III

Eines Abends liegen feine, weiche Wölkchen am Himmel, eines Abends ist es

still und lau, eines Abends schweben kleine weiße Fläumchen von Espen und

Pappeln durch die Luft.

Es ist schon spät, und niemand ist mehr auf, nur Onkel Theodor, der draußen

im Garten umhergeht und überlegt, wie er den jungen Mann und das junge

Mädchen voneinander trennen könnte.

Denn nie, nie, in alle Ewigkeit soll es geschehen, daß Moritz an ihrer

Seite vom Hofe wegfährt, während Onkel Theodor auf der Schwelle steht und

ihnen glückliche Reise wünscht.

Ist es denn überhaupt möglich, sie ziehen zu lassen, nachdem sie drei Tage

hindurch das Haus mit zwitschernder Fröhlichkeit erfüllt, nachdem sie sie

in ihrer stillen Weise daran gewöhnt hat, daß sie für sie alle denkt und

sorgt, nachdem er sich gewöhnt hat, dies weiche geschmeidige kleine Wesen

überall umherstreifen zu sehen. Onkel Theodor sagt zu sich selbst, daß das

nicht möglich ist. Er kann sie nicht mehr entbehren.

In demselben Augenblick stößt er an einen abgeblühten Löwenzahn, und wie

die Entschlüsse der Menschen und die Versprechungen der Menschen zerstreut

sich das weiße Flaumbällchen, und die weißen Federchen fliegen eilig davon

und verschwinden.

Die Nacht ist nicht kalt, wie die Nächte in dieser Gegend zu sein pflegen.

Die Wärme wird unter der grauen Wolkendecke zurückgehalten. Die Winde

zeigen ein seltnes Mal Erbarmen und verhalten sich still.

Onkel Theodor sieht sie, das Flaumvögelchen. Sie weint, weil Moritz sie

verlassen hat. Aber er zieht sie an sich und küßt die Tränen fort.

Weich und fein fliegen die weißen Fläumchen von den großen reifen Kätzchen

der Bäume. So leicht, daß die Luft sie kaum fallen lassen will, so klein

und zart, daß sie kaum auf dem Boden sichtbar werden.

Onkel Theodor lacht sich ins Fäustchen, als er an Moritz denkt. In Gedanken

tritt er am nächsten Morgen in sein Zimmer, als dieser noch im Bette liegt.

»Höre, Moritz,« will er ihm sagen. »Ich möchte dir keine falschen

Hoffnungen machen. Wenn du dieses Mädchen heiratest, so hast du keinen

Pfennig von mir zu erwarten. Ich will nicht mit dazu helfen, deine Zukunft

zu vernichten.«

»Mißfällt sie Ihnen so sehr, Onkel?« wird Moritz dann fragen.

»Nein, du, im Gegenteil, es ist ein nettes Mädchen, aber doch nichts für

dich. Du mußt ein Prachtweib haben wie Elisabeth Westling. Sei nun

verständig, Moritz, was wird aus dir, wenn du um dieses Kindes willen deine

Studien abbrichst und auf ein Gut gehst. Dazu taugst du nicht, mein Junge.

Dazu ist etwas andres nötig, als den Hut schön zu schwingen und zu sagen:

>Habt Dank, meine Kinder!< Du bist ja zum Beamten wie geschaffen. Du

kannst Minister werden.«

»Wenn Sie eine so gute Meinung von mir haben, Onkel,« antwortet dann

Moritz, »so helfen Sie mir doch, mein Examen zu machen, und lassen Sie uns

dann heiraten!«

»Nein, das nicht, du, das ganz gewiß nicht. Was, glaubst du, würde aus

deiner Karriere werden, wenn du einen solchen Ballast mitschleppen müßtest,

wie es eine Frau ist. Das Pferd, das den Brotwagen ziehen muß, galoppiert

nicht. Denke dir nun die Bäckermamsell als Ministerfrau! Nein, du darfst

dich nicht vor zehn Jahren verloben, nicht bevor du avanciert bist. Was

wäre die Folge, wenn ich es euch ermögliche, zu heiraten. Jedes Jahr würdet

ihr zu mir kommen und um Geld betteln. Und das würdet ihr und ich bald satt

kriegen.«

»Aber Onkel, ich bin doch ein Ehrenmann. Ich habe mich doch verlobt.«

»Höre mich nun an, Moritz! Was ist besser? Daß sie zehn Jahre herumgeht und

auf dich wartet und du sie dann nicht heiraten willst oder daß du gleich

ein Ende machst? Nein, sei nun entschlossen, stehe auf, steige in deinen

Chaisekasten und fahre heim, bevor sie aufwacht. Es schickt sich ja ohnehin

nicht, daß Bräutigam und Braut so zu zweien über Land ziehen. Ich werde

schon für das Mädchen sorgen, wenn du nur von diesem Wahnwitz abstehst. Die

Bergrätin wird sie nach Hause bringen, ich werde den schönsten Wagen

anspannen lassen. Du sollst von mir einen Jahresgehalt bekommen, so daß du

dir wegen der Zukunft keine Sorgen zu machen brauchst. Sieh mal, sei

verständig, du machst deinen Eltern Freude, wenn du mir gehorchst. Reise

jetzt ab, ohne sie zu sehen! Ich werde ihr schon Vernunft zusprechen. Sie

will gewiß deinem Glück nicht im Wege stehen. Versuche nur nicht, sie zu

treffen, ehe du fährst, sonst könntest du wieder schwankend werden, denn

sie ist reizend.«

Und nach diesen Worten faßt Moritz einen heldenmutigen Entschluß und reist

ab.

Und wenn er fort ist, was wird dann geschehen?

»Schlechter Kerl,« ruft es im Garten laut und drohend, wie nach einem Dieb.

Onkel Theodor sieht sich um. Ist kein andrer da? Ist er es nur, der sich

das selber zuruft?

Was dann geschehen wird? Ah, er wird sie darauf vorbereiten, daß Moritz

fort ist, ihr zeigen, daß Moritz ihrer nicht würdig war, sie dahin bringen,

ihn zu verachten. Und wenn sie sich dann an seiner Brust ausgeweint hat,

wird er sie ganz behutsam, ganz vorsichtig verstehen lassen, was er fühlt,

sie locken, sie gewinnen.

Die Fläumchen fahren fort zu fallen. Onkel Theodor streckt seine große Hand

aus und fängt ein Flöckchen auf.

Wie fein, wie leicht, wie zart! Er bleibt stehen und sieht es an.

Sie fahren fort, rings um ihn zu fallen, Flocke um Flocke. Was wird dann

mit ihnen geschehen? Sie werden vom Winde gejagt, von der Erde beschmutzt,

von schweren Füßen zertreten werden.

Onkel Theodor ist es, als ob diese leichten Fläumchen mit der größten

Schwere auf ihn niederfielen. Wer will der Wind, wer will die Erde, wer

will die Schuhsohle sein, wenn es diesen Kleinen, diesen Wehrlosen gilt?

Und infolge seiner staunenerregenden Kenntnisse in Nösselts Weltgeschichte

steht eine Episode daraus vor ihm, die sich mit dem vergleichen läßt, woran

er eben gedacht hat.

Es war anbrechender Morgen, nicht sinkende Nacht wie jetzt. Es war ein

Felsenstrand, und unten am Meere saß ein schöner Jüngling mit einem

Pantherfell über der Schulter, mit Weinlaub in den Locken, den Thyrsos in

der Hand. Wer er war? Ah, Gott Bacchus selbst.

Und der Felsenstrand war Naxos. Was der Gott sah, war Griechenlands Meer.

Das Schiff mit den schwarzen Segeln, das rasch zum Horizont entfloh, ward

von Theseus gelenkt, und in der Grotte, deren Eingang sich hoch in einem

Absatz der steilen Strandberge öffnete, schlummerte Ariadne.

Und in der Nacht hatte der junge Gott gedacht: »Ist wohl der sterbliche

Jüngling würdig der himmlischen Maid?« Und um Theseus zu prüfen, hatte er

ihn in einem Traume mit dem Verluste des Lebens bedroht, wenn er nicht

sogleich Ariadne verließ. Da hatte sich dieser ungesäumt erhoben, war zum

Schiffe geeilt und über die Wellen geflohen, ohne auch nur die Jungfrau zu

wecken, um ihr Lebewohl zu sagen.

Nun saß Gott Bacchus lächelnd da, von den süßesten Hoffnungen gewiegt und

harrte Ariadnes. Die Sonne ging auf, der Morgenwind erhob sich. Er überließ

sich lächelnden Träumen. Er würde die Verlassene schon zu trösten wissen,

er, Gott Bacchus selbst.

Da kam sie. Mit strahlendem Lächeln trat sie aus der Grotte. Ihre Augen

suchten Theseus, sie irrten immer weiter fort, zum Ankerplatz des Schiffes,

über die Wellen -- -- zu den schwarzen Segeln -- --

Und dann mit einem schneidenden Schrei, ohne Besinnung, ohne Zaudern, hinab

ins Meer, hinab in Tod und Vergessenheit.

Und da saß nun Gott Bacchus, der Tröster.

So ging es zu. So war es geschehen. Onkel Theodor erinnert sich freilich,

daß Nösselt ein paar Worte hinzufügt, daß mitleidige Dichter behaupten,

Ariadne hätte sich von Bacchus trösten lassen. Aber die Mitleidigen hatten

sicherlich unrecht. Ariadne ließ sich nicht trösten.

Lieber Gott, weil sie so gut und süß ist, daß er sie lieben muß, darum soll

sie unglücklich gemacht werden!

Zum Lohn für das schöne, sanfte Lächeln, das sie ihm geschenkt hat, weil

ihre kleine weiche Hand sich vertrauensvoll in die seine gelegt, weil sie

nicht gezürnt hat, wenn er sie neckte, darum soll sie ihren Bräutigam

verlieren und unglücklich gemacht werden.

Für welches von allen ihren Verbrechen soll sie verurteilt werden? Weil sie

ihn dazu gebracht hat, im Allerinnersten seiner Seele einen Raum zu

entdecken, der bis dahin ganz fein und rein und unbesetzt gewesen ist und

nur auf solch ein kleines, zartes und mütterliches Frauenwesen gewartet zu

haben scheint, oder weil sie schon jetzt über ihn Macht hat, so daß er kaum

wagt, einmal zu fluchen, wenn sie es hört, oder warum soll sie gestraft

werden?

Ach, armer Bacchus, armer Onkel Theodor! Es ist nicht gut, es mit diesen

Feinen, Lichten, Daunenweichen zu tun zu haben. -- Sie springen ins Meer,

wenn sie die schwarzen Segel sehen.

Onkel Theodor flucht in aller Stille darüber, daß das Flaumvögelchen nicht

schwarzhaarig, rotwangig, grobgliedrig ist.

Da fällt wieder ein Flöckchen, und es fängt an zu sprechen: »Ich hätte dir

all dein Lebtag folgen sollen. Ich hätte dir am Spieltisch eine Warnung ins

Ohr geflüstert. Ich hätte das Weinglas fortgerückt. Von mir würdest du es

geduldet haben.« -- »Das hätte ich,« flüstert er, »das hätte ich.«

Ein andres kommt und spricht ebenfalls: »Ich hätte dein großes Haus

regieren und es traulich und warm machen sollen. Ich hätte dich durch die

öden Gefilde des Alters geleitet. Ich hätte dein Herdfeuer entzündet, wäre

dir Auge und Stab gewesen. Würde ich nicht dazu getaugt haben?« -- »Liebes,

kleines Fläumchen,« antwortet er, »freilich hättest du das.«

Noch ein Flöckchen kommt geflogen, und es spricht: »Wie bin ich doch zu

beklagen. Morgen fährt mein Bräutigam von mir fort, ohne mir auch nur

Lebewohl zu sagen. Morgen werde ich weinen, den ganzen Tag weinen, denn

ich werde es als solch eine Schmach empfinden, daß ich für Moritz nicht gut

genug bin. Und wenn ich heimkomme, wie werde ich da über meines Vaters

Schwelle treten können. Das ganze Hintergäßchen entlang wird man flüstern

und zischeln, wenn ich mich zeige. Alle werden sich fragen, was ich wohl

Böses verbrochen habe, um so schlecht behandelt zu werden. Kann ich dafür,

daß du mich liebst?« Er antwortet mit Tränen in der Kehle: »Sprich nicht

so, kleines Fläumchen! Es ist noch zu früh, um so zu sprechen.«

Die ganze Nacht geht er draußen umher, und endlich gegen Mitternacht kommt

ein wenig Dunkelheit. Da gerät er in große Angst, diese dumpfe schwüle Luft

scheint stille zu stehen, aus Angst vor irgendeiner Missetat, die am Morgen

begangen werden soll. Da sucht er die Nacht zu beschwichtigen, indem er

ganz laut sagt: »Ich werde es nicht tun.«

Aber da begibt sich das Seltsamste. Die Nacht gerät in solch eine zitternde

Angst. Jetzt sind es nicht mehr die kleinen Fläumchen, die fallen, nein,

rings um ihn rauschen große und kleine Flügel. Er hört, daß etwas

entflieht, aber er weiß nicht, wohin.

Das Fliehende streicht an ihm vorbei, es berührt seine Wange, es streift

seine Kleider und seine Hände, und er begreift, was es ist. Es sind die

Blätter, die die Bäume verlassen, die Blumen, die von ihren Stengeln

entfliehen, die Flügel, die von den Schmetterlingen fortfliegen, der

Gesang, der die Vögel verläßt.

Und er weiß, daß, wenn die Sonne aufgeht, sein Lustgarten ganz verwüstet

sein wird. Leerer, kahler, stummer Winter wird da herrschen, kein

Schmetterlingsspiel, kein Vogelgezwitscher.

Er bleibt im Freien, bis das Licht wiederkehrt, und er ist beinahe

erstaunt, als er die dunklen Laubmassen der Ahornbäume sieht. »Ja so,« sagt

er, »was war es dann, was verwüstet wurde, wenn nicht der Garten? Hier

fehlt ja nicht einmal ein Grashälmchen. Der Tausend auch, ich selber bin

es, der fortab durch Kälte und Winter wandern muß, nicht der Garten. Es

ist, als wäre der ganze Lebensmut entflohen. Ah, du alter Narr, das geht

wohl auch vorüber, wie alles andre. Das ist doch wahrlich zu viel Aufhebens

um so ein kleines Frauenzimmerchen.«

Unsichtbare Bande: Erzählungen · 第 28 / 36 题