Peter Nord und Frau Fastenzeit

I

So traulich wie ein Heim steht das kleine Städtchen vor mir. Es ist so

klein, daß ich alle seine Winkel und Ecken kennen lernen, mit jedem Kinde

gut Freund werden und alle Hunde beim Namen rufen konnte. Wer über die

Straße ging, wußte, bei welchem Fenster er den Blick aufschlagen mußte, um

ein schönes Gesicht hinter der Scheibe zu erblicken, und wer durch den

Stadtpark wanderte, kannte die Zeit, wann er da gehen mußte, um die Person

zu treffen, die er treffen wollte.

Auf die schönen Rosen im Nachbargarten war man fast ebenso stolz, als wenn

sie im eignen gestanden hätten. Geschah etwas, was kleinlich oder

gewöhnlich war, so schämte man sich, als wäre es in der eignen Familie

passiert, aber bei dem allergeringsten Ereignis, einer Feuersbrunst oder

einer Marktschlägerei, brüstete man sich und sagte: »Seht nur, welches

Gemeinwesen! Geschehen solche Dinge anderswo? Welche wunderbare Stadt!«

Und in dieser meiner geliebten Stadt verändert sich nichts. Komme ich

wieder einmal hin, so werde ich dieselben Häuser und Kaufläden

wiederfinden, die ich von altersher kenne, dieselben Gruben im

Steinpflaster werden mich zu Fall bringen, dieselben steifen Lindenhecken,

dieselben rundgeschnittenen Fliedersträucher meinen bewundernden Blick

fesseln. Wieder werde ich sehen, wie der alte Ratsherr, der die ganze Stadt

regiert, mit elefantenschweren Schritten die Straße hinabgewandert kommt.

Patriarch und Vorsehung, welch ein Gefühl der Sicherheit hat man nicht,

wenn man dich so wandern sieht! Und der taube Halfvorson wird noch immer in

seinem Garten umhergehen und graben, während seine wasserklaren Augen

suchend starren, als wollten sie sagen: »Alles, alles haben wir

durchforscht, jetzt Erde, wollen wir uns bis in dein Innerstes bohren.«

Aber wer nicht mehr da sein wird, das ist der kleine runde Peter Nord. Ihr

wißt doch, der kleine Wermländer, der in Halfvorsons Kramladen stand, er,

der die Kunden mit seinen kleinen mechanischen Erfindungen und seinen

weißen Mäusen unterhielt. Von ihm ist eine ganze Geschichte zu erzählen.

Über alles und alle in der Stadt gibt es Geschichten. Nirgends geschehen so

wunderliche Dinge.

Er war ein Bauernjunge, der kleine Peter Nord. Er war klein und rund, er

war braunäugig und hatte ein lachendes Gesicht. Sein Haar war heller als

Birkenlaub im Herbst, die Wangen waren rot und flaumig. Und ein Wermländer

war er. Niemand, der ihn sah, konnte glauben, daß er aus einem andern Lande

komme. Mit prächtigen Eigenschaften hatte ihn die treffliche Heimat

ausgerüstet. Hurtig war er bei seiner Arbeit, rasch mit den Fingern, flink

mit der Zunge, klar im Kopfe. Und dazu ein Narr, gutmütig und hoch hinaus,

gefällig und streitlustig, neugierig und plapperhaft. Der Tollkopf, er war

nicht imstande, einem Bürgermeister größre Ehrfurcht zu zeigen, als einem

Bettler. Aber Herz hatte er, verliebt war er jeden zweiten Tag, und die

ganze Stadt zog er ins Vertrauen.

Die Arbeit im Laden verrichtete dieses glücklich veranlagte Kind in

irgendeiner übernatürlichen Weise. Die Kunden wurden bedient, während er

die weißen Mäuse fütterte. Geld wurde gewechselt und gezählt, während er

seine kleinen, selbstgehenden Wagen mit Rädern versah. Und indes er den

Kunden von seiner allerletzten Verliebtheit erzählte, ließ er das Litermaß

nicht aus den Augen, aus dem der braune Sirup sich sachte herabringelte.

Und es machte den bewundernden Zuhörern Spaß, zu sehen, wie er plötzlich

über den Ladentisch sprang und auf die Straße stürzte, wo er mit einem

vorbeigehenden Gassenjungen einen Strauß ausfocht, um dann mit ruhiger

Stirn in den Laden zurückzukehren und den Knoten an einem Paket zu knüpfen

oder ein Stück Stoff fertig zu messen.

War es nicht natürlich, daß er der Günstling der ganzen Stadt wurde? Wir

fühlten uns alle verpflichtet, bei Halfvorson einzukaufen, seit Peter Nord

hingekommen war. Und selbst der alte Ratsherr war stolz, wenn Peter Nord

ihn in eine dunkle Ecke zog und ihm den Käfig mit den weißen Mäusen zeigte.

Es war sehr spannend und aufregend, die Mäuse zu zeigen, denn Halfvorson

hatte ihm verboten, sie im Laden zu halten.

Da aber kamen mitten in dem heller werdenden Februar ein paar trübe Tage

mit nebligem Tauwetter. Peter Nord wurde auf einmal ernst und still. Er

ließ die weißen Mäuse ihren Drahtkäfig benagen, ohne sie zu füttern. Er

versah seine Obliegenheiten tadellos. Er balgte sich nicht mit den

Gassenjungen. Konnte Peter Nord es vielleicht nicht vertragen, daß das

Wetter umgeschlagen hatte?

Ach nein, die Sache war die, daß er einen Fünfzigkronenschein oben auf

einem der Wandbretter gefunden hatte. Er hatte geglaubt, daß er mit einem

Stoffballen hinaufgeschleudert worden war, und ganz unbemerkt hatte er ihn

unter einen Pack gestreiften Kattun geschoben, der damals unmodern war und

nie von den Wandbrettern heruntergenommen wurde.

Der Knabe hegte in seinem Herzen einen unbändigen Groll gegen Halfvorson,

der ihm eine ganze Mäusefamilie totgeschlagen hatte, und nun wollte er sich

rächen. Noch sah er die weiße Mutter mitten unter ihren hilflosen Jungen

vor sich. Sie hatte keinen einzigen Versuch gemacht zu fliehen, sondern war

in unerschütterlichem Heldenmut auf ihrem Platz liegen geblieben und hatte

den herzlosen Mörder aus roten brennenden Augen angestarrt. Verdiente

dieser nicht auch eine angstvolle Stunde? Peter Nord wollte sehen, wie er

totenbleich aus dem Kontor stürzte und nach dem Fünfzigkronenschein suchte.

Er wollte dieselbe Angst in seinen wasserklaren Augen sehen, die er in den

granatroten der weißen Maus erblickt hatte. Der Krämer sollte nur suchen,

er sollte den ganzen Laden umkehren, bevor Peter Nord ihn die Banknote

finden ließ.

Aber der Fünfzigkronenschein blieb den ganzen Tag in seinem Versteck

liegen, ohne daß jemand danach fragte. Er war ganz neu, bunt und leuchtend

und hatte die Zahl Fünfzig groß in allen Ecken. Wenn Peter Nord allein im

Laden war, lehnte er eine Leiter an die Regale und kletterte zu dem

Kattunballen hinauf. Dann zog er den Fünfzigkronenschein hervor, entfaltete

ihn und bewunderte seine Schönheit. Mitten im eifrigsten Handeln konnte er

Angst bekommen, daß dem Fünfzigkronenschein etwas zugestoßen sei. Dann tat

er, als suchte er etwas auf dem Wandbrett und tastete unter dem

Kattunballen herum, bis er den glatten Schein unter seinen Fingern rascheln

fühlte.

Dieser Schein hatte mit einem Male eine übernatürliche Gewalt über ihn

erlangt. Ob wohl etwas Lebendiges darin war? Die von breiten Ringen

umgebenen Zahlen waren wie saugende Augen. Der Knabe küßte sie alle und

flüsterte. »Solche wie du möchte ich viele haben, furchtbar viele.«

Er begann sich allerlei Gedanken über den Schein zu machen, und darüber,

daß Halfvorson nicht danach fragte. Vielleicht gehörte er gar nicht

Halfvorson? Vielleicht lag er schon lange im Laden? Vielleicht hatte er

überhaupt keinen Besitzer mehr?

Gedanken sind ansteckend. -- Beim Abendbrot hatte Halfvorson angefangen,

von Geld und Geldmenschen zu sprechen. Er erzählte Peter Nord von allen den

armen Jungen, die Reichtümer gesammelt hatten. Er begann mit Whittington

und schloß mit Astor und Jay Gould. Halfvorson kannte ihre ganze

Geschichte, er wußte, wie sie gestrebt und entbehrt, was sie erfunden und

gewagt hatten. Er wurde ganz beredt, als er auf alles dies kam. Er

durchlebte die Leiden der jungen Geldmenschen, er begleitete sie bei ihren

Erfolgen, er jubelte bei ihrem Sieg. Peter Nord hörte ganz gespannt zu.

Halfvorson war vollkommen taub, aber dies war kein Hindernis für ein

Gespräch, denn er las einem alles, was man sagte, von den Lippen ab.

Hingegen konnte er seine eigne Stimme nicht hören. Die rollte darum so

wunderlich eintönig dahin, wie das Tosen eines fernen Wasserfalls. Aber

diese wunderliche Art zu sprechen bewirkte es, daß alles, was er sagte,

einem im Ohr nachhallte, so daß man es viele Tage nicht abschütteln konnte.

Armer Peter Nord!

»Was unumgänglich notwendig ist, um reich zu werden,« sagte Halfvorson,

»das ist der Heckepfennig. Aber den kann man nicht verdienen. Merke dir,

den haben alle auf der Straße gefunden, oder zwischen dem Futter und dem

Oberstoff eines Rockes, den sie auf einer Auktion gekauft haben, oder sie

haben ihn im Spiel gewonnen, oder von einer schönen und barmherzigen Dame

als Almosen bekommen. Aber nachdem sie im Besitze dieser gesegneten Münze

waren, ist ihnen alles geglückt. Der Geldstrom sprudelte daraus hervor wie

aus einer Quelle. Das erste, was nottut, Peter Nord, das ist der

Heckepfennig.«

Halfvorsons Stimme klang immer dumpfer und dumpfer. Der junge Peter Nord

saß wie betäubt da und sah eitel Gold vor sich. Auf dem Tuche des Eßtisches

stapelten sich Haufen von Dukaten auf, auf dem Fußboden wogte es weiß von

Silber, und die wirren Muster der schmutzigen Tapeten verwandelten sich in

Bankscheine, groß wie Tischtücher. Aber gerade vor seinen Augen flatterte

die Zahl Fünfzig, von breiten Ringen umgeben, und lockte ihn wie die

schönsten Augen. »Wer weiß,« lächelten die Augen, »vielleicht ist der

Fünfzigkronenschein droben auf dem Wandbrett solch ein Heckepfennig?«

»Merke nun wohl,« sagte Halfvorson, »nächst dem Heckepfennig sind noch zwei

Dinge für den notwendig, der es weit bringen will. Arbeit, eisenharte

Arbeit, Peter Nord, heißt das eine Ding; und das andre heißt Verzicht.

Verzicht auf Liebe und Spiel, auf Plaudern und Lachen, auf den

Morgenschlummer und den Abendspaziergang. Wahrlich, wahrlich, zwei Dinge

sind notwendig für den, der das Glück erobern will. Arbeit heißt das eine,

und das andre Verzicht.«

Peter Nord sah aus, als wenn er weinen wollte. Freilich wollte er reich,

freilich wollte er glücklich werden, aber das Glück sollte nicht so

ängstlich kommen, nicht so sauer erworben sein. Ganz von selbst sollte sie

sich einstellen, Frau Fortuna. Wenn Peter Nord sich gerade mit den

Gassenjungen balgte, dann sollte die edle Dame ihre Sänfte an der Ladentür

halten lassen und dem Wermlandjungen den Platz an ihrer Seite anbieten.

Aber jetzt grollte Halfvorsons Stimme noch immer in seinen Ohren. Sein

ganzes Hirn ward davon erfüllt. Er glaubte nichts andres, wußte nichts

andres. Arbeit und Verzicht, Arbeit und Verzicht, das war das Leben und des

Lebens Ziel. Er begehrte nichts andres, er wagte nicht zu glauben, daß er

sich je etwas andres gewünscht hatte.

Am nächsten Tage getraute er sich gar nicht, den Fünfzigkronenschein zu

küssen, er wagte es nicht einmal, ihn anzusehen. Er war still und gedrückt,

ordentlich und fleißig. Alle seine Obliegenheiten versah er so tadellos,

daß jeder merken konnte, daß etwas mit ihm los sein mußte. Der alte

Ratsherr hatte Mitleid mit dem Jungen und tat, was er konnte, um ihn zu

trösten.

»Gehst du heute abend auf den Fastnachtsball?« fragte der Alte. »So, so,

nein? Ja, dann will ich dich einladen, Peter Nord. Und laß mich sehen, daß

du hinkommst, sonst erzähle ich Halfvorson, wo du deinen Mäusekäfig hast.«

Peter Nord seufzte und versprach, auf den Ball zu gehen.

Fastnachtsball, man denke, daß Peter Nord auf den Fastnachtsball sollte.

Peter Nord sollte alle schönen Damen der Stadt sehen, fein, weiß gekleidet,

blumengeschmückt. Aber Peter Nord durfte natürlich mit keiner einzigen von

ihnen tanzen. Nun, das war ihm auch einerlei. Er war nicht in der Laune zu

tanzen.

Auf dem Balle lehnte er in einer Tür und machte nicht einen Schritt zum

Tanze. Einige hatten ihn zu überreden versucht, aber er war standhaft

gewesen und hatte nein gesagt. Er könne diese Tänze nicht. Auch würde keine

von diesen feinen Damen mit ihm tanzen wollen. Er war allzu gering für sie.

Aber wie er so dastand, begann es in seinen Augen zu funkeln und zu

leuchten, und er fühlte, wie die Freude durch alle Glieder zuckte. Es kam

von der Tanzmusik, es kam vom Blumenduft, es kam von allen den schönen

Gesichtern, die er vor sich hatte. Nach einem kleinen Weilchen schon war er

so strahlend froh, daß, wenn Freude Feuer wäre, die Flammen lichterloh um

ihn aufgelodert wären. Und wenn die Liebe es wäre, wie so viele behaupten,

dann wäre es ihm auch nicht besser ergangen. Er war immer in irgendein

schönes Mädchen verliebt, aber bis jetzt immer nur in eine zugleich. Doch

als er jetzt alle diese schönen Damen auf einmal sah, da verheerte nicht

mehr eine einzige Flamme das sechzehnjährige Herz, sondern es war ein

ganzer Waldbrand.

Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Stiefel herab, die nichts weniger als

Ballschuhe waren. Aber wie hätte er mit den breiten Absätzen den Takt

stampfen und sich auf den dicken Sohlen im Kreise drehen können! In seinem

Innern war etwas, was an ihm riß und zerrte, ihn wie einen geschlagnen Ball

in den Tanzsaal schleudern wollte. Er widerstand noch ein Weilchen,

obgleich die Bewegung in ihm immer stärker wurde, je weiter die Nacht

fortschritt. Er wurde ganz schwindlig und lebenswarm. Heißa, er war nicht

mehr der arme Peter Nord! Er war der junge Wirbelwind, der das Meer

aufpeitscht und den Wald umreißt.

Ganz plötzlich wurde eine Hambopolka gespielt. Da geriet der Bauernjunge

ganz außer sich. Er fand, daß diese wie seine eigne Wermländer Polka klang.

In einem Nu stand Peter Nord mitten im Saale. Alle feinen Herrenmanieren

waren von ihm abgeglitten. Er war nicht mehr auf dem Rathausballe, sondern

daheim in der Scheune, beim Mittsommernachtstanz. Er ging mit krummen Knien

und zog den Kopf zwischen die Schultern. Ohne aufzufordern, schlang er

einer Dame den Arm um den Leib und riß sie mit sich. Und dann begann er

Polka zu tanzen. Das Mädchen folgte ihm halb widerwillig, beinahe

geschleift. Sie war nicht im Takt, sie wußte gar nicht, was dies für ein

Tanz war. Aber plötzlich ging alles wie von selbst. Das Geheimnis des

Tanzes offenbarte sich ihr. Die Polka trug sie, hob sie empor, sie hatte

Flügel an den Füßen, sie wurde so leicht wie Luft. Es war ihr, als flöge

sie dahin. Denn die Wermlandpolka ist der wunderbarste Tanz. Sie verwandelt

die schwerfüßigen Söhne der Erde. Lautlos schweben sie auf zolldicken

Sohlen über ungehobelte Scheunendielen. Sie wirbeln umher, so leicht wie

das Laub im Herbststurm. Diese Polka ist weich, hurtig, still, gleitend.

Ihre edlen, maßvollen Bewegungen befreien die Körper, so daß sie sich

leicht, elastisch schwebend fühlen.

Während Peter Nord seinen heimatlichen Tanz tanzte, wurde es still im

Ballsaal. Anfangs lachte man, aber allmählich dämmerte es allen auf, daß

dies Tanz war, dieses Dahinschweben in gleichmäßigen raschen Wirbeln, ja

wahrlich, wenn irgendetwas Tanz war, so war es dies.

Plötzlich bemerkte Peter Nord mitten in seinem Taumel, daß rings um ihn

eine wunderliche Stille herrschte. Er blieb plötzlich stehen und fuhr sich

mit der Hand über die Stirne. Keine schwarze Scheunendiele, keine

laubgeschmückten Wände, keine hellblaue Sommernacht, keine muntre

Bauerndirne war in der Wirklichkeit zu erblicken, in die er jetzt schaute.

Er schämte sich und wollte sich fortschleichen.

Aber schon war er umringt und bestürmt. Die jungen Damen drängten sich um

den Ladenjungen und riefen: »Ach tanzen Sie mit uns, tanzen Sie mit uns!«

Sie wollten diese Polka lernen. Alle wollten sie sie lernen. Der Ball kam

ganz aus dem Geleise und war jetzt wie eine Tanzschule. Alle versicherten,

daß sie bisher gar nicht gewußt hätten, was tanzen heiße. Und Peter Nord

ward ein großer Mann an diesem Abend.

Er mußte mit allen den feinen Damen tanzen, und sie waren über die Maßen

freundlich gegen ihn. Er war ja nur ein Junge und übrigens solch ein

fröhlicher Tollkopf. Man konnte nicht anders als ihn verziehen.

Da fühlte Peter Nord, daß dies das Glück war. Der Günstling der Damen zu

sein, es wagen, mit ihnen zu sprechen, sich mitten in dem strahlenden

Lichte zu bewegen, gefeiert und verhätschelt zu werden, ja gewiß, das war

das Glück.

Und als der Ball zu Ende war, war er zu glücklich, um selbst darüber

betrübt zu sein. Er hatte das Bedürfnis, heimzukommen, um in Ruhe alles das

zu überdenken, was ihm an diesem Abend widerfahren war.

Halfvorson war unverheiratet, aber er hatte eine Nichte im Hause, die im

Kontor arbeitete. Sie war arm und von Halfvorson abhängig, aber sie benahm

sich recht hochmütig gegen ihn und gegen Peter Nord. Sie hatte viele

Freunde unter den angeseheneren Leuten der Stadt und wurde in Familien

eingeladen, in die Halfvorson nie kommen konnte. Sie und Peter Nord gingen

zusammen von dem Balle nach Hause.

»Wissen Sie, Nord,« fragte Edith Halfvorson, »daß Halfvorson wegen

verbotnen Branntweinhandels angeklagt werden wird? Sie könnten mir wirklich

sagen, Nord, wie es sich mit dieser Sache verhält.«

»Ach, das ist gar nicht der Mühe wert, solch ein Aufhebens davon zu

machen,« sagte Peter Nord.

Edith seufzte. »Natürlich wird etwas daran sein. Und dann gibt es Prozeß

und Geldstrafen und Schande ohne Ende. Ich möchte so gerne wissen, wie die

Sache steht.«

»Es ist wohl am besten, nichts zu wissen,« sagte Peter Nord.

»Sehen Sie, Nord, ich will in die Höhe kommen,« fuhr Edith fort, »und

Halfvorson mit hinaufziehen, aber er plumpst mir immer wieder hinunter.

Ganz unversehens tut er etwas, was auch mich unmöglich macht. Ich sehe ihm

jetzt an, daß er etwas im Schilde führt. Wissen Sie nicht, Peter, was es

ist? Es wäre gut, es zu wissen.«

»Nein,« sagte Peter Nord, nicht ein Wort mehr konnte er sagen. War es

menschlich, mit ihm, der von seinem ersten Balle kam, von derlei zu

sprechen?

Hinter dem Laden befand sich ein kleiner Verschlag für den Ladenjungen. Da

saß Peter Nord von heute und ging mit Peter Nord von gestern ins Gericht.

Wie blaß und feige der Kerl aussah. Jetzt sollte er hören, was er war. Ein

Dieb und ein Geizhals. Kannte er das siebente Gebot? Von Rechts wegen

sollte er eine Tracht Prügel haben. Ja, das sollte er.

Gott sei gedankt und gelobt, daß er ihn auf den Ball geführt und seinen

Sinn geändert hatte. Pfui, wie häßlich es in ihm ausgesehen hatte, aber

jetzt war alles anders. Als ob der Reichtum es wert wäre, daß man ihm

Gewissen und Seelenruhe opferte?! Als ob er soviel wert wäre wie eine weiße

Maus, wenn man dabei nicht vergnügt sein durfte! Er klaschte in die Hände

und rief jubelnd: »Frei, frei, frei!« Nicht die leiseste Sehnsucht, den

Fünfzigkronenschein zu besitzen, war mehr in seiner Seele. Wie gut war es

doch, glücklich zu sein.

Als er sich niedergelegt hatte, nahm er sich vor, Halfvorson zeitig am

nächsten Morgen die fünfzig Kronen zu zeigen. Dann aber bekam er Angst, daß

der Krämer am nächsten Tag vor ihm in den Laden kommen, den Schein suchen

und ihn finden könnte. Dann würde er wohl glauben, daß Peter Nord ihn

versteckt hatte, um ihn zu behalten. Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe. Er

versuchte sich ihn aus dem Sinne zu schlagen, aber es gelang ihm nicht. Er

konnte nicht einschlafen. Da stand er auf, schlich sich leise in den Laden

und tastete nach dem Fünfzigkronenschein. Dann schlummerte er süß ein mit

der Banknote unter dem Kopfkissen.

Eine Stunde später wurde er geweckt. Ein greller Lichtschein fiel ihm

blendend in die Augen, eine Hand griff suchend unter sein Kopfkissen und

eine grollende Stimme zankte und fluchte.

Ehe noch der Knabe recht wach war, hatte Halfvorson schon die Banknote in

der Hand und zeigte sie zwei Frauen, die in der Tür zum Verschlage standen.

»Seht ihr, daß ich recht hatte,« sagte Halfvorson, »seht ihr, daß es der

Mühe wert war, euch zu wecken und als Zeuginnen mitzunehmen. Seht ihr, daß

er ein Dieb ist!«

»Nein, nein, nein,« schrie der arme Peter Nord. »Ich wollte nicht fehlen.

Ich habe den Schein ja _nur_ aufgehoben.«

Halfvorson hörte ja nichts. Die beiden Frauen standen mit dem Rücken zum

Verschlage, wie fest entschlossen, weder zu hören noch zu sehen.

Peter Nord hatte sich im Bette aufgesetzt. Er sah mit einem Male

jämmerlich schwach und klein aus. Seine Tränen strömten. Er jammerte laut.

»Onkel,« sagte Edith, »er heult.«

»Laß ihn heulen!« sagte Halfvorson, »laß ihn nur heulen!« Und er trat näher

und sah den Knaben an. »Kann mir schon denken, daß du heulst, mein Lieber,«

sagte er. »Aber das verfängt bei mir nicht.«

»Oh, oh!« rief Peter Nord, »ich bin kein Dieb. Ich habe den Schein nur zum

Spaß versteckt -- um Sie zu ärgern. Ich wollte Sie wegen der Mäuse strafen.

Ich bin kein Dieb. Kann niemand mich hören? Ich bin kein Dieb.«

»Onkel,« sagte Edith, »hast du ihn jetzt genug gequält, können wir

vielleicht gehen und uns niederlegen?«

»Ich kann mir schon denken, daß sich das greulich anhört,« sagte

Halfvorson, »aber da läßt sich nichts machen.« Er war ganz munter, förmlich

ausgelassen. »Ich habe lange ein Auge auf dich gehabt, mein Lieber,« sagte

er zu dem Knaben. »Immer hattest du irgend etwas wegzustecken, wenn ich in

den Laden kam. Aber jetzt bist du ertappt. Jetzt habe ich Zeugen gegen

dich, und jetzt hole ich die Polizei.«

Der Junge stieß einen gellenden Schrei aus. »Kann mir denn niemand helfen,

kann mir denn niemand helfen?« rief er. Aber nun war Halfvorson schon

verschwunden, und die Frau, die dem Haushalt vorstand, kam auf ihn zu.

»Geschwind, aufgestanden und in die Kleider, Peter Nord! Halfvorson holt

die Polizei und indessen kannst du dich davonmachen. Das Fräulein geht wohl

in die Küche und packt dir ein bißchen Proviant ein. Ich will unterdessen

deine Sachen zusammensuchen.«

Das furchtbare Weinen hörte sogleich auf. Nach einem kleinen Weilchen war

der Junge fertig. Er küßte den beiden Frauen die Hand, demütig wie ein

geschlagner Hund. Und dann eilte er fort.

Sie blieben in der Tür stehen und sahen ihm nach. Als er verschwunden war,

seufzten sie erleichtert auf.

»Was wird Halfvorson jetzt sagen?« sagte Edith.

»Er wird ganz froh sein,« antwortete die Haushälterin. »Er hat das Geld dem

Knaben absichtlich hingelegt, glaube ich. Er wollte ihn nur los sein.«

»Warum denn? Der Junge war doch der beste, den wir seit Jahr und Tag im

Laden gehabt haben.«

»Er wollte ihn wohl bei der Branntweingeschichte nicht zum Zeugen haben.«

Edith stand stumm da und atmete heftig. »Wie gemein, wie gemein,« murmelte

sie. Sie ballte die Fäuste gegen das Kontor und gegen das kleine Guckloch

in der Tür, durch das Halfvorson in den Laden sehen konnte. Sie hatte

selber nicht übel Lust, von all dieser Niedrigkeit fort in die Welt zu

fliehen.

Ganz rückwärts im Laden hörte sie ein Geräusch. Sie lauschte, trat näher,

ging dem Tone nach und fand endlich hinter einer Heringstonne den Käfig mit

Peter Nords weißen Mäusen.

Sie hob ihn auf, stellte ihn auf den Ladentisch und öffnete das Türchen.

Maus um Maus eilte heraus und verschwand hinter Kisten und Tonnen.

»Möget ihr gedeihen und euch vermehren,« sagte Edith, »laßt mich sehen, daß

ihr Schaden anrichtet und euern Herrn rächt.«

Unsichtbare Bande: Erzählungen · 第 6 / 36 题