Drittes Kapitel

An einem Fenster, dessen Blick über die Thürme von Novara und eine

schwül dampfende Ebene hinweg die noch morgenklaren Schneespitzen des

Monte Rosa erreichte, saß Pescara und arbeitete an dem Entwurfe des

Feldplanes, der das Heer des Kaisers nach Mailand führen sollte. So

unablässig ging er seinem Gedanken nach, daß er die leisen Tritte des

Kammerdieners nicht vernahm und ihn erst gewahr wurde, als jener die

Limonade bot. Während er das leichte Getränk mit dem Löffel umrührte,

bemerkte er: "Ich schelte dich nicht, Battista, daß du heute nacht

gegen meinen ausdrücklichen Befehl bei mir eingetreten bist. Du

magst, nebenan schlafend, mich wohl schwerer als gewöhnlich atmen

gehört haben--ein Alp, eine Beklemmung... nicht der Rede wert." Er

nahm einen Schluck aus dem Glase.

Battista, ein schlauer Neapolitaner, verbarg seinen Schrecken unter

einer devoten Miene. Er log und beteuerte bei der heiligen Jungfrau,

er habe geglaubt sich bei Namen rufen zu hören, nimmer hätte er sich

erdreistet, ohne Befehl das Schlafzimmer der Erlaucht zu betreten,

während er doch in That und Wahrheit ungerufen und gegen ein strenges

Verbot seines Herrn aus einer schönen menschlichen Regung diesem

beigesprungen war. Er hatte ihn schrecklich stöhnen hören und dann

in seinen Armen auf dem Lager emporgehalten, bis der Feldherr den

Atem wiederfand.

"Es war nichts", wiederholte dieser, "ich bedurfte keinen Beistand.

Doch will ich dich, wie gesagt, nicht schelten, jetzt, da wir uns

trennen müssen. Ich verliere dich ungern, aber Sohnespflicht geht

vor. Und da deine greisen und siechen Eltern in Tricarico darben,

darf ich dich nicht halten. Gehe und bereite ihnen ein sorgenloses

Alter. Als perfekter Barbier und zungenfertiger Schelm, wie ich dich

kenne, wirst du dir überall zu helfen wissen. Gehe mit Gott, mein

Sohn, du sollst mit mir zufrieden sein." Und er ergriff die Feder.

Battista fiel aus den Wolken. Er verschwor sich mit einer

verzweifelten Gebärde, dieses Mal der Wahrheit gemäß, sein Vater sei

längst im Himmel und seine Mutter, die Carambaccia, gewerbsam und

kerngesund und fett wie ein Aal. Der schreibende Feldherr erwiderte:

"Du hast recht, Battista, in Potenza wohnen deine armen Eltern, nicht

in Tricarico, doch das liegt nahe beisammen." Er reichte dem

verabschiedeten Diener eine Kassenanweisung.

So niedergeschmettert Battista sein mochte--er wußte, ein Wort

Pescaras sei unwiderruflich--, ließ er doch blitzeschnell einen

schrägen Blick über die Ziffer der Summe gleiten, welche nur eine

bescheidene war. Der Feldherr verschwendete weder im großen noch im

kleinen, weder das Gut des Kaisers noch das seinige. Auch hütete er

sich wohl, den Barbier durch eine allzu reiche Spende auf die

Wichtigkeit des Vorfalles aufmerksam zu machen und in den Schein zu

kommen, als wolle er sein Schweigen erhandeln, denn er war völlig

überzeugt, daß Battista bei erster Gelegenheit sein Wissen noch

teurer verkaufen würde, dort, wo man ein Interesse hatte, von dem

leiblichen Befinden des Feldherrn genau unterrichtet zu sein.

Schmerzlich enttäuscht und seine Geburtsstunde verwünschend, fiel

Battista dem gnädigen Herrn zu Füßen, umfing ihm das Knie und küßte

ihm die Hand. "Lebe wohl", sagte dieser, "und räume das noch ab."

Er wies auf das Geschirr und winkte den Übertreter seines Befehles

freundlich weg aus seinem Dienste.

Bevor er sich wieder in seinen Plan vertieft hatte, klirrte draußen

ein fallender Löffel und ein in Scherben springendes Glas, und der

Herzog von Bourbon, der den vernichteten Battista unsanft beiseite

geworfen, zeigte unangemeldet seine hohe schlanke Gestalt, denn er

hatte zu jeder Stunde freien Eintritt bei dem Feldherrn.

"Hoheit?" wendete sich Pescara gegen ihn und erhob sich vom Sitze.

"Um Vergebung. Ich war im Begriffe, zu meinen Truppen zu verreiten",

erklärte der Herzog, "da kam mir in der Vorstadt ein reisender

Kaufmann unter die Augen, welcher eben vor der Pforte des Arztes Euer

Erlaucht, des Messer Numa Dati, von seinem Maultier absaß. Hätte die

Gestalt nicht ein würdiges Antlitz getragen, ich hätte darauf

geschworen, meinen unvergeßlichen Freund, den Kanzler von Mailand, zu

erblicken. Ich ließ einen meiner Leute sich nach dem Fremdling

erkundigen und erfuhr, der Reisende sei ein Gastfreund des Arztes,

ein Juwelier aus Mailand namens Scipione Osnago. Vielleicht, oder

auch nicht, sondern eine der zahlreichen Larven des vielgestaltigen

Kanzlers. Er schiebt den Leib auf eine gewisse Weise, die sich

schwer verleugnen läßt, und da ich noch nicht durch das Tor war, ritt

ich leicht wieder zurück, um Euch den wahrscheinlichen Besuch dieses

kostbaren Mannes zu melden."

"Ich erwartete ihn längst mit den Ausflüchten und Beteuerungen des

Mailänders", erwiderte der Feldherr. "Da er aber nicht erschien und

wir aus guten Quellen wußten, sein Herzog fahre fort zu befestigen

und zu rüsten, begann ich auf den Kanzler zu verzichten. Nun kommt

er zu spät. Morgen, um Mitternacht, verläuft die dem Herzog gegebene

Frist. Schlag zwölf marschieren wir; es wäre denn, Morone brächte

große Neuigkeiten."

"Ja, dieser Morone!" plauderte der Bourbon. "Der wird schon etwas

gebraut haben. Da ich unser Ultimatum nach Mailand brachte, sah ich

es hinter seiner Stirne wimmeln wie in einem Ameisenhaufen. Ihr

macht Euch keinen Begriff, Marchese, was das für ein frecher Kopf ist.

Während ich in Mailand regierte und er mein Rat und Schreiber war,

hat er mich über Tisch--denn ich liebte es, mit ihm zu speisen und

mich an seinen Fabeln und Einfällen zu ergötzen--auf alle Throne

gesetzt und mit allen Fürstinnen gekuppelt. Und das Tollste: es war

Verstand in dem Unsinn. Ich bin doch neugierig, was er wieder

ausgeheckt haben wird, um sich und seinem Herzog aus der Klemme zu

helfen. Sicherlich etwas ungeheuer Geniales, einen Gipfel, einen

Abgrund. Wenn er zum Beispiel"--der Herzog lachte herzlich--"uns

beiden kaiserlichen Feldherrn die Führung der Liga böte und als

Handgeld zwei verlockende italienische Kronen aus den Falten seiner

Toga zum Vorschein brächte?"

"Hoheit scherzt!"

"Wie anders, Marchese!" erwiderte der Herzog und wollte sich

beurlauben. Da ergriff er noch die Hand des Feldherrn und sagte in

einem weichen Tone, der eine vor der Welt verheimlichte Freundschaft

enthüllte: "Pescara, ich danke dir, daß du mir Leyva vom Halse hältst,

indem du mir den rechten Heerflügel gibst und ihm den linken. Ich

mag mit dem Unleidlichen nicht zusammenreiten. Es entstände Unglück

und größeres als jüngst auf dem Markte von Novara. Er könnte sich

wiederum gegen mich vergessen, und ich müßte ihn niederstoßen wie

einen tollen Hund." Er sagte es leise mit gesenktem Blick.

Pescara behielt die Rechte des Herzogs und warnte und bat. "Welch

ein Auftritt!" sagte er. "Hier auf offenem Markte, wegen der

Armseligkeit eines bestrittenen Quartieres! Ich versendete Leyva

gleich nach Neapel, um vom Vizekönig Truppen für unsern Feldzug zu

verlangen, obwohl ich weiß, daß er keine abgeben kann, nur um Euch

die Verlegenheit und den Anblick eines verhaßten Gesichtes zu

ersparen. Wie konntet Ihr das gegen einen Mitfeldherrn! Das war

nicht gut. Das ist beklagenswert. Das darf sich nicht wiederholen,

ich bitte Euch darum."

"Der Anlaß war nicht der Rede wert, Pescara, aber--"

"Das schlimme Wort, das Leyva gebraucht hat, war, nach Zeugen, er

lasse sich nichts bieten von einem Vornehmen, und Ihr zoget und Eure

Leute mußten Euch halten."

"Oh", flüsterte der Herzog, "von einem Vornehmen? Ich habe feine

Ohren. Es war ein anderes Wort... das ich dem Kaiser und dem Papst

in die Kehle zurückstieße!"

"Ein anderes Wort?" sagte Pescara, um seine Frage sogleich zu bereuen,

da er den Herzog erbleichen und völlig fahl werden sah. Er erriet,

daß der alte Leyva gemurrt, er lasse sich nichts bieten von einem

Verräter, oder daß das wunde Gewissen des Bourbon so verstanden hatte.

Die unausgesprochene Freundschaft, die den einfachen Adeligen und den

Mann von königlichem Geblüte verband und die das Wunder that, zwischen

zwei jugendlichen und schon berühmten Feldherrn mit nicht völlig klar

geschiedenen Gewalten und Befugnissen die natürliche Eifersucht zu

ersticken, beruhte einfach auf dem Bewußtsein des Herzogs, daß seine

Verbündung mit dem Feinde Frankreichs der Achtung Pescaras keinen

Eintrag tue. War es Klugheit, war es Gleichgültigkeit gegen die

sittlichen Dinge, war es Freiheit von jedem, auch dem begründetsten

Vorurteil, oder war es die höchste Gerechtigkeit einer vollkommenen

Menschenkenntnis, was immer--Pescara hatte den in kaiserlichen Dienst

tretenden fürstlichen Hochverräter mit offenen Armen empfangen und

mit der feinsten Mischung von Kollegialität und Ehrerbietung

behandelt. Vielleicht auch hatte er in diesem Zerrütteten, der sich

selbst verfluchend sein Vaterland mit fremden Waffen verwüstete, den

ursprünglichen und unzerstörbaren Adel erkannt. Dafür war der Herzog

Pescara dankbar. Der Feldherr, die Hand des Unseligen in der

seinigen, redete ihm mit sanfter Stimme zu: "Gespenster, Hoheit! Ihr

habet gehört, was nicht gesprochen wurde. Werft hinter Euch!

Verschüttet den Abgrund mit Lorbeer! Seid Ihr nicht der Liebling des

Kriegsgottes? und ein Meister der Staatskunst? Sind nicht wir beide

noch Jünglinge mit unzähligen Tagen, diesseits der Lebenshöhe, kaum

in der Hälfte der Dreißig, und im ersten Drittel eines Jahrhunderts,

das überquillt von großen Möglichkeiten und weiten Aussichten! Unser

die Fülle des Daseins! Karl, laß uns leben!"

Der Bourbon vernahm nicht den verstohlenen Seufzer, welcher sich der

Brust des Feldherrn entwand. Er drückte heftig die Hand Pescaras,

und seine dunkeln Augen blitzten eroberungslustig. Dann, um seine

innere Bewegung zu verbergen, sprang er nach seiner Weise mit beiden

Füßen ins Zynische über. Der feurige Ton Pescaras hatte seine

frechste Jugendlichkeit erweckt. "Und schöne Männer sind wir!"

jubelte er. "Du begreifst, Gatte der prächtigen Victoria, daß sich

mir Herz und Magen umkehrte, da mich diese Porcaccia, die

Königinmutter, um jeden Preis zum Manne haben wollte! Siehst du mich

als den Vater König Franzens? O das liebe Stiefsöhnchen! 'Madame',

sagte ich und machte ihr eine tiefe Verbeugung, 'es geht nicht. Ihr

würdet mich mit Eurer Nase vom Bette stoßen!'--und ganze Wendung und

über die Grenze!" Während er eine ausgelassene Lache aufschlug, trat

der vom Staub der Reise bedeckte Del Guasto ein, begrüßte den Ohm und

Feldherrn und verneigte sich vor der lustigen Hoheit.

Dann wendete er sich wieder gegen Pescara, welchen er mit erstaunten

und bewundernden Augen betrachtete, als hätte die von der

italienischen Verschwörung dem Feldherrn angesonnene Rolle dessen

Gestalt vergrößert, und erzählte: "Wir verritten von Rom, nicht zur

Freude der Herrin in zahlreicher Gesellschaft, mit Leyva, der aus

Neapel zurück ist, und mit einem Vornehmen, von königlichem Geblüte,

wie sie sagen, der sich Moncada nennt und den Ihr kennen werdet. Er

bringt Euch eine Botschaft des Vizekönigs. Ich gewann einen

Vorsprung, um Donna Victoria anzumelden. Sie strahlt vor Freude,

Euch wiederzusehen, und schließt zugleich fest die Lippen, denn sie

bringt ein politisches Geheimnis, wie ich vermute, und ein

päpstliches Mysterium, wie ich ahne, und dieselbe Donna Victoria legt

die Stirn in zornige Falten gegen Euren bei ihr in Ungnade gefallenen

Neffen, den sie vor Euch in aller Form Rechtens verklagen wird.

Wegen etwas Menschlichem", lächelte er.

"Oder etwas Unmenschlichem", spottete Pescara. "Meldet Ihr sonst

etwas, Don Juan?"

"Wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben, die Ankunft des

Kanzlers von Mailand."

"Ah!" lachte Bourbon.

"Ich bin mit ihm schon in Rom zusammengestoßen, unfern des Palastes

Colonna, da ich nächtlicherweile dahin zurückkehrte. Längs der Mauer

sah ich etwas Diebisches in langer Gewandung schleichen, und da ich

das Verdächtige mit der Fackel meines Dieners beleuchtete, war es die

unverschämte Stumpfnase und unter einem Juristenbarett das freche

Kraushaar, das ich von Pavia her kenne, wohin der tolle Kanzler, wie

sie ihn nennen, nach der Schlacht Euch zu beglückwünschen kam. Er

mag Donna Victoria eine letzte Heimlichkeit des Papstes gebracht

haben, bei welchem sie sich an jenem Nachmittage verabschiedet hatte."

Er sagte das mit einer versteckten Bosheit.

Der Feldherr blickte streng. "Don Juan", sagte er, "Ihr habet Euch

um den Wandel Donna Victorias nicht zu kümmern und noch weniger ihn

zu beaufsichtigen. Jeden ihrer Schritte, ihre leiseste Miene und

Gebärde billige und lobe ich zum voraus."

Don Juan verneigte sich. "Unterwegs nach Novara", fuhr er fort, "bin

ich ihm dann noch mehrere Male begegnet, das heißt einem gewissen

Fruchthändler Paciaudi aus den Marken mit einer gräulichen Warze auf

der Nase, welcher mir, da ich ihn anredete, nicht vorenthielt, er sei

ein zugrunde gerichteter Mann: eine unvermutete päpstliche Maßregel

verbiete die Ausfuhr, und er habe einen strengen Lieferungsvertrag

mit Euer Erlaucht. Dabei schob und gebärdete er sich nicht viel

anders als der Kanzler. Dieser hat gegenwärtig allerhand Geschäfte

und nimmt die possierlichsten Figuren an. Man findet ihn überall auf

der Halbinsel wie--ohne die fernste Vergleichung--Eure große Gestalt."

"Was wollt Ihr sagen, Don Juan?"

Del Guasto, der vor nichts erschrak, zögerte doch mit der Antwort vor

der kalten Miene Pescaras, und dann hielt ihn die Anwesenheit des

Herzogs zurück.

"Ich habe kein Geheimnis vor der Hoheit", sagte der Feldherr. "Redet,

Don Juan."

Trotz diesem Befehle kam dem verwegenen Jüngling die allgemeine Rede

an diesem Orte und zu dieser Stunde, mitten im kaiserlichen Lager und

während er durch das Fenster den taktfesten Schritt eines

vorbeimarschierenden spanischen Heerhaufens vernahm, so ungeheuerlich

vor, daß er der schamlosen Öffentlichkeit der italienischen

Verschwörung ein leichtes Gewand umwarf.

"Ohm", berichtete er geringschätzig, "wovon mir noch immer die Ohren

gellen, das ist ein wütender Streit, welcher unter allen Ständen, in

Schenken und Barbierstuben, auf den Ballspielplätzen und, wie ich

glaube, bis in die Plauderecke der Sakristeien ausgebrochen ist--über

das wahre und gültige Vaterland der Avalos: ob wir Neapolitaner sind

oder Spanier. Und nicht genug an Geschrei und Gebärde, auch Blätter

und Schriften voll von unserm Ursprung flattern durch die Luft."

Der Feldherr zuckte die Achseln. "Das Geschreibsel", sagte er, "fand

sich auch über meine Tische verstreut, ich habe es weggeworfen.

Müßiges Gezänke."

Don Juan wurde hartnäckig. "Zugleich erzählte man mir, daß an den

Universitäten unter Juristen und Theologen wieder heftig über Umfang

und Grenzen des päpstlichen Lehensrechtes auf Neapel gestritten wird."

"Das überlassen wir diesen Gelehrten. Nicht wahr, Hoheit?" scherzte

Pescara. "Und was das Vaterland der Avalos angeht, Neffe, so rate

ich dir, Ehre zu halten, spanische oder neapolitanische."

Jetzt meldete der diensttuende Page, ein zarter Knabe mit großen

unschuldigen Augen, ein Enkel des Arztes Numa Dati und der Bruder der

von Del Guasto zerstörten Julia, den Besuch eines Apothekers namens

Baldassare Bosi aus Orvieto, welcher mit einem Paket im Vorzimmer

stehe und sich durchaus nicht abweisen lasse. Er sei bei dem

Großvater abgestiegen, der dem Gaste diesen Zettel für die Erlaucht

gegeben habe. Der Knabe überreichte das Papier, auf welchem mit

verzitterten Zügen "Morone" geschrieben stand.

Pescara besann sich einen Augenblick. "Weiß der Fremde die Gegenwart

der Herrschaften?" fragte er den Pagen.

"Ich denke nicht, Erlaucht", antwortete dieser.

"So führe ihn ein, aber erst, wann ich rufen werde.

Jetzt wendete er sich rasch gegen den Herzog. "Hoheit muß mir einen

Gefallen thun. Da Sie für möglich hält, daß der Kanzler von Mailand

mit mir konspirieren will, würde ich gegen die gewöhnlichste Vorsicht

fehlen, wenn ich den Menschen, der draußen steht, ohne Zeugen mit mir

reden ließe. Ich muß solche haben, zwei höchst glaubwürdige Zeugen,

wo nicht unserer Gesichter, doch eines jeden unserer Worte, damit

nicht der Argwohn von Madrid, noch die Eifersucht unsers Leyva,

noch"--er dämpfte die Stimme--"jener Verderbliche, mit welchem Ihr

geritten seid, Don Juan, und der unter dem Vorwand einer Botschaft

des Vizekönigs mich hier umlauern soll, Grund finde, mich, ich sage

nicht des Verrates, sondern nur eines falschen Schrittes zu

bezichtigen. Hören aber will ich den Kanzler, der mir in seiner

Torheit und Leidenschaft die Pläne und Mittel des Feindes enthüllen

wird. Er kann es wie kein anderer. Unter dem Zwang dieser Umstände

lasse sich Hoheit herab, den Lauscher zu machen. Und Ihr, Del Guasto,

leistet der Hoheit Gesellschaft." Er schritt auf einen schweren

roten Vorhang mit goldenen Quasten zu, dessen breite Falten den

Eingang in ein Nebenzimmer bis auf die Schwelle nieder verbargen und

den er jetzt auseinanderschlug. "Hier ist Hoheit aufgehoben", sagte

er.

So sehr den Herzog das würzige Abenteuer lockte, stand er doch einen

Augenblick unschlüssig. "Aber wenn Morone die Decke hebt?" fragte er,

und der Marchese erwiderte: "Das wird er nicht. Keine Besorgnis.

Ich stehe dafür." Del Guasto blähte die Nüstern vor Wollust. Er

rückte einen Schemel für den Herzog, hinter dessen Schultern er

Stellung nahm als der zweite Lauscher. Der rote Vorhang zog sich

zusammen. Pescara aber fühlte sich von dem Pagen Ippolito

umschlungen, der an ihm emporflüsterte, mit Tränen in den Augen: "Es

ist kein Apotheker mehr, sondern ein Zauberer in langen schwarzen

Gewändern mit einem Talisman auf der Brust und einem schrecklichen

Gesichte!"

"Furchtsamer Junge! Bring ihn!"

"Da ist er schon!" schrie Ippolito und flüchtete sich.

"Ihr, Morone? Und im Staatsgewand? Doch von der Reise erhitzt, wie

ich sehe. Eure drei Masken haben Euch wohl den Atem benommen."

Morone atmete schwer und hörbar. Schweißtropfen quollen ihm auf der

Stirn. Er stand wortlos.

"Was bringt Eure Weisheit?" fragte der Feldherr mit ernsthaften Augen

und empfing von dem Stammelnden keine deutliche Antwort. Nach einer

Pause ergriff Pescara mit spielender Hand die Münze, welche der

Kanzler an einer schweren goldenen Kette auf der Brust trug. "Ein

Lionardo, Kanzler? Und wen stellt es dar? Den Mohren? Ein

geistvoller Kopf!"

Aber selbst an seinen geliebten Herrn vermochte der Kanzler nicht

anzuknüpfen, so völlig war er außer Fassung.

Da begann der Feldherr ohne weitere Einleitung: "Euer Herzog, Morone,

wünscht günstigere Bedingungen? Es könnte Rat werden, sobald mich

die Hoheit von ihren guten Absichten überzeugt haben wird. Nehmen

wir einmal mein Ultimatum Punkt um Punkt miteinander durch." Er trat

an den Tisch und suchte ein Papier.

Nun empfand er einen heißen Atem an der Wange, und ein Geflüster

füllte sein Ohr. "Pescara", keuchte es, "nicht darum handelt es sich,

sondern Italien gibt dir sein Heer!"

"So ist es gut", erwiderte der Feldherr, ohne den Kopf zu drehen.

"Es unterwirft sich dem Kaiser?"

Da schrie es hinter ihm: "Nicht dem Kaiser, sondern dir, wenn du von

ihm abfällst!"

Jetzt wendete sich Pescara gegen den Tollkühnen und drohte mit

feindseliger Gebärde: "Du rasest! Ich weiß nicht, was mich abhält,

dich zu ergreifen und aus dem Fenster zu werfen!"

Der Kanzler blieb furchtlos und schrie zum andern Male mit flammenden

Augen: "Diese Stunde bietet dir deine Größe, Pescara! Laß sie nicht

vorüber! Du würdest es bereuen! Du würdest daran sterben!

"St! Wie du schreist! Wenn man lauschte! hinter diesem Vorhang...

wenn ich selbst... hältst du mich dessen für unfähig? Überzeuge dich

doch und hebe die Decke!"

Morone war wieder völlig im Besitze seiner selbst, nachdem er die

Scham und den Schreck der ersten Worte überwunden hatte. "Pescara",

sagte er, "ich habe stets gefunden, daß der Schlaueste und am meisten

Argwöhnische endlich doch an eine Stelle tritt und an einem Abgrunde

steht, wo er trauen und glauben muß. So der Valentino mit dem Rovere,

so mein geliebtester Herzog der Mohr mit seinen Hauptleuten und

Schweizern."

"Beide wurden verraten, Morone!"

"Ja, Pescara, aber der feine Mohr und der ruchlose Borgia, beide

gingen sie vertrauend unter, und das war ein heller Schimmer von

Menschlichkeit über dem Dunkel ihres verdienten Sturzes. Wenn ich

das Größte wage und von dir das Größte fordere, werde ich in diesem

heiligen Augenblicke so lächerlich sein, einen Vorhang zu heben, wie

ein betrogener Ehemann, der den versteckten Buhlen seines Weibes

sucht? Nein, ich gebe mich preis! Höre mich an, und dann

überliefere mich dem Blocke, wenn du darfst!"

"Das ist nicht klein", sagte Pescara ohne Spott und fügte dann

zweifelnd hinzu: "Ob ich dich höre? Meine Neugierde ist rege, das

bekenne ich, und einem so heroischen Menschen darf ich doch nicht

einfach die Türe weisen. Zuerst aber saget mir, Kanzler: Habe ich

Euch oder Eurem Fürsten Grund oder auch nur den geringsten Anlaß

gegeben, meine Feldherrntreue zu beargwöhnen?"

Der Kanzler verneinte.

"Viel Unwahres wird geredet: die Majestät habe mich schlecht belohnt,

und ich soll dieses schwer empfunden haben. Fußet Ihr auf diesem

Undanke des Kaisers und auf diesem Grolle Pescaras, so tut keinen

Schritt weiter: Ihr würdet in den trügerischen Boden versinken."

"Da fuße ich nicht."

"Oder ermutigt Euch jene öffentliche Rede Italiens, die mir

schmeichelt und mir droht, mich verherrlicht und verdächtigt? Diese

italienische Meinung ist eine heimtückische Sache. Sie soll mich in

Madrid entwurzeln und in Italien vergewaltigen. Ich habe vorgebeugt

und die arglistigen Schriften wie in einen Käfig eingesperrte

Schlangen dem Kaiser überliefert. Habet Ihr Eure Finger auch in

dieses Gift getaucht, Morone?"

Der Kanzler erbleichte. "Bei den Göttern der Unterwelt, daran trage

ich keine Schuld!" rief er aus.

"Du willst mich nicht überlisten, Kanzler, so willst du mich

überreden?"

"Nein."

"Was denn?"

"Überzeugen."

"Das Beste. Aber es wird Zeit kosten. Setzet Euch, Kanzler!" Er

rückte mit rascher Bewegung zwei Stühle, und jetzt saßen sie sich

gegenüber, Morone mit vorgebogenem Leib und Knie, während der

Feldherr nachlässig zurücklehnte.

"Pescara, welches ist die schönste deiner Schlachten, das Wunder der

Kriegskunst?"

Der Feldherr gab keine Antwort, da sich diese von selbst verstand,

aber er that einen leichten Seufzer.

"Und was hat der Kaiser aus deinem Siege von Pavia gemacht?"

Ein Blitz fuhr aus dem grauen Auge Pescaras. "Er hat ihn

verstümpert", murmelte er.

"Du gabst ihm einen erbeuteten König, und Karl weiß nichts mit ihm

anzufangen! Er preßt ihn wie ein Wucherer. Er verlangt Vielfältiges

und Unmögliches statt des Möglichen und Einfachen. Verzichte auf

Italien, Bruder, so hätte ein großer Sieger zu König Franz geredet,

das ist dein natürliches Lösegeld, und das kannst du, ohne deinem

Frankreich wehe zu thun. Verzichte und ziehe!"

Pescara lächelte. "Du bist ein gefährlicher Mensch, Morone, wenn du

Gedanken errätst. Aber nicht ich, du hast ihnen Worte gegeben. Ich

habe nichts gesprochen."

"Ich danke dem Kaiser!" fuhr der Kanzler sich begeisternd fort. "Er

hat die Siegesgöttin von Pavia beleidigt, und sie kehrt zu dir, mein

Pescara, zurück! Nicht nur für, auch gegen den Kaiser hat sie

gekämpft. Sie hat Italien gegen die Fremdherrschaft vereinigt. Sie

hat ihm seinen Feldherrn gezeigt.

Mein Pescara, welche Sternstellung über dir und für dich! Die Sache

reif und reif du selbst! Eine entscheidende Zeit, ein verzweifeltes

Ringen, Götter und Titanen, Freiheit sich aufbäumend gegen

Zwingherrschaft, die Welt heute noch Bewegung und Fluß, morgen

vielleicht zur Lava erstarrend! Und eine That, die für dich

bereitliegt und zu welcher du geboren wurdest! Zuckt dir die

formende Hand nicht danach? Ein vernünftiges Werk, eine ewige

Gründung! Blick auf die Karte und überschaue die Halbinsel zwischen

zwei Meerfarben und dem Schnee der Gebirge! Befrage die Geschichte:

ein lebendiges Geflecht, oft gewaltsam zerrissen und immer wieder

zusammenwachsend, von Republiken und Fürsten, mit zwei alten Feinden,

zwei falschen Ideen, zwei grausamen Chimären, Papst und Kaiser!

Siehe den ausgestreckten Finger Gottes, daran sich eine neue

Menschheit emporrichtet: eine sich selbst regierende und vereitelnde

Menschheit ohne höchstes Amt, weder weltliches noch geistliches, ein

Reigen frei entwickelten Genien, ein Konzert gleichberechtigter

Staaten--"

Pescara ergriff den beschwingten Redner am Arm, als wollte er ihn

festhalten. "Fliege mir nicht davon, Girolamo!" scherzte er.

Dieser riß sich los und: "Laß dich nicht hindern an diesem göttlichen

Werke", rief er, "durch abergläubische Vorurteile und veraltete

Begriffe, die weder in deinem Kopfe noch in deinem Herzen, noch in

der Natur der Dinge sind. Ich kenne dich, Pescara: du bist ein Sohn

Italiens und wie dieses erhaben über Treue und Gewissen!"

"Ihr seid doch ein lasterhaftes Geschlecht, ihr Italiener", lächelte

Pescara. "Aber du machst dich größer im Bösen, als du bist: denn

diese Weisheit kommt nicht von dir, sondern euer Dämon, der

Florentiner, hat sie dir eingeblasen. Lebt er noch?"

Der Kanzler wußte, wen Pescara meinte. "Er darbt, vergessen und

verachtet", erwiderte er mit Beschämung, "unser größter Geist."

"Verdientermaßen. Es gibt politische Sätze, die ihre Bedeutung haben

für kühle Köpfe und besonnene Hände, die aber verderblich und

verwerflich werden, sobald sie ein frecher Mund ausspricht oder eine

strafbare Feder niederschreibt. Doch das sind Allgemeinheiten, und

alles käme auf die Anwendung an. Wie denkst du dir zum Beispiel,

Kanzler, das Thatsächliche meines Verrates?" Dieser öffnete den Mund,

als hätte er unerschöpflich zu reden. Da berührte ihn Pescara leise

mit dem Finger. "Sachte, vorsichtig!" warnte er. "Jetzt betrittst

du ein schmales und schwankes Brett: es könnte kommen, daß ich dich

nach deiner Rede als Verschwörer müßte in Fesseln legen lassen.

Sprich nicht in deinem eigenen Namen, rate ich dir, sondern laß dir

eine Maske bieten, wie du sie liebst, und warum nicht die des

verschollenen florentinischen Sekretärs, ob er nun noch unter uns

wandle oder schon im Geisterreiche? Rede, Niccolò Machiavelli! Ich

werde dich schweigend und bewundernd anhören und dir dann doch

vielleicht beweisen, daß du für einen Staatsmann immer noch viel zu

viel Einbildungskraft besitzest. Oh, ich will dich kritisieren, mein

Niccolò! Aber beginne."

Dieser fortgesetzt scherzende Ton des Feldherrn beleidigte den

Kanzler, und er empörte sich dagegen: "Jetzt sei des Spieles ein Ende.

Erniedrige den nicht zum Schauspieler, welcher sein Leben wagt für

die Rettung seines Vaterlandes! Pescara, ich bitte dich um Ernst!"

"Um Ernst? Es sei!" erwiderte der Feldherr und schloß die Augen, wie

um besser zu lauschen. Jetzt erschrak der Kanzler einen Augenblick

vor der Blässe und Strenge des magern Angesichtes. Doch er war

entschlossen.

"Es ist kein Übel, Erlaucht", begann er, "was Ihr dem Kaiser

berichtet habt; es ist gut, daß Ihr Euch so lange als möglich sein

Vertrauen erhaltet und Euch selbst dann noch nicht erkläret, wann der

Papst und die Liga ihr Manifest werden erlassen haben. Inzwischen

befestigt Ihr Eure Stellungen und sichtet Euer Heer." Pescara

runzelte die Stirn.

"Leyva muß weg", forderte der Kanzler.

Pescara zählte an den Fingern.

"Was rechnet Ihr, Pescara?" fragte der Kanzler verwundert.

Dieser erwiderte ruhig: "Muß Leyva draufgehen, so dürfen meine

deutschen Hauptleute auch nicht leben bleiben, denn sie hangen an

Kaiser und Reich. Ihre Häupter müssen fallen. Oder vergifte ich sie

in einem gastlichen Trunke? Was rätst du, Kanzler?"

Morone erbleichte.

"Und was fange ich mit meinen spanischen Edelleuten an? Lasse ich

sie auch ermorden?"

"Die Kastilianer", antwortete Morone mit klopfendem Herzen, "fallen

wohl zum Kaiser zurück. Die andern verlocket Ihr mit unendlicher

Beute. Sie widerstehen nicht, am wenigsten die neapolitanischen

Aragonesen. Ich kenne diese Rasse: sie gleicht den räuberischen

Helden der Neuen Welt. Denket nur an Euren Del Guasto, welch ein

Ungeheuer!"

Pescara widersprach nicht.

"Eure Gemeinen aber, die aus allen Ländern der Erde zusammengeflossen

sind, beherrschet Ihr durch Eure unerschütterliche Seele und durch

Eure eiserne Kriegszucht, nicht zu vergessen einen regelmäßigen Sold,

wie ihn der Kaiser nie zu geben vermochte, Euch aber gehören jetzt

alle Schätze Italiens. Und erlittet Ihr eine Einbuße an Leuten, so

füllet Ihr das Heer aus den Schweizern, die sich nun überallhin

vermieten, seit sie aus Mangel an Führung und an einem Staatsgedanken

ihre schon gewonnene Weltstellung und ihre auswärtige Politik

verscherzt haben."

"Schade", redete Pescara mit sich selber. Er hatte eine Art

Zärtlichkeit für die Schweizer, die er zweimal überwunden und von

welchen er bei Bicocca, mit einer insbesondere gegen deren rasende

Sturmläufe erfundenen Stellung des Geschützes, in wenig Minuten ein

volles tollkühnes Tausend vernichtet hatte. Er liebte dieses tapfere

Volk, obwohl er seine Speerwunde von Pavia dem Stoß einer

Schweizerlanze verdankte. "Ihre Freiheit wird ihnen bleiben, aber

schade", wiederholte er.

"Eures Heeres sicher", fuhr der Kanzler fort--"Nehme ich Mailand",

ergänzte Pescara. "Mein Plan ist entworfen."

"Ihr braucht es nicht zu nehmen, da der Herzog ein Mitglied der Liga

ist, deren Feldherr Ihr seid."

"Richtig, das hatte ich vergessen. Auf alle Fälle, Mailand ist der

Zentralpunkt. Und dann?"

"Gebietet Ihr über die Truppen der Heiligkeit, Venedigs und Neapels,

die Kleinern nicht zu nennen."

"Halt, Morone! Neapel ist spanisch."

"Nach Neapel habet Ihr dann Euren Neffen gesendet als Euren Vizekönig,

der es durch seine Grausamkeit in wenigen Wochen unterworfen haben

wird."

"Als meinen Vizekönig? Ich König von Neapel? Seit wann trage ich

die Krone?" fragte Pescara gelassen.

"Siehe, die geflügelten Füße, die sie Euch bringen, sind vor Eurer

Schwelle", sprach der Kanzler errötend.

Die kalte Miene des Feldherrn erwärmte sich, wie von einem Strahle

berührt, nicht aus einer Krone, sondern aus dem Lichtkreise seines

nahenden Weibes. "Weiter geträumt, Morone", sagte er.

"Einmal an der Spitze der vereinigten italienischen Waffen und in

unnehmbaren Stellungen", fuhr der Kanzler mit erstaunlicher

Sicherheit fort, "hindert nichts, daß Ihr Euch mit dem Kaiser

auseinandersetzet, vielleicht sogar ohne Schlacht, denn ich weiß, daß

Ihr, obschon, nein, weil der erste Feldherr der Zeit, das

scharfsinnige Schachspiel und die umfassenden Berechnungen der

Strategie jenen plötzlichen und immerhin blinden Entscheidungen der

Wahlstatt vorziehet. Ich sage, vielleicht sogar ohne Blutvergießen,

denn der Kaiser wird nicht so leicht einen neuen Feldherrn finden und

ein zweites Heer in Italien zusammenbringen, nachdem er Euch und das

Eurige verloren hat, wenigstens wenn ihm Frankreich und England zu

thun geben, laut des von ihnen mit unserer Liga getroffenen Abkommens."

"Ich kenne Euer Bündnis mit König Franz, sogar seinen Wortlaut", warf

Pescara hin, "kann aber keinen Wert darauf legen. Der König verquält

sich in seinem spanischen Kerker. Um eine Stunde früher auf ein

gesatteltes Pferd zu springen, verrät er Eure Liga hundertmal, wie

ich ihn zu kennen glaube."

"Noch vor wenigen Tagen", beteuerte der Kanzler mit einem komischen

Gesichte, "hat mir die Regentin Louise von Paris geschrieben, sie

halte das Bündnis fest wie ihre Tugend--"

Ein Pfiff durchschnitt das Gemach... der Kanzler horchte verwundert.

Es mochte ein Vogel am Fenster vorbeigeschwirrt sein.

"Es sind noch andere da, die den Kaiser beschäftigen", fuhr er fort,

"der Halbmond und die deutschen Fürsten."

"Der Halbmond, ja", urteilte der Feldherr. "Mit den deutschen

Fürsten aber und selbst mit ihrer neuen Lehre könnte sich der Kaiser

allenfalls vertragen. Meinst du nicht, Morone?"

Dieser antwortete denkend: "Es scheint so, aber ist doch nicht, wenn

ich richtig sehe. Jedenfalls nicht mit der neuen Lehre. Der Kaiser

bedarf der Kirche für sein schweres und dunkles Gemüt, das er von der

Mutter geerbt hat. Der neue Glaube verlangt kräftigere Seelen."

"Verstehst du etwas von diesen Dingen, Kanzler?" fragte der Feldherr

neugierig.

"Wie sollte ich, Pescara? Ich bin wie du und wir alle ein Bewohner

der Wirklichkeit, ein Kind der Helle, das mit der antiken Weisheit

über das Ende hinaus nichts sieht als Larven und Scheinen und auf

wogendem Nebel die riesigen Spiegelungen wieder dieses unsers eigenen

und irdischen Daseins. Unter denen aber, welche mit dem Volke Gut

und Böse glauben und Leib und Seele und die Fabel eines letzten

Gerichtes, wird jetzt, wie du weißt, unversöhnlich gestritten über

die beste Rüstung an jenem Tage der blasenden Posaune. Unsere kluge

Kirche öffnet ihre Buden und legt verständig ihren Vorrat an guten

Werken zum Verkauf aus. Der deutsche Mönch aber zankt und schreit:

Das ist Plunder! Werft euer Geld nicht weg! Ihr habt es umsonst.

Eure Schulden sind bezahlt. Glaubet es nur, und sie sind nicht mehr!

Solches aber zu glauben, braucht es eine große Tapferkeit, denn es

ist unter dem Unglaublichen das Unglaublichste. Doch bringen es

diese deutschen Köpfe fertig, so brauchen sie gar keine Pfaffheit

mehr und sind in ihrer trotzigen Sicherheit uns Italienern gewaltig

überlegen, die wir ungläubig sind oder abergläubisch.

Ich rede im groben, Pescara. Aber diese Vorstellungen, nichtig an

sich, werden im Leben zu den realsten Mächten, die kein Staatsmann

vernachlässigen darf. Und du mit deiner großen Aufgabe am wenigsten,

Pescara, wenn du auch selbst ein Gottloser bist, wie ich dich kenne."

Sein Lächeln blieb unerwidert.

"Hier irrst du dich, Kanzler", sagte Pescara ernst. "Ich glaube an

eine Gottheit, und wahrlich keine eingebildete. Doch in dem andern

hast du recht. Ich habe es mit Augen gesehen. Am Abende meiner

Schlacht"--er meinte die von Pavia--"sah ich im Lazarett zwei höchst

frevelhafte Menschen sterben, einen Deutschen und einen Spanier,

diesen unter seinen Reliquien und in den Armen zweier Priester

zitternd und bebend, jenen allein, doch voller Zuversicht und Freude.

Ich sprach ihn an, denn ich weiß ein paar deutsche Wörter, und

erfuhr, daß er traue und trotze auf den reuigen Schächer. Doch

lassen wir diese Farben der Seele. Zurück zu deiner Sache, denn ich

meine, daß du noch nicht damit zu Ende bist." "Gewiß nicht, Pescara.

Dann erst, wann du durch das Schwert oder durch ein listiges

Abkommen den Kaiser außer Spiel gesetzt haben wirst, dann erst baust

du deine Größe und Italiens Freiheit. Die zwölf Arbeiten des

Herkules! Doch du rufst alle Seiten und Eigenschaften deines Wesens

unter die Waffen: Geduld und Entschluß, Begeisterung und Berechnung,

Arglist und große Gesinnung. Kein Teilchen von dir wird müßig gehen.

Du kennst dich noch gar nicht, Pescara! Dann erst wirst du dich

zeigen als der, welcher du bist, in deinem ganzen Wuchse: für das

Volk ein furchtbarer und wohltätiger Dämon, für das Heer ein

unfehlbarer Sieger, für den Patrioten der Vollender Italiens, für den

Gelehrten der wiederaufgelebte römische Ehrgeiz, für die Fürsten,

soviel du ihrer bestehen lässest, der herrschende Bundesgenosse. Du

beutest alle Möglichkeiten und Begünstigungen des Jahrhunderts aus.

Du wirst der Verteidiger des Papstes und eroberst ihm seine Städte

und Provinzen zurück, die du für dich behältst; du reitest als

Schiedsrichter zwischen der verröchelnden Republik und den Mediceern

in Florenz ein, und sie gehorchen dir beide. Ja sogar die stolze

Fürstin der Hadria zwingst du in deinen Machtkreis! Ich sehe dich",

jubelte Morone, "wie du ihr Doge wirst und dich dem Meere vermählst.

So wächsest du, bis dich und dein herrliches Weib auf dem römischen

Kapitol tausend frohlockende Arme vergötternd in die Lüfte heben und

dich ganz Italien als seinen König zeigen, welches du dann, wie dir

jetzt, ich fürchte, noch nicht möglich ist, als deinen Besitz und

deinen Ruhm ein wenig lieben wirst, damit endend, womit ich

angefangen habe, denn allein meine Liebe zu Italien, das Beste, das

einzig Gute an mir, wirft mich dir zu Füßen, du Kaltherziger!" Und

er umfing das Knie des Feldherrn mit einer so inbrünstigen Gebärde,

daß dieser aufspringend einer solchen Anbetung sich entzog, aber doch

innerlich ergriffen schien, sei es, daß ihn diese Wahrheit des

Gefühls in einem lügnerischen Geiste fesselte, sei es, daß sein

mächtiger Verstand die angedeuteten Züge seiner und Italiens

möglicher Größe unwillkürlich zu einem lebensfähigen Ganzen

zusammenschloß.

Er ließ den Kanzler und schritt mit über der Brust gekreuzten Armen

mehrere Male langsam durch das Zimmer, zuletzt wie zufällig wieder

vor ihm stehenbleibend. "Wie viele meiner Jahre verlangst du von mir,

Morone?" warf er hin.

"Viele, ohne Zweifel", versetzte der Kanzler. "Je mehrere, desto

besser! Nur mit jenen langen und fruchtbaren Pausen, welche die

Dinge still und unaufhaltsam wachsen lassen, unzerstörlich scheinende

Hindernisse zernagen, die Gewissen abstumpfen und beruhigen und

selbst das ursprünglich Frevle entsühnen und heiligen, nur auf

solchen breiten und notwendigen Stufen ist Bleibendes im Staate

erreichbar. Dein bester Verbündeter, Pescara, ist das Leben. Zehn,

zwanzig, warum nicht dreißig Jahre, Pescara? Du stehst ja in der

Fülle der Kraft und schöpfst nur so mit der Hand aus der

überströmenden Quelle. Du hast deinen Schatz kaum noch angegriffen,

und nicht zum wenigsten darum haben dich die unsterblichen Götter

Italiens zu diesem deinem herrlichen Werke berufen, weil du, römisch

gesprochen, ein Jüngling bist und dich noch lange kein Todesschatten

berühren darf!"

Ein plötzlich hervortretender harter und finsterer Zug hatte das

Antlitz des Feldherrn verwandelt. Er traf den Kanzler mit einem so

feindseligen Blicke, daß dieser um einen Schritt zurückwich. "Weißt

du", drohte er, "daß, wenn mich mein Ehrgeiz überwältigen sollte, das

erste Opfer dein Gebieter, der Sforza, wäre? Denn ich finge damit an,

euer Mailand dem Bourbon zu geben, der mein Alterego, meine rechte

Hand und ein Gonzaga ist. Ich würde es ihm gönnen! Überlieferst du

mir den Sforza?"

"Bei allen Göttern, nein!" schrie der entsetzte Kanzler. "Ich meinen

Herzog verraten! Niemals! Nimmermehr! Und", rief er empört, "wie

darfst du daran denken, Pescara, unsere reine und heilige Sache mit

dem Borbone zu beflecken!"

"Sehet diesen Menschen!" verhöhnte ihn Pescara. "Gibt es etwas

Frecheres? Dem armseligsten Fürsten will er Treue halten, und mutet

mir zu, sie meinem erhabenen Kaiser zu brechen! Sehet diesen

unzusammenhängenden Geist! Er verlockt mich zum Verrat und will rein

bleiben von Verrat!"

"Das ist etwas völlig anderes", wehklagte der Kanzler. "Der

Konnetabel hat sein Vaterland verraten, und du rettest es, indem du

von einem Fürsten abfällst, welcher nicht der deinige ist. Meinen

Herzog preisgeben, meinen holdseligen Herrn! Der Mohr wird mir im

Traume erscheinen!"... er that einen erbärmlichen Seufzer... "Doch,

dennoch, es sei! Aber jetzt, Pescara, widerstehe auch du nicht

länger! Erbarmst du dich Italiens? Gib Antwort, Grausamer!", und

die Tränen brachen ihm aus den Augen.

"Heute nicht, Morone!" tröstete ihn Pescara. "Wir sind beide ermüdet

und bedürfen der Ruhe. Es ist die Stunde der Siesta." Er klingelte.

"Ippolito", unterwies er den Knaben, "führe den Herrn, der ein

großer Staatsmann ist, in den Turmflügel. Der Haushofmeister soll

ihm die ganze Zimmerreihe des Oberstockes öffnen und ihn sorgfältig

bedienen und reichlich bewirten lassen. Ihr findet eine gewählte

Bibliothek, Kanzler, und wollet Ihr Luft schöpfen, so steiget in den

Garten hinab, er ist schattig und reicht bis an die Wälle. Ich lade

Euch nicht zu Tafel, da ich Donna Victoria erwarte, der mein Abend

gehört. Lasset Euch die Zeit nicht lange werden. Morgen sehen wir

uns wieder."

"Wie wird mir der Tag vergehen?" jammerte der Kanzler.

"Alles geht vorüber. Noch eins: nähert Euch, ich bitte, den

Wachtposten nicht, Ihr verstündet denn das Deutsche." Er sah den

Kanzler erbleichen. "Fürchtet nichts", schloß er freundlich und

entließ ihn.

Wie er sich wieder umwendete, näherten sich ihm der Herzog und Del

Guasto, die ihr Versteck verlassen hatten, beide in der höchsten

Aufregung, der bleiche Bourbon mit fieberhaft geröteten Wangen, Del

Guasto mit lodernden Augen. Pescara erriet, daß das belauschte

Gespräch und der gezeigte Ruhm sie beide verführt und bezaubert hatte.

Del Guasto lechzte nach Beute und der Herzog nach dem reinigenden

Lorbeer. Noch schwiegen sie, aber ihre dringende und flehende

Gebärde wollte sich in Worte verwandeln. Da schloß ihnen Pescara den

Mund.

"Herrschaften", sagte er, "hier wurde Theater gespielt. Das Stück

dauerte lange. Habt Ihr nicht gegähnt in Eurer Loge?"

Da schlug der Bourbon in plötzlich umspringender Stimmung eine gelle

Lache auf. "Trauerspiel oder Posse?" fragte er.

"Tragödie, Hoheit."

"Und betitelt sich?"

"Tod und Narr", antwortete Pescara.

Die Versuchung des Pescara · 第 7 / 10 题