Slowakei, war faszinierend und auch herzerwärmend. Man war sich
bewußt, daß es auch dadurch jahrhundertealter Ort vieler Spannungen
und Konflikte war, aber das Zusammenfließen so verschiedener
Traditionen und das Zusammenleben so vieler Bevölkerungsteile machte
es zu einer sehr mitteleuropäischen Szene, und die Donau floß
majestätisch dahin, auf dem Weg von Wien nach Budapest. Die
offizielle Sprache war slowakisch, aber ebenso wie bei Eß und
Trinksitten gab es viel ungarisches, österreichisches oder deutsches.
Die lokale Vorbereitung und dann auch Leitung der Veranstaltung lag
in den Händen der slowakischen Studenten unter der sehr
selbstbewußten und sich profilierenden Leitung von Dr. A. Kunosi, auch
das schien mir ein Unterstreichen mitteleuropäischer Vielfalt. Die
Tagung (54) mit etwa 100 Teilnehmern sollte einer wissenschaftlichen
Diskussion der verschiedenen Themenkreise dienen, einer klareren
Definition gemeinsamer mitteleuropäischer Interessen und kulturellen
Zusammenhänge. Letztere mündeten auch wieder in Betonung der
nationalen Minderheitenprobleme und wurden unterstrichen durch einen
Überraschungsbesuch und Ansprache des Sekretärs des
Minderheitenkongresses Dr. Ewald Amende. Ich habe gar nicht
nachgeforscht, wer den inszeniert hatte.
Die österreichische Delegation hatte auf der Tagung einige neue, und
zwar rechtsgerichtete Mitglieder, was sich später dann zunächst
wieder geändert hat, aber dort fiel es mir sehr auf (55).
Das Hauptgewicht der Tagung lag auf den gemeinsamen wirtschaftlichen
Interessen der mitteleuropäischen Staaten (56). Das war ja schon der
aktuelle Ausgangspunkt für unsere Initiative im September 1930 in
Genf für solch eine mitteleuropäische Studentenkonferenz. Gemeinsame
wirtschaftliche Schutzmaßnahmen waren gewiß nicht im Sinne einer
freien internationalen Marktwirtschaft, aber der Glaube daran war
unter den schweren Stößen der Krise mit ihrem Verfall der Agrarmärkte
und den einseitigen amerikanischen Zollmaßnahmen verblaßt. Für eine
wirtschaftliche Zusammenarbeit betroffener mitteleuropäischer Staaten
gab es aber wenig politisches und kulturelles Gemeinschaftsgefühl
nach 1918 und es galt, dies zu erarbeiten. Wie hätte das besser
eingeleitet werden können als durch eine Inititative der Deutschen
und Tschechen, wie wir es getan hatten, wenn auch nur auf einer
kleinen Nebenbühne, und wir hatten Zustimmung gefunden (57).
Auf der Hauptbühne der Geschichte aber nahmen die Dinge einen ganz
anderen, einen verhängnisvollen Kurs. Nach Abschluß der Preßburger
Tagung fuhren wir alle nach Wien, wo am 22. März die Ratstagung der
FUI begann. Man fuhr in einem noch aus österreichischen Tagen
bestehendem Lokalzug, eigentlich war es eine Art Straßenbahn, die
Bratislava mit Wien verband, und die Tagungsteilnehmer verschiedener
Nationen saßen in großen Gruppen zusammen in den Wagen dieser Bahn.
Plötzlich eilte die Meldung durch unsere Gruppen, Morgenzeitungen
wurden herumgereicht, Deutschland verkündete den Abschluß einer
Zollunion mit Österreich. Die Überraschung war übergroß, auch die
Befremdung. Niemand in der deutschen Delegation von links bis rechts
hatte vorher davon gehört oder es ahnen können. Es war den anderen
Delegationen gegenüber natürlich peinlich. Da hatte man noch am
Vortag über Verständigung und Zusammenarbeit in und für Mitteleuropa
diskutiert, und am nächsten morgen kommen die deutsche und
österreichische Regierung mit diesem Überraschungscoup heraus, der
anscheinend mit keiner anderen Regierung vorher besprochen, sondern
vollkommen geheim gehalten worden war.
Jetzt dämmerte einem auch, warum möglicherweise das deutsche
Auswärtige Amt einige Wochen vorher plötzlich unsere Tagung abgesagt
haben wollte. Da saßen wir also nun alle zusammen in dem Zug, der
der Donau entlang fuhr. Es klang gar nicht gut, diese Nachricht von
der Zollunion, und besonders in der Gesellschaft, in der wir uns
befanden (58).
Zunächst wickelte sich dann die FUI Ratstagung in Wien ganz planmäßig
ab, die Atmosphäre des alten und neueren Wiens tat auch das ihre (59).
Auf der Tagung beantragte die Schweizer Delegation, geführt von
Jacques Kunstenaar, gemeinsam mit den Kanadiern, daß die FUI sich für
einen Erfolg der vom Völkerbund geplanten Abrüstungskonferenz
aussprechen und in allen Ländern dafür aktive Propaganda machen
sollte.
In der Danziger Frage wurde die Aufnahme der FUI Gruppe bis 1932
bestätigt, mit Auflagen für guten Willen, bei der vorgeschriebenen
Konsultation zwischen deutschen und polnischen Mitgliedern. Eine
bemerkenswerte Einigung zwischen verschiedenen Gruppen in der
Tschechoslowakei wurde während der Wiener Ratstagung für deren
Vertretung in der FUI erzielt. Sie sollte in Zukunft aus zwei
tschechischen, einer slowakischen und einer deutschen Gruppe bestehen,
die jede je zwei Vertreter in den Vorstand entsenden, der Vorsitz
jährlich rotieren sollte (60). Dies schien wirklich ein guter
Schritt in Richtung pluralistischer Lösungen und ein guter Nachklang
zu unserer Preßburg Tagung zu sein.
Umso schlimmer war der Nachhall zum deutschösterreichischen
Zollunionsplan. Auch in heutiger Literatur wird das Katastrophale
dieser Wende voll gewürdigt (61). Wirtschaftlich wuchs es sich zur
entscheidenden Katastrophe aus, der Abzug ausländischer Kredite aus
Österreich verstärkte sich dramatisch. Ein großer Teil wurde
gezielten Vergeltungsmaßnahmen der Franzosen zugeschrieben, bis im
Mai 1931 die Wiener Kreditanstalt zusammenbrach, gefolgt im Juli 1931
vom Zusammenbruch der deutschen Danatbank und Devisenbewirtschaftung
in Deutschland.
Auf der politischen Seite brachten die Engländer den Streit vor den
Völkerbundsrat, der ihn dem Haager Gericht überwieß. Vor dessen
Urteil schon zog sich Österreich von dem Plan zurück, das Urteil
erging dann gegen die Zollunion als eine Verletzung bestehender
völkerrechtlicher Verpflichtungen. Anfang Oktober 1931 trat der
deutsche Außenminister Curtius von seinem Amt zurück. Die Politik
des Auswärtigen Amts änderte sich aber nicht, die Zeiten allerdings
wohl. Während der Zollunionsplan 1931 am allgemeinen Widerstand in
Europa gescheitert war, brachten spätere vertragswidrige deutsche
Schritte wie Hitlers Wiederaufrüstung und Remilitarisierung des
Rheinlands 1936 keine entsprechenden Reaktionen der anderen Mächte.
1939 wurde das Maß voll, und nach österreichischem Anschluß, München
und Prag kam es dann über die deutschen Revisionsansprüche auf den
polnischen Korridor, Danzig und Ostoberschlesien zu entschiedener
Ablehnung seitens der Alliierten, zu Hitlers bewaffneten Angriff auf
Polen und zum 2. Weltkrieg.
Der Anfang, der "Sündenfall", war mir immer in so lebhafter
Erinnerung geblieben, weil ich ihn von so nahe erlebt hatte. Die
Sünde war durchaus nicht nur die irrige Einschätzung der eigenen
Stärke und der wahrscheinlichen Reaktion der anderen, nein, es war
der Irrtum, daß Deutschland in Europa anders als unter dem Leitstern
föderativer Politik und Gesinnung handeln kann. Meine Rückkehr von
der Wiener Ratstagung bedeutete auch meinen Abschied von aktiver
politischer Tätigkeit im Studentenleben.
B) München
Wie zur Vorbereitung auf den neuen Abschnitt meines Studiums in
München war grade der dort spielende große zeithistorische Roman Lion
Feuchtwangers "Der Erfolg" erschienen, ich hatte ihn verschlungen.
Diese Art von Porträtieren, alles Politische, die kulturelle
Geschichte und Szene, mit so lebendig werdenden Personen, teils
Fiktion, teils Schlüsselroman schien mir der Gipfel zeitgenössischer
Erzählkunst. Gewiß, es gab da auch neben der lebendigen, wenn
manchmal auch derben Menschlichkeit viel Unrecht, Gewalt und Intrige,
aber ich sah meiner Zeit in München erwartungsvoll entgegen. Ich
wurde auch nicht enttäuscht. Menschen und Klima, Stadtbild und Land
waren wie ein kräftiger Trunk nach vier hektischen Jahren in Berlin.
Hier lebte man auch mit Zeugnissen noch längerer geschichtlicher
Vergangenheit, mir besonders in Erinnerung von einem Wochenende in
dem benachbarten Augsburg, mit seinen alten Kirchen und Bürgerhäusern.
Nun wußte ich schon, Augsburg war schon schwäbisch, der Norden
Bayerns war ja fränkisch. Von den "complexities", die ich von
Schlesien und Berlin, von ihren "ostmärkischen" Ursprüngen her
gewohnt war, gab es hier in Bayern neue Vielfalt, eigentlich selbst
ein erfolgreicher Föderativstaat, aber es wurde nicht viel darüber
gesprochen und es gab ja auch keine dem entsprechende Struktur. Von
der langen, gemeinsamen monarchischen Geschichte her schien das alles
gut unter Dach und Fach.
Die absorbierende Beanspruchung durch verschiedene politische Pläne
und Funktionen hatte ich nun hinter mir, die neue Umgebung war
fruchtbarer Boden für den Drang, nun neben Studium mehr Raum für
eigenes Privatleben und Neigungen zu lassen. Guter Freund in der FWV
München wurde Ralph Kleemann (1), der aus Nürnberg kam. Durch ihn
lernte ich auch eine Psychologiestudentin aus Nürnberg kennen, mit
der ich mich sehr anfreundete. Das Leben sah ganz anders aus da in
München.
An der Technischen Hochschule sah ich Chancen, das Diplomexamen schon
Ende des Sommersemester zu machen, aber ich ging dafür auch zu dem
"Repetitor" Dr. Broich, sehr kompetent, von nüchternem, sachlichen
Urteil, außer wenn seine nationalistischen Ansichten berührt waren.
Er kam aus dem 1918 von Deutschland an Belgien abgetretenen
EupenMalmedy, ein Original, arbeitete trotz vorgerückter Jahre an
seinem dritten Doktortitel. Ich brauchte für mein Examen
Finanzwissenschaft, was in Charlottenburg nicht zum Curriculum gehört
hatte, mehr Volkswirtschaft und Jura, alles an der Universität zu
belegen, wo ich also oft hinkam. Das Repetitorium war direkt
gegenüber der Rückseite der Universität.
Natürlich ging ich auch zum Demokratischen Studentenbund München. Er
war auch hin und hergerissen zwischen Staatspartei, aber eher
neigend zu der von Nürnberg her aktiven Gruppe, die sich unter dem
Pazifisten Ludwig Quidde und dem Nürnberger Oberbürgermeister Lubbe
nach links abgespalten hatte. Zu ihnen neigte damals auch ein
aktives Mitglied des Demokratischen Studentenbundes, Walter Seuffert,
mit dem ich während meiner Münchner Zeit viel zusammen war und auch
noch später korrespondiert habe. Trotz manchmal gegensätzlicher
Einstellungen verstanden wir uns, aber es gab manche nächtliche
Spaziergänge mit lebhaften Auseinandersetzungen.
Nicht nur, daß er ganz klar für QuiddeLubbe war, das schien mir eine
schmale politische Basis und ich wollte die Hoffnung auf die
Staatspartei noch nicht ganz aufgeben, aber die Aufmerksamkeit, die
ich einigen Ansichten des "Tatkreises" zu geben bereit war, brachte
ihn sehr auf, und er fing da bei Kant an, das heißt, schon mein
Interesse an Bergson und Husserl war ihm suspekt. Es waren
interessante Unterhaltungen mit ihm, an die ich oft gedacht habe. Er
kam aus Darmstadt, von einer Familie bekannter deutscher Juristen,
und war damals an der Universität München auch Assistent des
Staatsrechtlers Dr. Nawiaski.
Eine andere Bekanntschaft, die ich im Demokratischen Studentenbund
machte, war der Buchhändler Sternecke und seine Tochter. Er war in
der demokratischen Partei aktiv gewesen, seine Buchhandlung ein
Sammelpunkt für fortschrittlich und liberal denkende Menschen. Es
erstaunte mich aber, als ich erzählte, mit welcher Erwartung ich nach
München gekommen war nach der Lektüre von Lion Feuchtwangers "Erfolg",
daß er sehr antagonistisch reagierte. Er sagte, Feuchtwanger sei
ein guter Freund und im selben Kreis gewesen, aber habe alle
enttäuscht, er habe München in den Rücken gestoßen mit diesem Buch.
Eine große Patronin des Demokratischen Studentenbunds in München war
Frau Constanze Hallgarten. Schon in meiner Zeit im Deutschen
Studentenverband in Berlin hatte ich von ihr gehört. Sie hatte
unsere Münchner Freunde Hammelburger (er lebte leider nicht mehr als
ich nun dort studierte) und Oldenburg sehr unterstützt in ihrem Kampf,
den Status der Deutschen Studentenschaft in Bayern zu reduzieren,
wie sie mir während des Republikanischen Studententags im Januar 1930
sehr lebhaft berichtet hatten. Sie lud jedes Jahr die demokratischen
Studenten für einen Abend in ihr Haus; die Chance habe ich verfehlt.
Es interessierte mich natürlich, wie sich die Verhältnisse in der
Hochschulpolitik in München entwickelten, und will das auch noch
skizzieren, nachdem ich schon soviel über Berlin berichtet habe (2).
In Bayern waren die staatlich anerkannten Studentenschaften nicht
aufgelöst worden. Es gab also weiter allgemeine "Asta" Wahlen und
diese hatten immer eine hohe Beteiligung. Wie überall war die
beherschende Kraft bisher die Gemeinschaft der "waffentragenden"
völkischen Korporationen, in München der "Waffenring", den man
gewöhnlich als deutschnational eingestellt ansah, obwohl er durchaus
nicht parteipolitisch gebunden oder organisiert war. Es gab aber
außerdem dort eine katholische Liste, die politisch gemäßigter war.
Auch die Nationalsozialisten traten mit mit einer eigenen Liste auf.
1928 errangen sie an der Universität drei und 1929 dann fünf Sitze
(auf Kosten des Waffenrings) von gesamt 30. Die republikanischen
Studenten blieben bei ihren drei Sitzen und die Katholiken bei ihren
sieben (3). Es gelang den republikanischen Studenten und ihren
Parteien nicht, von der bayrischen Regierung oder im Parlament die
Entziehung der staatlichen Anerkennung der von den völkischen Rechten
beherrschten Studentenschaft zu erreichen, aber die katholische
Bayrische Volkspartei, Hauptregierungspartei, schloß sich
republikanischer Initiative und damit der Politik des preußischen
Kultusministers Becker soweit an, daß der bayrische Kultusminister
die Beiträge der bayrischen Studentenschaften an die Zentrale der
Deutschen Studentenschaft in Berlin sperrte. Diese Deutsche
Studentenschaft war, da die preußischen Studenten seit 1928 keine
Zwangsbeiträge mehr zu zahlen hatten, schon in finanzielle Engpässe
geraten. An diesem Erfolg in Bayern hatte auch der
sozialdemokratische Abgeordnete im bayrischen Landtag Dr. Hoegner
großen Anteil, aber eben auch die diskrete Tätigkeit von Constanze
Hallgarten.
Das Anwachsen der Nationalsozialisten auf Kosten des Waffenrings
brachte diesen und gemäßigtere Rechtsgruppen in eine latente
Abwehrstellung. Die Nationalsozialisten traten sehr provokativ auf,
mehrfach waren sie im Asta ganz isoliert und die gemäßigtere Rechte
mit den Katholiken stimmten zusammen mit den republikanischen
Vertretern gegen die Nazis (4). Das erinnerte mich zeitweise an
Vorgänge an der TH Charlottenburg, aber in München machte die
Existenz des geschlossenen, eigenständigen katholischen Blocks einen
weiteren Unterschied. Es gab also immer wieder Machtkämpfe im
Münchner Asta, so wie es schon in Berlin sogar Ehrengerichtssachen
zwischen Korporations und Nazivertretern in den zentralen Gremien
der Deutschen Studentenschaft gegeben hatte.
Die Münchner Universität hatte ihre schwersten Unruhen im Sommer 1931
mit dem "Fall Nawiasky" zu bestehen. Die Wahlen danach im November
1931 brachten den Nazis nicht die erwartete Astamehrheit, sondern nur
elf von 30 Sitzen, die Wahlen ein Jahr später im November 1932
zeigten bereits eine Reduktion der Nationalsozialisten auf zehn Sitze.
Schon 1931 hatten sich die Gegner der Nazis gut konsolidiert, zu den
Katholiken war eine Liste für Fachschaftsarbeit gekommen, 1932
erschienen unter den Nichtnazis auch eine Deutschnationale und eine
Stahlhelmgruppe mit je zwei Sitzen, der Waffenring war reduziert auf
nur vier Sitze. Das war also das Bild der Münchner
Universitätsstudentenschaft kurz vor Hitlers Machtübernahme. Die
Nazis erhielten nur 37% der Stimmen, die Wahlbeteiligung war von 93%
auf 80% gesunken.
Die Nazis hatten es immer wieder verstanden, durch patriotische
Parolen die anderen nationalistischen Astagruppen für gemeinsame
Aktionen mit sich zu reißen, aber sie brachten die anderen "Partner"
durch maßloses Verhalten immer wieder in Verlegenheit mit Hochschule
und bayrischer Regierung, so daß sie sich bis zur Machtübernahme
Hitlers wiederholt isoliert fanden. Bei der Reichspräsidentenwahl
1932 beschloß der Asta eine Adresse an Hindenburg, d.h., er
unterstützte die damalige Kandidatur Hindenburgs gegen Hitler, wieder
eine Abstimmung, bei der sich die Nazivertreter isoliert sahen. Es
kam zu einer Maßregelung des Naziführers durch Rektor und Senat,
schließlich sogar zur Suspendierung des Nationalsozialistischen
Studentenbundes für das Wintersemester 1931/32.
Diese Einzelheiten (aus den vielen Pressezitaten in der Dissertation
von L. Franz gefunden, und vielleicht von gewissem zeitgeschichtlichen
Interesse) habe ich hier kurz erwähnt, sie nehmen spätere Vorgänge
voraus, ich selbst habe ja nur das Sommersemester 1931 in München
zugebracht.
Zu den engsten Freunden Walter Seuffert's gehörte damals Ernst v.
Borsig, den ich auch schon beim Repetitor Broich kennengelernt hatte.
Wir trafen uns öfters, besonders zum Mittagessen in der Osteria
Bavaria an der Schellingstraße, es war ein recht gutes, gepflegtes
und ruhiges, aber zwangloses Restaurant, einige Studenten, viele
höhere Beamte, man saß oft im Garten. Wir gingen auch manchmal
zusammen zu Veranstaltungen, so zu einem Vortragsabend der
Staatspartei, an dem der Nationalökonom Dr. v. ZwiedeneckSüdenhorst
sprach, und einem Abend im PolitischAkademischen Klub, eine
spezifische Münchner Einrichtung, überparteilich, an dem der frühere
preußische Kultusminister Becker sprach. Ich kannte ihn ja aus
Berlin, und meldete mich auch bei ihm.
Wenn man an Politik interessiert und schon in München war, gehörte
dazu natürlich auch, daß man sich dafür interessierte, wie Hitlers
Partei aus nächster Nähe aussah und was man über sie am Ort erfahren
und sehen würde. Es war allerdings keineswegs so, daß sie im München
von 1931 eine wirklich überbordende Erscheinung waren, so etwa ganz
München, die "Stadt der Bewegung". Ich fragte mal, ob man die
führenden Leute der Partei auch sonst mal sehe, was für Lokale sie
besuchen. Da war, wurde gesagt, ein Bräu in der Schellingstraße, wo
z.b. Gregor Strasser und Frick oft saßen. Auch Hitler, nein wurde
gesagt, eigentlich nicht.
Als ich eines Tages mit Seuffert und v. Borsig in der Osteria Bavaria
saß, sah ich einen untersetzten, eher dunkel wirkenden Mann zwei
Tische entfernt, ich weiß noch heute nicht wieso, aber meine Blicke
gingen immer wieder auf diesen Mann, er schaute eher finster drein,
und schien einen auch anzustarren. Plötzlich dämmerte mir etwas, ich
fragte meine Freunde, ob das nicht der Hitler wäre, ja, sagten sie,
der kommt hier öfters her. Mein Erstaunen schien also ganz
unangebracht, niemand schien ihn zu beachten, er saß mit drei anderen
Männern an einem Vierertisch, wie die meisten waren. Ich habe ihn
dort dann noch öfters gesehen, aber nie mehr in so großer Nähe, also
diesen merkwürdigen Zwang, mir einen noch Unbekannten immer wieder
anzusehen, als ob ein böses Fluidum von ihm ausgehe, das war eine
einmalige Begebenheit, aber seine weiteren Auftritte waren aus
anderen Gründen kaum zu übersehen. Er kam meist in größerer
Gesellschaft von acht bis zehn Personen und die schien so merkwürdig,
daß ich mich an diesen Aufzug oft erinnert habe. Fast immer war der
Photograph Hoffman, Hitlers Chauffeur und ein anderer Chauffeur des
Braunen Hauses, wie man mir erklärte und natürlich Brückner, den man
meist schon vorher sah, da er das Gelände anscheinend zu erkunden und
einen Tisch zu arrangieren hatte, dabei. Es waren manchmal auch
einige andere Uniformierte, manchmal auch eine jüngere Frau, die an
der untersten Ecke des Tisches saß. Was für ein eigenartiger Aufzug,
was für ein Mann mußte das sein. Kam er in dieser Gesellschaft
dorthin, um die Bürger zu schockieren, oder weil er es so am liebsten
hatte? Die Auftritte blieben nicht so unbeachtet, als der Sommer
voranging, als man merkte, daß ein oder zwei der alten Kellnerinnen
ihre Begeisterung für den Gast kaum verbergen konnten, die sich aber
sonst kaum jemandem unter den Gästen dieses bourgeoisintellektuellen
Lokals sichtbar mitzuteilen schien.
Es hatte schon an verschiedenen Hochschulen Naziagitationen gegen
einzelne politisch linke Professoren gegeben, in München gab es am 26.
Juni 1931 dann die Auschreitungen gegen den bekannten Staatsrechtler
Hans Nawiasky. Obgleich sie wie eine Reaktion auf seine Äußerungen
in einer Vorlesung, über die der Völkische Beobachter am Vortage
berichtet hatte, aussehen sollten, gab es Anzeichen, daß sie von den
Nazis schon vorher geplant waren (5). Nawiasky war jüdischer
Abstammung, in Czernowitz geboren, aber ein prominenter katholischer
Staatsrechtslehrer geworden, der nun allerdings durchaus nicht
politisch links stand. Er war erst in der angestammten
österreichischen Monarchie, dann in Bayern, auch Rechtsberater der
bayrischen Regierung gewesen. In einer Vorlesung hatte er,
ausdrücklich nur für seine Hörer bestimmt, Fragen internationaler
Verträge erörtert, es näherte sich der Jahrestag des Versailler
Vertrages, und bemerkt, daß die Deutschen ja den Russen 1917 in
BrestLitowsk auch sehr harte Friedensbedingungen auferlegt hatten.
Da hatte es zunächst gar keine Unruhe gegeben, aber Nawiasky erhielt
Warnungen, daß solche geplant seien. In der schon spät am 25.Juni
erscheinenden Ausgabe des Naziorgans vom 26.Juni war der Fall
Nawiasky ganz groß und hetzerisch aufgemacht, ganz klar als Signal zu
gewalttätigen Protestaktionen an der Universität.
Meine Verwicklung darin blieb begrenzt, ich war ja an der TH und
schon so gut wie im Examen, aber gleich früh war es bei dem Repetitor
Broich beinahe zu einem Handgemenge zwischen einem Nazistudenten in
SA Uniform und v. Borsig gekommen, der sich sehr scharf gegen die
Angriffe der Nazis auf Nawiasky gewandt hatte. Broich, selbst
kritisch gegen Nawiasky, konnte Gewalttätigkeit verhindern, aber
gegenüber in der Universität brach sie dann aus. Walther Seuffert
wurde dabei verletzt. Ich war in die TH gegangen, aber besorgt, was
passieren würde, ging zum Mittagbrot in die Osteria, und da saß
Seuffert ganz allein, immer noch sehr erregt, unter dem Auge noch
immer eine blutende Wunde (6). Er wollte nicht zum Arzt gehen,
erzählte statt dessen, wie sich die Krawalle um Nawiaskys Vorlesung
an diesem Morgen abgespielt hatten und er selbst dabei tätlich
angegriffen und verletzt wurde.
Die Nazis setzten die Krawalle noch in der folgenden Woche fort, bis
der Rektor am Dienstag 2.Juli die Universität schloß. Sie wurde am 6.
Juli wieder geöffnet. Nicht nur Nawiasky, auch der Rektor hatten
sich sehr vorbildlich benommen, und am 8.Juli verurteilte dann auch
der Asta der Studentenschaft die nationalsozialistischen
Ausschreitungen (7). So endete der Fall Nawiasky wieder mit erneuter
Isolierung der Nationalsozialisten, aber sie hatten von sich reden
gemacht.
Während meines Münchner Studiums hatte ich mich noch für ein
hochschulpolitisches Anliegen interessiert, die Bildung von
Fachschaften, durch die Studenten einer Fachrichtung ihre besonderen
Interesen wahrnehmen könnten, und daß eine Zusammenarbeit solcher
Fachschaften dann vielleicht die studentische Selbstverwaltung
anstelle der so hochpolitisierten Studentenschaft und ihrer Astas
übernehmen könnte. Das war schon in Charlottenburg nach Auflösung
der staatlich anerkannten Studentenschaft ein Plan gewesen (8).
Meine demokratischen Freunde baten mich auch an den Besprechungen
teilzunehmen, die grade in München aktuell wurden. Sie gingen noch
nicht sehr weit damals, aber ein Stein kam ins Rollen. In späteren
Semstern gab es dann in München eine Fachschaftsliste bei den
Astawahlen, die dazu beitrug, eine Nazimehrheit an der Universität
bis zu Hitlers Machtübernahme zu verhindern.