Als Ruth das nächstemal Onkel Gustav besuchte, stand ein Mensch beim
Fenster. Dessen grobe, breitästige Knochen preßten das Zimmer zusammen,
ließen die Frühdämmerung nicht herein. Und von seinem Hinterkopf hingen
die Haare kurz und strähnenglatt herunter.
Onkel Gustav hustete so furchtbar, daß Ruth Schleim und Blut vor sich
tanzen sah.
Als der Fremde seine ungelenk hohe Gestalt rasch umwendete, war ihr, als
fiele ein ungeheurer Knochenhaufen in sich zusammen und zersplittere auf
dem Boden, steinhart.
Onkel Gustav hustete. Blut und Schleim. Er konnte nicht sprechen. Der
Mensch verbeugte sich linkisch hochmütig vor Ruth, murmelte etwas und
ging fort.
-- Wer war das? fragt Ruth, als Onkel Gustav wieder still und erschöpft
da lag. -- Ein Freund von mir, du kennst ihn nicht. -- Wie heißt er? --
Thomas. -- Und noch? -- Wozu willst du das wissen? -- Ich bin eben
neugierig, warum Mutter nicht wissen darf, daß er zu dir kommt. -- Das
ist abscheulich von dir. Das sagst du nur um mich zu kränken. Jeder
Mensch darf zu mir kommen, ich bin doch kein kleines Kind ... Er begann
wieder zu husten.
-- Sei ruhig, Onkel Gustav, ich war wirklich nur neugierig. Weil er mir
gefällt, dieser dein Freund oder was er ist. -- Er ist mein Freund.
Ruth, wenn du den kennen würdest, wirklich kennen. -- Wie verhält sich
Norbert zu ihm? -- Er hat ihn noch nicht gesehen. -- Ach so ... Gustav
hustete wieder und Ruth stand auf, um fortzugehen. -- Was ist das für
ein Ungeheuer? Sie nahm eine in graue Sackleinwand gebundene
Riesenmappe, die auf dem Tisch lag. -- O weh, die hat Thomas vergessen.
-- Dann wird er sie wohl holen. Ruth wollte sich wieder setzen. -- Nein,
er vergißt bestimmt ganz daran, und wenn er morgen in die Schule geht,
hat er keine Hefte. Und wieder Unannehmlichkeiten. -- Weißt du was, ich
möchte sie ihm bringen. Ich will sowieso noch spazieren gehen. -- Nein,
Ruth, das geht nicht -- Onkel Gustav richtete sich ganz entsetzt auf --
das kannst du nicht, nein wirklich nicht, auch ist es viel zu weit, er
wohnt ganz draußen in der Vorstadt. -- Das macht mir gar nichts.
Ruth hatte die Mappe schon unter dem Arm: -- rasch, die Adresse. Onkel
Gustav hustete und sagte dann den Namen von Mutters ehemaliger
Friseurin. Ruth lachte schrill: -- nein, mit was für Leuten du verkehrst
... und sie sprang über die Stiegen.
Die Luft war weich und frühlingshaft schwer. Wie um Mitternacht im Mai.
Aber die kahlen Bäume waren herbstmatt und ergeben.
Ruth lief durch die dunklen Gassen und fühlte, wie sie mit jedem Schritt
in das Ungewisse hineintrat. Das weich und nachgiebig war wie ein
verprügelter Hund. Und doch lockte und zog.
Sie wollte den nacktsträhnigen, groben Kopf nicht berühren, nein,
niemals, o um Gotteswillen nicht. Onkel Gustavs Husten schrie ihr nach.
Ganz arme übermüdete Pferde hatten solche schwer hervorspringende
Knochen. Deren Kraft um Mitleid schreit. Während die Muskeln zu schlaff
sind, das Gerüst zu tragen.
Nein, sie konnte nicht weiter. Eine wütende Angst hielt sie zurück, sie
könne einem Kutscher begegnen, der seine Pferde prügelt, erbarmungslos
über die steinige Straße, brüllend, schimpfend, fluchend und mit der
Peitsche.
Nein, sie wollte nicht weiter. Wie kam sie auch dazu, einem fremden
Menschen seine Sachen in das Haus nachzutragen. Sie wird das
Mappenungeheuer in einen Straßengraben werfen. Oder doch vielleicht
zuerst hineinsehen -- ja, zuerst hineinsehen.
Ruth ging in ein kleines Kaffeehaus, wo ein paar Dienstmänner und
Kutscher Karten spielten. Sie setzte sich in eine halbdunkle Ecke und
schämte sich. Bei einer unanständig dicken Kellnerin bestellte sie Tee.
Und war verzweifelt über die schmierig braune Marmorplatte.
Aber die Mappe. Ein armseliger zerbissener Bleistift rollt heraus. Und
dann Schulhefte der dritten Volksschulklasse. Immer mehr Schulhefte. In
jedem beginnt die Aufgabe: Alle Haustiere ...
Ruth schließt die Mappe. Den Bleistift steckt sie zu sich. Sie muß
Thomas seine Hefte bringen.
Sie trat in das Ungewisse. Es wich und lockte. Und die Nacht war ganz
dunkel.
Das einstöckig verkrochene Haus lag weit draußen, am Rand der ersten
fahlen Fabrikswiesen. Gelbrötliches Licht träufelte aus seinen niedrigen
Fenstern. Das Ungewisse war nah und furchtbar.
Eine fremde Wohnung suchen ist entsetzlich. Wie leicht läutet man bei
fremden Menschen an und die sind dann böse. Und eigentlich war Thomas
sogar auch ein fremder Mensch.
Ein grünblasser Proletarierbub mit abstehenden Ohren öffnete Ruth die
Türe. Es roch nach aufgewärmtem Essen. Im Zimmer war eine Nähmaschine.
Darauf eine Petroleumlampe. Ein Mensch bei der Nähmaschine, in der
Nähmaschine, ein Stück der Nähmaschine, in sie hineinverwachsen, bucklig
verkrümmt, eng.