die Mitglieder fand ich sympathisch, aber noch entscheidender für
meinen Beitritt zur FWV war wohl, daß ich durch meinen Vetter Herbert
Grünfeld eine ganze Reihe von FWVern kennengelernt hatte, die mit ihm
in Heidelberg studiert hatten. Er war dort der FWV beigetreten und
hatte viele Freunde in Heidelberg und anderswo gemacht, die nun in
Berlin weiter studierten.
Das war ein sehr anregender Kreis von sehr lebendigen und
interessierten jungen Menschen, viele waren Juristen und Mediziner.
Unter ihnen lernte ich auch gleich einige kennen, die in den
Studentenvertretungen und der Hochschulpolitik als FWVer auf der
republikanischen Seite aktiv und führend geworden waren, wie Heinz
Ollendorf, bei dem ich dann als Neuling "Leibfuchs" wurde, Fred
Rothberg und Kurt Lange. Wie andere Verbindungen hatte die FWV das
Amt des "Fuchsmajor" zur Einführung der Neulinge, das war der junge
Anwalt Günter Joachim, aktiver Sozialdemokrat und
Reichsbannermitglied, dann bekannt geworden als Verteidiger von in
Zusammenstößen mit Nazis verwickelten Republikanern.
Doch im Winter 1927/28 stand das Leben in der FWV noch nicht unter
solchen Zeichen. Es war ein anregendes Medium, das auch der Stimmung
und der Bewegtheit der damaligen Berliner Kulturszene der Goldenen
20er Jahre entsprach und dazu beitrug, daß man sich mit
Gleichgestimmten daran soweit als möglich beteiligte und es mitgenoß.
Natürlich kamen dafür auch immer wieder Anregungen von andersher,
auch der großen Verwandtschaft. Im Haus Grünfeld in Dahlem sah
besonders Tante Grete immer, daß man die richtigen Konzerte und
Theateraufführungen mitmachte und Gemäldeausstellungen besuchte, wo
man damals viele französischen Impressionisten sah, aber auch eigenen
Neigungen folgen konnte.
Es gab in der Verwandtschaft auch andere Beziehungspunkte zum
kulturellen Leben Berlins. Verglichen mit der Generation meines
Vaters, einem von zehn Geschwistern, war die väterliche Familie in
meiner Generation nicht so groß geworden. Während meiner
Studentenzeit konnte ich nun mehr von den Vettern und Kusinen sehen,
die in meiner frühen Jugend von Oberschlesien nach Berlin gezogen
waren. Meine Kusine Guste Kaiser war Malerin, kopierte oft alte
Meister im Kaiser Friedrich Museum, Margot Epstein wurde als
Journalistin bekannt, so mit Besprechungen von Kinderbüchern, Ellen
Epstein war konzertierende Pianistin, Schülerin von Schnabel, und
Hans Hirschel hatte für seine literarische Tätigkeit eine Basis in
Mitherausgabe der Zeitschrift "Das Dreieck" gefunden mit einigen
anderen, schon bekannteren Literaten, arbeitete aber auch im
Erzgeschäft von Rawack & Grünfeld. Mir war Das Dreieck zu
"avantgard", aber die Besuche bei Hirschels waren immer anregend und
herzlich, und diese drei Schwestern des Vaters in Berlin kochten
exzellentes Essen.
In der mütterlichen Verwandtschaft in Berlin war vorerst ihr Bruder
Walter Oettinger, nun Stadtmedizinalrat von Charlottenburg,
unverheiratet. In seinem Kreis spielten Freundschaften aus dem
Breslauer AkademischLiterarischen Verein eine große Rolle (4).
Dieser war auch das, was ich als "paritätische" Verbindung
beschrieben habe, mit hohem Anteil getaufter Juden. Die literarische
Verpflichtung war dabei ein sehr ernstes Anliegen, bei Walter
Oettinger konzentrierte sie sich auf Friedrich Hebbel, er wurde ein
großer Kenner und Sammler. Er war politisch konservativ, hielt den
Lokalanzeiger, aber sonntags kaufte er "heimlich" das Berliner
Tageblatt.
Ein Vetter meiner Mutter war Erich Oettinger, Physiker, auch aus dem
Breslauer ALV, Assistent Fritz Habers an der TH Karlsruhe gewesen,
nun bei der AEG, dem ich während meiner Berliner Zeit sehr
nahegestanden habe. Er hatte einen weiten Kreis geistiger Interessen
und dementsprechend viele interessante Freunde; leider ist er noch
während meiner Studentenzeit sehr früh gestorben.
Als ich im 3.Semester mit dem Architekturstudium zusehends
unzufriedener wurde, begann ich mich für Fortsetzung des Studiums an
der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der TH zu interessieren,
auf betriebswirtschaftliche Führung von Industriebetrieben
ausgerichtet, mit technischen und wirtschaftlichen Fächern kombiniert.
Für meine 2.Sommerferien fand ich eine Stelle als Praktikant bei
der Firma Holzmann auf einer ihrer Wohnblockbauten in Weissensee im
nordöstlichen Berlin. Ich war kein geborener Maurer, aber so zu
arbeiten entsprach mir für zwei Monate durchaus, es war gut, diese
Welt kennenzulernen. Ich hatte mit ihr zu Hause schon Kontakt gehabt,
aber das war nun etwas anderes. Mein Maurerpolier, ein richtiger
Berliner, war ein alter Sozialdemokrat, nach Arbeitsschluß kamen
manche der Arbeiter noch in die Baubude, wo er residierte, und man
trank Bier.
Leider machte mir meine praktische Arbeit auf dem Bau noch klarer,
daß das nicht mein Beruf war. Ich habe das dann noch zu Hause
besprochen, aber zur Entscheidung noch offengelassen. Ich wollte
nicht endgültig einen Studiengang wählen, der zu eventueller späterer
Arbeit oder Übernahme des väterlichen Geschäfts keine Beziehung mehr
hatte. Ein Weg wäre Umsattlung auf Bauingeneur gewesen, aber die
Verbindung von wirtschaftlicher mit technischer Grundbildung,
hauptsächlich allerdings auf Maschinenbau gestützt, die in der
Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung geboten wurde, zog mich mehr
an.
Entscheidend wurden für mich lange Unterhaltungen mit Erich Oettinger,
ich fand, daß er in meinem Berliner Umkreis der Beste war, mir
unabhängigen Rat zu geben und die Courage, die ich für so einen, den
Erwartungen meines Vaters entgegengesetzten Entschluß brauchte. Nach
unseren langen Unterhaltungen war seine Diagnose, meinen
ausgesprochensten Interessen und auch anscheinender Begabung nach
sollte ich eigentlich Soziologie studieren. Das war eine gerade sehr
stark beachtete Wissenschaft geworden. Mein hochrangiger
nationalökonomischer Kollege im Demokratischen Studentenbund, Alfred
Tismer, hatte dafür nur das Wort "Schmonzologie".
Ich entschied mich für die mehr auf praktische Zwecke ausgerichtete
Lösung der Wirtschaftswissenschaften an der TH Charlottenburg. Die
Abteilung war nach dem Muster einer in Belgien bestehenden
Industriehochschule gegründet worden. Eine ähnliche gab es in
Deutschland in München aus der Vereinigung der dortigen
Handelshochschule mit der Technischen Hochschule. Dort stand als
Abschluß immer noch ein Diplomkaufmannsexamen. In Charlottenburg
aber war es ein Diplomingeneur auch für die
Wirtschaftswissenschaftliche Abteilung.
Dort konnte ich nun Nationalökonomie bei dem sehr geachteten Dr.
Goetz Briefs hören, er war katholisch eingestellt, auch im Verband
republikanischer Hochschullehrer tätig. Sein Assistent, der
Privatdozent Fischer, war, wie sich später herausstellte, weit mehr
rechts, aber diskret damit. In seinem Weltwirtschaftlichen Seminar
hatte ich den Auftrag in zwei Sitzungen über die Überlebenschancen
des Britischen Empires zu referieren. Er hatte mich auf die
zentrifugalen Tendenzen in allen Dominien hingewiesen, und ich mußte
die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten überall studieren
und aufarbeiten, so auch die Frage der Kolonien. Ich kam zu einem
für England positiven Schluß, und sah dann, daß er seine Enttäuschung
nur schwer verbergen konnte. Er hatte mich auf die vielen
Fragezeichen überall aufmerksam gemacht (mein politischer Platz war
ja allgemein bekannt an der Hochschule). Es gab sie ja auch, aber
ich habe ja, jedenfalls bis zur Zeit nach dem 2.Weltkrieg, Gott sei
Dank recht behalten. Gründliche Ausbildung in Betriebswirtschaft,
Finanzwesen und Buchhaltung gab es bei Dr. Prion, juristische Fächer
mußten meist an der Universität und Handelshochschule belegt werden.
Die technischen Fächer, Maschinenbau und Allgemeine Technologie waren
für mich neu, Maschinenbau und die Zeichnungen, die man da anfertigen
mußte, nicht nach meiner Wahl, aber dann später belegte ich
Eisenhüttenwesen als Nebenfach, und das war ein technisches Fach, das
mich wirklich interessierte. Als weitere Nebenfächer an der TH
belegte ich dann später noch Wirtschaftsgeographie bei Dr. Rühl,
einem Freund Erich Oettingers, den ich dort kennengelernt hatte, und
auch ein Semester Patentrecht bei Reinhard Jacoby, einem Vetter
meiner Mutter. Das neue Studium gab mir also ein ziemlich großes
Programm.
Zu den Weihnachtsferien 1928 war ich, wie immer, wieder zu Hause in
Kattowitz. Die Familie, die alten Freunde, manche netten Mädchen, es
gab viel Geselligkeit. Die Studenten, die in den Ferien nach Hause
kamen, hatten es eingerichtet immer einen Ball zu veranstalteten, ich
hatte mich an der ursprünglichen Initiative stark beteiligt. Zum
Sylvesterabend in unserem Haus kamen dieses Mal neue Gäste, Frau Dr.
Göppert aus Göttingen, mit Tochter Maria, die in Göttingen Physik
studierte. Sie war etwas älter als ich und mir sehr sympathisch (6),
war in Kattowitz geboren; unsere Eltern waren befreundet, bis ihr
Vater an die Universität Göttingen ging.
Eine Folge des Sylvesterabends war, daß Maria Goeppert, Karl Heinz
Lubowski und ich einen Ausflug nach Krakau machten, um ihr diese alte
polnische Stadt zu zeigen, die für Kattowitz ja nun eine Art
Nachbarstadt und kulturell ein großer Anziehungspunkt geworden war.
Ich kannte es natürlich schon, aber dieser Ausflug verstärkte den
Zauber, der von der Stadt ausging, es gab auch ein besseres Empfinden
für polnische Geschichte und alte nationale Ambitionen, die sich
daraus entwickeln mußten. Man hatte ja schon Unterricht in
polnischer Geschichte in der Schule mitgemacht. Im Studium in Berlin
war man dem etwas mehr entrückt. Karl Heinz zum Beispiel hatte sich
entschlossen, in Krakau zu studieren, und er war nicht allein damit.
Das Sommersemester 1929 war für meine politische Betätigung zusammen
mit Studium, besonders hektisch verlaufen. Während der
Semesterferien mußte ich noch eine weitere praktische Arbeitszeit
machen, die etwas mit Maschinenbau zu tun haben sollte. Erich
Oettinger schlug die Lehrlings und Fortbildungsschule der AEG in
Reinikkendorf vor und brachte mich dort unter. Ich wollte nicht
wieder, wie in meiner Maurerzeit in Weissensee, täglich von meiner
Bude in Charlottenburg hin und herfahren. Ich gab mein Zimmer auf,
mietete eins in Reinickendorf, also ich lebte nun wirklich in einem
unteren Mittelstands und Arbeiterbezirk. Die Belegschaft in
Arbeit/Schule war auch ganz anders, darüber mehr später, wenn ich
über die politische Entwicklung spreche.
In meine Praxiszeit 1929 fiel auch mein Geburtstag, der 21., zu dem
die Eltern nach Berlin kamen, bei Onkel Max fand ein großes
Geburtstagsdinner statt. Meine Schwester Lotte kam auch mit; sie
wollte in Berlin an der Kunstgewerbeschule Innenarchitektur studieren,
man wollte sehen, daß sie anständig untergebracht war. Wir sollten
versuchen, etwas zusammen zu finden, und das gelang auch in zwei
möblierten Zimmern bei Frl. Sachs in der Clausewitzstraße. Der Besuch
meiner Eltern war eine große Freude, und die gemeinsame Wohnung mit
Lotte wurde auch eine große Bereicherung meines Lebens in Berlin.
Wir verstanden uns sehr gut, es war wie ein zu Hause und wir konnten
Freunde einladen. Die jüdischen Feiertage Neujahr und Versöhnungstag
verbrachte ich ja zum ersten Mal nicht zu Hause, sondern der Praxis
wegen in Berlin, und zwar im overflow Gottesdienst in der
Philharmonie, mein erster mit liberalem Ritus, es sagte mir sehr zu.
Ich hatte ein Argument mit meinem AEG Werkmeister, der mir keinen
Urlaub für Neujahr geben wollte. Ich nahm ihn mir einfach,
schließlich war das doch eine von Rathenau gegründete Firma, fand ich.
Erich Oettinger war über meinen Entschluß ebenso kritisch wie das
AEG Management. Er meinte, ich hätte den Technischen Direktor
anrufen und mich beschweren sollen, aber nicht einfach wegbleiben.
Für den Versöhnungstag gab es das Problem nicht mehr, ich war da
schon bei Jachmann, wo man mehr Verständnis für meine immer wieder
starken religiösen Bedürfnisse um diese Jahreszeit hatte. Ich wußte
allerdings damals gar nicht, daß die Jachmann Familie jüdisch war.
In der Hitlerzeit wurden sie dann Pioniere in der Eisen- und
Stahlindustrie im damaligen Palästina.
Meine religiöse Einstellung hatte damals schon begonnen, ganz neue
Dimensionen zu entwickeln. Es war einerseits die Welt von Martin
Buber und vor allem Franz Rosenzweig, der großen Eindruck auf mich
machte, aber es war auch Bekanntschaft mit der sogenannten
bibelkritischen Literatur, oder besser der historischen Betrachtung
menschlicher religiöser Entwicklung, und eben auch der entscheidenden
Beiträge, die das Volk Israel und das Judentum dazu gemacht haben.
Der Mensch war also auf dauernder Suche nach Gott, und die jüdische
Thora und dann die Prophetenbücher, über Jahrhunderte von Menschen
geschrieben, waren das Bild der jüdischen Entwicklung, die dann eben
auch zur Entstehung des Christentums führte.
Die damit ins einzelne gehende bibelkritische Literatur wurde
zunächst von meist protestantischen Alttestamentlern und von
Historikern getragen, aber bald kamen auch jüdische Autoren zu diesen
nichtfundamentalistischen Forschungen. In der Preußischen
Staatsbibliothek, in die ich ja auch in meinem Studium und für die
politische Tätigkeit zu gehen hatte, fand ich auch Zugang zu dieser
religionsgeschichtlichen Literatur. Meine religiösen Gefühle aber
blieben lebendig, und ich habe bis in mein Alter jährlich an den
jüdischen Gottesdiensten teilgenommen, wo immer ich auch war.
Nur ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1930, es gab schon
weltwirtschaftliche Depression und zunehmende Krise der Weimarer
Republik, fand ich auch bei meinen Osterferien zu Hause, daß nicht
alles beim Alten blieb. Das väterliche Baugeschäft war sehr ruhig
geworden, eine drastische Verkleinerung des Apparates wurde notwendig.
Die Ziegelei war sehr beschäftigt gewesen, sodaß mein Vater
Expansionspläne durchführte, für deren Finanzierung die Konjunktur
aber nicht ausreichte. Es wurde daran gedacht, das große,
gutgelegene Stadtgrundstück, auf dem wir wohnten, zu verkaufen, und
ein Verkauf, mit Umzug der Eltern in eine Wohnung schien vor der Tür
zu stehen.
Mit diesen möglichen Veränderungen auch vor mir, ging ich dann wieder
nach Berlin zur Arbeit an meinem Vorexamen, das ich im Juni ablegen
wollte. Ich bestand es dann auch und konnte mich cand.ing. nennen.
Mein Vater schien besonders glücklich damit. Ich machte nur einen
kurzen Besuch zu Hause, wo die große Änderung mit Umzug der Wohnung,
Verkauf eines Teils der schönen Einrichtung der großen Villa usw.
schon im Zuge waren.
Für August war nämlich bei mir eine Blinddarm Operation im
Krankenhaus Westend in Berlin fällig, in dem mein Onkel Walter
Oettinger mich dafür untergebracht hatte. Gesundheitlich war ich
seit einiger Zeit angeschlagen. Allergisches Asthma und dann die
Blinddarmbeschwerden hatten mich geplagt. Ich wollte die Ferien dazu
benutzen, das hinter mich zu bringen.
Einige Tage nach der sonst gut verlaufenen Operation hatte ich sehr
schweres Asthma, ein großer Schock, und es sollte für Jahrzehnte auf
und ab ein ständiger Begleiter bleiben.
Nach der Operation durfte ich mich vor Weiterreise im Haus der
Dahlemer Verwandten erholen. Ich war ja dort immer wieder zu sehr
herzlich und anregend verlaufenden Besuchen aufgenommen worden. Das
Büro meines Onkels Paul bei Rawack & Grünfeld war in Charlottenburg
an der Hardenberg Ecke Schillerstraße, also direkt bei der
Technischen Hochschule, und wenn ich in Dahlem wohnte, konnte ich oft
mit ihm in die Stadt fahren. Neuerdings hatte er auch den Hauptsitz
seiner industriellen Firma GFE von Nürnberg dorthin verlegt. Wenn
ich in Dahlem wohnte oder ihn besuchte, nahm ich auch teil an dem
Kommen und Gehen der vielen Besucher, die mit Onkel Pauls
Ferrolegierungsindustrie zusammenhingen.
Da waren die Brüder Forchheimer, der ältere Dr. Jakob hatte als
Techniker die Firma ursprünglich mitgegründet und war Partner meines
Onkels, der jüngere Leo Forchheimer war Businessmanager der Firma
geworden, nach Berlin gezogen, und ich sah ihn oft. Auch kam Ragnar
Nilson, der Leiter der schwedischen Zweigfirma AB Ferrolegeringar,
und ich lernte die Vertreter der amerikanischen Union Carbide kennen,
die damals mit meinem Onkel über einen Zusammenschluß der Interessen
in Europa Verhandlungen führten, die aber in der Weltwirtschaftskrise
dann aufgegeben wurden. Auf den Autofahrten in die Stadt hat er auch
manchmal über laufende Zeitfragen und auch wirtschaftliche und
Geschäftsprobleme gesprochen.
Mein Vetter Herbert war zu Beginn seiner geschäftlichen Karriere zur
Ausbildung von Rawack & Grünfeld zunächst nach Beuthen, dann von GFE
zu ihren verschiedenen Werken und schließlich nach England geschickt
worden. Ich sah ihn auch immer wieder mal in Dahlem, aber in den
Jahren meiner engsten Verbindung mit dem Hause dort war er oft nicht
da. Der jüngere Bruder Ernst stand noch vor dem Abitur.
1930 hatte meine Schwester Lotte ihr Studium gewechselt, von der
Kunstgewerbeschule, für die sie sehr begabt war, zum
PestalozziFröbelhaus, mit dem unsere Tante Grete so enge Beziehungen
hatte und sie einführte; Lotte wohnte dann auch in Dahlem. Natürlich
brachte mich das dann noch öfter dorthin. Dann war dort oft der Sohn
des Heidelberger Onkels Hans Sachs, Werner Sachs, der damals am
KaiserWilhelm Institut in Dahlem an einer Dissertation in Chemie
arbeitete. Er war auch ein Mensch mit großen allgemeinen Interessen,
auch Weltanschauung, Geschichte und Politik, und es waren immer
interessante Begegnungen.
Durch ihn kamen auch eine Reihe seiner Frankfurter und Heidelberger
Freunde ins Haus, oft ebenfalls Professorenkinder, und da war auch
Hans Bethe, Physikstudent. Aus der Familie von Werner Sachs's Mutter
kamen aus Italien die Geschwister Hans und Annemarie Grelling. Hans
trat in Onkel Pauls Firma ein, und nach seinem Doktorat auch Werner
Sachs auf der technischen Seite. Seine Schwester Ilse,
Medizinstudentin, lernte ich auch in Dahlem kennen, auch manche
andere Verwandte und überhaupt viele interessante Menschen mit
verschiedenstem background und Begabungen. Sehr enge Freunde waren
auch die Familie Rohr, Gutsbesitzer an der polnischschlesischen
Grenze, die ich viel in Dahlem sah.
Dieser weitere Rückblick auf die Verwandten in Dahlem bezieht sich ja
nicht nur auf die Wochen der Rekonvaleszenz, die ich nach
Blinddarmoperation und Asthma im August 1930 dort haben konnte. Ich
konnte sie brauchen, denn für September stand mir Teilnahme an einer
politischen Tagung in Genf bevor. Auf dem Heimweg von der Tagung
verbrachte ich, nach einem kurzen Besuch in den Bergen, das jüdische
Neujahrsfest in Luzern, ein ganz orthodoxer Gottesdienst, ganz ohne
Chor, dann erste Durchreise durch Zürich, umsteigen in München und
noch eine lange Bahnfahrt nach Kattowitz. Mich interessierte in
München die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung an der Technischen
Hochschule, wo man mit einem Diplomkaufmannsexamen mit weniger
Betonung auf die technischen Fächer abschließen konnte. Darüber
wollte ich mich orientieren.
Zu Hause verbrachte ich dann wieder den Versöhnungstag und machte
mich mit dem Leben in der neuen elterlichen Wohnung vertraut, Lotte
war in Berlin, wohnte in Dahlem, Marianne war zu Hause. Ich ging
wieder nach Berlin, das Studium nach dem erfolgreichen Vorexamen bot
neue Anregung, aber mein Interesse für Nationalökonomie war eben doch
so viel stärker als die technische Seite, ein Wechsel nach München
versprach einen viel schnelleren Abschluß dieses Studiums. Ich hatte
ja vorher Zeit verloren, und so nahm der Plan eines Wechsels nach
München im Laufe des Semesters immer festere Formen an. Für meine
politische Tätigkeit aber blieb dieses letzte Berliner Semester noch
eine sehr an und aufregende Zeit.
b)... und politische Bestätigung
Das Gefüge der Weimarer Republik, so schien es einem zu Beginn meiner
Studentenzeit, hatte sich befestigt nach den stürmischen und
gefährlichen Jahren, die der deutschen Niederlage und dem Versailler
Vertrag folgten, nach Spartakus und Freikorpsrebellionen, Inflation,
Ruhrbesetzung und gelungener Währungsreform, es entstand auch ein
besseres Klima mit den Westalliierten unter Stresemann. Zunächst
hatten die Rechtsparteien an Einfluß gewonnen, Hindenburg wurde 1925
zum Reichspräsidenten gewählt (der Gegenkandidat der mittleren Linken
Marx verlor die Wahl, der Kommunist Thählmann hatte als Dritter
kandidiert). Aber im Mai 1926 folgte dem MitteRechtskabinett Luther
ein Kabinett des Zentrumsführers Marx, an dem außer Stresemann auch
die Demokraten und Sozialdemokraten beteiligt waren. Wirtschaftlich
hatte ein Konjunkturaufschwung begonnen, die politische Rechte schien
in die parlamentarische Demokratie eingeordnet, obgleich die Republik
ungeliebt blieb, und monarchistische Gefühle in weiten Kreisen der
Rechten sich zäh erhielten, nicht nur in der Reichswehr, sondern in
weiten Kreisen des Beamtentums, der Industrie und auch der
Studentenschaft.
Dabei spielte das "Völkische", immer in unvermeidlicher Verquickung
mit Antisemitismus bei den Studentenorganisationen seit langem eine
besondere Rolle. Die rechtsgerichteten studentischen Korporationen
schienen einen geschlossenen Block zu bilden, der vielerorts über 50%
der Studentenschaft stellte.
So erinnere ich mich an das politische Bild, als ich zu Beginn meines
Studiums zum ersten Mal den Demokratischen Studentenbund Berlin
besuchte. Der mich, den Neuling, gleich freundlichst empfing war
Richard Winners, der mir gleich einiges über den Verein erzählte,
aber wohl auch sehen wollte, wer da gekommen war. Winners, aus
westfälischen Arbeiterkreisen stammend, war ein Historiker aus dem
Seminar Friedrich Meineskes. Er war dann auch Herausgeber des
Demokratischen Zeitungsdiensts der Partei. Vorsitzender des
Demokratischen Studentenbunds war damals Wolfram Müllerburg, und
weiter bleiben mir besonders in Erinnerung aus dieser ersten Zeit der
Jurist Kurt Kronheim, die Nationalökonomen Alfred Tismer und Gaedecke,
Martin Goetz, auch aus dem Meinecke Seminar, und von der Technischen
Hochschule Fritz Schlesinger, von weiblichen Mitgliedern Else Runge
und Lotte Kronheim.
Für die wöchentlichen Zusammenkünfte im Demokratischen Klub wurden
oft demokratische Politiker und andere zu Vorträgen gebeten,
dazwischen gab es Abende mit Referaten eines Mitglieds und Diskussion,
auf die man sich vorbereiten sollte. Es war hochinteressant,
anregend und eine gute Schule. Danach konnte man noch ins Restaurant
des Demokratischen Klubs gehen und saß dann manchmal zu einem Bier
mit dem einen oder anderen demokratischen Parlamentarier oder anderen
Klubmitgliedern.
Gleich nach meinem Eintritt in den Verein nahm ich an einer
Pfingstwanderung teil; wir waren nur etwa zehn bis zwölf, wanderten
von Rostock nach Stralsund, unbekanntes Land, eine erfrischende
Erfahrung unter Menschen, denen man Verbindung mit der Jugendbewegung
und Leben in Jugendherbergen noch anmerken konnte.