Meine erste Verwicklung in den eigentlichen hochschulpolitischen

Konflikt jener Tage hatte sich aber gleich bei Studiumsbeginn aus

einem besonderen Zusammenhang ergeben. Die Studenten einer

Hochschule waren in einer offiziell anerkannten Studentenschaft

zusammengefaßt, und die aller deutschen Hochschulen in der Deutschen

Studentenschaft. Diese war nach 1918 unter Führung von

zurückkehrenden Frontsoldaten gegründet worden, unter ihnen auch

republikanisch gesinnte, so der erste Vorsitzende Otto Benecke,

ideologisch noch prominenter für lange Zeit Werner Mahrholz und z.B.

auch Immanuel Birnbaum und Ludwig Merzbach. Aber die alten

studentischen Korporationen gewannen bald die Oberhand und trieben

ihre völkischen Ideen voran, ebenso wie neue deutsch­völkische

Gruppen.

Beschränkung der Mitgliedschaft der Studentenschaften auf

"völkisch"­deutsche Studenten wurde verlangt, also Ausschluß

jüdischer Studenten. Die Verfassungen mußten aber von den

zuständigen Länderregierungen bestätigt werden, es sollte sich ja um

öffentlich anerkannte Studentenschaften handeln, denen die

Selbstverwaltung staatlich geförderter Studentenhilfseinrichtungen

wie Mensa, Krankenkassen usw. anvertraut werden sollte. Die

Verhandlungen zwischen den stark rechtsradikal gewordenen

Studentenführungen und den Regierungen, voran dem Preußischen

Kultusministerium, zogen sich Jahre lang hin. Die Studentenschaft

hatte für Hochschulen in Deutschland die vom Ministerium als Norm

festgesetzte Mitgliedschaft aller Studenten, die deutsche

Staatsbürger waren, angenommen, aber für das "Großdeutsche Prinzip",

auf dem sie bestehen wollten, daß österreichische und

auslandsdeutsche Studenten auch Mitglieder sein könnten, wollten sie

das auf "deutsche Abstammung" beschränken unter Ausschluß von

Studenten jüdischer Abstammung.

Die Führung der Deutschen Studentenschaft, fest in den Händen der

rechtsgerichteten Korporationen, blieb darüber in ständigem Konflikt,

besonders mit der preußischen Weimarer Koalitionsregierung, der sich

rechtlich auf zwei Punkte in der Verfassung der Deutschen

Studentenschaft zugespitzt hatte, erstens wenn auslandsdeutsche

Studenten weiter aufgenommen werden sollten, dann ohne Arierparagraph,

und zweitens, wenn die Deutsche Studentenschaft weiter mit

österreichischen oder auslandsdeutschen Studentenschaften, die bei

sich gar nicht staatlich anerkannt sind, "koalieren" will, dann nur

solchen, die auch keinen Arierparagraphen haben.

Dieser Konflikt beschäftigte Anfang 1927 nicht nur die Hochschulen,

sondern auch Parlament und Tagespresse. Es war mir somit vor

Studienbeginn, in Kattowitz, schon klar, daß ich, deutsch­jüdischer

Herkunft aus Polnisch­Oberschlesien, zu dem umstrittenen

Personenkreis für Aufnahme in die Studentenschaft gehören würde und

stellte Antrag für Aufnahme gleich bei Semesterbeginn. Mir wurde

zunächst gesagt, meine Aufnahme würde den Prinzipien der

Studentenschaft widersprechen, aber ich würde Bescheid bekommen.

Wenig später erhielt ich durch das Sekreteriat der Hochschule die

Aufforderung, mich bei der sozialdemokratischen Abgeordneten Dr.

Wegscheider im preußischen Landtag zu melden. Ich traf eine sehr

resolute, ältere Dame, Hochschulreferentin in ihrer Fraktion; sie

sagte, sie hätte über mich gehört (6), und fragte, ob ich Aufnahme in

die Studentenschaft beantragt hätte, und da ich schon auf Bescheid

wartete, aber eine Ablehnung in Aussicht gestellt worden war, sollte

ich mich im Fall irgendwelcher Schwierigkeiten sofort bei Dr. Otto

Benecke melden, dem Presseschef im Preußischen Kultusministerium.

Bald darauf kam die Ablehnung und ich machte meinen ersten Besuch im

preußischen Kultusministerium. Nach einiger Zeit wurde ich zur

Studentenschaft gebeten. Der Schriftführer Walther Nothis, der

konservativ­katholischen Verbindung CV angehörend, bestätigte meine

Aufnahme, die vorherige Ablehnung wäre ein Irrtum gewesen (7).

Im politischen Verfassungskonflikt der Deutschen Studentenschaft mit

dem preußischen Kultusministerium kam es aber zu keinem Kompromiß.

Das im Juli 1927 gestellte Ultimatum wurde von den Studentenschaften

in einer Urabstimmung im November abgelehnt und die Studentenschaft

daraufhin vom Ministerium aufgelöst. Meine Mitgliedschaft währte

also nicht lange.

Die an allen Hochschulen bestehenden wirtschaftlichen Einrichtungen

für die Studenten, ja die eigentlichen, praktischen Seiten

studentischer Selbstverwaltung, hatten ein gewisses Eigenleben,

unabhängig von den rechstradikalen, politischen Aktivitäten der

Deutschen Studentenschaft entwickelt. Sie sollten weiter bestehen,

unabhängige neue Rechtsformen (E.V.) wurden gewählt, auf

gesamtdeutscher Ebene wurden sie nun im Deutschen Studentenwerk E.V.

mit Sitz in Dresden zusammengefaßt. Die Wirtschaftseinrichtungen

wurden von manchen aktiven oder früheren Studentenschaftsfunktionären

geführt, die sich auf diese Arbeit spezialisiert hatten, zum Teil

halb­ oder sogar vollberuflich dort tätig waren. Es hatte sich also

eine eigene personelle Struktur für diese Wirtschaftseinrichtungen

entwickelt, deren Mitglieder stark auf die sachlichen Aufgaben

konzentriert, weniger politisch engagiert und daher jetzt bei

Auflösung der staatlich anerkannten Studentenschaft sehr an der

Fortführung der Wirtschaftshilfe in Zusammenarbeit mit den

Landesbehörden interessiert waren.

Schon im Laufe des Konflikts in Preußen hatte es außerhalb Preußens

in Heidelberg 1926 einen Beschluß des Studentenschaftsparlament(Asta)

gegeben, aus der Verfassung die strittigen völkischen Bestimmungen

herauszunehmen und eine unparteiische, unpolitische, auf die

eigentliche Selbstverwaltung ausgerichtete Studentenschaft

anzustreben. Heinz Ollendorf hatte damals als Heidelberger

Astamitglied von republikanischer Seite gemeinsam mit dem Sozialisten

Hoeber an diesen Beschlüssen mitgewirkt und auch auf dem Studententag

der Deutschen Studentenschaft in Bonn den Heidelberger Standpunkt

mitvertreten(8).

Die Heidelberger Studentenschaft wurde daraufhin aus der Deutschen

Studentenschaft ausgeschlossen. Die Leipziger Studentenschaft war

auch nahe dran. Anschließend an ihre Heidelberger Erfolge ging nun

von Ollendorf und Hoeher die Initiative aus zur Gründung einer

Gegenorganisation zur Deutschen Studentenschaft, die nun in den

nächsten Monaten als Deutscher Studentenverband(DStV) auch entstand.

An unserer TH waren die studentische Wirtschaftshilfe und die

Studentenschaft in je einer von den Baracken auf der Rückseite der

Hochschule untergebracht.Im Grunde genommen verschwand die

Studentenschaft wie sie bisher politisch existiert hatte, gar nicht.

An allen preußischen Hochschulen gründete die gesamtdeutsche Deutsche

Studentenschaft sofort neue Organisationen; an der TH Charlottenburg

nannte sie sich "Großdeutsche Studentenschaft" und fuhr weiter fort

mit demselben Vorstand und Ausschüssen, Programmen und Propaganda.

An der Universität Berlin zum Beispiel waren republikanische

Studenten und ihre Vereinigungen zwar auch in der Minderheit, aber

sie hatten bei den Astawahlen Sitze erhalten und waren so auch bei

Auflösung der Studentenschaft aktiv in den Wirtschaftsorganisationen

vertreten. An unserer TH waren sie nicht vertreten. Die

Wirtschaftsorganisationen brauchten natürlich weiter

Studentenvertreter für ihre Gremien. Die erste wichtige Aufgabe war

lokal für die verschiedenen republikanischen Studentenvereine zu

verhindern, daß die neue Großdeutsche Studentenschaft einfach in den

Funktionen der alten aufgelösten Studentenschaft fortfahren könnte.

Eine gemeinsame republikanische Gegenorganisation wurde notwendig und

mit Namen "Freiheitliche Studentenschaft" gegründet. Die

Wirtschaftshilfe und sogar das Rektorat konnte so gezwungen, oder

sagen wir durch Hinweis auf vermutliche Ansichten des Kultusministers

veranlaßt werden, Vertreter der republikanisch gesinnten Studenten

auch in die Außschüsse der Wirtschaftshilfe zu berufen und die Büros

in der Studentenschaftsbaracke zwischen den beiden aufzuteilen.

Diese Büros schufen natürlich eine deutliche Präsenz für die

republikanische Seite, wie sie sich gar nicht an allen preußischen

Hochschulen so ergab. Die Mitgliedsvereine mußten Kräfte nicht nur

für die übliche Vorstandsarbeit und Vertretung in Wirtschaftshilfe

und gegenüber dem Rektor bereitstellen, sondern auch für Abhaltung

von Bürostunden. Bei der Gründung war der Sohn eines prominenten

Professors der TH, Fritz Schlesinger vom Demokratischen Studentenbund,

und ältere Semester von FWV und KC führend beteiligt, aber

Schlesinger erkrankte; ich übernahm von ihm, wurde dann Vorsitzender

dieser Freiheitlichen Studentenschaft der TH und blieb es mehrere

Semester. Enge Mitarbeiter und Nachfolger waren Rudi Samuel vom KC

und später der Sozialist Ahrens.

Bei Beginn meines 3.Semesters, Sommer 1928, erwartete mich zu meiner

größten Überraschung ein noch viel weitergehendes Engagement. Nichts

ahnend kam ich zu einer Mitgliederversammlung des Demokratischen

Studentenbunds Berlin, und vor Beginn wurde mir mitgeteilt, daß

Alfred Tismer den Vorsitz aufgeben muß, er wurde von einer bekannten

Privatbank beauftragt, eine Methode für Errechnung der "Goldpunkte"

auszuarbeiten, und das neben seiner Dissertation wäre dann zuviel.

Ich hatte mich häufig an Debatten beteiligt und zu den meisten

politischen Themen etwas zu sagen gehabt. Die maßgebenden Mitglieder

hielten mich für den geeignetsten, ja eigentlich den einzigen damals

plausiblen Nachfolger. Die Plötzlichkeit erschreckte mich, ich war

bereit erst einmal mich im Vorstand einzuarbeiten, aber so aus dem

Stand den Vorsitz zu übernehmen war zuviel. Müllerburg, Tismer,

Winners u.a. versprachen vollste Unterstützung, nun mußte man auch

noch sehen, wie man die übrigen Vorstands­ und anderen Mitglieder

dazu bringen konnte, aber ich wurde gewählt und trat das Amt mit

einigen Zweifeln und Ängsten an, fühlte mich aber bald wie ein Fisch

im Wasser.

Das rein Organisatorische war nicht der Berg, den ich mir vorgestellt

hatte, das Interessante war die Programmgestaltung und Vorbereitung,

die Kontakte und Repräsentanz, in Liaison mit der Demokratischen

Partei, ihren Abgeordneten und anderen Politikern und den

Hochschullehrern, die ihr nahestanden. Sie gehörten teilweise zu der

Altherrengruppe, die der Studentenbund gebildet hatte, mit Theodor

Heuss als einer der aktivsten Stützen, der Geschäftsführer war

Ministerialrat Haensel im Reichsinnenministerium und regelmäßige

Besuche in seinem Büro gehörten zur Routine meines neuen Amts. Dann

waren noch die Jungdemokraten, deren Verband die Studentengruppen

auch angehörten und schließlich Kontakt mit den gleichgesinnten

Zeitungen. Das war besonders Werner Mahrholz von der Vossischen

Zeitung und Rudolf Olden vom Berliner Tageblatt, die dort über

Hochschulfragen schrieben und alte Beziehungen zu den Entwicklungen

in der Studentenschaft hatten. Besonders Werner Mahrholz galt als so

etwas wie ein Mentor der republikanischen Studenten, und der

Demokratische Studentenbund war ihm dabei der nächste. Die Besuche

bei beiden waren für mich besonders wichtig und anregend.

Ich war noch jung in meinem Amt, ohnehin noch nicht 20, als dann neue

Reichstagswahlen am 20.Mai 1928 stattfanden. Wir Studenten mußten an

den Vorbereitungen für die Partei mithelfen, Wahlversammlungen

besuchen, war aber nicht sehr mein Fall, Adressenschreiben. Die Wahl

wurde ein großer Erfolg für die republikanischen Parteien, und man

teilte das Hochgefühl einer beginnenden politischen Sicherheit für

die Weimarer Republik, das sich daraufhin verbreitete. Es bildete

sich eine Reichsregierung der Großen Koalition unter dem

Sozialdemokraten Hermann Müller und als Außenminister dem

Volksparteiler Gustav Stresemann als dem anderen Eckpfeiler. Die

Demokraten waren vertreten durch ihren Parteiführer Erich Koch­Weser

(Justiz) und Hermann Dietrich (Ernährung). Dies ging zusammen mit

einer Zeit wirtschaftlichen Booms, die sich wiederentwickelnde und

aufbauende deutsche Wirtschaft zog erhebliche Kapitalzufuhr vom

Ausland an, das bessere Klima des Vertrauens schien der Sache der

Republik zu Hilfe zu kommen. Bei diesen Wahlen im Mai 1928 verlor

die Rechte an Stimmen und die NSDAP kam im Reichstag auf nur zwölf

Mandate. Die Wahlresultate und Bildung einer scheinbar soliden

Regierung der Großen Koalition stärkten auch die Stellung unserer

republikanischen Studentenorganisationen im Hochschulleben. Es war

eben nicht mehr nur der preußische Kultusminister, der hinter uns

stand, die Mehrheit des deutschen Volkes war für die Republik und

auch die beiden größeren republikfeindlichen Parteien, die

Kommunisten und die Deutschnationalen, hatten im Moment wenig zu

bestellen.

Ein besonderes Anliegen, das ich verspürte, war Kontakt mit dem

Verein für das "Deutschtum im Ausland" (VDA), der jährliche

Pfingsttagungen mit großer Beteiligung der Schul­ und studentischen

Jugend abhielt. Einige meiner Kattowitzer Schul und anderen Freunde

gingen dorthin. Der VDA war damals schon stark auf die

Minderheitenschutzideen ausgerichtet, die mir von Hause her am Herz

lagen. Der Anhängerkreis rekrutierte sich aber stark aus

rechtsgerichteten Kreisen, und die unheilige Mischung aus

Minderheitenschutzparolen und nationalistischem Chauvinismus war,

meiner Ansicht nach, gar nicht in der Natur der Sache.

Republikanisches Interesse und Beteiligung am VDA schien mir daher

wünschenswert. Werner Mahrholz hatte sich auch seit vielen Jahren

für Auslandsdeutschtum als eines der Themen seiner

schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit interessiert, und

mit dem Kontakt, den ich mit ihm hatte, war ich ermutigt, an der

Pfingsttagung 1928 des VDA teilzunehmen. Ich meldete mich vorher bei

der Studentengruppe des VdA in Berlin, die vom VdST­er Neumann

geleitet wurde, erklärte, wer ich bin und daß ich teilnehmen würde.

Es war eine lange Bahnfahrt von Berlin. In meinem Abteil saßen drei

VdSter, die Skat spielten, es kam kaum eine Unterhaltung auf, die

Stimmung war antagonistisch. Auf einer der Haltestellen kam ein

anderer Student dazu und setzte sich mir gegenüber; wir hatten eine

sehr angeregte und auch recht persönliche Unterhaltung. Man konnte

mit ihm sehr vernünftig über viele politische und weltanschauliche

Fragen sprechen, auch wenn so viele Ansichten sehr gegensätzlich

waren. Es stellte sich bald heraus, daß der mir gegenüber sitzende

Zusteiger Hermann Pröbst war, Vorstandsmitglied der Deutschen

Studentenschaft, ein bayrischer Katholik, seinen Namen kannte ich.

Er schien ein recht gemäßigter Mann im Führungsgremium der Deutschen

Studentenschaft zu sein. Abgesehen von einer wirklich interessanten

und aufgeschlossenen Unterhaltung hatte sein Zusteigen mich von der

Alleinreise im Abteil mit den eher provokativen Skatspielern erlöst.

Ich habe nie erfahren, ob er zufällig zustieg. Erst nach beinahe zwei

Jahren bin ich ihm dann wieder begegnet.

Bei der Tagung selbst war nicht nur die Landschaft am Wolfgangsee,

sondern auch das Treiben der Menge, besonders der Jugend erfrischend,

aber es war nicht wirklich interessant. Die Formen der

Studententagung waren konventionell, ein großer Kommers als Höhepunkt.

Der Klang patriotischer Lieder schwoll durch den Saal, und als

nationalistische Begeisterung so besonders stark anschwoll bei dem

Lied "Schleswig­Holstein meerumschlungen", da wollte ich am liebsten

mich herausreißen. Das war es also "von der Etsch bis an den Belt".

Gehörte das mit Dänemark auch zum Katalog der Revision des Versailler

Vertrages? Plötzlich kam mir die Unterhaltung über die Kaiserpfalz

von Goslar, aus der Religionsstunde in der Schule in den Sinn, und

wieder kam ein Fragezeichen: was tat ich eigentlich hier?

Nach meiner Rückkehr nach Berlin besuchte ich nochmals Neumann im VDA,

wie er gebeten hatte, um meinen Kommentar über die Tagung zu geben.

Ich fand, Verbundenheit mit den Auslandsdeutschen darf nicht

gleichbedeutend mit nationalistischen Kundgebungen sein, und die Form

des Kommerses verleitet dazu. Eine zeitgemäßere Form wäre besser,

zum Beispiel eine akademische Feier mit Vortrag und Musikumrahmung.

Er notierte das.

Im Verlauf meines 3.Semesters waren zu meinen Pflichten im

Demokratischen Studentenbund und der Freiheitlichen Studentenschaft

der TH noch Mitarbeit im Deutschen Studentenverband gekommen, mit

Sitz im neugebildeten Hauptausschuß. In der ersten Sitzung war ich

dafür, die Gründungserklärung so zu halten, daß ein Weg offen blieb

für Zusammenarbeit zwischen den studentischen Lagern in der

praktischen studentischen Selbstverwaltungsarbeit. Meine Einstellung

war beeinflußt davon, wie sich die Dinge da an unserer TH entwickelt

hatten. Mir schien immer wesentlich, eine Brücke zu den Gemäßigten

im anderen Lager aufrecht zu erhalten, als beste Chance für eine

Verbreiterung und damit Festigung einer republikanischen Front. Zu

dem Gremium, das da beisammen war, gehörten auch ältere, frühere

republikanische Studentenführer, die im ersten Jahr des Deutschen

Studentenverbands uns mit Rat und Tat halfen. Ich blieb aber

ziemlich isoliert mit meiner Einstellung, und als dann während

unserer Sitzung eine sehr feindselig gehaltene Erklärung der

Deutschen Studentenschaft zur Gründung unseres Verbands

veröffentlicht wurde, da war jede Mäßigung vom Tisch. Einer unserer

älteren Mentoren, Hans­Helmuth Preuss(9), wandte sich etwas höhnisch

zu mir: "sehen sie, so lassen einen manchmal die besten Freunde im

Stich".

Mein Maurerpraktikum im Norden Berlins in den Sommerferien 1928 ist

mir auch für politsche Eindrücke in Erinnerung geblieben. Es war ja

grade erst nach den für die Sozialdemokraten und die Republik so

erfolgreichen Wahlen 1928, die Stimmung war zuversichtlich, von

Nationalsozialisten war auf dem Bau noch kaum zu hören. Mein

Maurerpolier hatte schon viel in der sozialdemokratischen

Parteiorganisation miterlebt. Es gab mir aber einen neuen Einblick

über deutsch­jüdische Beziehungen. Er machte durchaus einen

Unterschied daraus, daß ich jüdisch war. Er grenzte es ganz scharf

ab von nationalsozialistischer, antisemitischer Propaganda, die schon

damals recht lautstark wurde, er hatte auch einen eingeheirateten

jüdischen Schwager in der Familie, es war so nichts feindliches in

seiner Einstellung, aber der Unterschied nicht nur klar empfunden,

sondern auch sofort ausgesprochen und bei Namen genannt, da war kein

Raum für die Art von Tabu, das jüdische Assmilation oft errichten zu

wollen schien. Mir war das recht so. Im Grunde genommen hat es mir

geholfen, spätere antisemitische Angriffe, zum Beispiel in

Studentenversammlungen an der TH mit größerem Gleichmut zu ertragen.

Auch nach dem Wechsel im Studium blieb ich bei meiner politischen

Aktivität. Im demokratischen Studentenbund gab es eine vielfältige

Reihe von Vortragenden bei den wöchentlichen Zusammenkünften. Einmal

hatten wir Theodor Heuss eingeladen, er wollte vorher mit mir seinen

Vortrag besprechen. So fuhr ich zu ihm nach Steglitz, es war ein

richtiges Gelehrtenzimmer, sehr gemütlich, wo man sich unterhielt, er

bot mir eine riesige Brasilzigarre an, weit größer und schwerer als

ich sonst damals schon rauchte, und die sich dann auch nicht gut mit

der Rückfahrt vertrug.

In der Demokratischen Partei gab es deutliche Gegensätze und

Spannungen zwischen linken und rechten Flügeln, das machte sich auch

beim Studentenbund bemerkbar. Der demokratische

Reichstagsabgeordnete Dr. Hermann Fischer, Präsident des Hansabundes,

eines Verbandes mittlerer industrieller und gewerblicher Firmen (er

galt als Inhaber der größten Zahl von Aufsichtsratsitzen in

Deutschland), dominierte, wenn nicht die Partei, so doch den rechten

Flügel; er war selbst einst Korpsstudent und zeigte großes Interesse

für unseren Studentenbund, ohne viel Gegenliebe zu finden. Der

Studentenbund war zwar nicht so links wie die Jungdemokraten, aber

Einflüsse von Wirtschaftsverbänden waren nicht populär. Da war schon

viel mehr Sympathie für Anton Erkelenz, Gewerkschaftsführer. Eine

große Traditionsfigur in der Partei war Friedrich Naumann geworden,

und als die ihm nächsten Nachkommen galten wohl Theodor Heuss und

Gertrud Bäumer, die auch bei uns sprach.

Ich finde es schwer zu sagen, ob sie zum rechten oder linken Flügel

der Partei gehörten, sie waren betont national in der Außenpolitik,

wie es ja Naumann auch gewesen war, und so auch Hermann Dietrich,

also eher rechts, ohne daß dies von der wirtschaftspolitischen Seite

her kam. Anders wieder Oskar Meyer, von zunehmendem Einfluß (10) in

Fraktion und Partei, Syndikus der Berliner Handelskammer und mit der

Wirtschaft eng verbunden, aber sonst nicht rechts. Auch Dr. Ludwig

Haas, als alter süddeutscher Liberaler Politiker sehr angesehener

Abgeordneter (11) sprach bei uns, er war jüdisch und ein KCer.

Die Geister schieden sich damals vehement an einer gespenstischen

Frage: dem Bau des Panzerkreuzers "A". Unter den Beschränkungen des

Versailler Vertrages für deutsche Rüstung war der Bau von vier solchen

Schiffen erlaubt. Die neue Regierung der Großen Koalition hatte von

der vorherigen den Beschluß zum Bau geerbt, und als dies in den Etat

aufzunehmen war, entstand starke Opposition innerhalb der

sozialdemokratischen Partei und auch bei Teilen der Demokraten. Die

Polemik und Presseagitation nahm Ausmaße an, die meinem Gefühl nach

in keinem Verhältnis zum wirklichen Gewicht der Sache standen. Der

Kampf darüber hatte eine lähmende Wirkung im Gefüge der Großen

Koalition. Auch in unserem Studentenbund gab es Gegensätze darüber,

wie die Demokratische Partei sich dazu stellen sollte. Ich fand, da

der Versailler Vertrag das vorsah, sollte der Panzerkreuzer gebaut

werden und die Demokraten mit Zentrum und Deutscher Volkspartei dafür

stimmen. Es gab auch verantwortliche sozialdemokratische Politiker,

die dafür stimmen wollten (12).

Im Studentenbund war ich allerdings in der Minderheit damit. Im

November 1928 fuhren wir nach Frankfurt zu einer Tagung des

Reichsbunds Deutscher Demokratischer Studenten, wo diese Frage auch

eine gewaltige Rolle spielte und ebenso dann auf einer Sitzung des

Parteiausschußes, an der ich als einer der Studentenvertreter

teilnahm (13). Der demokratische Parteiausschuß war vollkommen

gespalten um den Panzerkreuzer; ich erinnere mich am stärksten an das

Auftreten von Dietrich dabei(14), und mir ist das alles so lebhaft in

Erinnerung, weil es mich irritierte, daß ich eine so verschiedene

Meinung von vielen meiner guten Freunde im Studentenbund hatte, auch

wenn ich nicht ganz allein damit stand.

Aus heutiger Sicht wird dieses Argument um den Bau des Panzerkreuzers

A mit den deutschen Zielen für Revision der deutschen Ostgrenzen mit

Polen und diese schon damals als virulent angesehen (15). Man kann

heute aus unterdessen veröffentlichen Akten herauslesen (16), daß

diese Revisionsziele bei manchen deutschen Amtsstellen und Politikern

immer eine Rolle spielten, aber die Spuren, die einem heute aus den

Akten in die Augen springen, geben meiner Erinnerung nach nicht ein

wirkliches Bild des Klimas in der Öffentlichkeit der späten 1920er

Jahre.

Diese Frage der Ostgrenzen gehörte doch damals nicht zu einem

politischen Aktionsprogramm, sie war ein "Vorbehalt". Deutschland

war schwach, Ruhrbesetzung und Inflation gerade überstanden, das

Hauptthema der Gegner der "Erfüllungspolitik" der Weimarer Parteien,

auf die Stresemann und seine Partei eingeschwenkt waren, war die Last

der Reparationen. Frankreich, Polen und die Kleine Entente waren

militärisch unvergleichlich stärker als die Weimarer Republik. Das

Argument, daß der Panzerkreuzer als eines der im Versailler Vertrag

erlaubten Verteidigungsmittel dann auch gebaut werden sollte, schien

plausibel.

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