Da kam Thomas herein in blaugestreiften Hemdärmeln. Sie stotterte etwas,
dunkelrot, besinnungslos verlegen. Der blasse Bub glotzte sie an. Thomas
Schwester steckte den Kopf aus ihrem Buckel heraus. Er selbst war gar
nicht erstaunt. Sagte fast grob: danke. Sie bemerkte, daß ihm ein großer
Augenzahn fehle, daß eine schmutzige Unterhose auf dem Sessel neben ihr
lag. Ihr ekelte wild.
Eine Stimme, die weich war, wie die laue Nacht draußen, sagte: --
Bleiben sie doch noch ein wenig und ruhen Sie sich aus. Sie sind ja ganz
erhitzt.
Das bucklige Ungeheuer. Ruth hätte ihr die zu langen, kranken Hände
küssen wollen.
Thomas und sein Bruder waren hinausgegangen. Die Nähmaschine ruhte. Und
die Petroleumlampe war noch heruntergeschraubt.
Thomas Schwester hatte stechend graue Augen mit müden Lidern. Sie sprach
von Onkel Gustav wie von einem Halbgott und fragte sehr viel.
Ruth dachte: Der große, schwarze Kasten in der Ecke dort schaut Thomas
ähnlich. Er ist schön und mächtig, aber was da nur drinnen hängt. Ich
möchte meine Kleider nicht hineingeben. Wie es hier riecht -- nach
Baumwollstrümpfen, die nicht gewaschen werden.
Thomas Mutter schlürfte herein. Sie hatte rote Wangen, als ob sie früher
einmal geschminkt gewesen wäre und war furchtbar häßlich. Sie begrüßte
Ruth als alte Bekannte und stellte graue Teller auf den ungedeckten
Tisch.
Thomas kam wieder in das Zimmer und schien sehr unzufrieden, daß Ruth
noch da war. Sie sprang auf. Er begleitete sie vor die Haustüre, hinten
im Hof bellte der Hund. Sie gab ihm die Hand und ihr war, als ergreife
sie einen toten Knochen.
-- Ich danke Ihnen, sagte Thomas mit seiner zerbrochenen Stimme. -- Aber
wir müssen jetzt zu Abend essen. Unser Petroleum reicht nur bis halb
zehn.
Sie hielt seine Hand noch fest und sah nur, wie er mit der anderen Hand
an den Hals griff, der Daumen stand eigentümlich scharf weg wie die
Klinge eines Messers.
Ruth wußte, als sie nach Hause ging: Thomas kann als kleines Kind keine
Milch bekommen haben. Nur zähes Fleisch von wilden, geschlachteten
Tieren. Und sie sah während des Abendessens fortwährend auf Richards
Hände, die wohl noch nie ein Tier geschlachtet hatten.
Die kleine Weißnäherin Gertrud ließ sich den ganzen Abend durch von
ihrer Mutter Ruths erste Kindheit schildern. Damals war die Friseurin
oft in das Haus gekommen, o ja und die gnädige Frau hatte Perlen, eine
endlose Kette hinunter. Ruth lag immer schon in ihrem weißlackierten
Gitterbettchen und steckte die frischgebadeten Fingerchen durch das
Netz. Und die gnädige Frau erzählte von Paris, immer von Paris, sie
hatte auch Pariser Parfüm.
Die Wangen der alten Friseurin glänzten wie frisch geschminkt. Gertrud
fuhr mit feuchten Händen über die Tischplatte, daß große nasse Flecken
auf dem Holz zurückblieben. Thomas starrte in seinen Teller und hielt
mit aufgestützten Armen Gabel und Messer, kampfbereit. -- Was habt ihr
mit den fremden Leuten, grollte er.
Gertrud sagte: -- Das Leben. Ihre ermüdeten Augen starrten an ihnen
vorbei. Sie empfand in diesem Augenblick: Nach Paris reisen -- in der
Bahn liegen, einen zärtlichen Atem neben sich -- genießen -- oder: ganz
klein sein und in einem weißen Gitterbett liegen mit geraden Gliedern,
die wachsen dürfen.
Gertruds Buckel war das Nest eines Vampyrs. Brut und Beutestatt. Alle
unerlebten Träume, alle schäbigen Wirklichkeiten der Mutter steckten
darin. Thomas' Schulstunden. Und die Reißbretter des kleinen Bruders,
der in die Realschule gehen durfte und ein zufriedener Techniker werden
sollte, werden mußte.
Aber es war noch viel mehr in Gertruds Buckel. Ihre spinnenlangen,
blauadrigen Finger nähten und trennten eigentlich gar nicht den ganzen
Tag. Sie tasteten zum Fenster hinaus über die Rücken der Vorübergehenden
nach neuem Leben. Und die schwangere Nachbarsfrau, die alle Tage sich
erbrach und heulte, daß man es genau hören konnte, trug ein Kind, dessen
Schicksale sie schon im Voraus empfand, wie ein hohes Glück.
Gertrud schätzte den Wert ihres erwürgten Lebens wie ein Sterbender den
letzten Atem. Seligkeit war die erste Morgensonne, die ihr in den dünnen
Kaffee schien. Seligkeit der graue Tag voll wuchernder Gedanken. Sie
nähte schöne Hemden, schmeichelnd glatte, aus Leinenbatist, aus Seide.
Seligkeit, die anziehen zu dürfen. Seligkeit, alle Tage in die Schule
gehen zu dürfen und hundert schmutzige Kinder zu unterrichten, wie
Thomas. Welche Betätigung der eigenen Kraft. Wie herrlich für ihn, daß
er sie alle erhalten durfte und es dem kleinen Bruder ermöglichen, etwas
besseres zu werden -- das war Menschenglück.
Thomas' Schulkinder saßen Nachmittage lang an Gertruds Nähmaschine. Sie
erzählte ihnen vom lieben Gott und ratterte und nähte. Die Kinder waren
zufrieden. Hier war jemand, der nichts von ihnen wollte. So streuten sie
ihr das kleine, schmutzige Leben willig in den Schoß. Das sie nicht
verstand und doch aufsaugte.
Thomas merkte nichts davon. Er hielt Gertrud für eine Heilige. Denn sie
liebte und stützte die verkommene Mutter, den tuberkulosen Bruder. Er
wußte, daß, wenn sie eines abends nicht da wäre, die fettige
Petroleumlampe nicht mehr brennen könnte, auch nicht bis halb zehn. Und
dann wäre alles aus.
Sie war die Liebe, und er beugte sich vor ihr. Aber er glaubte nicht an
die Liebe. Er glaubte an das Wort.
Das Wort war in ihm und in ihm war die Welt. Sprechen können -- dann
müßte sein ungebadeter Körper rein werden.
Er verbesserte alle Abende bis halb zehn Uhr die Schreibübungen der
Kinder. Und dann mußte das Licht gelöscht werden. Zwei bis drei Hefte
blieben noch zurück für den blassen Morgen. Aber daran war nichts zu
ändern.
Ruth empfand es in den nächsten Tagen zum erstenmal in ihrem Leben als
peinlich mit entblößtem Hals herumzugehen. Sie legte sich einen alten
Pelz von Martha um, der nach Kampfer roch und kitzelte. Und sie dachte:
es müßte gut sein, zu wissen, daß man nie mehr im Leben einem Mann die
Hand gibt. Was das nur ist, fremde Knochen -- ach nein, entsetzlich.
Sie wollte nie mehr zu Thomas gehen. Wegen seiner Mutter. Was für
struppige graugelbe Haare die hatte, diese Friseurin. Und dann, sie
hatte das kleine, bucklige Ungeheuer in die Welt gesetzt. Wie konnte man
so etwas verbrechen. Wenn ich Christus wäre, ich müßte zum Fenster
hinausspringen nur weil Gertrud lebt, dachte Ruth. Und ekelte sich vor
Thomas riesengroßer Zahnlücke.
Eine Woche später war Ruth wieder bei Thomas. An dem ersten, kalten
Wintertag, der ohne Schnee war, aber ganz voll Dämmerung. Die
Nähmaschine ratterte. Thomas stand in der hintersten Ecke, bei dem
winzigen Eisenofen. Er hatte den Deckel zurückgeschlagen und die roten
Flammen verzerrten seine knochigen Züge. -- Ich komme Ihnen erzählen,
daß es Onkel Gustav sehr schlecht geht. -- So.
-- Ja ich komme Ihnen das erzählen, Sie sind doch sein Freund, oder
nicht? --
Thomas ging in das Nebenzimmer. Ruth dachte wütend: Eigentlich könnte
ich ja zu Norbert gehen. Gertrud blickte sich interessiert um. Da ging
Ruth ihm nach.
In seinem Zimmer standen zwei graue Eisenbetten. Und zwei eiserne
Bücherregale. Und ein eiserner Ofen. Der Tisch war mit verschmierten
Schulbüchern verdeckt und geometrischen Zeichnungen von dem Bruder.
Nichts in diesem Raum gehörte Thomas. Nur seine eigenen massigen
Knochen.
Er starrte an ihr vorbei mit stumpfen toten Augen. Er sieht mich nicht,
klagte Ruth, er sieht mich nicht, jubelte Ruth, er sieht mich nicht, er
sieht überhaupt nicht heraus, er sieht hinein. Und sie bemerkte, daß
sein proletarisch hoher Kopf aristokratisch lange, leidende Schläfen
hatte.
-- Was machen Sie eigentlich da, fragte Ruth und sie setzte sich auf den
Tisch, mitten in die Zeichnungen des Bruders und baumelte mit den
Beinen. Den kahlen Wintermantel knöpfte sie auf. Und sie nahm sich vor,
den stickigen Dunst ganz in sich einzusaugen und aus allen Poren
wiederzugeben, dann müßte er sie spüren.
Thomas ging hin und her, ohne sie noch einmal anzusehen. -- Höflich sind
Sie nicht, lachte Ruth. -- Er blieb vor ihr stehen. -- Wozu auch.
Glauben Sie, ich kann nicht, wenn ich will. Aber warum.
Ruth dachte: Ich kann die Luft herinnen doch nicht so leicht einatmen.
Sie zerdrückt mir die Lunge. Sie ist zu schwer. Schwer wie Thomas'
Knochen, oder noch schwerer, ich kann nicht und um Gotteswillen, wer
keucht, wer stöhnt da, wer erbricht sich, bin ich es selbst -- o wie
schlecht ist mir --
-- Sie brauchen nicht zu erschrecken, sagte Thomas und setzte seine
rastlosen Wanderungen um den Tisch fort. Die Frau von unserem Nachbar
daneben erwartet ein Kind und das hören wir immer so genau.
-- Was ist noch in ihrem Zimmer, Thomas. -- Sie stand vor ihm, ihre
grünen Augen waren ganz groß geworden.
-- Was noch -- O Thomas, Sie müssen furchtbare Nächte haben.
Da küßte er ihr die Hand mit den groben, aufgesprungenen Lippen. Ihr
graute. Sie wurde zornig. Und sie lief davon.
Sie wollte nicht mehr zu Thomas gehen. Da sah sie ihn zwei Tage später
auf der Straße. In den frühen, toten Nachmittagsstunden.
Sie dachte: wenn ich ihm jetzt nicht entgegenspringe, er rennt dort in
die Mauer hinein, zerschellt sich seine großen Knochen. Nein, wie er
friert.
Sie packte ihn beim Arm. -- Thomas, grüß Gott, aber warum haben Sie
keinen Mantel, Teufel noch einmal!
Er war ganz blau und sie wußte, ohne daß er antwortete, daß den einzigen
Mantel der Familie der kleine Bruder trug.
Sie begleitete ihn und kombinierte: Wenn Onkel Gustav stirbt, kann
Thomas vielleicht den Wintermantel bekommen, oder ich stehle den von
Richard. Der ist so gut wattiert. Ach, wenn ich nur nicht so feig wäre,
ich müßte Onkel Gustav auch töten können, aber ich traue mich ja nicht.
Thomas sagte: -- Mir ist gar nicht kalt, was fällt Ihnen ein. Aber man
sollte mir nicht um halb zehn Uhr das Licht wegnehmen, nein, das sollte
Mutter nicht. Und wir haben gar kein Geld mehr für nächste Woche.
Ruth gab Gertrud ihr letztes bißchen Taschengeld. Gertrud nahm das
bißchen mit Tränen in den Augen und verklärt.
Als Weihnachten kam, wußte Ruth nicht, was sie Thomas schenken sollte.
Sie verkaufte zwei goldene Ringe, die sie nie getragen hatte, und kaufte
ihm dafür einen wunderschönen Band Schopenhauer. Sie half heuer nicht
den Weihnachtsbaum putzen. Sie empfand zum erstenmal nicht die gespannte
Erregung vor dem wunderbaren Abend, der doch alle Jahre der gleiche
blieb. Sie empfand auch nicht, daß die Straßen anders waren als sonst,
weil so viele frohe Menschen mit Paketen durcheinanderliefen. Sie wußte
nur, daß Thomas bei der furchtbaren Kälte keinen Wintermantel besaß, daß
der Band Schopenhauer in weiches, mattbraunes Leder eingebunden war.
Sie nahm aus ihrem Schreibtisch noch rasch eine Schachtel Briefpapier
für Gertrud und eine Rolle herrlichstes, weißes Kanzleipapier, auf das
sie einst ihre Lebensgeschichte hatte schreiben wollen, aber das war
schon lange her. Jetzt sollte es Thomas' Bruder bekommen, der immer
klagte, er habe zu wenig Papier für seine deutschen Aufsätze und die
langen mathematischen Formeln. Etwas Besseres hatte sie nicht.
Gertrud schmückte den winzigen Weihnachtsbaum mit Silberketten vom
vorigen Jahr. Sie humpelte vergnügt in der kalten Stube herum und sang
ein Weihnachtslied. Auf dem Tisch standen noch von dem Mittagessen
Teller mit übrig gebliebenem, gelbem Brei. Ruth ging rasch in Thomas'
Zimmer.
Er lag mit toten Augen über den Tisch hinüber, gierig, lauernd. Ruth
legte das sattbleiche Kanzleipapier neben ihn hin.
Ein Schrei, wie ein Tier, das nach Wasser sucht: -- Ruth, das bringst Du
mir, Du weißt also, weißt alles, doch und Du glaubst daran, und noch
kein Wort, noch immer kein Wort, aber du glaubst daran --
Er lag vor ihr und umfaßte ihre Schenkel mit tastenden, greifenden,
packenden, schaffenden Bewegungen. Er keuchte. Seine Hände waren feucht,
er gurgelte mit halberstickter Kehle. Ruth graute und sie sagte weinend:
-- nicht wahr, jetzt schreiben Sie das Buch -- und sie streichelte
seinen Kopf wie einem ganz kleinen Kind und küßte die aristokratisch
hohen Schläfen. Jetzt ganz gewiß, ganz gewiß. Ihr ekelte vor seinen
strähnig fetten Proletarierhaaren und sie streichelte seinen Kopf.
Zuhause konnte sie das Licht der Weihnachtskerzen nicht vertragen. Die
Stimmen der Verwandten machten sie rasend. Bei Tisch sagte Richard zu
einem alten Onkel: -- gewiß ist ein rechter Künstler noch nie den
widrigen Verhältnissen unterlegen. Im Gegenteil ...
Ruth sagte: -- wo liegt die Statistik der Untergegangenen. Ich glaube
bei der Mordstatistik im Strafgericht, nicht wahr, dort liegt das auf.
Dann wurde ihr schlecht und sie mußte die ganze Nacht lang erbrechen.
Das Zimmer war überheizt und sie empfand nur, wie sehr Thomas diese
Nacht frieren müsse, denn sicher waren alle Kohlen für das
Weihnachtszimmer aufgegangen. Vielleicht verbrannte er das weiße
Kanzleipapier. Den Schopenhauer bekam ja Onkel Gustav, der war noch gar
nicht tot. Nur wollte sie nie mehr zu Thomas gehen, ganz gewiß nie mehr.
O, wie sie seine gierig schaffenden Hände fürchtete, grauenhaft war es
und unverschämt gegen die Natur, gegen ihren eigenen Körper. Und die
Frau daneben erbrach ja auch fortwährend, weil sie ein Kind erwartete.
Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr? Thomas
ist krank. Sie war zornig und ging nicht hin.
Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr?
Da kaufte sie ein Dutzend verschiedener Federn und tiefschwarze Tinte
und ging wieder zu Thomas. Gertrud saß in der Nähmaschine und sah sie
vorwurfsvoll an: Du hättest früher achtgeben sollen, Ruth. -- Worauf? --
Thomas liebt Dich. -- Mach Dich nicht lächerlich. -- Doch Ruth, seit Du
fortgeblieben bist, kann er nicht mehr unterrichten. Gestern hat er den
Kleinen geschlagen. Denk Dir, Thomas und schlagen, wegen irgend eines
kostbaren Papiers. -- Er hätte ihn erschlagen sollen, Ihr wißt alle
nicht, was Thomas braucht. -- Ruth, ich verstehe Dich nicht -- Gertruds
Stimme war so weich, daß Ruth mit dem Fuß darauf stampfen mußte. -- Und
denke Dir, er will plötzlich um zwei Uhr nachts Licht brennen. Aber die
Mutter hat doch kein Petroleum. Er streitet mit den Leuten in der
Schule. Seit acht Tagen war er überhaupt nicht mehr dort ... Gertrud
weinte. Ruth war ganz kalt: Gertrud, wer ist Dir lieber, Thomas oder die
Mutter, oder der Kleine? -- Das weiß ich nicht, mir sind alle drei ganz
gleich lieb. -- Dann kann ich Euch nicht helfen. -- Aber Thomas liebt
Dich. -- Du bist dumm, näh deine Hemden weiter.
Thomas kam aus seinem Zimmer und zog Ruth an beiden Handgelenken zu sich
herein. -- Wo bist Du solange geblieben? Du hättest kommen sollen.
Nichts als Farben -- Töne, mit der Hand zu greifen -- Worte noch nicht
-- Worte --
Sie gab ihm Tinte und Federn. Er nahm eine Feder und kratzte sich einen
tiefen Strich in die zerklüftete Hand: aus der Spitze muß es kommen,
fließen, strömen -- Gesetz -- Ruth bleib da.
Er hielt sie fest mit beiden Armen. -- Kannst Du beten? -- Nein. -- Das
macht nichts. Bete, es darf nicht finster werden. Mutter darf das
Petroleum nicht versperren. Der Bengel darf nicht nachhause kommen. Die
Nähmaschine darf nicht rattern. So bet doch.
Als es dunkel wurde, begleitete er sie nachhause. -- Man muß Licht
sparen ... Und wieder die Bewegung an den Hals, der Daumen steht
eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers.
-- Siehst Du den Eckstein hinter der Straßenlaterne, die Biegung, die
rund sein soll und doch eigentlich voll Ecken ist. Spürst Du. Wie meine
Finger. Der Stein ist grau, so grau, daß unsere Augen daran sterben
müßten. Aber das gelbe Licht aus der Laterne schleicht darauf -- mein
Licht ist eigentlich größer. Und lauter Ecken, die aussehen wie
Biegungen, Rundungen. Wie wir uns täuschen. Nur die Lügen sprechen sich
leicht. Aber die Wahrheit ist furchtbar, sie ist das Wort, das war im
Anfang. Hörst Du die eisigen Pfützen, wer hat je so sprechen können. Und
unlängst in der Nacht war ich fließendes Wasser. Ich weiß, wie es tönt,
übereinander fällt, ich weiß, wie es sich berührt ... Meine Stimme ist
häßlich, vorne fehlt mir ein Zahn, ich weiß wie Dir das widersteht,
Ruth, laß, aber weißt Du, was meine Hände können, über die weißen
Flächen gleiten, nein, das ist nicht Schnee, es schneit ja heuer gar
nicht. Aber erst sollen meine Fäuste den Reichen die Fenster
einschlagen. Was machen sie bei dem elektrischen Licht. Bei dem vielen
Licht. Meine Hände können doch Mutter das Petroleum nicht stehlen, da
ist kein Mark in den Knochen. Der Hund heult die ganze Nacht im Hof und
die Frau daneben erbricht sich noch immer die ganze Nacht ...
-- Thomas, wart doch, aber wart, ich werde Dich heiraten. Was Du da von
dem Zahn gesagt hast, ist Unsinn. Ich habe nicht viel Geld, aber ein
bißchen etwas muß mir Mutter schon geben. So viel, daß wir ein halbes
Jahr, ja ein halbes Jahr schon in einem ruhigen, schönen Zimmer wohnen
können. Nur ein Badezimmer noch daneben. Und du kannst schreiben, den
ganzen Tag, auch in der Nacht. Ich werde eben im Badezimmer schlafen.
Aber warten mußt Du, wart doch, Thomas, wart nur noch ein ganz klein
wenig.
Thomas stöhnte wie ein Pferd nach dem letzten Peitschenhieb. -- In der
Schule haben sie mich hinausgeworfen. Ich kann dem Buben das Geld für
seine Studien nicht mehr geben. Und Mutter muß leben und Gertrud, die
Arme. Und in der Nacht müssen sie alle schlafen. Da heult der Hund.
Er fuhr Ruth mit einer wilden Bewegung an den Hals. Der Daumen stand
eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers. Sie schrie.
-- Schweig, sagte er heiser, es ist ja nicht auf Deinem Hals. Auf meinem
ist es. Die fremde Hand. Sie würgt noch nicht, aber sie wird es tun,
sofort, gleich, jeden Moment und dann ganz. Sie würgt noch nicht. Und
doch habe ich schon einen flammend roten Streifen da vorn auf meinem
Hals.
Ruth sah, daß alle Fenster der Wohnung dunkel waren. Und nahm Thomas mit
sich in ihr Zimmer. Der Ofen glühte.
Thomas warf sich auf dem Teppich der Länge nach nieder und starrte mit
toten Augen in die Glut. Ruth blieb stehen und dachte: wie schön die
wilden Knochen geordnet sind, wie schlank sie liegen. Thomas sagte: --
meine Farbe ist mehr gelb, aber nicht so gelb, wie auf dem Eckstein.
Ruth warf sich neben ihn vor das Feuer. Er preßte sie an sich, daß sie
die Rippen brechen fühlte. Seine groben Lippen waren blutig
aufgesprungen. Schon fast zerfetzt. Der eine Vorderzahn fehlte. Zurück
um Gotteswillen. Sie riß sich los.
Er stand vor ihr, seine Hände hingen herab. Eine große Knochenmasse,
bereit, zusammenzufallen.
-- Ruth, sagte er langsam, ich danke Dir. Es ist so viel Wärme in Deinem
Zimmer. Mich friert nicht mehr. Aus dem Mark der Knochen stößt sich die
Kraft heraus -- heute abend wird --
Er war schon lange fortgegangen. Ruth lag vor der erloschenen Glut auf
genau demselben Fleck, wo er gelegen war. Und stöhnte: aus dem Mark der
Knochen heraus. Thomas. Ein Kind. Von ihm ...
Thomas ging aufrecht nachhause. Beim Abendessen teilte die Mutter vor:
Kraut und jedem sein Stück Brot. Die Petroleumlampe brannte sehr
schwach, tief heruntergeschraubt. Thomas sprach in sich hinein: heute
abend wag ich es, heute endlich. Ich habe ihnen ja noch nie etwas
weggenommen. Aber heute, das bißchen Petroleum, das werden sie mir schon
geben, können sie gar nicht verweigern. Und der Bub schiebt sein Bett
einfach herein. Aus der Straßensteinrundung heraus bricht das Wort.
Schon ist es nahe, nahe --
-- Heute können wir zeitlich schlafen gehen, sagte die Mutter
weinerlich, überhaupt jetzt, wo der Thomas so keine Hefte mehr zu
korrigieren hat.
-- Muß ich wirklich aus der Schule heraus, fragte der blasse Bub.
-- Wird schon so sein, sagte die Mutter mürrisch. -- Warten wir es ab,
sang Gertruds milde Stimme dazwischen und ihre Augen suchten Thomas,
flehend, verzweifelnd und doch gleich wieder voll Vertrauen.
-- Was geht Ihr mich alle an, dachte Thomas, das Wort, aber ich muß erst
um Petroleum bitten.
Wieder lag die Hand auf seinem Hals. Aber nicht mehr ein Messer mit
stumpfer Klinge. Lange Finger mit verschiebbaren Gelenken drückten sich
in die Kehle hinein.
-- Gertrud, sagte er und zog sie in eine Ecke, gib mir alles Petroleum,
was wir haben, heute Nacht, nur heute Nacht. -- Die Mutter hat den
Schlüssel. Aber ich muß mit Dir reden, ob Du uns wirklich alle zugrunde
richten willst, lieber, einziger Thomas, wenn Deine Schule -- Laß das
jetzt, ich brauche Licht. -- Die Mutter hat das Petroleum. -- Mutter gib
mir alles Petroleum. -- Geh schlafen. -- Mutter, nur heute. --
Die alte Friseurin grinste höhnisch: -- hab keines mehr.
Thomas wußte, es ist nicht wahr. Und war machtlos.
-- So geh ich zu den Nachbarn. -- Die schlafen. Die Frau hat Nachmittag
ein Kind bekommen.
-- Gott ... Thomas brach auf seinem Bett zusammen. Gott war das Wort.
Und das Wort durfte nicht gesprochen werden.