"Pescara", antwortete der Papst und dämpfte die Stimme, "ist eher
mein Unterthan als derjenige des Kaisers. Denn er ist ein
Neapolitaner, und ich bin der Lehensherr von Neapel. Glaube nicht,
Victoria, daß ich leichthin rede. Wie dürfte ich es, da ich das
Gewissen der Welt bin? Wahrlich, ich sage dir: in schlaflosen
Nächten und bekümmerten Frühstunden habe ich mein Recht auf Pescara
geprüft. Meiner politischen Vernunft mißtrauend, habe ich die zwei
größten Rechtsgelehrten Italiens zu Rate gezogen, Accolti und... hm...
den zweiten."
Der Papst zerdrückte den Namen klüglich auf der Zunge, da ihm noch
zur rechten Zeit einfiel, dieser zweite Rechtsgelehrte, der Bischof
von Cervia, genieße des Rufes der schamlosesten Käuflichkeit.
"Beide"--Clemens klopfte mit dem Fischerring auf das blaue
Buch--"stimmen zusammen, daß Pescara, nach strengem Rechte betrachtet,
viel mehr mein Mann sei als der des Kaisers, und beide erinnern mich
daran, daß ich überdies, kraft meines Schlüsselamtes, jetzt, da der
Kaiser mein Feind wird, die Macht besitze, den Marchese eines Eides
zu entbinden, den er einem Feinde des Heiliges Stuhles geschworen hat."
Der Papst hatte sich langsam erhoben. "Und so tue ich!" sagte er
priesterlich. "Ich löse Ferdinand Avalos vom Kaiser und zerbreche
seine Treue. Ich ernenne den Marchese von Pescara zum Gonfaloniere
der Kirche und zum Feldherrn der Liga, welche die Heilige heißt, weil
Christus in der Person seines Nachfolgers an ihrer Spitze steht."
Der Papst hielt inne.
Jetzt hob er die rechte und die linke Hand in gleicher Höhe, als
hielten sie eine Krone über dem Haupte der Colonna, die, von Staunen
überwältigt, auf die Knie sank, und sprach mit lauter Stimme: "Die
Verdienste meines Gonfaloniere um mich und die Heilige Kirche voraus
belohnend, kröne ich Ferdinand Avalos Marchese von Pescara zum Könige
von Neapel!" Die junge Königin erbebte vor Freude. Sie glaubte eine
Krone zu verdienen. Sprachlos, mit brennenden Wangen empfing sie den
Segen. Dann stand sie auf und ging, in gemessenen, aber eiligen
Schritten, als könne sie es nicht erwarten, dem erhöhten Gemahl seine
Krone zu bringen.
Der Heilige Vater, selbst aufgeregt, folgte ihr so hastig, daß er
beinahe einen Pantoffel verloren hätte. An der Schwelle erreichte er
sie und wollte ihr den Band von blauem Sammet bieten. "Für den
Marchese", sagte er.
Da erblickte er hinter ihr Guicciardin mit Morone, die vielleicht ein
bißchen an der Türe gehorcht hatten. Victoria mit strahlenden Augen
voll glühender Wonne erschien dem Kanzler als ein solches Wunder, daß
er fast von Besinnung kam. Rasch gesammelt aber flehte er den Papst
an: "Die Heiligkeit mache mich Unheiligen bekannt mit der himmlischen
Victoria!", worauf Clemens ihm einen kleinen Klaps auf die Schulter
gab und ihn mit den Worten vorstellte: "Der Kanzler von Mailand, ein
Weltkind, auf das sich der Heilige Geist herabzulassen beginnt!"
Dann wisperte er Viktorien ins Ohr: "Morone, Buffone."
Diese verschwand in der Verwirrung ihres Glückes, während der Papst
in der seinigen das wichtige blaue Buch zurückbehielt, denn er war
noch ganz berauscht von der kühnen symbolischen That, zu welcher ihn
der Anblick der schönen Frau hingerissen hatte. Nun fühlte er doch,
daß er das Gleichgewicht verloren; er wies mit einer Handbewegung den
Besuch des Florentiners und des Lombarden ab und trat in die
Raffaelische Kammer zurück.
Die beiden nicht Empfangenen sahen sich einen Augenblick an, dann
ergriff Guicciardin lachend den Arm des Kanzlers und zog ihn
sanftgestufte Treppen hinunter in die Vatikanischen Gärten, deren
Schattengänge sie nicht aufzusuchen brauchten, denn der Himmel hatte
sich mit schwarzen Wolken bedeckt.
"Eigentlich", plauderte Guicciardin, "mag ich den Alten leiden. So
fein er spinnt und so bedacht er redet, ist er doch innerlich ein
leidenschaftlicher, ein zorniger Mensch wie ich, und jetzt höchst
aufgeregt, weil er der Colonna unsere gefährliche Heimlichkeit
geoffenbart hat. Du in deiner Verzückung hast es freilich nicht
gesehen, wie er ihr die Gutachten des Accolti und des Angelo de Cesis
in die Hand drücken wollte. Zwei käufliche Schurken, die den Meineid
mit Bibelstellen belegen! Übrigens ist es ein starkes Ding, daß
Clemens in seinen alten Tagen so Kühnes und Folgenschweres unternimmt,
und noch mehr, er unternimmt es mit tiefem Mißtrauen gegen sich
selbst, ohne Glauben an seinen Stern, denn er hält sich heimlich für
einen Pechvogel. Das ist schlimm. Da war denn doch der Leo ein
anderer, immer strahlend und triumphierend, und darum immer glücklich,
während die gegenwärtige Heiligkeit, wie sie mir neulich im Tone des
Jeremias prophezeite, die Ewige Stadt schon geplündert und aus diesen
Dächern"--er wies auf den Vatikan--"Rauch und Flamme steigen sieht.
Dennoch beginnt er den Kampf gegen den Kaiser, und das rechne ich ihm
hoch an, ob es ihm auch zuerst um sein Florenz zu thun ist. Er hat
noch Blut in den Adern und knirscht die Zähne, soviel ihm geblieben
sind, wenn er den hochmütigen spanischen Adel auf dem Kapitole
stolzieren sieht wie in Neapel oder Brüssel. Aber wohin träumst du,
Kanzler? Von dem Weibe? Natürlich."
"Ich will zu der Römerin reden wie ein alter Römer!" rief der Kanzler.
"Schön! Nur hüte dich, daß du in der Begeisterung nicht deinen
klassischen Bocksfuß unter der Toga hervorstreckest. Sei züchtig,
mache große Worte und packe sie fest an ihrer Eitelkeit!"
"An ihrem Herzen will ich sie packen!"
"Das heißt, an ihrer Tintenflasche, denn die Herzen schreibender
Weiber sind mit Tinte gefüllt", lästerte der schmähsüchtige
Florentiner. "Aber weißt du, Kanzler"--und Guicciardin kniff ihn
kräftig in den Arm--"daß es nicht der Heilige Vater allein ist, den
unsere Unternehmung schlaflos macht. Auch ich habe in dieser Woche
noch kein Auge geschlossen. Immer muß ich mir diesen Pescara
zurechtdenken. Auf seinen Groll gegen den Kaiser gebe ich nichts:
sie können sich über Nacht versöhnen. Ebensowenig auf den Einfluß
des Weibes. Sie wird ihm die Botschaft des Papstes ausrichten dürfen:
weiter wird er nicht auf sie hören. Aber ich glaube auch nicht an
seine feudale Treue. Pescara ist kein Cid Campeador, oder wie die
Spanier ihren loyalen Helden nennen, dafür ist er zu sehr ein Sohn
Italiens und des Jahrhunderts. Er glaubt nur an die Macht und an die
einzige Pflicht der großen Menschen, ihren vollen Wuchs zu erreichen
mit den Mitteln und an den Aufgaben der Zeit. So ist er und so paßt
er uns. Unfehlbar, er wird unsere Beute und wir die seinige.
Dennoch... lache mich aus, Morone... etwas umhaucht mich: ich wittere
Verborgenes oder Geheimgehaltenes, etwas Wesentliches oder auch etwas
Zufälliges, etwas Körperliches oder einen Zug seiner Seele, kurz, ein
unbekanntes Hindernis, das uns den Weg vertritt und unsere genaue
Rechnung fälscht und vereitelt."
"Aber", sagte Morone nachdenklich werdend, "wenn er so ist, wie du
ihn nimmst, und wenn die Thatsachen liegen, wie wir sie kennen, aus
welcher Geisterquelle sollte denn jenes Feindselige aufsteigen?"
"Ich weiß es nicht! Nur--von diesem Pescara geht der Ruf, er
verstehe es, einen stürmenden Feind alle Höhen erklimmen zu lassen,
um ihm dann plötzlich einen letzten mit Feuerschlünden besetzten und
ihn zerschmetternden Wall entgegenzustellen. Wenn in seinem Innern
ein solcher Wall gegen uns emporstiege, gerade im Augenblicke, da wir
glauben, seine Seele bewältigt zu haben? Doch weg mit dem Spuk, der
nichts ist als die Schwüle vor dem Gewitter, die natürliche Angst und
Ungewißheit, die jedem großen und gefährlichen Unternehmen vorangeht."
Ein Blitz flammte über den Vatikan. Er stand in weißem Feuer und
zeigte die schönen Verhältnisse der neuen Baukunst. Unter dem Rollen
des Donners verloren sich die zweie zwischen den Säulen eines
Portikus, Guicciardin betroffen und sich fragend, was das Omen
bedeute, der Kanzler unbekümmert um den Himmel und seine Zeichen,
denn er sah sich schon zu den Füßen der Colonna.
Diese hatte im Taumel ihrer Begeisterung den Vatikan über die nächste
seiner zahlreichen Treppen und durch eines seiner Nebentore verlassen.
Sänfte und Gefolge, welche sie an der Hauptpforte vergeblich
erwarteten, hatte sie vergessen und wandelte, mehr von ihrem
ehrgeizigen Traume getragen als von dem aufziehenden Gewitter gejagt,
mit bewegten Gewanden nach ihrem Palast am Apostelplatze zurück. Sie
schritt mit einer geraubten Krone wie die erste Tullia, nicht über
den Leichnam des Vaters, sondern über die gemeuchelte Staatstreue:
denn die Tochter des Fabricius Colonna und die Gattin Pescaras war
eine Neapolitanerin und die Unterthanin Karls des Fünften, des Königs
von Neapel.
Die krönende Gebärde des Papstes hatte sie überwältigt. Gewöhnung
und Umgebung, der Glaube der Jahrhunderte und die überlieferten
Formen der Frömmigkeit ließen sie in dem Haupte der Kirche, so
entartet diese sein mochte, immer noch eine Werkstätte des göttlichen
Willens und ein Gefäß der höchsten Ratschlüsse erblicken--und wie
hätte das eigene Selbstgefühl und mehr noch der Stolz auf den Wert
ihres Gatten sie zweifeln lassen an dem päpstlichen Rechte, auf das
würdigste Haupt eine Krone zu setzen? So konnte ihr die anmaßende
Handlung des Mediceers trotz der veränderten Zeiten als ein Ausspruch
der Gottheit erscheinen.
Die neue Königin ohne Gefolge hatte den Borgo durcheilt, die
Engelsbrücke überschritten und ging nun schon durch die "gerade
Gasse", wie sie hieß, im Gelärme der Menge. Diese gab der Colonna
ehrerbietig Raum, ohne zu erstaunen über den unbegleiteten Gang und
die eilenden Füße der erlauchten Frau, welche jetzt der dem Gewitter
vorangehende Sturm beflügelte. Nach und nach aber verlangsamten sich
ihre Schritte in dem dichter werdenden Gewühle der nicht breiten
Straße, obwohl der schmale Himmel darüber immer dunkler und drohender
wurde.
Da erblickte sie über die Menge hinweg eine Kavalkade. Herren der
spanischen Gesandtschaft begleiteten, wohl zu einer Audienz im
Vatikan, den dritten kaiserlichen Feldherrn in der Lombardei, Leyva.
Dieser vormalige Stallmeister, der Sohn eines Schenkwirts und einer
Dirne, den ein knechtischer Ehrgeiz und ein eiserner Wille
emporgebracht, hatte einen plumpen Körper und das Gesicht eines
Bullenbeißers, denn Stirn, Nase und Lippe waren ihm von demselben
Schwerthiebe gespaltet. Neben ihm auf einem herrlichen andalusischen
Vollblute ritt, in einen weißen Mantel gehüllt, ein vornehmer Mann
mit braunem Kopf und energischen Zügen, welcher jetzt mit einer
devoten Verbeugung Viktorien zu grüßen schien; aber er hatte sich nur
vor den steinernen Heiligen einer nahen Kirche verneigt.
War es die grelle Gewitterbeleuchtung oder die gemessen feindselige
Haltung der Herren in einer Stadt, von deren dreigekröntem Gebieter
sie ihren König insgeheim verraten wußten, oder war es Victorias
erregte Einbildungskraft, sie sah und fühlte in der Grandezza der
Reiter und Rosse, den in die Hüfte gesetzten Armen, den verächtlich
halb über die Schulter auf die Romulussöhne niedergleitenden Blicken
und bis in die steifen Bartspitzen den Hohn und die Beleidigung der
beginnenden spanischen Weltherrschaft, sie empfand Grauen und Ekel,
und ein tödlicher Haß regte sich in ihrem römischen Busen gegen diese
fremden Räuber und hochfahrenden Abenteurer, welche die neue und die
alte Erde zusammen erbeuteten. Warum war der junge Kaiser zugleich
der König dieser ruchlosen Nation, in deren Adern maurisches Blut
floß und die Italien mit ihren Borjas vergiftet hatte?
Sonst hätte sie wohl der uralte Familiengeist ihres gibellinischen
Geschlechtes, das jahrhundertelang seinen Vorteil darin gefunden
hatte, der kaiserlichen Sache ohne Gehorsam zu dienen, an Karl
gefesselt, aber nein, nicht an diesen Kaiser, auch wenn er kein
Spanier gewesen wäre. Sie konnte sich nichts machen aus dem
undeutlichen Knaben, den sie nie von Angesicht gesehen, weder sie
noch irgendwer in Italien, das jener zu betreten zögerte.
Einen Brief freilich hatte er an sie geschrieben nach dem Siege von
Pavia, um sie zu beglückwünschen, daß sie die Gattin Pescaras sei.
Aber gerade in diesen kargen Zeilen schien sich ein kümmerliches
Gemüt zu spiegeln, und was der großgesinnten Frau am meisten mißfiel,
war die in ihren Augen ängstliche und frömmelnde Demut, mit welcher
der junge Kaiser Gott und seinen Heiligen die ganze Ehre des Sieges
gab. Obwohl selbst dem Himmel dankbar, schätzte Victoria solche
Demut gering an einem Manne und an einem Herrscher. War hier nicht
das Geständnis, daß der begeisternde Sieg den Fernstehenden kühl
gelassen hatte, ja, war hier nicht die kleinliche Absicht, den
Lorbeer Pescaras zu schmälern? Darum mußte der Himmel alles gethan
haben. Victoria aber war brennend eifersüchtig auf den Ruhm ihres
Gatten. Und wie ungroßmütig hatte sich Karl erwiesen! Er hatte es
über sich gebracht, dem Feldherrn, welchem er Italien verdankte, zwei
armselige italienische Städtchen zu verweigern! Nein, einen so
kleinen Menschen konnte man gar nicht verraten, man konnte höchstens
von ihm abfallen und ihn fahrenlassen.
Jetzt blendete sie ein gewaltiger Blitz, derselbe, der den Kanzler
und Guicciardin unter die Dächer des Vatikans zurückgetrieben, und
eben da der Regen zu stürzen begann, erreichte sie, rechts durch ein
Seitengäßchen biegend, die dunkeln Stufen des Pantheon und seine
erhabene Vorhalle. Ohne das Innere des machtvollen Tempels zu
betreten, lehnte sie, die entstehende Kühle einatmend, an eine der
enge zusammengerückten gewaltigen Säulen, und unter dem Vordache des
alten Bauwerkes kehrte ihr Geist in ein noch früheres Altertum zurück,
dessen Tugenden die flüssige Bildkraft des Jahrhunderts
verherrlichte, ohne sie zu besitzen oder auch nur begreifen zu können
in ihrer eintönigen Starrheit und strengen Wirklichkeit.
Jene tugendhaften Lucretien und Cornelien traten ihr wie Schwestern
vor das altertumstrunkene Auge, trug sie doch zwei Namen, die beide
so römisch als möglich klangen, und war ihr doch wie jenen hohen
Frauen das weiblich Böse unbekannt. Jene schlichten und stolzen
Geschöpfe hatten die Eroberer der Welt geboren, Virgils großartiges
"Tu regere imperio", das sie sich wie oft schon vorgesagt hatte,
überwältigte sie jetzt bis zu den Tränen. Sie betrat den Tempel und
warf sich nieder in der Mitte desselben unter der wetterleuchtenden
Wölbung und rang die Hände und flehte, daß Rom und Italien nicht
versinke in das Grab der Knechtschaft. Sie flehte in den
christlichen Himmel hinauf und nicht minder zu dem Olympier, der über
ihr donnerte, zu alle dem, was da rettet und Macht hat, mit der
wunderlichen und doch so natürlichen Göttermischung der
Übergangszeiten.
Da sie das Pantheon verließ--wie lange sie auf den Knien gelegen,
wußte sie nicht--heiterte sich der italienische Himmel eben wieder
auf, und in ihrem gewöhnlichen Wandel, leicht und gemessen, beendigte
sie den Weg nach ihrem Palaste.
Jetzt kehrten ihre Gedanken zu Pescara zurück. Nicht diese ihre
Frauenhände konnten den Spanier verjagen, sondern nur er vermochte es,
welcher in jeder der seinigen einen Sieg hielt, wenn sie und die
Umstände ihn dazu überredeten. Durfte sie es hoffen? Hatte sie
solche Gewalt über ihn? Und Victoria mußte sich sagen, daß sie trotz
ihrer langen und trauten Ehe den innersten Pescara nicht kenne. Sie
wußte sein Angesicht, seine Gebärde, die kleinste seiner Gewohnheiten
auswendig. Daß der Enthaltsame ihr treu sei, glaubte sie und
täuschte sich nicht. Daß er sie anbetete und als sein höchstes Gut
mit der äußersten Liebe und Sorgfalt hegte, zärtlich und
verehrungsvoll zugleich, darauf war sie stolz. In den seligen
Stunden ihres kurzen, stets wieder von Feldzug und Lager aufgehobenen
Zusammenseins warf er Pläne und Karten und seinen Livius weg, um sein
Weib und gemeinsam mit ihr Meerbläue und wandernde Segel zu
betrachten. Er spielte mit ihr Schach, und sie gewann. Er bat sie,
die Laute zu schlagen, schloß die Augen und lauschte. Er gab ihr für
ihre Sonette spitzfindige Themata auf und verschärfte zuweilen den
Umriß ihrer allgemeinen Gedanken und weiten Wendungen, denn er selbst
hatte früher, in der unfreiwilligen Muße einer Gefangenschaft--und
wahrhaftig gar nicht übel für einen Geharnischten--zur Verherrlichung
Victorias einen "Triumph der Liebe" gedichtet.
Seine Siege aber erzählte er, jung wie er war und größerer gewärtig,
seinem Weibe niemals, da er sie, wie er sagte, weder langweilen noch
mit Blut bespritzen wolle, denn ein Feldzug sei eine lange
Geduldsprobe, die zu der roten Lache einer Schlachtbank führe. Von
Politik sprach er ihr nur gar nicht, weder von Vergangenem noch von
Schwebendem, obwohl ihm einmal das Wort entschlüpfte, Menschen und
Dinge mit unsichtbaren Händen zu lenken, sei das Feinste des Lebens,
und wer das einmal kenne, möge von nichts anderem mehr kosten. Doch
gewöhnlich meinte er, Politik sei ein schmutziger Markt und sein Weib
dürfe nicht einmal die helle Spitze ihres Fußes in den ekeln Sumpf
tauchen.
So gestand sich Victoria, daß ihr der alles untäuschbar
durchblickende Pescara undurchdringlich und sein Denken und Glauben
verschlossen sei.
War das recht? Durfte es für sie verbotene Türen und verschlossene
Kammern geben in der Seele ihres Mannes? Nach den Plänen des
Feldherrn und den Ränken des Staatsmannes war sie nicht begierig,
aber sie verlangte eingeweiht zu werden in seinen Ehrgeiz und in sein
Gewissen. Und jetzt, da Pescara vor einer ungeheuren Entscheidung
stand, nein, jetzt ließ sie sich nicht abschütteln von seinem
kämpfenden Herzen, nicht abspeisen mit einer Liebkosung oder einem
Scherze, jetzt wollte sie mitraten und mithandeln. Hatte sie ihm
nicht eine frische Seele und eine reine Jugend gebracht? War sie
nicht eine Colonna? Brachte sie nicht heute eine Krone? Ob er diese
zurückweise, ob er sie aus ihren Händen nehme und sie sich aufs Haupt
setze, hier wollte sie seine Mitschuldige oder seine Mitentsagende
sein, ein bewußter Teil seiner verschwiegenen Seele. Wäre sie schon
bei Pescara! Herz und Sohlen brannten ihr vor Ungeduld, und schon
durchschritt sie den Apostelplatz, wo ihr ein geharnischter Jüngling
entgegentrat, der unter dem Tor ihres Palastes auf sie gewartet hatte.
"Ich war um Euch in Sorge, erlauchte Frau", begrüßte er sie, "da Eure
Sänfte und Eure Leute ohne Euch aus dem Vatikan zurückgekehrt sind.
Nun, da seid Ihr ja, Patin, wenn ich Euch so nennen darf, wie ich von
jung an gewohnt war und es auch mein gutes Recht ist." Ohne Antwort
zu geben, stieg sie mit ihm die Treppen hinan, kaum auf seinen
dargebotenen Arm sich lehnend.
Diesen gewöhnlichen Dienst von ihm anzunehmen, durfte sie sich nicht
weigern, was sie auch gegen ihn haben mochte. Denn Del Guasto--so
hieß der Jüngling--war der Neffe Pescaras und wie er ein Avalos. Der
fünfzehnjährige Pescara und die gleichaltrige Victoria hatten den
Knaben gemeinsam aus der Taufe gehoben. So hatte es der Vater
Victorias, der Feldherr Fabricius Colonna, veranstaltet, um seine
zwei Lieblinge, den jungen Krieger und sein aufgeblühtes Kind,
zusammen vor einen Taufstein zu stellen und die beiden Gesichter und
Gestalten sich einander erblicken zu lassen.
Später nahm Victoria den wohlgebildeten und feurigen Knaben, der in
seinem kostbaren Taufhäubchen ihre Ehe mit Pescara gestiftet und dem
die Eltern früh wegstarben, an Kindes Statt. Wäre er nur ein Knabe
geblieben! Mit der Weichheit seiner Züge aber verlor er auch die
Liebenswürdigkeit seiner Seele. Das schöne Profil bekam einen
Geierblick und den immer schärfer sich biegenden Umriß eines
Raubvogels, und die sich offenbarende Unbarmherzigkeit begann
Victoria zu befremden und abzustoßen. Pescara hatte ihn dann in den
Krieg entführt, und in der einzigen Schule des von ihm vergötterten
Feldherrn war er zu dem verwegenen Soldaten erwachsen, der in der
Schlacht von Pavia durch Niederlegung der Parkmauer den Sieg begann,
aber auch zu dem harten, grausamen Menschen, der auf dem vorjährigen
schnellen Rückzug aus der Provence ein Haus, in dessen Keller ein
Dutzend seiner Leute sich verspätet hatten, ohne mit der Wimper zu
zucken, anzünden und in Flammen aufgehen ließ.
Doch Victoria hatte ihm Schlimmeres vorzuwerfen, einen Frevel, der
die Frau in ihr empörte, und davon sollte er nun hören, jetzt, da er
zum ersten Male seit diesem jüngsten Verbrechen vor ihr stand. Sie
erkundigte sich, ob er von Pescara komme und was er bringe. Er
antwortete, daß er da sei, um die Herrin nach Novara zu geleiten. Er
glaube zu wissen, daß sein Anblick der Herrin mißfalle, habe aber den
Auftrag des Feldherrn nicht ablehnen dürfen, der die Marchesa nur dem
sichersten Schwerte anvertrauen wolle. Denn die Straße werde ebenso
unsicher wie die Weltlage, und er müsse die Marchesa ersuchen, sich
morgen in der Frühe bereitzuhalten, er brenne, ins Lager
zurückzukehren, wo jeder nächste Moment den Krieg bringen könne, und
da dürfe er nicht fehlen. Der Mailänder, Venedig, die Heiligkeit
beteuern in die Wette ihre friedlichen Gesinnungen: also stehe der
Kampf bevor. "Das wissen wir lange schon, es ist nur eine Frage des
günstigen Augenblickes. Aber"--er trat einen Schritt zurück--"etwas
anderes, etwas Neues, etwas Ungeheures habe ich auf meiner Reise
durch Mittelitalien gehört, und ich brauchte nicht einmal zu lauschen.
In Städten und Herbergen rauschte es öffentlich wie die Brunnen auf
den Plätzen. Freilich reiste ich unter fremdem Namen und mit nur
einem Diener." Er hielt inne und blickte mit brennenden Augen, als
verfolge er die spannende Wendung einer Jagd oder einen in
Monddämmerung kriechenden Hinterhalt.
"Redet, Don Juan", flüsterte Victoria.
"Für Euch, Madonna, die aus dem Vatikan zurückkehrt, gibt es kein
Geheimnis, und es ist nicht einmal eines, sondern, wie ich sagte, ein
öffentliches Geflüster, ein schadenfrohes, rachsüchtiges Gekicher,
ein kaum unterdrückter, italienischer Jubel, eine allgemeine
patriotische Rede und Ermunterung, von der ich die größte Eile habe,
den Feldherrn zu unterrichten. Denn noch weiß er nichts davon. Wie
ich meine", fügte er argwöhnisch bei.
Victoria erbleichte. "Was wird geflüstert", fragte sie beklommen,
"und über wen? doch nicht über Pescara?"
"Von ihm. Er ist überall. Sie sagen"--er dämpfte die Stimme--"der
Feldherr löse sich vom Kaiser und unterhandle mit der Heiligkeit und
den italienischen Mächten."
Victoria erschrak über den glühend sinnlichen Ausdruck seines
Gesichtes. "Und Pescara..." sagte sie undeutlich.
"Wie ich den Feldherrn beneide!" träumte Don Juan. "Welche
Aufregungen, welche Genüsse! Italia wirft sich ihm in die Arme... er
wird sie liebkosen, unterjochen und wegwerfen... oh, er wird mit ihr
spielen wie die Katze mit der Maus!", und er machte mit der Rechten
eine haschende Gebärde.
Ein flammender Zorn übermochte die Colonna. "Verworfener", rief sie,
"habe ich dich gefragt, wie Pescara thun würde? Bist du der Mensch,
es zu wissen? Habe ich dir erlaubt, an ihm herumzudeuten?... Wie
die Katze mit der Maus... abscheulich! So hast du mit Julien
gespielt, Ehrloser!"
Diese Julia stammte aus einem edeln novaresischen Geschlechte und war
die Enkelin des gelehrten Arztes Messer Numa Dati, welcher die
Speerwunde Pescaras geheilt hatte. Del Guasto, der im Hause des
Arztes Quartier genommen, hatte das Mädchen mißleitet und die Wohnung
gewechselt. Die Preisgegebene war dann, von Scham vernichtet, vor
dem arglosen Antlitz ihres Großvaters von Novara weit weg in ein
römisches Kloster geflohen und hatte die mächtige Colonna auf den
Knien angefleht, sich ihrer zu erbarmen und ihre Ehre herzustellen.
Da ihn Victoria einen Ehrlosen hieß, biß sich Don Juan die Lippe.
"Sachte, Herrin", sagte er, "wäget Eure Worte. Ich bin kein Ehrloser,
sondern ich wäre es, wenn ich Julien nicht verlassen hätte. Ich
rede nicht von dem Unterschiede des Blutes eines Avalos und einer
Dati, sondern einfach davon, daß mir wie jedem Manne keine Gefallene,
sondern eine Unschuldige zur Braut geziemt."
Victorias menschliches Herz empörte sich. "Du bist es, der die
Ärmste mit deinen Liebkosungen und Beteuerungen, ja vielleicht gar
mit falschen Gelübden und Eiden zu Falle gebracht! Bist du es nicht?
Kannst du es leugnen?"
Er erwiderte: "Ich leugne es nicht, aber es war mein Kriegsrecht,
denn Krieg ist zwischen dem männlichen Willen und der weiblichen
Unschuld. Ich versuchte sie, ja. Warum widerstand sie nicht? Warum
gab sie sich? Warum beschuldigt Ihr mich, daß sie schwach war und
daß ich sie jetzt verachte und verschmähe?"
Victoria erstarrte vor Entsetzen. "Ruchloser!" stöhnte sie.
"Madonna", kürzte der Jüngling das Gespräch, "das ist eine peinliche
Unterhaltung, und Ihr tut mir leid dabei. Ich schlage Euch ein
Tribunal vor. In Novara angelangt, treten wir vor den Feldherrn, und
Ihr verklaget mich. Ich werde mich rechtfertigen, und der Feldherr,
der die Welt und ihre Ordnungen kennt, wird mich freisprechen, wie
ich denke. Jetzt verlasse ich Euch. Ich habe noch Leute zu werben,
denn ohne eine starke Bedeckung wage ich in diesen unruhigen Zeiten
nicht für Euch zu haften." Er verbeugte sich und verließ sie hohen
Hauptes.
Victoria wendete sich unwillig und wählte den entgegengesetzten
Ausgang. Sie bedurfte Kühlung und stieg in den Garten hinab. Mit
dem letzten Tageslichte betrat sie den hinter dem Palaste liegenden
Raum, welcher, von hohen Mauern eingehüllt, voller Lorbeer und Myrte
war und den der nachtröpfelnde Regen erfrischte. Ihre Schritte
suchten das den Garten abschließende Kasino.
Die Helle genügte noch, wenn auch mit Mühe die Lettern zu
unterscheiden in dem Evangelienbuche, welches sie im Vorbeigehen aus
der Bibliothek genommen und vor das sie sich gesetzt hatte, die heiße
Stirne in den gefalteten Händen. Ganz erfüllt von dem Schicksale
Juliens und dem größern Pescaras, durchlief sie mit den Augen
gedankenlos die aufgeschlagene Seite und atmete in vollen Zügen die
erfrischte Luft. Nach einer Weile wurde sie sich dessen bewußt, was
sie las: es war die dreimalige Versuchung des Herrn durch den Dämon
in der Wüste. Sie las weniger mit dem leiblichen als dem geistigen
Auge, was sie von Kind an auswendig wußte.
Sie sah den Dämon vor den Heiland treten, welcher das einfache Wort
der Treue und des Gehorsams den Sophismen des Versuchers
entgegenhielt. Als der Versucher heftiger drängte, deutete des
Menschen Sohn auf die Stelle seiner künftigen Speerwunde... Da
wandelte sich das weiße Kleid in einen hellen Harnisch, und die
friedfertige Rechte bepanzerte sich. Nun war es Pescara, der die
Hand über seine durchschimmernde Wunde legte, während der Dämon jetzt
einen langen schwarzen Juristenrock trug und sich wie ein Gaukler
gebärdete. So sah es die Colonna auf dem vor ihr liegenden
Bibelblatte. Ärgerlich über das Spiel ihrer Sinne, that sie sich
Gewalt an und blickte auf.
"Wer bist du, und was willst du?" rief sie erstaunt, und eine vor ihr
stehende dunkle Gestalt antwortete: "Ich bin Girolamo Morone und
komme zu reden mit Victoria Colonna." Victoria erinnerte sich, wen
ihr heute der Papst gezeigt hatte, und gewahrte jetzt auch den
einführenden Diener. Dieser entflammte die über der Herrin
schwebende Ampel, rückte dem Kanzler einen Schemel und entfernte sich,
während die Marchesa in der entstehenden Helle das häßliche, aber
mächtige Gesicht ihres nächtlichen Gastes betrachtete, das ihr keinen
Widerwillen einflößte.
"Zu später Stunde", sagte sie, "suchet Ihr mich; doch Ihr bringt mir
wohl einen Auftrag an meinen Herrn, zu welchem ich morgen in der
Frühe verreise."
"Vor Pescara denke ich bald selbst zu stehen", erwiderte Morone, "und
nicht von ihm werde ich Euch reden, sondern allein von Victoria
Colonna, welche ich mit ganz Italien verehre und anbete wie eine
Gottheit, der ich aber zürne und gegen die ich Klage erhebe."
Wer seid Ihr, um so mit mir zu sprechen? lag es auf den Lippen der
Marchesa, doch sie fragte rasch und warmblütig: "Wessen klaget Ihr
mich an? Was ist meine Schuld, Morone?"
"Daß Ihr Euer helles und begeisterndes Antlitz in Rollen und Bücher
vergrabet und unter Schatten und Fabeln lebet! Daß Ihr den ersten
Cäsar verabscheut und dem neuesten huldigt, daß Ihr Troja beweinet
und Euer Volk vergesset, daß Euch Prometheus' Bande drücken und die
Fesseln Italiens nicht schmerzen! Drei Frauen haben sie geschmiedet!"
"Welche dreie?" fragte sie.
"Die erste war Beatrix Este. Wann ihr alternder Gemahl, der Mohr,
sie auf den schwellenden Mund küßte, flüsterte sie, daß ihren blonden
Flechten ein Diadem anstünde, der kluge Mohr verstrickte sich in die
blonden Flechten und vergiftete seinen Neffen, den Erben von Mailand."
"Die Schändliche!"
"Der welkende Knabe hatte ein stolzes und feuriges Weib, die
Aragonesin Isabelle, die Beatrix tödlich haßte, und mit ihren jungen,
kräftigen Armen den siechen Knaben, ihren Gemahl, auf den
vorenthaltenen Thron heben wollte, sie beschwor und bestürmte ihren
Vater, den König von Neapel, bis dieser den Mohren bedrohte."
"Ärmste!"
"Der Mohr war sicher, solange der Gebieter von Florenz, der junge
Medici, dazwischen stand. Dieser war das Spielzeug seines schönen
Weibes, der hochmütigen Alfonsine Orsini, und das Weib übermochte ihn,
daß der Tor dem Mohren Freundschaft und Bündnis kündigte. Da rief
der Mohr den Fremden."
"Unselige!"
"Dreie haben Italien gefesselt. Die vierte, die Ihr seid, muß es
erlösen."
"Kanzler, ich bin nicht das Weib eines Greises, noch eines Knaben,
noch eines Toren, noch eines andern von denen, die sich vom Weibe
berücken lassen, und... ich begehre keine Krone." Sie errötete und
wurde wie Purpur.
"Herrin", sagte der Kanzler, "die Krone begehrt Euch. Erbarmt Euch
Eures Volkes, und vertretet es bei Pescara! Ich sage nicht:
liebkoset, umgarnet, verleitet ihn! Ich verschwöre mich nicht mit
Euch, ich verabrede keine Rollenteilung, ich lasse Euch reisen, ich
laufe mit Euch in die Wette, wer ihn zuerst erreiche. Und seid Ihr
die erste, so umfanget seine Knie und redet aus der Fülle Eures
Herzens und flehet: Pescara! Ich bin Italien und liege zu deinen
Füßen: erhebe mich und nimm mich an deine Brust!"
Victoria war gerührt, und auch der Kanzler vergoß Tränen.
"Erlauchte Frau", sagte er, "wer bin ich, der so zu Euch reden darf!
Ich bin nicht wert, daß ich den Saum Eures Gewandes küsse. Ludwig
der Mohr, mein allergütigster Herr, hat mich in Mailand von der Gasse
aufgelesen und wie einen drolligen kleinen Pudel zu seinen Füßen
spielen lassen. Da habe ich meine Erziehung genossen und an seinem
Hofe und später in seinem Dienste das Gesicht und die Gebärde meiner
Zeit, den ganzen ausgelassenen Triumphzug des Jahrhunderts betrachtet.
Der arme Mohr! Sein Unstern und die Franzosen entführten ihn nach
Loches, wo er zehn lange Jahre im Kerker schmachtete. In seinem
letzten habe ich ihn dort wiedergesehen; denn damals, durch die Macht
der Umstände, befand ich mich in französischem Dienste, und mich
verlangte nach dem Antlitz meines Wohltäters. Da ich ihn erblickte,
erschrak ich und hatte Mühe, ihn zu kennen. Er sah wie ein Geist:
Kerker und Elend hatten seine Miene seltsam veredelt. Erst da er den
Mund öffnete, fand ich mich wieder in ihm zurecht. Er lächelte und
sagte in seiner unvergleichlich feinen Weise: 'Bist du es, Girolamo?
Es ist hübsch von dir, daß du mich besuchest. Ich verarge dir nicht,
wenn du in den Dienst meines Feindes getreten bist. Die Umstände
zwingen, und wie ich dich kenne, wirst du meinen Söhnen noch ein
treuer Freund und Berater sein, wenn das Rad der Fortuna sich
wiederum gedreht haben wird. Du bist nun ein gereifter Diplomat
geworden und verrätst keine schlechte Schule. Weißt du noch, wie ich
dir untersagte, dein komisches Gesicht wegzulegen und dein
Gebärdenspiel zu mäßigen, mit welchen du dir jetzt deine neuen
Freunde gewonnen hast?'
So scherzte er eine Weile großmütig, dann aber redete er ernst und
sagte: 'Weißt du, Girolamo, was mich hier in meiner Muße beschäftigt?
Nicht mein Los, sondern Italien und immer wieder Italien. Ich
betraure als die Qual meiner Seele, daß ich, vom Weibe verlockt, den
Fremden gerufen habe, mit dem ihr jetzt rechnen müßt und der ein
zerstörender Teil eures Körpers zu werden droht. Ich aber sinne, wie
ihr wieder euer werdet. Da war der Valentino, jener Cäsar Borgia,
der versuchte es mit dem reinen Bösen. Aber, Girolamo, mein Söhnchen,
das Böse darf nur in kleinen Portionen und mit Vorsicht gebraucht
werden, sonst bringt es um. Da ist jetzt der Rovere, dieser Papst
Julius, der auf einer Donnerwolke gegen den Fremden fährt, welchen er
selbst gerufen hat, nicht minder als ich. Aber der Greis verzehrt
sich, seine gewalttätige Seele wird bald in den Hades schweben, und
nach ihm bleibt der gewöhnliche Hohepriester, der zu schwach ist,
Italien zu gründen, doch gerade stark genug, um jeden andern an dem
Heilswerke zu hindern.
Girolamo, mein Liebling: ich glaube nicht, daß mein Italien untergeht,
denn es trägt Unsterblichkeit in sich; aber ich möchte ihm das
Fegefeuer der Knechtschaft ersparen. Gib acht, Söhnchen: ich lese
zwischen deinen Augen, daß du noch eine Rolle spielen wirst in dem
rasenden Reigen von Ereignissen, der über meinen lombardischen Boden
hinwegfegt. Tritt eines Tages aus diesen wechselnden Bildungen eine
Macht und aus diesen flüchtigen Gestalten eine Person, aber weder ein
Frevler noch ein Priester, sondern ein Feldherr, der den Sieg an
seine eiserne Sohle fesselt, wer und wessen Stammes er sei, nur kein
Fremder, dem gib du dich, mit Leib und Seele! Was an List und Lüge
notwendig ist--denn anders gründet sich kein Reich--, das übernimm du,
mein Söhnchen, er aber bleibe makellos!'"
Der Kanzler war aufgesprungen. Seine begeisterte Rede riß ihn, ohne
daß er es merkte--und auch die ergriffene Victoria merkte es nicht--,
weit über die Grenze der Wahrheit. "Diesem Erkorenen", rief er aus,
"stehe das schönste und reinste Weib zur Seite! Italien will die
Tugend leiblich einherschreiten sehen, um ihr nachzuleben. Unser
Verderben ist die Entfesselung aus der Sitte, der zerrissene Gürtel
der Zucht. Hier ist ein Sieg davonzutragen, größer als der auf dem
Schlachtfelde, und ein Zauberstab zu schwingen, mächtiger als der
Feldherrnstab. Ich sehe sie vor mir, diese Königin der Tugend, die
Priesterin, die das heilige Feuer hütet, die Erhalterin der
Herrschaft, und, Hosianna! ganz Italien wandelt hinter ihren
Schritten, lobpreisend und frohlockend!" Der Kanzler machte Miene,
Viktorien huldigend zu Füßen zu stürzen, doch er trat zurück und
flüsterte verschämt: "So sprach Ludwig der Mohr in seinem Kerker."
Victoria senkte die Augen, denn sie fühlte, daß sie voller Wonne
waren und brannten wie zwei Sonnen.
Da sagte der Kanzler: "Ich habe Euch ermüdet, edle Frau, die Augen
fallen Euch zu. Ihr müsset morgen frühe auf und seid schwer von
Schlummer." Und der Listige trat in die Nacht zurück, die sich
inzwischen auf die Ewige Stadt gesenkt hatte.