Die gemeinsame wirtschaftspolitische Betroffenheit aber war da, und

in einer Zusammenkunft von Mitgliedern der deutschen und

tschechischen Delegationen wurde darüber gesprochen. Was war also

Geschichte und heutige Basis solcher gemeinsamen mitteleuropäischen

Situation? Es entstand der Plan, eine mitteleuropäische

Studentenkonferenz im Rahmen der FUI zu veranstalten, auf der die

Fragen mehr wissenschaftlich behandelt werden könnten. Wir

verabredeten, daß dies eine gemeinsame Initiative der deutschen und

tschechoslowakischen Mitgliedgruppen der FUI sein sollte und die

beiden Delegationen sich zu Beginn des Wintersemesters wieder in

Verbindung setzen würden. Dieses Projekt schien mir ein gutes

Vorhaben.

Später, vom 16. bis 21. September, hielt der Deutsche Studentenverband

zusammen mit französischen Studentenorganisationen in Mannheim ein

deutsch­französisches Studententreffen ab, an dem ich diesmal nicht

teilnahm.

Wir hatten in Genf auch Zusammenkünfte mit der französischen

Delegation, zu der auch der Radikalsozialist Robert Lange gehörte,

bald darauf das jüngste Mitglied der französischen Kammer. Ein sehr

enger französischer Kontakt wurde Jean Dupuy, der als Generalsekretär

der FUI wiedergewählt wurde. Wir hatten uns gut kennengelernt. Bei

dem Mannheimer deutsch­französischen Treffen war bereits der

bedrohliche Ausgang der deutschen Reichstagswahl vom 14.September

bekannt und hatte vor allem zum Thema deutsch­französischer

Verständigung Bestürzung hervorgerufen.

Die Nationalsozialisten hatten ihre Mandatszahl von 12 auf 107 erhöht

und waren zur zweitstärksten Partei nach den Sozialdemokraten

geworden. Man war sich ihrer zunehmenden Stärke bewußt gewesen, aber

das Resultat ging weit über schlimmste Erwartungen. Die Welt schien

nicht mehr ganz dieselbe nach diesem ersten Erdrutsch. Uns in Genf

war das noch erspart geblieben, die Tagung schloß vorher, und die

böse Nachricht traf mich auf dem Rückweg.

Danach war für mich das nächste Berliner Wintersemester, das mein

letztes werden sollte, eine sehr aufregende Zeit. Hatte nun der

Hitler'sche Wahlerfolg eine Schneeballwirkung im Publikum? Oder

brachte es Besinnung in breite gemäßigt rechts eingestellte Kreise,

daß man mit den republikanischen Parteien zusammenrücken mußte, um

sich gegen weiteres Anwachsen dieser rechtsradikalen Außenseiter zu

stemmen.

Leider waren es nur Bruchteile dieser Kreise, die so reagierten. Bei

uns an der Technischen Hochschule gewannen die Nazis bald absolut die

Oberhand innerhalb der Großdeutschen Studentenschaft. In der

studentischen Wirtschaftshilfe machte das noch keinen Unterschied.

Der Geschäftsführer Hans Menzel blieb entschieden bei der

republikfreundlichen Haltung, die er gezeigt hatte. Sein Kollege

Voth änderte zwar nicht seine Haltung in der Verwaltung seines Amts,

aber er vertraute mir eines Tages an, daß er am Abend vorher im

Sportpalast Hitler sprechen gehört hatte und sich der Partei

anschließen würde. Er bat mich sozusagen um Entschuldigung, es täte

ihm leid, daß er mir das sagen müsse. Ähnlich ging es mir mit

Jobst v. Wendorff. Er kam aus Krakau an, kam gleich noch mit seinem

Koffer zu mir, am Abend aber wollte er in den Sportpalast, das mal

sehen. Am nächsten Tag war es dasselbe wie mit Voth. Es tat ihm

leid, aber er mußte es mir sagen. Er war beindruckt. Er ist, soviel

ich weiß, dann wieder einen ganz anderen Weg gegangen.

Was mich bei diesen beiden so bestürzte, war die Wirkung, die

Hitler's Auftritte anscheinend selbst auf gemäßigt und nüchtern

Denkende haben konnten, während man eigentlich annahm, daß die Person

Hitler's selber auch in vielen Rechtskreisen eher Mißtrauen, ja sogar

Abscheu auslösen müßte. Das beschränkte sich nicht nur auf des

General Hindenburg's und anderer Offiziere Abneigung gegen den

"böhmischen Gefreiten", es gab ähnliche Gefühle nicht nur im

Bürgertum, sondern auch bei rechtsradikalen Gesinnungsgenossen (47).

Die Regierung Brüning blieb weiter im Sattel, prekär wie bisher, mit

Hilfe von Notverordnungen des Präsidenten Hindenburg,

stillschweigender Zustimmung der Reichswehr durch General Schleicher,

aber stets drohenden weiteren Neuwahlen. Wo solche stattfanden,

verloren vor allem die Parteien der Mitte, die Neugründung der

Staatspartei hatte sich schon im September 1930 als kein Erfolg

erwiesen. Unterhalb der Reichsregierung aber waltete das

republikanische Establishment auch noch weiter, vor allem die

preußische Regierung der Weimarer Koalition mit aktiver

Zentrumsbeteiligung. Gewalttätigkeit in Straßenkämpfen nahmen immer

mehr zu, SA und Rote Front, dazwischen das Reichsbanner, aber da war

die preußische Polizei, Severing nun dort Innenminister und

Staatssekretär Abegg mit seiner starken Haltung.

Unsere Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit beruhte

weiter auf Zusammenarbeit von den Sozialdemokraten bis zu den

Deutschnationalen, und Gerhard Hauke, unser Sekretär und Sekretär der

Deutschen Liga für Völkerbund, war, wie Hans Menzel an der TH, ganz

der Alte geblieben.

Um unsere Vereinbarungen mit den tschechischen Studenten weiter zu

verfolgen, wandten wir uns, nach Beratung mit der Liga für Völkerbund

an das Auswärtige Amt, wo ein regelmäßiger Kontakt für die

Völkerbundsarbeit das Kulturdezernat war, und Legationssekretär

Freudenthal nach Besprechung mit dem Dezernatschef Geheimrat Terdenge

uns Bescheid gab, das Amt habe nichts gegen eine von uns gemeinsam

mit den Tschechen veranstaltete Mitteleuropäische Studententagung.

Wir müßten aber noch Einzelheiten vorlegen, und sie würden das

Vorhaben dann eventuell auch unterstützen (48).

Wir arrangierten nun ein Treffen mit den Tschechen, man einigte sich

dafür auf Dresden, wo Wolfgang Straede und ich hinfuhren. Der Leiter

der tschechoslowakischen FUI Gruppe war schon berufstätig als

Assistent des Bürgermeisters von Prag, eines engen Parteifreunds von

Benesch, und kam mit Frl. Pekarzova, Tochter des bekannten

tschechischen Historikers Pekar. Unsere Unterhaltungen in Genf

hatten sich strikt auf französisch abgespielt, und so begrüßten wir

unsere Besucher auch in Dresden, aber es ergab sich bald, daß man

deutsch sprach. Mein Französisch war nicht so gut, und dann war der

Einfluß der Umgebung und Frl.Pekazova setzte noch hinzu, sie war ja,

ich glaube, in Aussig aufgewachsen. Es lag nahe, sich darauf zu

einigen, daß die Tagung in der Tschechoslowakei stattfinden würde,

und die Tschechen erleichterten das noch, indem sie Bratislava, das

alte Preßburg, als Tagungsort vorschlugen. Es war die Hauptstadt der

Slowakei, in nächster Nachbarschaft Ungarns und Österreichs, auch mit

entsprechenden sprachlichen Minderheiten.

Die Vorbereitungen und Einladungen würden gemeinsam von Deutschen und

Tschechen gemacht, teilnehmen würden Österreicher, Ungarn, Jugoslawen,

Rumänen, Bulgaren, sowie auch Polen und ein Schweizer Vertreter (49).

Über die Abgrenzung, was unter Mitteleuropa zu verstehen ist,

sollte dann auf der Tagung in Vorträgen und Debatte gesprochen werden.

Das Vortragsprogramm sollte starken Akzent auf wirtschaftlichen,

besonders agrarpolitischen Fragen haben, aber auch kulturelle und

geschichtlich/politische Fragen umfassen.

Nach Rückkehr in Berlin stellten wir nun unsere Liste von

Vortragenden, im Parteienspektrum gut verteilt, zusammen, nachdem

Herr Terdenge die in Dresden besprochenen Pläne gebilligt hatte.

Dann kam der von den Tschechen vorgeschlagene Text der Einladungen

plötzlich mit ihrem Ministerpräsidenten Benesch als Protektor der

Tagung. Das war nicht verabredet worden und erregte Stirnrunzeln.

Es wurde aber hingenommen, nachdem man sich ja aus guten Gründen auf

einen Tagungsort in der Tschechoslowakei geeinigt hatte. Es kamen

weitere Besprechungen mit den für Vorträge gewonnenen Rednern und mit

führenden Mitgliedern der Deutschen Liga für Völkerbund, u.a. Harry

Graf Kessler.

Neben der Teilnahme an den Vorbereitungen für diese Preßburger Tagung

stand bei mir weiter die Herausgabe von "Student & Hochschule". Die

Januarausgabe 1931 war weitgehend dem deutsch­französischen

Verhältnis gewidmet, im Verfolg der Mannheimer DStV Tagung, mit

Beiträgen u.a. von Wladimir d'Ormesson und Max Clauss, Herausgeber der

Europäischen Revue des Prinzen Rohan, einer von Coudenhove­Kalergi

unabhängig arbeitenden europäischen Bewegung. Ich brachte auch eine

Besprechung der FUI Tagung in Genf (50).

Im Februar brachten wir Teile des Vortrags, den Staatskommissar

Rönneburg auf einer "Ostkundgebung" des Deutschen Studentenverbands

gehalten hatte, mit Schwerpunkt auf Agrarreform in den Ostprovinzen

zwecks Bauernansiedlung. Ich erinnere mich, daß damals in der

Diskussion auch Dr. Walther Maas sprach, ein junger Geograph,

Mitarbeiter der Sozialistischen Monatshefte, und dafür eintrat, alle

deutschen Ansprüche auf Rückgabe des polnischen Korridors aufzugeben.

Ich hatte solch eine offene Meinungsäußerung darüber noch nie gehört.

Unzufriedenheit mit der Ostgrenze war ein häufiger Refrain in

Deutschland, aber das klang deklamatorisch, kein aktuelles

politisches Thema. Die systematische und im Auswärtigen Amt durchaus

artikulierte Politik einer Ostgrenzenrevision (51) war auch dort

umstrittene Sache einiger Vorausplaner, in der Öffentlichkeit nicht

so bekannt, wie es in den Akten steht, also nicht das politische

Klima. So schien es mir jedenfalls noch anno 1930. Die

Reparationsfrage war durch die Annahme des Youngplans einen Schritt

weitergekommen, das Rheinland wurde geräumt von fremder Besetzung,

nun bedurfte man weiterer Erleichterung bei den Reparationen, das

waren die aktuellen Probleme. Man konnte sich doch ein Ziel wie die

Grenzrevision nur auf Kosten kriegerischen Konflagrationen vorstellen.

Sollte man dann überhaupt daran denken?

Walther Maas's Bemerkung über den Korridor erregte gleich Widerspruch,

auch in diesem republikanischen Gremium. In einer kleinen Gruppe

nach Schluß der Versammlung gab ich zu bedenken, daß doch im Grunde

Dr. Maas ganz recht hatte, wie konnte man an friedliche Grenzrevision,

und das hieß doch an Grenzrevision überhaupt, denken oder gar davon

sprechen. Es gab entschiedenen Widerspruch und jemand in der Gruppe

sagte, wenn man von Revision des Versailler Vertrags spricht, da gibt

es immer zwei Kategorien von deutschen Forderungen. Für eine gilt,

immer davon sprechen, nie daran denken, das ist z.B. der Anschluß

Österreichs. Das andere ist umgekehrt, nie davon sprechen, immer

daran denken, das ist z.B. der polnische Korridor. Dr. Walther Maas

schrieb dann ausführlicher über den "sogenannten" polnischen Korridor

in den Sozialistischen Monatsheften (52) und erwähnte, daß es ein

Gebiet breiter als Schleswig­Holstein oder die Rheinprovinz sei,

betonte auch deutsche Verflechtung mit diesem Gebiet, auch wenn es

von 1466 bis zur ersten Teilung 1772 zu Polen gehört hatte. Es wäre

allerdings schon vor 1772 mehrheitlich deutsch besiedelt, also

ethnographisch diese Maßnahme der ersten Teilung Polens kein Unrecht

gewesen, die Zuteilung an Polen 1919 bezeichnet er ethnographisch als

Unrecht, aber durch deutsche Abwanderung sei das 1931 schon wieder

verändert, das Gebiet wirtschaftlich Polen eingegliedert, und wird

nicht von ihnen herausgegeben werden. Deutschland sollte jetzt in

der schwersten Krise der Nachkriegszeit andere Sorgen haben, als die

Auseinandersetzung mit Polen. Für das Korridorproblem gäbe es keine

isolierte deutsche oder polnische, es gibt nur eine europäische

Lösung, aber die Beantwortung der Korridorfrage darf nicht als

Vorraussetzung der kontinentalen Einigung verlangt werden. So Maas

1931 in der sozialdemokratischen Zeitschrift.

Mich hat das nachdenklich gemacht. Ich sprach darüber in Kattowitz

mit dem alten Jugendfreund Karl­Heinz Lubowski und war überrascht,

daß er auch zur Auffassung gekommen war, die Deutschen sollten keine

Forderungen an Polen stellen. Er kam aus einem sehr national

gesinnten Haus, aber dachte sehr unabhängig, hatte eine Zeit lang in

Krakau studiert; jetzt bereitete er sich in Deutschland auf eine

juristische Karriere vor. Außer den vorrängigen Geboten praktischer

Politik und Prioritäten gab es ja auch historische Eindrücke, die man

hatte.

Es war ja gar nicht so, daß der "Korridor" in Versailles erfunden

worden war. Man konnte ihn auf allen Karten Polens vor 1772 gut

sehen, er war nur noch breiter. Nach den Teilungen Polens im 18.

Jahrhundert war ja im 19. Jahrhundert eine, immer wiederkehrende

Forderung der jungen nationalen und liberalen Bewegung in Europa, die

Wiederherstellung Polens in seinen historischen Grenzen gewesen. Die

14 Punkte Wilson's hatten alles viel spezifischer auf das

Selbstbestimmungsrecht der Völker eingestellt, und die

deutsch­polnische Grenzregelung darauf, aber auch auf die

Notwendigkeit polnischen Zugangs zur See gestützt. An die kurze

Diskussion über den Korridor, über die ich etwas ausführlich

geschrieben habe, mußte ich in späteren Jahren noch oft denken, bis

es dann 1939 Hitler darüber zum Krieg kommen ließ.

In diesem Winter 1930/31 verfolgte man weiter aufmerksam den

erstaunlichen Aufschwung der Zeitschrift "Die Tat". Sie sammelte um

sich eine respektable Anhängerschaft, es bildeten sich "Tatkreise",

aber interessante und gewichtige ihrer Gedankenansätze vermengten

sich zusehends mit radikalsten Parolen, nicht zuletzt in der

Außenpolitik, und da besonders bezüglich einer aggressiven deutschen

Politik in Ost­ und Mitteleuropa.

Für diese zeichnete neuerdings ein Giselher Wirsing. In der

"Bavaria" in Genf hatten wir friedlich gesessen, als ein schrecklich

impertinenter jüngerer Mann, einigen Mitgliedern unserer Delegation

bekannt, vorbeiging, sich zu uns setzte und einen vernichtende Kritik

am Völkerbundtreiben als leere, papierne Kulissen, die bald

zusammenfallen würden, losließ. Er schien wohlberedt, sehr

intelligent, aber gnadenlos in seinen Ansichten und seiner

abscheuerregenden Aggressivität und Arroganz. Seinen Namen hatte ich

nicht verstanden, und hätte ihn auch nicht gekannt. Erst Monate

später erfuhr ich, daß das dieser Giselher Wirsing gewesen war. Er

gehörte zu denen, die Dr. Brinkmann in Heidelberg dem Dr. Zimmern zur

Teilnahme an seinem internationalen Seminar in Genf als mehr

aufgeweckten und repräsentativen Vertreter deutscher Studenten

empfohlen hatte. Er war sein Assistent in Heidelberg gewesen. Es

war in diesen Fragen deutscher Politik in Europa, daß ich dann immer

die größte Distanz zur "Tat" empfunden habe. Wirsing kam dazu, und

bezeichnete die Staaten Mittel­ und Osteuropas als die

"zwischeneuropäische Trümmerzone".

Da blieb die Zusammenarbeit in unserer Völkerbundsgruppe und auch

persönlich mit Wolfgang Straede auf viel besserer Ebene. Ein Vorfall

blieb mir in Erinnerung, der das unterschiedliche politische

Herkommen beleuchtet. Der Generalsekretär der FUI Jean Dupuy

besuchte uns kurz in Berlin. Er war wohl auf der Durchreise nach

Danzig, wo er prüfen sollte, ob die Auflage betreffs Teilnahme der

polnischen Minderheit an der neuen Danziger Mitgliedsgruppe der FUI

richtig durchgeführt wird. Während seines kurzen Aufenthalts in

Berlin sollten Wolfgang Straede und ich ihm etwas von Berlin zeigen.

Wolfgang Straede schlug zunächst einen Ausflug nach Potsdam vor,

Dupuy war einverstanden und wurde so zunächst mit dem alten Preußen

gut bekannt gemacht. Am Sarge Friedrich des Großens erinnerte er

sich, daß Napoleon bei der Gelegenheit gesagt hatte: "voila un honme".

Auf dieser Note endete unser Besuch in Potsdam und Dupuy wollte nun

unbedingt noch mit uns in den Reichtstag gehen. Straede bat mich,

das zu übernehmen; er entschuldigte sich, als Monarchist wollte er

einen Besuch im Reichstag nicht unternehmen. Ich starrte ihn an, und

Jean Dupuy wohl auch. Natürlich, manche unserer Professoren, viele

alte Herren der studentischen Korporationen, sie waren noch

Monarchisten und daher Republikgegner, aber war das wirklich auch

mein Altersgenosse Straede, Führer der deutschnationalen

Studentengruppe?

Ich zog also mit Jean Dupuy allein zum Reichstag, so ohne

Vorbereitung schien das gar nicht so einfach, jemanden zu erreichen,

der einem Zutritt zur Wandelhalle ermöglicht und einen empfangen

hätte. Ich meldete mich erst bei Ernst Lemmer. Er war schließlich

Führer der Jungdemokraten; obgleich ich ihn wenig kannte, schien er

mir der Nächstverantwortliche für solch ein Anliegen, von einem

Vertreter der demokratischen Studenten, als welcher ich mich

schließlich da im Reichstag befand, zu sein. Er entschuldigte sich,

er hatte keine Zeit. Kurz entschlossen meldete ich mich bei Carl

Mierendorf, der ja nicht nur bei seinen jungen sozialistischen

Freunden, sondern auch bei den jungen Demokraten sehr verehrt wurde.

Ich kannte ihn gar nicht, sagte gleich er brauchte uns nicht zu sehen,

aber ich wollte unserem französischen Gast den Reichstag zeigen, und

sein Passierschein kam auch sofort zurück. Wir blieben eine Zeit

lang in der Wandelhalle, Dupuy hoffte Brüning zu sehen, und dann rief

er auch ganz aufgeregt "le chancelier", Brüning eilte vorüber. So

waren denn Dupuy's beide Programmpunkte erfüllt, aber mein Freund

Straede und die Monarchie, im Winter 1930/31, das hat mich immer

wieder gewundert.

Während die "Tat" sich von ihrem anfänglichen Anklang an eine Stimme

der jungen Mitte unterdeß weit nach rechts entwickelt hatte, wurde

eine neue Gruppe um die Monatsschrift "Neue Blätter für den

Sozialismus" bedeutsam. Sie sammelte Anhänger des religiösen

Sozialismus Paul Tillichs, überhaupt eines nicht­marxistischen

Sozialismus, vieles aus der Jugendbewegung. Mitherausgeber war Fritz

Klatt, unabhängig von der SPD Parteistruktur auf ihrem rechten Flügel.

Es gab auch Elemente eines Suchens nach neuen politischen

Strukturen, die manchmal an ähnliches im Gedankengut der "Tat" zu

erinnern schienen. Auf der wirtschaftspolitischen Seite dieses

Kreises waren die Professoren Eduard Heimann und Adolf Loewe

prominent; aktiv verbunden waren auch, die mir von ihrem Kontakt mit

unserer republikanischen Studentenorganisation bekannten, Theo

Haubach, Adolf Reichwein, Rudolf Küstermeier und Carlo Mierendorf.

In der politischen Mitte sah es immer trostloser aus, mit zunehmender

Desillusionierung auch beim demokratischen Studentenbund. Es hatte

demokratische Splittergruppen gegeben, die sich der Verbindung mit

den Jungdeutschen in der Staatspartei nicht anschließen wollten. Bei

den Studenten blieben die Meinungen geteilt, die Studentengruppen

hielten aber zusammen, blieben unabhängig. Die Führer Franz Suchan

und Horst Mendershausen wollten einen Zusammenschluß mit dem

Republikanischen Studentenbund des Prionen Hubertus von Löwenstein

durchführen. Ich versuchte, dabei zu helfen, aber sie wurden

überstimmt.

Ich hatte zu der Zeit bereits beschlossen, meine berliner Tage zu

beenden und im Sommersemester nach München zu gehen. Das hieß auch,

daß ich aus der hochschulpolitischen Arbeit ausscheiden und meine

Ämter aufgeben würde. An der TH Charlottenburg hatte ich das schon

getan, der Sozialist Ahrends war mein Nachfolger geworden. In der

Schriftleitung von "Student und Hochschule" hatte mich schon der

demokratische Freund Erwin Oeser unterstützt, mit dem Zentrumsmann

Lothar Hartmann wurde er Nachfolger, und danach übernahmen es Heinz

Krüger (Sozialist) zusammen mit Franz Suchan (Demokrat), die die

Zeitschrift tatsächlich bis zum Februar 1933 weiterführten.

In der Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit war es ja der

Turnus der Demokraten, ab April 1931 den Vorsitz zu übernehmen. Ich

muß gestehen, daß ich da für mich doch einige Bedenken hatte. Mußte

es jetzt gerade sein, daß ein Jude den Vorsitz übernahm? Auch von

diesem Gesichtspunkt trieb es mich, den Wechsel nach München

vorzunehmen und zu sehen, daß statt dessen Wolfram Müllerburg

zurückkommen und die Vakanz füllen würde. Er war schon in seiner

Referendarszeit, aber konnte doch für Sommer 1931 zusagen. Zunächst

stand aber noch für den 19.März unsere Mitteleuropäische

Studententagung in Preßburg bevor und im Zusammenhang damit noch ein

ominöser Schock.

Die Vorbereitungen waren ganz nach Plan gelaufen, als wir plötzlich

eine Mitteilung vom Auswärtigen Amt erhielten, man es hätte es sich

anders überlegt und wir sollten die ganze Tagung absagen. Es war gar

nicht mehr so lange bis zum Tagungsdatum, und wir protestierten

heftigst. Erklärungen über die Gründe wurden uns nicht gegeben. Was

immer die Gründe für diesen Gesinnungswechsel des Amtes sein könnten,

wir wollten unseren Mitveranstaltern, den tschechischen Studenten,

allen anderen eingeladenen Delegationen und der FUI nicht jetzt

plötzlich, so kurz vor der Tagung, absagen. Wir hatten eine weitere

Besprechung im Amt bei dem Geheimrat Terdenge, der uns auch etwas

über die Gründe sagen sollte, es aber nicht tat. Er schien etwas

belustigt über die verschiedenen Interventionen, die wir im Amt

veranlaßt hatten, und auch sein Kollege, Legationsrat Dr. Sobernheim,

wollte, daß sein Sohn Rudolf, ein sehr aktives Mitglied unserer

Gruppe, teilnehmen sollte. Da bin ich wirklich explodiert und fragte,

wie man sich das vorstellt, wir haben mit den Tschechen das

Tagungsprogramm ausgearbeitet, die Vorbereitungen gemeinsam getroffen,

die anderen eingeladen, jetzt sollen wir ohne Erklärung kurzfristig

alles absagen, was für ein Affront politisch und persönlich. Uns ist

darüber sehr ernst zumute, und gar keine Gelegenheit für scherzhafte

Bemerkungen.

Es blieb aber dabei; über die Hintergründe erfuhren wir nichts, die

versprochenen Mittel standen nicht mehr zur Verfügung und soweit es

das Amt betraf, empfahlen sie uns, die Tagung abzusagen. Die

Deutsche Liga für Völkerbund machte weitere Anstrengungen, aber

Haucke teilte uns dann mit, man müsse die Tagung wohl nun absagen.

Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben.

Das Semester ging schon zu Ende und ich reiste nach Kattowitz. Wir

verabredeten, Hauke würde mir telegraphieren, wenn die Tagung doch

noch stattfindet, und wirklich, die Liga konnte mit diskreter

Zustimmung im Amt doch noch das arrangieren. Es kam das Telegramm

von Haucke, in dem es hieß, ich sollte zunächst nach Prag fahren und

dort bei der Lese­ und Redehalle nachfragen, wo man sich zur

gemeinsamen Weiterreise nach Preßburg treffen könne.

Das wurde mein 2.Besuch in Prag (53). Die Nachricht, die ich vorfand,

brachte mich zunächst zusammen mit einem Dr. Foerster, der zu den

wissenschaftlichen Tagungsteilnehmern von der Rechten gehörte. Er

war Historiker von der Universität Tübingen, derzeit aber an der

deutschen Universität Prag und mit den deutsch­tschechischen

Problemen und Geschichte eng vertraut. Wir machten einen gemeinsamen

Stadtspaziergang, der auf dem Hradschin mit Blick auf die Stadt

abschloß. Er war wohl nur einige Jahre älter als ich, bezeichnete

sich als Konservativen und plädierte eindringlich und ernsthaft für

die Anerkennung auch des deutschen Elements in der Geschichte Böhmens

und eben auch Prags, man nehme doch nur die Karls Universität, die

eben auch eine deutsche Universität gewesen ist. Mehr wollen wir ja

nicht, sagte er, man soll uns das aber nicht immer ganz in Abrede

stellen. Das klang und er war überhaupt recht vernünftig; er sprach

mit so ehrlicher Wärme, daß ich noch manchmal, besonders dann 1938/39,

als Hitler ja ganz andere Forderungen mit Gewalt durchsetzte, an

diese Unterhaltung auf der Terrasse des Hradschins gedacht habe. Wir

waren dann zusammen in der Gruppe, die von Prag nach Preßburg fuhr.

Rückblicke · 第 12 / 27 段