viele Leute, der Oberbürgermeister Pohlmann hielt eine Rede, ich
konnte schon soweit zählen, daß ich feststellte, der Frühstückstisch
für den Empfang nach der Gratulationskur war für 50 Personen gedeckt.
Für uns Kinder warf der Tag schon vorher seine Schatten voraus: Rosa
Speier hatte ein langes Gedicht gemacht, für uns drei Kinder mit
verteilten Rollen aufzuführen, auch Marianne, noch nicht ganz drei
Jahre, hatte etwas zu sagen. Das ging weit über die kleinen Gedichte
heraus, die man bisher bei Geburtstagen usw. aufzusagen hatte. Wir
waren uns also der Bedeutung des Tages schon vorher wohl bewußt.
Ich erinnere mich auch, daß Frau Speier um diese Zeit ein Gedicht für
einen der öffentlichen Appelle geschrieben hatte, gebt Gold für Eisen
oder so etwas ähnliches. Es war uns schon zu Hause gezeigt worden,
und ich war begeistert. Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter es
auch war. Dann wurde es an alle Schulklassen verteilt, ich war
wieder begeistert, aber unser Lehrer hängte es auf die Innenseite des
Schulschranks. So mußte man immer zum Schulschrank gehen und die Tür
aufmachen, wenn man das Gedicht sehen und sich patriotisch ermahnen
lassen wollte. Ich fand das schon damals als Kind etwas merkwürdig
und enttäuschend und natürlich unbequem aber war ganz arglos. Heute
frage ich mich, hatte der Lehrer etwas dagegen aus pädagogischen
Gründen, daß man so etwas in eine Vorschulklasse hängt, oder war ihm
der Kriegspatriotismus allgemein schon zu viel geworden, fand er das
Gedicht schlecht, konnte er die Frau Speier nicht leiden, oder, und
das fällt mir eigentlich erst heute ein, war es vielleicht einfacher
Antisemitismus? Ich wußte damals noch nicht, wie kompliziert das
Leben sein kann.
Die jüdischen Freunde der Eltern Dr. Speiers und Koenigsfeld machten
von jüdischer Religion eher noch weniger Gebrauch als mein Vater. Dr.
Ehrenfried zum Beispiel ging nur alle paar Jahre am KolNidre Abend
in die Synagoge, er ging ja ganz auf in seinen musikalischen
Interessen und der Präsidentschaft des Meisterschen Gesangvereins,
und so hatte er einen gesellschaftlichen Kreis, in dem kaum nach
Religion oder Herkunft gefragt wurde. Aber er war ein sehr bewußter
Jude, hatte der jüdischen Studentenverbindung KC angehört und blieb
ihr aktiv verbunden. Mein Vater war auch ein bewußter Jude, aber er
war gegen betonte jüdische Absonderung. Die beiden Brüder Lubowski
waren getauft, die Frauen nichtjüdisch. Frau Else Lubowski, Frau des
Augenarztes, Tochter eines Oberstleutnant Knecht, der aus dem Elsaß
stammte, ihre Mutter aus der Schweiz. Der Sohn KarlHeinz wurde
damals unter unseren Spielgefährten mein nächster Freund. Nur in
puncto Religion zogen wir in verschiedene Richtungen. Seine Mutter
gehörte auch zum Vorstand der Evangelischen Kirchengemeinde, später
sogar auch sein Vater Pastor Voss, ein enger Freund der Familie.
KarlHeinz wollte als Junge immer Pastor werden, bei uns im Garten
war ein großes Schaukelgestell, da stellte er sich manchmal eine
Leiter auf und wollte zu uns predigen, während ich im Herbst immer
wollte, daß wir alle eine Laubhütte in unserem Garten zum jüdischen
Laubhüttenfest bauen sollten.
Im Sommer 1916 fuhren wir mit Mutter auf Sommerferien nach
Heringsdorf, blieben unterwegs in Berlin und trafen alle
Verwandtschaft dort, wohnten aber in Hotels. Diese und die enorme
Stadt machten noch einen größeren Eindruck als Breslau. Die Ferien
an der See waren eine ganz andere Welt, es war wunderbar und
erfrischend, man traf auch ganz andere Kinder, viele waren aus Berlin,
es war schwierig mit ihnen fertig zu werden. Als weitere
Horizontbereicherung: in einem Hotel, dem sehr eleganten Hotel
Monopol, hatten wir auch einmal in Breslau gewohnt, als wir mit
beiden Eltern hinfuhren. Der Vater hatte Sitzungen, es gab eine
Eröffnungsfeier mit Paraden und später als ich mehr wußte über solche
Sachen, erfuhr ich, daß das damals eine Eröffnungssitzung des
Schlesischen Provinziallandtags war, in dem mein Vater die Stadt
Kattowitz vertrat und dem auch mein Großvater Max Oettinger als einer
von vier Vertretern der Stadt Breslau angehörte.
1917 kam ein neues Kinderfräulein, Else Jeppesen. Vorher hatten wir
einen richtigen Gouvernantentyp, diese aber kam aus dem Pestalozzi
Froebel Haus, von Margot Epstein arrangiert. Sie hatte in dem
Reber'schen Frauenchor mitgesungen, den Margot Epstein in Berlin
leitete. Eigentlich hätte ich ja kein Kinderfräulein mehr haben
sollen, aber die Schwestern waren jünger. Irgendwie gab es mit ihr
einen frischeren Ton. Sie war nach Pestalozzi Froebel Art sehr gut
und darauf aus, uns Handfertigkeit beizubringen. Alle Freunde, die
im Sommer zum Spielen und Tennis kamen, mußten mit uns im Herbst und
Winter Laubsägearbeiten, Klebereien usw. machen, ganze Dörfer und
Tierparks wurden angesammelt und zu Weihnachten wurde alles armen
Kindern geschenkt.
Meine Mutter war damals Betreuerin von zwei städtischen Kinderhorten.
Ich weiß nicht mehr, ob das mit Vaters Stellung in der
Stadtverwaltung zu tun hatte oder mehr mit Mutters Rolle im
Vaterländischen Frauenverein. Wir gingen öfters mit ihr hin, die
Hortleiterinnen kamen oft zu uns ins Haus, und zu Weihnachten gingen
Alles was wir laubgesägt oder anderweitig fabriziert hatten zu den
Einbescherungen der Kinder in diese beiden Horte.
Weihnachten mit Else Jeppesen wurde noch viel perfekter gefeiert, mit
Singen und Vorspielen, es war ja auch herzerwärmend und hatte
wirkliche Schönheit. Wir waren ja auch gar nicht die einzige
jüdische Familie, die sich diesem Zauber nicht versagte. Das Jahr
1917 stand aber auch zusehends im Zeichen der Lebensmittel und
anderer Verknappung: Es gab viel Erdrüben, bei uns Klacken genannt,
das Brot wurde dunkel und kleiig, Fleisch, Butter und Eier selten,
wir gingen in Holzpantoffeln. Dann gab es auch die ersten
Lebensmittelunruhen, die ersten Ausschreitungen für mich überhaupt,
und ich habe ja dann in späteren Jahren noch so oft unruhige, tobende
Mengen miterleben müssen.
Diesmal kam es zweifach sehr nahe. Bei uns hörte man von der
Friedrichstraße die lauten Demonstrationen, und morgens waren uns
gegenüber die Läden geplündert, die meisten Scheiben zerschlagen. Es
gab auch antijüdische Untertöne, wurde uns gesagt. Diese 1917er
Unruhen waren nicht auf Oberschlesien beschränkt. Es gab auch
anderswo antijüdische Beitöne. Ich erinnerte mich aber an das, was
ich eher für besonderen Umstände in unserer nächsten Nachbarschaft
hielt. Trotz der Nähe Galiziens und Kongreßpolens waren eigentlich
Ostjuden in ihrer traditionellen Kleidung nicht so häufige
Erscheinungen im Kattowitzer Stadtbild gewesen. Im Verlauf des
Krieges kam das bisherige RussischPolen unter deutsche Besetzung,
die Grenze war leichter geworden. Im letzten Haus auf unserer
Schulstraße hatten sich einige ostjüdischen Familien eingemietet,
Geschäftsleute, die auch viel Besuch von Familie und
Geschäftsfreunden aus dem galizischen Auschwitz oder dem
kongreßpolnischen Bendzin hatten. Das hatte sich erst seit ganz
kurzer Zeit so entwickelt. Ich erinnere mich, diese armen Leute
wurden um die Zeit der Unruhen belästigt und waren ein Thema. Es
wurde aber auch erwähnt, daß es Ausrufe von Demonstranten einfach
gegen Juden gegeben hatte.
Ich bin mir nicht bewußt, daß diese Unruhen etwas mit polnischer
nationaler Agitation zu tun hatten, sie wurden als Arbeiterunruhen
beschrieben. Es gab natürlich auch, wie es einem bald klar werden
sollte, eine starke polnische sozialistische Bewegung. Daß es zu
Unruhen kam, war nicht verwunderlich, Elend, Knappheiten und
Gesundheitslage waren entsetzlich geworden, die Stimmung schlug um.
Ich las damals auch schon Zeitungen, und es wurde über alles, was den
Krieg und Politik betraf, viel gesprochen. So wußte ich über die
Russische Niederlage und Revolution, den Eintritt der Amerikaner in
den Krieg und die Debatten in Deutschland über die Stellungnahme zu
Friedensinitiativen. Eine Zeit lang hatte das Oberkommando der
deutschen Armee mit dem Kaiser und Generalstab seinen Sitz im
oberschlesischen Pleß beim Fürsten von Pleß. Der fatale deutsche
Beschluß zur Erklärung des "unbeschränkten UBootkrieges", auf den
Amerikas Eintritt in den Krieg folgte, wurde am 8.Januar 1917 in Pleß
gefaßt (2).
Die Büros des Generalstabs waren teilweise in Kattowitz im Gebäude
der Fürstlich Pleßschen Bergwerksdirektion. Als Einquartierung
hatten wir damals Offiziere des Generalstabs. Sie kamen nicht oft
zum Essen, engeren Kontakt hatten die Eltern dann mit dem letzten
deutschen Offizier, der bei uns einquartiert war, ein Major v.Brunn.
Viel hörte ich immer über die politische Lage, wenn die Freunde der
Eltern zu Besuch kamen. Der Vater war aktiver Anhänger der
Freisinnigen Volkspartei. Außer der damals eher rechtsstehenden oder
nationalliberalen Kattowitzer Zeitung abonnierten die Eltern die
freisinnige Breslauer Zeitung und das Berliner Tageblatt. Dr. Speier
und die Brüder Lubowski standen weit mehr rechts, und es gab heftige
Debatten, in denen mein freisinniger Vater oft ganz isoliert schien,
aber zu meiner Begeisterung heftigst argumentierte. Bis weit in die
frühen Tage der Weimarer Republik haben mich diese Debatten zu Hause
immer sehr interessiert.
Zu Ostern 1918 kam ich dann in das Humanistische Gymnasium und bin
noch heute dafür dankbar. Ich hatte mich bald für Latein erwärmt.
Der Gymnasialdirektor war Geheimrat Hoffmann, ein ganz alter Herr und
immer noch im Amt, der auch in Vertretung einige Lateinstunden in
meiner Klasse gab (3).
Ich hatte damals schon ein lebhaftes Interesse nicht nur für die
politischen Vorgänge um uns herum, sondern auch für alles
Geschichtliche. So bekam ich schon mit neun Jahren eine zweibändige
"Deutsche Geschichte" (Otto) geschenkt, ich wurde überhaupt ein
eifriger Leser von Büchern. Beide Eltern waren es und hatten jeder
eine große Bibliothek. Es gab da nicht nur die ledergebundenen
vollzähligen deutschen Klassiker und Romantiker, in Übersetzungen
auch französische und die meiner Mutter besonders nahe russische und
skandinavische Literatur, die ja alle im frühen 20. Jahrhundert im
deutschen Kulturleben großen Nachhall hatten. Natürlich waren da
auch damals moderne Deutsche Schriftsteller, auch viel Geschichte,
Kunst und andere "Sachbücher". Das wurde für mich bald eine
wunderbare Fundgrube. Die Mutter war immer mit Anregungen bereit,
was ich als Nächstes lesen könnte.
Im Herbst 1918 nahm sie mich auf einen Spaziergang in den Südpark und
fing an, über die Lage des Kriegs zu sprechen. Sie sagte mir in so
vielen Worten, daß Deutschland den Krieg verloren hat und es zu einer
Revolution kommen würde. Ich war wie versteinert. Das hatte ich
nicht gewußt. Es war ja immer wieder, noch im August 1918, von neuen
Offensiven und Schlachten die Rede. Vater hatte zwar schon lange
keine der patriotischen Reden gehalten, aber daß es so kam, war kaum
vorstellbar. Meine Mutter erklärte mir, daß das schon einige Zeit
vorauszusehen war, und sie daher für die Einstellung der
Sozialdemokraten zum Krieg schon lange die meiste Sympathie gehabt
hätte. Die Unterhaltung war eine notwendige und heilsame
Vorbereitung für mich auf die turbulenten Ereignisse, die nach
einigen Wochen einsetzten mit dem deutschen militärischen
Zusammenbruch und der Revolution. Sie ließen lange Gesichter, große
Ängste vor unbekannten Untiefen. Für Oberschlesien hieß das
Kriegsende auch, daß das deutschpolnische Problem nun weit aufbrach
und im Laufe der Jahre darum immer wieder viel Blut fließen würde.
Natürlich hatten wir auch die innenpolitischen Unsicherheiten,
Unruhen von den extrem Linken, Zeichen von Umtrieben
rechtsgerichteter Freischärler und die Inflation, aber der
deutschpolnische Konflikt, die Besatzung durch interalliierte
Truppen und dann die Teilung Oberschlesiens wurden bei uns die
dominierenden Ereignisse.
Zunächst gab es auch hier die ersten Konsolidierungserscheinungen der
Weimarer Republik. Es gab Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung,
auch zum preußischen Landtag und zur Stadtverordnetenversammlung.
Der Oberbürgermeister Pohlmann ging als Abgeordneter der neuen
Deutschen Demokratischen Partei, der Nachfolgerin der Freisinnigen
Volkspartei, in die Weimarer Nationalversammlung, mein Vater als
deren Spitzenkandidat und dann Fraktionsführer ins neue
Stadtparlament. Für dieses gab es einen lebhaften Wahlkampf. Nach
der Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts war die
Zusammensetzung des Stadtparlaments ganz anders geworden. Die
katholische Zentrumspartei stellte als stärkste Fraktion den Arzt Dr.
Max Reichel als Stadtverordnetenvorsteher. Wegen der langjährigen
Amtszeit, Erfahrung und das Prestiges meines Vaters nannte sich Dr.
Reichel manchmal scherzhaft den Stadtverordnetennachsteher. Es gab
nun auch eine polnische Fraktion im Stadtparlament, geführt von dem
Frauenarzt Dr. v.Mielecki.
Ich habe ja schon bemerkt, daß einem als in der Stadt Kattowitz
lebenden Jungen bis 1918 die einschneidende politische Bedeutung der
polnischen Frage für Oberschlesien gar nicht so bewußt geworden war
(4). Oberschlesien hatte ja schon lange nicht mehr zu dem
unabhängigen polnischen Staat gehört, dessen Teilung und Verlust der
Unabhängigkeit bei der Bevölkerung der entstandenen Teilgebiete einen
starken Widerstandswillen und Sehnsucht nach Wiederherstellung ihres
unabhängigen Polens wach hielten.
So hatten sich auch die verschiedenen polnischen Aufstände des
früheren 19.Jahrhunderts nicht auf Oberschlesien ausgedehnt. In
Oberschlesien vertrat die katholische Zentrumspartei lange auch die
Interessen der polnisch sprechenden Bevölkerung, aber es bildeten
sich polnische Vereine und Genossenschaften, bis 1903 zum ersten mal
Wojciech Korfanty als ein polnischer Abgeordneter in den Reichstag
gewählt und 1907 von weiteren gefolgt wurde. Nach dem Eintritt der
USA in den 1. Weltkrieg wurden die 14 Punkte ihres Präsidenten Wilson
offizielle Friedensziele der Alliierten, Punkt 13 sah die
Wiederherstellung eines unabhängigen Polens vor (6). Für
Oberschlesien stellte sich der "Kleindruck" als das Wichtigste heraus.
Es waren nicht mehr die historischen Grenzen vor Polens Teilungen
gemeint, sondern alle "von einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung
bewohnten Gebiete".
Damit war nun auch Oberschlesien, obwohl es nicht ein Teilungsgebiet
war, deutlich anvisiert. Nachdem wir in Kattowitz zunächst im
November die Aufregungen und Veränderungen der deutschen Revolution
von 1918 mitmachten, wurde es langsam klar, daß die
Friedensbedingungen, mit denen Deutschland konfrontiert war und für
die noch das kaiserliche Kabinett des Prinzen Max von Baden Anfang
Oktober die 14 Punkte Wilsons als Basis hatte annehmen müssen (7),
ganz ernstlich die Einverleibung Oberschlesiens in den neuerstehenden
polnischen Staat einschlossen. Es entwickelte sich bald eine
lebhafte gegenseitige Propaganda mit Demonstrationszügen und
Protestkundgebungen, an denen auch die Schuljugend beteiligt wurde.
Vor Wohnungen oder Geschäften von polnischen Führern wurde
demonstriert, die, wie gesagt, oft aus Posen stammten und bis dahin
garnicht so bekannt waren, aber die Gemüter wurden weitgehend
beherrscht von dem Namen Korfantys.
Der war ja nun wirklich ein Oberschlesier. In meiner Familie war er
nicht unbekannt. Als Gymnasiast hatte er dem jüngsten Bruder meines
Vaters, Paul, Nachhilfestunden gegeben. Die Familie Grünfeld stand
damit nicht allein. Ruth Storm, Tochter des Verlegers und
Buchhändlers Carl Siwinna, Herausgeber der Kattowitzer Zeitung,
berichtet (in ihrem Buch "..und wurden nicht gefragt" S.50), daß der
Pfarrer sich bei ihrer katholischen Großmutter für den intelligenten,
aber armen Jungen Korfanty eingesetzt hatte, und er den Geschwistern
ihres Vaters Nachhilfestunden gab. Im Reichstag wurde er bald
prominent unter den polnischen Abgeordneten. Nach dem Zusammenbruch
im November 1918 kam es in Posen gleich zur Bildung eines polnischen
Volksrats. Korfanty gehörte zu seiner Leitung, profilierte sich also
schon damals über seine oberschlesische Stellung hinaus auf der
gesamtpolnischen Szene.
Der Friedensvertrag von Versailles sah ebenso wie für einen Teil
Westpreußens vor allem für Oberschlesien eine Volksabstimmung vor (9).
In Vorbereitung und während der Abstimmung sollte Oberschlesien von
deutschen Truppen geräumt und von alliierten Truppen besetzt werden.
Der Versailler Vertrag vom 28.Juni 1919 trat aber erst nach seiner
Ratifizierung am 10.Januar 1920 in Kraft und die Besetzung
Oberschlesiens durch alliierte Truppen erfolgte Ende Januar 1920.
Inzwischen hatte es im August 1919 einen polnischen Versuch gegeben,
mit dem 1.polnischen Aufstand ein "fait accompli" zu schaffen und die
Abhaltung einer Abstimmung in Oberschlesien hinfällig zu machen. Er
dauerte nur wenige Tage und wurde von den Deutschen niedergeschlagen.
Zu dieser Zeit gab es bereits Gruppen von Freikorps beider Seiten,
die in die Kämpfe verwickelt waren und von nun an bis zur
Durchführung der späteren Teilung Oberschlesiens nicht mehr von der
Szene verschwinden sollten. Dieser erste polnische Aufstand war doch
ein blutiger Zwischenfall und erregte auch nachträglich Beunruhigung
und Bedrücktheit. Es kamen dann noch die Kommunalwahlen vom 28.
November 1919, die starken Zuwachs polnischer Stimmen zeigten (10).
In der Deutschen Demokratischen Partei wurde Otto Ulitz, anfänglich
noch in seiner Uniform des Polizeikommissars, sehr aktiv und ein
häufiger Besucher meines Vaters und Begleiter an
Wochenendspaziergängen, zu denen ich ja oft mitgenommen wurde. Er
wurde dann zu einer Schlüsselfigur bei den deutschen Vorbereitungen
für die Abstimmung. Ich nahm regen Anteil an all diesem Geschehen,
und das taten auch alle in der Schule.
Meine Klasse war wie alle in diesem Gymnasium gut gemischt. Die
meisten waren aus oberschlesischen Familien, viele auch Söhne von
preußischen Beamten, Leuten aus der Industrie und Wirtschaft oder
auch freien Berufen, die aus anderen Teilen Deutschlands gekommen
waren. Katholiken waren in der Überzahl, ebenso gab es einen
verhältnismäßig hohen Anteil von Protestanten und einige jüdische
Mitschüler. Religionsunterricht hatten wir nun bei dem Rabbiner Dr.
de Haas, und es interessierte mich immer noch sehr. KarlHeinz
Lubowski blieb ein guter Freund, trotzdem er ein Jahr früher ins
Gymnasium gekommen war und immer eine Klasse über mir blieb. Er
hatte dort einen sehr aufgeweckten und anregenden Kreis und ich war
diesem dann im Laufe der Jahre eher näher als meiner eigenen Klasse,
und das traf auch für die jüdischen Mitschüler zu.
Wir waren dann bald in einem Alter, wo wir etwas von dem kulturellen
Leben in Kattowitz mitbekommen konnten. Das moderne Stadttheater am
Ring, das die Stadtväter Anfang des Jahrhunderts erbaut hatten,
präsentierte sich als ein Wahrzeichen der so schnell aufgewachsenen
Stadt, die ja nicht reich an repräsentativen Bauten war. Freunde der
Eltern, wie Dr. Speiers und das Ehepaar Pohlmann waren auch mit
Direktor LischkaRaul und anderen im Theater befreundet. Meine
Eltern allerdings interessierten sich mehr für Besuch der
Vorstellungen als hinter den Kulissen. Wir Kinder hörten doch schon
darüber, was im Theater gerade gespielt wurde, manchmal durften wir
auch hin. Zu den Volks und Wanderliedern, die schon lange die
Kinderlieder abgelöst hatten, kamen nun auch Operetten und andere
Schlager, die populär wurden. Bei der Operette war auch Mizzi Will,
die Tanzstunden für Kinder unseres Alters veranstalten wollte. Das
sollte sich abwechselnd in verschiedenen Häusern abspielen, und es
gehörten zu dem Kreis, der sich fand, auch Kinder aus einigen
jüdischen Familien. Es war ganz spaßig, richtige Salontänze für ganz
jugendliche Paare.
Ein Mädchen, das teilnahm, aber mit der wir dann kaum Kontakt
behielten, war Lotte Altmann, in deren Haus wir auch waren. Ihre
Mutter war aus der Familie des orthodoxen Frankfurter Rabbiners
Samson Raphael Hirsch, Gründers der religiös sehr orthodoxen, aber
sonst für Assimilation stehenden Gruppe des deutschen Judentums, die
sich "Austrittsgemeinde" nannte. Es gab manche Familien in
Oberschlesien, die sich zu dieser Gruppe rechneten, und die große
Familie Altmann war prominent unter ihnen. Ich erinnere mich an den
Senior der Kattowitzer Familie, Leopold Altmann, der nach Vaters 50.
Geburtstag zu ihm kam, um ihm zu gratulieren. Er war viel älter als
mein Vater, war nicht zum Empfang und Frühstück gekommen. Es bestand
eine deutliche Distanz in der privaten Sphäre zwischen diesen
orthodoxen Familien und denen, die wie meine Eltern jüdischen
Gebräuchen fernstanden, aber es gab gegenseitigen Respekt und eine
gemeinsame Gemeinde. Die Eltern der Lotte Altmann zogen bald weg von
Kattowitz nach Frankfurt. Ich erinnere mich an sie als ein damals
sehr ernstes und stilles Mädchen und habe sie hier erwähnt, weil sie
in ihren späteren Jahren bekannt wurde als Sekretärin des
österreichischen Dichters Stefan Zweig, mit dem sie, dann mit ihm
verheiratet, im 2.Weltkrieg in Brasilien aus dem Leben schied.
Das anziehende und lebhafte kulturelle Klima von Kattowitz ist oft
gerühmt worden, man nannte es manchmal KleinParis. Aus einer
rückblickenden Betrachtung Arnold Zweigs, der zwar in Glogau geboren
wurde, aber in Kattowitz aufwuchs, möchte ich hier zitieren (11). Er
rühmt erst die "freiheitlichen Deutschen", die seine Lehrer an der
Oberrealschule waren einschließlich des Direktors Hacks. Dazu möchte
ich erwähnen, daß diese Schule städtisch war und ihr Direktor Hacks
1908 Vorgänger meines Vaters im Amt des Stadtverordnetenvorstehers.
Arnold Zweig fährt dann fort:
"das wirkliche Leben vollzog sich im Kreise von Jugendfreunden und
freundinnen; von den ersteren sind einige bekannt geworden: der
Maler Ludwig Meidner, der Dichter Arnold Ulitz, der bei Langemarck
verschollene Philologe Rudolf Clemens. Ich nenne diese Namen, um
einen geringen Hauch des geistigen und musikalischen Lebens jener
Stadt Kattowitz anzudeuten, die in Professor Oskar Meister und seinen
Nachfolgern Organisatoren eines echten Musiklebens besaß und einen
wirklichen Kritiker von Geschmack, Urteil und Können fand in dem
Geiger und Weinhändler Paul Rappaport, Freund vieler Musiker, Kenner
moderner Literaturen...".
Es gab noch einige andere Namen von jungen Leuten jener Zeit, die
später bekannt wurden, so der katholische Philosoph Pater Erich
Przywara. Es gab in Kattowitz den Buchhändler Georg Hirsch, dem
nachgesagt wurde, daß er diesen Kreis heranwachsender Schüler sehr
angeregt und gefördert habe. Seine Buchhandlung spielte auch in
meinen Zeiten, ja bis in die späten 30er Jahre eine Rolle. Meine
Eltern waren eifrige Käufer von Büchern und Kunden von Georg Hirsch.
Unter anderem hatte er auch die Auslieferung der "Fackel" von Karl
Kraus, die mir aber fremder blieb als zum Beispiel die "Weltbühne".
Der Meistersche Gesangverein spielte in unserem Leben weiter eine
große Rolle. Meine Mutter hatte eine schöne Altstimme, nahm auch
weiter Gesangstunden, ihr Mitsingen im Meisterschen Gesangverein hieß,
daß sie zweimal in der Woche abends zu Proben ging, später auch
meine Schwester Lotte. In Konzerte durften wir schon früh gehen,
nicht nur die Chorkonzerte, es kamen auch Solisten, Quartette und
Orchester, und mit der Zeit lernte man die meisten damals im
deutschen Konzertleben bedeutenden Künstler kennen. Der von Arnold
Zweig erwähnte Musikkritiker Rappaport war besonders mit dem
Violinisten Josef Joachim befreundet gewesen. Seine Tochter Hannah
Rappaport nahm auch an unserer Tanzstunde für Halbwüchsige teil, und
mit ihr und ihrem Mann war ich dann in späteren Jahren sehr
befreundet.
Nach diesem Rückblick auf die erfreulicheren Seiten des Lebens muß
ich mich wieder den Erinnerungen an die weitere Entwicklung in den
Kämpfen um das Schicksal Oberschlesiens zuwenden.