Grenzschiebungen (einmal etwas weniger Brasilien, dafür wie im
Austausch drüben mehr Australien) nach wie vor ohne jeden Bruchkanal
zusammenhielt, reckte sich die Nordmasse zu fast unglaublichen
Maßen noch immer weiter aus. Fast überall wuchsen ihre Einzelstücke
zu unabsehbaren Flächen aneinander, so daß die Namen der Erdteile
belanglos zu werden beginnen. Die Tethys drohte zu ersticken. Über
Wasser stand fast im ganzen heutigen Umfange Nordamerika; bloß über den
Zipfel bei Alaska und seine heutigen arktischen Inseln griffen noch die
Wellen des Stillen Ozeans, und durch die Mississippi-Gegend schnitt
eine größere Meeresbucht ein. Nur um so gewaltiger aber ragte daneben
die Atlantis, recht zum Zeugnis, daß sie damals ein eigener Erdteil
blieb, auch wenn Nordamerika für sein Teil noch so vollständig da war.
Indem sie aber mit ihm verschmolz, bahnte sich der größte Kontinent
an, den die Nordseite je einzeln getragen hat. Südlich drängte diese
Atlantis ihre Küste immer weiter und weiter auch in das Mittelstück der
atlantischen Tethys hinunter, bis sie endlich von sich aus ein neues
geschlossenes Panama bildete: sich in breitem Landarm mit Brasilien und
dem Südkontinent vereinte, die Tethys mehr als je abfangend. Östlich
faßte sie in voller Breite anrückend wieder Europa, und zwar war durch
die allgemeine Verlandung diesmal auch hier wesentlich mehr zu fassen.
Der letzte Rest der alten englisch-skandinavischen Nordspalte war
aufgetrocknet, auch in seiner späteren russischen Abzweigung. Irland,
Schottland, ganz Skandinavien und Rußland mit ihren Zwischenteilen
der heutigen Nordsee und Ostsee lagen als größtenteils frisch
aufgetauchter nackter Plan in mächtiger Breite dort über Wasser;
während allerdings das mittlere und südliche Europa auch jetzt mehr
oder minder in der Macht der Tethysfluten geblieben waren, denen man
wohl zutrauen möchte, daß sie sich bei der unheimlichen Beschränkung,
die sie auf der westatlantischen Seite erfahren mußten, wenigstens
hier durch breiten Übergriff etwas schadlos gehalten hatten. Indem
aber das, was von Europa da war (immerhin in Gestalt besonders von
Skandinavien-Rußland doch der Hauptblock), ohne jeden Zwischenspalt
sogleich mit der Atlantis zusammenschmolz, machte sich für diese
bedeutsamste Ecke der Erdkarte eine neue Sachlage entscheidend geltend.
Was im Silur sich zuerst angebahnt, vollzog sich endgültig: Europa,
westlich mit der Atlantis vermählt, riß östlich vollkommen von Asien ab!
Im Silur hatte die Ablenkung des gelegentlich schon teilweise
verstopften skandinavischen Nordkanals über Rußland zur Tethys diese
Trennung zunächst eingeleitet. Jetzt war Rußland wieder frei, also
hätte eigentlich gerade jetzt Asien doch wieder anschließen müssen.
Hier aber mischte sich eine neue nordwärts schneidende Kanalspaltung
ein. Sie brach _hinter_ Rußland auf der ganzen Länge Asiens von der
Tethys bis zum arktischen Meer durch, _Europa_ in einem radikalen
Schnitt vom Kaspischen Meer bis etwa nach Nowaja Semlja _von Asien
absägend_. Ich habe früher schon darauf hingewiesen, daß noch heute bei
Betrachtung unserer Karte sich die Möglichkeit gerade einer solchen
Spalte auffallend deutlich in der Gegend des heutigen Laufes des Ob
östlich vom Ural andeutet. Eine verhältnismäßig geringe Senkung des
Landes würde hier jetzt noch einen trennenden Meeresarm schaffen
können, der auch unser heutiges Europa annähernd zur Insel machte.
Damals mußte die radikale Möglichkeit des Absägens in dieser Linie
aber noch viel größer sein. Das Uralgebirge selber stand noch nicht,
und, vom Gebiet des Kaspischen Meeres kommend, ostwärts quer durch das
ganze mittlere Asien flutete in voller Breite die Tethys, mit der sich
der »_obische Kanal_« oder das obische Meer, wie man auch zeitweise
gut sagen konnte, nur zu verbinden brauchte, um einen vollständigen
Wasserhalbring zwischen Europa und Asien zu legen. Auch dieser neue und
entscheidendste Nordspalt im Schicksal Europas hat in den folgenden
Erdperioden mancherlei engere Schwankungen durchgemacht, er ist
gelegentlich auch wieder etwas verschoben, zeitweise verstopft, bald
mehr nach Rußland hinüber, bald wieder mehr nach Sibirien hinein
gedrängt worden, er hat sich schon früh geneigt gezeigt, zu einem
wahren sibirischen Meer auseinanderzugehen: immer geblieben oder
irgendwie wiedergekehrt aber ist er noch bis in die ältere Tertiärzeit
hinein. Daß er seither fehlt, hat für unsere Kulturgeschichte
schwerwiegende Folgen gehabt. Wenn er fortbestand, wären uns die
Einbrüche der Mongolen in Europa erspart geblieben und schwerlich
hätte Rußland in der Weise wie jetzt seine politische Macht über ganz
Sibirien ausdehnen können.
Es macht den Beschluß in der richtigen Landentfaltung von damals, daß
trotz des Umstandes, daß dieses westsibirische Kanalmeer für sein
Teil doch ein altes Stück aus Zentralasien wieder herausschnitt,
auch die asiatische Landmasse damals eine ganz beträchtliche blieb.
Der Stille Ozean hatte allmählich ganz Ostsibirien und den größten
Teil von China freigeben müssen; die Tethys scheint zeitweise in
dieser Devon-Periode sogar bloß in einem schmalen Ausgang, etwa im
Amurgebiet, durchgebrochen zu sein. Einzig in der ganzen Nordseite
des Festlandgebietes damals der Atlantis nicht angegliedert, bildete
dieser asiatische Block eine Insel für sich, etwa so groß oder größer
als das heutige Südamerika. Fremdartig genug kam das im Kartenbilde:
Nordamerika und Europa Halbinseln der Atlantis, Asien dagegen eine
einsam fern gelagerte Insel am Stillen Ozean!
Das allgemeine Naturbild aller dieser ausgedehnten Devonländer muß
dabei immer noch ein recht gespenstisches gewesen sein. Schon im Silur
hatten besonders im Gebiet des Atlantis lebhafte Gebirgsfaltungen
begonnen. Deren Verwitterungsschutt häuften dann große abwärts
rinnende Ströme inmitten der unendlichen Verlandung vielfach in
weiten abflußlosen Landsenken und vergänglichen Riesenseen an. Die
unermeßlichen Lasten durch Eisenoxyd rötlich gefärbten Quarzsandes
dieser Binnenwüsten erscheinen uns noch in dem kennzeichnenden
rötlichen Sandstein (sog. »~old red~«) vieler dieser devonischen
Landgebiete. In der Gegend solcher versickernden Flußnetze und
verdampfenden Seen machen sich uns aber doch jetzt die ersten Spuren
merkbar, daß auch das Land in dieser Zeit vom Leben erobert wurde.
Groteske skorpionähnliche Riesenkrebse behaupteten sich in den
trocknenden Sümpfen, echte Skorpione hatten sich schon als erste
ganz aufs Land gewagt, im zeitweisen Wassermangel wurde der Fisch zum
luftatmenden Molchfisch, und erste farnähnliche Pflanzen bildeten
hier und da schmale grüne Säume um die Flußadern als Pioniere in der
Wüste. Immerhin blieb auch das alles zunächst noch vereinzelt und
ohne größern Aufschwung. Zu einer wirklich imposanten Entfaltung des
Landpflanzenwuchses auf Erden scheint es erst gekommen zu sein durch
einen allgemeinen klimatischen Wechsel, der in der Folge eintrat.
Nachdem nämlich offenbar längere Zeit ein allgemeines Erdklima
geherrscht hatte, das ziemlich trocken war und auf den Festländern
auch rein mineralisch die Wüstenbildungen begünstigt hatte, stellte
sich eine Epoche umgekehrt wesentlich feuchteren Klimas ein. Bloß
aus dem Wechsel der geographischen Verhältnisse selbst wird dieses
klimatische Schwanken sich schwerlich ableiten lassen, es müssen da
wohl noch besondere Umstände unseres Planeten mitgewirkt haben, die
nicht unmittelbar an Wasser und Land hingen. Der Höhepunkt dieser Dinge
führt uns aber bereits in die nächstfolgende Erdperiode hinüber, in das
sogenannte _Karbon_.
Der Name geht auf ~carbo~, die Steinkohle; Steinkohlen sind aber
versteinte Pflanzenreste, und so ist es eben das Ereignis jenes durch
die Luftfeuchte begünstigten großen Pflanzenaufschwungs selber, das
dieser ganzen Epoche bei uns den Namen gegeben hat. Während ihrer
langen Dauer unterlag aber natürlich auch die Karte wieder für sich
Wandlungen. Die geschilderte extreme Verlandung des Devon hatte
sich in dieser Weise schon im Verlauf dieser Epoche nicht dauernd
halten lassen. Noch im Devon selbst eroberte der Stille Ozean große
Teile von Nordamerika zurück und griff jener »obische Kanal«, sich
machtvoll verbreiternd, nach Rußland wie nach Ostsibirien hinein,
zwischen Europa und die asiatische Insel zeitweise einen Meeresarm
setzend, der ungefähr so breit wie der heutige Atlantische Ozean
zwischen Amerika und Europa war. Ein Kolumbus hätte damals über einen
Monat lang ostwärts fahren müssen, um von Europa aus endlich Asien zu
entdecken. Mit Eintritt des Karbon (immer wieder prompt auf der Wende
zu einer neuen Periode) trat aber dann erneut stärkere Verlandung
ein, die sowohl in großen Teilen von Nordamerika wie in ganz Asien
nicht nur den Verlust deckte, sondern die Festlandumrisse des älteren
Devon sogar hier und da noch verstärkt wieder herausbrachte. Nur die
auch inzwischen überschwemmte Panamabrücke von der Atlantis nach
Brasilien stellte sich nicht wieder her, die Tethys strömte wieder
frei vom und zum Stillen Ozean durch. Dieses Auf und Ab hat zunächst
nicht viel Interessantes. Man erhält den Eindruck, daß in dieser Gegend
der Erdgeschichte das Kartenbild sich im großen und ganzen eine lange
Zeit hindurch gleichsam sehr zäh immer wieder verteidigte. Wenn man
nur die Hauptlinien verfolgen will, kann man einzelne Blätter ganz
überschlagen. Immerhin bieten sich wenigstens in der zweiten Hälfte der
Steinkohlenperiode ein paar lehrreiche Einzelheiten dar.
[Illustration: Abb. 11. Festländer und Meere in der oberen
Steinkohlenperiode (nach Frech und Arldt).]
Nach den früheren Erfahrungen sollte man für diese Zeit abermals
eine »Transgression«, also ein mehr oder minder starkes Vorrücken
des Meeres, erwarten, und bis zu gewissem Grade erfolgte das auch
wirklich. So spaltete sich gelegentlich damals ein ganz riesiger Kanal
fast genau auf der Grenze ein, wo Nordamerika seit dem Kambrium an
der Atlantis hing. Zweifellos handelte es sich wieder einmal um eine
der mehrbesagten nördlichen Spalten senkrecht zur Tethys, die aber
unmittelbar diesmal nichts mit dem europäisch-asiatischen Rißsystem
zu tun hatte. Das Merkwürdige an ihr ist nur, daß sie auch schon
genau in der Linie eines heute am gleichen Fleck noch vorhandenen
Kanaleinschnitts lag: als karbonisches »Davis-Becken« bezeichnet,
zog sie sich nämlich nahezu grenzgetreu auf der heutigen Davisstraße
und Baffinsbai dahin, die jetzt Nordamerika von Grönland scheiden.
Das Gebilde war zunächst nicht dauerhaft, in den nächstfolgenden
Erdperioden schlossen sich allmählich Nordamerika und die Atlantis doch
wieder ebenso glatt aneinander wie früher. Aber spät in der Tertiärzeit
ist es wiedergekommen und bis heute geblieben. Schwer verschließt man
sich vor solcher Wiederholung der Meinung, es müsse auch in diesen
Längsspalten doch irgendeine geheime Gesetzmäßigkeit der Erdbildung
gesteckt haben, die gleiche Plätze bevorzugte, also nicht bloß auf der
Willkür regellos zufälligen Sinkens oder Steigens der Feste oder der
Wasser an beliebigen Schaukelstellen beruhen konnte.
Im übrigen aber erwies sich die Überflutung in diesem oberen Karbon
ersichtlich beeinflußt und teilweise gehemmt durch eine Erscheinung,
die, stets in allen Epochen bisher schon vorhanden, doch hier ebenso
überwältigend großartig sich aufdrängt wie jenes von dem feuchten
Klima begünstigte neue Pflanzenleben, das der Epoche ihren Namen
verschafft hat. Nämlich einer ganz besonders stark eingreifenden
_Gebirgsbildung_. Sie steigerte sich um die Mitte des Karbon und
reichte zum Teil noch fort bis in die nächstfolgende Periode. An
den verschiedensten Stellen der Erde stauten sich ungeheure Falten
empor. Die berühmteste lag bei uns in Europa. Es gab damals noch keine
Schweizer Alpen, keine italienischen Apenninen, keine spanischen
Pyrenäen und sollte sie noch lange nicht geben. Dafür wuchs jetzt eine
ungeheure alpenhafte Kette quer über dem Fleck des heutigen Deutschland
empor, in der Linie und den Seitenlinien, wo gegenwärtig die Sudeten,
das Erzgebirge, das Fichtelgebirge, der Thüringer Wald, der Harz, der
Spessart, Taunus, Odenwald, das rheinische Schiefergebirge und der
Schwarzwald liegen und in ihren Kernmassen noch seine Ruinen enthalten.
Man hat diese »karbonischen Alpen«, die sich in dieser Folge im
größten Bogen etwa von Wien bis nach Mittelfrankreich zogen, als das
»_variskische Gebirge_« (nach dem altgermanischen Stamm der Varisker
im Fichtelgebirge) bezeichnet. Ein anschließender, wahrscheinlich
noch viel riesigerer Faltenzug ging dann von dieser französischen
Ecke über das nordwestliche und mittlere Frankreich nach England und
Irland. Man hat ihn (nach einem alten Keltenstamm in der Bretagne)
das »_armorikanische Gebirge_« genannt. Seine Falten zogen sich
damals aber anscheinend noch unendlich viel weiter in den heutigen
Atlantischen Ozean hinaus und liefen dort wohl über die ganze Atlantis
bis nach Nordamerika durch, wo sie das schon früher angelegte Gebirge
der Alleghanys vollendeten. Noch andere Falten stauten sich im Gebiet
der karnischen Alpen; an der russisch-asiatischen Scheide, mitten im
Gebiet der trennenden obischen Kanalspalte türmte sich allmählich
der Ural empor, und so weiter regte und beugte sich die Erdrinde
fernerhin noch an den verschiedensten Stellen. In den Zwischenmulden,
an den flachen Hängen und neu entstandenen Randufern dieser teils
werdenden, teils schon in der Zeit selbst wieder rasch verwitternden
Gebirge war überall in Europa wie in Amerika und China die Hauptstätte
grade der Steinkohlenwälder, zu deren Gedeihen neben der großen
Feuchte des Klimas auch der Nährgehalt des frisch erschlossenen
Bodens beigetragen haben mag. Schon das Vorhandensein dieser grünen
Waldkränze am Sockel der jungen Gebirge deutet aber zugleich darauf
hin, daß mit diesem Faltentreiben durchweg auch neue Ufer und neue
Verlandungen sich bilden mußten. Und so taucht im oberen Karbon auch
unser Mitteleuropa zum erstenmal recht ansehnlich aus den Wassern,
während die mittelmeerische Tethys, von hier abgelenkt, sich wieder
desto breiter über den Nordrand von Afrika schlägt. Je mehr aber dieses
Europa damals abtrocknend sich gleichsam schon in seinen heutigen
Umriß hineinzustrecken suchte, desto greller mußte auf der Karte dabei
seine genau umgekehrte Orientierung gegen heute hervortreten -- als
vorspringende Halbinsel an der Atlantis mit fester Rückendeckung auf
der Seite, wo heute der Atlantische Ozean liegt -- mit der offenen
Front dagegen nach Südosten in die Tethys und das von Asien trennende
Meer hinaus. Zeitweise scheint diese Front genau östlich in eine lange
Landspitze ausgelaufen zu sein, deren letztes Kap ungefähr in der
Gegend des heutigen Kaspischen Meers gegen den weiten blauen Spiegel
des asiatischen Ozeans geschaut haben mag, wie heute die letzten
Klippen Irlands oder Schottlands westlich gegen die unabsehbaren Wasser
des atlantischen.
[Illustration: Abb. 12. Durchschnitt durch die Faltungen der Schichten
im Steinkohlengebiet bei Aachen. ~cv~, ~cs~ Schichten des Kambrium
~du~, ~dk~, ~do~ Devon ~k~, ~c~ 1-5 Karbon (Steinkohlenperiode) ~t~
Tertiär. (Nach Holzapfel.)]
Auf die Steinkohlenzeit folgte die sogenannte _Perm-Periode_. Den Namen
hat sie nach starken Hinterlassenschaften in der russischen Provinz
Perm am Ural. So deutete er gleich selber diesmal in die Gegend des
trennenden Meeres zwischen Europa und Asien. In Wahrheit ist aber
gerade bezeichnend, daß in ihrem Verlauf dieses Meer zunächst einmal
wieder sich zu verstopfen begann. Im zweiten Teil der Steinkohlenzeit
hatte die Gebirgsbildung der Wasserbedeckung entgegengearbeitet. Jetzt
trat mit der neuen Periode wieder ein Zustand überhaupt wachsender
Verlandung ein, während die Gebirgsbildung für ihr Teil anfangs auch
noch weiterwirkte. Selbst diese Doppelwirkung erklärt aber noch nicht
ganz die Sachlage, wie sie diesmal sich anbahnte. Um diese Zeit muß
eine _dauernde_ Tendenz zur Verlandung eingetreten sein, die jetzt
über _zwei_ ganze Erdperioden (die Permperiode und die folgende
Triasperiode) fort, also jedenfalls mehrere Millionen von Jahren
lang, ersichtlich anhielt. In der Folge gab es dann abermals zwei
große Perioden, in denen ebenso deutlich eine im ganzen überwiegende
Neigung zu weitgehender Überflutung der Länder, also mehr obsiegende
Wasserherrschaft hervortritt: Jura und Kreide. Was wir bisher innerhalb
jeder Periode je einmal abwechseln sahen, verteilt sich also jetzt
als riesiger Zyklus über vier ganze Perioden: die zwei ersten mehr
mit Land, die beiden zweiten mehr mit Wasser. Das alles natürlich
auch so nur innerhalb der Landseite der Erde; die Wasserseite des
Stillen Ozeans liegt nach wie vor für unsere Kenntnis so gut wie
unberührt. Gewisse Schwankungen schließt auch die allgemeine Tendenz
nicht aus: in den beiden Landepochen steigt hier und da einmal lokal
das Wasser, und die beiden Wasserepochen haben starke Maxima und
Minima. Aber darüber fort bleibt stets der allgemeine Charakter
ersichtlich: hie Land, hie Wasser dauernd bevorzugt. Dabei hat im
ganzen die große Land-Doppelperiode noch einen konservativen Zug. Sie
baut gleichsam noch einmal im ganz Großen nur das aus, was jedes der
früheren Land-Zwischenspiele mehr oder minder glücklich erreichte. Die
Wasser-Doppelperiode dagegen wird diesmal wirklich revolutionär: aus
ihr geht, auch als ihre Wasser wieder abfließen, eine entscheidend
_andersartige_ Karte hervor. Dies spricht dafür, daß es sich bei dem
großen Vierer-Zyklus nicht bloß um eine Täuschung in der Art handelt,
daß etwa jede der alten Einzelperioden wie das Silur oder das Devon
einzeln so lang gewesen wäre, wie jetzt vier ganze Epochen, uns aber
aus Gründen vielleicht stärkerer Verschwommenheit nicht als vier
Sonderepochen erschiene. Es scheint vielmehr, daß sich hier wirklich
Ereignisse spiegeln.
Man hat daran gedacht, daß die gewiß riesenhaften Gebirgsbildungen der
Steinkohlenzeit eine besondere Ursache für so lange Verlandungsdauer
abgegeben hätten, indem sich im Verhältnis zur Gebirgsauffaltung
anderswo der Meeresgrund vertieft hätte, so daß die Wasser sich
in diesen großen Tiefen mehr ansammeln und das Land überall stark
freigeben mußten. Die spätere lange Wasserperiode im Jura und
Kreide forderte dann umgekehrt eine zeitweise Wiederaufwölbung der
Ozeanböden, bei der die inzwischen durch Mangel an Gebirgsbildung und
Verwitterung flacher gemachten Erdteile neuerlich stark überströmt
wurden. Und es würde dazu stimmen, daß auch im weiteren Verlauf der
Dinge, in der auf die große Wasserzeit folgenden Tertiärperiode, wieder
Gebirgsfaltungen in größter Pracht auftraten, während zugleich sich
abermals Verlandung einleitete: da wäre dann abermals Tiefsee als
Gegenspiel entstanden, wie wir sie ja heute noch reichlich besitzen.
Die Theorie hat gewiß etwas Sinnreiches, nur erklärt sie nicht, warum
sich außer diesem Land- und Wasserwechsel noch in den jetzt folgenden
vier Epochen das Kartenbild so entscheidend geändert hat, und warum
gewaltige alte Festländer in der Atlantis und in Gondwanaland nach
Abfließen der Jura- und Kreidewasser überhaupt nicht mehr da waren
und niemals wiederkehrten, auch bei neuer Verlandung nicht. Und
so bleibt auch in ihr einstweilen das Unzulängliche aller noch so
geistvollen anderen »Erklärungen« für die Leitzüge der Geographie
der Urwelt. Aber _daß_ periodische, zyklische Bewegungen der Dinge
auch in dieser urweltlichen Land- und Wasserverteilung immer wieder
irgendwie hervortreten, einerlei was diesen »Rhythmus« nun bestimme:
darüber kann rein tatsächlich wohl kein Zweifel sein. Jede Erklärung
wird ihn berücksichtigen müssen. Die Urgeographie lief weder einseitig
vom Land zur Sintflut, noch von einer Ursintflut zu unhemmbarer
Vertrocknung; sondern sie ging durch beständige Abwechslungsperioden.
Und es ist ja dieses Periodische, das auch sonst immer so deutlich die
Urweltsdinge beherrscht. So wenig wir beispielsweise vom Zusammenhang
des urweltlichen Klimas unmittelbar mit diesem Kartenwechsel wissen:
Periodizität zeigt sich in ihrer Weise genau so auch bei diesem Klima.
Die Urwelt geht nicht von Urhitze sich mäßigend zur Eiszeit; sondern
sie zeigt lange Zeiträume großer Wärme mit Trockenheit, die Wüsten
begünstigt; dann wieder gerade umgekehrt feuchtes Klima; feuchtwarmes,
aber auch feuchtkühles, das sich wiederholt zu Eiszeiten steigern kann;
auch das aber wieder endend, sich erwärmend, trocknend, -- in einem
Auf und Ab, das wie geschaffen scheint, alle hübsch geradeaus gebauten
Theorien zu ärgern. Schließlich ist dieser Reichtum aber doch noch
willkommener, als alle graue Theorie. Unser Planet ist geschichtlich
und aller Wahrscheinlichkeit auch noch zukünftig eben ganz anders
beweglich, als wir je geahnt hatten, ganz anders stets weiter arbeitend
und jung auch inmitten seines Jahrmillionenalters. Nichts verrät, daß
wir heute oder absehbar am Ende jener Periodizitäten angelangt wären.
Was wir von der Permkarte der Nordfestländer wissen, sind fast durchweg
Verlandungstatsachen. Wo das obere Karbon bloß Inseln und Halbinseln
geschaffen und in seinen Mulden mit den üppigen Steinkohlenwäldern
doch gelegentlich immer noch kleine Einbrüche des Meeres gehabt
hatte, schloß sich überall jetzt die Feste im großen aneinander. Die
Nordfestländer im ganzen arbeiteten auf eine ersichtliche Vereinigung
los. Mehrfach scheint die Tethys durch Brücken bedroht gewesen zu sein,
die sie allerdings immer noch wieder nach einer Weile zerbrach. Das
merkwürdige Davismeer bestand zwar einstweilen noch fort, hat sogar
möglicherweise vorübergehend Anschluß bis zur Tethys gehabt. Dafür
schlossen sich aber andere Risse auf lange jetzt. Seit alters war ein
offener Wasserweg stets zwischen Nordamerika und Asien in der Richtung
der heutigen Beringstraße gewesen. Es lag hier nicht eigentlich ein
Spaltendurchbruch, sondern von Anfang an war über den Fleck weg freies
Gebiet noch des ungeheuren urgegebenen Stillen Ozeans gewesen. Jede
größere Verlandung in Ostsibirien und der Alaskaecke Nordamerikas mußte
aber die Norderdteile auch hier einander annähern. Und so bahnt sich
schon im oberen Karbon ein Verschluß an, der jetzt nach den letzten
Schwankungen des Perm auf lange zum Dauerzustand wird: man kann trocken
von Nordamerika nach Asien gehen. Die wichtigste Sache aber betrifft
wieder das uralisch-russische Meer zwischen Europa und Asien. Wie schon
gesagt: es schickt sich ebenfalls an, vorerst wieder zu verlanden.
Zunächst trocknet es im Süden gänzlich aus, da, wo es vorher um das
letzte Kap Europas mit der Tethys zusammengeflossen war. Wohl möglich,
daß gerade mit dieser zunehmenden Austrocknung durch Bodenhebung,
die vielleicht ähnlich auch von Norden allmählich vorrückte und die
Mitte des Spaltenmeeres einengte, ein kleines geologisches Ereignis
zusammengehangen hat, das für die zweite Hälfte des Perm bei uns in
Deutschland, wenn man auf seine Ablagerungen stieß, stets den Eindruck
einer gewissen doch wieder sich durchsetzenden Meeres-Transgression
gemacht hat. Irgendwie brach nämlich von dem beengten russischen Meer
eine Art Flutwelle seitlich aus, die bis nach Europa vordrang und eine
Weile zwischen Skandinavien und den großen südlichen Gebirgszügen
große Teile von Deutschland und England noch einmal seicht unter
Wasser setzte. Deutlich kann man am heute noch erhaltenen Gestein
erkennen, wie es seit dem Karbon auch diesen Gegenden gleich dem
ganzen Nordgebiet der Landseite der Erde überhaupt ergangen war. Das
feuchte Klima der Karbonzeit hatte mit Heraufgang des Perm abermals
trockenem Wüstenklima Platz gemacht. Wieder bildeten sich ungeheure
Schuttstätten, die uns heute noch in roten Sandsteinen deutlich werden;
es sind die jedem Bergmann so vertrauten Schichten des sogenannten
»Rotliegenden«. In diesen neuen nordischen Weltwüsten gingen die
schönen Steinkohlenwälder ein. Wo noch Pflanzenwuchs möglich war,
siedelten sich dafür mehr hitzeharte Nadelhölzer an. Über diese Stätte
schwemmte nun bei uns eine Weile Meer. Das _Zechstein-Meer_, wie man es
nach seiner bezeichnenden Schlammablagerung, dem heutigen Zechstein,
nennt. Langen Bestand hatte es aber nicht. Zur Mittelmeer-Tethys konnte
es nicht durchbrechen wegen der mitteleuropäischen Gebirge. Von Rußland
ohne Nachschub gelassen, verdampfte es allmählich zu Salzpfannen und
verschwand endlich spurlos wieder, die rote Wüste kam auch zu uns
zurück. Im ganzen offensichtlich doch nur ein rein örtliches Ereignis.
[Illustration: Abb. 13. Blatt einer Pflanze aus Gondwanaland, des
Farnkrauts ~Glossopteris indica~.]