In der weiten hellen Fensternische jener edeln vatikanischen Kammer,
an deren Dielen und Wänden Raphael die Triumphe des Menschengeistes
verherrlicht, saß ein Greis mit großen Zügen und von ehrwürdiger
Erscheinung. Er sprach bedächtig zu dem emporgewendeten, mit
dunkelblonden Flechten umwundenen Haupte eines Weibes, das zu seinen
Füßen saß und mit einem warmen menschlichen Blut in den Adern ebenso
schön war als die Begriffe des Rechtes und der Theologie, wie sie der
Urbinate in herrlichen weiblichen Gestalten verkörpert. Der betagte
Papst mit seinem langen gebückten Rücken und in seinem fließenden
weißen Gewande ähnelte einer klugen Matrone, welche lehrhaft mit
einem jungen Weibe plaudert.
Noch nicht gar lange mochte Victoria auf ihrem Schemel gesessen haben,
denn der heilige Vater erkundigte sich eben erst nach dem Befinden
ihres Gatten, des Marchese von Pescara. "Die Seitenwunde von Pavia
macht sich nicht mehr fühlbar?" sagte er.
"Der Marchese ist völlig geheilt", erwiderte Victoria unschuldig.
"Die Seitenwunde ist vernarbt, sowie auch die schlimmere Stirnwunde.
Er wird Eure Heiligkeit begrüßen, wenn er den Urlaub antritt, den ihm
die Gnade des Kaisers zugesagt hat und der uns Glückselige"--sie
sprach es mit jubelnden Augen--"auf unserer Meeresinsel vereinigen
wird. Aber er selbst verweigert sich denselben für einmal noch,
weniger des politischen Horizontes wegen, der nicht heller noch
trüber sei als sonst--so schreibt er--, sondern weil er gerade jetzt
das Heer ungern verlasse. Der Mörder", sagte sie lächelnd,
"beschäftigt sich nämlich mit einer vervollkommneten Feuerwaffe und
einem neuen Manöver. Das brächte er nun gerne erst zu einem Ergebnis.
So hat er mich, die er anfänglich hier in Rom überraschen wollte,
in sein Feldlager nach Novara beschieden und ich reise morgen, nicht
im Schneckenhaus meiner Sänfte, sondern im Sattel meines hitzigen
türkischen Pferdchens. Hätte ich Flügel! mich verlangt nach den
Narben meines Herrn, dessen Antlitz ich nicht gesehen seit jener
berühmten Schlacht, die ihn unsterblich gemacht hat. Und so bin ich
zu der Heiligkeit geeilt in der Freude meines Herzens, um mich bei
Ihr zu beurlauben: denn das ist der Zweck meines Besuches." So
redete Victoria aufwallend und überquellend wie ein römischer Brunnen.
Ihre aufrichtigen Worte belehrten den Heiligen Vater, daß Pescara
sein Thun und Lassen in dasselbe Zwielicht stelle, welches auch er
liebte. Nur mit dem Unterschiede, daß der junge Pescara im
entscheidenden Augenblicke wie ein Blitz aus seiner Wolke
hervorsprang, während Clemens unentschlossen, über sich selbst zornig,
in der seinigen verborgen blieb, weil er aus greisenhafter
Überklugheit den Moment zu ergreifen versäumte. Er schärfte, in
einem andern Bilde gesprochen, den Stift so lange, bis zu seinem
Ärger die allzufeine Spitze abbrach. Jetzt trat er leise und
tastete.
"Einen Urlaub hat der Marchese verlangt?" verwunderte er sich. "Ich
dächte, seinen Abschied? Achilles zürnt im Zelte, so hörte ich."
"Davon weiß ich nichts, und das glaube ich nicht, Heiliger Vater",
entgegnete Victoria und warf mit einer stolzen Gebärde das Haupt
zurück. "Warum seinen Abschied?"
"Nicht wegen einer rosigen Briseis, Madonna", antwortete Clemens
ärgerlich mit einem frostigen Scherze, "sondern geprellt um einen
erbeuteten König und um die Thürme von Sora und Carpi."
Damit spielte der Papst auf zwei bekannte Thatsachen an. Der
Vicekönig von Neapel hatte bei Pavia, Pescara zuvorkommend, den Degen
des französischen Königs in Empfang und damit die Ehre vorweggenommen,
die erlauchte Beute nach Spanien führen zu dürfen. Und dann hatte
der Kaiser Sora und Carpi den begehrlichen Colonnen, den eigenen
Verwandten der Victoria geschenkt, nicht seinem großen Feldherrn,
welcher ebenfalls einen Blick danach geworfen.
Victoria erröthete unwillig. "Heiliger Vater, Ihr denkt gering von
meinem Gemahl. Ihr stellet Euch einen kleinlichen Pescara vor: gebet
mir Urlaub, damit ich reise und mich überzeuge, daß euer Pescara
nicht mein Pescara ist. Ich habe Eile, vor den wahren zu treten."
Sie erhob sich und stand groß vor dem Papste, aber schon verbeugte
sie sich wieder tief mit demüthiger Gebärde, um seinen Segen flehend.
Da bat er sie, sich wiederum zu setzen, und sie gehorchte. Clemens
durfte sich die Gelegenheit nicht entrinnen lassen, Pescara durch den
geliebten Mund seines Weibes zum Abfalle zu bereden. Daß aber mit
Anspielungen und Vorbereitungen bei der Colonna, wie er sie vor sich
sah, nichts gethan wäre, begriff er leicht: entweder würde sie sich
gegen das Zweideutige aufbäumen oder es als etwas Unverständliches
und Nichtiges unbesehen in den Winkel werfen. Er mußte dieser wahren
und auf Wahrheit dringenden Natur die Sache in klaren Umrissen
vorzeichnen und in ein volles Licht stellen, damit sie dieselbe ihres
Blickes würdige. Das ging ihm gegen seine Art, und er that einen
schweren Seufzer.
Da fand er eine Auskunft, die nicht ohne Geist und List war. Er
fragte Victoria mit einer harmlosen Miene, während er die Hand mit
dem Fischerring auf ein in blauen Sammet gebundenes Buch mit
vergoldeten Schlössern legte: "Spinnst du wieder etwas Poetisches,
geliebte Tochter? Wahrlich, ich bin ein Verehrer deiner Muse, weil
sie sich mit dem Guten und Heiligen beschäftigt. Und ich liebe sie
insbesondere, wo sie moralische Fragen stellt und beantwortet. Aber
das schwerste sittliche Problem hast du noch in keinem deiner Sonette
behandelt. Weißt du, welches ich meine, Victoria Colonna?"
Diese wunderte sich nicht über den plötzlichen Einfall des Heiligen
Vaters, weil sie hier auf dem eigenen Boden stand und, bei ihrem
schon gefeierten Namen, Gelehrte und Laien wohl nicht selten ähnliche
Fragen an sie richten mochten. Sie fühlte sich und erhob den
schlanken Leib kampflustig, während sich ihre Augen mit Licht füllten.
"Der größte sittliche Streit", sagte sie ohne Besinnen, "ist der
zwischen zwei höchsten Pflichten."
Jetzt hatte der Heilige Vater Fahrwasser gewonnen. "So ist es",
bekräftigte er mit theologischem Ernste. "Das heißt: scheinbar
höchsten, denn eine der beiden ist immer die höhere, sonst gäbe es
keine sittliche Weltordnung. Ich flehe zu Gott und seinen Heiligen,
daß sie dir beistehen und dich die höhere Pflicht erkennen lassen,
damit du sie der geringem vorziehest, du und dein Gatte, denn siehe,
dieser große und schwere Kampf wird an euch Beide herantreten."
Victoria erblaßte, da ihr die akademische Frage plötzlich in das
lebendige Fleisch schnitt, der Heilige Vater aber redete feierlich:
"Höre mich, meine Tochter! Alles, was ich dir jetzt zu sagen habe,
ist auch dem Marchese gesagt, den meine Worte durch dich erreichen.
Vernimm es: der Heilige Stuhl trennt sich zu dieser Stunde von der
kaiserlichen Majestät und bietet ihr die Spitze. Ich handle so als
Fürst und als Hirte. Als Fürst: weil heute die Schicksalsstunde
Italiens ist. Lassen wir sie verrinnen, so verfallen wir
italienischen Fürsten alle auf Jahrhunderte hinaus dem spanischen
Joche. Frage, wen du willst: so urtheilen alle Einsichtigen. Aber
auch als höchster Hirte. Ersteht in jenem räthselhaften Jüngling, der
Völker in seinem Blut und auf seinem Haupte Kronen vereinigt, der
alte Kaisergedanke, so ist die ganze leidenvolle Arbeit meiner
heiligen Vorgänger umsonst gewesen, und die Kirche wird durch die
neue Staatskunst enger gefesselt und tiefer gedemüthigt als von den
eisernen Fäusten jener fabelhaften germanischen Ungetüme, der Salier
und der Staufen. So steht es. Blieb dir fremd, was Italien mit
Furcht und Hoffnung erfüllt?"
"Der Marchese will es nicht glauben", sagte Victoria mit einem
schnellen Erröthen. Der Heilige Vater lächelte. "Heiligkeit vergesse
nicht", lächelte sie ebenfalls, "ich bin eine Colonna, das ist eine
Ghibellinin."
"Du bist eine Römerin, meine Tochter, und eine Christin", wies sie
Clemens zurecht.