Das Flaumvögelchen

I

Ich glaube, ich sehe sie vor mir, wie sie von dannen fuhren. Ganz deutlich

sehe ich seinen steifen Zylinder mit der großen geschwungnen Krempe, so wie

man sie in den vierziger Jahren trug, seine lichte Weste und seine

Halsbinde. Ich sehe auch sein schönes, glattrasiertes Gesicht mit kleinen,

kleinen Polissons, seinen hohen steifen Kragen und die anmutige Würde in

jeder seiner Bewegungen. Er sitzt rechts in der Chaise und faßt gerade die

Zügel zusammen, und neben ihm sitzt das kleine Frauenzimmerchen. Gott segne

sie! Sie sehe ich noch deutlicher. Wie auf einem Bilde habe ich das schmale

kleine Gesichtchen vor mir und den Hut, der es umschließt und unter dem

Kinn geknüpft ist, das dunkelbraune glattgekämmte Haar und den großen Schal

mit den gestickten Seidenblumen. Aber die Chaise, in der sie fahren, hat

natürlich einen Stuhl mit grünen gedrechselten Stäbchen, und natürlich ist

es das Pferd des Gastwirts, das sie die erste Meile ziehen soll, eins von

den kleinen, fetten Braunen.

In sie bin ich vom ersten Augenblicke an verliebt gewesen. Es ist keine

Vernunft darin, denn sie ist das unbedeutendste kleine, flatternde

Dingelchen, aber alle die Blicke zu sehen, die ihr folgen, als sie

fortfährt, das hat mich gefangen. Fürs erste sehe ich, wie Vater und Mutter

ihr nachschauen, wie sie da in der Tür des Bäckerladens stehen, Vater hat

sogar Tränen in den Augen, aber Mutter hat jetzt keine Zeit zum Weinen.

Mutter muß ihre Augen benützen, um ihrem Töchterchen nachzusehen, solange

sie ihr noch winken kann. Und dann gibt es natürlich fröhliche Grüße von

den Kindern des Hintergäßchens und schelmische Blicke von allen den

niedlichen Handwerkertöchtern hinter Fenstern und Türspalten, und

träumerische Blicke von ein paar jungen Gesellen und Lehrlingen. Aber alle

nicken ihr Glückauf und Auf Wiedersehen zu. Und dann kommen unruhige Blicke

von armen alten Mütterchen, die herauskommen und knixen und die Brillen

abnehmen, um sie zu sehen, wie sie in ihrem Staat vorbeifährt. Aber ich

kann nicht sehen, daß ihr ein einziger unfreundlicher Blick folgt, nein,

nicht, so lang die Straße ist.

Als sie nicht mehr zu sehen ist, wischt sich Vater rasch mit dem Ärmel die

Tränen aus den Augen:

»Sei nur nicht traurig, Mutter!« sagt er. »Du wirst sehen, daß sie sich zu

helfen weiß. Das Flaumvögelchen, Mutter, weiß sich zu helfen, so klein es

ist.«

»Vater,« sagt Mutter mit starker Betonung, »du sprichst so seltsam. Warum

sollte Anne-Marie sich nicht zu helfen wissen? Sie ist so gut wie

irgendeine.«

»Das ist sie freilich, Mutter, aber dennoch, Mutter, dennoch. Nein,

wahrhaftig, ich wollte nicht an ihrer Stelle sein und dorthin fahren, wohin

sie jetzt fährt! Nein, wahrhaftig nicht!«

»Ei was, wohin solltest du wohl fahren, du häßlicher alter Bäckermeister,«

sagt Mutter, die sieht, daß Vater so besorgt um sein Mädchen ist, daß man

ihn mit einem kleinen Scherz aufmuntern muß. Und Vater lacht, denn das

Lachen kommt ihm ebenso leicht an wie das Weinen. Und dann gehen die Alten

wieder in den Laden.

Indessen ist das Flaumvögelchen, das kleine Flöckchen, das Seidenblütchen,

recht guten Muts, wie es da über den Weg fährt. Ein bißchen bange vor dem

Bräutigam ist sie freilich noch; aber eigentlich ist dem Flaumvögelchen vor

allen Menschen ein bißchen bange, und das kommt ihr zugute, denn darum sind

alle Menschen nur bestrebt, ihr zu zeigen, daß sie nicht so gefährlich

sind.

Nie hat sie solchen Respekt vor Moritz gehabt wie heute. Als sie das

Hintergäßchen und alle ihre Freunde hinter sich gelassen haben, findet

sie, daß Moritz förmlich zu etwas Großem anschwillt. Der Hut, der Kragen

und die Polissons werden ganz steif, und die Krawatte bläht sich. Die

Stimme wird ihm gleichsam dick im Halse und kommt nur schwer hervor. Sie

fühlt sich dabei ein klein wenig beklommen, aber es ist doch eine Pracht,

Moritz so großartig zu sehen.

Moritz ist so klug, er hat soviel zu ermahnen -- man würde es kaum glauben

können -- aber Moritz spricht ihr den ganzen Weg nur Vernunft zu. Aber seht

ihr, so ist Moritz. Er fragt das Flaumvögelchen, ob sie auch recht

versteht, was diese Reise für ihn bedeutet. Glaubt sie, daß es sich nur um

eine Lustfahrt über die Landstraße handelt? Eine sechs Meilen lange Reise

in der guten Chaise, mit dem Bräutigam daneben, das konnte freilich wie

eine richtige Lustpartie aussehen. Und man fuhr ja auf einen prächtigen

Landsitz, sollte bei einem reichen Onkel zu Gaste sein. Sie hatte wohl

geglaubt, daß das alles nur ein Spaß war, wie?

Ach, wenn er wüßte, daß sie sich gestern auf diese Fahrt unter langen

Gesprächen mit Mutter vorbereitet hatte, bevor sie sich niederlegten, und

mit einer langen Reihe ängstlicher Träume bei Nacht und mit Gebeten und

Tränen. Aber sie stellt sich ganz dumm, nur um es desto mehr zu genießen,

wie weise Moritz ist. Er liebt es, es zu zeigen, und sie gönnt es ihm gern,

ach wie gern.

»Es ist eigentlich ganz schrecklich, daß du so reizend bist,« sagt Moritz.

Denn darum hatte er sie ja lieb gewonnen, und das war doch, bei Licht

besehen, sehr dumm von ihm. Sein Vater war durchaus nicht damit

einverstanden. Und seine Mutter, er durfte gar nicht daran denken, was für

Lärm sie geschlagen hatte, als Moritz ihr mitteilte, daß er sich mit einem

armen Mädchen aus dem Hintergäßchen verlobt habe, einem Mädchen, das keine

Erziehung und keine Talente hatte und das nicht einmal schön war, nur

reizend.

In Moritzens Augen war natürlich die Tochter eines Bäckermeisters

ebensogut wie der Sohn des Bürgermeisters, aber nicht alle hatten so freie

Anschauungen wie er. Und wenn Moritz nicht seinen reichen Onkel gehabt

hätte, dann hätte wohl gar nichts aus der ganzen Sache werden können, denn

er, der nur Student war, hatte ja nichts, woraufhin er heiraten konnte.

Aber wenn sie nun Onkel für sich zu gewinnen vermochten, dann war alles

gut.

Ich sehe sie so deutlich, wie sie über die Landstraße fahren. Sie macht

eine unglückliche Miene, während sie seiner Weisheit lauscht. Aber wie

vergnügt sie ist in ihren Gedanken! Wie verständig Moritz ist! Und wenn er

davon spricht, welche Opfer er für sie bringt, dann ist das nur seine Art,

zu sagen, wie lieb er sie hat.

Und wenn sie erwartet hatte, daß er an einem solchen Tage zu zweien

vielleicht ein bißchen anders sein würde, als wenn sie daheim bei Mutter

saßen -- aber das wäre nicht recht von Moritz gewesen -- sie ist nur stolz

auf ihn.

Er erzählte ihr gerade, was Onkel für ein Mensch ist. Ein so mächtiger Mann

ist er, daß, wenn er sie nur beschützen will, sie allsogleich im Hafen des

Glücks gelandet sind. Onkel Theodor ist so unglaublich reich. Elf Hochöfen

hat er und außerdem Güter und Höfe und Grubenanteile. Und von allem dem ist

Moritz der direkte Erbe. Aber ein bißchen schwer ist Onkel zu behandeln,

wenn es jemand ist, der ihm nicht gefällt. Wenn er mit Moritzens Frau nicht

einverstanden ist, kann er alles jemandem anders hinterlassen.

Das kleine Gesichtchen wird immer farbloser und schmäler, Moritz aber wird

immer steifer und schwillt förmlich an. Es ist ja nicht viel Aussicht, daß

Anne-Marie Onkel den Kopf verdrehen kann, so wie Moritz. Onkel ist ein ganz

andrer Mann. Sein Geschmack, ja Moritz hat keine besondre Meinung von

seinem Geschmack, aber er glaubt, so irgend etwas recht Lautes, etwas

blitzend Rotes, das müßte Onkel gefallen. Außerdem ist er solch ein

eingefleischter Junggeselle -- findet, daß Frauenzimmer nur lästig sind.

Aber das einzige, was nötig ist, ist ja nur, daß sie Onkel nicht zu sehr

mißfällt. Für das übrige will Moritz schon sorgen. Aber sie darf kein

Gänschen sein. Weint sie --! Ach, wenn sie nicht mutiger aussieht, wenn sie

ankommen, dann wird Onkel ihnen beiden schnurstracks den Laufpaß geben. Sie

ist in ihrem eignen Interesse froh, daß Onkel nicht so klug ist wie Moritz.

Es kann doch wohl kein Unrecht gegen Moritz sein, zu denken, daß es gut

ist, daß Onkel ein ganz andrer Mensch ist wie er. Denn man denke, wenn

Moritz Onkel wäre, und zwei arme junge Leutchen kämen zu ihm gefahren, um

ihren Lebensunterhalt zu erbitten, dann würde ihnen Moritz, der so

verständig ist, sicherlich raten, jeder zu sich nach Hause zu fahren und

mit dem Heiraten so lange zu warten, bis sie etwas hätten, wovon sie leben

könnten. Aber Onkel war gewiß in seiner Weise schrecklich. Er trank so viel

und gab so große Feste, bei denen es ganz wild herging. Und er verstand es

gar nicht, hauszuhalten. Er konnte glauben, daß alle Menschen ihn betrogen,

und ließ sich darüber kein graues Haar wachsen. Und leichtsinnig --! Der

Bürgermeister hatte ihm durch Moritz ein paar Aktien einer Unternehmung

geschickt, die nicht recht gehen wollten, aber Onkel kaufte sie ihm

sicherlich ab, hatte Moritz gesagt. Onkel fragte nicht danach, wofür er

sein Geld verschleuderte. Er hatte schon auf dem Markte in der Stadt

gestanden und den Gassenjungen Silbermünzen hingestreut. Und in einer Nacht

ein paar tausend Reichstaler zu verspielen und seine Pfeife mit

Zehnreichstalerbanknoten anzuzünden, das gehörte zu dem Alltäglichsten, was

Onkel tat.

So fuhren sie, und so plauderten sie, während sie fuhren.

Gegen Abend kamen sie an. Onkels »Residenz«, wie er zu sagen pflegte, war

keine Fabrik. Sie lag fern von allem Kohlenrauch und allen Hammerschlägen

auf dem Abhang einer gewaltigen Anhöhe, mit einer weiten Aussicht über Seen

und langgestreckte Berge. Sie war stattlich angelegt, mit Waldwiesen und

Birkenhainen ringsherum, aber so gut wie gar keinen Feldern, denn die

Besitzung war kein Landgut, sondern ein Lustschloß.

Das junge Paar fuhr eine Allee aus Birken und Ulmen hinauf. Sie fuhren

zuletzt durch ein paar niedrige dichte Tannenhecken, und dann sollten sie

in den Hof einschwenken.

Aber gerade da, wo der Weg eine Biegung machte, war eine Triumphpforte

errichtet, und da stand Onkel mit seinen Untergebenen und grüßte. Seht, das

hätte das Flaumvögelchen niemals von Moritz glauben können, daß er ihr

einen solchen Empfang bereiten würde. Es wurde ihr gleich ganz leicht ums

Herz. Und sie faßte seine Hand und drückte sie zum Dank. Mehr konnte sie im

Augenblick nicht tun, denn sie waren mitten unter der Triumphpforte.

Und da stand er, der allbekannte Mann, der Gutsherr Theodor Fristedt, groß

und schwarzbärtig und strahlend von Wohlwollen. Er schwenkte den Hut und

rief hurra, und die ganze Volksschar rief hurra, und Anne-Marie traten die

Tränen in die Augen, und zugleich lächelte sie. Und natürlich mußten ihr

alle vom ersten Augenblick an gut sein, nur schon der Art wegen, wie sie

Moritz ansah. Denn sie dachte ja, daß sie alle seinetwegen da seien, und

sie mußte ihre Blicke von dem ganzen Staat abwenden, nur um ihn anzusehen,

wie er mit einer großen Geste den Hut abnahm und so schön und königlich

grüßte. Ach, was für einen Blick sie ihm da zuwarf! Onkel Theodor blieb

fast im Hurra stecken und geriet in einen Fluch, als er ihn sah.

Nein, das Flaumvögelchen wünschte gewiß keinem Menschen auf Erden etwas

Böses, aber wenn es wirklich so gewesen wäre, daß das Ganze Moritz gehört

hätte, so würde es wirklich gut gepaßt haben. Es war weihevoll, zu sehen,

wie er da auf der Schwelle stand und sich zu den Leuten wendete, um zu

danken. Onkel Theodor war ja auch stattlich, aber was hatte er für ein

Auftreten gegen Moritz. Er half ihr nur aus dem Wagen und nahm ihren Schal

und ihren Hut wie ein Bedienter, während Moritz den Hut von seiner weißen

Stirn lüftete und sagte: »Habt Dank, meine Kinder!« Nein, Onkel Theodor

hatte wirklich gar kein Benehmen, denn als er jetzt von seinen Onkelrechten

Gebrauch machte und sie in die Arme nahm und küßte und merkte, daß sie

mitten im Kusse Moritz ansah, da fluchte er wirklich, fluchte sehr häßlich.

Das Flaumvögelchen war es nicht gewohnt, jemanden abstoßend zu finden, aber

es würde sicherlich kein leichtes Stück Arbeit sein, Onkel Theodor zu

gefallen.

»Morgen,« sagt Onkel, »gibt es hier große Mittagsgesellschaft und Ball,

aber heute sollen sich die jungen Herrschaften von der Reise ausruhen.

Jetzt essen wir nur zu Abend, und dann gehen wir zu Bett.«

Sie werden in einen Salon geführt, und da werden sie allein gelassen. Onkel

Theodor schießt hinaus wie ein Pfeil. Fünf Minuten später fährt er in

seinem großen Wagen die Allee hinab, und der Kutscher fährt so zu, daß die

Pferde wie gespannte Riemen dem Boden entlang liegen. Es vergehen noch fünf

Minuten, aber dann ist Onkel wieder da, und jetzt sitzt eine alte Frau

neben ihm im Wagen.

Und herein kommt er, am Arme eine freundliche, gesprächige Dame führend,

die er »Frau Bergrätin« nennt. Und diese schließt Anne-Marie gleich in die

Arme, aber Moritzen begrüßt sie etwas steifer. Und das muß sie ja. Niemand

kann sich mit Moritz Freiheiten erlauben.

Auf jeden Fall ist Anne-Marie sehr froh, daß diese gesprächige alte Dame

gekommen ist. Sie und Onkel haben eine so lustige Art, miteinander zu

scherzen. Es wird ganz heimlich in dem fremden Hause.

Aber dann, als sie sich gegenseitig Gute Nacht gesagt haben, und Anne-Marie

in ihr kleines Stübchen gekommen ist, geschieht etwas so Peinliches und

Ärgerliches.

Onkel und Moritz gehen unten im Garten auf und ab, und das Flaumvögelchen

merkt, daß Moritz seine Zukunftspläne auseinandersetzt. Onkel scheint gar

nichts zu sagen, er geht nur und köpft mit seinem Stock Grashalme. Aber

Moritz wird ihn schon bald zu überzeugen wissen, daß er nichts Besseres tun

kann, als Moritz eine Verwalterstelle auf einem seiner Hammerwerke zu

geben, wenn er ihm nicht gleich ein ganzes Hammerwerk geben will. Moritz

hat so viel Sinn fürs Praktische, seit er sich verliebt hat. Er pflegt oft

zu sagen: »Ist es nicht am besten, wenn ich, da ich doch einmal ein großer

Gutsbesitzer werden soll, gleich damit anfange, mich in die Dinge

einzuarbeiten? Welchen Zweck hat es für mich, das Hofgerichtsexamen zu

machen?«

Sie gehen gerade unter ihrem Fenster, und nichts hindert sie, zu sehen, daß

sie dort sitzt, aber da sie sich nicht darum bekümmern, kann niemand

verlangen, daß sie nicht hören soll, was sie sagen. Es ist wirklich

ebensosehr ihre Angelegenheit wie die von Moritz.

Da bleibt Onkel Theodor plötzlich stehen, und er sieht böse aus. Er sieht

ganz wütend aus, findet sie, und sie ist nahe daran, Moritz zuzurufen, er

möge sich in acht nehmen. Aber es ist zu spät, denn schon hat Onkel Theodor

Moritz an der Brust gepackt, sein Jabot zerknittert und schüttelt ihn so,

daß er sich windet wie ein Aal. Dann schleudert er ihn mit solcher Kraft

von sich, daß Moritz nach rückwärts stolpert und gefallen wäre, wenn er

sich nicht an einen Baum gestützt hätte. Und da bleibt nun Moritz stehen

und sagt: »Wie?« Ja, was sollte er wohl sonst sagen?

Ah, nie hat sie Moritzens Selbstbeherrschung so bewundert. Er stürzt sich

nicht auf Onkel Theodor, um mit ihm zu kämpfen. Er sieht nur ruhig

überlegen aus, nur unschuldig erstaunt. Sie versteht, daß er sich

beherrscht, damit die ganze Reise nicht fruchtlos ist. Er denkt an sie und

beherrscht sich.

Armer Moritz, es stellt sich heraus, daß Onkel um ihretwillen auf ihn böse

ist. Er fragt, ob Moritz nicht weiß, daß sein Onkel Junggeselle ist und

sein Haus ein Junggesellenhaus, daß er seine Braut hergebracht hat, ohne

ihre Mutter mitzunehmen, ihre Mutter! Das Flaumvögelchen ist für Moritz

beleidigt. Mutter hat es sich doch selbst verbeten und gesagt, daß sie die

Bäckerei nicht verlassen könne. Das antwortet auch Moritz, aber sein Onkel

läßt keine Entschuldigungen gelten. -- Na, und die Bürgermeisterin, die

hätte ihrem Sohn wohl den Gefallen tun können. Ja, wenn sie zu hochmütig

war, dann hätten sie lieber da bleiben können, wo sie waren. Was würden sie

denn jetzt angefangen haben, wenn die Bergrätin nicht hätte kommen können?

Und wie konnten denn überhaupt Bräutigam und Braut so zu zweien durchs Land

ziehen! -- So, so, Moritz sei nicht gefährlich. Nein, das hatte er auch nie

geglaubt, aber die Zungen der Leute sind gefährlich. -- Na, und dann

schließlich noch die Chaise, dieser alte Rumpelkasten. Hatte Moritz nicht

das lächerlichste Vehikel in der ganzen Stadt aufgestöbert? Das Kind sechs

Meilen in einer Chaise zu rütteln, und ihn, Onkel Theodor, eine

Triumphpforte für solch einen Leiterwagen errichten zu lassen! --

Wahrhaftig, er hatte nicht übel Lust, ihn ordentlich bei den Ohren zu

nehmen! Onkel Theodor für solch einen alten Karren hurra rufen zu lassen!

Er dort unten treibt es gar zu bunt. Sie bewundert Moritz, der allem dem so

ruhig standhält. Sie hätte eigentlich nicht übel Lust, sich hineinzumischen

und Moritz zu verteidigen, aber sie glaubt nicht, daß es ihm recht wäre.

Und bevor sie einschläft, liegt sie da und rechnet sich vor, was sie alles

hätte sagen wollen, um Moritz zu verteidigen. Dann schläft sie ein und

fährt wieder auf, und im Ohr klingt ihr ein altes Rätsel:

Es steht ein Hund auf einem Stein

Und bellt wohl in das Land hinein.

Er hieß wie du, wie er, wie sie.

Wie hieß er doch, so sag doch wie!

Wie hieß der Hund?

Der Hund hieß Wie.

Das Rätsel hatte sie als Kind oft geärgert, solch dummer Hund. Aber jetzt

im Halbschlummer vermengt sie den Hund »Wie« mit Moritz, und es kommt ihr

vor, daß der Hund seine weiße Stirn hat. Dann lacht sie. Das Lachen kommt

ihr ebenso leicht an wie das Weinen. Das hat sie von Vater geerbt.

Unsichtbare Bande: Erzählungen · 第 26 / 36 题