Freundlich und zufrieden lag das kleine Städtchen unter seinem roten Berg
da. Es war so in Grün eingebettet, daß der Kirchturm noch gerade daraus
hervorragte. Garten an Garten kletterte auf schmalen Terrassen die Anhöhen
hinan, und wenn sie nach dieser Richtung nicht weiter konnten, stürzten sie
sich mit Sträuchern und Bäumen quer über die Straße und breiteten sich
zwischen den zerstreuten Häusern und dem schmalen Erdstreif darunter aus,
bis der breite Fluß ihnen Halt gebot.
In der Stadt war es ganz still und stumm. Kein Mensch war zu sehen, nur
Bäume und Sträucher und hie und da ein Haus. Das einzige Geräusch, das man
hörte, war das Rollen der Kugel über die Kegelbahn, und das klang wie
ferner Donner an einem Sommertag. Es gehörte mit zu der Stille.
Doch jetzt knirschte das holprige Steinpflaster des Marktes unter
genagelten Absätzen. Der Laut grober Stimmen schlug an die Wand des
Rathauses und der Kirche, hallte vom Berg wider und eilte unbehindert die
lange Straße hinab. Vier Wanderer störten die Vormittagsruhe.
Ach, die süße Stille, der jahrelange Feierfriede! Wie erschraken sie! Man
konnte förmlich sehen, wie sie die Bergpfade hinaufflüchteten.
Einer der Lärmenden, die in das Städtchen einbrachen, war Peter Nord, der
Junge aus Wermland, der vor sechs Jahren des Diebstahls bezichtigt aus der
Stadt geflohen war. Die mit ihm gingen, waren drei Tagediebe aus der großen
Handelsstadt, die nur ein paar Meilen entfernt lag.
Wie war es dem kleinen Peter Nord ergangen? Gut war es ihm ergangen. Er
hatte den allervernünftigsten Freund und Begleiter gefunden.
Als er an jenem dunklen, regenschweren Februarmorgen aus dem Städtchen
fortlief, da sangen und klangen die Polkamelodien ihm im Ohre. Und eine von
ihnen war hartnäckiger als alle andern.
Es war die, die sie alle beim großen Rundtanz gesungen hatten:
Nun ist es wieder Weihnachtsfest,
Ja, ja, Weihnachtsfest.
Und dann ist Ostern nicht mehr weit,
Doch leider, leider ists nicht so,
Nein, nein, ists nicht so,
Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.
Das hörte der kleine Flüchtling so deutlich, so deutlich. Und damit drang
die Weisheit, die in dem alten Reigen verborgen liegt, in den kleinen
genußsüchtigen Wermländerjungen ein, drang in jede Fiber, vermischte sich
mit jedem Blutstropfen, nistete sich in Hirn und Mark ein. So ist es, so
ist es gemeint ... Zwischen Weihnachten und Ostern, zwischen den Festen der
Geburt und des Todes kommt die Fastenzeit des Lebens. Vom Leben soll man
nichts verlangen. Es ist eine arme kalte Fastenzeit. Man darf ihm nie
glauben, wie es sich auch verstellen mag. Im nächsten Augenblick ist es
wieder grau und häßlich. Kann nichts dafür, das arme Ding, versteht es
nicht besser!
Und Peter Nord war beinahe stolz, daß er dem Leben sein tiefstes Geheimnis
abgelauscht hatte.
Und er glaubte, die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit in Bettlergestalt, die
Aschenrute in der Hand, über die Erde schleichen zu sehen. Und er hörte,
wie sie ihn anknurrte: »Du wolltest das Fest der Freude und der fröhlichen
Laune mitten in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Darum soll
Schimpf und Schande dein Los sein, bis du dich besserst.«
Aber er hatte sich gebessert, und Frau Fastenzeit hatte ihn beschützt. Er
hatte nicht weiter als bis in die große Handelsstadt fliehen müssen, denn
er wurde gar nicht verfolgt. Und dort im Arbeiterviertel hatte Frau
Fastenzeit ihre sichre Wohnstatt. Peter Nord wurde Arbeiter in einer
Fabrik. Er wurde stark und energisch. Er wurde ernst und sparsam. Er hatte
schmucke Sonntagskleider, er erwarb sich einige Kenntnisse, er lieh sich
Bücher aus und ging zu Vorträgen. Eigentlich war von dem kleinen Peter
Nord nichts mehr übrig als das flachsblonde Haar und die braunen Augen.
Diese Nacht hatte etwas in ihm geknickt, und die schwere Arbeit in der
Fabrik machte den Riß immer größer, so daß der närrische Wermländer dadurch
ganz herausschlüpfen konnte. Er schwätzte kein dummes Zeug mehr, denn in
der Fabrik war das Sprechen verboten, und dadurch gewöhnte er sich das
Schweigen an. Er machte keine Erfindungen mehr, denn seit er im Ernst
Federn und Räder zu bedienen hatte, machten sie ihm keinen Spaß mehr. Er
verliebte sich nicht, denn die Frauen des Arbeiterviertels konnten ihn
nicht mehr fesseln, seit er die Schönheiten des Städtchens kennen gelernt
hatte. Er hatte keine Mäuse, keine Eichhörnchen mehr und nichts, womit er
spielen konnte. Er hatte keine Zeit, er sah ein, daß derlei nur unnütz war,
und er dachte mit Entsetzen an die Zeit, wo er sich noch mit Gassenjungen
gebalgt hatte.
Peter Nord glaubte nicht, daß das Leben anders sein könnte als grau, grau,
grau. Peter Nord langweilte sich immer, aber er war selbst so sehr daran
gewöhnt, daß er es gar nicht merkte. Peter Nord war stolz auf sich selbst,
weil er so tugendhaft geworden war. Er datierte seine Einkehr von der
Nacht, da der Frohsinn ihn verließ und Frau Fastenzeit seine Begleiterin
und Freundin ward.
Doch wie konnte der tugendhafte Peter Nord mitten an einem Arbeitstag in
das Städtchen kommen, begleitet von drei Strolchen, die schmutzig und
versoffen aussahen?
Er war doch immer ein guter Junge gewesen, der arme Peter Nord. Und diesen
drei Strolchen hatte er immer zu helfen versucht, so gut er es konnte,
obwohl er sie verachtete. Er hatte ihnen Holz in ihre elende Baracke
gebracht, wenn der Winter sehr hart war, und er hatte ihre Kleider gestopft
und geflickt. Diese Kerle hielten wie Brüder zusammen, hauptsächlich weil
sie alle drei Peter hießen. Dieser Name vereinte sie fester, als wenn sie
wirklich Geschwister gewesen wären. Und nun litten sie es um dieses Namens
willen, daß der Knabe ihnen Freundschaftsdienste erwies, und wenn sie am
Abend ihren Grog in Ordnung hatten und bequeme Stellungen auf den
Holzstühlen einnahmen, warteten sie ihm, der dasaß und die grinsenden
Löcher ihrer Strümpfe stopfte, mit Galgenhumor und abenteuerlichen Lügen
auf. Das schien Peter Nord Vergnügen zu machen, obgleich er es nicht
zugestehen wollte. Diese Kerle waren jetzt für ihn beinahe dasselbe, was
einstmals in der Welt die Mäuse gewesen waren.
Nun geschah es, daß diesen Strolchen allerlei Klatsch aus der kleinen Stadt
zu Ohren kam. Und nun nach sechs Jahren brachten sie Peter Nord die
Nachricht, daß Halfvorson ihm die fünfzig Kronen absichtlich hingelegt
hatte, um ihn als Zeugen unmöglich zu machen. Und ihre Meinung war, daß
Peter in das Städtchen ziehen und Halfvorson eine Tracht Prügel geben
sollte.
Aber Peter Nord war klug und besonnen und mit der Weisheit dieser Welt
ausgerüstet. Er wollte sich durchaus nicht auf so etwas einlassen.
Die drei Peter verbreiteten die Geschichte im ganzen Arbeiterviertel. Alle
Leute sagten zu Peter Nord: »Geh hin und prügle Halfvorson durch, dann
wirst du ins Loch gesteckt, und es gibt einen Prozeß und die Sache kommt in
die Zeitungen, und der Kerl ist vor dem ganzen Lande blamiert.«
Aber Peter Nord wollte nicht. Es konnte ja recht vergnüglich sein, aber
Rache ist ein teurer Spaß, und Peter Nord wußte, wie arm das Leben ist. Das
Leben gestattet solche Belustigungen nicht.
Da waren die drei Strolche eines Morgens in aller Frühe zu ihm gekommen und
hatten gesagt, jetzt wollten sie an seiner Statt gehen und Halfvorson
durchbläuen, denn »Recht müsse Recht bleiben«, sagten sie.
Und Peter Nord hatte versprochen, sie alle drei totzuschlagen, wenn sie
auch nur einen Schritt nach dem Städtchen gingen.
Da hielt der eine von ihnen, der klein und untersetzt war und der lange
Peter hieß, Peter Nord eine Rede.
»Diese Erde,« sagte er, »ist ein Apfel, der an einem Faden über einem Feuer
hängt, um gebraten zu werden. Mit dem Feuer meine ich die Hölle, Peter
Nord. Und der Apfel muß nahe am Feuer hängen, um süß und weich zu werden,
aber wenn der Faden reißt und der Apfel in das Feuer fällt, so ist er
verdorben. Darum ist der Faden eine sehr wichtige Sache, Peter Nord. Weißt
du, was mit dem Faden gemeint ist?«
»Ich denke, es muß ein Drahtseil sein,« sagte Peter Nord.
»Mit dem Faden meine ich die Gerechtigkeit,« sagte der lange Peter mit
düsterm Ernst. »Wenn auf der Erde nicht Gerechtigkeit geschieht, so purzelt
alles in das Feuer. Darum darf sich der Rächer der Pflicht zu strafen nicht
entziehen, oder, wenn er nicht will, müssen andre gehen.«
»Es ist das letzte Mal, daß ich euch einen Grog spendiert habe,« sagte
Peter Nord, gänzlich unberührt von der Rede.
»Ja, da hilft nichts,« sagte der lange Peter, »Gerechtigkeit muß sein.«
»Wir tun es nicht, um Dank von dir zu ernten, sondern damit der ehrliche
Name Peter nicht in Verruf kommt,« sagte der eine, der Rollpeter hieß und
lang und mürrisch war.
»So, so, ist der Name so hochgeachtet?« sagte Peter Nord wegwerfend.
»Ja, und es ist eine kitzlige Sache, daß sie nun überall in den Gasthäusern
sagen, du hättest die fünfzig Kronen doch wohl stehlen wollen, da du nun
nicht haben willst, daß der Kaufmann bestraft wird.«
Dieses Wort traf tief. Peter Nord sprang auf und sagte, nun wolle er gehen
und den Kaufmann durchpeitschen.
»Ja, und wir kommen mit und helfen dir,« sagten die Strolche.
Und so zogen sie vier Mann hoch in das Städtchen. Anfangs war Peter Nord
mürrisch und grämlich und zorniger über seine Freunde, als über seinen
Feind. Doch als er zu der Flußbrücke kam und die Stadt sah, war er ganz
verwandelt. Es war, als wäre er dort einem kleinen weinenden Flüchtling
begegnet und in diesen hineingeschlüpft. Und je heimischer er in dem alten
Peter Nord wurde, desto mehr ward es ihm bewußt, welches blutige Unrecht
der Kaufmann ihm angetan hatte. Nicht genug damit, daß er ihn hatte
verlocken und ins Unglück stürzen wollen, nein, noch schlimmer, er hatte
ihn aus dieser Stadt vertrieben, wo Peter Nord all sein Lebtag hätte Peter
Nord bleiben können. Ach, wie fröhlich hatte er es doch damals gehabt. Wie
lustig und vergnügt war er gewesen, wie hatte doch sein Herz offengestanden
und wie schön war die Welt gewesen! Herrgott, wenn er doch nur hier hätte
weiterleben können! Und er dachte an sich selbst, so wie er jetzt war --
schweigsam und langweilig, ernst und arbeitsam --, ganz wie an einen
verlornen Menschen.
Nun packte ihn ein wahnsinniger Groll gegen Halfvorson, und statt wie
früher hinter den Kameraden einherzugehen, schoß er an ihnen vorbei.
Aber die Strolche, die nicht nur gekommen waren, um Halfvorson zu strafen,
sondern um überhaupt ihrer Wut Luft zu machen, wußten kaum, was sie
beginnen sollten. Hier war für einen gereizten Mann nichts zu tun. Es gab
keinen Hund, den man hetzen, keinen Straßenkehrer, mit dem man Krakeel
anfangen, keinen feinen Herrn, dem man ein Schimpfwort nachschleudern
konnte.
Das Jahr war noch nicht weit vorgeschritten, gerade so weit, daß der
Frühling eben in den Sommer überging. Es war die weiße Zeit der
Kirschblüten, wo Fliedertrauben hohe, rundbeschnittene Büsche schmücken und
die Apfelblüten duften. Diese Männer, die unmittelbar von der Straße und
vom Hafen in das Reich der Blumen gekommen waren, fühlten sich wunderlich
davon berührt. Drei Paar Fäuste, die bisher entschlossen geballt waren,
lösten sich, und drei Paar Absätze donnerten weniger hart gegen das
Pflaster.
Vom Markte aus sahen sie einen Fußpfad, der sich die Hügel
hinanschlängelte. Ihm entlang wuchsen junge Kirschbäume, die mit ihren
weißen Kronen Bogen und Wölbungen bildeten. Die Wölbungen waren schwebend
leicht, und die Zweige unsagbar schwach, alles zart, fein und kindlich.
Dieser Kirschenweg zog die Blicke der Männer auf sich. Was war dies doch
für ein unpraktisches Nest, wo man Kirschbäume dahin pflanzte, wo jedweder
die Kirschen nehmen konnte. Die drei Peter hatten die Stadt bisher als
einen Herd der Ungerechtigkeit betrachtet, voll Grausamkeit und Tyrannei.
Jetzt begannen sie sie auszulachen und ein wenig zu verachten.
Aber der vierte im Bunde lachte nicht. Seine Rachsucht loderte immer wilder
auf, denn er fühlte es, dies war die Stadt, wo er hätte wohnen und wirken
sollen. Dies war sein verlornes Paradies. Und ohne nach den andern zu
fragen, ging er rasch die Straße hinauf.
Sie folgten nach, und als sie merkten, daß es hier nur eine Straße gab, und
als sie dieser entlang nur Blumen und wieder Blumen sahen, steigerte sich
ihre Verachtung und ihre Heiterkeit. Es geschah vielleicht zum erstenmal in
ihrem Leben, daß sie Blumen Aufmerksamkeit schenkten, aber hier konnten sie
nicht anders, denn die Fliedertrauben fegten ihnen die Mützen vom Kopf,
und die Blätter der Kirschblüten regneten auf sie herab.
»Was glaubt ihr, was mögen wohl in dieser Stadt für Leute wohnen?« fragte
der lange Peter nachdenklich.
»Bienen,« antwortete sogleich der Holzschuhpeter, der seinen Namen daher
hatte, daß er einmal mit einem Holzschuhmacher in demselben Hause gewohnt
hatte.
Natürlich bekamen sie allmählich einige Menschen zu Gesicht. An den
Fenstern, hinter blanken Scheiben und weißen Gardinen, zeigten sich ein
paar schöne junge Gesichter, und sie sahen Kinder auf den Terrassen
spielen. Aber kein Lärm störte die Stille. Es kam ihnen vor, als könnte
selbst die Posaune des Jüngsten Gerichts diese Stadt nicht wecken. Was
sollten sie hier anfangen!
Sie gingen in einen Laden und kauften Bier. Da stellten sie mit rauher
Stimme mehrere Fragen an den Kaufmann. Sie fragten, ob die Feuerwehr ihre
Spritze in Ordnung habe und wie es wohl mit dem Schwengel der Kirchenglocke
stände für den Fall, daß es zum Sturmläuten kommen sollte.
Dann tranken sie das Bier auf der Straße aus und warfen die Flaschen fort.
Eins, zwei, drei, alle Flaschen an denselben Eckstein, ein Krachen und
Klirren, und alle Scherben flogen ihnen um die Ohren. Es tat ihnen förmlich
wohl, wieder ein bißchen Lärm zu machen.
Da hörten sie hinter sich Schritte, wirkliche Schritte, Stimmen, harte,
deutliche Stimmen, Lachen, lautes Lachen und dazu ein Klirren wie von
Metall. Sie stutzten und zogen sich in einen Torweg zurück. Das klang wie
eine ganze Kompanie.
Das war es auch. Aber eine Kompanie von jungen Mädchen. Die Dienstmägde der
Stadt zogen in gesammeltem Trupp auf die Stadtweiden, um die Kühe zu
melken.
Das machte auf diese Großstädter, diese Weltbürger, den stärksten
Eindruck. Dienstmädchen mit Milcheimern. Das war beinahe rührend!