hochgespielt worden, um den Locarno Westpakt der deutschen Rechten
mehr schmackhaft zu machen. Die Linke ergriff Aktion gegen den
Panzerkreuzer, aber nahm nicht entscheidend Stellung gegen Wünsche
nach Revision der Ostgrenzen, was wirklich der Kern der Sache gewesen
wäre, wenn man dem Bau dieses Panzerkreuzers einen aggressiven
Anstrich beimaß. Die Frage der Ostgrenzen aber war ein heißes Eisen,
sie war eher Tabu, man wollte sie nicht wirklich in den Bereich
ernster öffentlicher Diskussion bringen. Nachdem Hitler 1939 die
Bevölkerung über diese Frage der deutschpolnischen Grenzen in den 2.
Weltkrieg führen konnte, wird einem klar, welche fatalen Wirkungen
manchmal auch solche "Vorbehalte" haben können, wenn sie zu oft und
lange genug gemacht werden.
Auch in der damaligen Stimmung in Oberschlesien lag die Idee einer
Rückkehr des abgetretenen Gebiets sehr fern. Die deutsche Minderheit
war in einem andauernden Kampf um die Behauptung ihrer
Minderheitsrechte auf Defensive ausgerichtet, und das waren die
motivierenden Gesichtspunkte des täglichen Lebens.
Als KarlHeinz Lubowsksi in Krakau studierte, trat er dort auch dem
Verband deutscher Studenten bei, und durch ihn lernte ich auch dessen
damaligen Vorsitzenden Jobst v. Idendorff kennen, mit dem er sich sehr
angefreundet hatte. Wendorff stand politisch auf der deutschen
Rechten, war sehr intelligent und recht vorurteilslos. Scherzend
betonte er mir gegenüber immer, daß sein mecklenburgischer Verwandter
ja Demokrat und preußischer Landwirtschaftsminister im Kabinett Braun
war.
Es war interessant, die verschiedenen Stimmungen unter diesen
deutschen Studenten in Polen zu beobachten. Sie waren ja dauernd den
Polen, polnischer Kultur und Geschichtsvorstellungen nahe, das
tägliche Leben sozusagen in sie eingebunden. Manche von ihnen kamen
aus deutschen Siedlungsinseln im Innern Polens, z.B. Lodz oder
Ostgalizien. Ihre Existenz als Deutsche in Polen hatte also damals
nichts direkt zu tun mit deutschen Wünschen nach Revision der
Versailler Ostgrenzen. Sie waren in einer typischen deutschen
Minderheitssituation. Es hieß aber nicht, daß sich unter ihnen nicht
manchmal die radikalsten deutschen Nationalisten fanden (17).
Um nun von der Betrachtung mehr schicksalsvoller Fragen zu meinen
Erinnerungen an den demokratischen Studentenbund zurückzukehren, es
gab dort auch gesellschaftliche Veranstaltungen. So hatten wir ein
Sommerfest draußen im Westen, als Redner hatte ich Gertrud Bäumer
gewonnen, man mußte sie dort an einem Bus abholen, mit mir machen
wollte das Gabriele Müller. Sie war die Schwester der
Filmschauspielerin Renate Müller, deren Vater beim Berliner Tageblatt
war. Gabriele war überhaupt ein sehr eifriges und ehrgeiziges
Mitglied unseres Studentenbunds, wo wir also nicht nur Talent sondern
auch Charme versammelt hatten (18).
Im Wintersemester gab es dann den jährlichen Ball im Kaiserhof, den
ich damals mit vorbereiten und eröffnen mußte. Es waren alle
demokratischen Minister gekommen, und viele andere prominente Freunde.
Die Damenrede sollte Dr. E. Willy Hellpach halten, der grade von
einer Operation ins politische Leben zurückgekehrt war, wozu ich ihn
bei der Einführung herzlich beglückwünschte. Er dankte dafür
überschwenglich (19), und ich hatte mit ihm seitdem guten Kontakt.
Die Abfassung eines kleinen Theaterstücks war dem im linken Flügel
stehenden Berthold Weinberg überlassen worden, es wurde eifrig dafür
geprobt, ich hatte es nicht gesehen. Das Theaterstück erregte den
Unwillen von KochWeser und die Minister verließen bald nach der
Aufführung unseren Ball.
Kurz darauf bat mich Oskar Meyer in den Reichstag. Er war ein guter
Freund unseres Studentenbunds geworden, und wollte mir sagen, daß es
nicht richtig war, KochWeser als schlafenden Minister darzustellen,
und ihn dann die Visionen haben zu lassen, die man auf linker Seite
bei uns über die Entwicklung der Weimarer Republik hatte. Ich war
erstaunt über die Empfindlichkeit, hatte den frühen geschlossenen
Aufbruch einiger Gäste als unerfreulich empfunden, aber nicht als so
ernst, wie er anscheinend gemeint war. Oskar Meyer setzte noch hinzu,
das Stück wäre ja auch schlecht geschrieben gewesen und "es war
nicht einmal gereimt." Das schien mir eine erstaunliche Bemerkung.
Als ob das anscheinend politische Odium des Stückes dadurch gelindert
gewesen wäre, wenn es besser geschrieben und gereimt war. Vielleicht
hatte er recht. Zum Schluß des Semesters gab ich den Vorsitz im
Berliner demokratischen Studentenbund ab, da ich in den Vorstand des
Deutschen Studentenverbands gewählt werden sollte, und damit begann
noch ein neues Kapitel in meiner hochschulpolitischen Tätigkeit. In
studentischen Organisationen war ja die zeitliche Begrenzung der
Tätigkeit des Einzelnen ein zwingendes Merkmal. Das Studium war an
sich begrenzt in Zeit, oder sollte es sein, und Examenszwänge kamen
auch während des Studiums oft dazwischen, so finden wir einen steten
Wechsel in der Mitarbeiterschaft.
Im ersten nur dreiköpfigen Vorstand des DStV waren Heinz Ollendorf
(FWV) als Vorsitzender, Kurt Berlowitz (Sozialist) und Wolfram
Müllerburg (Demokrat). Im neuen fünfköpfigen Vorstand mußten die
Gewichte anders, den Kräfteverhältnissen entsprechend verteilt werden.
Die Sozialistische Studentenschaft war die bei weitem stärkste der
republikanischen Studentengruppen, und ihr Vorsitzender Kurt
Berlowitz übernahm den Vorsitz im DStV, und sie erhielten noch einen
weiteren Sitz mit Gerhard Geisler aus Leipzig. Die sehr aktive
sozialistische Studentengruppe dort galt als ziemlich linksstehend.
Geissler hatte ein sehr starkes Verhältnis zu den Aufgaben der
studentischen Selbstverwaltung, die im Studentenverband auch sein
Ressort wurden. Einer wichtigen Entwicklung mußte bei der
Vorstandsumbildung Ausdruck gegeben werden:
Der Verband der Zentrumsstudenten hatte beschlossen. dem Deutschen
Studentenverband beizutreten, ihr Vorsitzender Felix Raddatz kam in
den Vorstand. Er wurde ein wirklicher Eckpfeiler der
republikanischen Studentenorganisation, und ich habe ihn sehr
geschätzt. Die Zentrumsstudenten standen in ihrer Partei
verhältismäßig links, ganz anders als die katholischen Korporationen
CV und KV, die nur sehr langsam ihre Verbindung zur Deutschen
Studentenschaft lösten. Felix Raddatz, etwas älteren Semesters, war
mit dem katholischen Sozialfürsorgewerk des Dr. Sonnenschein
verbunden gewesen. Je ein Sitz sollte den Demokraten und den
freiheitlichen Korporationen zukommen. Die Demokraten waren bereit,
den in Auslandsbeziehungen und fremden Sprachen besonders erfahrenen
Joachim Joesten, ein Mitglied des Demokratischen Studentenbunds
Berlin, in den Vorstand zu entsenden, wo er dann ein Auslandsamt des
Deutschen Studentenverbands aufbauen sollte und das auch sehr
erfolgreich tat. Er machte es aber zur Bedingung, daß er sich nicht
mit Vertretung der Interessen der Demokraten den anderen
Mitgliedsorganisationen gegenüber und auch mit allgemeinen
hochschulpolitischen Fragen nicht befassen muß. Er hatte ja auch in
der demokratischen Studentenorganisation nie eine Stellung bekleidet
oder sich mit solchen Sachen beschäftigt.
Dem sollte damit abgeholfen werden, daß ich als Mitglied der FWV
Vertreter der freiheitlichen Verbindungen werde und dabei dann auch
die spezifischen Interessen des Reichsbundes Demokratischer Studenten
wahrnehmen würde, dessen größte Ortsgruppe, die Berliner, ich ja für
ein Jahr grade geleitet hatte. Von den freiheitlichen Verbindungen
war außer der FWV hauptsächlich der KC im Deutschen Studentenverband
tätig und im Hauptausschuß vertreten und stimmte gegen meine Wahl in
den Vorstand (20).
Mein Vorstandsamt im Deutschen Studentenverband lief nur vom Frühjahr
1929 bis wir dann den 1.Republikanischen Studententag im Januar 1930
veranstalteten. Es war eine erfüllte und aufregende Zeit für mich,
in sehr guter Zusammenarbeit mit den anderen Vorstandsmitgliedern.
Ich hatte, was wir das "Innenamt" nannten, den Kontakt mit allen
Ortsgruppen an den verschiedenen Hochschulen, und den Kreisleitern
und Ausschüssen, in denen sie zusammengefaßt wurden. Es gab in
diesen Kreis und Ortsgruppenführungen starke und eindrucksvolle
junge Persönlichkeiten, zum Teil schon durch Hauptausschußitzungen
des Verbandes in Berlin bekannt, der Kontakt von Berlin wurde durch
häufige Rundschreiben aufrecht erhalten, Kreistage wurden
veranstaltet und besucht (21).
Im DStV wurden auch die entsprechenden österreichischen
Studentengruppen Mitglieder. Besonders die Sozialistische
Studentenschaft hatte eine sehr starke und aktive Mitgliedsgruppe in
Wien, es gab auch eine Freiheitliche Gruppe dort, und es schien
selbstverständlich, daß die republikanischen Studenten sich auch auf
großdeutscher Basis organisieren würden, wie es die Deutsche
Studentenschaft war. Ähnliche Gruppen an den deutschen
Hochschulen in Prag und Brünn sollten auch in den Deutschen
Studentenverband einbezogen werden, der so zeigte, daß er sich dieser
außerhalb Deutschlands lebenden Deutschen durchaus bewußt war und von
seinem politischen Standpunkt eine Haltung und Lösungen dazu
entwickeln wollte.
So wurde dem Innenamt im Vorstand noch ein Grenzlandamt angegliedert.
Anfang Mai 1929 hielten wir eine Grenzlandtagung in Dresden
gemeinsam mit den "Lese und Redehallen der Deutschen Studenten" von
Prag und Brünn ab (22). Das waren schon alte Institutionen
freiheitlicher Studenten, also mit der deutschsprachigen liberalen
Prager Kulturszene verwandt. Dazu kamen noch sozialistische
Vertreter. Unsere Tagung, stark besucht und recht repräsentativ im
Weißen Hirsch aufgezogen, war eine Notwendigkeit für eine lebendige
Eingliederung der Prager und Brünner Gruppen und war auf dem Programm
unseres Vorstands. Für mich traf es sich mit dem lebhaften Interesse
an der Problematik und Bewegung der Minderheiten in Europa, das ich
von meiner oberschlesischen Heimat her hatte (23).
Die DStV Gruppe an der TH Dresden und auch der demokratische
Studentenbund, von Helmut Eichler geleitet, bereitete die Tagung gut
vor, und sie stärkte auch seine Stellung in Dresden, wo es in der
Studentenschaft der TH ebenso wie in Leipzig auch Strömungen für
Distanzierung von der Deutschen Studentenschaft gab. Von dieser
wurde nach 1927 auch die zentrale Organisation für die studentische
Wirtschafthilfe abgetrennt, das Deutsche Studentenwerk mit Sitz in
Dresden, und die Tagung gab uns auch willkommene Gelegenheit für
engeren Kontakt mit führenden Leuten im Studentenwerk(24).
Danach kam Pfingsten, immer eine schöne Zeit für politische Jugend
und Studententagungen. Die Jungdemokraten hatten ihre Jahrestagung
in Worms als ein deutschfranzösisches Jugendtreffen mit der
Jugendorganisation der französischen Radikalsozialistischen Partei
Herriots. Die demokratischen Studenten beteiligten sich mit ihrer
Jahresversammlung aller Mitgliedsgruppen und auf französischer Seite
entsprach dem die "Ligue d'Action..."unter Führung von Pierre
MendèsFrance. Auf der Sitzung des Reichsbunds demokratischer
Studenten sollte Joachim Joesten als demokratischer Vertreter über
die Arbeit des Deutschen Studentenverbands berichten.
Ich selbst wollte wieder die Pfingsttagung des VDA, diesmal in Kiel,
besuchen. Der Leiter des DStV in Kiel war Helmuth Spiegel, er führte
auch die Sozialistische Studentengruppe und beteiligte sich auch
aktiv beim VDA in Kiel. Sein Vater, Rechtsanwalt und altverdienter
Sozialdemokrat, war damals Stadtverordnetenvorsteher von Kiel. Meine
vorjährige Unterhaltung mit Neumann hatte anscheinend Eindruck
gemacht. Im Mittelpunkt der Studententagung stand nicht mehr ein
Festkommers, sondern eine Art Akademie in einer Kapelle, mit Vortrag
des bekannten Berliner Historikers PflugHartung und mit
Kammermusikumrahmung. Abends gab es einen Vortrag des eindeutig auf
republikanischer Seite stehenden Schriftstellers Walter v. Molo über
"Dichtkunst und Volkstum". Da hatte sich doch das Blatt etwas
gewendet.
Es war eben die Zeit, als die Regierung der Großen Koalition noch
intakt war, die Republik zunehmend an Achtung und Stärke zu gewinnen
schien. Helmuth Spiegel wollte eine Anzahl republikanischer
Studenten aus umliegenden Hochschulen zur Teilnahme gewinnen, und
auch unser norddeutscher Kreisleiter Kreye aus Hamburg, ein linker
Sozialist, kam. Kurz vor meiner Abreise nach Kiel ergab sich eine
Komplikation: Joachim Joesten weigerte sich nach Worms zu kommen und
die ihm dort zugedachte Rolle zu übernehmen. Müllerburg bat mich,
meine Pläne für Kiel aufzugeben und statt dessen nach Worms zu kommen,
unser Studententag würde erwarten, von einem Vorstandsmitglied des
Deutschen Studentenverbands aus erster Hand einen Bericht zu bekommen.
Diese Sitzung sollte erst am Pfingstmontag stattfinden. Wir
verabredeten, wenn ich wirklich dabei sein muß, würde er ein
Telegramm nach Kiel schikken, und er versprach, sein Bestes zu tun,
das zu vermeiden. So fuhr ich also nach Kiel, die Spiegels hatten
ein sehr gastliches Haus, viele sozialdemokratische Prominente hatten
sich im Gästebuch eingetragen, wir waren nun eine ganze Anzahl
republikanischer Studenten beisammen. Es gab einen Republikanischen
Akademikerklub in Kiel, der für uns einen Begrüßungsabend
veranstaltete, ich mußte über den Deutschen Studentenverband sprechen.
Es gab mehrere angesehene republikanische Hochschullehrer in Kiel:
Baumgarten, Schücking, Tönnies, Kantorowicz u.a. Die VDA Tagung ließ
sich auch interessant an, ich traf ja auch Bekannte aus Kattowitz,
darunter Otto Ulitz und die alte Familienfreundin Rosa Speier, und
natürlich traf ich auch Werner Mahrholz, dem der so viel besser
republikanische Anstrich dieser Kieler VDA Tagung auch sehr zusagte.
Bei der Studententagung gab es aber doch noch einen peinlichen Mißton.
Wir saßen alle zusammen in dem Kirchenschiff, als Dr. PflugHartung
seinen Vortrag hielt und eine scharf gegen die Weimarer Republik
gerichtete Äußerung nach der anderen von ihm zu hören war. Es wurde
immer ungemütlicher, Kreye neben mir zupfte an meinem Ärmel, wir
guckten uns alle an, und schließlich beschloß ich, aufzustehen und
den Saal zu verlassen. So taten acht bis zehn von uns hinter mir,
wie wir da herausdefilierten. Das war eigentlich schade, die Form
der Veranstaltung gut gedacht, der für den Abend geplante Vortrag
Walter v. Molo's ebenso, aber ich hatte keine Wahl, so ausfällig war
Pflug Hartung geworden.
Am Samstagabend kam Müllerburgs Telegram, das mich um Hilfe für
Montagmorgen in Worms bat. Ich nahm es mit sehr gemischten Gefühlen
auf. Am Pfingstsonntagmorgen packte ich meinen Koffer, gab ihn nach
Worms auf und ging nur mit meiner Aktentasche voll mit Papieren,
Waschzeug, Pyjama etc. zur Morgenfeier der VDA Tagung auf die
Festwiese. Dort sah ich Werner Mahrholz, er stand mit dem
demokratischen Reichstagsabgeordneten, dem früheren
Reichsinnenminister Külz, der sich auch für den VDA interessierte, am
Rande der Festwiese. Mahrholz winkte mir zu, und ich stand dann dort
mit den beiden, aber vor dem Ende mußte ich gehen, um meinen Zug nach
Worms zu erreichen, was ich Mahrholz auch erklären wollte. Am
nächsten Morgen war ich in Worms.
Der Jungdemokratentag war auch ein fröhliches Treiben, aber ich mußte
sofort zur Sitzung der Studententagung; es war eine recht große
Versammlung aus allen Teilen Deutschlands und gut, so viele
wiederzusehen oder kennenzulernen. Es sind mir viele in guter
Erinnerung geblieben, Hamburg, München, Marburg, Köln. Es war ganz
klar, sie wollten wirklich über den Deutschen Studentenverband
sprechen und hatten was zu sagen. Zum Schluß wurde ich zum
stellvertretenden Vorsitzenden des Reichsbunds der demokratischen
Studenten gewählt. Nach unseren Sitzungen nahm ich noch teil an
einer Zusammenkunft mit den französischen radikalsozialistischen
Studenten über Pläne für weitere Zusammenarbeit. Ich saß Pierre
MendèsFrance gegenüber.
Danach kam eine Rheinfahrt von Besuchern der Jugend und der
Studententagungen, an der ich nun auch teilnahm, und auch später in
der Woche an einem Westdeutschen Kreistag des DStV in Köln. Die
Rheinfahrt von Mainz nach Königswinter war wirklich schön. Als
stärkste Persönlichkeit unter den Jungdemokraten auf dieser
Rheinfahrt ist mir der Hamburger Erich Lüth in Erinnerung geblieben,
von großer Vitalität, etwas wild, er hat ja auch im politischen Leben
der jungen Bundesrepublik sich wieder einen Namen gemacht. Mit Hans
Fest und Paul Freitag von der Hamburger Studentengruppe verstand ich
mich besonders gut, und dann war dort noch Tantzen aus Göttingen, der
"junge" im Gegensatz zu seinem Vater, der demokratischer
Reichtstagsabgeordneter, ein oldenburgischer Bauernführer und dort
Ministerpräsident war. Der Sohn war ein sehr begeisteter und
ungestümer Kämpfer für die republikanische Sache, repräsentierte die
Demokraten und den DStV in Göttingen.
Er hatte sich mehrfach bei uns in Berlin über die Göttinger
Universität, Rektor und vor allem den Kurator Schulz beschwert, die
es weiter zuließen, daß die Deutsche Studentenschaft mit ihren
Anschlagbrettern als die offizielle Studentenvertretung auftrat. Zu
meinen Aufgaben im "Innenamt" des DStV gehörte laufender Kontakt mit
dem preußischen Kultusministerium, vor allem mit Ministerialrat Leist,
auch in solchen Fragen. Der Kurator hatte Leist gegenüber alle
Anschuldigungen Tantzens zurückgewiesen und ihn als einen Krakehler
bezeichnet. Leist meinte, jemand sollte doch mal hinfahren und ihm
berichten. Tantzen hatte das selbst schon gefordert und auf der
Rheinfahrt überredete er mich, nach der Kölner Kreistagung auf dem
Rückweg nach Berlin mit ihm über Göttingen zu fahren. Meine kurze
Zeit dort teilte ich zwischen ihm, der Besichtigung der mit Recht
beanstandeten Anschlagbretter und dem alten Freund KarlHeinz
Lubowski, der sein Studium in Krakau aufgegeben und nun in Göttingen
weiter Jura studierte. Er war oft bei Göpperts, leider war Maria
Göppert, meine so begeisternde Bekanntschaft vom vorherigen Sylvester
nicht da, die alte Frau Professor lud mich mit KarlHeinz zum Tee ein.
Zurück in Berlin, berichtete ich Ministerialrat Leist über die
Göttinger Anschlagbretter. Er wollte veranlassen, daß der Geheimrat
Schultz seines Postens als Kurator der Universität enthoben würde.
So endete mein ausgedehnter Pfingstausflug in diesem so lebhaften
Sommersemester 1929.
Die Aktivitäten des DStV entfalteten sich gut, überall im Reich
wurden Versammlungen und Vortragsabende unter Mitwirkung
republikanischer Hochschullehrer und Politiker veranstaltet, im Juli
1929 kam unsere neue Zeitschrift "Student und Hochschule" heraus. In
unserem Büro lernte ich viele der jungen sich bei den
Sozialdemokraten profilierenden Politiker und Publizisten kennen, die
uns dort besuchten, darunter Adolf Reichwein, damals Pressechef des
Kultusministers Becker, Theo Haubach, Walther Pahl, Immanuel Birnbaum,
damals Korrespondent der Vossischen Zeitung in Warschau, und Rudolf
Küstermeyer, Veteran der Studentenbewegung aus Freiburg.
Da zu meinem neuen Studium juristische Vorlesungen und Übungen an der
Universität und Handelshochschule gehörten, führte mich mein Weg
ohnehin mehrmals die Woche ins Zentrum Berlins und eben auch in unser
DStV Büro in der Albrechtstraße gegenüber dem Schiffbauerdamm. Dazu
kam noch die Preußische Staatsbibliothek und dann war noch das Caffee
Schön (Unter den Linden). Mein Nachfolger im Demokratischen
Studentenbund Berlin, Robert Hess, gestaltete das Leben und Programm
der Berliner Ortsgruppe sehr lebendig und hatte besondere Begabung
für menschliche Kontakte. Es hatte sich ein regelmäßiger
Mittagsstammtisch im 1.Stock des Caffee Schön gebildet, er war der
eigentliche Promotor und blieb die Seele dieser Einrichtung. Die
Teilnehmerzahl konnte so zwischen vier und zwölf schwanken; es fing
mit uns demokratischen Studenten an, aber dann kamen auch Freunde aus
den anderen republikanischen Gruppen, auch regelmäßig Veteranen wie
Winners, damals Korrespondent des Christian Science Monitor, später
bei der Chicago Herald Tribune in Berlin, sein Freund Dr. Brock, sehr
katholisch, auch bei einer ausländischen Zeitung.
Zu den besonders engen Kontakten hatte beim Demokratischen
Studentenbund der Staatssekretär im preußischen Innenministerium Dr.
Abegg gehört, und jetzt im Deutschen Studentenverband wurde das noch
ausgesprochener. Er war in vielem ein wichtiger Mentor. Das
Reichsbanner SchwarzRotGold hatte im politischen Leben Deutschlands
eine immer stärkere Bedeutung bekommen. Stoßtrupps von
Nationalsozialisten und Kommunisten spielten eine zunehmende Rolle im
politischen Kampf. Das Reichsbanner sollte eine Schutzbewegung
dagegen sein, und Studenten waren auch beteiligt. Der auch zum VDST
gehörige Republikanische Studentenbund von Prinz Hubertus Löwenstein
und Walter Kolb hatte Pfingsten 1929 eine Wartburgtagung gemeinsam
mit dem Reichsbanner abgehalten und ein süddeutscher Kreistag des
DStV wurde anläßlich einer Reichsbannertagung abgehalten.
Am 28.Juni 1929 war der 10.Jahrestag der Unterzeichnung des
Versailler Friedensvertrags. Die Reichsregierung, in delikaten
Verhandlungen mit den Alliierten über eine bessere Regelung der
Reparationsfrage durch den YoungVertrag verwickelt, hatte sich jede
Demonstrationen aus diesem Anlaß verbeten, aber die Deutsche
Studentenschaft rief zu solchen Demonstrationen an den Universitäten
auf, und es gab an der Universität Berlin die ersten gewalttätigen
Zwischenfälle. War es zulässig, daß die Polizei eingriff, trotz der
Autonomie der Hochschulen, auf der der Chirurg Dr. His als Rektor
bestand, und sich damit dem Vorwurf antirepublikanischer Haltung
aussetzte? Auf der anderen Seite war Dr. Abegg, dem die preußische
Polizei unterstand, als eines der stärksten Instrumente der Weimarer
Republik angesehen.
Am 15.Juli fand in Kiel die regelmäßig veranstaltete Norddeutsche
Woche statt. Die Deutsche Studentenschaft war immer sehr prominent
dabei gewesen, auch bei den Sportveranstaltungen, und diesmal wurde
der DStV auch eingeladen. Kurt Berlowitz und ich sollten dorthin
fahren. Gleichzeitig sollte dann dort der Norddeutsche Kreistag des
DStV stattfinden.
Als wir bei einem Besuch bei Staatssekretär Abegg unsere Reise
erwähnten, stellte sich heraus, daß sein Bruder Regierungspräsident
in SchleswigHolstein war und sozusagen der Gastgeber der Tagung.
Wir sollten uns bei ihm melden, ja er wollte veranlassen, daß sein
Auto uns am Bahnhof abholt. So kam es dann auch, eigentlich etwas zu
viel. Die Teilnahme an der Tagung war ja eine rein repräsentative
Sache, aber der Kreistag war gut, außer Hamburg und Kiel hatten wir
auch in Greifswald und Rostock sehr lebhafte Gruppen, und das Haus
Spiegel war wieder sehr gastlich.
Auf der Rückreise standen wir im Zugkorridor nahe dem Berliner Rektor
His, der Berlowitz erkannte und uns in ein langes Gespräch
verwickelte, von Politik und Hochschule über Probleme der heutigen
Jugend, Weltanschauung und Religion. Es bezeugte seine tiefe
Menschlichkeit, konnte aber nicht verhindern, daß man bei neuen
Studenten Unruhen in kommenden Monaten entgegengesetzter Meinung über
Schutz für rechtsradikale Auschreitungen durch eine
Hochschulautonomie war. Gerade weil diese Studentenausschreitungen
in den Rahmen zunehmender Gewalttätigkeit der Stoßtrupps der
radikalen Parteien zu kommen schienen, durften sie nicht allein
gelassen werden.