Uebrigens ist die Lebensweise der einzelnen Gruppen sehr verschieden.

Die Unionen und Anodonten stecken mit dem vorderen Theile des Körpers

tief im Schlamm, in dem sie sich mit dem Fusse vornen eingraben;

man sieht dann nur einen kleinen Theil der Schalen mit Athem- und

Cloakenöffnung, die erstere von den fransenartigen Manteltastern

umgeben. Nur Nachts wechseln sie mitunter ihren Platz; man sieht

dann die Bahn, in der sie gekrochen sind, im Schlamm und kann sie

an deren Ende auffinden. In dieser Lage strömt das Wasser durch die

Flimmerbewegung geleitet, zur Athemöffnung hinein und in die obere

oder Athemhöhle, von da gelangt es in die Kiemen, um durch dieselben

und ihre Zwischenräume in die untere oder Cloakenöffnung und wieder

nach aussen zu fliessen. Es dient also die Cloakenöffnung wesentlich

zum Austritt, die Athemöffnung zum Eintritt des Wassers. Demgemäss

sind auch die Oeffnungen eingerichtet; während die Ränder der Cloake

unbewehrt sind, stehen an der Athemöffnung zahlreiche, fransenartige

Taster, die sich bei der geringsten Störung wie ein Gitter vor die

Oeffnung legen und jeden grösseren Körper abhalten. Das Thier scheint

sich dieses Unterschiedes wohl bewusst zu sein, denn in meinem

Aquarium habe ich oft beobachtet, wie die Unionen bei der geringsten

Erschütterung des Gefässes sofort die Cloakenöffnung fest schliessen,

während die Athemöffnung sich nur leicht verengt und meistens erst bei

unmittelbarer Berührung ganz geschlossen wird.

Der Ortswechsel erfolgt nicht gleichmässig, wie bei den Gastropoden,

sondern mehr sprungweis; das Thier streckt seinen Fuss möglichst weit

vor und zieht dann, indem es ihn anstemmt, die mit den Wirbeln nach

oben gerichtete Schale nach. Diese Bewegung ist natürlich äusserst

langsam; C. ~Pfeiffer~ sah eine _Unio pictorum_ in vier Minuten fünf

solche Schritte machen, von denen jeder etwa 2‴ betrug.

Die Cycladeen liegen ebenfalls leicht im Schlamme oder Sand verborgen,

so dass nur die Oeffnung der Siphonen hervorsteht, aber mitunter

kriechen sie auch an den Wasserpflanzen umher oder schwimmen wie die

Limnäen, indem sie an der Oberfläche des Wassers mit der Schale nach

unten kriechen. Die Tichogonien endlich scheinen sich nur ausnahmsweise

zu bewegen, da sie für gewöhnlich mit dem Byssus auf einem andern

Gegenstande befestigt sind; ein Paar, das sich seit 6 Monaten auf einem

_Unio batavus_ befestigt in meinem Aquarium befindet, hat noch keinen

Versuch zu einem Ortswechsel gemacht. Doch ist es nicht zweifelhaft,

dass sie ihren Ort wechseln und den Byssus ablösen können, wenn sie

wollen.

Schaden können die Muscheln bei dieser Lebensweise durchaus keinen

bringen, aber auch Nutzen bereiten sie nur an wenigen Puncten. Freilich

werden sie bei uns nirgends, wie in Frankreich, gegessen, und auch die

perlenliefernde Art kommt in Nassau nicht vor. Von einiger Wichtigkeit

dagegen sind die Unionen und Anodonten den Anwohnern des Mains, die sie

im Sommer in Massen mit den Händen aus dem Main holen und die Thiere

zum Futter für die Schweine verwenden; diese werden davon sehr fett,

bekommen aber bei ausschliesslicher Muschelfütterung leicht einen

thranigen Geschmack. Aus den Schalen hat man vor einigen Jahren hier

und da Kalk gebrannt, aber in der letzten Zeit scheint diese Industrie

erloschen zu sein. Lieferungen für die Nürnberger Farbkästen sind

auch noch nicht in Aufnahme gekommen, und so liegen im Sommer ganze

Berge von Muschelschalen, wahre Kjökkenmöddingers, um die Maindörfer

herum, aus denen sich der Conchyliologe mit Musse die schönsten Suiten

herauslesen kann. Man nennt hier die Unionen einfach Muscheln, die

Anodonten Schwimmmuscheln.

Ausser dem Menschen stellen auch viele Thiere den Muscheln nach:

Füchse, auch Katzen und Hunde, von denen namentlich einzelne eine

auffallende Liebhaberei für die Muscheln zeigen, dann Reiher und

besonders Krähen, die Unionen und Anodonten oft weit vom Wasser hinweg

auf Bäume schleppen, und dann entweder durch Fallenlassen oder durch

einen kräftigen Schnabelhieb hinter den Wirbel die Schale zerstören.

~Rossmässler~ fügt auch den Blutegel als Feind an, was ich bezweifeln

möchte.

Die kleinen Pisidien und die jungen Muscheln überhaupt werden auch noch

von anderen Vögeln und ganz besonders von Tritonen, Kröten und Fröschen

aufgesucht und gefressen. Insecten und Crustaceen können ihnen nicht

viel anhaben, und manches Pisidium mag auch den Darmcanal eines Vogels

unverletzt passiren und so verpflanzt werden.

Dass auch Muscheln an Parasiten leiden, haben wir schon erwähnt.

Auf den Muscheln, soweit sie nicht in der Erde stecken, findet sich

sehr häufig eine Bryozoë, _Alcyonella fungosa_, in dichten Rasen,

namentlich in den stillen Buchten des Mains; sie ist vom ersten

Frühjahr bis Juli zu beobachten und verschwindet dann, indem sie

nur länglich runde schwarze Körperchen, die sogenannten Wintereier,

zurücklässt, die den Sommer über auf der Muschel kleben und sich im

nächsten Frühjahr entwickeln.

Ein anderer Parasit ist eine Milbe, _Hydrachna Concharum_ oder

_Limnochares Anodontae_, die, im ausgebildeten Zustande frei lebend,

ihre Eier in die Muscheln legt, und zwar entweder auf die Innenfläche

des Mantels in langen Reihen, oder in die Kiemen, seltener in die

Taster, in Klümpchen. Die Jungen, anfangs sechsbeinig, leben im Innern

der Muschel, indem sie mit ihrem spitzigen Rüssel den Saft aussaugen,

und verpuppen sich dann am hinteren Ende des Mantels in einer, aus

ihrer eigenen Haut gebildeten Cyste. Nach ~von Hessling~ werden sie oft

Ursache der Perlenbildung. Man findet sie in allen Entwicklungsstufen

das ganze Jahr hindurch. C. ~Pfeiffer~ nahm unausgewachsene Milben aus

einer Anodonte und setzte sie in Wasser; sie blieben unbeweglich, bis

er eine andere Anodonte hinein brachte, in deren Cloakenöffnung sie

sodann alsbald verschwanden.

Von den Schmarotzerwürmern ist am häufigsten _Distomum duplicatum_

in seinem Jugendzustand, weisse, eiförmige Kapseln, die Leber und

Geschlechtsorgane mitunter vollständig erfüllen; oft liegen mehrere

dieser sonderbaren, durch einen langen Schwanzanhang ausgezeichneten

Würmer in einer Cyste; beim Auskriechen werfen sie den Schwanz ab; die

weitere Entwicklung ist unbekannt.

Ein anderer nicht seltener Gast ist ein innerhalb des Herzbeutels

wohnender, egelartiger Wurm, _Aspidogaster conchicola_, mit

trichterförmigem Mund und einer Saugscheibe am Bauche; er ist oft mit

Eiern gefüllt. Seltener ist der seltsame _Bucephalus polymorphus_, ein

verzweigter, fadenförmiger Schlauch, mit Jungen im Inneren.

Selbst die Eier sind vor den Parasiten nicht sicher; Herr Kreisphysicus

Dr. ~Kloos~ theilte in der Septembersitzung der Senckenberg.

Gesellschaft mit, dass er in 1852 einmal massenhaft Fadenwürmer in

den Eiern von Unionen gefunden; auch ~Bär~ hat einen ähnlichen Fall

beobachtet. Am merkwürdigsten ist aber das Verhältniss, das zwischen

den Muscheln und einem oder einigen Fischen stattfindet. Was darüber

bekannt ist, hat Herr Dr. ~Noll~ in der Septembernummer des zool.

Gartens von 1869, mit zahlreichen eigenen Beobachtungen bereichert,

zusammengestellt, und ihm folgen wir im Nachstehenden. Er fand vom

April bis Juli und an manchen Stellen, z. B. im Metzgerbruch, bis zum

October die Fischeier in den Kiemen aller Unionenarten des Mains,

und zwar bei fast allen Exemplaren aus den stillen Tümpeln am Rande,

seltener bei Anodonten, doch bei _Anod. anatina_ im Metzgerbruch noch

im October. Sie sind gelb, etwa 3 Mm. lang, und liegen fast stets in

den Fächern der inneren Kiemen. Dort schlüpfen auch nach 4-6 Wochen

die jungen Fische aus, bleiben aber nachher noch eine Zeit lang in den

Kiemenfächern, bis sie der Muschel unbequem und von ihr herausgepresst

und durch die Cloakenöffnung nach aussen entleert werden. Nachdem man

früher bald den Stichling, bald den Kaulkopf, die aber beide Nester für

ihre Eier bauen, im Verdacht gehabt, ist man jetzt sicher geworden,

dass es die Eier des Bitterlings, _Rhodeus amarus_, unserer kleinsten

Karpfenart, sind, die hier ihre Entwicklung durchmachen. Das Weibchen

bekommt zu dem Ende, wie schon ~von Siebold~ beobachtete, zur Laichzeit

eine Legeröhre, nach ~Leydig~’s Untersuchungen eine verlängerte

Urogenitalpapille, mittelst deren es die Eier durch die Cloakenöffnung

in die Muschel bringt; da die innere Kieme näher an dieser Oeffnung

liegt, als die äussere, findet man die Fischeier fast immer in ihren

Fächern. Gerade an der Cloakenöffnung schliessen auch die Kalkschalen

der Muschel nicht unmittelbar aneinander, sondern der Schluss wird nur

durch die überstehende Epidermis bewirkt, und kann also der Fisch, wie

Dr. ~Noll~ richtig bemerkt, durch das Schliessen der Klappen von der

Muschel nicht beschädigt werden. Die weitere Entwicklung des Fisches

ist, wie mir ~Leuckart~ mündlich mittheilte, in Charkow beobachtet und

wirklich _Rhodeus amarus_ daraus erzogen worden; auch in Frankfurt

hat Herr Dr. ~Schott~ in dem Springbrunnenbassin einer Badeanstalt im

Sommer 1870 denselben Erfolg gehabt.

Neunundzwanzigstes Capitel.

Uebersicht der Familien und Gattungen.

Von den 30 Gattungen der Muscheln, die überhaupt im süssen Wasser

leben, kommen bei uns nur 5 vor, die zu drei verschiedenen Familien

gehören und sich folgendermassen unterscheiden:

A. Schalenschliesser beide gleich.

a. Schale 1½-2″ gross, gleichklappig, Mantel ringsum gespalten,

keine Siphonen, Fuss zungenförmig, Thiere getrennten Geschlechts.

$Najadea.$

1) Schloss mit Zähnen.

1. _Unio L._

2) Schloss ohne Zähne.

2. _Anodonta Brug._

b. Schalen höchstens ¾″ gross, meist viel kleiner, Mantel fast

ganz verwachsen, zwei Siphonen.

$Cycladea.$

1) Schloss in der Mitte, die zwei Siphonen getrennt.

3. _Cyclas Brug._

2) Schale ungleichseitig, die Siphonen kurz und in ihrer ganzen

Länge verwachsen.

4. _Pisidium C. Pfr._

B. Schalenschliesser ungleich.

Schalen dreiseitig, mit einem Spalt für den Byssus. Buckel

endständig, innen mit einer Scheidewand, Mantel verwachsen,

mit zwei Siphonalöffnungen, wovon die untere röhrig.

5. _Tichogonia Rossm._

Ausser diesen Gattungen könnte nur noch die Gattung _Margaritana_ in

Frage kommen, zu der die Flussperlenmuschel gehört, die nach ~Thomae~

in der Nister bei Hachenburg und im Main vorkommen soll; sie gleicht

ganz den Unionen, hat aber am Schloss nur Zähne, keine Lamellen. Die

Angaben über ihr Vorkommen in Nassau scheinen mir aber sämmtlich auf

Irrthümern zu beruhen.

A. NAJADEA.

Der Mantel ist seiner ganzen Länge nach gespalten; wenn er sich

zusammenlegt, bleiben noch zwei nicht in Siphonen verlängerte

Oeffnungen für die Kiemenhöhle und die Cloake. Die Kiemen dienen

gleichzeitig als Brutstätte für die Jungen. Die Thiere sind getrennten

Geschlechts. Die Schalen sind gleichklappig, ungleichseitig, mit oder

ohne Schlosszähne. Die beiden Familien unterscheiden sich nur durch die

Zähne am Schloss von _Unio_, die bei _Anodonta_ fehlen. Einen anderen

Unterschied hat man noch nicht aufzufinden vermocht.

I. UNIO ~Linné~.

Flussmuschel.

Muschel gleichklappig, ungleichseitig, hinten verschmälert und

verlängert, dick, nach hinten zu dünner; Wirbel aufgetrieben; Schloss

gezahnt. An der rechten Schale steht ein an der Spitze gekerbter,

conischer oder zusammengedrückter Schlosszahn, und unter dem

Schlossbande liegt der Länge nach eine scharfe, erhabene Leiste oder

Lamelle; an der linken Schale ist für die Aufnahme des Schlosszahnes

eine Grube zwischen zwei Zähnen, oder eigentlich zwischen zwei Hälften

eines durch diese Grube getheilten Zahnes; ebenso zur Aufnahme der

längslaufenden Lamelle eine Furche oder Rinne, von zwei längslaufenden

Falten gebildet. Ein langes, meist schmales äusseres Schlossband;

Ligamentalbucht schmal, verlängert.

Thier ganz das im ersten Capitel beschriebene.

Die Unionen sind eines der schwierigsten Capitel besonders für den

Naturforscher, der überall bestimmt umschriebene Arten sehen will;

ein solcher muss consequenter Weise die Formen aus jedem Bache mit

besonderen Namen belegen, denn ganz gleichen sie sich niemals. Begnügt

man sich aber Typen aufzustellen und in deren Umkreise die verwandten

Formen zu gruppiren, so gelingt es ziemlich leicht, alle unsere Formen

unter drei Hauptformen unterzuordnen, wobei man freilich mitunter

zweifelhaft sein kann, welcher Form man das eine oder das andere

Exemplar zutheilen soll. Der gänzliche Mangel grösserer Seen, in denen

sich eigene Formen ausbilden könnten, vereinfacht für unser Gebiet die

Verhältnisse sehr.

Unsere drei Arten unterscheiden sich folgendermassen ganz leicht:

~Schale keilförmig~, der Unterrand nach aussen ausgebogen, die beiden

Zähne der linken Klappe gleichgross oder der hintere selbst grösser,

die Höcker auf dem Wirbel in Zickzackstreifen geordnet; Farbe

braungelb mit dunkleren Strahlen.

_U. tumidus_ ~Retz.~

~Schale zungenförmig~, der Unterrand in gerader Linie verlaufend oder

selbst eingebuchtet, der hintere Zahn der linken Klappe viel kleiner,

als der vordere oder selbst fehlend; die Höcker auf den Wirbeln

einzelnstehend; Farbe röthlich- oder grüngelb mit nur undeutlichen

Strahlen.

_U. pictorum_ L.

~Schale eirund~ oder der Unterrand noch eingebogen; Schlosszähne

klein, zusammengedrückt, an der Spitze gekerbt; Wirbel sehr weit nach

vornen stehend, wellig-runzelig; Farbe braungelb mit schönen grünen

Streifen.

_U. batavus_ ~Lam~.

1. Unio tumidus ~Retzius~.

Muschel eiförmig verlängert, keilförmig bauchig, namentlich vorn

stark aufgeschwollen, nach hinten aber verschmälert und schmächtig,

schnabelförmig zulaufend, bei alten Exemplaren am Ende abgestutzt,

bei jungen spitz zugerundet; dick und schwer. Oberhaut braungelb mit

grünlichen Ringen abwechselnd und besonders am hinteren Theile mit

dunkleren Strahlen; selten einfach kastanienbraun. Die Oberfläche mit

nicht sehr tiefen concentrischen Streifen und Furchen. Oberrand seicht

gewölbt, Vorderrand stumpf zugerundet, Hinterrand spitz zugerundet oder

abgestutzt, Unterrand nach aussen ausgewölbt. Der Schild ist deutlich

bezeichnet durch zwei von den Wirbeln aus nach dem hinteren Ende hin

bogenförmig laufende, überdiess noch durch dunkle Strahlen angedeutete

Kanten, wodurch das Schild fast die Gestalt einer Ellipse erhält. Das

Schildchen ist weniger bezeichnet. Die Wirbel sind stets sehr stark

aufgetrieben, stark gegen einander geneigt und berühren sich bei

unversehrten Exemplaren stets. Unversehrte Wirbel zeigen zahlreiche

Höcker, die in Zickzackstreifen angeordnet sind; doch sind sie bei

alten Exemplaren meist abgerieben. Schlossband gelbbraun, stark.

Schlosszähne nur wenig zusammengedrückt, der rechte stark gekerbt,

länger als hoch; von den beiden Zähnen der linken Seite ist der untere

fast stets grösser und bedeutender, als der obere, nie kleiner.

Thier mit einem einfarbigen, graulich milchweissen Fuss.

Ich gebe in vorstehendem die genaue und treffende Beschreibung

~Rossmässlers~ und will nun noch einiges über die in unserem Gebiete

vorkommenden Formen bemerken. Das grösste Exemplar das ich aus

dem Main bei Frankfurt besitze, ist 108 Mm. lang, 50 Mm. an den

Wirbeln breit und 38 Mm. dick; dabei sind die Wirbel vollkommen

intact und das hintere Ende ist nur wenig abgestutzt. Ein genau

eben so grosses Exemplar erhielt ich durch Herrn Dr. ~Böttger~ aus

der Selz in Rheinhessen. Doch sind solche Exemplare sehr selten.

Als Durchschnittsgrösse betrachte ich etwa 90 Mm. Länge, 45-50 Mm.

Breite und 30-35 Mm. Dicke, man kann solche Exemplare aus jedem

Muschelhaufen am Main in grösserer Anzahl auslesen. Bei vielen findet

man am Unterrande im Widerspruch mit ~Rossmässlers~ Beschreibung eine

mehr oder minder bedeutende Einbuchtung, aber sie liegt viel weiter

nach hinten, wie bei _pictorum_, fast an der Uebergangsstelle in den

Hinterrand. Sehr häufig findet man den Hinterrand in fast gerader Linie

abgestutzt, als ob eine mechanische Gewalt die letzten Zuwachsstreifen

hier platt gedrückt hätte; bei stärkerer Ausbildung können dadurch

einerseits Formen, die an _U. littoralis_, andererseits solche, die an

_U. platyrhynchus_ erinnern, entstehen. Ich besitze ein Exemplar, das

bei 50 Mm. Breite nur 65 Mm. Länge hat. Viele Exemplare zeichnen sich

durch auffallende Dicke und Schwere der Schalen aus und kann man diese

wenn man will, _var. ~crassus~_ nennen, darf sie aber nicht für den

zu _batavus_ gehörigen _U. crassus_ ~Retz.~ nehmen, wie es mitunter

zu geschehen scheint, denn sowohl in der ~Wiegand~’schen Sammlung im

Frankfurter Museum, als bei den im Wiesbadener Museum aufgestellten

nassauischen Conchylien fand ich sie als den ächten _U. crassus_

~Retz.~ aufgestellt. Die Wirbel sind fast immer vollständig erhalten.

Diese Muschel gehört nur den grösseren Flüssen an; sie findet sich im

Rhein und im Main; in letzterem ist sie die häufigste Form. In der Lahn

scheint sie zu fehlen, denn ~Sandberger~ führt sie nicht an, und auch

ich habe in der oberen Lahn nur _batavus_ gefunden. Dagegen kommt sie

in der Selz in Rheinhessen vor.

Im Main ist eine auffallende Form nicht selten, die ich hier erwähnen

muss; der vor den Wirbeln befindliche Theil des Oberrandes ist nämlich

nicht wie bei der Normalform nach unten gekrümmt, sondern biegt sich

an seinem vorderen Ende etwas nach oben und vereinigt sich dort, wie

bei _pictorum_, in einem fast rechten Winkel mit dem Vorderrande;

es sieht dann aus, als ob die Muschel aus _tumidus_ und _pictorum_

zusammengesetzt sei.

Interessant ist noch eine andere Form aus dem Main. Sie ist flacher

und breiter als die Normalform, immer mit unverletzten Wirbeln und

sehr starken dunkelgrünen Strahlen, die man bei der Stammform nie

findet. Auffallend sind auch die dünnen, an _pictorum_ erinnernden

Schlosszähne, und die wunderschöne, lebhaft bläuliche Farbe des

Perlmutters, an der man sie schon von Weitem von den übrigen Unionen

unterscheiden kann. Ich glaubte sie desshalb früher als gute Varietät

abtrennen zu können, doch bin ich nicht sicher, ob es nicht doch nur

junge Exemplare sind, die später dickere Schlosszähne und ein weniger

schön gefärbtes Perlmutter bekommt.

2. Unio pictorum ~Linné~.

Malermuschel.

Muschel verlängert eiförmig, zungenförmig, etwas bauchig, doch nicht

eigentlich aufgeschwollen, nach hinten lang ausgezogen, doch so, dass

die Höhe anfangs nur wenig abnimmt, dann schnell verschmälert mit

schräg abgestutzter Endigung; nicht so stark, wie _tumidus_, namentlich

das hintere Ende dünn und zerbrechlich. Oberhaut röthlichgelb, hinten

grünlich mit undeutlichen feinen, grünen Strahlen, bei älteren

Exemplaren oft schmutzig grüngelb mit zahlreichen dunklen, ringförmigen

Streifen; mitunter finden sich auch rost- oder kastanienbraune Stellen,

nie deutliche grüne Strahlen, mit Ausnahme dreier undeutlicher am

hinteren Theil. Oberrand bei jungen Exemplaren vollkommen gerade, bei

älteren etwas gekrümmt, der Unterrand gerade oder etwas eingedrückt,

nur bei jungen und sehr selten bei alten nach aussen gekrümmt,

wie bei _tumidus_. Vorderrand rund, Hinterrand spitz zugerundet,

meistens schräg abgestutzt. Der Oberrand bildet, besonders bei jungen

Exemplaren, bei seiner Vereinigung mit dem Hinterrande einen deutlichen

Winkel, der auch bei alten Exemplaren noch deutlicher ist, als bei

_tumidus_. Schild schmäler und weniger deutlich, nur durch ein paar

schmutziggrüne Streifen begränzt. Wirbel ziemlich aufgetrieben,

mit einzelstehenden Höckern bedeckt, aber sich nicht berührend.

Schlossband schmal und schlank. Die Zähne immer viel schwächer und

zusammengedrückter, als bei _tumidus_, niedrig, oben horizontal

abgestutzt, aber dabei scharf und gekerbt; in der linken Schale ist der

vordere Zahn immer stärker, als der hintere, der mitunter ganz fehlt;

die Grube zwischen beiden ist sehr schmal, messerförmig.

Thier mit einem hell gelblichfahlen, nach oben hin stets dunkelgrauen

Fuss.

Auch diese Form ist in den grösseren Flüssen unseres Gebietes durchaus

nicht selten. Im Gebirg, in der oberen Lahn und Dill, fehlt sie, bei

Weilburg findet sie sich aber schon in der Lahn. In der Sulzbach nur

bis Sossenheim (~Ickrath~). Die ächte typische Form, zu ~Rossmässlers~

vorstehender Diagnose und seiner Fig. 71 passend, besitze ich aus Rhein

und Main, doch ist sie nicht die häufigste. Meistens ist der Winkel

zwischen Ober- und Hinterrand viel weniger deutlich, und nicht selten

laufen Ober- und Unterrand vollkommen parallel, um dann gleichmässig in

den Hinterrand überzugehen. Sehr häufig sind Exemplare mit eingebogenem

Unterrande; ebenso häufig findet man aber auch Exemplare, deren

Unterrand dem von _tumidus_ gleicht, dass man ohne die Zähne, die immer

ein sicheres Kennzeichen geben, zweifelhaft sein kann, wohin man sie zu

stellen hat. Immer ist die Farbe heller, als bei _tumidus_; wenn auch

alte Exemplare mitunter breite dunkle Ringe zeigen, kann man dazwischen

immer noch die Grundfarbe erkennen.

Sehr häufig auch die von C. ~Pfeiffer~ als _rostrata_ beschriebene,

nach hinten etwas schnabelförmig verlängerte Form (cf. C. ~Pfeiffer~,

Naturgesch. I. Taf. V Fig. 8).

Eine andere, sehr interessante Form erhielt ich, nachdem der Druck

der Tafeln schon beendigt, durch Herrn Dr. ~Noll~, der sie in der

Schwarzbach bei Trebur, einem Wasser mit moorigem Grunde, aber klarem

und ziemlich schnell fliessendem Wasser, gesammelt hatte. Sie ist nur

von Mittelgrösse, bis 75 Mm. lang, und erscheint in jeder Beziehung

verkümmert; die Schale ist dünn und leicht, wie bei einer Anodonte,

und die Schlosszähne sind so klein und dünn, dass man sie kaum

bemerkt. Die Farbe erscheint tiefdunkelbraun, fast schwarz, putzt man

aber gründlich, besonders mit Säure, so erscheint die gewöhnliche

hellgelbgrüne Färbung von _pictorum_ und bleiben nur mehrere breite,

dunkle Ringe. Ob diese Form als selbstständige Varietät aufzufassen

und mit einem eignen Namen zu bezeichnen ist, wage ich nicht eher zu

entscheiden, bis ich sie an Ort und Stelle gesammelt und die Art ihres

Vorkommens genauer untersucht habe.

3. Unio batavus ~Lamarck~.

Eirunde Flussmuschel.

Muschel breit eirund, zuweilen eiförmig, bauchig, gelbgrün oder

schmutzig braungrün, fast stets mit dunkelgrünen Strahlen und dunklen

concentrischen Wachsthumstreifen, vorn gerundet, hinten verlängert

und verbreitert, meist schräg abgestutzt, die Endigung selbst aber

gerundet. Unterrand leicht ausgebogen oder gerade, bei manchen

Formen auch ziemlich stark eingedrückt. Wirbel klein, ziemlich stark

bauchig, wellig-runzelig, dem Vorderrande stark genähert. Schild

zusammengedrückt, wenig bezeichnet. Schlossband schmal und schlank,

gelbbraun; Schlosszähne zusammengedrückt, klein, an der abgestumpften

Spitze deutlich eingekerbt.

Diese Art ist die in kleinen Bächen allein vorkommende und in unserem

Gebiete allgemein verbreitet. Im Main weniger häufig, als die anderen

Arten, ist sie im Gebirg die einzig herrschende. Aber eben durch

ihr Vorkommen unter den verschiedensten Verhältnissen ist sie auch

unendlich variabel, kaum dass man in zwei Bächen dieselbe Ausprägung

findet, und manche Formen können fast beanspruchen, für eigene Arten

gehalten zu werden, wie es auch von vielen Conchyliologen geschieht.

Die typische, der obigen Beschreibung entsprechende Form besitze ich

aus Main und Rhein bis 5-6 Ctm. lang und 3-3,5 Ctm. breit, von der

oberen Lahn und ihren Seitenbächen, und durch Herrn ~Kreglinger~ von

Nauheim in kleineren Exemplaren. Einzeln finden sich im Main auffallend

langgezogene Exemplare, 65 Mm. lang und nur 32 Mm. breit, beim ersten

Anblick an manche Formen von _tumidus_ erinnernd, aber durch das

gerundete Hintertheil sicher davon zu unterscheiden. Alle Mainexemplare

sind an den Wirbeln gut erhalten, mitunter abgerieben, aber nie

angefressen; es gilt diess überhaupt für die Mainmuscheln.

Fauna der Nassauischen Mollusken · 第 21 / 25 段