Die polnische Politik dieser frühen zwanziger Jahre nahm auch einen

sehr turbulenten Verlauf. Es gab immer wieder die scharfen

Spannungen zwischen Ost­ und Westschwergewicht, einst durch den

Gegensatz Pilsudski­Dmowski gekennzeichnet, es war auch einer

zwischen rechts und links, klerikal und nicht so klerikal, die

Spaltung zwischen klerikal und laizistisch in anderen katholischen

Ländern widerspiegelnd. Es ging gewaltätig zu, auch mit

Putschversuchen. Die Rechte hatte 1922 einen Wahlvorteil errungen,

und Pilsudski trat als Staatspräsident zurück; als Nachfolger wurde

Dr. Narutowicz, der linkeren Bauernpartei und auch Pilsudski

nahestehend, gewählt, aber er wurde schon bald im Dezember 1922

ermordet, nur wenige Monate nach dem Mord an Rathenau in Deutschland.

Als Einführung zu regelmäßiger Anteilnahme an politischen

Entwicklungen in Polen war das ein beunruhigendes Erlebnis.

Wirtschaftlich war Polen auch schweren Finanz­ und Inflationswirren

ausgesetzt, hatte dann aber unter Führung von Grabski von Ende 1923

bis 1925 eine nichtparlamentarische "Experten"regierung mit besserer

Stabilität.

Auch in Polnisch­Oberschlesien entwickelte sich die Industrie

zunächst bis 1925 ganz hoffnungsvoll. Das Baugeschäft des Vaters

hatte auch aktive Zeiten. Abgesehen vom Regierungssektor hatte

Kattowitz ja durch die Teilung Oberschlesiens auch als industrielles

Verwaltungszentrum noch an Bedeutung gewonnen, und es war in der

Nachkriegszeit ohnehin schon an Wohnungsbau einiges nachzuholen.

Mein Onkel Max Grünfeld schied aus der Firma aus und ging in

Ruhestand. Der große Hausbesitz in Berlin hatte in der

Inflationszeit verkauft werden müssen.

Die politische Lage und Spannungen in Polnisch­Oberschlesien aber

wechselten, und das war nicht nur politisch, sondern auch

wirtschaftlich bedingt. Es gab etwas in Oberschlesien, was man als

"schwebendes Volkstum" bezeichnet hat (3). Ein Teil der damaligen

oberschlesischen Bevölkerung fühlte sich auch bei

polnisch­oberschlesischer Umgangssprache politisch nicht so

festgeschrieben. Die wirtschaftliche Lage konnte dadurch auch

Stimmverhältnisse zwischen deutschen und polnischen Parteien leicht

beeinflussen, wie sie eben beeinflußt werden, wenn Wähler

wirtschaftlich unzufrieden und geneigt sind, die bestehende Regierung

dafür verantwortlich zu machen.

In den ersten Wahlen zum Schlesischen Sejm hatten die polnischen

Parteien gut abgeschnitten. In Kattowitz selbst blieb aber die

Mehrheit deutsch. Die Regierung löste das Stadtparlament auf und die

Stadt wurde für zwei Jahre kommissarisch regiert. Die

wirtschaftlichen Verhältnisse hatten sich 1925 in Polen

verschlechtert, der Regierung Grabski folgte zunehmendes politisches

Chaos, das durch einen Staatsstreich Pilsudskis und seine Wiederkehr,

nun als Diktator, beendet wurde.

In Oberschlesien hatte sich die Wirtschaftslage besonders

verschlechtert, da der bei der Teilung 1922 abgeschlossene Vertrag

für Einfuhr polnisch­oberschlesischer Kohle nach Deutschland im Juni

1925 ablief, und Deutschland sich nicht beeilte, ein neues Abkommen

abzuschließen (8). Polen konnte dann neue Märkte finden, begünstigt

durch den englischen Bergarbeiterstreik von 1926 vor allem in

Skandinavien, aber unterdeß litt die Beschäftigung in den

Kohlengruben.

Für November 1926 waren Wahlen für ein neues Kattowitzer

Stadtparlament ausgeschrieben. Umliegende, viel stärker polnische

Industriedörfer waren unterdeß eingemeindet worden, was eine

polnische Mehrheit hätte sichern sollen. Der Eindruck verstärkte

sich aber, daß die deutsche Seite doch stark an Rückhalt gewonnen

hatte (4). Der Ausgang der Wahlen brachte der neuen polnischen

Pilsudski­Regierungspartei, der "Sanacja", gleich zwei Enttäuschungen:

die Deutschen gewannen 34 der 60 Sitze, die namentlich von Korfanty

und den polnischen Sozialisten vertretene polnische Opposition

erhielten 14, die Sanacja nur 5 Sitze.

Da der älteste gewählte Stadtverordnete, der deutsche

Katholikenführer Senator Thomas Szczeponik kurz vorher gestorben war,

mußte mein Vater, der auch wieder auf der deutschen Liste kandidiert

hatte, die erste Sitzung als Alterspräsident eröffnen, und das war

eine Amtshandlung, in Polnisch, das er wirklich gar nicht sprach.

Ich half mit meinen Schulkenntnissen bei der Übersetzung und schrieb

dann den Text für ihn phonetisch auf. Es war nicht erfolgreich.

Nach Vaters Rede verlangte der besonders kämpferische Führer der

polnischen Sozialisten, Biniszkiewicz, daß die Rede nun ins Polnische

übersetzt werde, sie sei in einer ihm unbekannten Sprache, vielleicht

auf Chinesisch gehalten worden. Die Sitzung verlief auch sonst sehr

stürmisch, da die Deutschen als stärkste Fraktion darauf bestanden,

einen Deutschen, den katholischen Gewerkschaftssekretär Jankowski,

der gut Polnisch sprach, als Stadtverordnetenvorsteher zu wählen, und

die Polen daraufhin die Versammlung verließen.

Die "Kattowitzer Zeitung" aber bestätigt in ihrem Bericht (5), daß

"bei der deprimierenden Atmosphäre des 1.Teils der Sitzung" die

polnischen Herren Widuch und Rechtsanwalt v.Kobylinski meinem Vater

(bei seinen weiteren Amtshandlungen als Alterspräsident) mit ihren

polnischen Übersetzungen taktvoll und hilfsbereit zur Seite standen.

Mein Vater war dann bis 1930 Vorsitzender der deutschen Fraktion im

Stadtparlament und blieb Stadtverordneter, bis er 1933 zurücktrat.

Nachdem er 1922 an der Gründung des Deutschen Volksbunds mitgewirkt

hatte, gehörte er auch dem Verwaltungsrat an und wurde später einer

der beiden Vizepräsidenten, bis zu seinem Rücktritt 1933. Bis dahin

nahm er an vielen Sitzungen und Besprechungen teil, aber die

Mitglieder des Verwaltungsrats traten in der Öffentlichkeit kaum auf.

Es kamen aber im Zusammenhang damit manche interessante Besucher ins

Haus, so Herbert Weichmann, der zu Beginn seiner Karriere

Chefredakteur der "Kattowitzer Zeitung" war.

Eine besondere Aufgabe des Vaters, an die ich mich erinnere, hing mit

dem Prozeß zusammen, den die Regierung gegen verschiedene Beamte des

Deutschen Volksbunds einleitete. Die polnische Politik gegenüber der

deutschen Minderheit hatte sich seit 1926 sehr verschärft. Das wird

erklärt mit der Weigerung der deutschen Regierung, den Locarnovertrag

von 1925 auch durch eine entsprechende Regelung im Osten zu ergänzen,

was in Polen unvermeidlich verstärkte Furcht, Wachsamkeit und

Abwehrstimmung gegen deutschen Revisionismus hervorrufen mußte (6).

Der neue schlesische Wojewode Grazynski war 1926 eingesetzt worden,

um der deutschen Minderheit ganz entscheidend Schach zu bieten, aber

auch, um die Stellung der Sanacja gegenüber dem

nationaldemokratischen Korfanty zu stärken. Die von der polnischen

Polizei vorbereitete Anklage gegen Ulitz stand auf schwachen Füßen,

nämlich Dokumenten, die dem Verdacht der Fälschung ausgesetzt waren.

Der Schlesische Sejm unter dem alten polnischen Vorkämpfer,

Rechtsanwalt Wolny, einem Korfanty­Anhänger, lehnte eine Aufhebung

der Immunität des Abgeordneten Ulitz ab, aber der Leiter des

Deutschen Schulvereins Dudek kam vor Gericht. Für seine Verteidigung

war aus Warschau ein Führer der polnischen Sozialisten, Dr. Hermann

Liebermann, gewonnen worden, und mit den Abmachungen dafür hatte mein

Vater zu tun.

Dr. Liebermann wohnte auch bei uns, und das war auch wieder ein

interessantes Erlebnis für mich. Er war schon als Anwalt und

politisch im österreichischen Galizien aktiv gewesen. Als später

Pilsudski scharf gegen seine Opposition in Polen vorging, wurde er

auch in das Internierungslager Bereza Kartuska gesperrt, wo auch

Korfanty hinkam. Dr. Liebermann war während des 2.Weltkriegs dann

Mitglied der polnischen Exilsregierung in London (7).

Zur Zeit der Prozesse, bei denen er mitwirkte, war die Haltung des

Deutschen Volksbunds sehr klar, daß er sich ganz als

Minderheitenvertretung fühlte und auftrat. Dr. Liebermann gehörte

eben zu denen, die im eigenen Lager gegen polnische Verletzungen der

Minderheitenverträge waren (8).

Es gab damals schon in Deutschland auch außerhalb der Rechtsradikalen

unterschwellige revisionistische Gedanken, die solches Verständnis

der Deutschen in Polen als Minderheit zu unterlaufen drohten. Die

aggressive Politik der polnischen Regierung nach 1926 gegen die

deutsche Minderheit spielte solchen Tendenzen in Deutschland in die

Hände, wie man so oft findet, daß die Radikalsten auf beiden Seiten

sich unwissentlich/wissentlich Bälle zuwerfen.

Nun will ich meinen Rückblick auf die Jugendjahre in Kattowitz noch

mit ganz persönlichen Erinnerungen abschließen. So zum Beispiel, daß

da auch lauter Mädchen heranwuchsen, es Tanzstunde und viele Parties

gab, Verliebtheiten und Spaziergänge. Es wurde so absorbierend, daß

der Lesezirkel und Gedanken der Jugendbewegung zurücktraten und sich

die Schwergewichte im Kreis der Freunde auch änderten. Man fing an,

auch mit Vergnügen zu Bierabenden in Kneipen zu gehen.

Viele aus diesem Kreis wurden später Korporationsstudenten. Ein

guter Freund wurde Hans Kuhnert. Ein anderer neuer Freund aus den

späten Schuljahren war Hans Werner Niemann. Er kam wie aus einer

anderen Welt, war eine Klasse jünger, voll aggressivem,

aufgeschlossenem Enthusiasmus in weltanschaulichen und literarischen

Dingen, provozierte lebhafte Meinungsverschiedenheiten, so über meine

damalige Heinebegeisterung, und war eher "jungkonservativ"

eingestellt. Sein Stiefvater war Direktor der Kohlengrube Murcki,

wir waren oft dort, das einzige Mal, daß ich eine Kohlengrube

untergrund besuchte.

Ein paralleles Erlebnis war mein Besuch in einer der großen

oberschlesischen Eisenhütten und Stahlwerke, der Julienhütte in

Bobrek, die im deutsch gebliebenen Teil Oberschlesiens lag. Diese

erste Bekanntschaft mit dem Hüttenwesen interessierte mich sehr, die

Umformung des Metalls von Erz über Roheisen zum Stahl, und was man

das "bulk handling" der Materialien nennt.

Ein Onkel, A. Tramer war der kaufmännische Direktor der Hütte, seine

Frau Flora war Vaters Cousine, eines von den in meiner Jugend noch

lebenden acht Kindern des Jakob Grünfeld und der Maria geb. Sachs in

Zalenze (9). Mit den noch in Oberschlesien lebenden gab es immer

Kontakt. Der jüngste Sohn Paul mit Frau Mimi aus Göttingen war gut

situierter Eisen­ und Stahlkaufmann in Beuthen. Sie waren sehr

lebenslustige Leute mit viel Stil. Er war Mitglied der Schlaraffia,

die beiden waren gar nicht onkel- und tantenhaft mit uns und sie wurden

gute Freunde.

Häufige Ausflüge "über die Grenze" nach Beuthen wurden für uns

ohnehin ein wesentlicher Bestandteil der zwanziger Jahre. Dort war

der jüngere Bruder des Vaters, der Orthopäde Ernst, mit seiner netten,

manchmal etwas rauhen Art und sein orthopädischer Turnsaal, und dann

eben das soviel jüngere Ehepaar Paul Grünfeld. Aber es waren gar

nicht nur solche Familienverbindungen, man fuhr eben oft nach Beuthen.

Paul war ein eifriger Reiter in dem neuen Reitklub, der in Beuthen

entstand. Mit einigen Freunden fuhren Lotte und ich auch dorthin zum

Reiten. Mir gefiel diese Sportart, aber sehr gut war ich nicht,

während Lotte bald Preise im Springen sammelte.

Für die Geselligkeit im Hause der Eltern waren ein jährlicher

Höhepunkt die Sylvesterabende, immer in recht großem Kreis, vor allem

nachdem die Einquartierung endlich beendet und die zwei weiteren

Wohnzimmer auch frei waren. Mit die ältesten Gäste waren Dr. Speiers,

und sie blieben dann auch die letzten in den späten 30er Jahren vor

Ausbruch des Krieges. Sie waren in den 20er Jahren sehr befreundet

mit dem Ehepaar Lukaschek, und so kam es, daß die Dr. Lukascheks auch

für einige Jahre, bis er sein Amt als deutscher Vertreter in der

unter dem Genfer Abkommen mit Sitz in Kattowitz waltenden Gemischten

Kommission aufgab, an unseren Sylvesterabenden teilnahmen, und mit

ihnen später auch Freiherr v. Grünau mit Familie, der einige Jahre

deutscher Generalkonsul in Kattowitz war. Manche unserer jungen

Freunde kamen noch nach Mitternacht und es wurde getanzt.

Der jüdische Religionsunterricht und die Gottesdienste waren für mich

immer von ergreifendem Interesse geblieben. Als Rabbiner und

Religionslehrer hatten wir in den frühen zwanziger Jahren den älteren

Dr. Lewin aus Breslau, der mit dem dortigen Rabbinerseminar eng

verbunden war. Wir waren schon etwas aufsässiger gewordene

Gymnasiasten, und er hatte eine schwere Zeit mit uns; es waren nicht

nur theologische Zweifel, mit denen wir ihn ärgerten.

Wir waren bei jüdischer Geschichte. Wie können wir, so fragte man

ihn, an den Entwicklungen der deutschen Geschichte ebensolchen Anteil

nehmen wie andere Deutsche? Natürlich, sagte er, wenn ich vor der

alten Kaiserpfalz in Goslar stehe, da bin ich genauso beeindruckt und

bewegt wie alle Deutschen. Das sagte er.

Es blieben Zweifel. Heute würde ich sagen: Vorfahren von heutigen

Juden lebten auch dort zu dieser Zeit, sie hatten Teil an der

Entwicklung der abendländischen Welt in Europa, und haben eine

Beziehung zu diesen historischen Stätten, und eine besondere zu denen

der abendländischen Nationalität, der sie sich selbst zugehörig

fühlen. Wenn man genau hinsieht, ist das ein Teil auch des jüdischen

Geschichtsbewußtseins.

Dr. Lewin ging bald nach Breslau zurück. Der Übergang an Polen

machte sich später bemerkbar. Unter seinen Nachfolgern kam aus ganz

anderer Welt der junge Dr. Jechezkiel Lewin aus Galizien. Sein Vater

war Präsident der ganz orthodoxen Agudath Israel, er selbst wurde

später in Palästina und Israel einer ihrer Führer. Er war sehr

gebildet und intelligent, und trotz abweichender Meinungen und

unserem background waren es sehr interessante Stunden. Er blieb

nicht lange in Kattowitz.

Im Sommer 1926 bestand ich mein Abitur. Mit seinem Herannahen schon

war meine Berufswahl dringend geworden. Ich war seit langem zwischen

zwei Polen hin­ und hergerissen. Natürlich hatte mein Vater immer

gewollt, daß ich, als dritte Generation, in das Baugeschäft eintreten

und dafür Architektur studieren würde. Es war ein schöner Gedanke

und ich versuchte immer, mich darauf einzustellen und vorzubereiten.

Dahin gehörten die ja von früher Jugend her gewohnten Rundgänge durch

Vaters Neubauten und Ziegelei, schließlich auch einfache Lehrbücher

über Architektur, Fassaden und Grundrißlösungen, und Zeichen­ und

Malstunden bei der Künstlerin Trude Willner, deren freundschaftliche

Bekanntschaft auch später eine große Bereicherung war. Meine

wirklichen Neigungen aber gingen eigentlich in andere Richtungen, ich

wollte Jura studieren. Es gab sehr ernste Gespräche. Meine Mutter

überraschte mich, sie fand, wenn ich nicht Architektur studieren will

und mich auch nicht für sehr begabt für das Baufach halte, dann

sollte ich doch meinen größten Interessen und anscheinender Begabung

nach Geschichte studieren.

Wahrscheinlich hatte sie recht. Ihr Bruder Walter und meines Vaters

Vetter Hans Sachs, deren Vornamen mir gegeben worden waren, hatten

sich beide in ihrem Fach Lorbeeren als Wissenschaftler erworben, und

das war auch meiner Mutter Ehrgeiz für mich. Wenn nicht das, dann

fand sie, Vaters Weg als erfolgreicher Baumeister wäre doch auch

vielversprechend. Im letzten Schuljahr bekam ich einige Bücher über

Nationalökonomie in die Hand und fand dies das Interessanteste und

Zeitgemäße.

Zunächst war ich aber bereit, bei meinem Vater im Geschäft bis April

1927 zu praktizieren, vorher hatte ich keine Zulassung zu Hochschulen

in Deutschland. So machte ich noch einen Winter "Saison" in

Kattowitz mit, lernte die väterlichen Betriebe besser, auch mit

Handangreifen kennen.

Ende 1926 starb mein Onkel Ernst Grünfeld in Beuthen; zur Beerdigung

kam auch Felix Benjamin, der Chef der Erzhandelsfirma Rawack &

Grünfeld aus Berlin. Er fragte nach meinen Berufsplänen, hielt aber

gar nichts von einem Nationalökonomie Studium. Natürlich, wenn ich

dem Vater zuliebe Architektur studieren will, könnte er nichts sagen,

aber er lud mich ein, für einige Wochen nach Berlin zu kommen, und

das tat ich auch.

Die Benjamins wohnten in einem hochherrschaftlichen Haus am Dianasee

in Grunewald. Von meinen vier Cousinen waren drei im Hause (10), ich

lernte etwas vom Großstadtleben Berlins kennen. Bei einem früheren

Besuch waren wir drei Kinder 1922 in Berlin für einige Wochen im Haus

in Dahlem von Onkel Paul und Tante Grete Grünfeld mit Vettern Herbert

und Ernst eingeladen gewesen. Das war ein ganz anderer Stil, mit

viel Betonung auf die Reitpferde und die große Gartenliebe, aber auch

viel Anregung für Kunst und Musik. Jetzt bei Benjamins fehlte die

Tante Ida, sie litt an Depressionen.

Natürlich hörte ich viel über Rawack & Grünfeld, besuchte das Büro,

mein Onkel Felix Benjamin hatte abends weiter viele Telefongespräche

und im Hintergrund war die Frage, wenn ich schon nicht besondere Lust

oder Eignung fürs Baufach verspürte, warum soll ich nicht bei meinem

Onkel bei Rawack & Grünfeld ins Erzgeschäft eintreten, anstatt zu

studieren? Ich fuhr wie vorgesehen zurück nach Kattowitz; dort fiel

der Entscheid für des Vaters Wünsche, und ich bereitete mich vor, zum

Semesterbeginn im April 1927 auf der Technischen Hochschule

Charlottenburg Architektur zu studieren, wo mein Onkel Max Grünfeld

mit dem ihm befreundeten Architekturkollegen Dr. Weiss, der auch

Kattowitz kannte, alles Nötige für meine Aufnahme und Förderung

meines Studiums einleitete.

Kapitel 5

Als Student in der Weimarer Republik

A) Berlin

a) Leben und Studium

Als ich April 1927 in Berlin ankam, konnte ich zuerst bei Onkel Paul

und Tante Grete Grünfeld in Dahlem wohnen, bis ich im Hansaviertel

ein möbliertes Zimmer, eine "Bude" gemietet hatte. In späteren

Semestern fand ich dann welche in Charlottenburg. Das Haus in Dahlem

blieb mir während der ganzen Studentenzeit ein wohltuendes Refugium

und Quelle vieler Anregungen auch für alle die großen Attraktionen

des kulturellen Lebens im damaligen Berlin, und es waren auch immer

viele junge Menschen im Haus, denen mit lebendigem Interesse begegnet

wurde. Die Familie dieser Dahlemer Verwandten waren sehr kritisch,

aber auch sehr begeisterungsfähig.

Für mein Architekturstudium sollte ich mich in engem Kontakt mit dem

Onkel Max halten. Neben der Einführung in das Bauwesen bei Dr. Weiss

hatte ich Mathematik, Physik und Statik zu belegen, dazu kam noch

"Freihandzeichnen". Grade das war ein früher Kampf, und meine

Unbegabtheit bald eine Warnung, daß ich es mit dem Architekturstudium

schwer haben würde. Ich kämpfte drei Semester mit diesem Problem,

und je näher man dem eigentlichen architektonischen Schaffen im

Studium kam, desto stärker wurde die Überzeugung, daß ich aussteigen

müßte. Dabei kann ich nicht sagen, daß ich nicht vieles an diesem

Studium gern hatte, aber es war eine unglückliche Liebe.

Im Gegensatz zu meinem Onkel, der an alten Stilen hing und ein großer

Kenner der alten preußischen Schlösser war, zog es mich zur modernen

Architektur, und für die Sommerferien plante ich eine Reise zur

Bauaustellung in Stuttgart. Vorher traf ich mich mit Karl­Heinz

Lubowski und Freunden in Bayern für eine Wanderung über das

"Steinerne Meer" nach Zell a. See und Fahrt nach Innsbruck. Schon in

der Schulzeit waren wir in Bayern, München, Tegernsee und Mittenwald

gewesen. Nun lernte ich noch mehr von Süddeutschland kennen, ich

ging von Stuttgart nach Heidelberg, einer Einladung meines Onkels

Hans Sachs und Frau Lotte folgend, die ich in Dahlem getroffen hatte.

Grete Hirschel studierte dort Romanistik und zeigte mir etwas vom

Leben in Heidelberg. Für den Rest der Ferien ging ich nach Hause und

arbeitete praktisch als Zimmermann auf einem Bau des Vaters.

Schon vor Beginn des Studiums hatte ich zu Hause im "Berliner

Tageblatt" bemerkt, daß es in Berlin einen Demokratischen

Studentenbund gab, und bei Beginn des 1.Semesters bald sein

Anschlagbrett im Lichthof der TH entdeckt. Ich besuchte gleich ihre

nächste Veranstaltung im Demokratischen Klub in der Victoriastraße,

wo sie tagten. Bei ihnen habe ich mich dann, bis ich 1931 von Berlin

fortging, sehr zu Hause gefühlt. Rückblickend auf mein 1.Semester

wurde diese beginnende Teilnahme am politischen Leben in der

Studentenschaft in diesen schwierigen, aber noch hoffnungsvollen

Jahren der Weimarer Republik eine markante Entwicklung für mein Leben,

über die ich zusammenhängend berichten will.

Im 2.Semester trat ich auch der "Freien Wissenschaftlichen

Vereinigung " (FWV) bei. Etwas anders als in der mehr versachlichten

und stets politisch orientierten Atmosphäre des Demokratischen

Studentenbunds war die FWV eine Studentenverbindung, eben eine

"Fraternity", mit Betonung auf die persönlichen Beziehungen der

Bundesbrüder und ihre kulturellen Interessen als das Verbindende,

obgleich von ihrem Ursprung in den 1880er Jahren her da auch eine

entscheidende politische Note gewesen war. Die Formen entstammten

den alten an deutschen Universitäten gewohnten. Ein kurzer Blick auf

einige Studenten­Verbindungen ist da angebracht.

Wie schon erwähnt, waren ja deutsche Studentenkorporationen im frühen

19. Jahrhundert sehr freiheitlich aufgetreten, auch wieder in der

1848er Zeit. Die Burschenschaften hatten die schwarz­rot­goldenen

Farben als Symbol der Freiheitlichkeit und für deutsche Einigung

gewählt, aber das völkische Prinzip der Nichtaufnahme von Juden als

Mitgliedern hatte sich immer wieder erhoben und verschiedentlich

durchgesetzt. Für Fraternities hat es ja solche Exklusivität, ebenso

wie in vielen Klubs, immer gegeben, und keineswegs nur in Deutschland,

aber die politische Zielsetzung und Virulenz des "völkischen

Prinzips" wurde für die deutsche und vielleicht noch mehr für die

österreichische Studentenschaft charakteristisch. Trotzdem hatten

während des 19. Jahrhunderts die Burschenschaften in verschiedenen

Zeiträumen immer wieder jüdische Mitglieder, unter ihnen auch manche

später prominent gewordene aus den Kreisen stark assimilierter oder

getaufter Juden (1).

Manche Korporationen hielten liberale Haltung und Satzungen aufrecht,

einige schlossen sich zu dem kleinen Burschenschaftskonvent (BC)

zusammen, andere blieben unabhängig. So entstanden sogenannte

"paritätische" Verbindungen, was schon anzeigt, daß der Anteil der

jüdischen Mitglieder unverhältnismäßig zunahm und bald ganz stark

überwog. Diese Verbindungen hielten nur unterschiedlich an alten

Gebräuchen der "Couleur" Studenten fest, wie Farben, Mützen und

obligatorisch Fechten. Andere jüdische Studenten hatten dagegen

Korporationen gebildet, die rein jüdische Verbindungen sein wollten,

aus Überzeugung oder jedenfalls als die ihrer Ansicht nach richtige

Antwort auf die Exklusivität und deutsch­völkische Richtung der

Überzahl der deutschen Korporationen.

Der KC stand dem CV (Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen

Glaubens) nahe, aber es gab auch den KIV als zionistische Verbindung.

Weder ein Beitritt zu einer paritätischen Burschenschaft noch zum

jüdischen KC oder gar den Zionisten hatte mich interessiert, aber die

Freie Wissenschaftliche Vereinigung entsprach durchaus meinen

Ansichten und Neigungen. Sie war 1886 gegründet worden, nachdem von

Berlin durch die Tätigkeit des Predigers Stöcker ausgehend eine neue

antisemitische und deutschnationale Welle zur Gründung des Vereins

Deutscher Studenten (VDSt) geführt hatte. Das war eine neue Art von

Verbindung in Deutschland, mit weniger Betonung auf Farben und

Fechten, dafür aber mit ausgesprochener politischer Zielsetzung

scharf rechts.

Als Opposition gegen diese gründeten prominente Liberale die FWV,

führend der Arzt Virchow und der Historiker Mommsen. Der lebendige

Kontakt mit liberaler politischer Tradition und dem Kulturleben blieb

das Zeichen dieser Verbindung, die auf ihren Ursprung und ihre

Vergangenheit stolz war. Im Laufe der Zeit wurde sie aber auch eine

der "paritätischen" Verbindungen mit überwiegend jüdischer oder

jüdischstämmiger Mitgliedschaft (2). Dies war keineswegs so bei den

verschiedenen politischen Studentengruppen, wie der Demokratischen

oder der Sozialistischen Studentenschaft, die ja den Großteil der

außerhalb der rechtsgerichteten Deutschen Studentenschaft

organisierten republikanischen Studenten stellten (3).

Rückblicke · 第 6 / 27 段