Wie schrecklich unbescheiden »das« sich an dem Morgen beträgt, wo sie
fortfahren sollen. An den zwei Tagen, die sie nach dem Balle hier gewesen
sind, ist »das« eher etwas Anfeuerndes, etwas Belebendes gewesen, aber
jetzt, wo das Flaumvögelchen fort soll, wo »das« einsieht, daß es im Ernst
aus ist, daß es keine Rolle in ihrem Leben spielen darf, da verwandelt es
sich in eine Todesschwere, in eine Todeskälte.
Es ist, als müßte sie einen versteinerten Körper über die Treppen hinab ins
Frühstückszimmer schleppen. Sie streckt eine schwere kalte Hand aus Stein
aus, als sie grüßt, sie spricht mit einer trägen Steinzunge, sie lächelt
mit harten Steinlippen. Das ist eine Arbeit, eine Arbeit.
Aber wer wird sich nicht freuen, wenn er daran denkt, daß alles an diesem
Morgen so abgemacht wird, wie es die gute alte Treue und Ehre erfordert.
Onkel Theodor wendet sich beim Frühstück an das Flaumvögelchen und erklärt
mit wunderlich ungefüger Stimme, daß er sich entschlossen hat, Moritz die
Verwalterstelle in der Laxåhütte zu geben; aber da der genannte junge Mann,
fährt Onkel mit einem angestrengten Versuch, seinen gewöhnlichen
Gesprächston beizubehalten, fort, in praktischen Beschäftigungen nicht
allzu bewandert ist, so kann er den Platz nicht früher antreten, ehe er
nicht eine Gattin an seiner Seite hat. Hat sie, Mamsell Flaumvögelchen,
ihre Myrte so gut gepflegt, daß sie im September Kranz und Krone tragen
kann?
Sie fühlt, wie er dasitzt und ihr ins Gesicht sieht. Sie weiß, daß er einen
Blick zum Dank haben will, aber sie sieht nicht auf.
Moritz hingegen springt in die Höhe. Er umarmt Onkel und treibt es ganz
schrecklich. »Aber, Anne-Marie, warum dankst du Onkel nicht? Du mußt Onkel
Theodor streicheln, Anne-Marie. Die Laxåhütte ist das Herrlichste auf der
Welt. Nun, Anne-Marie!«
Jetzt schlägt sie die Augen auf. Es stehen Tränen darin, und durch diese
fällt auf Moritz ein Blick, voll Angst und Vorwurf. Daß er nicht versteht,
daß er durchaus mit bloßem Licht in den Pulverkeller gehen muß.
Dann wendet sie sich an Onkel Theodor, aber nicht in der schüchternen,
kindlichen Art wie zuvor, sondern mit einer gewissen Grandezza im Benehmen,
mit etwas von einer Märtyrerin, einer gefangnen Königin.
»Sie tun zu viel für uns, Onkel,« sagt sie nur.
Damit ist alles nach den Forderungen der Ehre und des Anstandes abgemacht.
Es ist kein Wort mehr über die Sache zu verlieren. Er hat ihr nicht den
Glauben an den Mann, den sie liebt, geraubt. Sie hat sich nicht verraten.
Sie ist dem Manne treu, der sie zu seiner Braut gemacht hat, obgleich sie
nur ein armes Mädchen aus einem kleinen Bäckerladen im Hintergäßchen ist.
Und jetzt kann der Wagen vorfahren, der Mantelsack geschnürt, der Eßkorb
gefüllt werden.
Onkel Theodor erhebt sich vom Tische. Er stellt sich an das Fenster. Von
dem Moment an, wo sie sich mit jenem tränenvollen Blick ihm zugewendet hat,
ist er ganz von Sinnen. Er ist ganz toll, imstande, sich auf sie zu
stürzen, sie an seine Brust zu ziehen und Moritz zuzurufen, er möge nur
kommen und sie von dort losreißen, wenn er es kann.
Er hält die Hände in den Taschen. Durch die geballten Fäuste gehen
krampfhafte Zuckungen.
Kann er es zulassen, daß sie den Hut aufsetzt, daß sie der Bergrätin
Lebewohl sagt?
Da steht er wieder auf dem Felsen von Naxos und will die Geliebte stehlen.
Nein, nicht stehlen! Warum nicht ehrlich und männlich vortreten und sagen:
»Ich bin dein Nebenbuhler, Moritz. Deine Braut mag zwischen uns wählen. Ihr
seid noch nicht verheiratet, es ist keine Sünde, wenn ich versuche, sie dir
abwendig zu machen. Hüte sie wohl, ich will alle Mittel anwenden.«
Dann wäre er ja gewarnt, und sie wüßte, wonach sie sich zu richten hätte.
Es knackt in den Knöcheln, als er wieder die Fäuste ballt. Wie würde Moritz
über den alten Onkel lachen, wenn er vorträte und dies erklärte! Und wozu
sollte es dienen? Sollte er sie erschrecken, damit es ihm dann nicht einmal
mehr gestattet war, ihnen in Zukunft zu helfen?
Aber wie wird es jetzt gehen, wenn sie herankommt, um ihm Lebewohl zu
sagen? Er ist nahe daran, ihr zuzuschreien, sich zu hüten, sich auf drei
Schritt Entfernung von ihm zu halten.
Er bleibt am Fenster stehen und wendet ihnen den Rücken, während sie mit
dem Ankleiden und dem Füllen des Eßkorbes beschäftigt sind. Werden sie denn
nie fertig? Jetzt hat er es schon tausendmal durchlebt. Er hat ihr die Hand
gegeben, sie geküßt, ihr in den Wagen geholfen. Er hat es so oft getan, daß
er sie schon fort glaubt.
Er hat ihr auch Glück gewünscht. Glück ... Kann sie mit Moritz glücklich
werden? Sie hat diesen Morgen nicht glücklich ausgesehen. O, doch gewiß.
Sie weinte ja vor Freude.
Während er so dasteht, sagt Moritz plötzlich zu Anne-Marie: »Was für ein
Dummkopf ich bin. Ich habe ja ganz vergessen, mit Onkel von Papas Aktien
zu sprechen.«
»Ich denke, es wäre am besten, du ließest es,« antwortet das
Flaumvögelchen. »Es ist vielleicht nicht recht.«
»Ach Unsinn, Anne-Marie. Die Aktien tragen gerade augenblicklich nichts.
Aber wer weiß, ob sie nicht eines Tages besser werden? Und übrigens, was
macht das Onkel? Solch eine Kleinigkeit ...«
Sie unterbricht mit ungewöhnlicher Heftigkeit, beinahe mit Angst. »Ich
bitte dich, Moritz, tue es nicht! Laß mich dieses einzige Mal recht
behalten.«
Er sieht sie an, ein bißchen verletzt. »Dieses einzige Mal. Als wenn ich
dir gegenüber ein Tyrann wäre. Nein, weißt du, das kann ich nicht, schon
dieses Wortes wegen finde ich, daß ich nicht nachgeben darf.«
»Hänge dich nicht an ein Wort, Moritz. Hier handelt es sich um mehr als um
Höflichkeit und Phrasen. Ich finde es nicht schön von dir, Onkel
übervorteilen zu wollen, wo er so gut gegen uns war.«
»Aber still doch, Anne-Marie, still doch! Was verstehst du von Geschäften?«
-- Sein ganzes Wesen ist noch aufreizend ruhig und überlegen. Er sieht sie
an, wie ein Schulmeister einen guten Schüler, der sich gerade am
Prüfungstage dumm anstellt.
»Daß du gar nicht verstehst, um was es sich handelt,« ruft sie aus. Und sie
ringt verzweifelt die Hände.
»Ich muß wirklich jetzt mit Onkel sprechen,« sagt Moritz, »wennschon aus
keinem andern Grunde, so um ihm zu zeigen, daß es sich hier um keinen
Betrug handelt. So wie du dich benimmst, könnte Onkel wirklich glauben, daß
wir, mein Vater und ich, ein paar Schurken sind.«
Und er kommt auf Onkel Theodor zu und erklärt ihm, welche Bewandtnis es mit
diesen Aktien hat, die sein Vater ihm verkaufen will. Onkel Theodor hört so
gut zu, als er kann. Er versteht sogleich, daß sein Bruder, der
Bürgermeister, eine schlechte Spekulation gemacht hat und sich vor
Verlusten schützen will. Aber was weiter, was weiter? Solche Gefälligkeiten
pflegt er ja der ganzen Familie zu erweisen. Aber eigentlich denkt er nicht
daran, sondern an das Flaumvögelchen. Er wüßte zu gern, was in dem empörten
Blick liegt, den sie Moritz zuwirft. Liebe war es gerade nicht.
Und nun mitten in seiner Verzweiflung über das Opfer, das er bringen mußte,
beginnt ein schwacher Hoffnungsstrahl vor ihm aufzudämmern. Er steht da und
starrt ihn an wie ein Mann, der in einem Zimmer, wo ein Geist umgeht, liegt
und sieht, wie ein heller Nebel aus dem Boden emporsteigt, sich verdichtet
und wächst und zu greifbarer Wirklichkeit wird.
»Komm mit mir in mein Zimmer, Moritz,« sagt er, »dann kannst du das Geld
gleich haben.«
Aber während er spricht, ruht sein Blick auf dem Flaumvögelchen, um zu
sehen, ob »das Geistchen« zum Sprechen bewogen werden kann. Aber noch sieht
er nur stumme Verzweiflung bei ihr.
Doch kaum sitzt er am Pult in seinem Zimmer, als die Türe sich öffnet und
Anne-Marie hereinkommt.
»Onkel Theodor,« sagt sie sehr fest und entschlossen, »kaufen Sie doch
diese Papiere nicht.«
Ach, welcher Mut, Flaumvögelchen! Wer, der dich vor drei Tagen an Moritzens
Seite im Wagen sah, wo du bei jedem Wort, das er sagte,
zusammenzuschrumpfen und immer kleiner zu werden schienst, hätte dir so
etwas zugetraut?
Jetzt braucht sie auch ihren ganzen Mut, denn jetzt wird Moritz ernstlich
böse.
»Schweig,« zischt er sie an und brüllt darauf, um von Onkel Theodor, der am
Pult sitzt und Banknoten zählt, richtig gehört zu werden. »Was fällt dir
denn ein? Die Aktien tragen jetzt keine Zinsen, das habe ich Onkel gesagt,
aber Onkel weiß ebensogut wie ich, daß sie welche tragen werden. Glaubst
du, daß Onkel sich so von einem, wie ich, übers Ohr hauen läßt? Onkel wird
von diesen Dingen wohl mehr verstehen als irgend jemand von uns. Ist es je
meine Absicht gewesen, diese Aktien für gut auszugeben? Habe ich je etwas
andres gesagt, als für jemanden, der in der Lage ist, zu warten, könne dies
ein gutes Geschäft werden?«
Onkel Theodor sagt nichts, er reicht Moritz nur ein paar Banknoten. Er
möchte wissen, ob dies den Geist zum Sprechen bringen wird.
»Onkel,« sagt die kleine, unerbittliche Wahrheitsverkünderin -- denn es ist
ja eine bekannte Sache, daß niemand unerbittlicher sein kann, als diese
Daunenweichen, diese Zartbesaiteten, wenn sie einmal so weit sind -- »diese
Aktien sind keinen Pfifferling wert und werden nie etwas wert sein. Das
wissen wir zu Hause alle.«
»Anne-Marie, du stempelst mich zu einem Schurken --«
Sie fährt mit den Augen über ihn hin, so, als wären ihre Blicke die
Schneiden einer Schere, und sie schneidet ihm Lappen um Lappen alles ab,
womit sie ihn herausstaffiert hat, und als sie ihn zuletzt in der ganzen
Nacktheit seiner Eigenliebe und seines Eigennutzes sieht, fällt ihr
schreckliches kleines Zünglein das Urteil über ihn:
»Was bist du denn anders?«
»Anne-Marie!«
»Ja, was sind wir alle beide anders,« fährt das unbarmherzige Zünglein
fort, das, nun es in Gang ist, es am besten findet, die Dinge klarzulegen,
die ihr Gewissen zermartern, seit sie angefangen hat, daran zu denken, daß
auch der reiche Mann, dem dieses große Schloß gehört, ein Herz hat, das
leiden und sich sehnen kann. Und nun, wo die Zunge so vortrefflich in Gang
ist und alle Scheu von ihr gewichen zu sein scheint, sagt sie:
»Als wir uns daheim in die Chaise setzten, was dachten wir da? Wovon
sprachen wir auf dem Wege? Wie wir ihn dort für uns gewinnen wollten. >Du
mußt flott sein, Anne-Marie,< sagtest du. >Und du mußt schlau sein,
Moritz,< sagte ich. Wir dachten nur daran, uns einzuschmeicheln. Viel
wollten wir haben, und nichts wollten wir geben, nichts andres als
Verstellung. Wir wollten nicht sagen: Hilf uns, weil wir arm sind und uns
lieb haben, sondern wir wollten schmeicheln und heucheln, bis Onkel in dich
oder in mich vernarrt war, das war unsre Absicht. Aber wir wollten nichts
zurückgeben, weder Liebe noch Achtung, nicht einmal Dankbarkeit. Und warum
bist du nicht allein gefahren, warum mußte ich mit? Du wolltest mich ihm
zeigen, du wolltest, daß ich, daß ich ...«
Onkel Theodor springt auf, als er sieht, wie Moritz die Hand gegen sie
erhebt. Denn jetzt hat er fertig gerechnet und verfolgt das, was geschieht,
mit einem Herzen, das in Hoffnung schwillt. Und es ist, als flöge sein Herz
nun weit auf, um sie zu empfangen, als sie jetzt aufschreit und in seine
Arme flieht, in seine Arme flieht ohne Zaudern und Bedenken, ganz als gäbe
es keinen andern Platz auf Erden, zu dem sie fliehen könnte.
»Onkel, er will mich schlagen!«
Und sie schmiegt sich fest, fest an ihn.
Aber Moritz ist jetzt wieder ganz ruhig. »Verzeih meine Heftigkeit,
Anne-Marie,« sagt er. »Es regte mich auf, dich in Onkels Gegenwart so
kindisch sprechen zu hören. Aber Onkel wird auch verstehen, daß du eben nur
ein Kind bist. Dennoch gebe ich zu, daß keine, wenn auch noch so gerechte
Empörung einem Manne das Recht gibt, eine Frau zu schlagen. Komm jetzt her
und küsse mich. Du brauchst bei niemandem Schutz gegen mich zu suchen.«
Sie rührt sich nicht, sie wendet sich nicht um, sie klammert sich nur fest.
»Flaumvögelchen, soll ich ihn dich nehmen lassen?« flüstert Onkel Theodor.
Und sie antwortet nur mit einem Zittern, das auch seinen ganzen Körper
durcheilt.
Aber Onkel Theodor fühlt sich so frisch, so gehoben. Er ist jetzt ganz
außerstande, den vollkommenen Neffen wie früher im richtigen Licht seiner
Vollkommenheit zu sehen. Er wagt es, mit ihm zu scherzen.
»Moritz,« sagt er, »du überraschst mich. Die Liebe macht dich schwach.
Kannst du so mir nichts dir nichts verzeihen, daß sie dich einen Schurken
nennt? Du mußt sogleich mit ihr brechen. Deine Ehre, Moritz, denke an deine
Ehre! Nichts in der Welt kann einer Frau gestatten, einen Mann zu
beleidigen. Setze dich in deine Chaise, mein Junge, und fahre ohne dieses
verlorne Wesen von hier fort. Das ist nur Recht und Gerechtigkeit nach
einer solchen Beschimpfung.«
Und während er seine Rede beschließt, legt er seine großen Hände um ihr
Köpfchen und richtet es empor, so daß er ihre Stirn küssen kann.
»Verlasse dieses verlorne Wesen,« wiederholt er.
Aber jetzt fängt auch Moritz zu verstehen an. Er sieht, wie es in Onkel
Theodors Augen funkelt, und wie ein Lächeln nach dem andern um seine Lippen
spielt.
»Komm, Anne-Marie.«
Sie zuckt zusammen. Jetzt ruft er sie als der, dem sie sich angelobt hat.
Es ist, als müßte sie gehen. Und sie läßt Onkel Theodor so hastig los, daß
er es nicht verhindern kann, aber sie kann auch nicht zu Moritz gehen,
darum gleitet sie zu Boden, und da bleibt sie sitzen und schluchzt.
»Fahre allein in deinem Leiterwagen nach Hause, Moritz,« sagt Onkel Theodor
scharf. »Diese junge Dame ist bis auf weiteres in meinem Hause zu Gast, und
ich gedenke sie vor deinen Übergriffen in Schutz zu nehmen.«
Und er denkt nicht mehr an Moritz, sondern ist nur darauf bedacht, sie
emporzuziehen, ihre Tränen zu trocknen und ihr zuzuflüstern, daß er sie
liebt.
Und Moritz, der sie so sieht, die eine weinend, der andre tröstend, ruft
aus: »Ach, das ist alles abgekartet. Ich bin betrogen. Das ist eine
Komödie. Man stiehlt mir meine Braut, und man verhöhnt mich obendrein. Man
läßt mich nach einer rufen, die gar nicht kommen will. Ich beglückwünsche
dich zu diesem Handel, Anne-Marie.«
Und während er hinausstürzt und die Türe zuwirft, ruft er aus:
»Glückssucherin!«
Onkel Theodor macht eine Bewegung, wie um ihm nachzueilen und ihn zu
züchtigen, aber das Flaumvögelchen hält ihn zurück.
»Ach, Onkel Theodor, laß doch immerhin Moritz das letzte Wort behalten.
Moritz hat immer recht. Eine Glückssucherin, das bin ich ja gerade, Onkel
Theodor.«
Und sie schmiegt sich wieder an ihn, ohne zu zögern, ohne zu fragen. Und
Onkel Theodor ist ganz verwirrt, eben weinte sie noch und jetzt lacht sie,
eben sollte sie den einen heiraten und jetzt küßte sie einen andern. Da
hebt sie das Köpfchen und lächelt: »Jetzt bin ich dein kleines Hündchen. Du
kannst mich nicht loswerden.«
»Flaumvögelchen,« sagt der Gutsherr mit seiner barschesten Stimme. »Das
hast du schon die ganze Zeit gewußt.«