Für mich aber war nun das Examen für den Diplomkaufmann gekommen, das

ich auch ganz gut bestand. Am 13. Juli saß ich bei einer der

schriftlichen Prüfungen, und wieder gingen Nachrichten im Raum herum,

Zeitungen wurden gezeigt, die deutsche Bankenkrise war ausgebrochen,

die Danatbank hatte schließen müssen. Ein Gefühl tiefster

allgemeiner Krise verbreitete sich. Die staatliche Bewirtschaftung

aller Devisenvorräte, die eingeführt werden mußte, relativierte

ferner alle Vorstellungen von freier Marktwirtschaft und trug so zur

Krise des bisher vorgestellten Systems bei, eine Erscheinung, mit der

viele Länder für Jahrzehnte zu leben haben würden.

C) Zwischen Breslau und zu Hause

Mit dem bestandenen Examen endete nun meine kurze Studentenzeit in

München. Für meine weiteren Pläne war die Wirtschaftskrise nicht gut.

Ich wollte weiteres Studium der Nationalökonomie zur Erlangung

eines Doktorates mit einer Praktikantenstellung irgendwo vereinigen.

Zunächst bewarb ich mich bei der Frankfurter Zeitung um eine Stelle

in ihrem Handelsteil. Die Frankfurter Fakultät war sehr gut, und

dort eine Dissertation zu machen, schien mir ein großer Preis. Ich

fuhr nach Frankfurt, Heinrich Simon hatte mir gesagt, ich könnte mich

jederzeit bei ihm melden. Erst sah ich den einstigen

Jungdemokratenführer Hans Kallmann (1), der dort zur Redaktion

gehörte, aber er war skeptisch, daß sich nun in der Krisensituation

etwas machen läßt, und Heinrich Simon fand das dann auch. So gab ich

Frankfurt auf und ging nach Berlin.

Rawack & Grünfeld bauten Personal ab, hatten in der Krise große

Verluste durch Vorkäufe von Eisen­ und Manganerzen erlitten, das

entscheidende Gewicht war von Felix Benjamin auf Vertreter der Banken

übergegangen. Die GFE meines Onkels Paul Grünfeld behauptete ihre

führende Stellung in der Ferrolegierungsindustrie, die Krise machte

sich aber auch bemerkbar. Mein Onkel Paul wollte mir helfen, aber

meinte, daß meine besten Möglichkeiten nicht auf der rein

kaufmännischen Seite oder Industrieverwaltung, sondern zum Beispiel

bei Tätigkeit in einem wirtschaftlichen Verband liegen würden. Er

kannte mich ja gut, ich war so viel dort im Haus, und es war

vielleicht nicht unbedingt gebilligt, aber immerhin bemerkt worden,

wie ich mich in politischen Dingen profiliert hatte. Die GFE gehörte

dem Verband zur Wahrung der Interessen der Chemischen Industrie

(genannt Langnamverband) an, und mein Onkel empfahl mich an den

Geschäftsführer Dr. U.. Mein Interview verlief erfolgreich, und er

war bereit, mich anzustellen und das schien unter Dach und Fach.

Bald mußte er mir aber mitteilen, daß sein Kollege Dr. Pietrikowski

ein Veto eingelegt hat, weil es der Vertraulichkeit wegen nicht geht,

daß ein Verwandter eines Verbandsmitgliedes in der Verwaltung

beschäftigt wird. Es war eine große Enttäuschung für mich, und

unerwartet, daß es grade von Dr. Pietrikowski kam. Er war früher mit

dem von einer Posener Familie kontrollierten Ostwerkekonzern

verbunden gewesen und einige Zeit auch Direktor bei Rawack & Grünfeld,

aber ich mußte das einstecken. Dr. U. gab mir statt dessen eine

Empfehlung an seinen Freund Leo Gross, Geschäftsführer des Verbands

des deutschen Großhandels.

Das Interview mit ihm brachte mich nochmals nach Berlin. Wieder sah

ich auch die alten Freunde aus der Hochschulpolitik, auch Wolfgang

Straede kam zu uns ins Kaffee Schön, um mich zu sehen. Einige Tage

vorher war gerade die Gründung der Harzburger Front verkündet worden,

also die Deutschnationalen hatten sich mit Hitler verbündet. Wir im

Kaffee Schön waren voll Empörung und großen Befürchtungen, man fragte

Straede, wie man sich das eigentlich vorstellt, Hitler zur Macht

kommen zu lassen heißt doch, daß es in seiner Alleinmacht enden wird.

Wir schrieben Oktober 1931. Straede bemühte sich, uns zu beruhigen,

nichts werde außer Kontrolle geraten, alles sei dafür vorgesorgt.

Ich verließ das Kaffee mit ihm, und als wir uns unter den Linden

verabschiedeten, fragte ich, was er denn für Änderungen erwartet von

der Harzburger Front. Es wurde deutlich, er meinte auch nicht, daß

alles beim Alten bleibt, diese Harzburger Front hieß viel für ihn,

eben doch eher, daß eine neue Zeit in Deutschland anfangen wird. Ich

erwähnte die Stellung der Juden. Er zögerte ganz kurz, als um

nachzudenken, als ob er bisher, oben im Kaffee, an diesen Punkt gar

nicht besonders gedacht hätte. Ich sah, es kam plötzlich ein etwas

stählerner Blick in das vertraute Gesicht, als ob es einer gewissen

Anstrengung und Entschlossenheit bedurfte, wie er dann sagte, ja, es

wird sich vieles ändern. So trennten wir uns, es gab mir das Gefühl,

daß sich da ein Graben aufgetan hatte.

Da ich wegen einer Praktikantenstelle aus Berlin nichts mehr hörte,

fiel dann die Entscheidung, für meine Dissertation nach Breslau zu

gehen und dabei soviel Zeit wie möglich auch im Geschäft in Kattowitz

zu verbringen. Das schien auch angezeigt, die finanzielle Lage war

dort angespannt geblieben der schlechten Konjunktur wegen. Für die

Ziegelei war als Betriebsleiter ein aus Krakau stammender junger, auf

Keramik spezialisierter Chemischer Ingenieur, Zygmunt Weingrün,

engagiert worden, er schien sehr intelligent und energisch. Meine

Schwester Lotte kam auch nach Kattowitz zurück, um dort in der

Tischlerei der Firma sich auf Möbelfabrikation auszubilden. Die

jüngere Schwester Marianne war noch zu Hause. Ich hatte ja seit 1928

nie mehr viel Zeit in Kattowitz verbracht, mußte mich nun neu mit

manchem vertraut machen.

Meine polnischen Schulkenntnisse hatten sich noch wenig verbessert,

nur gelegentlche Anläufe mit Privatstunden in Ferien, Bemühungen,

Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, aber im privaten Leben gab es

noch kaum polnisch sprechende Kontakte, auch bei der Jugend. Die

meisten meiner deutschen Schulfreunde waren fort in Deutschland, auch

die jüdischen unter ihnen, aber es gab Ferienbesuche von manchen, und

so blieben alte Freunde wie Karl­Heinz Lubowski und Hans­Werner

Niemann, der jetzt auch in Breslau studierte. Als neue, sehr

interessante Kontakte in Kattowitz ergaben sich 2 etwas ältere

jüdische Intellektuelle, die beide Journalisten geworden waren, auch

aus alten deutsch­jüdischen Kattowitzer Familien stammend und dorthin

zurückgekehrt. Einer war Dr. Fritz Guttmann, Nationalökonom aber

auch mit großen Kenntnissen und Urteil in Literatur und Musik. Er

war bei der "Kattowitzer Zeitung" Leiter des Wirtschaftsteils und

auch des Feuilletons geworden. Fritz Guttmann war verheiratet und

lebte mit seiner Familie auf der deutschen Seite in Beuthen, ein

weiterer Grund dort manchmal einen Abend zu verbringen. Das war kein

Problem, der kleine Grenzverkehr, durch das Genfer Abkommen

eingeführt, war ja noch bis 1937 in Kraft. Vorläufig war es

attraktiv für uns, manchmal nach Beuthen zu fahren. Nach 1933 wurde

es dann für manche in Deutsch­Oberschlesien attraktiv, mal nach

Kattowitz zu kommen.

Die andere neue Bekanntschaft in Kattowitz war Dr. Franz Goldstein,

ganz und gar literarisch und künstlerisch eingestellt, unverheiratet.

Die "Wirtschaftliche Vereinigung für Polnisch­Oberschlesien" umfaßte

deutsche Kaufleute und Gewerbetreibende, wobei die deutsch­jüdischen

natürlich einiges Gewicht hatten. Sie wurde, ebenso wie ihre

Wochenzeitung, die "Wirtschaftskorrespondenz für Polen" von Dr.

Alfred Gawlik, zur deutschen katholischen Gruppe gehörend, geleitet,

und bei der Wirtschaftskorrespondenz war Franz Goldstein als

Redakteur angestellt. Er entwickelte dort als Beilage eine Buchrevue

verbunden mit Theater­, Konzert und Filmkritik, durch die er mit

vielen bekannten Schriftstellern in Korrespondenz oder persönlichen

Kontakt kam. Von seiner Münchner Studentenzeit stand er Arnold Zweig

nahe und zeigte sich sehr begeisterungsfähig für manche junge Talente,

zu denen auch Klaus Mann gehört hatte. So gab es in Kattowitz 1931

zwei sehr fortschrittlich und modern eingestellte Feuilletons, die

sich, als ich 1927 zum Studium nach Berlin ging, noch nicht so

profiliert hatten. Die Lage der deutschen Minderheit hatte sich

weiter verschlechtert. Zwar hatten die Wahlen zum Schlesischen Sejm

den Deutschen im Mai 1930 noch ein Drittel der Sitze gebracht, aber

bei einer neuen Wahl im November waren die deutschen Stimmen stark

reduziert und es kam zu deutschen Protesten im Völkerbund gegen

polnischen Wahlterror.

Entscheidend für die weitere Schwächung der deutschen Minderheit

wurde dann im Laufe der Zeit der zunehmende polnische Einfluß in den

Verwaltungen der verschiedenen Industriegesellschaften, die das Bild

seit dem Beginn der 1930er Jahre bald vollkommen veränderten. Der

polnische Staat half nach durch Zwangsaufsichten z.B. nach

Steuerstreits. Es erschien in Oberschlesien eine ganz neue Schicht

von gut ausgebildeten und erfahrenen polnischen Industrieverwaltern

und Ingeneuren, wie es ja auch im übrigen Polen in diesen Jahren zu

einer stärkeren Profilierung industrieller Aktivität kam, zum Teil

unter dem Zeichen des sich in Polen entwickelnden Systems des

"Etatismus". Die Geschäftsaufsichten über Teile der oberschlesischen,

von ausländischem Kapital oder deutschen Adelsfamilien

kontrollierten Schwerindustrie gehörten in dieses Bild.

In Breslau meldete ich mich bei Dr. G. Hesse als Doktorand. Er war zu

seiner Zeit anerkannt als sehr solider Nationalökonom, war Verfasser

eines vielgebrauchten Lehrbuchs und außerdem Leiter des in Breslau

bestehenden Osteuropainstituts. Er nahm mich als Doktorand gleich an

und da ich einiges Polnisch auch die Verhältnisse in Polen etwas

kannte, schlug er vor, als Dissertation eine Arbeit für das

Osteuropainstitut zu machen, und zwar über "Die Auslandsverschuldung

Polens", über die noch keine Publikationen vorlägen. Das nahm ich

auch an und machte mich gleich an die Arbeit. Ich mußte natürlich

auch die verschiedensten Vorlesungen belegen und vor allem an den

volkswirtschaftlichen Seminaren teilnehmen. Sie waren interessant,

Hesses Seminar sehr sachlich, nüchtern und gründlich, viel über

wirtschaftspolitische Fragen, ich sprach selten, aber wurde beachtet.

Der andere Ordinarius war Dr. Bräuer. Sein Seminar war eher

lebhafter, mehr zu Gedankenflügen gegeben. Auch ich sprach öfter,

mußte auch ein Referat über Krise und Konsum halten. Das

Hauptprogramm über ein ganzes Semester wurde J.M. Keynes's "Treatise

on Money" gewidmet, das 1930 erschienen, grade erst in deutscher

Übersetzung vorlag und in Deutschland gleich großes Interesse fand.

Auch ich hatte damals das Gefühl, daß einem die Augen für die

finanziellen Zusammenhänge im modernen wirtschaftlichen Geschehen

geöffnet wurden. Die wöchentlichen Sitzungen über Keynes's Buch, auf

die man sich entsprechend vorbereiten mußte, wurden eine

eindringliche Erfahrung.

Breslau kannte ich ja gut von Jugend auf, meine Großmutter und andere

Verwandte lebten noch dort. In der FWV traf ich wieder viele

Breslauer, die in Berlin mit mir studiert hatten, ein neuer Freund

wurde Heinz Kretschmer, dort war auch der alte Schulfreund Manfred

Danziger. Mit den Schulfreunden, die zu den Korporationen gehörten,

traf ich mich nicht, außer Hans Kuhnert, sie hatten mich ja auf die

Boykottliste gesetzt. Wirkliche Freundschaft verband mich in Breslau

wieder mit Hans­Werner Niemann und ein anderer menschlich wichtiger

Kontakt wurde wieder Rudi Treuenfels. Ich hatte ihn jetzt auch als

Chef seiner großväterlichen Breslauer Großhandelsfirma Grund & Lion

in seinem Büro kennengelernt und seine politischen Verbindungen

hatten weiteres Profil gewonnen. Fritz Klatt war nicht nur ein mit

der Jugendbewegung verbundener Pädagoge, er war auch einer der

Mitbegründer der "Neuen Blätter für den Sozialismus" geworden, die

immer noch eine der wenigen Leitplanken für mich blieben, von denen

man in den aufgeregten Wogen jener Jahre Land glaubte sehen zu können.

Wegen meines starken Asthmas wurde mir für Ende des Wintersemesters

ein Hochgebirgsaufenthalt im Sanatorium des Dr. Guhr auf der

slovakischen Seite der Hohen Tatra verschrieben. Die herrliche

Bergwelt der Tatra, unten das Popradtal und die alten Zipser Städte

und Dörfer gehören zu meinen schönsten Erinnerungen an das alte

Europa.

Das Kurpublikum im Sanatorium und anderen Gebirgsorten war ein buntes

Völkergemisch. Da waren viele tschechische Krankenkassenmitglieder,

ungarische Besucher, manche davon jüdisch, ebenso wie Gäste von den

vielen Tälern der Slowakai, wo es ja außer Slowaken auch noch viele

ungarisch oder deutschspechende Bewohner gab, darunter auch Juden.

Ins Sanatorium kamen viele aus der Umgebung zu Besuch, meist Zipser,

und die hatten auch oft in Budapest studiert. So war das auch mit Dr.

Nitsch, der weniger als Arzt im Sanatorium arbeitete und eigentlich

ein Patient war. Dafür aber gab er Bridge Stunden, und ich wurde

dort ein recht begeisterter aber von Anfang an nicht sehr

vielversprechender Bridge Spieler, nahm auch bald auserhalb der

Stunden viel an Spielen teil, die sich oft auf ungarisch abspielten.

Nach dem Wintersemester 1931/32 verteilte sich meine Aufmerksamkeit

und Zeit mehr gleichmäßig zwischen Anteilnahme am Breslauer Studium,

den geschäftlichen Dingen zu Haus und Entwicklungen in Polen, die

mich nun auch für meine Dissertation sehr angingen.

Die Aufenthalte in Breslau gaben weiter engsten Kontakt mit der

politischen Entwicklung in Deutschland. Sie wurde so beängstigend

und turbulent, daß sie, wo immer man war und sich beschäftigte, die

alles überhängende und beschattende große Beklemmung in diesen

Monaten blieb. Die Arbeitslosenzahl stieg auf über 6 Millionen, die

Nationalsozialisten nahmen weiter an Stimmen und an Kraft und

Rücksichtslosigkeit im häufigen Straßenkampf zu. Die Diskussion über

die Deflationspolitik des Kabinetts Brüning war auch immer heftiger

geworden. Die Meinungen sind noch heute geteilt, ich war sehr gegen

diese Politik eingestellt (2).

Im März 1932 lief Hindenburgs Amtszeit als Reichspräsident ab.

Hitler kandidierte für die Nachfolge, aber Hindenburg war bereit,

sich zur Wiederwahl zu stellen, auch mit der gegen Hitler notwendigen

Unterstützung der Sozialdemokraten, und dieser ProHindenburgblock

gewann auch die Wahl gegen die Nationalsozialisten. Es brachte

Aufatmen und Erleichterung, aber der Block versagte wieder nach dem

erfolgreichen Wahlgang, wenn es zu Kompromissen über Wirtschafts­ und

Außenpolitik hätte kommen müssen. Es gab bei den wichtigsten

Faktoren der bürgerlichen Rechten die irrationale Vorstellung, daß

zwar möglichst ohne Hitler, aber jedenfalls ohne und gegen die

Sozialdemokratie "halbautoritär" regiert werden müsse, als neue

Daseinsform für Deutschland. Schwerindustrie und Reichswehr übten

ihre Einflüsse in dieser Richtung aus. Bald verlor auch Brüning das

Vertrauen Hindenburgs, und schon damals war die Version, daß dies

durch Hindenburgs Mißtrauen wegen der Pläne für Landreform und

bäuerliche Siedlung in Ostelbien verursacht war.

Brüning wurde als Reichskanzler durch einen Herrn v.Papen ersetzt,

vom rechtesten Flügel des Zentrums, als Politiker bisher fast

unbekannt. Die andere Schlüsselfigur im neuen Kabinett blieb der

General v.Schleicher. Brünings Regierung war ja noch eine

parlamentarische gewesen. Wenn auch ohne parlamentarische Mehrheit,

war sie doch personell parlamentarischen Ursprungs. Das neue

Kabinett Papen war das nicht und sein Hervortreten löste Skepsis und

vermehrte Unsicherheit aus. Brüning hatte mit Hindenburgs und

Schleichers Zusstimmung nach der erfolgreichen Wiederwahl Hindenburgs

eine Verordnung für Auflösung und Verbot der bewaffneten

nationalsozialistischen Kampforganisation SA erlassen, die Regierung

Papen hob es wieder auf (3). Als etwas wie Papens politische Heimat

und Profil wurde der "Herrenklub" in Berlin genannt, der breiten

Öffentlichkeit ganz unbekannt.

Er war einige Wochen im Amt, als ich in Kattowitz zum Bridge bei der

Frau Else Silberstein eingeladen war und dort Herrn v.d. Knesebeck

traf, Leiter des Büros der Kohlenhandelsfirma Caesar Wollheim im

deutsch­oberschlesischen Gleiwitz. Er schien öfters nach Kattowitz

zu kommen und wohnte bei Frau Silberstein, die ja seit vielen

Jahrzehnten weiter eine Position im Kohlenhandel aufrecht erhalten

hatte. Der andere Gast war Direktor Waclawek der Kattowitzer Firma

"Progress", welche die polnischoberschlesischen Geschäfte von Caesar

Wollheim übernommen hatte. Er war ein guter Pole. Zum abendlichen

Bridge war ich dazugeladen worden. Mein Bridge war nicht so

wunderbar, aber es gab angeregte Unterhaltung, und als Besorgnis über

die neue Regierung in Deutschland laut wurde, stellte es sich heraus,

daß v.d. Knesebeck ein Mitglied des Herrenklubs in Berlin war.

Vermutlich hätte er das nie erwähnt, aber die Eröffnung war gewiss

zeitgemäß. Er stellte Herrn v. Papen in bestem Licht dar, den

Herrenklub als die Elite der Besonnenen und Verantwortungsvollen und

die sicherste Bastion gegen eine Machtübernahme Hitlers. So war es

ja dann leider nicht.

Die Regierung Papen schien zunächst auf Distanz zu Hitler zu halten,

schwächte aber die Weimarer Republik entscheidend durch die

gewaltsame Absetzung der preußischen Regierung, ein großer Schock,

auch weil es so glatt und widerstandslos vor sich ging. Es war

traurig. Aus gingen Otto Braun und Severing, Abegg und die

republikanische Gewalt über und durch die von ihnen so

wohlorganisierte preußische Polizei.

Als ich zum Beginn des Wintersemesters 1932/33 nach Breslau, mit

meiner Dissertation schon weit gediehen, zurückkam, hatten sich die

politischen Verwicklungen weiter gesteigert, aber es gab auch einige

scheinbare Lichtblicke. Bei einer Reichstagswahl im Juli hatten die

Nazis selbst mit ihrem Harzburg­Partner Hugenberg zusammen nicht die

Mehrheit der Stimmen errungen. Die Reichstagsmehrheit allerdings

bestand nun aus Nazis und Kommunisten. Diese lehnten mehr noch

stärker als bisher jegliche Fühlungnahme oder gar Zusammenarbeit mit

den Sozialdemokraten und anderen Arbeiterorganisationen ab. Als ihre

Parole verbreitete sich, man müsse nun auf das Vierte Reich warten.

Das also war Moskaus Politik.

Eine niederschmetternde Erfahrung und Gefühl eines beginnenden Chaos

wurde für mich der Berliner Verkehrsarbeiterstreik vom 3. November

1932, der zu einer fünftägigen Lähmung der Berliner Verkehrsmittel

gerade im Augenblick der weiteren Reichtagswahl vom 6. November

führte, und zu dem, gegen den Willen der sozialdemokratischen Freien

Gewerkschaften, die Nationalsozialisten und Kommunisten gleichzeitig

aufgerufen hatten (4).

Die Juliwahl hatte den Nationalsozialisten mit 37.8% (5) die höchste

Stimmenzahl vor ihrer Machtergreifung gebracht. Die Regierung

Papen/Schleicher, im Einverständnis mit Hindenburg und Hugenberg,

versuchte auf eine Lösung durch erhoffte "Zähmung der

Nationalsozialisten" hin zu arbeiten, eine Illusion, die Hitler bald

durch Forderung auf die ganze Macht zerstörte. Der Reichstag wurde

wieder aufgelöst und die Wahlen vom 6. November 1932 brachten zum

ersten Mal wieder einen Rückgang der nationalsozialistischen Stimmen.

Auch die Finanzen der Partei hatten gelitten. Es gab unterdeß auch

Anzeichen einer beginnenden Verbesserung in Weltwirtschafts­ und

deutscher Wirtschaftskrise. Die parlamentarische Lähmung im

Reichstag aber dauerte an mit Nazis und Kommunisten in knapper

Mehrheit, Hitler bestand weiter auf der Kanzlerschaft, die Hindenburg

ihm mit Schleicher verweigerte. So erschien ein neues Konzept für

eine von außerhalb des Parlaments kommende Lösung ein Gebot der

Stunde. Der "Tatkreis" hatte dafür seit langem agitiert, mit

Schleicher als Schlüsselfigur für eine "Dritte Front", gestützt auf

der einen Seite auf die Freien Gewerkschaften unter Führung von

Leipart, wo es Bedenken gab gegen den sozialdemokratischen Kurs

weiterer Verweigerung von Hilfe für die Politik der herrschenden

halbmilitärischen Regierung, um Hitler von der Macht fernzuhalten.

Auf der anderen Seite gab es die mehr zum Sozialismus drängenden

Kreise der Nazipartei um den scheinbar mächtigen

"Reichsorganistionsleiter" der Partei, Gregor Strasser, der sich

gegen Hitlers Bestehen auf totaler Machtübernahme gewandt hatte.

Eine bekannte Berliner Tageszeitung, die "Tägliche Rundschau", war

für den "Tatkreis" gekauft worden, vermeintlich mit Schleichers

Unterstützung, mit Zehrer seit September 1932 als Chefredakteur.

Papen hatte Hindenburg keine parlamentarische Mehrheit für seine

Regierung beschafft und mußte zurücktreten, Hindenburg machte Ende

November 1932 Schleicher zum Reichskanzler. Zehrers Aktivitäten und

Entwicklung hatte ich ja seit Herbst 1929 aufmerksam und mit, wenn

auch gar nicht unqualifizierter Anteilnahme verfolgt, seine

Schlüsselstellung als scheinbarer Sprecher Schleichers (6) brachte

mich diesen letzten verzweifelten Anstrengungen gegen Hitlers

Machtübernahme besonders nahe.

Auch sonst gab es auf der Linken neben den Gewerkschaften Leiparts

Zeichen von Zustimmung. Leopold Schwarzschild hatte mit seiner

antideflationistischen Kampagne zur Arbeitsbeschaffung in einer

gemeinsamen Front mit Leipart und den Gewerkschaften Stellung bezogen.

Bei allem Abstand zwischen ihm und der "Tat" kam er zum Schluß, daß

nur die Unterstützung einer aufgeklärten autoritären Regierung das

Schlimmste, nämlich Hitler's Machtübernahme, verhindern könne (7).

Der Kreis um die "Neuen Blätter für den Sozialismus" hatte auch an

"Brückenbau" zwischen links­ und rechtsgerichteten sozialistischen

Kräften gearbeitet, auch mit Kontakt u.a. mit Otto Strasser (8). Bei

den Neuen Blättern war man aber anscheinend skeptisch über eine

solche "Einheitsfront" um Schleicher, aber die Fühlungnahme wird als

Teil der in diese Richtung gehenden Anstrengungen gesehen (9).

Schleicher's Pläne für eine "Dritte Front" kamen nicht zum Zug. Er

dachte wohl auch immer noch an eine "Zähmung" der Nationalsozialisten

als Alternative. Die Heeresleitung war zweifelhaft, ob ein Einsatz

der Reichswehr gegen Hitlers Kampfverbände noch durchführbar sein

würde. Strasser schien den Stein ins Rollen zu bringen und legte mit

einem Applomb am 8. Dezember alle seine Ämter in der NSDAP nieder.

Es schockierte Hitler, er soll von Selbstmord gesprochen haben (10),

aber es kam nicht zur erwarteten Spaltung der Partei. Auf der

anderen Seite wurde auch Leipart vom Parteivorstand der SPD

zurückbeordert (11), der abgesetzte v. Papen sorgte über Schleichers

Kopf für neuen rechtsbürgerlichen Support für Hitler und schließlich

für Hindenburgs Beschluß, Hitler am 30.Januar 1933 zum Reichskanzler

zu ernennen (12).

Rückblicke · 第 14 / 27 段