II

Wie ist »das« gekommen? Das, was sie nicht beim Namen zu nennen wagt.

»Das« ist wohl gekommen wie der Tau ins Gras, wie die Farbe in die Rose,

wie die Süßigkeit in die Beere, unmerklich und hold, ohne sich vorher

anzukündigen.

Es ist ja auch gleichgültig, wie »das« gekommen ist und was »das« ist. Gut

oder böse, schön oder häßlich, »das« ist das Verbotene, was es gar nicht

geben sollte. »Das« macht sie ängstlich, sündhaft, unglücklich.

An »das« will sie nie mehr denken. »Das« muß ausgerissen und

fortgeschleudert werden, und doch ist es nichts, was sich greifen und

fangen läßt. Sie verschließt sich davor, und »das« kommt doch herein. »Das«

treibt das Blut aus ihren Adern und fließt selbst darin, es treibt die

Gedanken aus dem Hirn und regiert dort, es tanzt durch die Nerven und

zittert bis in die Fingerspitzen. Es ist überall in ihr, so daß, wenn sie

alles fortnehmen könnte, woraus der Körper sonst besteht und nur »das«

übrig ließe, es einen vollen Abdruck von ihr geben würde. Und dennoch war

»das« nichts.

Nie will sie an »das« denken, und stets muß sie an »das« denken. Wie ist

sie so schlecht geworden. Und dann forscht sie und grübelt nach, wie »das«

gekommen ist.

Ach, Flaumvögelchen! Wie weich ist nicht unser Sinn und wie leicht geweckt

unser Herz!

Sie war sicher, daß »das« nicht beim Frühstück gekommen war, nein, ganz

gewiß nicht beim Frühstück.

Da war sie nur ängstlich und scheu gewesen. Es hatte sie so sehr

erschüttert, als sie zum Frühstück hinabkam und Moritz nicht vorfand, nur

Onkel Theodor und die Bergrätin.

Es war ja nur klug von Moritz gewesen, daß er auf die Jagd gegangen war,

obgleich es unmöglich schien, herauszufinden, was er jetzt zur

Mittsommerzeit jagte, wie auch die Bergrätin bemerkte. Aber er wußte

natürlich, daß er am besten tat, wenn er sich ein paar Stunden von Onkel

fern hielt, bis er wieder gut wurde. Er konnte sich ja gewiß gar nicht

denken, daß sie so schüchtern war, daß sie beinahe ohnmächtig wurde, als

sie ihn fort fand und sich selbst mit Onkel und der Bergrätin allein sah.

Moritz war nie schüchtern gewesen. Er wußte nicht, was für eine Qual das

war.

Dieses Frühstück, dieses Frühstück! Onkel hatte gleich damit angefangen,

die Bergrätin zu fragen, ob sie die Geschichte von Sigrid der Schönen

gehört habe. Er fragte nicht das Flaumvögelchen, und sie wäre auch nicht

imstande gewesen, zu antworten. Die Bergrätin kannte die Geschichte gut,

aber er erzählte sie dennoch. Da erinnerte sich Anne-Marie, daß Moritz

Onkel ausgelacht hatte, weil er in seinem ganzen Hause nur zwei Bücher

habe, und das waren die Sagen von Afzelius und Nösselts »Allgemeine

Weltgeschichte für Frauenzimmer«. »Aber die kann er auch,« hatte Moritz

gesagt.

Anne-Marie hatte die Geschichte schön gefunden. Es gefiel ihr, daß Bengt

Magnusson Perlen auf den Friesrock nähen ließ. Sie sah Moritz vor sich, wie

königlich stolz er ausgesehen haben würde, wenn er die Perlen befohlen

hätte. Das war gerade etwas, was Moritz gut angestanden hätte.

Aber als Onkel in der Geschichte dahin kam, wo erzählt wird, wie Bengt

Magnusson in den Wald ritt, um der Begegnung mit seinem erzürnten Bruder

auszuweichen und anstatt dessen seine junge Frau dem Sturm begegnen ließ,

da wurde es ganz deutlich, daß Onkel verstand, daß Moritz nur auf die Jagd

gegangen war, um seinem Zorn auszuweichen, und daß er wußte, wie sie dasaß

und daran dachte, ihn zu gewinnen. -- -- Ja, gestern, da hatten sie

freilich Pläne schmieden können, Moritz und sie, wie sie mit Onkel

kokettieren würde, aber heute war kein Gedanke daran, sie auszuführen. Ah,

nie hatte sie sich so dumm betragen! Das ganze Blut schoß ihr ins Gesicht,

und Messer und Gabel fiel mit gewaltigem Geklapper aus ihren Händen auf den

Teller.

Doch Onkel Theodor hatte kein Erbarmen gezeigt, sondern die Geschichte

fortgesetzt, bis er zu dem guten Jarlworte kam: »Hätte mein Bruder dies

nicht getan, wahrlich, ich tät es selber.« Das hatte er mit so lustigem

Tonfall gesagt, daß sie aufsehen und dem Blick seiner lachenden braunen

Augen begegnen mußte.

Und als er da die Angst aus ihren Augen starren sah, da hatte er zu lachen

angefangen wie ein richtiger Junge. »Was glauben Sie, Frau Bergrätin,«

hatte er gerufen, »daß Bengt Magnusson sich dachte, als er heimkam und das

hörte: >Hätte mein Bruder< ... ich denke, ein nächstes Mal ist er daheim

geblieben.«

Dem Flaumvögelchen traten die Tränen in die Augen, und als Onkel dies sah,

begann er immer heftiger zu lachen. »Ja, das ist eine schöne Mittlerin, die

mein Brudersohn sich da ausgesucht hat,« schien er sagen zu wollen. »Du

bist ganz aus der Rolle gefallen, mein kleines Mädchen.« Und jedesmal,

wenn sie ihn ansah, hatten die braunen Augen wiederholt: »Hätte mein Bruder

dies nicht getan, wahrlich, ich tät es selber.« Eigentlich war das

Flaumvögelchen nicht ganz sicher, ob die Augen nicht Brudersohn sagten. Und

nun denke man, wie sie sich betragen hatte. Sie hatte laut zu weinen

angefangen und war aus dem Zimmer gestürzt.

Aber nicht damals war »das« gekommen, auch nicht auf dem

Vormittagsspaziergang.

Da handelte es sich um etwas ganz andres. Da war sie ganz hingerissen vor

Freude über die schöne Besitzung und darüber, der Natur so vertraut nahe zu

sein. Es war, als hätte sie etwas wiedergefunden, was sie vor langer,

langer Zeit verloren hatte.

Bäckermamsell, Stadtmädchen, ja dafür hielt man sie. Aber sie war nun auf

einmal ein Landkind geworden, wie sie nur den Fuß auf den Kiesweg setzte.

Sie erkannte sogleich, daß sie aufs Land gehörte.

Als sie sich nur ein wenig beruhigt hatte, hatte sie sich auf eigne Faust

herausgewagt, um das Gut zu besichtigen. Sie hatte sich unten auf dem

Kiesplatz vor dem Eingang umgesehen. Und ganz von selbst war der Hut auf

den Arm gewandert, den Schal warf sie ab und begann sich hin und her zu

wiegen. Dann stemmte sie den Arm in die Hüfte und zog Luft in die Lungen

ein, daß sich die Nasenflügel zusammenzogen und es nur so pfiff.

Ach, wie beherzt hatte sie sich doch gefühlt!

Sie hatte ein paar Versuche gemacht, ruhig und sittig unten im Garten

herumzugehen, aber das hatte sie nicht gelockt. Mit einer raschen Wendung

hatte sie sich zu den großen angebauten Wirtschaftsgebäuden begeben. Sie

war einer Stallmagd begegnet und hatte ein paar Worte mit ihr gesprochen.

Sie war erstaunt zu hören, wie frisch ihre eigne Stimme klang. Sie war wie

die eines Leutnants vor der Front. Und sie fühlte, wie flott es sich

ausnahm, wie sie, den Kopf stolz erhoben und zur Seite gewandt, mit

raschen, nachlässigen Bewegungen, eine kleine sausende Gerte in der Hand,

in den Stall trat.

Der war jedoch nicht so, wie sie ihn sich gedacht hatte. Keine langen

Reihen gehörnter Wesen gab es da, denen sie imponieren konnte, denn sie

waren alle draußen auf der Weide. Ein einsames Kälbchen stand da und schien

zu erwarten, daß sie etwas für es tun sollte. Sie ging auf das Tierchen zu,

stellte sich auf die Zehenspitzen, hielt das Kleid mit der einen Hand

gerafft und berührte mit der äußersten Spitze der andern die Stirn des

Kalbes.

Da das Kalb aber nicht der Ansicht zu sein schien, daß sie genug getan

habe, sondern seine lange Zunge herausstreckte, überließ sie ihm gnädigst

ihren kleinen Finger zum Ablecken. Aber dabei hatte sie nicht umhin können,

sich umzusehen und gleichsam einen Bewunderer dieser Heldentat zu suchen.

Und da hatte sie gefunden, daß Onkel Theodor in der Stalltüre stand und

lachte.

Dann hatte er sie auf ihrem Spaziergange begleitet. Aber da kam »das« gewiß

nicht. Da war nur das höchst Merkwürdige und Seltsame eingetroffen, daß sie

vor Onkel Theodor keine Angst mehr hatte. Es war mit ihm wie mit Mutter, er

schien alle ihre Fehler und Schwächen zu kennen, und das war ein so ruhiges

Gefühl. Da brauchte man sich nicht besser zu zeigen, als man war.

Onkel Theodor hatte sie in den Garten führen wollen und zu den Terrassen am

Teich, aber das war nicht nach ihrem Geschmack. Sie wollte wissen, was in

allen diesen großen Gebäuden war.

Da ging er geduldig mit ihr in die Milchkammer und in den Eiskeller, in den

Weinkeller und in den Kartoffelkeller. Er nahm alles der Reihe nach durch

und zeigte ihr die Speisekammer und die Holzkammer und den Wagenschuppen

und die Rollkammer. Dann führte er sie durch den Stall der Arbeitspferde

und durch den der Wagenpferde, er ließ sie die Sattelkammer und das

Bedientenzimmer sehen und die Knechtestube und die Werkstatt. Sie war ein

wenig verwirrt von allen diesen Räumen, die Onkel Theodor nötig gefunden

hatte, in seinem Hause einzurichten, aber ihr Herz glühte vor Entzücken bei

dem Gedanken, wie herrlich es sein mußte, über alles das zu walten und zu

schalten, so daß sie gar nicht müde wurde, obgleich sie auch die

Schafställe und die Schweineställe durchwanderten und zu den Hühnern und

den Kaninchen hineinguckten. Sie untersuchte gewissenhaft die Webekammer

und die Molkerei, die Räucherkammer und die Schmiede, alles in wachsender

Begeisterung. Dann gingen sie über große Dachböden, Trockenböden für Wäsche

und Trockenböden für Holz, Heuböden und Böden für trocknes Laub, das die

Schafe zu fressen bekommen.

Die schlummernde Hausmutter in ihr erwachte beim Anblick aller dieser

Vollkommenheit zu Leben und Bewußtsein. Aber den tiefsten Eindruck machte

ihr das große Bräuhaus und die zwei niedlichen Backstuben mit dem weiten

Ofen und den großen Tischen.

»Das sollte Mutter sehen,« sagte sie.

Dort in der Backstube hatten sie gesessen und sich ausgeruht, und sie hatte

von daheim erzählt. Das konnte sie Onkel gegenüber so leicht. Er war schon

wie ein Freund, obgleich seine braunen Augen über alles lachten, was sie

sagte.

Daheim war es so still, kein Leben, keine Abwechslung. Sie war als Kind

kränklich gewesen, und darum behüteten die Eltern sie so, daß sie sie gar

nichts tun ließen. Nur zum Spaß durfte sie mit in der Backstube oder im

Laden sein ... Und wie sie so erzählte, war es ihr auch herausgerutscht,

daß Vater sie sein Flaumvögelchen nannte. In diesem Zusammenhange hatte sie

auch gesagt: »Zu Hause verwöhnen sie mich alle, außer Moritz, darum habe

ich ihn so lieb. Er ist so klug mit mir, er nennt mich auch nie

Flaumvögelchen, nur Anne-Marie. Moritz ist so vortrefflich.«

Ach, wie es in Onkels Augen tanzt und lacht. Sie hätte ihn mit der Gerte

schlagen können. Und sie wiederholte noch einmal mit Tränen im Halse:

»Moritz ist so vortrefflich.«

»Ja, ich weiß, ich weiß,« hatte Onkel da geantwortet. »Er soll ja mein Erbe

sein.« Worauf sie ausgerufen hatte: »Ach, Onkel Theodor, warum heiraten Sie

nicht? Denken Sie doch, wie glücklich das Mädchen sein müßte, die Frau in

einem solchen Schlosse wird?«

»Wie stände es dann mit Moritzens Erbe?« hatte Onkel ganz gleichmütig

gefragt.

Da war sie für lange Zeit ganz verstummt, denn sie konnte Onkel nicht

sagen, daß sie und Moritz nicht nach dem Erbe fragten, denn das taten sie

doch gerade. Sie grübelte, ob es sehr häßlich war, daß sie es taten. Sie

hatte plötzlich das Gefühl, als müßte sie Onkel um Verzeihung bitten für

irgendein großes Unrecht, das sie ihm angetan habe. Aber das konnte sie

auch nicht.

Als sie wieder ins Haus kamen, lief ihnen Onkels Hund entgegen. Das war ein

kleines, kleines Dingelchen auf den allerschmalsten Beinen, mit wedelnden

Ohrläppchen und Gazellenaugen, ein Nichts mit einem kleinen gellenden

Stimmchen.

»Du wunderst dich wohl, daß ich einen so kleinen Hund habe,« hatte Onkel

Theodor gesagt.

»Ja, wirklich,« hatte sie da geantwortet.

»Aber siehst du, nicht ich habe mir Jenny zum Hund gewählt, sondern Jenny

hat mich zum Herrn genommen. Willst du die Geschichte hören,

Flaumvögelchen?« Von dem Wort hatte er gleich Besitz ergriffen.

Ja, das hatte sie gewollt, obgleich sie sich denken konnte, daß wieder

irgendeine Neckerei dahinter steckte.

»Ja, siehst du, als Jenny zum ersten Male herkam, lag sie einer feinen Frau

aus der Stadt auf dem Schoße und hatte ein Deckchen auf dem Rücken und ein

Tüchlein um den Kopf. Pst, Jenny, es ist wahr, das hattest du! Und ich

dachte mir, das ist doch ein wahres Jammertierchen. Aber siehst du, als das

Hundeviehchen hier auf den Boden kam, da müssen irgendwelche

Kindheitserinnerungen in ihm erwacht sein, oder was es nun war. Es kratzte

und schlug um sich und wollte durchaus die Decke herunterzerren. Und dann

betrug sich Jenny ganz wie die großen Hunde hier, so daß wir sagten, sie

müsse ganz gewiß auf dem Lande aufgewachsen sein.

Sie legte sich draußen auf die Schwelle und warf nicht einmal einen Blick

auf das Salonsofa, und sie jagte die Hühner und stahl die Milch der Katze

und kläffte die Bettler an und fuhr den Pferden an die Beine, als Besuch

kam. Wir hatten unsre Lust und Freude daran, zu sehen, wie sie sich benahm.

Denke dir doch, solch ein kleines Ding, das nur in einem Korb gelegen hat

und auf dem Arm getragen wurde. Es war ja wunderlich. -- Und dann, weißt

du, als sie fortfahren sollten, wollte Jenny nicht mit. Sie stand auf der

Treppe und winselte so jämmerlich, und sprang an mir hinauf und bettelte

förmlich, denke dir nur, bleiben zu dürfen. So wußten wir uns keinen andern

Rat, als sie da zu lassen. Wir waren ganz gerührt über dies Hündchen, das

so klein war und doch ein richtiger Landhund sein wollte. Aber das hätte

ich doch nie geglaubt, daß ich mir noch einmal einen Schoßhund halten

würde, vielleicht bekomme ich auch noch bald eine Frau.«

O, wie schrecklich ist es doch, wenn man so schüchtern, so unerzogen ist.

Sie hätte wohl gerne wissen mögen, ob Onkel sehr erstaunt gewesen war, als

sie so ungestüm fortstürzte. Aber es war ganz, als hätte er sie gemeint,

als er von Jenny sprach. Und das hatte er vielleicht gar nicht. Aber

immerhin -- -- ja, ja, sie war so verlegen gewesen. Sie hatte nicht bleiben

können.

Aber nicht damals war »das« gekommen, nicht damals.

So war es wohl am Abend, bei dem Ball. Nie hatte sie sich noch so gut auf

einem Ball unterhalten! Aber wenn jemand gefragt hätte, ob sie viel getanzt

habe, dann hätte sie sich wohl besinnen und sagen müssen, das habe sie

nicht. Aber das war eben das beste Zeichen, wie gut sie sich unterhalten

hatte, daß sie es gar nicht merkte, daß sie ein wenig vernachlässigt worden

war.

Es war für sie schon eine solche Unterhaltung gewesen, Moritz anzusehen.

Gerade weil sie beim Frühstück ein kleines, kleines bißchen streng gegen

ihn gewesen war und gestern abend über ihn gelacht hatte, war es ihr eine

solche Freude gewesen, ihn auf dem Ball zu sehen. Nie war er ihr so schön

und so überlegen vorgekommen.

Er hatte gewiß das Gefühl gehabt, daß sie sich zurückgesetzt fühlte, weil

er nicht nur mit ihr gesprochen und getanzt hatte. Aber es hatte ihr genug

Vergnügen gemacht, zu sehen, wie beliebt Moritz bei allen war. Als ob sie

ihre Liebe zur allgemeinen Betrachtung hätte ausstellen wollen! Ah, so dumm

war das Flaumvögelchen nicht!

Moritz tanzte viele Tänze mit der schönen Elisabeth Westling. Aber das

hatte sie gar nicht beunruhigt, denn Moritz war immer wieder auf sie

zugekommen und hatte geflüstert: »Du siehst, ich kann da nicht entwischen,

wir sind Kindheitsfreunde. Und sie sind es hier auf dem Lande so gar nicht

gewöhnt, einen Kavalier zu haben, der in der großen Welt gewesen ist und

tanzen und konversieren kann. Du mußt mich heute abend schon den

Gutsbesitzerstöchtern leihen, Anne-Marie.«

Aber Onkel ging Moritz gewissermaßen aus dem Wege. »Sei du heut abend

Hausherr,« sagte er zu ihm, und das war Moritz. Er kam zu allem, er führte

den Tanz an, führte das Trinken an und hielt Reden auf die schöne Gegend

und auf die Damen. Er war großartig. Onkel sowohl wie sie hatten die Blicke

auf Moritz geheftet, und so hatten sich ihre Blicke getroffen. Da hatte

Onkel gelächelt und ihr zugenickt. Onkel war sicherlich stolz auf Moritz.

Es hatte sie vorher ein wenig bedrückt, daß Onkel seinen Neffen nicht recht

zu schätzen wußte. Gegen Morgen war Onkel recht laut und lärmend geworden.

Da hatte er sich am Tanze beteiligen wollen, aber die Mädchen wichen ihm

aus, wenn er zu ihnen kam, und taten, als wären sie schon engagiert.

»Tanze mit Anne-Marie,« hatte Moritz zu Onkel Theodor gesagt, und das hatte

natürlich ein wenig protegierend geklungen. Sie erschrak so sehr, daß sie

förmlich zusammenfuhr.

Onkel war auch verletzt, drehte sich um und ging ins Rauchzimmer.

Aber da war Moritz auf sie zugetreten und hatte mit harter, harter Stimme

gesagt:

»Du verdirbst mir aber auch alles, Anne-Marie. Mußt du so ein Gesicht

machen, wenn Onkel mit dir tanzen will? Wenn du nur wüßtest, was er mir

gestern über dich sagte. Du mußt auch etwas tun, Anne-Marie. Glaubst du,

daß es recht ist, alles mir zu überlassen?«

»Was willst du denn, daß ich tun soll, Moritz?«

»Ach, jetzt nichts, jetzt ist der Karren schon verfahren. Denke, was ich

heute abend alles gewonnen habe! Aber jetzt ist es verloren.«

»Ich bitte Onkel gern um Entschuldigung, wenn du es willst, Moritz.« Und

sie meinte es auch. Es tat ihr wirklich leid, Onkel verstimmt zu haben.

»Es wäre natürlich das einzig Richtige, aber von jemandem, der so

lächerlich schüchtern ist wie du, kann man ja nichts verlangen.«

Da hatte sie nichts geantwortet, sondern war geradeswegs in das Rauchzimmer

gegangen, das jetzt beinahe leer war. Onkel hatte sich in einen Lehnstuhl

geworfen.

»Warum wollen Sie nicht mit mir tanzen, Onkel?« hatte sie gefragt.

Onkel Theodors Augen waren zugefallen. Er schlug sie auf und sah sie lange

an. Es war der schmerzvollste Blick, dem sie je begegnet war. Sie ahnte

nun, wie einem Gefangnen zumute sein mag, wenn er an seine Fesseln denkt.

Es sah aus, als sei Onkel sehr, sehr traurig. Als brauchte er sie viel

nötiger als Moritz, denn Moritz brauchte niemanden. Er war so prächtig, wie

er war. Da legte sie ihre Hand ganz leicht und liebkosend auf Onkel

Theodors Arm.

Mit einem Male hatte er frisches Leben in den Augen. Er begann mit seiner

großen Hand ihr Haar zu streicheln. »Mütterchen,« sagte er.

Da kam »das« über sie, während er ihr Haar streichelte. Es kam geschlichen,

es kam gekrochen, es kam gehuscht und geraschelt, so wie wenn die

Heinzelmännchen durch den dunklen Wald ziehen.

Unsichtbare Bande: Erzählungen · 第 27 / 36 题