Zweites Kapitel

In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer,

an deren Dielen und Wänden Raphael die Triumphe des Menschengeistes

verherrlicht, saß ein Greis mit großen Zügen und von ehrwürdiger

Erscheinung. Er sprach bedächtig zu dem emporgewendeten, mit

dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen

Füßen saß und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso

schön war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der

Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkörpert. Der betagte

Papst mit seinem langen gebückten Rücken und in seinem fließenden

weißen Gewande ähnelte einer klugen Matrone, welche lehrhaft mit

einem jungen Weibe plaudert.

Noch nicht gar lange mochte Victoria auf ihrem Schemel gesessen haben,

denn der heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden

ihres Gatten, des Marchese von Pescara. "Die Seitenwunde von Pavia

macht sich nicht mehr fühlbar?" sagte er.

"Der Marchese ist völlig geheilt", erwiderte Victoria unschuldig.

"Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde.

Er wird Eure Heiligkeit begrüßen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm

die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glückselige"--sie

sprach es mit jubelnden Augen--"auf unserer Meeresinsel vereinigen

wird. Aber er selbst verweigert sich denselben für einmal noch,

weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch

trüber sei als sonst--so schreibt er--, sondern weil er gerade jetzt

das Heer ungern verlasse. Der Mörder", sagte sie lächelnd,

"beschäftigt sich nämlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und

einem neuen Manöver. Das brächte er nun gerne erst zu einem Ergebnis.

So hat er mich, die er anfänglich hier in Rom überraschen wollte,

in sein Feldlager nach Novara beschieden und ich reise morgen, nicht

im Schneckenhaus meiner Sänfte, sondern im Sattel meines hitzigen

türkischen Pferdchens. Hätte ich Flügel! mich verlangt nach den

Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener

berühmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und so bin ich

zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei

Ihr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So

redete Victoria aufwallend und überquellend wie ein römischer Brunnen.

Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, daß Pescara

sein Thun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er

liebte. Nur mit dem Unterschiede, daß der junge Pescara im

entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke

hervorsprang, während Clemens unentschlossen, über sich selbst zornig,

in der seinigen verborgen blieb, weil er aus greisenhafter

Überklugheit den Moment zu ergreifen versäumte. Er schärfte, in

einem andern Bilde gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem

Ärger die allzufeine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und

tastete.

"Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. "Ich

dächte, seinen Abschied? Achilles zürnt im Zelte, so hörte ich."

"Davon weiß ich nichts, und das glaube ich nicht, Heiliger Vater",

entgegnete Victoria und warf mit einer stolzen Gebärde das Haupt

zurück. "Warum seinen Abschied?"

"Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens

ärgerlich mit einem frostigen Scherze, "sondern geprellt um einen

erbeuteten König und um die Thürme von Sora und Carpi."

Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Thatsachen an. Der

Vicekönig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen

des französischen Königs in Empfang und damit die Ehre vorweggenommen,

die erlauchte Beute nach Spanien führen zu dürfen. Und dann hatte

der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen

Verwandten der Victoria geschenkt, nicht seinem großen Feldherrn,

welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen.

Victoria erröthete unwillig. "Heiliger Vater, Ihr denkt gering von

meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinlichen Pescara vor: gebet

mir Urlaub, damit ich reise und mich überzeuge, daß euer Pescara

nicht mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten."

Sie erhob sich und stand groß vor dem Papste, aber schon verbeugte

sie sich wieder tief mit demüthiger Gebärde, um seinen Segen flehend.

Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens

durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den

geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Daß aber mit

Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich

sah, nichts gethan wäre, begriff er leicht: entweder würde sie sich

gegen das Zweideutige aufbäumen oder es als etwas Unverständliches

und Nichtiges unbesehen in den Winkel werfen. Er mußte dieser wahren

und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen

vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres

Blickes würdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er that einen

schweren Seufzer.

Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er

fragte Victoria mit einer harmlosen Miene, während er die Hand mit

dem Fischerring auf ein in blauen Sammet gebundenes Buch mit

vergoldeten Schlössern legte: "Spinnst du wieder etwas Poetisches,

geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil

sie sich mit dem Guten und Heiligen beschäftigt. Und ich liebe sie

insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber

das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonette

behandelt. Weißt du, welches ich meine, Victoria Colonna?"

Diese wunderte sich nicht über den plötzlichen Einfall des Heiligen

Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem

schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten ähnliche

Fragen an sie richten mochten. Sie fühlte sich und erhob den

schlanken Leib kampflustig, während sich ihre Augen mit Licht füllten.

"Der größte sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen, "ist der

zwischen zwei höchsten Pflichten."

Jetzt hatte der Heilige Vater Fahrwasser gewonnen. "So ist es",

bekräftigte er mit theologischem Ernste. "Das heißt: scheinbar

höchsten, denn eine der beiden ist immer die höhere, sonst gäbe es

keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen,

daß sie dir beistehen und dich die höhere Pflicht erkennen lassen,

damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe,

dieser große und schwere Kampf wird an euch Beide herantreten."

Victoria erblaßte, da ihr die akademische Frage plötzlich in das

lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich:

"Höre mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu sagen habe,

ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen.

Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der

kaiserlichen Majestät und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als

Fürst und als Hirte. Als Fürst: weil heute die Schicksalsstunde

Italiens ist. Lassen wir sie verrinnen, so verfallen wir

italienischen Fürsten alle auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen

Joche. Frage, wen du willst: so urtheilen alle Einsichtigen. Aber

auch als höchster Hirte. Ersteht in jenem räthselhaften Jüngling, der

Völker in seinem Blut und auf seinem Haupte Kronen vereinigt, der

alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner

heiligen Vorgänger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die

neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemüthigt als von den

eisernen Fäusten jener fabelhaften germanischen Ungetüme, der Salier

und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit

Furcht und Hoffnung erfüllt?"

"Der Marchese will es nicht glauben", sagte Victoria mit einem

schnellen Erröthen. Der Heilige Vater lächelte. "Heiligkeit vergesse

nicht", lächelte sie ebenfalls, "ich bin eine Colonna, das ist eine

Ghibellinin."

"Du bist eine Römerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie

Clemens zurecht.

Die Versuchung des Pescara · 第 5 / 10 题