Wenige Tage später änderte sich die Lage der Weimarer Republik

entscheidend. Die Regierung der Großen Koalition konnte sich nicht

über die Finanzpolitik einigen und trat zurück. Die Demokraten waren

entsetzt über diese Entwicklung (35). Spätere Beurteilung sieht den

neuen Reichskanzler und Zentrumsführer Heinrich Brüning, obgleich den

Christlichen Gewerkschaften nahestehend, doch auch rechtsgerichteten

Einflüssen in seiner Partei und auch vom Reichspräsidenten und dem

General v.Schleicher kommend, ausgesetzt mit dem Ziel einer Regierung

ohne Sozialdemokraten. Bei diesen wird dem Arbeitsminister Wissell

zugeschrieben, daß kein Kompromiß zustande kam, für das der

Reichskanzler Müller gewesen wäre, gegen das aber auch in der

Deutschen Volkspartei von Schwerindustrie und nationalistischem

Flügel her starke Kräfte arbeiteten. So war Unvernunft weit verteilt

und die Weimarer Republik begann ihre tragische Talfahrt.

Die Zentrumspartei blieb aber zusammen mit ihren Partnern der

Weimarer Koalition in der preußischen Regierung Otto Brauns und

unsere Freunde bei den Zentrumsstudenten mit uns weiter im Deutschen

Studentenverband.

Da die Regierung Brüning keine eigene parlamentarische Mehrheit hatte,

beherrschte das Leben von nun an nicht nur die schwere

wirtschaftliche Depression, sondern auch eine permanente ungelöste

politische Krise. Fühlungnahme unter den Parteien der Mitte stand

nun unter deutlichem Druck, es war gewiß nun ein Thema geworden, aber

im Sommersemester 1930 wurde der studentische Arbeitsring selbst

nicht mehr aktiv. Ich hatte ja aber auch andere Aufgaben.

Für meine Herausgeberschaft der Zeitschrift des DStV "Student und

Hochschule" hatten wir erst ein neues Heim suchen müssen, da der

Verlag Mosse es nicht weiter machen wollte. Nach einigem Zureden,

unter anderem vom Präsidenten des Reichsbanner Hörsing, war Ullstein

schließlich bereit, unsere Zeitschrift zu drucken, vorausgesetzt ein

Redakteur der Vossischen Zeitung würde bei der Redaktion mitzureden

haben. Zu meiner Erleichterung wurde unser alter Freund Richard

Winners, unterdeß von seiner amerikanischen Zeitung zur Vossischen

Zeitung übergetreten, dazu delegiert. Ich mußte, bevor der Verlag

sich entschied, noch Unterhaltungen mit den Herren Ernst Schäffer, Dr.

Magnus und Müller haben, und dann kam ich also bis zu meinem Weggang

von Berlin mehrmals im Monat in die Kochstraße zu Ullstein, wo ich ja

schon vorher nicht fremd war.

Werner Mahrholz aber lebte nicht mehr. Er war an einem damals

unheilbaren Nierenleiden erkrankt. Ich hatte ihn noch in seiner

Redaktionsstube öfters besucht, auf Vorschlag seiner Frau dann auch

zu Hause, wo ich einmal seinen engen Freund Theodor Däubler traf.

Ich nahm später an der Urnenbeisetzung teil, es war eine für

intellektuell Interessierte selten erlauchte Versammlung. Ich hatte

einen sehr bewegten Nachruf in unserer Zeitschrift "Der demokratische

Student" geschrieben.

Winners teilte das Redaktionszimmer mit Hans Zehrer und Friedrich

Wilhelm v. Oertzen zu meiner großen Überraschung, und unsere

regelmäßigen Besprechungen spielten sich meist in deren Gegenwart ab.

Einige Male gingen wir auch alle zusammen zum Mittagbrot in die

Kantine.

Es kam aber nicht zu wirklichen Unterhaltungen über die großen

Probleme dieser Jahre, jedenfalls nicht während meiner Besuche in

ihrem gemeinsamen Redaktionszimmer. Auch sonst schien eher eine

Distanz, Winners stand viel mehr links als sie. Zu anderen

Bekanntschaften, die ich in der Vossischen Zeitung gemacht habe,

gehörte Erich Kramer, als er einmal Mahrholz vertrat (36). Ein

anderer guter Bekannter wurde Carl Misch; durch ihn kam auch später

einmal ein politischer Artikel von mir in die Vossische Zeitung.

Ich hatte auch bei einer Aufgabe auf ganz anderem Feld mitgewirkt.

Auf unseren Januar Studententagungen war die Notwendigkeit eines

Programms für Hochschulreform betont worden. Wolfram Müllerburg,

Robert Hess, Erwin Oeser, Rudolf Sobernheim und ich bildeten die

Gruppe, die es für die demokratischen Studenten ausarbeiten wollte.

Die wichtigste Mentorin dabei wurde Gertrud Bäumer, die unser

Programm dann auch in der von ihr mitherausgegebenen Monatsschrift

"Die Hilfe", ursprünglich von Friedrich Naumann gegründet, im Rahmen

einer speziellen Hochschulnummer im Juli 1930 veröffentlichte. Ich

hatte mehrere Besprechungen mit ihr, es halfen uns auch u.a. Dr.

Theodor Bohner,verschiedene Professoren und Ministerialrat Leist.

Wir waren manchmal ziemlich halsstarrig und bestanden auf Punkten,

von denen einige ältere Freunde abrieten, so die Idee der

Humanistischen Fakultät, an der alle Studenten auch an

allgemeinbildenden Vorlesungen teilnehmen sollten, um ein

Gegengewicht gegen die zunehmende Spezialisierung herzustellen.

Für die Mitarbeit an diesem Programm begann ich auch einige Literatur

über Bildungsfragen zu lesen, so Scheler und Spranger, man verfolgte

ja überhaupt immer weiter die geistesgeschichtliche Entwicklung

dieser Jahre als unabdingbar für ein intelligentes Interesse am

Zeitgeschehen. Da war das ursprüngliche Interesse an Geschichte,

einige Ideen der Jugendbewegung, und nun auch, wenn man zu

grundlegenden Dingen des Denkens kam, ein starker Eindruck von der

Phänomenologie, Bergson und Husserl. Zu den neuen Leuchten der sich

bildenden marxistischen Frankfurter Schule konnte ich kein Verhältnis

gewinnen, aber das Denken von Karl Mannheim machte mir Eindruck, die

Herausforderung der Intelligenz zu einem über Ideologieverdacht

stehenden, unabhängigen Denken.

Man bewegte sich damals im Demokratischen Studentenbund und FWV in

einem Kreis, der an diesen Fragen lebhaft Anteil nahm. Da wir bei

Büchern und Ideen sind, will ich noch ein Buch erwähnen, auf das mich

ein nichtjüdischer Freund bei den Demokraten damals hinwies:

"Nationalismus im Vorderen Orient" von Hans Kohn, damals

Nahostkorrespondent der Frankfurter Zeitung, später recht anerkannter

Historiker. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, daß die von ihm

geschilderte Entwicklung eines säkularistischen Nationalismus unter

den Arabern der Nachfolgestaaten des türkischen Imperiums eine

schwere Behinderung für die zionistischen Ziele werden könnte. An

diesen frühen Hinweis habe ich noch oft gedacht.

Um mit unseren Gedanken zur innenpolitischen Entwicklung in

Deutschland zurückzukehren, Anstrengungen, doch noch einen Block der

Parteien der Mitte in den frühen Sommermonaten 1930 zu bilden, kamen

nicht vorwärts, einige jüngere Kräfte aus der Deutschen Volkspartei

blieben in Kontakt darüber mit den Demokraten. Ein anderer

Gesprächspartner war der Jungdeutsche Orden (37), mit seinen 800.000

Mitgliedern auch ein Zeichen für die Anziehungskraft

außerparlamentarischer Bewegungen mit Frontkämpfer­ und

Jugendbewegungshintergrund. Mit seiner Studentengruppe waren wir

schon im "Arbeitsring der politischen Mitte" zusammengekommen,

hielten Kontakt und ich wurde gut bekannt mit deren Führer Söhlmann.

Im demokratischen Parteivorstand trat Hellpach entschieden für nach

der rechten Mitte zielende Fusionsverhandlungen ein bis zu den gerade

von den Deutschnationalen abgefallenen Freikonservativen um

Treviranus (38). Am nächsten kam ich der Stimmung, als während eines

Besuches bei Staatssekretär Abegg er uns für eine Unterredung bei

Hermann Dietrich, damals Vizekanzler und Wirtschaftsminister,

anmeldete. Die anscheinende Unentschlossenheit der Parteispitze

beunruhigte uns, sie schien den Kopf verloren zu haben. Er

versicherte, es gäbe zwar manche, von denen man das sagen könnte,

aber er wisse genau, was zu tun. Es klang zuversichtlich, aber was

war gemeint?

Für die Sommersemesterferien 1930 hatte ich zunächst den Plan, den

Studententag der gegnerischen Deutschen Studentenschaft in Breslau

als Pressekorrespondent zu besuchen, was mir der Breslauer Vertreter

der Vossischen Zeitung auch möglich machte. Während der Tage wurde

bekannt, daß Demokraten und Jungdeutscher Orden (Jungdo) ihren

Zusammenschluß verkündet hatten. Söhlmann vom Jungdo nahm auch als

Gast an der Tagung teil, wir begegneten uns nun unter scheinbar ganz

neuen Vorzeichen, mit viel Händeschütteln natürlich, aber ganz

freimütig auch gegenseitiges Erstaunen. Ganz so hatten wir uns das

eigentlich nicht vorgestellt, daß ein Zweiergespann von Demokraten

und Jungdeutschen Orden die Antwort für den Drang nach einem starken,

vereinten Block der politischen Mitte sein könnte (39). Die geplante

neue "Staatspartei" sollte auch Zuzug von einigen jüngeren Leuten aus

der Deutschen Volkspartei bekommen (40).

Bei den Demokraten hatte es wochenlange Debatten, aber keine

erkennbare einheitliche Linie oder Entscheidungen gegeben. Als

Damoklesschwert hatte über allen die mögliche Auflösung des

Reichstags und Neuwahlen geschwebt, falls das ohne parlamentarische

Mehrheit regierende Kabinett Brüning, das von den Demokraten

mitgetragen wurde, nicht seine finanzpolitischen Notverordnungen

gegen Vetoanträge im Reichstag durchbringen könnte. Dietrich,

unterdeß von Brüning zum Reichfinanzminister ernannt, kämpfte hart um

eine Mehrheit für seine Finanzvorlagen. Aus einer lebhaften

Schilderung (41) geht hervor, daß er sehr wohl einen Plan hatte, was

zu tun sei. Es gelang ihm auch, aus der damals durch Abspaltungen

nach der Mitte zu bedrohten Deutschnationalen Partei 25 Abgeordnete

auszubrechen, aber 32 Hugenbergtreue blieben hart in ihrer Ablehnung

ebenso wie die Sozialdemokraten. Der Reichstag wurde von Brüning

aufgelöst. Nachdem sich die Parteien der Großen Koalition im März

nicht auf die Fortsetzung ihrer gemeinsamen Regierung hatten einigen

können, war es ein weiterer Schritt zu der Katastrophe, die

Deutschland bevorstand, daß die Weimarer Republik im Juli 1930 nicht

vor der Auflösung des bis 1932 gewählten Reichstags bewahrt werden

konnte. Um die Chancen bei den Neuwahlen am 14.September zu

verbessern, entschied sich Koch­Weser für die Gründung der

Staatspartei mit dem "Jungdo".

Ich war nun aber grade bei diesem Breslauer Studententag, eine

Herausforderung, die ich gesucht und nun zu bestehen hatte. Auch

früher waren republikanische Studenten als Beobachter an solchen

Tagungen, Werner Mahrholz ein regelmäßiger Besucher gewesen. Ich

hatte Hoffnung auf Gruppen, die sich von radikalen und besonders

nationalsozialistischen Tendenzen distanzieren würden. Um für

Anhänger einer breiteren Mitte zu werben, ließ ich die Juli

Hochschulnummer der "Hilfe" mit unserem Hochschulreform­Programm vor

der Festhalle verteilen.

Bei Ankunft legte ich meinen Presseausweis vor, traf einige Bekannte

und hörte plötzlich während der Eröffnungsprozedur vorne meinen Namen.

Hammersen von der TH Charlottenburg (42) protestierte gegen meine

Anwesenheit. Der Jude Grünfeld sei ein unbequemer, ja gefährlicher

Gegner der Großdeutschen Studentenschaft an seiner TH und müßte des

Saales verwiesen werden. Die Tagungsleitung sagte Prüfung seines

Antrags zu. Nun ging die Tagung weiter, ich war nicht sehr

beunruhigt, weniger eine negative Entscheidung als eventuelle

Aufreizung zu Gewalttätigkeit durch Hammersen hätten mich beunruhigen

können.

Das war ja ein gewisses Risiko, wenn man mit Nationalsozialisten zu

tun hatte. Ich erinnerte mich an frühere Hochschulunruhen an der

Universität Berlin. Die republikanischen Studenten hatten

beschlossen, sich bei einer angesagten völkischen Kundgebung zu einer

Gegendemonstration zu stellen, und wir Älteren sollten das nicht nur

den jungen Leuten überlassen. Vergeblich versuchte der

deutschnationale Kollege in der Zentralstelle für studentische

Völkerbundsarbeit, Wolfgang Straede, als ich ihn auf dem Weg zur

Universität traf, mich zu einem friedlichen Kaffee irgendwo anders zu

überreden. Ich ging zur Universität, es war höchst ungemütlich dort,

aber es blieb bei einer hautnah drohenden Gewalttätigkeit.

Jetzt saß ich also da in Breslau, mein Name war mit heftigen

Angriffen auf mich genannt worden, ich saß ganz hinten unter anderen

Pressevertretern und Gästen. Plötzlich sah ich Hermann Proebst, er

schien mich zu suchen, kam auf mich zu, überreichte mir meinen

Presseausweis und sagte, die Sache ist jetzt erledigt. Das war also

gut so. Ich habe ihn dann nie wieder gesehen, aber die Begegnungen

mit ihm habe ich in guter Erinnerung behalten (43).

Die "Zentralstelle für studentische Völkerbundsarbeit" wurde gebildet

von den Studentengruppen der politischen Parteien von den

Sozialdemokraten zu den Deutschnationalen als akademische Gruppe der

Deutschen Liga für Völkerbund, deren Büro sie auch teilte. Als

Nachfolger von Müllerburg wurde ich dort Vertreter der Demokraten,

hatte an Veranstaltungen schon oft teilgenommen. Es hatte auch ein

Seminar über Minderheitspolitik unter dem Demokraten Dr. Junghann

dort gegeben, das ja sehr in meinem Interessenkreis war und auch in

deutscher Völkerbundspolitik eine zunehmende Rolle spielte.

Über den Weimarer Koalitionsrahmen des DStV hinaus gab uns die

Völkerbundsgruppe einen gewissen Kontakt zu den Studentengruppen der

Deutschen Volkspartei und auch der Deutschnationalen, erstere durch

Dr. Kurt Goepel und letztere durch Wolfgang Straede vertreten. Der

Vorsitz rotierte jährlich, Straede wurde Vorsitzender für 1930/31,

danach kam die Reihe an die Demokraten. Ich wurde für 1930/31 der

aktivste Vertreter der Linken in der Zusammenarbeit mit Straede als

Vorsitzendem. Das persönliche Verhältnis dabei gestaltete sich gut.

Er kam aus Schleswig­Holstein. Die deutschnationale Studentengruppe

arbeitete natürlich mit in der Deutschen Studentenschaft. Die

Hochschulgruppe der Deutschen Volkspartei war dabei, sich von ihr zu

distanzieren.

An diese Mitarbeit in der Völkerbundgruppe erinnere ich mich als das

wohl Interessanteste aus meiner politischen Tätigkeit während der

Zeit in Berlin. Unsere "Zentralstelle" war Mitglied des Verbands der

akademischen Völkerbundsligen (FUI), der jährliche Tagungen im Herbst

in Genf abhielt, Ende August kam ich in der Pension an, wo unsere

Delegation wohnte. Sie wurde von Strade geführt, mit mir als seinem

Stellvertreter. Die Vorbereitung auf die Teilnahme an dieser Tagung

und die Hauptthemen, die dort zur Sprache kommen würden, hatten

natürlich schon in den Vormonaten Aufmerksamkeit und Zeit beansprucht.

Die jährlichen Tagungen waren verbunden mit Sommerseminaren, die

unter dem Patronat des englischen Historikers H. Zimmern standen; er

hatte eine Tendenz sein Patronat auch etwas auf die Tagungen der FUI

auszudehnen. Deutsche Teilnehmer des Seminars waren vorher immer nur

von den Mitgliedsgruppen unserer Zentralstelle, also den

Studentengruppen der politischen Parteien von den Sozialdemokraten zu

den Deutschnationalen ausgewählt worden. Dr. Zimmern hatte gefunden,

daß dies nicht genug begabte junge Wissenschaftler für den

anspruchsvollen Charakter seiner Seminare gebracht habe, und er einen

Teil der deutschen Kandidaten selbst suchen will. Das hatte dann

aber mit der deutschen Delegation und der FUI Tagung nichts zu tun.

Deren Themen waren weitgehend bestimmt von den gerade in der

Völkerbundspolitik vorherrschenden, und es waren Themen, an denen der

deutschen Außenpolitik besonders gelegen war. Die politische

Situation in Europa stand noch im Zeichen der PostLocarno Aera. Die

Alliierten Truppen wurden aus dem Rheinland zurückgezogen, der

Young­Plan war angenommen. Ein weiteres Anliegen der Deutschen war

die durch die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrages

entstandene Ungleichheit der militärischen Rüstungen, was sich in ein

deutsches Anliegen für Allgemeine Abrüstung als ein Hauptthema für

den Völkerbund umsetzte. Der französische Einwand dagegen war die

Forderung nach "Sicherheit" als Vorbedingung für Abrüstung. Das hieß

wohl Sicherheit gegen deutsche Versuche, Revisionen des Versailler

Vertrages mit Gewalt zu erzwingen, wofür die Deutschen aber keine

Rüstung hatten.

Der ernsthafteste Schatten blieb die Weigerung der Deutschen, auch

die östlichen Grenzen zu garantieren, also auf Revisionansprüche zu

verzichten. Diese wurden zwar nicht für öffentliche Diskussion auf

der Agenda gehalten, aber ein verwandtes Thema war der

Minderheitenschutz. Er konnte jederzeit zum Tagesthema werden, wenn

immer Verletzungen der wirtschaftlichen oder kulturellen Rechte

deutscher Minderheiten in den östlichen Nachbarstaaten vorkamen, und

sie taten es. Heutige Geschichtsschreibung (44), die dazu neigt,

polnische Unterdrückungspolitik gegen die deutsche Minderheit nach

Locarno als Abwehrstellung gegen die nicht aufgegebenen deutschen

Grenzrevisionswünsche zu sehen, weist damit auf einen "circulus

vitiosus", einen Teufelskreis hin. Das entsprach nicht den

eigentlichen Zielen der Minderheitenbewegung, zu der deutsche

Minderheitenführer und Außenpolitik erheblichen Impetus und Gedanken

beisteuerten. Ein großer Teil der Minderheiten, darunter auch

deutscher, lebten doch in Landstrichen, die gar nicht Gegenstand

territorialer Dispute waren, wo sie aber eben in ihren nationalen

Minderheitsrechten geschützt sein sollten. Aktiven Anteil an den

Arbeiten der Minderheitenbewegung nahm auch die große jüdische

Minderheit in Polen.

Die mir von zu Hause aus so naheliegende Minderheitenfrage war neben

dem Thema Abrüstung damals ein wichtiges deutsches Anliegen im

Völkerbund. Briand hatte als Überholungsmanöver für das Argument

Abrüstungs­Sicherheit den Europagedanken vorgebracht, aber das hatte

noch kaum feste Formen angenommen. Mir schien die Europa­Idee die

natürliche Lösung auch für die Minderheitenprobleme, die unter

föderalistischen Strukturen ihre potentielle Aggressivität und

Sprengstoffwirkungen verlieren könnten. Das war natürlich nicht in

jedermanns Sinn. Europa bestand eben aus alten Nationalstaaten, wie

Frankreich, und aus Nationalitätenstaaten, wie den Nachfolgestaaten

der Donaumonarchie und Polen, aber auch Belgien und Spanien. Da gab

es so explosiv irridentistische Teile in der Minderheitenbewegung wie

die Katalanen oder Wallonen oder damalige Kroaten. Aber die Führung

des Minderheitenkongresses lag doch in weniger aggressiven, mehr

verantwortungsbewußten Händen.

Zu gleicher Zeit wie unser FUI Kongreß fand in Genf auch der

jährliche Minderheitenkongreß statt, und ich ging als Zuhörer auch

hin, es kamen auch andere von unserem FUI Kongreß. Das Thema

Minderheitenschutz war auch auf die Agenda der nachfolgenden

Septembertagung des Völkerbunds gekommen und ebenso als

"wissenschaftlicher Teil" auf unsere FUI Agenda (45).

Dafür waren drei Vorträge vorbereitet worden, und einer von Dr.

Mirkine­Guzewich, Generalsekretär des Instituts für Internationales

Recht, zeigte die Unterschiede des Denkens am deutlichsten. Seiner

war nationalstaatlich, französisch und englisch beeinflußt. Nation

war der Staat, es war bei Definition der Paß, die Staatsangehörigkeit,

die man hatte, und da war gar kein Raum für Nationalität als eine

andere Kategorie. Nicht nur für die Deutschen, auch für Polen und

Tschechen war das aus eigenem Erleben gar nicht so, eben in ganz

Mittel­, Südost­ und Osteuropa. Mein eigenes Miterleben an dieser

Problematik wurde in dieser Genfer Woche immer wieder stark berührt.

Auf dem Minderheitenkongreß hatte ich auch Otto Ulitz als einen der

Delegierten der deutschen Minderheit in Polen getroffen. Wir sahen

uns wieder in der Bierstube "Bavaria", so berühmt damals als

internationaler Treffpunkt, wo die Studentendelegationen auch oft

zusammen saßen. Ulitz lud mich an seinen Tisch und stellte mich dort

einem seiner Minderheitenkongreß­Kollegen vor, nämlich Dr. Motzkin,

jüdischer Abgeordneter im polnischen Sejm und bekannter

Zionistenführer in Polen. Nach ihm wurde später eine Siedlung in

Israel genannt. Das war für mich eine nachdenklich machende

Begegnung in der "Bavaria".

Die Kongresse aber spielten sich nicht nur in der "Bavaria" ab.

Zunächst vertrat ich die deutsche Delegation in der Unterkommission

für Abrüstung und das fand wirklich im Sitzungssaal des

Völkerbundrates statt. Hauptaktivität wurde dann "la question

danzigoise". Danzig war durch den Versailler Vertrag zu einer Freien

Stadt gemacht worden, vertraglich mit Polen verbunden. Es hatte eine

deutschsprachige Technische Hochschule, an der auch eine Gruppe für

Völkerbundsarbeit gegründet wurde, die nun Aufnahme in die FUI

beantragte. Die polnische Delegation widersprach und forderte, die

Danziger Gruppe sollte zum polnischen Verband gehören. Auf der

deutschen Rechten war der Plan, sich für Aufnahme einer

selbstständigen Danziger Gruppe einzusetzen, auch etwas Ungewohntes.

Die Deutsche Studentenschaft, auf dem "großdeutschen Prinzip"

aufgebaut, umfaßte ja alle deutschsprachigen Hochschulen,

einschließlich Österreich und der Tschechoslowakei, und natürlich

auch Danzig, wo sie sogar einmal ihren Studententag abgehalten hatte.

In der FUI war das anders. Die österreichischen und Prager/Brünner

Hochschulen gehörten nicht zur deutschen FUI "Zentralstelle". Die

rechtlichen Aspekte von Danzig's Stellung waren kompliziert; ein

Präzedenzfall war, daß im Verband der Völkerbundsligen auch eine

selbstständige Danziger Liga für Völkerbund Aufnahme gefunden hatte.

Es gab in Danzig nur die eine Hochschule, und da war nur eine sehr

kleine Minderheit von polnischen Studenten. Die Auseinandersetzungen,

an denen ich auch schon im Kommissionsstadium verwickelt war, wurden

sehr heftig. Als unser Standpunkt nach anfänglichen Schwierigkeiten

sich durchzusetzen begann, machten wir mit Mitgliedern der polnischen

Delegation zusammen einen Ausflug zum noch im Bau befindlichen neuen

Völkerbundsgebäude draußen am See. Es wurde eine gar nicht

unfreundliche Begegnung, an die ich mich oft erinnert habe. Die

Aufnahme der Danziger Gruppe wurde schließlich vom Plenum einstimmig

bestätigt, nachdem eine Zusammenarbeit zwischen der selbständigen

Danziger Gruppe und der polnischen Minderheit in Danzig vereinbart

und eine dementsprechende Berücksichtigung bei der Zusammensetzung

der Delegationen für spätere FUI Kongresse in Aussicht gestellt

worden war (46).

Zu den wichtigen Gewohnheiten des Kongresses gehörten auch

Zusammenkünfte zwischen verschiedenen einzelnen Delegationen,

befreundeten sowohl wie ferneren. Die politische Lage in Europa

stand immer mehr unter dem Impakt der Weltwirtschaftskrise. Ihre

Einwirkungen außerhalb der USA waren unverkennbar verschieden je nach

wirtschaftlicher Struktur und finanzieller Lage der betreffenden

Länder oder Ländergruppen. So kam es, daß der Begriff Mitteleuropa

wieder in ganz ernsten wirtschaftspolitischen Überlegungen erschien.

Da war der Zusammenbruch der internationalen Agrarmärkte, ebenso wie

die drastische Schutzzollpolitik, mit der die USA auf die Krise

reagierten. Der Smoot­Hawle, Tariff Act war am 17.Juni 1930 von

Präsident Hoover unterzeichnet worden. All das sandte Wellen des

Schauderns durch Kanzleien, Bankkontore und Redaktionsstuben, und es

zeigte sich, daß Länder in Mitteleuropa dabei besonders betroffen

sein würden. Es ergab sich geradezu das Gefühl von Mitteleuropa als

einer Betroffenheitsgemeinschaft in dieser Weltwirtschaftskrise.

In manchen deutschen Kreisen war der Begriff Mitteleuropa mit

Anklängen an sich natürlich ergebende deutsche Vorherrschaft verfärbt

worden. Sogar das Buch, das der Altvater der Demokratischen Partei,

Friedrich Naumann, über Mitteleuropa geschrieben hatte, war nicht

frei davon. Es war, als ob man in Deutschland zurückrevidieren

wollte, was Bismarck 1866/1871 zerbrach. Aber das Heilige Römische

Reich deutscher Nation bestand eben nicht mehr, auch die

Donaumonarchie war zerfallen, die meisten der Nachfolgestaaten waren

politisch in der Kleinen Entente und in einem Bündnis mit Frankreich

zusammengeschlossen.

Rückblicke · 第 11 / 27 段