht ein Feuer ausgebrochen, sie war weitgehend zerstört,
es hatte lange gedauert, bis die vielen Feuerwehren, die von der
ganzen Umgebung zusammenkamen, den Brand unter Kontrolle bringen
konnten. Für den Vater war es besonders tragisch, das Werk, auf das
er so stolz war, als Ruine zu sehen; für uns alle war es ein großer
Schock. Der Betrieb mußte eingestellt werden, für mich wurde die
Auseinandersetzung mit den Versicherungsgesellschaften, die das
Feuerrisiko teilten, die Hauptaufgabe.
Die Sachverständigengutachten der beiden Seiten über die Schadenshöhe
gingen weit auseinander, es kam zu einem Prozeß. Da der Grund von
der Kopalnia Wujek (Oheimgrube) der Hohenlohewerke unterbaut war,
wurden diese auch in die Auseinandersetzungen verwickelt, da die
Sachverständigen der Versicherungen einen Teil der festgestellten
Schäden, besonders an den großen Öfen, als Bergbauschäden
bezeichneten. Die Hohenlohewerke, damals von den Gebrüdern Petchek
kontrolliert, waren ja immer wieder wegen drohender Bergschäden im
Gespräch gewesen, sogar ihr Ankauf des Grunds als Lösung. Jetzt gab
es erneuten Kontakt, ihr Markscheider Dlugoborski war ein häufiger
Besucher in den Ruinen der Ziegelei, für die sie ihren Abbau in
diesem Teil der Oheimgrube hatten beschränken müssen. Ich hatte also
einiges zu tun, und gut, daß ich da war. Unser Anwalt Hans Loebinger
hatte unterdeß einen neuen, sehr intelligenten und versierten
polnischjüdischen Partner in Marek Reichmann bekommen. Er kam aus
der Gegend Lembergs, war erst kürzlich von Bielitz nach Kattowitz
übergesiedelt. Es wurde 1935, bis wir den Prozeß gewannen und sich
viele neue Fragen ergaben. Wiederaufbau der Ziegelei schien ein sehr
schwieriges Vorhaben, und die Kosten hätten die Entschädigungssumme
überschritten, die Rehabilitierung der Schornsteine alleine wäre der
bergbaulichen Situation wegen zweifelhaft gewesen. In der Nähe war
der Flugplatz entstanden, auch von da war Widerstand zu erwarten.
Für vorstädtische Bebauung für Wohnzwecke wurde das Gelände aber als
geeignet gefunden, und wir entschlossen uns dazu. Das Stadtbauamt
befürwortete den Plan für die Parzellierung in Villengrundstücke.
Die Tischlerei sollte aber vorläufig weiter bestehen, hatte sich
schon in eine erfolgreiche Möbelfabrik entwickelt, es wurde noch dort
investiert, ein Verkaufgeschäft in der Stadt eröffnet, so hatten
Lotte und ihr Mann dort eine Existenz, die sie voll ausfüllte. Im
August 1935 wurde ihre Tochter Nina geboren. Sie bekam ein
deutschsprechendes Kinderfräulein, Thea, und wuchs damals mit Deutsch
als ihrer Muttersprache auf.
Ich mußte nach dem Ausgang des Prozesses wieder nach Berlin, Tante
Mucke beanspruchte einen Teil der Entschädigung, ihre Hypothek mußte
für die Parzellierungsaktion gelöscht werden. Es gab wieder die
vielen Sitzungen im Büro der GFE, Onkel Felix Benjamin, Vetter
Herbert Grünfeld, Anwälte. Der von uns an die Tante zu bezahlende
Betrag wurde vereinbart (10).
Von meinen jüdischen Freunden in Berlin waren die meisten schon
ausgewandert, Kurt und Elli Lange, er erfolgreicher Mediziner,
warteten darauf. Otto und Lore Lilien wollten nach Palästina und
dort eine Druckerei aufmachen. Das hat mich interessiert, ich wollte
sehen, ob ich mich daran nicht beteiligen könnte. Nicht nur in
Deutschland, ich sah auch eigentlich nicht in Kattowitz oder
überhaupt in Polen eine wirkliche Zukunft für mich. Wenn die
Parzellierung erfolgreich eingeleitet ist, wäre für mich doch
Auswanderung auch der richtige Weg gewesen. In der Einstellung zu
zionistischen Hoffnungen in Palästina hatte sich doch manches
geändert.
Wie konnte es auch anders sein. Auch wenn die Aussonderung der Juden
aus der deutschen Gesellschaft, zu der sie doch so stark und lebendig
gehörten, und eben die nationalsozialistische Herrschaft nichts
Endgültiges sein mußten, die Ungewißheiten jüdischen Diasporadaseins
waren in neues Licht gerückt. Was für Möglichkeiten die
zionistischen Hoffnungen wirklich bieten würden, das mußte sich noch
zeigen, und eigene Identifikation mit nationalen jüdischen Zielen war
noch wieder eine andere Frage, aber aktiver Sympathie für diejenigen,
die sich dafür voll einsetzen wollten, konnte man sich nicht mehr
verschließen. Wir waren zu Hause auch bald Abonnenten der in Berlin
von Robert Weltsch herausgegebenen "Jüdischen Rundschau" geworden,
die ein hervorragendes Forum für die Familiarisierung weiter Kreise
des deutschen Judentums mit zionistischem Gedankengut und der
politischen Entwicklung in und um Palästina wurde.