Das war gut, denn am 2. Oktober kam mein 13. Geburtstag und damit

meine Barmitzwah, und es wurde dazu Familienbesuch erwartet. Ich

sollte ein Jahr vorher mit Vorbereitungsstunden anfangen und die

hatte ich beim Lehrer Willner, den ich sehr gern hatte. Er war

einerseits ein jüdischer Gelehrter, aber auch preußischer

Volksschullehrer mit großer Allgemeinbildung. Abgesehen von

hebräischer Schrift und Sprache galt der Unterricht auch

Grundkenntnissen in jüdischen Bräuchen und Gesetzen. Die Zeit von

einem Jahr war knapp bemessen, und da von Mai bis August wegen des

polnischen Aufstands die Stunden wegfielen, blieb meine Kenntnis der

hebräischen Sprache sogar noch viel mangelhafter als vorauszusehen

war. Ich hatte diese Stunden mit großen Erwartungen begonnen, sie

gaben meiner Anhänglichkeit an jüdische Religion und damit auch

jüdische Geschichtsverbundenheit mehr Substanz.

Die Barmitzwah Zeremonie blieb eine gewichtige Erinnerung. Sogar die

Mutter kam in die Synagoge. Der Onkel Max Grünfeld aus Berlin als

Miterbauer der Synagoge und für den architektonischen Entwurf damals

verantwortlich wurde als Dritter zur Thora aufgerufen. Zu Hause

kamen dann sehr viele Gratulanten, auch einige noch sehr fromme

entferntere Verwandte, mit denen wir sonst kaum Kontakt hatten.

Nachmittags waren auch meine Freunde eingeladen. Ich bekam, neben

anderen Geschenken, sehr viel Bücher, Grundlage einer noch wachsenden,

recht vielfältigen Bibliothek, die ich dann bei Ausbruch des 2.

Weltkriegs mit einem Schlag mit soviel anderem verlieren sollte.

Kapitel 4

Kattowitz kommt zu Polen

Die Botschafterkonferenz hatte zunächst keine Einigung über die

Zukunft Oberschlesiens erreicht und im August den Völkerbundsrat um

ein Gutachten gebeten. Es handelte sich dabei natürlich nicht nur um

eine möglichst gerechte Auswertung der lokal so buntgewürfelten

Abstimmungsergebnisse, sondern auch um wirtschaftliche und

geographische Argumente, nachdem wohl von Anfang an die Möglichkeit

einer Teilung nicht ausgeschlossen worden war. Den

Abstimmungsresultaten nach wurde bald als gegeben angenommen, daß die

Kreise Rybnik und Pleß zu Polen kommen würden. Sie allein hätten

Polen wichtige Kohlegruben und ­vorkommen gegeben, aber nichts von

der Eisen­ und Stahlindustrie oder Zinkhütten. Es wurde aber auch von

einer Abrundung durch einen Teil des Kreises Kattowitz gesprochen, wo

der Landkreis eine polnische Mehrheit gebracht hatte, wodurch beides

für Polen dazu kommen würde.

Die Engländer und im Allgemeinen auch die Italiener waren gegen eine

Teilung des Industriegebiets oder seine Abtrennung von Deutschland,

von der man annahm, daß es die Wirtschaftskraft des Gebiets schwächen

würde, und auch Deutschlands Möglichkeiten, die ihm in Versailles

auferlegten Reparationen zu bezahlen. Die Polen besaßen eine Kohle­

und Stahlindustrie im östlich an Oberschlesien angrenzenden

Dombrowaer Gebiet, wo französisches Kapital stark beteiligt war. Die

Franzosen waren vor allem an einem auch wirtschaftlich starken Polen

an der deutschen Ostgrenze interessiert. Basierend auf den

Empfehlungen des Völkerbundsrats beschloß die Botschafterkonferenz am

20.Oktober 1921 einen Teilungsplan, in dem Polen auch der ganze Kreis

Kattowitz und ein Teil des Kreises Beuthen zugesprochen wurden. Die

beiden großen Industriestädte Kattowitz und Königshütte, die mit

großen Mehrheiten für Deutschland gestimmt hatten, sollten also zu

Polen kommen und wirtschaftlich weit mehr als die Hälfte der

Kohleproduktion und der Hochöfen, die Hälfte der Stahlwerke, fast die

ganze Zinkindustrie. Das Industriegebiet sollte mitten

durchgeschnitten werden, mit seinem dichten Eisenbahn­ und

Straßenbahnnetz, Wasser­ und Stromversorgung, ja auch unter Grund

wurden Gruben durchschnitten, mit einem Schacht auf der polnischen

und einem anderen auf deutscher Seite.

Die praktischen Probleme waren enorm, für die menschlichen wurde

vorgesehen, daß beide Teile ein Minderheitenschutzabkommen

abschließen würden, um die Rechte der sprachlichen Minderheiten zu

schützen. Das junge Polen hatte ein solches Abkommen mit den

Alliierten Mächten in Versailles am 28.Juni 1919 zum Schutz seiner

verschiedenen Minderheiten abschließen müssen, und es wurde ihm nun

auferlegt, dies entsprechend auf die neu entstehende deutsche

Minderheit in dem polnisch werdenden Teil Oberschlesiens auszudehnen,

während Deutschland gehalten wurde, ein entsprechendes Abkommen für

die polnische Minderheit im deutsch bleibenden Teil Oberschlesiens zu

schließen.

Es war nur wenige Tage nach meiner Barmitzwah, daß diese

Entscheidungen bekannt wurden und eine ganz neue Situation schufen.

Mit der Ungewißheit hatte man ja schon drei Jahre gelebt. Nun war

der gordische Knoten durchhauen, es kam etwas ganz Neues auf einen zu.

Vater war schon in den Wochen davor in viele Sitzungen und

Gespräche zur Lage verwickelt, nun wurden sie für die Stimmung

beherrschend. Die Ideen vom frühen Sommer während des polnischen

Aufstands, daß man eventuell weggehen würde, waren ganz verflogen.

Unter den ansäßigen Deutschen verbreitete sich die Stimmung, daß man

sich mit der neuen Situation abfinden und eben auf ein Leben als

deutsche Minderheit im polnischen Teil Oberschlesiens und damit im

polnischen Staat einrichten müsse. Durch die Auflage eines

Minderheitenschutzabkommens, das nun eifrig ausgearbeitet und dann

auch am 22.Mai 1922 in Genf unterzeichnet wurde, war man ja ganz klar

so angesprochen. Es gehörte dazu, daß die Vertreter der deutschen

Seite im Polen zugesprochenen Teil Oberschlesiens sich nun

zusammentun und ihre eigenen Reaktionen und Ideen zu ihrer

zukünftigen Haltung ausarbeiten und aussprechen mußten. Dazu gehörte

auch die ehrlich gemeinte Zusicherung der Loyalität für die neue

staatliche Souveränität, und das Alles geboren aus einem Heimatgefühl,

daß nämlich, was aufgebaut und erworben war, nicht zu Grunde gehen,

sondern weiter gedeihen sollte.

Es liegen darüber mannigfache Äußerungen von maßgebenden deutschen

Funktionären aus dem polnisch werdenden Teil von der Zeit nach der

Entscheidung vor. Deutlich erinnere ich mich, daß mein Vater von

einer Sitzung in Beuthen oder Gleiwitz schon kurz nach der

Entscheidung nach Hause kam und sehr erregt erzählte, ein aus Berlin

anwesender Minister hätte gesagt, was die künftige deutsche Politik

zu dem abzutretenden Teil anbelangt, wären doch wohl Alle mit der in

Berlin herrschenden Auffassung einig: "abschnüren und vernichten".

Ich nehme an, daß es eine Sitzung der Deutschen Demokratischen Partei

Oberschlesiens war. Auf Provinzebene waren Sanitätsrat Bloch in

Beuthen und Justizrat Kochmann in Gleiwitz, der auch im preußischen

Landtag saß, prominenter gewesen, für das Gebiet des künftigen

Polnisch­Oberschlesiens aber war mein Vater wohl nun der führende

Exponent geworden. Er hatte diesem Reichsminister sehr scharf

widersprochen, und ich habe ihn selten so erregt gesehen, wie er uns

darüber erzählte. Für die Deutschen im künftigen

Polnisch­Ober­schlesien mußte es andere Wege des Denkens in ihrer

neuen Situation geben. Es brachte sie in die Linie des Denkens der

nationalen Minderheitenbewegung, die sich in Europa nach dem ersten

Weltkrieg entwickelte. Mich haben diese neuen Begriffe und

Vorstellungen auch später im Zusammenhang mit manchen anderen

Problemen des 20. Jahrhunderts immer wieder sehr interessiert.

Der Übergang des Gebiets an Polen sollte durch einen feierlichen

Einzug der polnischen Truppen in Kattowitz am 20.Juni 1922 vollzogen

werden. In der Zwischenzeit hatte es zunehmende Zeichen von

Auflösungsstimmung gegeben, Beamte gingen weg, Behörden waren im

Übergang, wir merkten das auch in der Schule. Laut Genfer Abkommen

mußte der polnische Staat auch deutsche Minderheitsschulen

unterhalten. Unser Gymnasium sollte das neue staatliche Gymnasium

sein, ein großer Teil des bisherigen Bestands seine

Minderheitsabteilung. Viele der Lehrer wollten weg nach Deutschland

gehen, doch einige, vor allem jüngere, waren bereit zu bleiben. Man

wußte noch nichts Genaues. Als das letzte Abitur um Ostern

abgehalten war, wozu auch der Oberschulrat aus der bisherigen

Provinzhauptstadt Oppeln kam, konnte man fühlen, daß der

traditionelle Bierabend der Lehrer mit den Abiturienten auch eine Art

Abschiedsfeier für den Lehrkörper wird. Als wir Jüngeren am nächsten

Morgen in die Schule kamen, waren nur wenige Lehrer da, man sah die

Meisten herumwanken, kaum einer konnte ganz grade stehen. Die Schule

fiel aus, wir wurden nach Hause geschickt. Es war gewiß auch ganz

komisch, aber eigentlich war es niederschmetternd. Das Gefühl der

Auflösung nahm übergroße Proportionen an.

Die polnische Regierung bestimmte den General Stanislaw Szeptycki zur

Führung des feierlichen Einzugs der polnischen Truppen. Sein Name

war uns damals neu, aber bald danach wurde er zeitweilig polnischer

Kriegsminister, also mußte er ein prominentes Mitglied der polnischen

Generalität sein. Der Name der Familie ist unterdeß bekannter

geworden, eine ostgalizische Adelsfamilie, die starke Bindungen an

die dortige westukrainische Bevölkerung hatte. Sein Bruder Andrzej

wurde Metropolit der mit Rom Uniierten Slawisch­Orthodoxen Kirche (1).

Der General selber hatte im 1.Weltkrieg große Erfolge im Kampf

gegen russische Truppen im östlichen Polen errungen, er war zum

österreichischen General gemacht worden, hatte mit Pilsudski

zusammengearbeitet. Es kam also jemand wirklich von der ganz anderen

Seite Polens.

Der Gewerkschaftssekretär Josef Rymer, zum ersten Wojewoden der neuen

Wojewodschaft Schlesien mit Sitz in Kattowitz, von nun an Katowice,

ernannt, begrüßte den General mit seinen Truppen an der schlesischen

Grenze bei Schoppinitz. An der Stadtgrenze sollte der neue

Oberbürgermeister Gornik, ein oberschlesischer Pole, ihn zusammen mit

dem deutschen Stadtverordnetenvorsteher Dr. Reichele begrüßen. Von

unserem Balkon aus konnten wir ihn in einer Droschke allein auf

seiner einsamen Fahrt zur Stadtgrenze vorbeifahren sehen. Er hatte,

da er erst so kurz im Amt war, meinen Vater gebeten, es doch mit ihm

zusammen zu tun, aber mein Vater entzog sich dem.

Er sollte den General ohnehin noch treffen. Da der Colonel Ardisson

schon weg war, wurde der General bei uns einquartiert. Er machte

bald einen formellen Höflichkeitsbesuch. Wie schon oft bei den

französischen Offizieren wollte mein Vater auch damals, daß ich dabei

bin. Ich erinnere mich nur, daß zuerst einige etwas verlegene Worte

waren, wie man sprechen sollte, und die Unterhaltung spielte sich

dann auf Französisch ab.

Sonst bestand für uns sein kurzer Aufenthalt nur aus gelegentlichem

Zunicken, aber dann kam ein Schock, er erschien plötzlich mit einem

kleinen Foxterrier. Mein Gott, seufzte meine Mutter, die schönen

Salonmöbel, sie waren mit Damast bezogen. Aber der General fuhr bald

ab, ohne größeren Schaden anzurichten.

Die beiden Wohnzimmer wurden aber nicht freigegeben. Wir bekamen als

zivile Einquartierung den neuen polnischen Präsidenten der

Eisenbahndirektion Sikorski, der noch einige Jahre dort wohnte, ein

sehr ruhiger Mitbewohner, er blieb praktisch ohne jeden Kontakt mit

uns.

Der größte Wechsel kam für uns Jungen, als die Schule wieder anfing.

Der neue polnische Direktor beider Abteilungen hieß Wolff. Die

meisten der bisherigen Schüler wollten in die deutsche

Minderheitsabteilung gehen. Die Meldungen für die polnische

Abteilung waren vorerst kleiner, der Zuzug polnischer Beamten und

anderer Familien entwickelte sich erst. Herr Wolff verfügte, daß

alle Jungen mit polnischen oder polnisch klingenden Namen in die

polnische Abteilung übergehen müßten, und er kam selbst, um uns

einzuteilen. Es entstand Verwirrung und Aufruhr. Die meisten der so

betroffenen konnten kein Wort polnisch sprechen, und so gab es lange

Gesichter in beiden Abteilungen, und es gab wohl sofort

Protestschritte des Deutschen Volksbunds, der der Genfer Konvention

nach zum Schutz der Minderheitenrechte auftreten sollte. Diese Frage,

wer zur deutschen Minderheit gehörte und wer nicht, brachte sehr

klar ein Problem und einen Gefahrenpunkt des ganzen Konzepts der

Minderheitsrechte für Volksgruppen zum Vorschein. Hier wurde also

von deutscher Seite darauf bestanden, daß die Zugehörigkeit zur

Minderheit eine Sache freier Wahl, als des "Bekenntnisses" sein muß.

Die Erinnerung an dieses Jugenderlebnis erweckt bei mir eine ganze

Reihe weiterer Gedanken. Schließlich standen da bei uns in der

Untertertia unsere Mitschüler, ein guter Teil von ihnen, und Herr

Wolff wollte ihnen nicht mehr erlauben, weiter in die deutsche Schule

zu gehen. Die Freiheit, die er für sich selbst als polnischer

Gymnasialdirektor mit deutschem Familiennamen nahm, wollte er unseren

Mitschülern aus Familien mit polnischem Namen, aber oft wohl schon

seit Generationen deutschsprachig, nicht zuerkennen.

Die Freiwilligkeit der Zugehörigkeit zu einer Minderheit habe ich

immer als sehr entscheidend empfunden. Es entspricht wichtigen

liberalen Grundsätzen. Die Forderung nach autonomer Verwaltung für

Minderheiten, jedenfalls auf kulturellem Gebiet, wurde ein zentraler

Punkt der Minderheitenbewegung in Europa, aber ich fand sie nur

vertretbar, wenn das auf freiwilliger Assoziation beruhte. Menschen

zwangsweise in solche Kompartments einzuordnen, würde neue Elemente

von Unfreiheit einführen.

Daß die deutsche Seite und dann auch die Führung der

Minderheitenbewegung dieses Bekenntnisprinzip vertrat, war ja

eigentlich ein Abrücken vom strikten Sinn völkischer Denkweise. Die

Konzeption des Nationalen war eben tatsächlich vielmehr verwandt mit

dem Begriff der Kulturkreise, um den Geist von Arnold Toynbee zu

berufen. Dieser aber relativiert gleichzeitig die Nationale Idee und

bringt einen so zu einer Annäherung an europäische Wirklichkeit

zurück. Man liest oft über anscheinend bedauernswerte Gebilde:

Vielvölker­ oder Gemischtvölkerstaaten, so die alte Donaumonarchie,

ja in deutscher Sicht, dann die 1918 entstandene Tschechoslowakei.

Genealogisch gesehen waren es ja auch weite Gebiete Ostdeutschlands,

mehr als man davon Kenntnis genommen hatte. Da war nichts

bedauernswertes daran, wenn man nicht inkongruente völkische

Ideologien dahinein brachte.

Ich glaube, es hat in der Minderheitenbewegung auch manche liberale

Kräfte gegeben, die Sinn hatten für die europäische Bedeutung und

liberale Grundnote der Sache. Aber es gab wohl auf deutscher Seite

auch Viele, die das Bekenntnisprinzip in Sachen Nationalität

hochhielten, weil das für den Besitzstand der deutschen Volksgruppe z.

B. in Polen zahlenmäßig so wichtig war. Man sieht wieder, wenn es um

klare Interessenlage ging, hier gar nicht wirtschaftliche, sondern

einfach Macht­ und Bedeutungsinteressen der Volksgruppe, da

verschwanden Ideologien in den Hintergrund. Dann blieb nur noch der

Antisemitismus als Kaffeesatz der völkischen Idee.

Die Qual meiner Untertertia Schulkameraden war bald vorüber, ja es

entbehrte nicht einer gewissen komischen Wirkung, als sie so schnell

wieder in unsere Klasse zurück durften und das normale Schulleben

unter dem neuen Regime begann. Dieser Vorfall war beigelegt.

Auf längere Sicht waren aber die Polonisierungsmaßnahmen auf anderen

Wegen erfolgreicher. Nach einiger Zeit gab es auch in der Stadt

Kattowitz eine polnische Bevölkerungsmehrheit. 1932 war die deutsche

Minderheitenabteilung des staatlichen Gymnasiums schon viel kleiner

geworden, schließlich wurde sie geschlossen, und es gab dann nur noch

ein deutsches Privatgymnasium. Der Direktor Wolff blieb nicht lange,

unser nächster polnische Direktor hieß Steuer, und unter ihm habe ich

noch 1926 dort mein Abitur gemacht.

Kurz nachdem wir in Kattowitz die Übergabe an Polen erlebt hatten,

wurde in Berlin der damalige deutsche Reichsaußenminister Walter

Rathenau ermordet. Für uns waren und blieben die Ereignisse in

Deutschland immer noch ganz hautnah. Das Berliner Tageblatt und die

Breslauer Zeitung kamen weiter jeden Tag, und dazu kam noch die

Ostdeutsche Morgenpost aus Beuthen, denn man mußte ja auch mit dem

deutschgebliebenen Teil Oberschlesiens Kontakt behalten, und sie kam

früh morgens am selben Tag.

Die Erregung dieser Tage in Deutschland erlebten wir sehr stark mit.

Man erinnerte sich an die Ermordung des katholischen Finanzministers

Mathias Erzberger im August 1920, auch durch rechtsradikale

Freischärler. Rathenau war Jude, er war für mich als 14jährigen

etwas wie ein Idol geworden, ich hatte einige seiner Bücher gelesen.

Es war die menschliche Tragödie dieses Mordes an Rathenau, und eben

auch das Licht, das da auf die Turbulenz der Lage in der jungen

Weimarer Republik fiel, für die es dann mit vernichtender Inflation,

französischer Ruhrbesetzung und dem Hitlerputsch November 1923 kaum

eine Atempause gab. Dieser Hitlerputsch damals war aber ein

theatralischer Fehlschlag. Die Republik hatte doch schon Muskeln,

eine Regierung der Großen Koalition (Deutsche Volkspartei, Zentrum,

Demokraten und Sozialdemokraten) unter Stresemann war am

erfolgreichsten mit der Konsolidierung, unterstützt vom Erfolg der

Schacht'schen Währungsreform.

Nicht nur wegen politischen Geschehens, sondern vor allem auf

kulturellem Gebiet war man, auch nach der Abtretung Ostoberschlesiens,

mit dem Leben in Deutschland weiter stark verbunden. Für uns

heranwachsende Jungen blieben auch die Ideen der Jugendbewegung in

Deutschland, des Wandervogels, eine Anziehung. Wandervögelbünde

selber hatten sich in Kattowitz nicht so entwickelt während der Zeit

der Besetzung und politischen Kämpfe. Es gab aber eine Gruppe des

jüdischen Jugendbundes "Kameraden", und einige meiner Schulfreunde

gehörten dazu. Es war ein nichtzionistischer Bund. Beide Eltern

widersetzten sich meinen sehr dringenden Wünschen, da auch

beizutreten, ich sollte stattdessen in den "Alten Turnverein" gehen,

der mich gar nicht begeisterte, und den ich bald verließ.

Bedeutsam wurde, daß ich mit einigen Freunden, meist aus der nächst

höheren Klasse, zu einem Lesezirkel gehörte, in dem gelesen, aber

auch viel diskutiert wurde. Es waren Klassiker und zeitgenössische

Literatur und eben manches, das mit der Jugendbewegung zusammenhing,

und wir hatten einige der Zeitschriften der Jugendbewegung. Wir

trafen uns abwechselnd zu Hause. Einige der "Kameraden"­Mitglieder

spielten auch eine Rolle, so Manfred Danziger, und von anderer Seite

erinnere ich mich besonders an den alten Freund Karl­Heinz Lubowski

und an Wolfgang Juretzek.

Zu den starken Anregungen in Richtung Jugendbewegung gehörte auch für

mich ein Besuch bei uns zu Hause von Dr. Rudolf Trevenfels aus

Breslau. Das war eigentlich eine Familienfreundschaft, er war zehn

Jahre älter, aber noch ganz erfüllt mit solchen und anderen Ideen und

hatte viele enge Kontakte mit einigen Schlüsselfiguren aus dieser

Welt (2).

Auch das kulturelle Umfeld blieb für uns eigentlich ganz unverändert

und weiter sehr reich und aktiv. Das Stadt­Theater wurde nun

zwischen deutschem und polnischem Theater geteilt, an den der

neugebildeten Deutschen Theatergemeinde zustehenden Tagen wurde es

von der ebenfalls neuentstehenden Landesbühne aus dem

deutschgebliebenen Oberschlesien "bespielt". Das war dann doch eine

sehr starke, auf den ganzen Industriebezirk sich stützende

Unternehmung, und es gab ein interessantes Programm und Kräfte. Die

Theatergemeinde, in der Rosa Speier bald eine führende Rolle übernahm,

veranstaltete auch in mehreren Jahren jeweils für einige Wochen

Gastspiele der Wiener Volksoper. Bis dahin hatte ich Opern nur bei

Besuchen bei den Großeltern in Breslau erlebt, jetzt wurden es ganze

wochenlange Festspiele, mit uns besonders verknüpft, weil mehrmals

Künstler der Wiener Volksoper bei uns wohnten. Auch wurde der

Meister'sche Gesangsverein für einige Opern zu Chorszenen

hinzugezogen, und dann konnte ich meine Mutter auch verkleidet auf

der Bühne sehen.

Überhaupt wurde der Meister'sche Gesangverein eine große Quelle

musikalischen Miterlebens. Ich trat dem Chor zwar nie bei, kaum

einer von uns, die dann zum Studium weggingen, tat es, aber aus

Chorwerken und Opern spielte ich im Klavierauszug vor und nachher,

und für die Aufführungen kamen Solisten, von denen jemand bei uns

wohnte, ebenso für Solistenkonzerte, Pianisten, Violinisten,

Kammermusik­ und Gesang. So hatten wir im Laufe der zwanziger Jahre

viele sehr bekannte Künstler, die bei uns als Gäste wohnten.

Unverändert machten wir auch die regelmäßigen Besuche bei den

Großeltern in Breslau. Es gab auch ganz spezielle Gelegenheiten, den

70. Geburtstag der Großmutter, 80. des Großvaters und ihre Goldene

Hochzeit, mit einem großen Abendessen im Hotel Monopol, eine selten

schöne und sehr große Familienfeier. Wir drei Kinder spielten ein

von Rosa Speier in Form eines kleinen Theaterstücks verfaßtes, langes

Gedicht. Es gab viele brilliante Reden. Besonders erinnere ich mich

an die Damenrede des zur nahen Bernstein Familie gehörigen Herrn

Jakobowitz, er war, die Brust mit Orden übersät, ein Kampfflieger im

1.Weltkrieg gewesen.

Meine Großeltern waren unterdessen in eine viel kleinere Wohnung

gezogen, der Großvater war nicht mehr so aktiv und prominent im

bürgerlichen Leben Breslaus, aber zu den morgendlichen

Gratulationskuren bei diesen Festen kamen immer der Oberbürgermeister

Wagner, sein Stellvertreter Tiktin, der auch für die in Breslau

bekannte "Gesellschaft der Freunde" kam, deren Direktor mein

Großvater für über 25 Jahre gewesen war, der Oberrabbiner Dr.

Vogelstein und immer auch der Geheimrat Pfeiffer, unter dem der Sohn

Oettinger an der Universität gearbeitet und gelehrt hatte. Bis ins

hohe Alter blieb der Großvater geistig rege und sehr interessiert und

nahm an seinem Stammtisch im Café Fahrig teil. Er gehörte aber zu

denen, die die Inflation schlecht überstanden, fast das ganze

Vermögen war in Staatspapieren angelegt, und er war danach auf die

Unterstützung seiner Kinder angewiesen. Er starb Mitte der zwanziger

Jahre. Ich fuhr mit zur Beerdigung. Es rührte mich, meiner Mutter

zu kondolieren und sie am Grab ihres Vaters zu sehen, es war ein

neuer Eindruck. Ich selbst habe ja dann während des 2.Weltkriegs und

danach nie an den Gräbern meiner Eltern stehen können. Nach der

Beerdigung des Großvaters wurde mir auf dem Friedhof in Breslau auch

das Grab meines Urgroßvaters Dr. Albert Oettinger gezeigt.

Die Schulzeit von Untertertia an brachte natürlich auch ein

zunehmendes Maß von Bekanntschaft mit polnischen Dingen. Polnisch

als Sprache gab es zunächst nur zweimal die Woche. Die Regierung

fand erst, die Deutschen sollten gar nicht polnisch lernen, sondern

weggehen, aber das änderte sich im Lauf der Jahre. Natürlich

interessierte einen bald, etwas über polnische Geschichte, ja auch

Literatur zu hören, und das spielte dann auch eine zunehmende Rolle

im Unterricht auch in der deutschen Minderheitabteilung, und man fuhr

nach Krakau zu den sehr schönen Sehenswürdigkeiten aus polnischer

Vergangenheit.

Rückblicke · 第 5 / 27 段