IV

Wie schrecklich unbescheiden »das« sich an dem Morgen beträgt, wo sie

fortfahren sollen. An den zwei Tagen, die sie nach dem Balle hier gewesen

sind, ist »das« eher etwas Anfeuerndes, etwas Belebendes gewesen, aber

jetzt, wo das Flaumvögelchen fort soll, wo »das« einsieht, daß es im Ernst

aus ist, daß es keine Rolle in ihrem Leben spielen darf, da verwandelt es

sich in eine Todesschwere, in eine Todeskälte.

Es ist, als müßte sie einen versteinerten Körper über die Treppen hinab ins

Frühstückszimmer schleppen. Sie streckt eine schwere kalte Hand aus Stein

aus, als sie grüßt, sie spricht mit einer trägen Steinzunge, sie lächelt

mit harten Steinlippen. Das ist eine Arbeit, eine Arbeit.

Aber wer wird sich nicht freuen, wenn er daran denkt, daß alles an diesem

Morgen so abgemacht wird, wie es die gute alte Treue und Ehre erfordert.

Onkel Theodor wendet sich beim Frühstück an das Flaumvögelchen und erklärt

mit wunderlich ungefüger Stimme, daß er sich entschlossen hat, Moritz die

Verwalterstelle in der Laxåhütte zu geben; aber da der genannte junge Mann,

fährt Onkel mit einem angestrengten Versuch, seinen gewöhnlichen

Gesprächston beizubehalten, fort, in praktischen Beschäftigungen nicht

allzu bewandert ist, so kann er den Platz nicht früher antreten, ehe er

nicht eine Gattin an seiner Seite hat. Hat sie, Mamsell Flaumvögelchen,

ihre Myrte so gut gepflegt, daß sie im September Kranz und Krone tragen

kann?

Sie fühlt, wie er dasitzt und ihr ins Gesicht sieht. Sie weiß, daß er einen

Blick zum Dank haben will, aber sie sieht nicht auf.

Moritz hingegen springt in die Höhe. Er umarmt Onkel und treibt es ganz

schrecklich. »Aber, Anne-Marie, warum dankst du Onkel nicht? Du mußt Onkel

Theodor streicheln, Anne-Marie. Die Laxåhütte ist das Herrlichste auf der

Welt. Nun, Anne-Marie!«

Jetzt schlägt sie die Augen auf. Es stehen Tränen darin, und durch diese

fällt auf Moritz ein Blick, voll Angst und Vorwurf. Daß er nicht versteht,

daß er durchaus mit bloßem Licht in den Pulverkeller gehen muß.

Dann wendet sie sich an Onkel Theodor, aber nicht in der schüchternen,

kindlichen Art wie zuvor, sondern mit einer gewissen Grandezza im Benehmen,

mit etwas von einer Märtyrerin, einer gefangnen Königin.

»Sie tun zu viel für uns, Onkel,« sagt sie nur.

Damit ist alles nach den Forderungen der Ehre und des Anstandes abgemacht.

Es ist kein Wort mehr über die Sache zu verlieren. Er hat ihr nicht den

Glauben an den Mann, den sie liebt, geraubt. Sie hat sich nicht verraten.

Sie ist dem Manne treu, der sie zu seiner Braut gemacht hat, obgleich sie

nur ein armes Mädchen aus einem kleinen Bäckerladen im Hintergäßchen ist.

Und jetzt kann der Wagen vorfahren, der Mantelsack geschnürt, der Eßkorb

gefüllt werden.

Onkel Theodor erhebt sich vom Tische. Er stellt sich an das Fenster. Von

dem Moment an, wo sie sich mit jenem tränenvollen Blick ihm zugewendet hat,

ist er ganz von Sinnen. Er ist ganz toll, imstande, sich auf sie zu

stürzen, sie an seine Brust zu ziehen und Moritz zuzurufen, er möge nur

kommen und sie von dort losreißen, wenn er es kann.

Er hält die Hände in den Taschen. Durch die geballten Fäuste gehen

krampfhafte Zuckungen.

Kann er es zulassen, daß sie den Hut aufsetzt, daß sie der Bergrätin

Lebewohl sagt?

Da steht er wieder auf dem Felsen von Naxos und will die Geliebte stehlen.

Nein, nicht stehlen! Warum nicht ehrlich und männlich vortreten und sagen:

»Ich bin dein Nebenbuhler, Moritz. Deine Braut mag zwischen uns wählen. Ihr

seid noch nicht verheiratet, es ist keine Sünde, wenn ich versuche, sie dir

abwendig zu machen. Hüte sie wohl, ich will alle Mittel anwenden.«

Dann wäre er ja gewarnt, und sie wüßte, wonach sie sich zu richten hätte.

Es knackt in den Knöcheln, als er wieder die Fäuste ballt. Wie würde Moritz

über den alten Onkel lachen, wenn er vorträte und dies erklärte! Und wozu

sollte es dienen? Sollte er sie erschrecken, damit es ihm dann nicht einmal

mehr gestattet war, ihnen in Zukunft zu helfen?

Aber wie wird es jetzt gehen, wenn sie herankommt, um ihm Lebewohl zu

sagen? Er ist nahe daran, ihr zuzuschreien, sich zu hüten, sich auf drei

Schritt Entfernung von ihm zu halten.

Er bleibt am Fenster stehen und wendet ihnen den Rücken, während sie mit

dem Ankleiden und dem Füllen des Eßkorbes beschäftigt sind. Werden sie denn

nie fertig? Jetzt hat er es schon tausendmal durchlebt. Er hat ihr die Hand

gegeben, sie geküßt, ihr in den Wagen geholfen. Er hat es so oft getan, daß

er sie schon fort glaubt.

Er hat ihr auch Glück gewünscht. Glück ... Kann sie mit Moritz glücklich

werden? Sie hat diesen Morgen nicht glücklich ausgesehen. O, doch gewiß.

Sie weinte ja vor Freude.

Während er so dasteht, sagt Moritz plötzlich zu Anne-Marie: »Was für ein

Dummkopf ich bin. Ich habe ja ganz vergessen, mit Onkel von Papas Aktien

zu sprechen.«

»Ich denke, es wäre am besten, du ließest es,« antwortet das

Flaumvögelchen. »Es ist vielleicht nicht recht.«

»Ach Unsinn, Anne-Marie. Die Aktien tragen gerade augenblicklich nichts.

Aber wer weiß, ob sie nicht eines Tages besser werden? Und übrigens, was

macht das Onkel? Solch eine Kleinigkeit ...«

Sie unterbricht mit ungewöhnlicher Heftigkeit, beinahe mit Angst. »Ich

bitte dich, Moritz, tue es nicht! Laß mich dieses einzige Mal recht

behalten.«

Er sieht sie an, ein bißchen verletzt. »Dieses einzige Mal. Als wenn ich

dir gegenüber ein Tyrann wäre. Nein, weißt du, das kann ich nicht, schon

dieses Wortes wegen finde ich, daß ich nicht nachgeben darf.«

»Hänge dich nicht an ein Wort, Moritz. Hier handelt es sich um mehr als um

Höflichkeit und Phrasen. Ich finde es nicht schön von dir, Onkel

übervorteilen zu wollen, wo er so gut gegen uns war.«

»Aber still doch, Anne-Marie, still doch! Was verstehst du von Geschäften?«

-- Sein ganzes Wesen ist noch aufreizend ruhig und überlegen. Er sieht sie

an, wie ein Schulmeister einen guten Schüler, der sich gerade am

Prüfungstage dumm anstellt.

»Daß du gar nicht verstehst, um was es sich handelt,« ruft sie aus. Und sie

ringt verzweifelt die Hände.

»Ich muß wirklich jetzt mit Onkel sprechen,« sagt Moritz, »wennschon aus

keinem andern Grunde, so um ihm zu zeigen, daß es sich hier um keinen

Betrug handelt. So wie du dich benimmst, könnte Onkel wirklich glauben, daß

wir, mein Vater und ich, ein paar Schurken sind.«

Und er kommt auf Onkel Theodor zu und erklärt ihm, welche Bewandtnis es mit

diesen Aktien hat, die sein Vater ihm verkaufen will. Onkel Theodor hört so

gut zu, als er kann. Er versteht sogleich, daß sein Bruder, der

Bürgermeister, eine schlechte Spekulation gemacht hat und sich vor

Verlusten schützen will. Aber was weiter, was weiter? Solche Gefälligkeiten

pflegt er ja der ganzen Familie zu erweisen. Aber eigentlich denkt er nicht

daran, sondern an das Flaumvögelchen. Er wüßte zu gern, was in dem empörten

Blick liegt, den sie Moritz zuwirft. Liebe war es gerade nicht.

Und nun mitten in seiner Verzweiflung über das Opfer, das er bringen mußte,

beginnt ein schwacher Hoffnungsstrahl vor ihm aufzudämmern. Er steht da und

starrt ihn an wie ein Mann, der in einem Zimmer, wo ein Geist umgeht, liegt

und sieht, wie ein heller Nebel aus dem Boden emporsteigt, sich verdichtet

und wächst und zu greifbarer Wirklichkeit wird.

»Komm mit mir in mein Zimmer, Moritz,« sagt er, »dann kannst du das Geld

gleich haben.«

Aber während er spricht, ruht sein Blick auf dem Flaumvögelchen, um zu

sehen, ob »das Geistchen« zum Sprechen bewogen werden kann. Aber noch sieht

er nur stumme Verzweiflung bei ihr.

Doch kaum sitzt er am Pult in seinem Zimmer, als die Türe sich öffnet und

Anne-Marie hereinkommt.

»Onkel Theodor,« sagt sie sehr fest und entschlossen, »kaufen Sie doch

diese Papiere nicht.«

Ach, welcher Mut, Flaumvögelchen! Wer, der dich vor drei Tagen an Moritzens

Seite im Wagen sah, wo du bei jedem Wort, das er sagte,

zusammenzuschrumpfen und immer kleiner zu werden schienst, hätte dir so

etwas zugetraut?

Jetzt braucht sie auch ihren ganzen Mut, denn jetzt wird Moritz ernstlich

böse.

»Schweig,« zischt er sie an und brüllt darauf, um von Onkel Theodor, der am

Pult sitzt und Banknoten zählt, richtig gehört zu werden. »Was fällt dir

denn ein? Die Aktien tragen jetzt keine Zinsen, das habe ich Onkel gesagt,

aber Onkel weiß ebensogut wie ich, daß sie welche tragen werden. Glaubst

du, daß Onkel sich so von einem, wie ich, übers Ohr hauen läßt? Onkel wird

von diesen Dingen wohl mehr verstehen als irgend jemand von uns. Ist es je

meine Absicht gewesen, diese Aktien für gut auszugeben? Habe ich je etwas

andres gesagt, als für jemanden, der in der Lage ist, zu warten, könne dies

ein gutes Geschäft werden?«

Onkel Theodor sagt nichts, er reicht Moritz nur ein paar Banknoten. Er

möchte wissen, ob dies den Geist zum Sprechen bringen wird.

»Onkel,« sagt die kleine, unerbittliche Wahrheitsverkünderin -- denn es ist

ja eine bekannte Sache, daß niemand unerbittlicher sein kann, als diese

Daunenweichen, diese Zartbesaiteten, wenn sie einmal so weit sind -- »diese

Aktien sind keinen Pfifferling wert und werden nie etwas wert sein. Das

wissen wir zu Hause alle.«

»Anne-Marie, du stempelst mich zu einem Schurken --«

Sie fährt mit den Augen über ihn hin, so, als wären ihre Blicke die

Schneiden einer Schere, und sie schneidet ihm Lappen um Lappen alles ab,

womit sie ihn herausstaffiert hat, und als sie ihn zuletzt in der ganzen

Nacktheit seiner Eigenliebe und seines Eigennutzes sieht, fällt ihr

schreckliches kleines Zünglein das Urteil über ihn:

»Was bist du denn anders?«

»Anne-Marie!«

»Ja, was sind wir alle beide anders,« fährt das unbarmherzige Zünglein

fort, das, nun es in Gang ist, es am besten findet, die Dinge klarzulegen,

die ihr Gewissen zermartern, seit sie angefangen hat, daran zu denken, daß

auch der reiche Mann, dem dieses große Schloß gehört, ein Herz hat, das

leiden und sich sehnen kann. Und nun, wo die Zunge so vortrefflich in Gang

ist und alle Scheu von ihr gewichen zu sein scheint, sagt sie:

»Als wir uns daheim in die Chaise setzten, was dachten wir da? Wovon

sprachen wir auf dem Wege? Wie wir ihn dort für uns gewinnen wollten. >Du

mußt flott sein, Anne-Marie,< sagtest du. >Und du mußt schlau sein,

Moritz,< sagte ich. Wir dachten nur daran, uns einzuschmeicheln. Viel

wollten wir haben, und nichts wollten wir geben, nichts andres als

Verstellung. Wir wollten nicht sagen: Hilf uns, weil wir arm sind und uns

lieb haben, sondern wir wollten schmeicheln und heucheln, bis Onkel in dich

oder in mich vernarrt war, das war unsre Absicht. Aber wir wollten nichts

zurückgeben, weder Liebe noch Achtung, nicht einmal Dankbarkeit. Und warum

bist du nicht allein gefahren, warum mußte ich mit? Du wolltest mich ihm

zeigen, du wolltest, daß ich, daß ich ...«

Onkel Theodor springt auf, als er sieht, wie Moritz die Hand gegen sie

erhebt. Denn jetzt hat er fertig gerechnet und verfolgt das, was geschieht,

mit einem Herzen, das in Hoffnung schwillt. Und es ist, als flöge sein Herz

nun weit auf, um sie zu empfangen, als sie jetzt aufschreit und in seine

Arme flieht, in seine Arme flieht ohne Zaudern und Bedenken, ganz als gäbe

es keinen andern Platz auf Erden, zu dem sie fliehen könnte.

»Onkel, er will mich schlagen!«

Und sie schmiegt sich fest, fest an ihn.

Aber Moritz ist jetzt wieder ganz ruhig. »Verzeih meine Heftigkeit,

Anne-Marie,« sagt er. »Es regte mich auf, dich in Onkels Gegenwart so

kindisch sprechen zu hören. Aber Onkel wird auch verstehen, daß du eben nur

ein Kind bist. Dennoch gebe ich zu, daß keine, wenn auch noch so gerechte

Empörung einem Manne das Recht gibt, eine Frau zu schlagen. Komm jetzt her

und küsse mich. Du brauchst bei niemandem Schutz gegen mich zu suchen.«

Sie rührt sich nicht, sie wendet sich nicht um, sie klammert sich nur fest.

»Flaumvögelchen, soll ich ihn dich nehmen lassen?« flüstert Onkel Theodor.

Und sie antwortet nur mit einem Zittern, das auch seinen ganzen Körper

durcheilt.

Aber Onkel Theodor fühlt sich so frisch, so gehoben. Er ist jetzt ganz

außerstande, den vollkommenen Neffen wie früher im richtigen Licht seiner

Vollkommenheit zu sehen. Er wagt es, mit ihm zu scherzen.

»Moritz,« sagt er, »du überraschst mich. Die Liebe macht dich schwach.

Kannst du so mir nichts dir nichts verzeihen, daß sie dich einen Schurken

nennt? Du mußt sogleich mit ihr brechen. Deine Ehre, Moritz, denke an deine

Ehre! Nichts in der Welt kann einer Frau gestatten, einen Mann zu

beleidigen. Setze dich in deine Chaise, mein Junge, und fahre ohne dieses

verlorne Wesen von hier fort. Das ist nur Recht und Gerechtigkeit nach

einer solchen Beschimpfung.«

Und während er seine Rede beschließt, legt er seine großen Hände um ihr

Köpfchen und richtet es empor, so daß er ihre Stirn küssen kann.

»Verlasse dieses verlorne Wesen,« wiederholt er.

Aber jetzt fängt auch Moritz zu verstehen an. Er sieht, wie es in Onkel

Theodors Augen funkelt, und wie ein Lächeln nach dem andern um seine Lippen

spielt.

»Komm, Anne-Marie.«

Sie zuckt zusammen. Jetzt ruft er sie als der, dem sie sich angelobt hat.

Es ist, als müßte sie gehen. Und sie läßt Onkel Theodor so hastig los, daß

er es nicht verhindern kann, aber sie kann auch nicht zu Moritz gehen,

darum gleitet sie zu Boden, und da bleibt sie sitzen und schluchzt.

»Fahre allein in deinem Leiterwagen nach Hause, Moritz,« sagt Onkel Theodor

scharf. »Diese junge Dame ist bis auf weiteres in meinem Hause zu Gast, und

ich gedenke sie vor deinen Übergriffen in Schutz zu nehmen.«

Und er denkt nicht mehr an Moritz, sondern ist nur darauf bedacht, sie

emporzuziehen, ihre Tränen zu trocknen und ihr zuzuflüstern, daß er sie

liebt.

Und Moritz, der sie so sieht, die eine weinend, der andre tröstend, ruft

aus: »Ach, das ist alles abgekartet. Ich bin betrogen. Das ist eine

Komödie. Man stiehlt mir meine Braut, und man verhöhnt mich obendrein. Man

läßt mich nach einer rufen, die gar nicht kommen will. Ich beglückwünsche

dich zu diesem Handel, Anne-Marie.«

Und während er hinausstürzt und die Türe zuwirft, ruft er aus:

»Glückssucherin!«

Onkel Theodor macht eine Bewegung, wie um ihm nachzueilen und ihn zu

züchtigen, aber das Flaumvögelchen hält ihn zurück.

»Ach, Onkel Theodor, laß doch immerhin Moritz das letzte Wort behalten.

Moritz hat immer recht. Eine Glückssucherin, das bin ich ja gerade, Onkel

Theodor.«

Und sie schmiegt sich wieder an ihn, ohne zu zögern, ohne zu fragen. Und

Onkel Theodor ist ganz verwirrt, eben weinte sie noch und jetzt lacht sie,

eben sollte sie den einen heiraten und jetzt küßte sie einen andern. Da

hebt sie das Köpfchen und lächelt: »Jetzt bin ich dein kleines Hündchen. Du

kannst mich nicht loswerden.«

»Flaumvögelchen,« sagt der Gutsherr mit seiner barschesten Stimme. »Das

hast du schon die ganze Zeit gewußt.«

Unsichtbare Bande: Erzählungen · 第 29 / 36 题