ihrem 10.Jahrestag am 11.August 1929 fanden große Feiern statt. Wir
gingen alle in das Stadium zum offiziellen Festakt, das Reichsbanner
trat in Stärke auf, es gab keine Störungen. Beim Rückweg im
Tiergarten zwischen Zelten und Brandenburger Tor sahen wir Carl
Severing, den Reichsinnenminister, vor uns, es war ein lebhafter
Betrieb festlich gestimmter Mengen, weit und breit war kein Schutz
oder Bewachung für ihn zu sehen. Wir dachten, wo könnte man das
sonst so sehen, es schien doch gut um die Republik bestellt. Aber
das Hochgefühl dieses Tages blieb mir als Episode eben so in
Erinnerung, weil es doch schon zu dieser Zeit, kaum ein Jahr nach den
Wahlen in Mai 1928 so viel stärkere Anzeichen fortwährender Bedrohung
der Republik gab, die ich selbst auch zu spüren bekam.
Ich wohnte schon für die Ferienpraxis in Reinickendorf, im Norden
Berlins. Die Belegschaft war ganz anders als auf dem Bau im Vorjahr,
hauptsächlich junge Lehrlinge oder Praktikanten wie ich, und es war
nicht nur das sondern auch das Jahr, das vergangen war. Es gab unter
den jungen Leuten Gruppen von Nationalsozialisten und Kommunisten und
dauernd Spannungen. Von den kursleitenden zwei Werkmeistern war
einer deutlich in Sympathie mit seinen Nazischülern. Die standen ja
schon unter enormem emotionellem Auftrieb und das geisterte durch die
Werkräume. Gott sei Dank war das Arbeitsklima in der Gießerei
Jachmann, in der ich abschloß, noch normaler, Arbeiter und
Angestellte aller Altersklassen, Spannungen zwischen etwaigen Nazis
und Kommunisten kaum zu merken. Ich war aber froh, als ich wieder
nach Charlottenburg ziehen konnte.
Die nationalsozialistische Studentengruppe an unserer TH war sehr
gewachsen, trat ungeheuer aggressiv gegen jeden auf, es war an der TH
besonders stark und rapide; in dem fanatischen, von Haß platzenden
Hammersen hatten sie einen rasanten Führer. Er stand dem Dr. von
Leers nahe, gehörte also zu den Radikalsten unter den Nazis. Die
Mehrheit der rechtsgerichteten Großdeutschen Studentenschaft war noch
immer durch die Korporationen des Waffenrings vertreten, aber die
Nationalsozialisten bauten eine eigene Studentenorganisation auf.
Die Korporationen hatten Schwierigkeiten, ein Teil ihrer Mitglieder
wurden Nazianhänger.
Im Ausschuß der Wirtschaftshilfe, damals vom Chemiker Dr. Pschorr
sehr unparteiisch präsidiert, saßen Korporarionsstudenten als
Vertreter der Großdeutschen Studentenschaft, die Zusammenarbeit war
sachlich. Es wurden aber von Zeit zu Zeit Vollversammlungen aller
Studenten abgehalten, und Hammersen benutzte das für die
Nationalsozialisten, um ganz radikale Anträge zu stellen. Ich
stellte sofort Antrag auf Ablehnung, er wetterte gegen den "Juden
Grünfeld", Geheimrat Pschorr entzog ihm schließlich das Wort. Die
Anhänger der Großdeutschen Studentenschaft waren gespalten, ihre
gemäßigteren Korporationen stimmten für Ablehnung. Sollte das eine
neue Entwicklung werden?
In Leopold Schwarzschild's "Das Tagebuch" drängte der demokratische
Politiker Dr. F.Friedensburg auf energischeren Kampf gegen die
Republikfeindlichkeit der Studenten, und sah die Hauptursache in den
Korporationen. Am 31.Oktober sprach er auf einem Diskussionsabend,
der dafür vom Deutschen Republikanischen Reichsbund und der
republikanischen AltAkademikervereinigung "Der Bund" in dem
Demokratischen Klub einberufen wurde. Es sprachen in lebhafter
Diskussion u.a. Kultusminister Bekker, manche andere Prominente und
für die Studenten Kurt Berlowitz. Daher meldete ich mich nicht zum
Wort, aber als uns nachher Leopold Schwarzschild um sich versammelte,
um zu fragen, was nun gegen die Korporationen getan werden sollte, da
wies ich auf meine Erfahrung an der TH Charlottenburg hin, wo sich
als die gefährlichsten Hauptgegner der Republik bereits die
organisierten Nationalsozialisten profiliert hatten, daß also von
meiner Sicht her die größere Gefahr nun von Hitlers Bewegung kam, die
auch in manchen Korporationen als Bedrohung von außen empfunden wurde.
Das hieß nicht, daß ich nicht auch in Zukunft gegen die schlechten
Einflüsse der Korporationen sprach oder schrieb, ja ich sollte sogar
wegen solcher Äußerungen noch bald einem speziellen Boykott durch
meine Schulkameraden ausgesetzt sein, aber die politische Entwicklung
hatte ich von meiner zugespitzten Erfahrung an der TH her schon
damals richtiger gesehen als die anderen Teilnehmer an der Diskussion.
Am 3.Oktober war Stresemann gestorben. Ich erinnere mich deutlich an
das Gefühl des Verlusts und auch einer deutlichen Gefährdung der
Republik, denn es war zu diesem Zeitpunkt er, der die Große Koalition
zusammen zu halten schien. Nach Locarno und BriandKellog Pakt
führte die Verständigungspolitik zum Abkommen über den Young Plan für
die Abwicklung der Reparationen, eine Erleichterung gegenüber
früheren Reglungen, aber doch neuerliche Festschreibung einer
gewaltigen Last. Die Zustimmung zum YoungPlan durch Stresemann auf
einer ersten Haager Konferenz im August 1929 war die logische und
unausweichliche Kulmination der durch Locarno eingeleiteten
Verständigungspolitik, ein Schlüsselpunkt in der Politik der
republikanischen Parteien, einschließlich Stresemanns Deutscher
Volkspartei. Man darf nicht vergessen, das Rheinland war noch von
alliierten Truppen besetzt. Rheinlandräumung und Annahme des
Youngplans hingen zusammen.
Zu den deutschen Sachverständigen, die zur Abfassung des Planes
zugezogen wurden, gehörte auch der Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar
Schacht, und er wandte sich plötzlich gegen die Annahme des Plans.
Die Deutschnationale Partei Hugenbergs leitete ein Volksbegehren
gegen die Annahme des Youngplans ein, und die Nationalsozialisten
schlossen sich an. Es trug dazu bei, ihnen entscheidenden Auftrieb
zu geben. Wo sie im Mai 1928 noch mit 12 Mandaten gegen 73 Mandate
der Deutschnationalen in den Reichstag gezogen waren, wurden sie nun,
schon durch die Vehemenz ihrer Propaganda, gleich lautstarke Partner
auf der Rechten. Das Referendum am 22.Dezember 1929 ging aber für
Annahme des Youngplans aus, die Republik hatte nochmals gewonnen. In
einigen Kommunal und Landtagswahlen aber zeigten sich bald
beunruhigende Gewinne für die Nationalsozialisten. Zu den
Erinnerungen an diese turbulenten ausgehenden Monate des Jahres 1929
gehören natürlich auch die ersten Nachrichten aus New York über
Börsenkrach und beginnende schwere amerikanische Wirtschaftskrise.
In Deutschland wurde man sich bald der ernsten Bedeutung, die das
haben würde, bewußt. Noch aber bestand, durch den Ausgang des
Youngplan Referendums bestärkt, starke Zuversicht für die Sache der
Weimarer Republik, und der DStV bereitete seinen 2. Studententag für
Anfang Januar 1930 vor.
Für den Hauptfestakt suchten wir je einen Redner der drei Parteien
oder jedenfalls der politischen Richtungen, die sie für uns
repräsentierten. Als Redner für die demokratische Richtung wurde der
Historiker Friedrich Meinecke vorgeschlagen. Berlowitz wollte das
Privileg, ihn um seinen Vortrag zu bitten, ich ging in den Reichstag
zum Prälaten Dr. Schreiber und Felix Raddatz sah den
Sozialdemokratischen Staatsrechtler Heller.
Vor dem Studententag fuhr ich für Weihnachten und Sylvester nach
Hause. Als ganz persönliche Erinnerung: ich wollte gleich danach
wegfahren für die Vorbereitungen zum Studententag, da brach ein Sturm
los. Mein Vater beklagte sich, daß mein Studium zu kurz kommt, und
wozu das alles gut sei, zum Beispiel in Kiel bei der VDA Tagung hätte
ich bloß die Aktentasche von Herrn Külz getragen. Er mußte sich sehr
geärgert haben, was unsere Freundin Rosa Speier glaubte, in Kiel
gesehen zu haben, und meinen Eltern erzählt hatte. Das Bild da am
Rande der Festwiese kam mir wieder in Erinnerung. "Aber es war doch
meine Aktentasche.." sagte ich und mußte den Zusammenhang mit der
frühen Abreise nach Worms erklären. Die Erwähnung von Worms machte
die Lage nur wenig besser. Meine Eltern hatten damals tagelang nicht
gewußt, wo ich eigentlich bin. Schließlich sprach Vater noch ein
ernstes Wort, ich täte jetzt viel zu viel in meinem Alter, verausgabe
mich, und dann würde ich später viel weniger Erfolg haben. Daran
habe ich oft gedacht. Wir einigten uns auf einen mittleren
Abreisetermin.
Von den zum republikanischen Studententag sich versammelnden
demokratischen Delegierten wurde vorher eine Tagung des Reichsbunds
demokratischer Studenten abgehalten. Wolfram Müllerburg wollte dafür
als Hauptredner neue, nicht so parteipolitisch abgestempelte Namen,
und damit vielleicht neues Blut und Ideen zeigen. Es kamen Alfred
Weber aus Heidelberg und Heinrich Simon, Herausgeber der Frankfurter
Zeitung. Hier war also ein Versuch der Neuerung aus der liberalen
Mitte heraus. Ich fand mich auf der Abendveranstaltung, auf der sie
sprachen, zwischen den beiden sitzend, die Tagung verlief in
Begeisterung und Kampfstimmung.
Auf der DStV Tagung mußte ein neuer Vorstand gewählt werden.
Studenten konnten ja solche Ämter nie lange wahrnehmen, Berlowitz
wollte ins Referendar, ich im Juni ins Vorexamen an der TH gehen,
Raddatz war schon berufstätig. Als neuen demokratischen Vertreter
wollte ich unbedingt Helmuth Eichler aus Dresden gewählt haben, sehr
energisch und mit Durchschlagskraft, eher leicht rechts von der Mitte
und mit gutem Kontakt mit gemäßigt rechten Gruppen auch im Deutschen
Studentenwerk in Dresden, dessen Direktor Dr. Schairer auch als Gast
bei einigen Veranstaltungen der DStV Tagung teilnahm. Diese Kreise
schienen gerade auf dem Weg, sich mit der Republik besser zu
befreunden. Trotzdem viele links von Eichler standen, fand der
Vorschlag beim demokratischen Studententag Zustimmung, und ich wurde
beauftragt, den Vorschlag auf der DStV Tagung mit Bestimmtheit zu
vertreten. Man wußte schon, daß es gegen Eichlers Wahl bei den
Sozialisten Widerstand gab.
Der DStV republikanische Studententag wurde dann eine starke
Kundgebung von gemeinsamer Einsatzbereitschaft und Kampfstimmung.
Der äußere Rahmen war anspruchsvoll aufgezogen (25). Am Vorabend gab
Minister Becker einen Empfang im Preußischen Kultusministerium, zu
der Eröffnung der Tagung am 10.Januar kam der Reichsinnenminister
Severing. Am Abend gab uns die Vereinigung freiheitlicher Akademiker
"Der Bund" einen vom demokratischen Abgeordneten Dr. Bohnert (26)
geleiteten Empfang im Preußischen Landtag, wo der Reichskanzler
Hermann Müller sprach. Die Akademische Kundgebung mit den Reden von
Meinecke (Geschichte, Staat und Gegenwart), Hermann Heller (Die
Bedeutung der gesellschaftlichwissenschaftlichen Auffassung in allen
Geisteswissenschaften) und Prälat Schreiber (Die politische Bedeutung
des Auslandsdeutschtums) fand auch gute Beachtung.
Bei der folgenden Schlußsitzung nominierte ich Eichler für den
demokratischen Vorstandsposten, es gab heftige
Meinungsverschiedenheiten, ein zunehmendes Patt. Ein Freund sagte
mir nachher, daß ich trotz kompromißlosem Bestehen auf unserem Antrag
durch die Art meiner Reden es verstanden hätte, die Wogen zu glätten,
statt sie weiter aufzurühren. Ich habe mich im späteren Leben oft an
diese Wertung erinnert. Es überzeugte jedenfalls den
Zentrumskollegen Felix Raddatz, der die Sozialisten zum Einlenken
bewegte.
Ein Nachwort zum Studententag von Werner Mahrholz "Aufbruch zur
Fahrt" (27) enthielt auch kritische Töne. Er bejahte den Erfolg in
der Suche nach einem unmittelbaren Aktionsprogramm, auch mit einigen
Ideen für eine Hochschulreform, aber war kritisch, daß der
Studententag eine Wiederherstellung studentischer Selbstverwaltung
erst sich vorstellen konnte, wenn "das Bekenntnis zur Republik für
die überwiegende Mehrheit der Studenten selbstverständlich ist", und
daß zunächst auch die Wirtschaftshilfe als staatliche Organisation
auszubauen sei. Das scheint ihm zu viel Hang zum
'Gouvernmentalismus'...man erwartet viel, ja alles vom Vater Staat,
und man verläßt sich doch, trotz allen Minderheitscharakter des
jetzigen Deutschen Studentenverbandes, zu wenig auf die eigene Kraft".
Das linke Argument dagegen war, die Volksmehrheit hatte sich
besonders 1928 eindeutig für die Republik entschieden, es durfte
keine studentischen Parlamente geben, die von der klassenmäßig
verschiedenen Zusammensetzung der Studentenschaft her staatsfeindlich
sein würden. Ich war damals, wie Mahrholz, auch für eine positivere
Einstellung zu den Führern, die von gemäßigteren Leuten der
Studentenschaft kamen, eine Selbstverwaltung mit für die
republikanischen Parteien annehmbarer Verfassung zu planen. Mein
Bestehen auf der Wahl Eichlers hatte damit zu tun. Man mußte
versuchen, die Schichten auf der gemäßigten Rechten zu erreichen, von
denen man vielleicht kein "Bekenntnis zur Republik", aber die
Bereitschaft, mit der Republik als selbstverständlich zu leben, im
Laufe der Zeit erwarten konnte. Als die Republik 1928 stark war, gab
es schon Zeichen solcher Entwicklung im politischen Leben. Der
Monarchismus, ursprünglich Hauptquelle der Gegnerschaft gegen die
Republik verblaßte, wenn auch nicht im Militär, doch in Bürgerschaft
und Jugend. Auch wenn man schon die nationalsozialistische Drohung
sah, daß dies wirklich Hitlers Ernte werden würde, schien nicht
vorbestimmt. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und
Auseinanderfallen der Großen Koalition standen noch bevor.
Eichler war also gewählt worden. Als mein eigentlicher Nachfolger im
Vorstand des DStV, nämlich als Vertreter der freien Verbindungen,
wurde der Mediziner und FWVer Kurt Lange gewählt, der eine lange
Erfahrung in hochschulpolitischer Arbeit noch aus der Zeit der alten
Selbstverwaltung an der Universität Berlin hatte. Die anderen drei
neuen Vorstandsmitglieder, die Sozialisten Heinrich Kaun (Vorsitz),
Martin Böttcher und Zentrumsmann Mielnickel erschienen mir damals,
als wenn sie zu einer jüngeren Generation gehörten. Ich wurde
gebeten, von Heinz Ollendorf die Herausgeberschaft unserer
Zeitschrift "Student & Hochschule" zu übernehmen, was auch zur
Kontinuität der Vorstandsarbeit beitragen sollte. Das schien
zeitlich kaum so eine schwere Belastung, und ich nahm es gern an.
Man gehörte zu den etwas älteren Semestern in der Hochschulpolitik,
und es ergaben sich neben den Vorbereitungen zum Examen und der
Herausgeberschaft der DStV Zeitschrift noch andere interessante
Aufgaben.
Bald nach unserem Studententag fanden zwei sehr aktuell scheinende
Vortragsabende im Demokratischen Studentenbund unter Robert Hess
statt. Erst kam Hans Zehrer, dann Gustav Stolper, Herausgeber der
sehr erfolgreich und angesehen gewordenen Wochenschrift "Der deutsche
Volkswirt", verantwortlich für ein neues Wirtschaftsprogramm der
Demokraten (28) und einer ihrer prominenten Reichstagsabgeordneten.
Der außenpolitische Redakteur der "Vossischen Zeitung" Hans Zehrer
war im Oktober 1929 in der Zeitschrift "Die Tat" als Wortführer einer
neuen Bewegung der politischen Mitte hervorgetreten, mit sehr
unherkömmlichen Akzenten und starkem Abstand vom Parteienspektrum.
Für die Dezemberausgabe 1929 von "Student und Hochschule" hatten wir
programmatische Beiträge von den verschiedenen im DStV
zusammenarbeitenden Richtungen gesucht. Ich suchte einen für die
Demokraten, also die politische Mitte, und wurde mit der Frage
überrascht, warum nehmen Sie nicht Hans Zehrer, er will ja für die
junge Mitte sprechen. Mich hatte an seinem Artikel in der Tat
manches beeindruckt, hatte ihn nie kennengelernt, aber kannte mich ja
in der Vossischen Zeitung aus, erklärte ihm, worum es uns ging, und
er gab mir dann seinen Artikel "Die Ideologie der Studenten" (29).
Als Zehrer nun Anfang 1930 im Demokratischen Studentenbund sprach,
war er noch ganz im Vordergrund in der Tat, spätere enfants terribles
wie Ferdinand Fried oder Giselher Wirsing hatten sich noch nicht
profiliert. Zehrer gab eine gute Präsentation seiner Ideen, vieles
sehr erstaunlich, manches zum Nachdenken. Als heftigster Opponent
gegen seine Angriffe auf das liberale Gedankengut in Politik und
Wirtschaft trat Rudolf Olden hervor, der auf die nächste
Veranstaltung, den Vortrag seines Freundes Gustav Stolper hinwies,
dem man vertrauen könne, Hans Zehrer endgültig ad absurdum zu führen.
Es meldete sich auch ein junger intellektueller Typ von gutem
Auftreten und Benehmen, der sich aber als Nationalsozialist
vorstellte und voraussagte, daß Hans Zehrer sich ihnen bald
anschließen würde. An diese Voraussage habe ich in den nächsten drei
Jahren oft denken müssen.
Für den Vortrag von Gustav Stolper bat mich Robert Hess, in der
Diskussion den Standpunkt der demokratischen Studenten zu vertreten.
Das war natürlich nicht so gemeint, daß dieser in Richtung von Hans
Zehrers Ideen in der "Tat" ging, gemeint waren die alten Gegensätze
in Betonung und Zielen zwischen linken und rechten Flügeln der Partei,
Jungdemokraten und Parteizentrale, Erkelenz und Hermann Fischer.
Gustav Stolpers Ideen und ein neues Wirtschaftsprogramm luden zu
neuer Stellungnahme ein. Ich wollte dieses Mandat nicht annehmen,
sagte aber zu an der Diskussion teilzunehmen. Es war ein schwieriges
Thema, keineswegs war einem die Lage klar, Spannung zwischen
marktwirtschaftlichen und sozialpolitischen Geboten beherrscht ja
auch heute noch die theoretische und politische Diskussion.
Gustav Stolper kam mit dem ihm sehr befreundeten Theodor Heuss (30),
beide mit ihren Frauen, da war also auch Elli HeussKnapp. Gustav
Stolper kam also in sehr guter Gesellschaft und vertrat sein
marktwirtschaftlich orientiertes Programm auch für Zeiten einer Krise
mit großem Elan für sozialpolitische Belange, ein Ausblick die
Krönung des Wohlstands der Arbeiterschaft durch weite Streuung des
Aktienbesitzes. Kaum hatte er geschlossen, erteilte Robert Hess mir
das Wort. Das war nicht so verabredet, ich mußte gute Miene zum
bösen Spiel machen, konnte einige sachbezogene in diese Richtung
gehende Kommentare geben und Fragen an den Redner stellen, aber die
beschwingte Phillipika gegen ihn von linksdemokratischer Seite, die
kam nicht von mir, dafür aber dann von Dr. Bruno Ravecker,
Geschäftsführer des Arbeitnehmerausschusses der Partei, der eine
Broschüre über "Wirtschaftsdemokratie" veröffentlicht hatte (31).
Gustav Stolper hatte sich zwar ausdrücklich gegen die "Tabuisierung"
dieses Begriffes durch den rechten Flügel der Partei unter Hermann
Fischer gewandt, aber für Dr. Ravecker, in der demokratischen
Gewerkschaftsbewegung prominent, gab es da noch immer einen großen
Graben. Es war eine gute Lehre: die Mitte, wenn man ihr verhaftet
ist, bleibt ein schwieriger politscher Standort.
In der deutschen Innenpolitik war Anlaß zu Sorge über die Zukunft der
politischen Mitte. Deren Parteien hatten entscheidende Stimmeinbußen
erlitten in Zwischenwahlen, in denen neben links und rechtsradikalen
auch neuentstandene Splitterparteien der Mitte die Statur besonders
der Demokraten reduziert hatten. Schon seit langem war das Gebot
einer Konsolidation der Kräfte der Mitte, Zusammenschlusses
wenigstens von Demokraten und Volkspartei immer wieder unter
Diskussion, aber an Widerständen in beiden Parteien gescheitert. In
der Deutschen Volkspartei gehörten die Hochschulgruppen zu den
Aufgeschlossenen und Fortschrittlichen, die gerade damals im Januar
1930 für solche Bestrebungen sehr offen waren.
Aus Unterhaltungen, an denen ich sehr aktiv teilnahm, ergab sich die
Idee, daß wir Studenten eine Initiative ergreifen und mit gutem
Beispiel vorangehen sollten, und anstelle der Verhandlungen der
Parteipersönlichkeiten hinter den Kulissen, unter den Studenten eine
öffentliche Parole setzen sollten. Wir bildeten eine lose Gruppe,
nannten es "Arbeitsring der politischen Mitte" und luden zu einer
Kundgebung gleichgesinnter Studenten ein (32). Der Raum war voll,
die Stimmung sehr ernst. Dazu war aller Grund.
Die Weltwirtschaftskrise traf zunehmend die deutsche Wirtschaft, die
Arbeitslosenzahl betrug schon 2.5 Millionen, die finanziellen Lasten
ihrer Unterstützung verlangte Steuererhöhungen, auf die sich die
Parteien der Großen Koalition nicht einigen konnten. Es gab das
lähmende Gefühl einer möglichen Regierungskrise, die zu einer Krise
des parlamentarischen Parteienstaats werden könnte. Unsere
Versammlung schien ein Erfolg, und eine größere sollte für März
vorbereitet werden mit einem prominenten, allen Beteiligten genehmen
Redner. Ich schlug Dr. Hellpach vor, er war demokratischer
Reichstagsabgeordeter, aber hatte eine sehr unabhängige Haltung, alle
Veranstalter stimmten zu und ich übernahm, ihn dafür zu gewinnen.
Ich schrieb ihm nach Heidelberg, und er gab mir das Datum seines
nächsten Reichstagsbesuchs in Berlin, an dem ich mich dort bei ihm
morgens melden sollte. Er war sehr begeistert über unseren Vorschlag
und verwickelte mich in längere Unterhaltung über die Lage und
Zukunft, ich wollte eigentlich schon gehen, aber er hielt mich bis
zur Mittagstunde dort in der Wandelhalle des Reichstags. Datum und
Thema waren nun verabredet.
Einige Tage später brachten die Zeitungen die Nachricht, daß er sein
Reichstagsmandat niedergelegt hatte, aber im Vorstand der
demokratischen Partei bleiben würde. Er hatte mir nichts darüber
gesagt, als er seine Beteiligung an unserer Versammlung des
Arbeitsrings der politischen Mitte zusagte. Aber eine der
Begründungen war jetzt, daß er für eine Einigung der politischen
Mitte arbeiten wollte (33).
Die Versammlung war gut besucht, zu beiden unserer Versammlungen
kamen viele, die nicht Mitglieder der beteiligten politischen Gruppen
waren, wo also das Thema "politische Mitte" ein Anreiz zur Sammlung
zu sein schien, und das war ja die Idee. Nach dem Vortrag kam man
noch zu einem Glas Bier zusammen, gekommen waren auch, ich hatte
meinen Augen kaum getraut, Hermann Pröbst und Kurt Kersten, beide
immer noch aktiv in der Führung der Deutschen Studentenschaft. Die
beiden hatten seinerzeit die scharfe Erklärung der Deutschen
Studentenschaft gegen die Gründung des DStV unterzeichnet, nun kamen
sie beide zu einer maßgeblich von mir mitveranstalteten Versammlung.
Hermann Pröbst hatte ich ja auf meiner langen Bahnfahrt nach Gmunden
Pfingsten 1928 kennengelernt. Wir kamen auch nun wieder ins Gespräch.
Es war mir nicht klar, wo der Hauptantrieb für ihren Besuch lag.
Sie gehörten zu denen in der Deutschen Studentenschaft, die für neue
Bemühungen um Wiederherstellung einer studentischen Selbstverwaltung
selbst unter Aufgabe gewisser rechtsradikaler Bedingungen standen und
schon daher an Kontakten mit der Mitte interessiert. Aber es war
doch wohl auch eine mehr politische Note dabei. So wie meine
Erinnerung an Proebst war, schien mir das schon plausibel. In der
Deutschen Studentenschaft und den Korporationen gab es ja schon
scharfe Konflikte mit den totalen Herrschafts und
Gleichschaltungszielen des Nationalsozialistischen Studentenbunds und
seiner von außen her kommenden radikalen Führungsschicht. Die
Anderen mußten oft das Gefühl bekommen, daß sie mit dem Rücken gegen
die Wand standen (34).