weniger reden, wenn nicht gerade sie dadurch berühmt geworden wäre,
daß man jetzt einmal etwas mehr vom Südkontinent, vom wunderbaren
Gondwanaland, erfährt. Es ist erzählt, daß Gondwanaland wahrscheinlich
seit dem Kambrium bestand, Südamerika, Afrika, Indien, Australien
einend. Die Überflutungszeiten hatten sich auch an seinen Grenzen
gelegentlich geltend gemacht, aber von keinem Längsspalt ist etwas
bekannt, der es in all der Zeit ganz durchbrochen hätte. Und so kam es
auch bis ins Perm. Trotz dem meist trennenden Vorhandensein der Tethys
ist nun aus jenen älteren Tagen nichts von besonderen Unterschieden
seiner Oberflächenverhältnisse gegenüber den Nordländern bekannt
geworden. Es hatte offenbar auch seine älteren Wüstenzeiten, und
im Karbon wanderten auch in ihm die echten Steinkohlenpflanzen bis
in die entlegenen Gegenden von Argentinien im heutigen Südamerika,
Queensland und Viktoria in Australien, das Sambesigebiet in Südafrika
ein. Im Beginn des Perm aber muß auf diesem Gondwanaland etwas
vorgefallen sein, das uns noch immer in vieler Hinsicht rätselhaft
ist. In Vorderindien, im Kapland, in Australien, überall wo heute noch
Restblöcke seiner Mittel- und Ostseite stehen, finden wir im Gestein
aus dieser Zeit die ganz unzweideutigen Spuren gewaltiger Eiswirkungen.
Der Gesteinsgrund ist geschliffen und geschrammt, bezeichnend gekritzte
und geschliffene lose Trümmer liegen genau in der Weise zerstreut und
eingebettet, wie wir das von den sogenannten Grundmoränen unserer
heutigen und der diluvialen Gletscher so genau kennen. Man findet,
wie gesagt, wenigstens vermutliche kleine Gletscherspuren schon in
noch älteren Erdperioden als diesem Perm. Obwohl seltsamerweise die
Polargebiete früher nicht vereist waren, liegt es doch nahe genug, daß
die schon so früh vorhandenen großen Gebirge gelegentlich Gletscher
entsandten. Daß die riesigen deutsch-französisch-englischen Alpen
der Steinkohlenzeit nicht auch ihren Firnschnee und ihre Gletscher
gezeigt hätten: wer will das ohne weiteres abweisen? So hat man sich
gedacht, daß auch Gondwanaland sich damals zu größten Teilen mit
ungeheuren Hochgebirgsfalten bedeckt hätte, die entsprechend ihre
Riesengletscher selbst in tropischen Breiten zu Tal schoben, und
Anzeichen solcher Gebirgsbildung sind in der Tat vorhanden. Aber die
indischen Eisspuren weisen in den Einzelheiten nicht bloß auf einfache
Alpengletscher. Die Eisströme müssen an der Küste bis ins Meer, in
die Tethys hinein geflossen sein, und die Schlammküste muß zeitweise
winterlich hart gefroren sein. Das aber im tropischen Vorderindien! Da
muß man doch zu den Gebirgen auch noch einen wirklichen Herabgang der
Gesamttemperatur annehmen. Man braucht ja nicht gleich an Binneneis zu
denken, das damals etwa vom Südpol kommend ganz Gondwanaland bis über
den Äquator fort bedeckt hätte, wie in der späteren diluvialen Eiszeit
das skandinavische Eis unser Norddeutschland. Dafür spricht nichts,
und die Richtung der Eismassen ging den Spuren nach ziemlich sicher
nicht überall vom Süden, also der Polrichtung aus. Über das Verhältnis
von Gondwanaland zu diesem Südpol und seinem heutigen Landrest wissen
wir ja vor der Hand überhaupt leider gar nichts. Vieles deutet auf
schon frühes Vorhandensein eines antarktischen Meeres; inwiefern
aber doch wenigstens einzelne Festlandanschlüsse auch hier bestanden
haben könnten, bleibt einstweilen offen. Hoffentlich bringt die
jetzt glatt fließende Erforschung der heutigen großen und gebirgigen
Südpolarklippe uns da einmal Aufschluß -- ein geologisches Problem,
das noch mehr wiegt als die Bezwingung des Pols selbst. Aber auch ohne
die ungeheuerliche Vorstellung eines solchen äquatorialen Binneneises
wird man eine »_permische Eiszeit_« für das Gondwanaland zugeben
müssen, die den Gletschern damals weit, weit tieferen Abstieg und der
Küste selbst in tropischen Breiten weit, weit rauhere Winter als heute
beschert hat. Die Ursache bleibt einstweilen völlig im Dunkeln, und nur
die _Tatsache_ einer solchen schon viel früheren Eiszeit der Urwelt,
die wesentlich über die Südhalbkugel ging, muß von nicht abzusehendem
Wert für uns sein. Als diese Kälteperiode auch dort dann wieder vorüber
war, sehen wir die Küsten von Gondwanaland im Rest des Perm bedeckt mit
einer neuen und eigenartigen Farnflora, die von der früheren des Karbon
und aller nordischen überhaupt wesentlich abweicht. Spärlich ist sie
nur auf gelegentlichen Tethysbrücken von sich aus noch nachträglich
hier und da auch drüben ins nordische Randgebiet eingedrungen. An ihrem
Fleck aber kann man sich schwer der Meinung entziehen, daß sie dort ein
Ergebnis eben jener klimatischen Katastrophe, eine örtliche Anpassung
war. Das Farnkraut ~Glossopteris~ ist ihr typischer Vertreter,
zugleich also jetzt eine recht eigentliche »Gondwanapflanze«. Ganz
ähnliche Verhältnisse aber gewahren wir in der Tierwelt. In den
feuchten Karbonwäldern war allgemein der Molchfisch zum wirklichen
Molch geworden. Im Perm gestaltete sich jetzt der Molch mehr und
mehr zum Reptil. Das nacheiszeitliche Gondwanaland aber scheint das
wahre Paradies der Urreptile gewesen zu sein, wie denn heute noch das
letzte überlebende, die seltsame Brückeneidechse, nur auf einer seiner
Restklippen, auf Neuseeland, fortdauert. Unheimliche Gesellen dieser
Art haben uns besonders die Gesteine der alten Gondwanaecke, die das
heutige Kapland darstellt, aus dieser und der folgenden Erdepoche im
Skelett bewahrt. Da lebte der Pareiasaurus, der halb wie ein Krokodil,
halb wie ein krummbeiniger Teckelhund aussah. Der Vergleich mit dem
Säugetier ist dabei kein weit hervorgeholter. Aus diesen Urreptilen von
Gondwanaland scheinen sich allen Ernstes damals auch die Säugetiere
dort entwickelt zu haben. Auch für diese so wichtige Tiergruppe,
die es bis zum Menschen bringen sollte, ist es schwerlich ein Zufall,
daß ihr urtümlichster Vertreter, das noch reptilienhaft eierlegende
Schnabeltier, sich bis heute nur auf Gondwanaresten, in Australien und
Neuguinea, lebend erhalten hat. Ein ganzes Buch ließe sich schreiben
von den Wundern des Gondwanalandes von damals, von den Rätseln und
Zeichen, die es gab.
[Illustration: Abb. 14. Festländer und Meere in der oberen Triasperiode
(nach Lapparent und Arldt).]
Doch wir verfolgen die rein geographische Linie weiter. Da ist
denn kaum ein Zweifel, daß die nunmehr folgende _Triasperiode_
einen Höhepunkt der Verlandung enthält. Nie ist das alte Erdbild
in einfacheren Umrissen geregelt gewesen. Geologischer Brauch
läßt mit dieser Epoche das zweite Hauptweltalter beginnen, die
Sekundärzeit. Geographisch aber erscheint gerade hier die ursprüngliche
Länderverteilung, wie sie vom Kambrium heraufkommt, noch einmal in
ihrem reinsten Glanz, wenn schon im Abendrot. Südhälfte und Nordhälfte
der Landseite unseres Planeten liegen sich zeitweise noch einmal als
ganz geschlossene Massen gegenüber. Zwischen Nordamerika und der
Atlantis ist der Daviskanal verschwunden, beide Erdteile bilden wieder
einen durchaus geschlossenen Block. Dabei ist Nordamerika größer als
heute. Und ebenso ungeheuer ragt Asien. Zwischen Europa und Asien aber
ist das uralische Meer jetzt ganz ausgetrocknet. So verschmilzt Europa
endlich doch wieder östlich mit Asien. Aber da es zugleich westlich
noch mit der Atlantis ebenso lückenlos zusammengeschmiedet bleibt, so
vollzieht sich jetzt zuletzt noch die größte Tatsache: Nordamerika,
die Atlantis, Europa und Asien verwachsen zu einer einzigen unfaßbar
riesigen Kontinentalmasse, die jetzt würdig dem drüben ebenso
geschlossenen Gondwanaland Gegenpart hält. Die Tethys trennt bloß noch
zwei Erdteile. Als auch diese Tethys selbst noch mehrfach überbrückt
wird (es scheint bei Panama, Spanien und in Indien geschehen zu
sein), erreicht die Verlandung ihren unbestrittenen Gipfel. Wenn
wir uns die Beringstraße auch jetzt noch geschlossen denken, so
bildete der Nordkontinent sogar einen Polarring von Land um die ganze
Nordhalbkugel. Ebenso einfach in den Umrissen wie abweichend von heute
muß die Erde mit diesem nördlichen ganzen und südlichen halben Landring
von weitem ausgesehen haben, wobei der ausgesprochene Wüstencharakter,
der auch diese Trias beherrschte, den Landmassen auch jetzt wieder eine
grell gelbrote Färbung ganz im Sinne der heutigen Oberfläche des Mars
verliehen haben muß.
[Illustration: Abb. 15. Der Pareiasaurus, ein Tier aus Gondwanaland.
(Aus dem vollständig erhaltenen Skelett wiederhergestellt nach
Hutchinson und Smit.)]
Im Verlauf der langen Epoche stellt sich dann wenigstens die Tethys
wieder ganz her, auch sie in der Reinheit ihrer Linie zwischen zwei
jederseits lückenlos fortlaufenden Ufern vom Stillen Ozean bis wieder
zum Stillen Ozean gleichsam noch einmal das Ideal ihrer uralten
Versuche und Erfolge seit Jahrmillionen verkörpernd. Indem sie sich
breiter noch durchzusetzen sucht, vereinigt sich eine Weile aller
Wechsel zwischen Wasser und Land auf Erden nur bei dem Kampf zwischen
ihrer geraden Mittelstraße und der einheitlichen Nord- und Südküste.
Hier, dort greift sie bald etwas mehr, bald etwas weniger über die
beiderseitigen Kanten vor. Und in die Abenteuer dieses Spiels wird eine
Weile gerade wieder Europa verwickelt.
[Illustration: Abb. 16. Dolomitenlandschaft: Drei Zinnen bei Ampezzo.
(Phot. Voigtländer, Braunschweig.)]
Europa war, wir erinnern uns, ursprünglich Halbinsel an Asien; dann
wurde es umgekehrt Halbinsel an der Atlantis; jetzt hat es Anschluß
sowohl an Asien wie an die Atlantis; so hat es jetzt nur noch _eine_
Front: nach Süden, zum Mittelmeer der Tethys. Kantenangriffe der Tethys
sind folgerichtig das einzige, das ihm jetzt gefährlich werden kann.
Ein wundervolles Naturdenkmal ist damals entstanden, das wir heute
noch in der Form, die ihm das spätere Schicksal aufgezwungen, nicht
genug bewundern können: die Tiroler Dolomiten. Riffe meerbewohnender
Korallentiere und besonders Kalkalgen der Triasperiode stecken
eigentlich in ihnen, Riffe aus der Tethys von damals. So weit und
so lange, daß sie sich bilden konnten durch unsagbar gigantische
Kleinarbeit des Lebens, muß diese Tethys also damals im Gebiet unserer
heutigen Ostalpen gestanden haben. Und von ihr diesmal sollte nun
auch ein neues kleines Sintflutabenteuer ausgehen, das abermals
vorübergehend Deutschland betraf. Im Perm kam jene kurze örtliche
Zechstein-Sintflut von Nordosten, vom russischen Meer. Das gab es
jetzt nicht mehr. Dafür glückte es aber im zweiten Drittel der Trias
der Tethys, von Süden her den verwitternden mitteleuropäischen
Gebirgsgürtel in der Gegend der schlesischen Sudeten zu durchbrechen
und ein kleines Binnenmeer zu uns hereinzufluten. An sich auch ein
vergängliches Werk wie jene Zechsteinüberschwemmung. Das Gestein, das
sich dabei abgelagert hat, hat aber der ganzen Trias mit zu ihrem Namen
verholfen. Trias heißt nämlich Dreiheit. Und in der Tat unterscheiden
wir bei uns noch gut drei Stufen ihres Daseins im alten Gestein auf
Grund besonders dieses Abenteuers. Zuerst, im ersten Drittel, hatte
auch diese große Verlandungsperiode uns in Deutschland immer wieder
bloß Wüste gebracht. Grell gefärbter Wüstenschutt, zu dem die Gebirge
verwitterten und der sich im tieferen Plan allenthalben häufte, ergab
damals unseren sogenannten bunten Sandstein, das Prachtmaterial unserer
herrlichsten süddeutschen Dom- und Schloßbauten. Dann kam jene
vorübergehende Sintflut und hinterließ den _Muschelkalk_. Auf den aber
legte sich später wieder mehr Land- und Süßwasserschutt in Gestalt des
sogenannten Keuper. Die drei Schichten dann ergeben die »Dreiheit«.
Die Sache hat aber in dieser Folge eben nur für uns eine örtliche,
sozusagen vaterländische Geltung.
Immerhin gibt dieses Trias-Sintflütchen zu denken. Es bedeutete
doch etwas wie den Vorboten einer nahenden größeren Wende der Dinge
allgemein. Gegen Ende der Trias, eben in ihrer deutschen Keuperzeit,
zeigen sich im einheitlichen Nordkontinent die ersten Spuren neuer
Längsrisse. Wenn auch nicht genau in der Beringstraße, so doch etwas
weiter westlich nach Sibirien hinein parallel zu ihr hatte der Stille
Ozean sich gelegentlich wieder einen Durchgang zum Eismeer erkämpft.
Das war belangloser; höchst merkwürdig aber ist ein anderer Spalt,
der sich jetzt (falls die Deutungen genau stimmen) plötzlich in einer
bisher gänzlich unerhörten geographischen Linie auftat. Nämlich da,
wo die Atlantis seit so langer Zeit jetzt glatt zu Nordeuropa ging:
zwischen Skandinavien und Grönland. Eine _Shetland-Straße_, so genannt
nach der Lage über den Shetland-Inseln. Seit dem Kambrium war in dieser
Nähe nichts geschehen. Das Bedeutsame aber ist, daß ein Zerbrechen
der Festlandmasse gerade an dieser Stelle nichts Geringeres besagte,
als Beginn des _heutigen_ Zustandes, der die Wasserspalte zwischen
Grönland und England-Norwegen, die jetzt Europa von Nordamerika trennt,
im nördlichen Atlantischen Ozean hier durchführt. An sich nur einmal
wieder ein Spalt wie alle andern, bedeutete dieser doch das Morgenrot
einer neuen Zeit. Und die kam für die Karte in der Tat jetzt, nachdem
der Bann einmal gebrochen, Schlag auf Schlag. Auf die Triaszeit, die
alles Alte noch einmal vereinigt herausgebracht hatte, folgte in der
Juraperiode der unzweideutige Anfang einer Neuordnung der Erdkarte, in
deren Vollbesitz wir Menschen selber heute noch leben. So lehrreich
und wechselreich auch jetzt noch der Übergang sich gestalten mag:
die eigentlich heroische Zeit der urweltlichen Karte, da »alles ganz
anders« war, ist mit dieser Wende vorüber.
Die _Juraperiode_, benannt nach dem heutigen Juragebirge, dessen
wichtigstes Gestein uns in Deutschland und der Schweiz noch durch
alte Meeresböden ihrer Tage führt, ist nächst der Steinkohlenperiode
das auch im weiteren Kreise bekannteste aller geologischen Zeitalter.
Die berühmtesten Urweltstiere vor dem Auftreten des Menschen, der
Ichthyosaurus und der Plesiosaurus, gehören hauptsächlich ihr an. Die
mächtigen versteinten Schlammblöcke, aus denen kundige Hand das noch
wohl erkennbare Gerippe eines solchen seinerzeit dort eingesargten
Ichthyosaurus wieder herausgearbeitet hat, zumeist aus Schwaben, also
eben dem echtesten Gebiet des Jura, stammend, erwecken wie nichts
anderes so im Laien, der ein geologisches Museum besucht, die Schauer
der Urwelt. Diese Saurier aber waren beide prächtige Schwimmer im
Ozean, der Plesiosaurus noch mehr in Küstennähe, der Ichthyosaurus am
liebsten im offenen Meer, und als solche Schwimmer sind sie damals auch
bis ins Herz unserer Heimat gekommen, -- mit ihrem Meer. Im Zeichen
des allenthalben in der Erdkarte erfolgreich und immer erfolgreicher
andrängenden Meeres steht im wesentlichsten Zuge die ganze lange
Juraperiode.
Auch die Karte gerade des Jura hat in der Geologie eine gewisse
Berühmtheit erlangt, da ihr einer der frühesten wirklich guten
Wiederherstellungsversuche solcher geologischen Karten überhaupt
galt, -- durch den unvergeßlichen Melchior Neumayr. Vielen hat die
Neumayrsche Jurakarte einen ersten Begriff gegeben, was für Wunderdinge
solche Urweltskarten uns sagen könnten. Tatsächlich versteht man auch
sie aber nur dann recht, wenn man sie im Anschluß an die Land- und
Meerumrisse der früheren Erdperioden betrachtet. Wenn man sich die
Verlandung der Perm- und Triasperiode noch einmal vergegenwärtigt
und sich sagt, daß jetzt mit dem Jura im geraden Umschlag eine ganze
Periode des mehr oder minder steten Meeresvorrückens kam, so muß
an gewissen Punkten die zu erwartende Kartenänderung sich nach den
früheren Erfahrungen in fast selbstverständlicher Richtung ergeben.
[Illustration: Abb. 17. Festländer und Meere in der oberen Juraperiode
(nach Neumayr, Lapparent und Arldt).]
Die Jura-Ichthyosaurier erscheinen in ihrem Meer schwimmend in
Schwaben. Ihr Meer kommt mit ihnen etwa von Südfrankreich herauf.
Das kann also nur ein neuer Angriff der Tethys gewesen sein. In der
Trias lag Europas ganze Front gegen sie. Sie nagte damals schon
daran, griff hinein. Einmal schon warf sie das (allerdings wieder
vergängliche) Muschelkalkmeer bis nach Deutschland. Jetzt soll überall
das Wasser sieghafter einströmen: also naheliegend genug, daß auch
die Tethys verstärkt ihren Versuch erneuert und mit Glück im großen
vollendet. Und in der Tat sehen wir im Verlauf des Jura ganz Süd-
und Mitteleuropa bis nach England und Norddeutschland allenthalben
in der geschlossen heranflutenden Tethys untergehen, unvergleichlich
gründlicher und dauerhafter als vorher. Nur eine Anzahl Gebirgsreste
oder sonst schwer bezwingliche kleine Blöcke bleiben als Inseln stehen.
Dieser ganze Teil Europas bekommt auf lange jetzt geographisch den
Charakter unserer heutigen polynesischen Inselgruppen in der Südsee.
Und vieles auch im übrigen Landschafts- und Lebensbilde muß an diese
jetzt so entlegene Erdgegend damals bei uns erinnert haben. Im blauen
süddeutschen Meer wuchsen überall bunte Korallenriffe, und am Rand
der Atolle wiegten tropische Palmfarne (Cykadeen) ihre großen Wedel
im Seewinde. Über den feinen Kalkschlamm der Lagunen hinter dem Riff
hüpfte oder flatterte allerdings im Gegensatz zu allem heutigen der
seltsame Urvogel Archäopteryx, das Gemisch aus Saurier und noch
werdendem Vogel. Die Tethys staut sich in ihrem Triumphzuge erst
vor der großen skandinavisch-russischen Masse; bis dahin ist Europa
sozusagen verschluckt vom Mittelmeer. Aber indem das so weit geschehen
ist, ergibt sich eine neue folgerichtige Möglichkeit. Die so gewaltig
nach Norden ausbegehrende Tethys vollzieht im Nordosten erneut einen
uralten Schachzug. Sie eröffnet sich wieder die russische Wasserspalte,
vom Kaspischen Meer zum Eismeer in der Richtung am Ural hin. Da sie
ganz Mitteleuropa schon besitzt, kann sie gleich auch von hier noch
durchfluten, auch von Norddeutschland schon ihre Wasser anschließend
nach Rußland treiben. Was von Europa auch jetzt als Festland noch übrig
ist (wesentlich Skandinavien), ist damit abermals in Wiederholung
des alten Schicksalszuges von Asien getrennt. Nach der überlieferten
Verkettung wäre der Europarest wieder einmal nur noch Halbinsel
der Atlantis. Mehr noch »verwässert«, aber sonst doch unverkennbar
ähnlich, scheinen an dieser Kartenecke die Zustände der Steinkohlenzeit
wiederzukehren. Da aber wird noch etwas bedeutsam, das die Triaskarte
schon andeutete. Jener neue Spalt zwischen Skandinavien und Island,
die »Shetland-Straße«, die sich in die Verlandung der Trias doch schon
gelegentlich eingemischt hatte, spaltet erneut den Europarest auch
westlich von der Atlantis ab. Die Tethys greift durchströmend auch hier
um Skandinavien herum. Und so erfährt der letzte ragende Landblock
Europas ein neues, ein bisher noch nie erfülltes Schicksal: von Asien
und von der Atlantis durch breite Meeresarme gesondert, wird er selber
_zur Insel_. Eine skandinavische Rieseninsel, von der es südwärts
unmittelbar ins Mittelmeer und in den südseehaften Archipel der kleinen
Korallen- und Palmfarn-Eilande geht, -- so schwebt Jura-Europa frei in
den Wassern, los von Asien, los von der Atlantis, von der nordwärts
bis zum Eismeer ausgeschweiften Tethys ganz umflossen wie die Erde der
homerischen Griechen vom sagenhaften Okeanos.
Obwohl die meisten Züge dieses Schlußbildes sich noch irgendwie an
frühere anschließen, fühlt man doch, was für eine außerordentliche
Zerstückelung des Nordgebiets der Landseite sie bedeuten, eine ärgere,
als je eine Wassertransgression früher erzielt hatte. Und dazu treten
noch andere starke nordische Landeinbußen. Das Eismeer schneidet
nördlich von der Shetlandstraße noch ein Stück von der Atlantis selbst
ab, bis auf den Rand von Grönland, also nahe ans alte Herz. Von
Nordamerika versinkt erneut die Alaskaecke wie in den ältesten Epochen.
Die Beringstraße stellt sich also in ungeheurer Breite her. Und auch
Asien verliert im Norden durch kolossale sibirische Überflutungsbuchten
(Neumayr auf seiner Karte ließ es über ganz Sibirien untergehen)
ein Riesengebiet. Eigentlich intakt von der gesamten nordischen
Herrlichkeit bleibt nur der Hauptblock von Nordamerika und der damit
verschmolzene Restteil der Atlantis. Immerhin noch ein gewaltiger
Erdteil, der für die Fortentwicklung der Landtierwelt in dieser
Jurazeit jedenfalls nördlich die Hauptstütze gewesen ist. Während
durch die neuen Buchten und Meeresarme von der Tethys bis zum Eismeer
und zum Pazifik und rund um den Europarest lustig die delphinhaften
Scharen der Ichthyosaurier schwammen, erwuchsen auf diesem einzigen
großen Dauerlande des Nordens jene märchenhaften Landdrachen des
Dinosauriergeschlechts, deren wirkliche Größenmaße keine noch so
überschwengliche frühere Urweltsphantasie sich hatte erträumen können.
Dieser ganze Umsturz im Nordgebiet der Erdkarte bedeutete aber
immer noch nicht das, was auf dem Südgebiet gleichzeitig geschah.
Man _konnte_, wie gesagt, das alles dort im Norden noch für eine
einfache größte Transgression halten. Im Süden aber vollzog sich etwas
schlechterdings Neues: der Südkontinent, _das ungeheure Gondwanaland
begann zusammenzustürzen_.
Wir haben unsere Betrachtung begonnen mit einem kurzen Hinweis, daß
Gondwanaland im Kambrium in der Gegend des heutigen Indischen Ozeans
zeitweise nicht ganz geschlossen schien. Möglich, daß das nur eine
belanglose seichte Überflutung war; möglich, daß es auf eine noch
ältere, uns unbekannte Urgeographie aus vorkambrischer Zeit wies,
die noch kein geschlossene Gondwanaland hatte. Sicher ist jedenfalls
soviel, daß jetzt seit sechs großen Erdperioden, eine endlose Kette von
Jahrmillionen lang, Gondwanaland geradezu als der am meisten ruhende
Landpunkt der Erdkarte bestanden hatte, unzerstückelt, ohne Spalten,
ohne versunkene Zwischenteile. Vom oberen Kambrium bis zur Trias bildet
es gewissermaßen die Signatur der gegen alles heutige abstechenden
Alt-Karte. Jetzt aber stürzte sein erster Grundpfeiler endgültig ein.