Nicht alle der in diesem Rückblick erwähnten Zusammenhänge und

Vorgänge sind dem Miterlebenden in jenen schicksalshaften Monaten

schon vollkommen klar geworden. Ich habe für meine Darstellung auch

auf die reichhaltige Nachkriegsliteratur und Aktenforschung hinweisen

können (13). Ich habe diese bewegten Monate zwischen der Universität

Breslau und Kattowitz miterlebt, wo man natürlich viele Kontakte, wie

auch alle Zeitungen und Zeitschriften hatte. Mit "Tat" und "Neuen

Blätter" war ich ja seit langem vertraut, ebenso mit Schwarzschilds

Tagebuch, nun las man auch die "Tägliche Rundschau". Aber es kam

anders, das Unheil Hitler wurde nicht aufgehalten. Einem grausigen

Vorfall auf dem tragischen Weg zu Hitlers Machtergreifung war ich

auch besonders nahe gewesen. Im August 1932 hatte die Mordtat der

Nationalsozialisten im deutsch­oberschlesischen Potempa, bei Gleiwitz,

die Gemüter in ganz Deutschland erregt. Hitler hatte sich mit den

Tätern voll und ganz solidarisch erklärt, die ihr Opfer zu fünft zu

Hause überfallen und durch wiederholte Tritte in den Hals ermordet

hatten (14). Ich war damals im August in Kattowitz auf der

polnischen Seite Oberschlesiens nur etwa 30 km vom Tatort entfernt,

wo Presse­ und Rundfunknachhall noch intensiver waren. Ich wußte,

was die Nazis sind, da war ja nicht nur Hammersen gewesen, es hatte

ständig schwere nationalsozialistische Grausamkeiten in

Straßenkämpfen gegeben. Potempa war nicht im Straßenkampf, es war

ein Überfall von fünf Nazis auf einen als kommunistisch verdächtigten

jungen Arbeiter. Ob auch mitspielte, daß die Familie des Opfers

polnisch­sprechend war, ist nicht klar. Erschütternd war danach

wieder, wie bedrohlich eine mögliche Machtergreifung Hitlers für

Deutschland sein würde, und man mußte dabei nun auch an die sich

abzeichnende Drohung für die Juden in Deutschland denken.

Wie Hitler die Täter des Potempa Mordes als Helden seiner Bewegung

herausstellte, machte klar, daß es bei ihm keine Schranken gab für

die Anwendung brutalster, rechtloser physischer Gewalt. Aber er

wurde Reichskanzler. Was würde nun wohl aus Deutschland werden?

Kapitel 6

Nach dem Ende von Weimar

Die Machtübernahme Hitlers als Reichskanzler erlebte ich nun in

Kattowitz mit Rundfunk, Zeitungen, einigen Telefongesprächen, dann

gab es Filmwochenschauen. Es war ganz eindeutig mit dem Aufgebot an

SA Märschen und Publikumserregung, obwohl das Kabinett noch eine

Mehrheit von bürgerlichen und Fachministern hatte, das war die

Machtergreifung. Hitler und seine Nazis schienen eine

nachtwandlerische Begabung zu haben, solche Ereignisse zu inszenieren.

Von den Festmärschen ging die SA wieder direkt zurück auf die

Straße und Schlimmeres. Es kamen die Meldungen von blutigem Terror

und Vergeltungsmaßnahmen. Bald mußte ich lesen, daß mein älterer FWV

Bundesbruder Günter Joachim in Berlin von SA­Leuten abgeholt und

grausam erschlagen wurde. Die Meldungen über Menschen, die als

bekannte Gegner der Nationalsozialisten umgebracht oder in eines der

schnell entstehenden Konzentrationslager gebracht wurden, häuften

sich, besonders nachdem der Reichstagsbrand die Szene in Deutschland

hell beleuchtet hatte, und es waren darunter immer wieder Namen, die

ich gut kannte, und manche, denen ich begegnet war. Eine ganze Reihe

meiner Freunde verließ Deutschland schon damals.

Bei den neuen Reichstagswahlen am 4. März 1933 erhielt Hitlers Partei

immer noch keine 50% der Stimmen, mit Hugenbergs Partei aber hatten

sie es nun, und andere Parteien wurden soweit eingeschüchtert, daß

ein Ermächtigungsgesetz Hitler vollkommene Macht gab. Es hatte von

Nazis und ihrer SA veranstaltete antijüdische Kundgebungen gegeben,

und am 1.April kam ein Tag des Boykotts aller jüdischen Geschäfte als

Signal, daß die Unterdrückung des jüdischen Bevölkerungsteils nun im

Ernst einsetzte. Es war gut, daß ich in diesen Wochen sehr

beschäftigt war mit meiner Dissertation. Auch nahm ich ja an den

Vorgängen im Geschäft und zu Hause in Kattowitz teil. Es war im

Geschäft 1932 eine Veränderung eingetreten, die auch meine eigene

Stellung und Zukunft betreffen sollte. Die Liquidität im Geschäft

war angespannt geblieben, der Absatz der Ziegelei kam erst langsam

aus der Wirtschaftskrise, weitere Kredite hatten beschafft werden

müssen, wobei ich entscheidend mitgeholfen hatte. Dann kam 1932 der

Tod des früheren Partners Max Grünfeld, für dessen Kremation Vater

und ich nach Berlin gefahren waren. Nach seinem Ausscheiden hatte er

in Berlin ein bequemes und geruhsames Leben führen können und danach

noch geheiratet. Es war ihm noch ein verzinsliches Guthaben in der

Firma verblieben, nach seinem Tode wurde nun verlangt, daß das für

die Erben gesichert wird, und zu denen gehörte nicht nur die Witwe,

Tante Mucke, sondern nach ihr alle Vettern und Kusinen, die etwas

von solcher Erbschaft brauchen konnten, und da gab es einige. Daher

waren nun an solcher Sicherung auch die interessiert, die sich als

Sachwalter solcher Familieninteressen fühlten. Zu deren Auflagen

gehörte außer hypothekarischer Sicherung auch, daß ich keine anderen

Pläne für meine Karriere machen, sondern bei meinem Vater in

Kattowitz bleiben sollte.

Mit Verhältnissen in Polen hatte ich mich ja nicht nur durch die im

Osteuropainstitut in Breslau vorhandene Literatur und Zeitschriften,

sondern auch in Kattowitz vertraut machen können. Mein Polnisch

hatte sich zusehends verbessert, wenn auch mehr zum Lesen solcher

Literatur und Zeitungen oder auch Geschäftspapieren als für

Konversation und Umgangssprache.

Im Spätsommer 1932 besuchte ich zum ersten Mal Warschau. Meine

Münchner Freundin hatte sich einer Rußland­Exkursion des

Kutscher'schen Theaterwissenschaftlichen Seminars der Universität

München angeschlossen, zu der auf der Rückreise ein Aufenthalt in

Warschau gehörte, und ich wollte sie dort treffen. Sie kam dann auch

nach Kattowitz.

Meine Schwester Lotte hatte sich unterdessen mit dem Betriebsleiter

der Ziegelei Zygmunt Weingrün, der überhaupt eine Stütze des

Geschäfts geworden war, sehr angefreundet, sie schienen es sehr ernst

zu nehmen. Bei Familie und Freunden traf Lotte damit zunächst auf

Erstaunen, nicht nur, da er polnisch­jüdisch war und dementsprechend

seine Familie und sein Freundeskreis, aber viele empfanden ihn auch

als einen recht harten Menschen. Ich habe ihn im Laufe vieler Jahre

dann eben als nicht nur sehr intelligent und tatkräftig, sondern auch

als besonders zuverlässig für alle Dinge, für die er sich einsetzte,

schätzen gelernt. In den Monaten nach Hitlers Machtübernahme, die

ich in Kattowitz verbrachte, hatte sich Lotte mit ihm bereits verlobt,

die Hochzeit sollte im Juni stattfinden. Ich aber wollte zu

Semesterbeginn Anfang Mai doch wieder nach Breslau gehen, um meine

Dissertation bei Dr. Hesse einzureichen. Zur Hochzeit meiner

Schwester hätte ich ja dann kurz nach Kattowitz kommen können. Aber

das kam dann anders.

Ich hatte natürlich ein merkwürdiges Gefühl, jetzt nach Breslau zu

kommen. Ich hatte mich ja als Gegner der Nazis exponiert und

Hammersen wäre ich gewiß nicht gern begegnet. Aber wie eigenartig

sich das jetzt fügte. Ich hatte ja einen polnischen Paß, und was man

so hörte, auch mißliebigen fremden Staatsbürgern wurde damals

gewöhnlich keine rohe Gewalt angetan. Ich unterhielt mich mit Dr.

Hesse ganz offen über die Lage; an der Universität war man noch

unsicher, neue Richtlinien über eine Sonderstellung jüdischer

Studenten waren nicht ergangen, aber wurden erwartet, er nahm aber

meine Dissertation entgegen und wollte mir Bescheid geben. Unterdeß

nahm ich an Seminaren teil, seines war sachlich und diszipliniert,

etwas ungemütlicher fühlte ich mich im Seminar des Dr. Bräuer. Ich

konnte zunächst bei den Eltern meines FWV Bundesbruders Kurt

Leipziger übernachten, bis ich ein möbliertes Zimmer fand. Ich

meldete mich auch bei Rudi Treuenfels, er bat mich, ihn sofort zu

verständigen, wenn ich in der Universität irgendwelche

Schwierigkeiten habe.

Ein Zimmer fand ich durch Hans­Werner Niemann. Er hatte eines in der

sehr großen Wohnung von Dr. Ernst Fraenkel am Nikolaistadtgraben und

es war noch ein anderes frei. Frau Fraenkel war eine sehr

eindrucksvolle Frau, es waren viele Kinder im Haus (den Sohn Ernst,

damals 9 Jahre alt, sollte ich 23 Jahre später in London

wiedertreffen). Ihr Mann, Jurist, sehr kämpferisch gesinnter KCer

und mit Auszeichnungen versehener Frontkämpfer des 1.Weltkriegs,

widmete sich jetzt voll seinem Amt im Reichsbund jüdischer

Frontsoldaten, durch dem bedrängten jüdischen Kriegsteilnehmern oft

geholfen werden konnte. Dazu gehörten Vorstellungen von ihren

Spitzenfunktionären sogar bei Hindenburg, aber Dr. Fraenkel war

besonders bekannt dafür geworden, daß er sich in die Höhle des Löwens

zum Breslauer Gauleiter Heines, einem der berüchtigsten SA Führer,

gewagt und mit großem Schneid diese Intervention überstanden hatte.

Er war jetzt meist im Berliner Büro des Jüdischen Frontkämpferbundes;

wenn er am Wochenende nach Hause kam, reihten sich Besucher an

Besucher, die Hilfe oder auch nur Rat von ihm haben wollten.

Es war ein Zufall, daß ich nun dort war, ein sehr passenden Rahmen

für meinen kurzen Mai 1933 Aufenthalt in Breslau, so kurz, weil Dr.

Hesse mir bald mitteilte, daß neue Anweisungen nun vorlägen und

jüdische Studenten nicht mehr promovieren dürften. Er bedauerte das,

bot an, mir eine Empfehlung an Dr. Büchner, früher auch in Breslau,

jetzt Ordinarius in Zürich zu geben, die ich auch gerne annahm. Man

hatte ja solch eine Sperre nicht ausschließen können, und ich hatte

für diesen Fall nicht nur an die Schweiz, sondern auch an die

deutsche Universität in Prag gedacht, wo ich eventuell mit meiner

Dissertation noch promovieren könnte. Zunächst verständigte ich auch

Rudi Treuenfels; für meinen Besuch bei ihm hatte er auch seinen

Freund Dr. Rademacher, früher so aktiv als republikanischer Professor,

ein bekannter Mathematiker, gebeten. Beide bestanden darauf, daß

man eine Beschwerde an das Kultusministerium machen müßte. Rudi

Treuenfels, der ja zur Abstimmungszeit oft bei uns in Kattowitz war,

fand, das wäre doch ein ausgezeichneter Fall, der Regierung die

Unsinnigkeit ihrer Verfügungen nahe zu bringen. Ich war nicht sehr

für diesen Plan, war dann doch bereit, eine solche Eingabe da und

dort mitzuverfassen und zu unterschreiben, aber machte ganz klar, daß

ich mich dadurch nicht gebunden fühlte und wahrscheinlich Breslau

sofort verlassen und eine andere Universität außerhalb Deutschlands

mir suchen würde.

Nach Verständigung mit zu Hause beschloß ich, es erst in Prag zu

versuchen. Nazi Grenzkontrollen beim Verlassen Deutschlands waren

schon etwas wie ein Schreckgespenst geworden. Eine Bekannte von Kurt

Leipziger wollte auch über Prag ausreisen; wir fuhren zusammen, man

war bange, aber es gab gar keine Zwischenfälle. In Prag sah ich

meine Freunde von der Rede­ und Lesehalle, man war dort schon

Emigranten gewöhnt, und auf der Straße begegnete ich Dr. Otto

Friedländer, einst Vorgänger meines Freundes Berlowitz an der Spitze

der Sozialistischen Studenten in Deutschland. Wir kannten uns gut,

er war dann später sehr aktiv in der studentischen Völkerbundsgruppe,

wie ich ja auch. Er war nun schon einige Zeit in Prag als

politischer Flüchtling, und ich hörte viel über die sich dort

versammelnde politische Emigration, ihre Probleme, Pläne und

beginnenden Aktivitäten. Er arbeitete auch zusammen mit Kurt

Großmann, bekannt gewesen als Sekretär der Deutschen Liga für

Menschenrechte, auf dessen Bitte ich auch bereit war, daß sein

Haushaltsgut von Deutschland über meine Adresse in Kattowitz geleitet

würde, sodaß es von dort nach Prag gehen konnte.

An der Deutschen Universität Prag war man nicht bereit, mich noch für

das Sommersemester einzuschreiben, und so fuhr ich über München

weiter nach Zürich. Beim Umsteigen in München besuchte ich ganz

schnell noch meine Freundin; sie war krank, und so ging ich allein

essen, in die Osteria Bavaria, es war ziemlich leer, aber da saß Hans

Bethe, Freund meines Vetters Werner Sachs, ich hatte ihn öfters in

Dahlem getroffen, und so aß ich mit ihm. Als Physiker schien er

schon weit aufgestiegen, war gerade von einer Gastdozentur in England

zurückgekommen, es gefiel ihm nicht in Deutschland, er würde gleich

wieder weggehen. Von Heisenberg und Schrödinger sprach er schon

damals wie von Gleichgestellten.

In Zürich, nach September 1930 war dies nun mein 2.Besuch und es

regnete wieder, wurde ich sehr freundlich und hilfsbereit von Dr.

Büchner empfangen und hätte bei ihm meine Dissertation fertigstellen

können. Er konnte aber nicht garantieren, daß die Vorschriften

erlauben würden, daß ich noch für das Sommersemester immatrikuliert

werde. Das Sekretariat der Universität lehnte das dann auch ab, für

das Wintersemester sollte es möglich sein, aber zusagen könne man es

jetzt nicht.

Ich traf in Zürich an diesem Tag auch die, wie ich schon von Hans

Wener Niemann gehört hatte, unterdeß im Breslauer Seminar zu

Rabbinern promovierten Bekannten Schlesinger und Funkenstein. Wir

gingen zusammen essen, es gab da ein koscheres Restaurant in Zürich,

und meiner neuen Lage war das ja auch sehr angemessen, daß ich dort

so viel jüdische Atmosphäre zu spüren bekam und soviel darüber hörte.

Unsere Unterhaltung war sehr lebhaft. Sie wollten durchaus ihr

Bestes tun, um mich etwas mehr auf jüdische Wellenlängen zu bringen.

Als sie besonders lebhaft sprachen und gestikulierten, wie ich es bei

ihnen von Breslau her gar nicht gewöhnt war, schreckte ich wohl etwas

zurück, und da meinte Schlesinger halb Scherz, halb Ernst, ich müsse

mich eben daran gewöhnen, daß wir Juden eine orientalische

Bevölkerung sind. Mein nächstes Ziel sollte die Universität Basel

sein, sie gaben mir die Adresse ihres Kollegen Lothar Rothschild in

Basel.

Dort ging ich sofort zur Universität, die für mich unterdeß eine

gewisse Gloriole als ein Wunschziel bekommen hatte. Sie war sehr alt

und voller Prestige, man brachte sie schon mit Erasmus von Rotterdams

Aufenthalt in Basel in Verbindung, dann waren da so bedeutende Namen

wie Jakob Burkhardt und Friedrich Nietzsche. In der Kanzlei schien

der Pedell die Szene zu beherrschen, seine Erscheinung entsprach so

ganz dem Ruhm der Universität, wie ich ihn zu sehen begonnen hatte.

Er hatte einen wundervollen Vollbart, an den ich mich als

rötlich­braun erinnere, und er stand ganz vorn, wo der Amtsraum von

den Besuchern abgegrenzt war, vor ihm lag ein großes ledergebundenes

Buch. Ich trug ihm meinen Fall vor, und mit einer einladenden

Handbewegung schlug er das Buch auf und bat mich, meinen Namen

einzutragen. Damit war ich immatrikuliert.

Es hatten sich damals in Basel seit Beginn des Sommersemesters 1933

eine größere Zahl von Studenten versammelt, die aus politischen oder

"rassischen" Gründen ihr Studium in Deutschland abbrechen mußten.

Ich war denn auch keineswegs der letzte Refugee, der noch im Laufe

des Sommersemesters angenommen wurde. Diesmal ohne jede Empfehlung

meldete ich mich mit meiner Dissertation bei Dr. Edgar Salin, der

mich als Doktorand annahm.

Die Begegnung mit ihm beeindruckte mich sehr und eröffnete viele neue

Dimensionen (1). Wenn man ihm zuhörte, begann man zu vergessen, daß

er als so rechtsgerichtet galt. Er war vehement gegen die

Erfüllungspolitik für die deutschen Reparationen aufgetreten, als

Gegenpol zu dem mir vom Demokratischen Studentenbund einst als

häufiger Gast so gut bekannten Dr. M.J. Bonn. Aber es war schwer

möglich, sich Edgar Salin in der Nähe auch nur Hugenbergs

vorzustellen. Wesentlich war bei ihm Friedrich List, der deutsche

Nationalökonom des frühen 19. Jahrhunderts, der an deutschen

Hochschulen kaum noch neben Adam Smith oder Ricardo erwähnt worden

war. List war ein "Nationaler" Ökonomist gewesen, für den

staatliches Denken die Basis war, so etwas wie ein

post­absolutistischer Merkantilist. Bei Edgar Salin war es auch die

Staatsidee, die mit seiner Verbundenheit mit dem Stefan George Kreis

zusammenhing, er hatte auch über Plato's Staatsidee ein Buch

geschrieben. Bemerkenswert war dabei, daß er in allen Problemen der

modernen Markt­ und Verkehrswirtschaft meisterhaft zu Hause war und

sich dafür in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg noch einen erheblichen

Ruf errang. Sein Seminar auch in 1933 war mehr davon erfüllt als von

Plato und Friedrich List, und man hörte viel auch über Schumpeter und

Keynes. Es ging damals dem langsamen Ende der Wirtschaftskrise

entgegen, Roosevelt hatte sein Amt angetreten, die Allgegenwart des

Staates in der kapitalistischen Wirtschaft war einem sehr stark

bewußt geworden. Schutzzölle waren noch durch Devisenbewirtschaftung

aufgestockt worden, und der Weg aus der Krise schien in den USA

Roosevelts wie auch im Deutschland Hitlers und Schachts wiederum

durch massives Einwirken des Staates zu führen. Edgar Salin schien

die auf Adam Smith und Ricardo basierenden Theorien der reinen

Verkehrswirtschaft als Abstraktionen zu sehen, nützlich für die

erstrebenswerten Ziele der Marktwirtschaft, aber eben kein

vollständiges Bild der Wirklichkeit, aus der "die öffentliche Hand"

im Wirtschaftsgeschehen intern und international durch die

Jahrhunderte, ganz gleich unter welcher Herrschaft, gar nicht weg zu

denken ist (2).

Neben den so interessanten Seminaren Edgar Salins und dort gemachten

Bekanntschaften bot die Zeit in Basel auch andere anregende

Abwechselung. Es gab die schönen Sommerabend­Konzerte im Hof des

alten Münsters mit seinen Kreuzgängen, Orchesterkonzerte unter Felix

Weingartner. Die Frau unseres Kattowitzer Anwalts und entfernten

Vetters Hans Loebinger hatte mir Empfehlungen an zwei Verwandte in

Basel gegeben, die beide aus Schlesien stammten. Der eine war Dr.

Karl Joel, als Ordinarius der Philosophie Nachfolger auf dem

Lehrstuhl Friedrich Nietzsches. Er lebte mit seiner Schwester; sie

hatten Sonntagmittag jetzt oft eine Reihe von Emigrantenstudenten

eingeladen. Sie waren beide sehr warm empfindende und geistig

lebhafte Menschen. Auch wenn er nach einem Schlaganfall war, hielt

er immer noch Vorlesungen. Sie gehörten sehr zu Basel und seiner

Universität, aus den Unterhaltungen ergab sich, daß Albert Schweizer

und Heinrich Wölfflin zu den engsten Freunden gehörten.

Die andere Einführung war an Dr. Ludwig Scherbel, führend in der

Motor Columbus, die seinerzeit auch das Elektrizitätswerk in

Prinzengrube in Oberschlesien, eine alte Kindheitserinnerung von mir,

mitfinanziert hatte. Er war nicht nur ein prominenter und

sachverständiger Geschäftsmann, sondern auch ein Mensch mit

auserlesenen kulturellen Interessen und Geschmack, großer Bibliophile

und Kunstsammler. Er empfing mich überaus freundlich, ich lernte

viele interessante Leute in seinem Haus kennen und war dort sehr gern.

In der Universität hatte ich im Seminar den etwas älteren

sozialistischen Studentenführer Beyer aus Berlin wiedergetroffen. Er

erkannte mich vom DStV her, wir sahen uns auch sonst, meist saß ich

im Seminar neben ihm. Auch in Basel war von FWVern wieder der schon

von München her befreundete Ralph Kleeman und von Breslau Franz

Ledermann, und ich war viel zusammen mit einigen Medizinstudentinnen,

auch emigriert aus Deutschland.

Natürlich beschäftigte einen damals die jüdische Frage besonders und

Kontakte die damit zusammenhingen waren intensiv. Bei Lothar

Rothschild hatte ich mich schon gleich nach Ankunft gemeldet und

wurde gleich zum Freitagabend eingeladen. Er war noch ohne Stellung

als Rabbiner, der Prophet gilt nichts im eigenen Vaterland, wie er

meinte. Er lebte zu Haus bei seinem verwitweten Vater, wir hatten

lange Spaziergänge und Gespräche über Gott, vor allem aber den

damaligen Zustand der Welt und die jüdische Lage. Durch ihn und

Funkenstein lernte ich auch andere, meistens auch Emigranten kennen,

die stark in jüdischem Bewußtsein und Interessen verwurzelt waren.

Es gab auch einen Diskussionsabend von einer zionistischen

Studentengruppe arrangiert, wo die in Basel angekommenen sich

aussprechen sollten. Die meisten kamen als bisherige Gegner oder

Skeptiker, jemand, es wurde mir berichtet, es war einer meiner FWV er

Freunde, sagte, wir selbst können einen Weg zum Zionismus nicht mehr

finden (man war in seinen frühen zwanziger Jahren), vielleicht mal

unsere Kinder. Ich fühlte, auch wenn man für sich selber aus der

hergebrachten Abwehrstellung und Skepsis schwer herauskam, daß es

doch ein natürliches Bedürfnis wurde, in der für die Juden durch

Hitlers Machtübernahme in Deutschland sichtbaren Entwicklung den

zionistischen Gedanken und Bestrebungen Interesse und aktive

Sympathie entgegen zu bringen. Man wußte ja von ihnen, man war aber

ein eher ablehnender Beobachter gewesen, der Akzent wurde jetzt doch

anders. Ich hörte auch Martin Buber, der als diesjähriger Gast der

Studentenschaft Basel in ihren Vortragsreihen einen

religionsphilosophischen Vortrag hielt und ihn mit den Worten "Sören

Kierkegaard.." anfing. Da war also ein alter Zionist der frühen

Stunde, der den Zusammenhang mit europäischer Geistesgeschichte so

betonte und in ihr seinen Platz einnahm.

Am Ende des Sommersemesters besuchte ich auf dem Weg nach Hause

meinen Vetter Ernst Grünfeld in Freiburg i.Br., wo er weiter Chemie

studierte. Wir waren während des Semesters in nachbarschaftlichen

Kontakt getreten, und nun zeigte er mir Freiburg. Wir tranken Wein

auf dem Münsterplatz, aber obwohl es so eine katholische Stadt war,

sah man auch viele Naziuniformen, und als das große Skandalum war da

natürlich die Befremdung über die nazifreundliche Haltung, die der

bekannte Philisoph Martin Heidegger als damaliger Rektor der

Universität zeigte. Man hatte darüber in Basel mehr gesprochen als

anscheinend in Freiburg. Es war für mich keine persönliche

Enttäuschung, bei allem Interesse für seinen Lehrer Husserl, er war

für mich ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Husserl hatte ja

auch in Freiburg gelehrt, auch der alte Nationalökonom

Schultze­Gaevernitz, häufiger Gast bei uns im Demokratischen

Studentenbund in Berlin, ebenso wie seine Tochter, und ich erinnerte

mich an Rudolf Küstermeyer, treibender Geist für unseren DStV. Jetzt

stand über allem in Freiburg ein großes Fragezeichen.

Ich fuhr nach Hause mit einem Zug, der mich direkt durch den

Schwarzwald nach Osten führte und mir noch ein neues, schönes Stück

Süddeutschlands zeigte. Irgendwo in Bayern saß ich im Abteil mit

einem Bauern, er war sichtlich nicht sehr eingenommen von Hitler,

aber lassen wir es mal, sagte er, der muß ja jetzt zeigen, was er

kann, wahrscheinlich dauert das Ganze nur ein paar Monate. Solche

Äußerungen hörte man gern, aber konnte man wirklich hoffen, daß es so

ausgeht?

Bei Beginn des Wintersemesters stellte es sich heraus, daß ich es gar

nicht mehr auszusitzen brauchte, schon im Dezember konnte ich meine

Prüfungen ablegen und am 15. Dezember erfolgte meine Promotion. Der

Pedell mit dem wunderbaren Bart zog in einem Talar mir voran und dann

wurde ich vom Dekan promoviert, langer Mühe und mancher Hindernisse

Lohn.

Nach meinem Examen lud ich zum Abschied zu einem kleinen Abendessen

ein, italienisch, für mich damals ganz neu, aber so hatten es sich

die Medizinstudentinnen gewünscht, und eine von ihnen fuhr mit mir,

als ich vor der Rückkehr nach Kattowitz noch über Weihnachten und

Neujahr meine Schwester Marianne in Paris besuchen wollte. Sie hatte

aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen Chemie zu studieren und

war zu Sprachkursen nach Paris gegangen.

Rückblicke · 第 15 / 27 段