ist es der Wissenschaft noch immer nicht gelungen, alles aufzuhellen
und den vollständigen Entwicklungsgang vom Ei bis zum ausgebildeten
Thiere zu verfolgen. Am leichtesten ist diess noch bei den Cycladeen,
da deren Junge ihre vollständige Ausbildung innerhalb des mütterlichen
Körpers durchmachen. Es haben die Thiere zu diesem Zwecke eine eigene
Bruttasche jederseits, die von der Wurzel der inneren Kiemen frei in
die Kiemenkammer herabhängt, und im Inneren gewöhnlich wieder in drei
Täschchen, von denen jedes bis zu 6 Embryonen auf sehr verschiedenen
Entwicklungsstufen enthält, zerfällt. Die Art der Befruchtung ist noch
ganz unbekannt. Beide Geschlechter sind bei den Cycladeen in einem
Individuum vereinigt. Wahrscheinlich wird der Samen frei ins Wasser
ergossen und dann von anderen Individuen wieder aufgesogen und gelangt
so zu den Eiern. Die Embryonen bestehen nach ~Leydig~ nur aus einem
Ballen Zellen mit Dotterkörnchen, ohne eine Hülle, ohne Eiweiss und
ohne Flimmerorgane; sie nähren sich von der klaren Flüssigkeit, die
von der Innenfläche der Bruttasche ausgeschieden wird. Es bilden sich
dann Fuss- und Darmkanal, deren Oberflächen ganz mit Flimmerhaaren
überzogen sind, die ersten Spuren des Byssusorgans und der Kiemen und
Schalen. Aus dem anfangs paarigen Byssusorgan wächst dann ein ziemlich
langer Byssusfaden, und die Fäden aller in einer Tasche befindlichen
Embryonen vereinigen sich zu einem gemeinsamen Stamme, der sich an der
Taschenwand befestigt. Zuletzt bilden sich die Schliessmuskeln und das
Herz, und so verlässt die Larve die Bruttasche, ohne Blutgefässe, erst
mit den Anfängen des Nervensystemes und ohne Siphonen. Nach ~Bronn~
kriechen die Jungen in diesem Zustande, indem sie schon ⅕-⅙ ihrer
späteren Grösse erreicht haben, zwischen den Wasserpflanzen umher,
befestigen sich da und dort mit Byssusfäden und bilden rasch ihre
Kiemen aus, während das Byssusorgan schwindet. Etwas abweichend von
diesem Typus entwickelt sich nach O. ~Schmidt~ der Embryo von _Cyclas
calyculata_, er hat keine Byssusdrüse und ist zu keiner Zeit an den
Wandungen der Bruttasche befestigt, sondern rotirt frei in derselben
durch zwei mit Flimmerhaaren besetzten Längswülstchen, aus denen später
die beiden Mantellappen werden.
Es findet also hier keine eigentliche Metamorphose statt; die Schalen
des Embryo entwickeln sich zu den definitiven Muschelschalen und es
bleibt nur noch eine kleine Lücke, in der sich Kreislauf und Siphonen
bilden, aufzuhellen.
Anders ist es mit den Najaden, deren sehr seltsame Entwicklung trotz
der von den bedeutendsten Naturforschern darauf verwendeten Mühe
noch immer in ihrem grössten Theile vollkommen räthselhaft ist. Wir
folgen der Arbeit von ~Forel~ (Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der
Najaden, Würzburg 1867), die ausser vollständiger Zusammenstellung des
Bekannten zahlreiche sehr schöne eigene Beobachtungen enthält.
Die Najaden sind bekanntlich getrennten Geschlechtes, und die Embryonen
entwickeln sich in den Kiemenfächern der Weibchen bis zu einem gewissen
Grade. Wie gelangen sie aber dahin? Aus dem Eierstock treten sie in
den Eileiter, und aus diesem durch einen feinen Schlitz in den Gang
am oberen Rande der inneren Kiemen und gelangen dann mit dem Strome
des Wassers in die Cloake. Von dort in die Fächer der äusseren Kiemen
können sie aber nur gegen die gewöhnliche Stromrichtung gelangen,
und es müsste geradezu für diesen Moment eine Umkehr des Stromes
erfolgen, was mir sehr unwahrscheinlich vorkommt. Es ist aber noch ein
anderer Vorgang möglich, nämlich dass die Eier durch die Cloake nach
aussen treten, dort mit dem ebenfalls ins Wasser ergossenen Sperma
der Männchen in Berührung kommen, befruchtet, und dann von den in
der Nähe befindlichen Weibchen wieder aufgesogen werden. Eine solche
Beobachtung hat wenigstens ~von Hessling~ am 2-5. Aug. 1860 an den
in der Eger sehr zahlreich lebenden Perlmuscheln gemacht. Zwischen
10-1 Uhr liessen nämlich die meisten Muscheln, wie die Untersuchung
nachher ergab, Männchen wie Weibchen, eine milchige Flüssigkeit aus
der Cloake austreten, die das Wasser trübte, aber beim Fliessen
über die Muschelbänke nach und nach wieder schwand. Durch die
Athemöffnung eingezogen würden die befruchteten Eier dann leicht in die
Kiemenfächer gelangen können. Vielleicht lassen sich im Aquarium später
entscheidende Beobachtungen hierüber machen.
In den Kiemenfächern findet man die Eier in ungeheurer Masse. ~Unger~
fand durch Zählung bei einer _Anodonta anatina_ 112000, C. ~Pfeiffer~
bei einer _Anodonta_, vermuthlich _A. cygnea_ 400000 Eier,[12]
von denen 1000 in getrocknetem Zustande nur ⅛ Gran wogen. Sie
sind sehr dicht zusammengepresst und dehnen die sonst ganz dünnen,
durchsichtigen Kiemen so aus, dass man, wie oben erwähnt, schon aus der
aufgetriebeneren, gewölbteren Schale die Weibchen erkennen kann.
In den Kiemenfächern findet nun die weitere Entwicklung statt. Der
Dotter nimmt eine dreieckige Form an und überzieht sich mit einer
dünnen Schicht vieleckiger Zellen, aus denen später die Embryonalschale
wird. Innerhalb derselben bildet sich dann die erste Anlage des
unpaarigen Schalenschliessers und das Byssusorgan. Bei dem vollständig
ausgebildeten Embryo, wie ihn die aus ~Forels~ Arbeit entlehnten
Figuren 5 und 6 auf Taf. VI. darstellen, finden wir die Körpersubstanz
in zwei seitliche Massen getrennt, die durch eine dünne, breite
Commissur verbunden sind, während bei den ausgebildeten Muscheln grade
die ganze Körpermasse in der Mitte vereinigt ist; auf ihnen stehen
an bestimmten Stellen bei _Anodonta_ 8, bei _Unio_ nur 4 aus Borsten
zusammengesetzte Stacheln, deren Bedeutung noch durchaus dunkel
ist. Ausserdem liegen noch an dem einen Ende zwei korbförmige, mit
Flimmerapparaten versehene, von ~Forel~ Räder genannte Organe, die
wahrscheinlich zur Respiration dienen; sie sind durch eine ebenfalls
mit Flimmerhaaren besetzte Brücke verbunden. Von Gefässen, Nerven oder
Verdauungsorganen findet sich auch bei dem zum Austreten reifen Embryo
keine Spur. Die Bewegungsorgane dagegen sind sehr stark entwickelt. Die
Schale ist dreiseitig mit abgestumpften Ecken, durch zahlreiche feine
Porenkanälchen durchsetzt. Das Schloss liegt an der einen Seite, ihm
gegenüber an der Ecke findet sich, mit einer Art Gelenk aufsitzend, ein
grosser, bauchiger Haken, der sich beim
Schliessen nach innen biegt. Geschlossen wird die Schale durch einen
sehr grossen, unpaaren Muskel, der ungefähr die Mitte des Körpers
einnimmt und sich schon in den ersten Tagen bildet, geöffnet durch
das Schlossband. Das einzige ausser dem Muskel entwickelte Organ ist
das Byssusorgan, ein cylindrischer Körper, der sich in einen langen
klebrigen Faden fortsetzt, welcher in vielen Windungen einen grossen
Theil des Schalenraumes ausfüllt. Das Byssusorgan liegt immer in der
rechten Schale.
Die so gestalteten Embryonen sind den ausgebildeten Najaden so
unähnlich, dass man sie für Parasiten angesehen hat und dass ~Rathke~
und ~Jacobson~ sie als eine besondere Schmarotzergattung unter dem
Namen _Glochidium_ beschrieben.
Beobachtet man Anodonten mit reifen Eiern eine Zeit lang in einem
Gefäss, so kann man sehen, dass sie immer den ganzen Inhalt eines
Kiemenfaches, in eine dichte kuchenartige Masse zusammengepresst,
ausstossen. Nach ~Forel~ ist diess aber ein abnormer, krankhafter
Vorgang; die Muschel kann in dem engen Glase nicht Sauerstoff genug
einathmen und sucht die Athemfläche zu vergrössern, indem sie die
äusseren Kiemen ihres Inhaltes entledigt. Im Aquarium, wo es an
frischem Wasser und Sauerstoff nicht fehlte, sah er die Eier mit dem
Athemwasser in Pausen von 3-4 Minuten aus der Cloake austreten, isolirt
oder zusammenhängend, aber nie zu Kuchen zusammengepresst.
Nimmt man einen Embryo aus den Kiemen oder aus einem der ausgestossenen
Kuchen noch so vorsichtig, immer findet man ihn ohne Eihülle; er öffnet
im Wasser alsbald seine Schalen und lässt sie nach einigen vergeblichen
Schliessversuchen offen; nach einigen Minuten ist er abgestorben.
Nimmt man dagegen einige spontan ausgetretene Eier vorsichtig mit
einem Uhrglase auf, so findet man die Eihülle noch ganz. So kann sich
der Embryo nach und nach an das Wasser, das ihm bei unvermitteltem
Uebergang tödtlich wird, gewöhnen; später zerreisst er dann die Schale
und lässt den Byssusfaden, der dann etwa 6-12 Mm., d. h. unendlich
viel länger als der noch immer microscopisch kleine Embryo ist, frei
hervortreten. Im Aquarium sterben alle, die meisten sehr bald, manche
hat ~Forel~ 23 und selbst 30 Tage lebend beobachtet, aber ohne dass sie
sich weiter entwickelten.
Es müssen also noch andere Umstände hinzukommen, die wir im Aquarium
den Embryonen nicht zu bieten vermögen. Hier stehen wir vor dem
dunklen Capitel der Entwicklungsgeschichte. Einige Fingerzeige hat
freilich die neuere Zeit gegeben. ~Leydig~ hat nämlich an verschiedenen
Flussfischen auf der Haut Verdickungen bemerkt, innerhalb deren er
Organismen fand, die ganz den Najadenembryonen glichen, aber keinen
Byssusfaden mehr hatten. ~Forel~ hat diese Beobachtung an Weissfischen
und Gründlingen im Main öfter gemacht; namentlich an Schwanz- und
Brustflossen und an den Kiemendeckeln sind diese eingekapselten
Embryonen gar nicht selten. Es lässt sich also vermuthen, dass sie
normaler Weise eine Zeit lang auf den Fischen schmarotzen und sich
dort soweit entwickeln, dass sie dann frei leben können. Es muss diess
ziemlich lange dauern, denn während die Embryonen höchstens 0,00088
Gran wiegen, wog die kleinste Muschel, die ~Forel~ fand, immer schon
1 Gr., also über 12000 mal mehr. Auf eine parasitische Lebensweise
deutet auch die ungeheure Anzahl der Eier hin, welche die Najaden
mit den parasitischen Würmern gemein haben, und zugleich erklärt
sich dadurch auch die verhältnissmässig geringe Fortpflanzung. Kämen
sämmtliche Embryonen zur Entwicklung, so müssten binnen kurzer Zeit
alle Gewässer mit Unionen und Anodonten angefüllt sein. Wahrscheinlich
sinken die Jungen nach ihrem Austreten aus den Kiemenfächern zu Boden,
öffnen dort, wie im Aquarium, ihre Schalen, sobald sie sich genügend
ans Wasser gewöhnt und die Eihülle gesprengt haben, und lassen den
Byssusfaden austreten. Derselbe heftet sich dann an die Fische an,
die langsam über den Boden hinschwimmen, aber von tausenden gelingt
diess vielleicht kaum einem, während die anderen zu Grunde gehen.
Nach ~Forel~ werden sie besonders von Infusionsthierchen sofort nach
ihrem Absterben aufgezehrt; C. ~Pfeiffer~ sah Limnäen sie in grosser
Menge fressen. Interessant wäre es, wenn genauere Beobachtungen diese
Parasiten besonders auf dem Bitterling, _Rhodeus amarus_, nachwiesen,
denn wie aus dem nächsten Capitel hervorgehen wird, es fände dann
zwischen diesem Fisch und unseren Muscheln ein auf Gegenseitigkeit
gegründetes Wechselverhältniss statt: die Muschelembryonen entwickelten
sich auf dem Fische, die Fischembryonen in den Kiemen der Muscheln.
Es muss also ein Vorgang stattfinden, der uns noch unbekannt ist. Eine
ganz vollständige Metamorphose, wie bei den Insecten, ist es aber
nicht, denn die Schalen bleiben erhalten und bilden kleine Höcker auf
den Wirbeln, die man namentlich bei jungen _An. cellensis_ mit blosem
Auge schon erkennen kann. Die microscopische Untersuchung lässt leicht
den Beweis führen, dass es wirklich die Embryonalschalen sind.
Was weiter aus den Embryonen wird, ist vollkommen unbekannt. Die
kleinsten Muscheln, die ~Forel~ fand, waren immerhin schon 6 Mm. lang
und vollständig wie die Erwachsenen organisirt. Meine kleinsten haben
freilich kaum die Grösse von _Pisidium obtusale_. Vielleicht leitet ein
günstiger Zufall einmal auf die richtige Spur. Wann die junge Muschel
den Fisch verlässt, und wo und wie sie dann lebt, das sind jetzt noch
vollkommen ungelöste Fragen.
Ueber die Entwicklung von _Tichogonia_ sind meines Wissens
Beobachtungen noch nicht gemacht; wahrscheinlich gleicht sie der der
übrigen Mytilaceen, die eine Zeit lang als ovale ⅕-¼ Mm. grosse
Larven mit nur einem Schliessmuskel vermittelst eines Wimpersegels frei
umher schwimmen, bis sich nach und nach die Organe entwickeln und das
Thier sich endlich festsetzt.
Jedenfalls erfolgt der Zuwachs nicht in einzelnen Absätzen, wie bei
den Schnecken, denn man findet nie Muscheln mit unvollständigem Rande,
sondern den ganzen Sommer hindurch ziemlich gleichmässig, indem der
häutige Saum, die überstehende Epidermis, fortwährend wächst und sich
in demselben Maasse Kalk in dieselbe ablagert. Dass allerdings kürzere
und längere Stillstände vorkommen, beweisen die feinen Streifen und die
stärkeren Absätze, die man an jeder Muschel findet.
Auch über das fernere Wachsthum der Muschel und deren Dauer,
sowie über ihr Alter ist man noch sehr unklar. Aus der Anzahl der
Wachsthumstreifen kann man das Alter unmöglich bestimmen, da wir
durchaus nicht wissen, wie oft jährlich das Gehäuse vergrössert wird.
Würde in jedem Jahre nur ein Zuwachsstreifen angesetzt, so müsste
man weit öfter kleine Exemplare, die für gewöhnlich ziemlich selten
sind, finden. Von der Perlmuschel weiss man aus den beaufsichtigten
Muschelbänken der Perlenbäche, dass sie 8-10 Jahre alt werden können;
sie scheinen aber in den letzten Jahren kaum mehr zu wachsen und nur an
Dicke zuzunehmen.
~Von Hessling~ behauptet freilich, dass man an Perlmuscheln, die durch
eingebrannte Jahreszahlen bezeichnet waren, ein Alter von 50-60 und
selbst von 70-80 Jahren beobachtet habe. Im Main dahier werden die
seichteren Buchten, die einzigen Wohnstätten der Unionen und Anodonten,
den Sommer über alljährlich fast vollständig ausgelesen und zwar auf
weite Strecken hin, im anderen Jahre sind sie wieder eben so reich
an Muscheln, wie vorher; es scheint mir das ein ziemlich sicherer
Beweis für ihr rasches Wachsthum zu sein. Directe Versuche, die ich
in eingesenkten Körben machte, verunglückten leider, da die Körbe von
muthwilliger Hand zerstört wurden.
Bei Unionen findet man mitunter die Ansätze der Schliessmuskeln
verkalkt; ich möchte diess, wenn die Schalen sonst normal sind, für ein
Zeichen hohen Alters halten.
Eigentliche Missbildungen sind bei den Muscheln selten. Mitunter findet
man die Schlosszähne auf der falschen Schale, rechts statt links;
man könnte diess etwa als Analogon der verkehrt gewundenen Schnecken
auffassen. Sehr häufig dagegen findet man Verkrüppelungen durch
Krankheit oder Verletzung. Hierher gehören vor allem die ~Perlen~,
wahrscheinlich immer entstanden durch das Bestreben der Muschel, einen
fremden Körper unschädlich zu machen oder eine Verletzung der Schale zu
repariren. Fremde Körper, die zwischen Mantel und Schale oder in den
Mantel hinein gerathen, werden mit derselben Perlmuttersubstanz, die
die Schale innen auskleidet, überzogen, so Sandkörnchen und sehr häufig
schmarotzende Milben. Meistens findet man die Perlen an der Innenfläche
der Schale festsitzend, seltener frei im Mantel. Mit Perlmuttersubstanz
werden auch Verletzungen reparirt; ich besitze einen _Unio batavus_
aus dem Main, der einen Defect von mehr als 1 Mm. Durchmesser,
wahrscheinlich durch den Schnabelhieb einer Krähe entstanden, mit einem
ganz dünnen Perlmutterhäutchen geschlossen hatte, um den eindringenden
Sand abzuhalten, und der wahrscheinlich den Schaden vollständig wieder
überwunden hätte, wenn nicht ein Muschelsammler dazwischen gekommen
wäre und das Thier als Schweinefutter verwendet hätte. Kleinere
perlenartige Höcker, förmliche Perlmutterblasen, findet man besonders
am hinteren Schalenrande sehr häufig; sie sind fast immer mit Sand
erfüllt, der durch irgend einen Zufall zwischen Mantel und Schale
gerathen und von dem Thier auf diese Weise unschädlich gemacht worden
ist.
Hierher gehören auch die Verkalkungen, die sich innen namentlich bei
der _An. ponderosa_ im Main durchaus nicht selten an den Ansätzen
der Schliessmuskel findet, entstanden durch Kalkablagerung in die
Bindegewebebündel, wie man sie ja analog auch bei anderen Thieren und
selbst beim Menschen findet. Meist sind die Schalen dann auch sehr
dick und machen den Eindruck eines sehr hohen Alters.
Sehr häufig sind auch im Main Krüppel, die wahrscheinlich durch eine
Quetschung des hinteren Endes entstehen, durch welche der hintere
Schliessmuskel momentan unwirksam gemacht wird. Natürlich klafft dann
die Schale am hinteren Ende, und das Thier muss, um den Schaden zu
repariren, im rechten Winkel von der alten Schale aus weiter bauen,
bis die Schalen wieder nahe genug zusammenkommen, dass das Thier in
normaler Richtung weiter bauen kann. In geringeren Graden ist diese
Form sehr häufig; in exquisiten Formen, wie ~Heynemann~ mehrere
besitzt, ist die senkrechte Wand jederseits über 1 Ctm. hoch.
Nicht selten findet man auch ungleichmässige Breite der
Zuwachsstreifen, wodurch die Schalenränder eine abnorme Richtung
bekommen, meist nur allmählig, aber mitunter bei Mantelverletzungen
auch plötzlich, so dass der Rand, meistens der Unterrand, vollständig
geknickt erscheint. Die allmählig eintretenden Abnormitäten sind
meistens Folge der äusseren Verhältnisse, unter denen das Thier lebt;
wo viele solchen Verhältnissen gleichmässig ausgesetzt sind, können
dadurch eigenthümliche Varietäten entstehen, wie _Unio platyrhynchus_
aus _pictorum_ in den Kärnthener Seen und analoge Formen auch aus
_tumidus_ in den Schweizer Seen, aus _batavus_ in dem See von Cattaro.
Eine Erscheinung, die man an den Najaden, aber wie schon bei
_Limnaea_ erwähnt, auch bei Süsswasserschnecken findet, ist die
~Cariosität, das Angefressensein der Wirbel~. In manchen Gewässern,
besonders kleinen Bächen, findet man alle Unionen angefressen;
die Wirbel sind vollständig zerstört, die Schale ist oft bis auf
die Perlmutterschicht herausgefressen. Die Zerstörung ist nicht
gleichmässig, einzelne Parthieen sind tief, andere nur oberflächlich
zerfressen, und namentlich die Zuwachsstreifen sind meistens noch
unverletzt, vermuthlich weil hier die Perlmutterschicht bis unter
die Oberhaut geht und der Zerstörung Widerstand leistet. Immer ist
die Cariosität an den Wirbeln am stärksten, aber es finden sich auch
anderweitig kleine Partikelchen herausgefressen, und zwar meistens
in dem Raum zwischen zwei Zuwachsstreifen. Immer ist die Zerstörung
auf beiden Schalen ganz oder fast ganz gleich. In anderen Gewässern
findet man alle Muscheln mit vollständig unversehrten Wirbeln. Woher
kommt diese Erscheinung? Eine Folge mechanischer Verletzungen kann
sie nicht sein; Muscheln, welche ihren Halt verloren haben und von
dem Strom zwischen Steinen gerollt und abgerieben werden, sehen ganz
anders aus; die Zuwachsstreifen sind ebenso stark angegriffen, wie die
zwischenliegenden Theile. Ich habe im Frühjahr 1867, wo eine grosse
Fluth einen Theil des Chausseedammes im Lahnthal wegriss, eine Menge
_Unio batavus_ aus dem Schutte auf den Wiesen ausgelesen, die doch
gewiss mit der furchtbarsten Gewalt in dem Kies des Dammes gerollt
worden waren; sie waren sehr abgerieben, aber die Verletzungen zeigten
keine Aehnlichkeit mit der Cariosität.
Eher könnte man vielleicht an eine Verletzung denken, die bei
dem Einbohren in den Kies der kleinen Bäche entstände; die
Muscheln in grösseren Flüssen und Teichen mit Schlammgrund wären
derselben natürlich weniger ausgesetzt, aber auch dann bleibt die
Gleichmässigkeit der Vertheilung unerklärlich, abgesehen davon, dass
für die Limnäen und Planorben diese Erklärungsweise selbstverständlich
wegfällt.
Auch an eine Verletzung durch andere Thiere, die etwa den Kalk
herausfressen wollten, ist bei den Muscheln, die gerade mit dem
cariösen Theile am Boden stecken, nicht zu denken, wenn schon mir diese
Erklärung bei Limnäen, die ich oft in Klumpen aufeinander sitzend fand,
nicht unwahrscheinlich erschien.
Es bleibt also nur noch der chemische Einfluss der im Wasser
enthaltenen Kohlensäure zur Erklärung übrig. Diese Ursache, von
allen Seiten gleichmässig wirkend, kann zwar allerdings eine auf
beiden Seiten gleiche Verletzung bewirken, aber es bleibt dann immer
noch unerklärt, warum die Auflösung nur einzelne Parthieen betrifft
und oft nur ganz einzelne, kleine Löcher in die Schale frisst. Wir
müssen also eine Ursache innerhalb des Thieres selbst annehmen, die
der Kohlensäure gestattet, die sonst durch die Oberhaut geschützte
Kalkschale anzugreifen und zu zerstören, bis die durch ihren starken
Gehalt an organischen Stoffen geschützte Perlmutter Halt gebietet. Mit
Perlmuttersubstanz sucht sich auch das Thier zu schützen, und jedem
tief eindringenden Loch entspricht eine Perlmutterverdickung an der
Innenfläche, wie man schon bei den Muscheln, noch viel deutlicher aber
bei den angefressenen Limnäen sehen kann. Jedenfalls ist hier noch sehr
viel zu erforschen. Für manche ostindische Schnecken hat ~Semper~
Zerstörung durch schmarotzende Schwämme als Ursache der Cariosität
nachgewiesen; auch an den amerikanischen Unionen beobachtete Dr. ~Noll~
häufig Zerstörungen unter der unverletzten Epidermis, die mit einer
braunen, mulmigen Masse ausgefüllt waren.
Auch bei unseren Muscheln greift die Zerstörung oft unter die
unverletzte Epidermis. Reinigt man die Schalen mit Scheidewasser, so
beobachtet man immer hier und da feine Löchelchen in der Epidermis, in
denen sich Kohlensäure entwickelt.
Eine interessante Beobachtung, die auch einiges Licht hierher wirft,
theilte mir vor kurzem Herr Forstmeister ~Tischbein~ von Birkenfeld
mit. Derselbe brachte nämlich vor circa 10 Jahren eine Anzahl Exemplare
von _L. stagnalis_ aus den schlammigen Gräben von Poppelsdorf bei
Bonn mit nach Birkenfeld, wo sie sonst nicht vorkommen, und setzte
sie dort in einem klaren Tümpel mit vollständig schlammfreiem Grunde
aus, welcher im Sommer fast ganz austrocknet. Trotz dieses ungünstigen
Wohnortes haben sich die Thiere dort fortgepflanzt, aber schon nach
kurzer Zeit -- die mir mitgetheilten Exemplare sind aus dem vierten
Jahre nach der Aussetzung -- wurden die Schalen cariös in einem Grade,
wie er mir noch nicht vorgekommen ist; es sind nicht nur tiefe Rinnen
in die Umgänge gefressen, sondern auch das ganze Gewinde ist zerfressen
und ausser dem letzten Umgang nur ein unförmlicher Stumpf übrig.
Hier ist allerdings der chemische Einfluss des kohlensäurehaltigen
Gebirgswassers die unzweifelhaft nächste Ursache, aber ebenso
unzweifelhaft ist durch die Verpflanzung der Schnecken in eine ihnen
durchaus nicht zusagende Localität die Widerstandskraft derselben gegen
den Einfluss der Kohlensäure vermindert worden.
Bemerken will ich nur noch, dass sich in Beziehung auf den chemischen
Einfluss die Moorgewässer ebenso verhalten, wie die Quellwasser,
jedenfalls in Folge der vielen vermodernden Vegetabilien, die ihnen
eine beträchtliche Quantität freie Kohlensäure mittheilen. In den
moorigen Wiesengräben um Schwanheim, in einem Teiche bei Niederrad, der
von den Abflüssen der moorigen Wiesen am Sandhof gespeist wird, sind
_Planorbis corneus_ und _Limnaea stagnalis_ stark angefressen, wie in
den Quellabflüssen des Gebirgs.
Achtundzwanzigstes Capitel.
Lebensweise der Muscheln.
Unsere Muscheln beleben sämmtliche Gewässer und sind darin ganz
allgemein verbreitet. Während die Unionen, einige Anodonten, die
Cyclasarten und Tichogonia nur das fliessende Wasser bewohnen, sind
einige andere Anodonten und die Pisidien mehr Freunde des stehenden
Wassers; die Unionen suchen kiesigen, die übrigen schlammigen Grund
auf, in dem sie meistens verborgen liegen, während _Tichogonia_ sich
durch den Byssus auf Steinen, auf anderen Muscheln und dgl. befestigt.