Konflikt jener Tage hatte sich aber gleich bei Studiumsbeginn aus
einem besonderen Zusammenhang ergeben. Die Studenten einer
Hochschule waren in einer offiziell anerkannten Studentenschaft
zusammengefaßt, und die aller deutschen Hochschulen in der Deutschen
Studentenschaft. Diese war nach 1918 unter Führung von
zurückkehrenden Frontsoldaten gegründet worden, unter ihnen auch
republikanisch gesinnte, so der erste Vorsitzende Otto Benecke,
ideologisch noch prominenter für lange Zeit Werner Mahrholz und z.B.
auch Immanuel Birnbaum und Ludwig Merzbach. Aber die alten
studentischen Korporationen gewannen bald die Oberhand und trieben
ihre völkischen Ideen voran, ebenso wie neue deutschvölkische
Gruppen.
Beschränkung der Mitgliedschaft der Studentenschaften auf
"völkisch"deutsche Studenten wurde verlangt, also Ausschluß
jüdischer Studenten. Die Verfassungen mußten aber von den
zuständigen Länderregierungen bestätigt werden, es sollte sich ja um
öffentlich anerkannte Studentenschaften handeln, denen die
Selbstverwaltung staatlich geförderter Studentenhilfseinrichtungen
wie Mensa, Krankenkassen usw. anvertraut werden sollte. Die
Verhandlungen zwischen den stark rechtsradikal gewordenen
Studentenführungen und den Regierungen, voran dem Preußischen
Kultusministerium, zogen sich Jahre lang hin. Die Studentenschaft
hatte für Hochschulen in Deutschland die vom Ministerium als Norm
festgesetzte Mitgliedschaft aller Studenten, die deutsche
Staatsbürger waren, angenommen, aber für das "Großdeutsche Prinzip",
auf dem sie bestehen wollten, daß österreichische und
auslandsdeutsche Studenten auch Mitglieder sein könnten, wollten sie
das auf "deutsche Abstammung" beschränken unter Ausschluß von
Studenten jüdischer Abstammung.
Die Führung der Deutschen Studentenschaft, fest in den Händen der
rechtsgerichteten Korporationen, blieb darüber in ständigem Konflikt,
besonders mit der preußischen Weimarer Koalitionsregierung, der sich
rechtlich auf zwei Punkte in der Verfassung der Deutschen
Studentenschaft zugespitzt hatte, erstens wenn auslandsdeutsche
Studenten weiter aufgenommen werden sollten, dann ohne Arierparagraph,
und zweitens, wenn die Deutsche Studentenschaft weiter mit
österreichischen oder auslandsdeutschen Studentenschaften, die bei
sich gar nicht staatlich anerkannt sind, "koalieren" will, dann nur
solchen, die auch keinen Arierparagraphen haben.
Dieser Konflikt beschäftigte Anfang 1927 nicht nur die Hochschulen,
sondern auch Parlament und Tagespresse. Es war mir somit vor
Studienbeginn, in Kattowitz, schon klar, daß ich, deutschjüdischer
Herkunft aus PolnischOberschlesien, zu dem umstrittenen
Personenkreis für Aufnahme in die Studentenschaft gehören würde und
stellte Antrag für Aufnahme gleich bei Semesterbeginn. Mir wurde
zunächst gesagt, meine Aufnahme würde den Prinzipien der
Studentenschaft widersprechen, aber ich würde Bescheid bekommen.
Wenig später erhielt ich durch das Sekreteriat der Hochschule die
Aufforderung, mich bei der sozialdemokratischen Abgeordneten Dr.
Wegscheider im preußischen Landtag zu melden. Ich traf eine sehr
resolute, ältere Dame, Hochschulreferentin in ihrer Fraktion; sie
sagte, sie hätte über mich gehört (6), und fragte, ob ich Aufnahme in
die Studentenschaft beantragt hätte, und da ich schon auf Bescheid
wartete, aber eine Ablehnung in Aussicht gestellt worden war, sollte
ich mich im Fall irgendwelcher Schwierigkeiten sofort bei Dr. Otto
Benecke melden, dem Presseschef im Preußischen Kultusministerium.
Bald darauf kam die Ablehnung und ich machte meinen ersten Besuch im
preußischen Kultusministerium. Nach einiger Zeit wurde ich zur
Studentenschaft gebeten. Der Schriftführer Walther Nothis, der
konservativkatholischen Verbindung CV angehörend, bestätigte meine
Aufnahme, die vorherige Ablehnung wäre ein Irrtum gewesen (7).
Im politischen Verfassungskonflikt der Deutschen Studentenschaft mit
dem preußischen Kultusministerium kam es aber zu keinem Kompromiß.
Das im Juli 1927 gestellte Ultimatum wurde von den Studentenschaften
in einer Urabstimmung im November abgelehnt und die Studentenschaft
daraufhin vom Ministerium aufgelöst. Meine Mitgliedschaft währte
also nicht lange.
Die an allen Hochschulen bestehenden wirtschaftlichen Einrichtungen
für die Studenten, ja die eigentlichen, praktischen Seiten
studentischer Selbstverwaltung, hatten ein gewisses Eigenleben,
unabhängig von den rechstradikalen, politischen Aktivitäten der
Deutschen Studentenschaft entwickelt. Sie sollten weiter bestehen,
unabhängige neue Rechtsformen (E.V.) wurden gewählt, auf
gesamtdeutscher Ebene wurden sie nun im Deutschen Studentenwerk E.V.
mit Sitz in Dresden zusammengefaßt. Die Wirtschaftseinrichtungen
wurden von manchen aktiven oder früheren Studentenschaftsfunktionären
geführt, die sich auf diese Arbeit spezialisiert hatten, zum Teil
halb oder sogar vollberuflich dort tätig waren. Es hatte sich also
eine eigene personelle Struktur für diese Wirtschaftseinrichtungen
entwickelt, deren Mitglieder stark auf die sachlichen Aufgaben
konzentriert, weniger politisch engagiert und daher jetzt bei
Auflösung der staatlich anerkannten Studentenschaft sehr an der
Fortführung der Wirtschaftshilfe in Zusammenarbeit mit den
Landesbehörden interessiert waren.
Schon im Laufe des Konflikts in Preußen hatte es außerhalb Preußens
in Heidelberg 1926 einen Beschluß des Studentenschaftsparlament(Asta)
gegeben, aus der Verfassung die strittigen völkischen Bestimmungen
herauszunehmen und eine unparteiische, unpolitische, auf die
eigentliche Selbstverwaltung ausgerichtete Studentenschaft
anzustreben. Heinz Ollendorf hatte damals als Heidelberger
Astamitglied von republikanischer Seite gemeinsam mit dem Sozialisten
Hoeber an diesen Beschlüssen mitgewirkt und auch auf dem Studententag
der Deutschen Studentenschaft in Bonn den Heidelberger Standpunkt
mitvertreten(8).
Die Heidelberger Studentenschaft wurde daraufhin aus der Deutschen
Studentenschaft ausgeschlossen. Die Leipziger Studentenschaft war
auch nahe dran. Anschließend an ihre Heidelberger Erfolge ging nun
von Ollendorf und Hoeher die Initiative aus zur Gründung einer
Gegenorganisation zur Deutschen Studentenschaft, die nun in den
nächsten Monaten als Deutscher Studentenverband(DStV) auch entstand.
An unserer TH waren die studentische Wirtschaftshilfe und die
Studentenschaft in je einer von den Baracken auf der Rückseite der
Hochschule untergebracht.Im Grunde genommen verschwand die
Studentenschaft wie sie bisher politisch existiert hatte, gar nicht.
An allen preußischen Hochschulen gründete die gesamtdeutsche Deutsche
Studentenschaft sofort neue Organisationen; an der TH Charlottenburg
nannte sie sich "Großdeutsche Studentenschaft" und fuhr weiter fort
mit demselben Vorstand und Ausschüssen, Programmen und Propaganda.
An der Universität Berlin zum Beispiel waren republikanische
Studenten und ihre Vereinigungen zwar auch in der Minderheit, aber
sie hatten bei den Astawahlen Sitze erhalten und waren so auch bei
Auflösung der Studentenschaft aktiv in den Wirtschaftsorganisationen
vertreten. An unserer TH waren sie nicht vertreten. Die
Wirtschaftsorganisationen brauchten natürlich weiter
Studentenvertreter für ihre Gremien. Die erste wichtige Aufgabe war
lokal für die verschiedenen republikanischen Studentenvereine zu
verhindern, daß die neue Großdeutsche Studentenschaft einfach in den
Funktionen der alten aufgelösten Studentenschaft fortfahren könnte.
Eine gemeinsame republikanische Gegenorganisation wurde notwendig und
mit Namen "Freiheitliche Studentenschaft" gegründet. Die
Wirtschaftshilfe und sogar das Rektorat konnte so gezwungen, oder
sagen wir durch Hinweis auf vermutliche Ansichten des Kultusministers
veranlaßt werden, Vertreter der republikanisch gesinnten Studenten
auch in die Außschüsse der Wirtschaftshilfe zu berufen und die Büros
in der Studentenschaftsbaracke zwischen den beiden aufzuteilen.
Diese Büros schufen natürlich eine deutliche Präsenz für die
republikanische Seite, wie sie sich gar nicht an allen preußischen
Hochschulen so ergab. Die Mitgliedsvereine mußten Kräfte nicht nur
für die übliche Vorstandsarbeit und Vertretung in Wirtschaftshilfe
und gegenüber dem Rektor bereitstellen, sondern auch für Abhaltung
von Bürostunden. Bei der Gründung war der Sohn eines prominenten
Professors der TH, Fritz Schlesinger vom Demokratischen Studentenbund,
und ältere Semester von FWV und KC führend beteiligt, aber
Schlesinger erkrankte; ich übernahm von ihm, wurde dann Vorsitzender
dieser Freiheitlichen Studentenschaft der TH und blieb es mehrere
Semester. Enge Mitarbeiter und Nachfolger waren Rudi Samuel vom KC
und später der Sozialist Ahrens.
Bei Beginn meines 3.Semesters, Sommer 1928, erwartete mich zu meiner
größten Überraschung ein noch viel weitergehendes Engagement. Nichts
ahnend kam ich zu einer Mitgliederversammlung des Demokratischen
Studentenbunds Berlin, und vor Beginn wurde mir mitgeteilt, daß
Alfred Tismer den Vorsitz aufgeben muß, er wurde von einer bekannten
Privatbank beauftragt, eine Methode für Errechnung der "Goldpunkte"
auszuarbeiten, und das neben seiner Dissertation wäre dann zuviel.
Ich hatte mich häufig an Debatten beteiligt und zu den meisten
politischen Themen etwas zu sagen gehabt. Die maßgebenden Mitglieder
hielten mich für den geeignetsten, ja eigentlich den einzigen damals
plausiblen Nachfolger. Die Plötzlichkeit erschreckte mich, ich war
bereit erst einmal mich im Vorstand einzuarbeiten, aber so aus dem
Stand den Vorsitz zu übernehmen war zuviel. Müllerburg, Tismer,
Winners u.a. versprachen vollste Unterstützung, nun mußte man auch
noch sehen, wie man die übrigen Vorstands und anderen Mitglieder
dazu bringen konnte, aber ich wurde gewählt und trat das Amt mit
einigen Zweifeln und Ängsten an, fühlte mich aber bald wie ein Fisch
im Wasser.
Das rein Organisatorische war nicht der Berg, den ich mir vorgestellt
hatte, das Interessante war die Programmgestaltung und Vorbereitung,
die Kontakte und Repräsentanz, in Liaison mit der Demokratischen
Partei, ihren Abgeordneten und anderen Politikern und den
Hochschullehrern, die ihr nahestanden. Sie gehörten teilweise zu der
Altherrengruppe, die der Studentenbund gebildet hatte, mit Theodor
Heuss als einer der aktivsten Stützen, der Geschäftsführer war
Ministerialrat Haensel im Reichsinnenministerium und regelmäßige
Besuche in seinem Büro gehörten zur Routine meines neuen Amts. Dann
waren noch die Jungdemokraten, deren Verband die Studentengruppen
auch angehörten und schließlich Kontakt mit den gleichgesinnten
Zeitungen. Das war besonders Werner Mahrholz von der Vossischen
Zeitung und Rudolf Olden vom Berliner Tageblatt, die dort über
Hochschulfragen schrieben und alte Beziehungen zu den Entwicklungen
in der Studentenschaft hatten. Besonders Werner Mahrholz galt als so
etwas wie ein Mentor der republikanischen Studenten, und der
Demokratische Studentenbund war ihm dabei der nächste. Die Besuche
bei beiden waren für mich besonders wichtig und anregend.
Ich war noch jung in meinem Amt, ohnehin noch nicht 20, als dann neue
Reichstagswahlen am 20.Mai 1928 stattfanden. Wir Studenten mußten an
den Vorbereitungen für die Partei mithelfen, Wahlversammlungen
besuchen, war aber nicht sehr mein Fall, Adressenschreiben. Die Wahl
wurde ein großer Erfolg für die republikanischen Parteien, und man
teilte das Hochgefühl einer beginnenden politischen Sicherheit für
die Weimarer Republik, das sich daraufhin verbreitete. Es bildete
sich eine Reichsregierung der Großen Koalition unter dem
Sozialdemokraten Hermann Müller und als Außenminister dem
Volksparteiler Gustav Stresemann als dem anderen Eckpfeiler. Die
Demokraten waren vertreten durch ihren Parteiführer Erich KochWeser
(Justiz) und Hermann Dietrich (Ernährung). Dies ging zusammen mit
einer Zeit wirtschaftlichen Booms, die sich wiederentwickelnde und
aufbauende deutsche Wirtschaft zog erhebliche Kapitalzufuhr vom
Ausland an, das bessere Klima des Vertrauens schien der Sache der
Republik zu Hilfe zu kommen. Bei diesen Wahlen im Mai 1928 verlor
die Rechte an Stimmen und die NSDAP kam im Reichstag auf nur zwölf
Mandate. Die Wahlresultate und Bildung einer scheinbar soliden
Regierung der Großen Koalition stärkten auch die Stellung unserer
republikanischen Studentenorganisationen im Hochschulleben. Es war
eben nicht mehr nur der preußische Kultusminister, der hinter uns
stand, die Mehrheit des deutschen Volkes war für die Republik und
auch die beiden größeren republikfeindlichen Parteien, die
Kommunisten und die Deutschnationalen, hatten im Moment wenig zu
bestellen.
Ein besonderes Anliegen, das ich verspürte, war Kontakt mit dem
Verein für das "Deutschtum im Ausland" (VDA), der jährliche
Pfingsttagungen mit großer Beteiligung der Schul und studentischen
Jugend abhielt. Einige meiner Kattowitzer Schul und anderen Freunde
gingen dorthin. Der VDA war damals schon stark auf die
Minderheitenschutzideen ausgerichtet, die mir von Hause her am Herz
lagen. Der Anhängerkreis rekrutierte sich aber stark aus
rechtsgerichteten Kreisen, und die unheilige Mischung aus
Minderheitenschutzparolen und nationalistischem Chauvinismus war,
meiner Ansicht nach, gar nicht in der Natur der Sache.
Republikanisches Interesse und Beteiligung am VDA schien mir daher
wünschenswert. Werner Mahrholz hatte sich auch seit vielen Jahren
für Auslandsdeutschtum als eines der Themen seiner
schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit interessiert, und
mit dem Kontakt, den ich mit ihm hatte, war ich ermutigt, an der
Pfingsttagung 1928 des VDA teilzunehmen. Ich meldete mich vorher bei
der Studentengruppe des VdA in Berlin, die vom VdSTer Neumann
geleitet wurde, erklärte, wer ich bin und daß ich teilnehmen würde.
Es war eine lange Bahnfahrt von Berlin. In meinem Abteil saßen drei
VdSter, die Skat spielten, es kam kaum eine Unterhaltung auf, die
Stimmung war antagonistisch. Auf einer der Haltestellen kam ein
anderer Student dazu und setzte sich mir gegenüber; wir hatten eine
sehr angeregte und auch recht persönliche Unterhaltung. Man konnte
mit ihm sehr vernünftig über viele politische und weltanschauliche
Fragen sprechen, auch wenn so viele Ansichten sehr gegensätzlich
waren. Es stellte sich bald heraus, daß der mir gegenüber sitzende
Zusteiger Hermann Pröbst war, Vorstandsmitglied der Deutschen
Studentenschaft, ein bayrischer Katholik, seinen Namen kannte ich.
Er schien ein recht gemäßigter Mann im Führungsgremium der Deutschen
Studentenschaft zu sein. Abgesehen von einer wirklich interessanten
und aufgeschlossenen Unterhaltung hatte sein Zusteigen mich von der
Alleinreise im Abteil mit den eher provokativen Skatspielern erlöst.
Ich habe nie erfahren, ob er zufällig zustieg. Erst nach beinahe zwei
Jahren bin ich ihm dann wieder begegnet.
Bei der Tagung selbst war nicht nur die Landschaft am Wolfgangsee,
sondern auch das Treiben der Menge, besonders der Jugend erfrischend,
aber es war nicht wirklich interessant. Die Formen der
Studententagung waren konventionell, ein großer Kommers als Höhepunkt.
Der Klang patriotischer Lieder schwoll durch den Saal, und als
nationalistische Begeisterung so besonders stark anschwoll bei dem
Lied "SchleswigHolstein meerumschlungen", da wollte ich am liebsten
mich herausreißen. Das war es also "von der Etsch bis an den Belt".
Gehörte das mit Dänemark auch zum Katalog der Revision des Versailler
Vertrages? Plötzlich kam mir die Unterhaltung über die Kaiserpfalz
von Goslar, aus der Religionsstunde in der Schule in den Sinn, und
wieder kam ein Fragezeichen: was tat ich eigentlich hier?
Nach meiner Rückkehr nach Berlin besuchte ich nochmals Neumann im VDA,
wie er gebeten hatte, um meinen Kommentar über die Tagung zu geben.
Ich fand, Verbundenheit mit den Auslandsdeutschen darf nicht
gleichbedeutend mit nationalistischen Kundgebungen sein, und die Form
des Kommerses verleitet dazu. Eine zeitgemäßere Form wäre besser,
zum Beispiel eine akademische Feier mit Vortrag und Musikumrahmung.
Er notierte das.
Im Verlauf meines 3.Semesters waren zu meinen Pflichten im
Demokratischen Studentenbund und der Freiheitlichen Studentenschaft
der TH noch Mitarbeit im Deutschen Studentenverband gekommen, mit
Sitz im neugebildeten Hauptausschuß. In der ersten Sitzung war ich
dafür, die Gründungserklärung so zu halten, daß ein Weg offen blieb
für Zusammenarbeit zwischen den studentischen Lagern in der
praktischen studentischen Selbstverwaltungsarbeit. Meine Einstellung
war beeinflußt davon, wie sich die Dinge da an unserer TH entwickelt
hatten. Mir schien immer wesentlich, eine Brücke zu den Gemäßigten
im anderen Lager aufrecht zu erhalten, als beste Chance für eine
Verbreiterung und damit Festigung einer republikanischen Front. Zu
dem Gremium, das da beisammen war, gehörten auch ältere, frühere
republikanische Studentenführer, die im ersten Jahr des Deutschen
Studentenverbands uns mit Rat und Tat halfen. Ich blieb aber
ziemlich isoliert mit meiner Einstellung, und als dann während
unserer Sitzung eine sehr feindselig gehaltene Erklärung der
Deutschen Studentenschaft zur Gründung unseres Verbands
veröffentlicht wurde, da war jede Mäßigung vom Tisch. Einer unserer
älteren Mentoren, HansHelmuth Preuss(9), wandte sich etwas höhnisch
zu mir: "sehen sie, so lassen einen manchmal die besten Freunde im
Stich".
Mein Maurerpraktikum im Norden Berlins in den Sommerferien 1928 ist
mir auch für politsche Eindrücke in Erinnerung geblieben. Es war ja
grade erst nach den für die Sozialdemokraten und die Republik so
erfolgreichen Wahlen 1928, die Stimmung war zuversichtlich, von
Nationalsozialisten war auf dem Bau noch kaum zu hören. Mein
Maurerpolier hatte schon viel in der sozialdemokratischen
Parteiorganisation miterlebt. Es gab mir aber einen neuen Einblick
über deutschjüdische Beziehungen. Er machte durchaus einen
Unterschied daraus, daß ich jüdisch war. Er grenzte es ganz scharf
ab von nationalsozialistischer, antisemitischer Propaganda, die schon
damals recht lautstark wurde, er hatte auch einen eingeheirateten
jüdischen Schwager in der Familie, es war so nichts feindliches in
seiner Einstellung, aber der Unterschied nicht nur klar empfunden,
sondern auch sofort ausgesprochen und bei Namen genannt, da war kein
Raum für die Art von Tabu, das jüdische Assmilation oft errichten zu
wollen schien. Mir war das recht so. Im Grunde genommen hat es mir
geholfen, spätere antisemitische Angriffe, zum Beispiel in
Studentenversammlungen an der TH mit größerem Gleichmut zu ertragen.
Auch nach dem Wechsel im Studium blieb ich bei meiner politischen
Aktivität. Im demokratischen Studentenbund gab es eine vielfältige
Reihe von Vortragenden bei den wöchentlichen Zusammenkünften. Einmal
hatten wir Theodor Heuss eingeladen, er wollte vorher mit mir seinen
Vortrag besprechen. So fuhr ich zu ihm nach Steglitz, es war ein
richtiges Gelehrtenzimmer, sehr gemütlich, wo man sich unterhielt, er
bot mir eine riesige Brasilzigarre an, weit größer und schwerer als
ich sonst damals schon rauchte, und die sich dann auch nicht gut mit
der Rückfahrt vertrug.
In der Demokratischen Partei gab es deutliche Gegensätze und
Spannungen zwischen linken und rechten Flügeln, das machte sich auch
beim Studentenbund bemerkbar. Der demokratische
Reichstagsabgeordnete Dr. Hermann Fischer, Präsident des Hansabundes,
eines Verbandes mittlerer industrieller und gewerblicher Firmen (er
galt als Inhaber der größten Zahl von Aufsichtsratsitzen in
Deutschland), dominierte, wenn nicht die Partei, so doch den rechten
Flügel; er war selbst einst Korpsstudent und zeigte großes Interesse
für unseren Studentenbund, ohne viel Gegenliebe zu finden. Der
Studentenbund war zwar nicht so links wie die Jungdemokraten, aber
Einflüsse von Wirtschaftsverbänden waren nicht populär. Da war schon
viel mehr Sympathie für Anton Erkelenz, Gewerkschaftsführer. Eine
große Traditionsfigur in der Partei war Friedrich Naumann geworden,
und als die ihm nächsten Nachkommen galten wohl Theodor Heuss und
Gertrud Bäumer, die auch bei uns sprach.
Ich finde es schwer zu sagen, ob sie zum rechten oder linken Flügel
der Partei gehörten, sie waren betont national in der Außenpolitik,
wie es ja Naumann auch gewesen war, und so auch Hermann Dietrich,
also eher rechts, ohne daß dies von der wirtschaftspolitischen Seite
her kam. Anders wieder Oskar Meyer, von zunehmendem Einfluß (10) in
Fraktion und Partei, Syndikus der Berliner Handelskammer und mit der
Wirtschaft eng verbunden, aber sonst nicht rechts. Auch Dr. Ludwig
Haas, als alter süddeutscher Liberaler Politiker sehr angesehener
Abgeordneter (11) sprach bei uns, er war jüdisch und ein KCer.
Die Geister schieden sich damals vehement an einer gespenstischen
Frage: dem Bau des Panzerkreuzers "A". Unter den Beschränkungen des
Versailler Vertrages für deutsche Rüstung war der Bau von vier solchen
Schiffen erlaubt. Die neue Regierung der Großen Koalition hatte von
der vorherigen den Beschluß zum Bau geerbt, und als dies in den Etat
aufzunehmen war, entstand starke Opposition innerhalb der
sozialdemokratischen Partei und auch bei Teilen der Demokraten. Die
Polemik und Presseagitation nahm Ausmaße an, die meinem Gefühl nach
in keinem Verhältnis zum wirklichen Gewicht der Sache standen. Der
Kampf darüber hatte eine lähmende Wirkung im Gefüge der Großen
Koalition. Auch in unserem Studentenbund gab es Gegensätze darüber,
wie die Demokratische Partei sich dazu stellen sollte. Ich fand, da
der Versailler Vertrag das vorsah, sollte der Panzerkreuzer gebaut
werden und die Demokraten mit Zentrum und Deutscher Volkspartei dafür
stimmen. Es gab auch verantwortliche sozialdemokratische Politiker,
die dafür stimmen wollten (12).
Im Studentenbund war ich allerdings in der Minderheit damit. Im
November 1928 fuhren wir nach Frankfurt zu einer Tagung des
Reichsbunds Deutscher Demokratischer Studenten, wo diese Frage auch
eine gewaltige Rolle spielte und ebenso dann auf einer Sitzung des
Parteiausschußes, an der ich als einer der Studentenvertreter
teilnahm (13). Der demokratische Parteiausschuß war vollkommen
gespalten um den Panzerkreuzer; ich erinnere mich am stärksten an das
Auftreten von Dietrich dabei(14), und mir ist das alles so lebhaft in
Erinnerung, weil es mich irritierte, daß ich eine so verschiedene
Meinung von vielen meiner guten Freunde im Studentenbund hatte, auch
wenn ich nicht ganz allein damit stand.
Aus heutiger Sicht wird dieses Argument um den Bau des Panzerkreuzers
A mit den deutschen Zielen für Revision der deutschen Ostgrenzen mit
Polen und diese schon damals als virulent angesehen (15). Man kann
heute aus unterdessen veröffentlichen Akten herauslesen (16), daß
diese Revisionsziele bei manchen deutschen Amtsstellen und Politikern
immer eine Rolle spielten, aber die Spuren, die einem heute aus den
Akten in die Augen springen, geben meiner Erinnerung nach nicht ein
wirkliches Bild des Klimas in der Öffentlichkeit der späten 1920er
Jahre.
Diese Frage der Ostgrenzen gehörte doch damals nicht zu einem
politischen Aktionsprogramm, sie war ein "Vorbehalt". Deutschland
war schwach, Ruhrbesetzung und Inflation gerade überstanden, das
Hauptthema der Gegner der "Erfüllungspolitik" der Weimarer Parteien,
auf die Stresemann und seine Partei eingeschwenkt waren, war die Last
der Reparationen. Frankreich, Polen und die Kleine Entente waren
militärisch unvergleichlich stärker als die Weimarer Republik. Das
Argument, daß der Panzerkreuzer als eines der im Versailler Vertrag
erlaubten Verteidigungsmittel dann auch gebaut werden sollte, schien
plausibel.