Die Ankunft der französischen Besatzungstruppen in Kattowitz brachte

für uns zu Hause eine große Veränderung. Da Oberschlesien auf

französisch Haute Silesie hieß, brachten die Franzosen Gebirgstruppen.

Sie bliesen muntere Weisen aber benahmen sich zunächst eben wie

fremde Besatzungstruppen. Etwas weiter weg in der Friedrichstraße

war die Villa der Frau Else Silberstein, Inhaberin einer großen

Kohlenhandlung, mit der Firma Emanuel Friedländer liiert; wir kannten

uns gut, sie war mit den Eltern befreundet. Sie war schon lange

verwitwet, hatte ein besonders schönes und sehr gastfreies Haus. Die

Franzosen beschlagnahmten es, um dort ein Offizierskasino

einzurichten. Sie durfte dort bleiben, mußte aber fast das ganze Haus

für das Kasino zur Verfügung stellen. Als sich bald Differenzen

ergaben, wurde sie ihres Hauses verwiesen und mußte ins Hotel ziehen.

Wir waren also verwarnt.

In der Tat, sehr bald kamen sie zu uns, um ein Kasino einzurichten.

Wir durften bleiben, in einem der vier Wohnzimmer des Erdgeschosses,

unsere Köchin durfte zunächst auch in der Küche für uns kochen, aber

als der französische Koch ein großes Stück Fleisch ins Feuer warf,

weil es ihm nicht gefiel, und sie (es war ja noch große Knappheit bei

uns) es retten wollte, wurde sie aus der Küche geworfen und mußte

versuchen, für uns in der Waschküche im Dachgeschoß zu kochen. So

bekamen wir es also alle gleich wirklich mit, daß wir jetzt unter

französischer Besatzung waren. Die große Diele war ihrer Lage nach

für die Passage beider Parteien da, also sahen wir viele französische

Offiziere. Bald zog das Kasino aber aus, und wir bekamen wieder

jeweils einen Offizier als Einquartierung.

Oben im Gastzimmer wohnte immer noch der Herr v.Brunn, der nach

seiner Demobilisierung eine Stelle beim Berg­ und Hüttenmännischen

Verein, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie

hatte. Ohnehin mußten wir größere Räume, nämlich zwei der Wohnzimmer

im Erdgeschoß, Damenzimmer und Salon, für den französischen Offizier

hergeben. Das waren dieselben, die auch zu Beginn des Krieges der

Oberstleutnant v.d.Mölbe hatte. Diesmal sollte es 1925 werden, bis

wir sie wieder selbst bewohnen konnten.

Die Vorbereitungen beider Seiten für die Abstimmung waren schon in

Gang gekommen. Korfanty wurde zum Chef des polnischen

Plebiszitkommissariats mit Sitz in Beuthen ernannt, das deutsche

übernahmen nacheinander die Landräte a.D. Urbanek und Dr. Hans

Lukaschek. Der Kampf zwischen Deutschen und Polen verschärfte sich,

die gegenseitigen Demonstrationen nahmen an Häufigkeit und Hitze zu,

all dies drang immer mehr in unseren Alltag ein. Wie schon erwähnt,

es gab auf beiden Seiten heimlich bewaffnete Gruppen, auf deutscher

gehörten sie zu den Freikorps, die nach der 1918er Revolution sich in

Deutschland gebildet hatten. Auf polnischer Seite waren es Gruppen

von polnischen Oberschlesiern, von Korfantys Plebiszitkommisariat

organisiert, aber auch von Polen infiltrierte Angehörige von

Pilsudskis POW. Diese beiden Gruppen waren nicht immer einer Meinung

(12).

In den deutschen Zeitungen, die wir lasen, stand viel über blutige

Gewalttaten der polnischen Gruppen, mit Verschleppungen und manchmal

tödlichen Mißhandlungen von Einzelnen, die sich für die deutsche

Sache einsetzten. Aber es gab große Gewalttätigkeit auch von der

deutschen Seite, voran diesen Freikorps, wofür sie ja auch anderswo

in Deutschland einen traurigen Ruhm sich erworben hatten. Als wir

Kinder einmal mit unserer Mutter im abseits am Wald gelegenen

"Stauweiher" badeten, war dort eine Gruppe junger Deutscher, die

provokativ ein Lied der "Brigade Ehrhardt" sangen, mit gewalttätigem

antisemitischem Refrain, und der alte Förster mit dem langen

anheimelnden Bart, der den Stauweiher beaufsichtigte, er tat nichts

gegen sie. Man wußte von ihrer Rolle z.B.in Bayern. Ein anderes

deutsches Freikorps, von dem man viel hörte, war die "Orgesch"

(Organisation Escherich). Man sah sie auch in den Straßen.

Das Bild ist aber nicht vollständig, ohne sich auch zu erinnern, daß

sich dies in Oberschlesien ja noch in der Zeit der Nachwehen der

1918er Revolution abspielte. Die oberschlesische Arbeiterschaft

blieb auch in sozialistischer Kampfstimmung. Es gab viele Streiks

und Protestumzüge. Man sah häufig rote Fahnen. Ein großer Teil der

Bergarbeiterschaft war polnisch sprechend, und es gab eine starke

polnische sozialistische Partei, die auf der polnischen Seite im

Abstimmungskampf sehr prominent und mitverantwortlich war, aber in

Arbeitskämpfen mit den deutschen Sozialisten zusammen agierte. Links

von diesen gab es auf deutscher Seite damals noch die Unabhängigen

Sozialisten, die mit den Spartakustendenzen in Deutschland

sympathisierten und daher prosowjetisch waren. Das wurde ein sehr

brennendes Thema im Sommer 1920. Beide Seiten warfen sich vor, einen

Putsch vorzubereiten, um durch ein "fait accompli" die Abhaltung der

Abstimmung hinfällig zu machen.

Zu dieser Zeit war die Ostgrenze Polens noch viel mehr umkämpft als

im Westen, und Polen hatte, nach längeren Verhandlungsphasen, im

April 1920 einen neuen Angriff auf Rußland begonnen, der zunächst zur

polnischen Besetzung von Kiew führte. Aber das Blatt wandte sich,

und im August standen die Russen vor Warschau. Die Existenz des

neuen Polens schien gefährdet.

Was mir für immer von diesen Tagen so lebhaft und schrecklich in

Erinnerung blieb, war der gewalttätige Mord an dem polnischen Arzt Dr.

v.Mielecki, der sich in Kattowitz am 17.August 1920 in nächster Nähe

unseres Hauses abspielte. Die unheimliche Brisanz dieses tragischen

Vorgangs blieb für mich immer der größte Schock all dieser

umstrittenen und blutigen Jahre.

Es war uns Kindern gesagt worden, daß große Demonstrationen, größer

und vielleicht gefährlicher als bisher angesagt waren, und wir

sollten unter keinen Umständen das Haus verlassen. Die Eltern hatten

jeder etwas vor, und wir waren allein mit dem Personal. Das Haus

hatte ein großes, ganz flaches Dach, das gerade ganz neu mit weißem

Kies ausgelegt worden war, und wir hatten dort unerlaubterweise

öfters gespielt, bis es uns ganz streng verboten wurde. Man hörte

nun am Nachmittag schon Unruhe von der Friedrichstraße, und da mußte

man doch schnell aufs Dach. Leute vom elterlichen Haushalt

entdeckten uns dort bald, der Tumult war schon so angewachsen, daß

einige auch mit uns oben blieben, von unten kamen immer laufende

Kommentare, was draußen vor sich ging. Eine tobende Menge hatte sich

vor dem Haus der französischen Kommandantur angesammelt.

Das war schräg gegenüber dem benachbarten Haus, der früheren Villa

Sachs, Ecke Sedan­ und Friedrichstraße. Man hörte Rufe, Schreie,

Singen von Liedern, Schüsse, dann wurde berichtet, man habe den Dr. v.

Mielecki aus seiner Wohnung gegenüber der Kommandantur geholt (13),

er wurde auf der Straße schwer mißhandelt. Dann kam eine Droschke,

es hieß, er werde nun weggefahren, tobende Leute aus der Menge

folgten der Droschke, an unserem Gartenzaun entlang. Dann hieß es,

er sei erschlagen worden. Um unser Haus wurde es langsam ruhiger,

aber vor der Kommandantur dauerte der Aufruhr noch für Stunden. Mein

Vater kam nach Hause, als wir noch auf dem Dach waren und kam auch

dort herauf, ich berichtete ihm sehr aufgeregt, was wir gehört und

zum Teil gesehen hatten. Ich habe ihn nie so erschüttert gesehen, er

war bleich und sprachlos. Er hatte Dr. v.Mielecki gut gekannt, als

Führer der polnischen Stadtverordneten, ein gut angesehener Mann in

Kattowitz. Wir wurden nicht einmal ausgeschimpft, daß wir trotz

aller Verbote wieder auf dem Dach waren und so das alles aus nächster

Nähe hatten miterleben müssen.

Es wurde dann gesagt, daß "Orgeschleute" an dem gewaltsamen Verlauf

der Protestkundgebung und dem Mord an Dr. v.Mielecki schuldig waren.

Die Zusammenhänge waren aber viel komplizierter (14). Es hatte

Berichte gegeben, daß die französischen Besatzungstruppen

Waffenvorräte und sogar Truppen nach Polen abgezweigt hätten, um der

polnischen Regierung in ihrem Kampf gegen die auf Warschau

vorrückenden Russen zu helfen. Arbeiterkreise wurden zum Protest

dagegen mobilisiert, daß die Franzosen die "Neutralität

Oberschlesiens" im polnischen Kampf gegen die Sowjetunion gebrochen

hätten. Zu dieser Kundgebung hatten die Gewerkschaften aufgerufen

als eine Aktion gegen die französische Besatzungsmacht. Die

französische Kommandantur wurde hart bedrängt und mußte sich mit dem

Abzug ihrer Truppen aus dem Gebäude und der Stadt einverstanden

erklären. Es verhandelten darüber die Gewerkschaftsführer. Aber

ganz eindeutige nationalistische Töne hatten die Oberhand gewonnen,

mit bekannten deutschen patriotischen, antifranzösischen Schlagworten

und Liedern in höchster tumulthafter Erregung, was ganz klar zeigte,

daß die Kundgebung, ursprünglich von Sozialisten veranstaltet, von

gewalttätigen rechtsradikalen Elementen unterlaufen worden war.

Im deutschen Reichstag hatte bereits am 27.Juli der Ostexperte der

Deutschnationalen Volkspartei Dr. Hoetzsch erklärt, er persönlich

stehe dem russischen Kriegsziel mit voller Sympathie gegenüber (15).

Proteste gegen die Franzosen als Mitbesetzer und Forderungen, daß sie

abziehen und die Besetzung allein den Engländern und Italienern

überlassen sollten, waren schon früher erhoben worden. Diese

mündeten nun auch in die Demonstration für die "Neutralität"

Oberschlesiens im polnisch­russischen Krieg ein, zu der die

Gewerkschaften für ganz Oberschlesien aufriefen, verbunden mit einem

Generalstreik. Die Schlesische Arbeiterzeitung, das Parteiblatt der

Unabhängigen Sozialdemokraten schreibt am 19.August:

"Die blutigen Zusammenstöße in Kattowitz sind ohne Zweifel auf das

Verhalten deutscher Nationalisten zurückzuführen, die die

proletarische Demonstration gegen den polnischen Eroberungskrieg und

für Räterussland in verbrecherischer Weise benutzen, um ihrem

Chauvinismus Luft zu machen" (16).

Weiter noch ging eine Erklärung des sozialistischen

Reichtstagabgeordneten Breitscheid, der, allerdings "unter lebhaftem

Widerspruch des Grafen Westarp" mitteilte, den Unabhängigen

Sozialisten in Oberschlesien seien von nationalistischen Offizieren

ganze Lastautos mit Waffen angeboten worden, wenn sie gegen die Polen

und die Entente losgehen wollten (17). Die demokratische "Vossische

Zeitung" vom 27.August 1920 schließlich kritisiert die Gewerkschaften,

daß sie auf bloße Verdachtsgründe über französische

Truppenverschiebungen hin, zu der scharfen Waffe des politischen

Generalstreiks griffen, "ohne Fühlungnahme mit der stärksten

deutschen Partei, der Katholischen Volkspartei(Zentrum)" (18).

Auf der polnischen Seite wurde der Krieg gegen die Sowjetunion

hauptsächlich von Pilsudski und seinen Anhängern betrieben, einem

ehemaligen Sozialisten, dessen Regime und Parteiungen damals im

innerpolnischen Leben Polens als links gerichtet angesehen wurden.

Der Aufruf, den das Polnische Plebiszitkommittee nach dem blutigen 17.

August erließ, klagt die preußischen Militaristen an, daß sie

gemeinsam mit den Sozialisten, Nationalen Bolschewisten und

Kommunisten den Plan hatten, sich Oberschlesiens zu bemächtigen (19).

Dieser Aufruf war nicht nur unterschrieben von Korfanty, wir finden

auch den Namen von J.Biniszkiewicz für die Polnische Sozialistische

Partei, Michael Grajek für die polnische Bergarbeitergewerkschaft und

mehrerer anderer polnischer Gewerkschaftsführer. Man sieht also, es

gab auf beiden Seiten Flügel, deren nationalistischer Eifer viel

größer war als ihre vermeintliche Bindung an politische Ideologien.

Während bei Ausbruch der Unruhen am 17.August es schon Gerüchte über

den Fall Warschaus gab, hatte die Wende durch einen erfolgreichen

Gegenangriff Pilsudskis schon begonnen und im Laufe der Woche war

sein "Wunder an der Weichsel" komplett, die Russen waren geschlagen

und die Polen gewannen damals die ihnen von Rußland bestrittenen

Ostprovinzen wieder. In Oberschlesien brach der 2. polnische

Aufstand unmittelbar nach den Unruhen des 17.August aus, verschiedene

Landkreise waren von den polnischen Aufständischen besetzt. Während

in Kattowitz die französischen Truppen hatten abziehen müssen und

erst nach 2 Tagen die interallierten Fahnen auf dem Kreiskommando

wieder aufziehen konnten, fand nun die deutsche Sicherheitspolizei

ihre Position in vielen Teilen des Landes unhaltbar, es wurden

Bürgerwehren in vorwiegend polnischen Orten gebildet.

Schließlich kam es zu Verhandlungen zwischen den beiden

Plebiszitkommissariaten in Beuthen. Von polnischer Seite war es

Korfanty, von der deutschen Sanitätsrat Dr. Bloch aus Beuthen, der

mit Ulitz für die Deutsche Demokratische Partei im Deutschen

Plebiszitausschuß saß. Am 27.August wurde ein Abkommen abgeschlossen,

das den polnischen Aufstand beendete, wogegen die deutsche

Sicherheitspolizei aus Oberschlesien zurückgezogen werden und durch

eine 50/50 deutsch­polnische "Abstimmungspolizei", aus Oberschlesiern

gebildet, ersetzt werden sollte (20).

Das war eine beträchtliche Veränderung auch für unser tägliches Leben.

Die Polizei sollte nun aus zum großen Teil nicht vorgebildeten

Kräften bestehen, das Abkommen sah auch Zusammenarbeit bei Beendigung

politischen Terrors und Waffenzufuhr vor, aber es litt die normale

Verbrechensbekämpfung, und das vertiefte das immer größer werdende

Gefühl um sich greifender Auflösung.

Es bewegte sich nun Alles auf die Abstimmung am 20.März 1921 zu, mit

Kundgebungen, an denen auch Schulklassen teilnahmen, ebenso wie

Adressenschreiben im deutschen Plebiszitkommissariat. Die Leitung

der Abstimmung in Kattowitz hatte eine dreiköpfige Kommission unter

dem französischen "Kreiskontrolleur" mit dem Gewerkschaftssekretär

Josef Rymer, nachmaliger Wojewode, als polnischem und meinem Vater

als von allen deutschen Parteien ernannten deutschen Vertreter. Wir

waren also durch seine Rolle den Vorgängen nahe.

Auch alle in Oberschlesien geborenen aber nicht mehr wohnhaften

Personen sollten am Geburtsort abstimmungsberechtigt sein, und die

ganze Familie kam, die nach Berlin gezogen war, ein unbekannter

Verwandter aus München meldete sich auch. Unser Haus war voll von

Familienbesuch, und das gab dem Abstimmungstag für uns noch ein

besonderes Gepräge.

Es waren auch außerhalb der Familie viele alte Bekannte der Familie

nach Oberschlesien gekommen. Ich erinnere mich, daß ich die Tante

Lucie Hirschel auf einem Spaziergang begleitete. Sie traf eine große

Gruppe von Mitgliedern der Cassirer Familie aus Berlin. Sie waren

auf dem Rückweg von Rybnik, wo sie herkamen und abgestimmt hatten.

Hans Hirschel hatte schon einen Ruf in der Familie als angehender

Literat, und ich bat ihn, ein Gedicht zur Abstimmung zu machen, das

ich dann vortragen wollte. Das kam aber nicht zustande, und was ich

dann vorsang, war von mir, voller Ressentiment gegen Korfanty, und

Tante Ida Benjamin, die jüngste Schwester des Vaters, zum Beispiel

konnte ihren Abscheu gegen diesen jugendlichen Chauvinismus nicht

verbergen. Die Benjamins und Paul Grünfelds waren nur den Tag über

da, waren die Nacht über gefahren und fuhren abends wieder nach

Berlin zurück, andere Verwandte blieben etwas länger. Aber in der

Atmosphäre der Abstimmung war das keine Zeit, ein schönes Wiedersehen

mit der Familie zu feiern.

Die Abstimmung und auch die Tage und ersten Wochen danach verliefen

ruhig. In der Stadt Kattowitz selbst hatten 85% für Verbleib bei

Deutschland gestimmt, im Landkreis 55% für Polen, beide

zusammengerechnet ergab 51.7% für Deutschland, aber die benachbarten

Kreise Pleß und Rybnik hatten, abgesehen von den ja kleineren Städten

viel größere Mehrheiten für Polen, während Stadt­und Landkreis

Beuthen zusammen gerade 50.3% für Deutschland entschieden. Das

oberschlesische Gesamtergebnis war 59.6% für Deutschland. Laut dem

Versailler Vertrag (21) sollte für "die als Grenze Deutschlands in

Oberschlesien anzunehmende Linie....sowohl der von den Einwohnern

ausgedrückte Wunsch, wie auch die geographische und wirtschaftliche

Lage der Ortschaften Berücksichtigung" finden. Die Alliierten Mächte,

durch ihre Botschafterkonferenz, sollten darüber befinden.

Die Abstimmungsergebnisse gaben ein sehr komplexes Bild, der

polnische Stimmenanteil, besonders in den südlichen Gebieten, war

sehr viel höher als die deutsche Seite erwartet hatte (22). Alles

deutete nun darauf hin, das es zu einer Teilung Oberschlesiens kommen

würde. Von deutscher Seite wurden aus Oberschlesien im April

Delegationen nach England, Frankreich und Italien gesandt, "um

einflußreiche politische Kreise zuverlässig zu unterrichten" (23).

Mein Vater gehörte der vierköpfigen Delegation nach Italien an. Sie

bestand außerdem aus Pfarrer Ulitzka aus Ratibor,

Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei, in der er

später sehr prominent wurde, dem Generaldirektor Pistorius der

Fürstlich Plessischen Bergwerksdirektion Kattowitz, wo er auch

stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher gewesen war, und dem

sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär Franz. Warum der Vater in

den aufgeregten Zeiten nach der Abstimmung wegfuhr, wurde uns

natürlich ausführlich erklärt, und so erinnere ich mich auch, daß er

eine Einführung an den Chef der Banca Commerciale in Milan, Toeplitz,

hatte, der damals ziemlich bekannt war. Als Vertreter der Deutschen

Demokratischen Partei war Vater wohl allgemein für Kontakte mit den

damals einflußreichen "laizistischen" Parteien zuständig, er war ja

auch Freimaurer.

So kam es denn auch, daß unser Vater nicht da war, als am 3.Mai der

große 3.polnische Aufstand ausbrach. Das wurde nun für unsere Jugend

eine weitere Bekanntschaft mit Gewalt, Gefahr und der Ungewißheit,

was die nächste Stunde, geschweige denn die weitere Zukunft bringen

würde. Die Umgebung der Stadt war sofort in den Händen der

Aufständischen, als wir am 3.Mai aufwachten. Der Chauffeur, mit dem

deutschen Namen Adler, der bei uns im Haus wohnte, war fort mit dem

Hausschlüssel, es stellte sich heraus, daß er sich den Aufständischen

angeschlossen hatte. Draußen in Karbowa waren auch die

Aufständischen, ein guter Geist für die Familie, der Portier des

Werks Theodor Walla, hielt die Verbindung aufrecht; manchmal bekamen

wir Gemüse, aber sein ältester Sohn Heinrich hatte sich auch den

Aufständischen angeschlossen. Das war eben Oberschlesien.

Der Aufstand war gut organisiert und vorbereitet mit Hilfe und

starkem Zuzug von der POW aus Polen, aber der Stamm der

Aufständischen waren eben polnische Oberschlesier. Es ging

rücksichtslos und zum Teil grausam zu. Die Stadt war wie belagert,

aber es bestand hier und in anderen Städten eine Art modus vivendi

der Aufständischen mit den alliierten Besatzungstruppen, daß die

Städte selber nicht angegriffen oder von den Aufständischen besetzt

werden sollten.

Aber bei uns war dieser Ring sehr eng, und es wurde viel und auch in

die Stadt hineingeschossen, vor allem nachts. Unser großer Garten

hinter dem Haus grenzte an die Rawa; dahinter waren Bruchfelder, eine

Art Niemandsland, auf der anderen Seit gehörte die Ferdinandgrube

schon den Aufständischen. Auch von dort wurde manchmal geschossen.

Zuerst durften wir überhaupt nicht mehr in den Garten, dann zeitweise,

aber wenn man anfing, Schüsse zu hören, mußten wir sofort ins Haus.

Aber man weiß ja, wie das ist. Wenn die Risiken über eine Zeit

andauern, dann wird man abgestumpft und fängt an, sie leichter zu

nehmen. Schlimm war, daß nachdem nachts ganz systematisch für einige

Zeit geschossen wurde, man am nächsten Tag las, daß Kinder in ihren

Betten erschossen worden waren, auch von derselben Seite her, auf die

unser Garten ging.

Wir hatten ja noch immer französische Einquartierung und zwar seit

einiger Zeit den französischen Platzkommandanten Colonel Ardisson,

der auch noch seine Frau und zeitweise den erwachsenen Sohn und die

Tochter hatte nachkommen lassen. Der Herr v. Brunn war schon

ausgezogen, und so hatten wir Platz genug. Natürlich empfand man die

französische Besatzung als einen gewissen Schutz, aber man wußte doch

nie, was der nächste Tag bringen konnte. Von der Ferdinandgrube war

es kaum mehr als fünf Minuten zu Fuß und einen Sprung über die kleine

Rawa bis zu unserem Garten, und überhaupt wer wußte, wie lange der

Waffenstillstand über Nichtbesetzung der Städte anhalten würde.

Im Industriegebiet waren die Landkreise alle in den Händen der

Aufständischen. Eisenbahn­ und Straßenverkehr waren praktisch

lahmgelegt, die Aufständischen bildeten ad hoc Verwaltungen dafür,

auch ein interalliierter Zug, der täglich von Kattowitz nach Oppeln

und zurück ging, konnte nur mit ihrer Erlaubnis benutzt werden.

Unser Vater war unterdessen von Italien wieder nach Breslau und auch

bis Oppeln gekommen, durfte aber nicht nach Hause kommen. Nach

einiger Zeit konnte er aber für uns eine Genehmigung "zur Ausreise"

arrangieren, und so fuhren Mutter, wir drei Kinder und Else Jeppesen

mit dem interalliierten Zug nach Oppeln.

Diese Reise war natürlich eine ziemliche Aufregung. Man wußte von

Einigen, die sie gemacht hatten, aber erst kurz vorher war zum

Beispiel der Pastor Voss von den Aufständischen aus dem Zug geholt,

allerdings dann nach einem Verhör wieder freigelassen worden. Bei

uns aber ging es ohne Zwischenfall. Wir wurden dann nach einem

Besuch in Breslau im Riesengebirge in Krummhübel für die nächsten

Monate "parkiert", aber Vater war vorwiegend in Breslau und Oppeln.

Natürlich war es sehr schön so lange im Riesengebirge zu sein, wir

hatten es schon im Vorjahr bei einem kürzeren Ferienaufenthalt in

Brückenberg kennengelernt, aber diesmal war doch alles von so großer

Unsicherheit über die Zukunft umwittert. Die Verwandtschaft in

Berlin plädierte stark mit Vater, daß er den Familienbesitz in

Kattowitz verkaufen und nach Deutschland ziehen sollte. Onkel Felix

Benjamin war im Aufsichtsrat der Lübecker Hütte, an der Rawack &

Grünfeld damals maßgeblich beteiligt waren, und schlug vor, daß Vater

die Leitung von deren Zementfabrik übernehmen sollte und wir nach

Lübeck übersiedeln würden.

Bei all dem blieb aber doch im Vordergrund die Sorge, wie es wohl zu

Hause aussieht. Man hörte und konnte sich vorstellen, die Not und

Versorgungsknappheit in der "belagerten aber nicht angegriffenen

Festung Kattowitz" war ganz schlimm geworden. Es wurde ein besonders

heißer und trockener Sommer, und rund um die Stadt brachen große,

verheerende Waldbrände aus. Als wir nach Beendigung des Aufstandes

im Juli zurückkehrten, war das Bild der Umgebung südlich nach Pleß

hin zunächst vollkommen verändert und trug noch weiter bei zu der

Trostlosigkeit der Situation und Stimmung.

Der 3.polnische Aufstand hatte zu einem Wiedereinmarsch der deutschen

Freikorps nach Oberschlesien geführt, die nach dem 2.Aufstand sich

samt ihren Waffen hatten zurückziehen müssen. In einer Kampfhandlung

am Annaberg am 21.Mai wurde ein Sieg über Kräfte der Aufständischen

errungen, und auf deutscher Seite sah man das als die Wende an, die

schließlich zur Beendigung des polnischen Aufstands, offiziell am 1.

Juli, führte. Die Vorgänge gelten aber als zu kompliziert für solche

Beurteilung (24). Die Engländer wandten sich gegen die polnischen

Versuche, durch den Aufstand die für das weitere Schicksal

Oberschlesiens ausstehende Entscheidung der Alliierten

Botschafterkonferenz in Paris zugunsten Polens zu forcieren, und

drohten, englische Truppen zur Unterstützung der

französisch/italienischen Besatzungen zu senden.

Zu Hause war das Leben wieder mehr im gewohnten Gleis, aber die

Unsicherheit über die bevorstehende Entscheidung der alliierten

Botschafterkonferenz über Oberschlesien beherrschte die Stimmung.

Unsere "Hausbesatzung", der Colonel Ardisson schien wieder in

Kontrolle der Stadt als Platzkommandant, seine Familie war nach

Frankreich zurückgekehrt. So hatten wir wenigstens wieder Verfügung

über das Gastzimmer im oberen Stock.

Rückblicke · 第 4 / 27 段