das Stück Verbindungsland im heutigen Indischen Ozean, war es, das
den Anfang machen sollte. Schon zu Beginn des Jura muß es begonnen
haben, gleichsam zweiseitig zugleich, auf den beiden Eckflügeln, zu
versinken, während das Mittelstück zunächst noch als lange schiefe
Landzunge stehen blieb. Diese Landzunge wurzelte vermutlich auch jetzt
noch am Kap der guten Hoffnung in Afrika und reichte über Madagaskar
bis Ceylon und Vorderindien. Rechts und links von ihr aber hatte der
Ozean das übrige Zwischengebiet endgültig verschlungen. Rechts trennte
er als breite blaue Fläche von Australien, links von der Ostküste
Afrikas, bei der auch das nicht mit versunkene Arabien einstweilen
verblieben war. Eigentlich waren die beiden neuen Meeresstücke im
heutigen Sinne schon _werdender Indischer Ozean_; immerhin hat man
das afrikanische für diese und die nächste Erdperiode einstweilen
noch mit dem besonderen Namen als »_Äthiopisches Meer_« auf die Karte
gesetzt. Das Reststück des alten Landes selbst, die lange Landbrücke,
die beide Wasser noch trennte, hat man dagegen, so lange sie sich
noch hielt, als »_Indomadagassische Halbinsel_« bezeichnet. Gestanden
hat sie tatsächlich noch in der ganzen nächstfolgenden Kreidezeit,
und, wenn man will, kann man ihre letzten Spuren heute noch in den
kleinen Inselschwärmen zwischen Madagaskar und Indien verfolgen. Aus
historischer Pietät könnte man aber fast versucht sein, ihr in den
spätesten Tagen, wo sie noch tragfähig war, auch noch einen andern
Namen zu geben, den die meisten wohl gelegentlich einmal gehört
haben werden, -- nämlich _Lemurien_. Lemuren sind zoologisch die
Halbaffen. Diese interessanten Tiere, von denen eine lebende Form,
der sogenannte Koboldmaki, auch dem Stammbaum des Menschen zweifellos
nahesteht (neuerlich hat man in Ägypten sogar einen alttertiären Kiefer
entdeckt, der unmittelbar Koboldmaki und Menschenaffe zu verknüpfen
scheint), finden sich heute besonders zahlreich auf Madagaskar und dann
wieder im südindischen Gebiet. So meinten die ausgezeichneten Kenner
Sclater und Haeckel vor Jahren, in der Tertiärzeit müsse einmal eine
Landverbindung quer über den Indischen Ozean gegangen sein, die gerade
diese Verbreitung erklärte. Sie bezeichneten sie als Lemurien, und
lange ist viel davon die Rede gewesen; die Urheimat des Menschen selbst
ist gelegentlich gern nach Lemurien verlegt worden. Inzwischen ist aber
durch Versteinerungen unzweifelhaft geworden, daß eben solche Halbaffen
damals auch in Europa, ja in Nordamerika gelebt haben. Da wäre also
jene Brücke nicht nötig, die Halbaffen Madagaskars können zu ihrer
Zeit von Afrika und die indischen unabhängig von Asien eingewandert
sein. Es ist aber wieder amüsant, wie auch hier etwas, was zuerst als
Phantasiegebilde und sozusagen falsch eingestellt auftauchte, sich
nachher in etwas veränderter Form doch wahr gemacht hat. In der Jura-
und Kreideperiode bestand wirklich diese lemurische Brücke, bloß daß
sie damals nichts mit den Lemuren zu tun hatte. Wir wollen aber den
jetzt irreführenden Namen lieber nicht bei ihr verewigen.
Die Zerstörung des indisch-afrikanisch-australischen Kontinentstücks
bis auf diese Brückenruine mußte aber früher oder später weitere Folgen
haben. Die Tethys konnte um die indische Spitze der indomadagassischen
Halbinsel herum _einen Ausfluß zu dem neuen Indischen Ozean_, der
diese Halbinsel fortan von den Sundainseln und Australien trennte,
gewinnen. Wahrscheinlich ist auch das im Jura selbst schon erfolgt.
Dann aber entstand die neue Möglichkeit, daß sie _ganz_ hierherüber
abströmte. Ihr letztes asiatisches Stück, das bisher über Hinterindien
oder Südchina zum Pazifik ging, konnte austrocknen. Und es ist möglich,
daß auch das schon im Jura geschah. Nach Neumayrs Karte hätte sich
damals schon einmal ganz Hinterindien lückenlos mit dem asiatischen
Kontinent vereint, wobei dieser neue Landriegel sich südlich zeitweise
sogar noch über die Sundainseln bis Australien fortgesetzt haben soll.
Wieder ein grober Riß im alten Bilde: die Tethys nicht mehr ihre Bahn
vom Stillen Ozean zum Stillen Ozean vollendend, sondern ins Herz von
Asien bloß noch bis über den Himalaja eindringend, dann aber südwärts
abbiegend in den Indischen Ozean. Dauerhaft blieb einstweilen nur die
Landverbindung noch zwischen Afrika und Südamerika, ein letztes Stück
alter Südkarte rettend. Aber auch ihre Tage waren gezählt. Gondwanaland
und mit ihm die alte Karte waren nicht mehr zu retten, -- das zeigt die
nächstfolgende Erdperiode.
An die Periode des Jura schließt sich zeitlich die der _Kreide_;
benannt nach der in ihr gebildeten weißen Schreibkreide. Wie die
Jurazeit aber nicht bloß Schichten gerade im Juragebirge hinterlassen
hat, so hat auch sie keineswegs bloß Kreide hervorgebracht, sondern
auch vielerlei anderes Gestein. Überaus wechselreich ist gerade ihr
geologische Bild, bis zum Fratzenhaften gestaltenreich das Bild des
Lebens in ihr. In eine ganze Reihe Einzelabteilungen hat der Geolog
sie für sich auflösen müssen, um ihrer langen, vielfach verwickelten
Bahn einigermaßen Herr zu werden. Und für alle diese Einzelkapitel
lassen sich nach den reichen Hinterlassenschaften auch wieder Erdkarten
entwerfen, auf denen, wenn man sie zuerst mustert, alles noch mehrfach
wieder drunter und drüber zu gehen scheint. Genaue Betrachtung zeigt
aber sofort, daß für die Hauptlinie des Kartenbildes, wie wir sie
verfolgen, in Wahrheit nur wieder einige wenige Punkte dabei von
wesentlicher Bedeutung waren.
Die Kreideperiode gehört eng zum Jura. Sie enthält den zweiten
Höhepunkt jener großen doppelperiodischen Meerestransgression, von
der wir gesprochen haben. Er ist als solcher noch ausschweifender
als der erste im Jura. Wenn irgendwo das Sintflutbild noch einmal im
großen angewendet werden soll, so wäre es hier am Platze, obwohl von
einer wirklichen Überflutung aller Länder natürlich auch jetzt keine
Rede sein konnte. Die äußerste Kurve liegt ungefähr im Beginn der
zweiten Hälfte der Periode, da, wo der spezialisierende Geolog die
Unterabteilung des sogenannten _Cenoman_ (nach dem lateinischen Namen
Cenomanum für die heutige Stadt Le Mans in Frankreich) ansetzt. Auf
dem Kartenbilde erfolgt in dieser Gegend in der Tat ein so erdenweites
Untertauchen an allen Ecken und Enden, daß man meinen könnte, die
am weitesten von heute abweichende Karte zu sehen, die es je in der
Urwelt gegeben hat. Inzwischen darf man aber nicht vergessen, daß
es sich dabei doch zunächst nur wieder um eine jener periodischen
Transgressionen handelt, bei denen das Meer überhaupt aus irgendeinem
Grunde wie außer Rand und Band scheint, die riesigste von allen,
aber doch auch eine, die nach einer Weile vorübergeht. Auch aus der
_cenomanischen Sintflut_ heben sich zuletzt, im Auslauf der Kreide,
wieder einigermaßen verständliche, aus dem Früheren begreifliche
Erdteile heraus. Und nur was auch jetzt daran sich dauernd verändert
erweist, was auch jetzt _nicht wiederkommt_ im einzelnen an ihnen, --
das ist für die Hauptlinie das Entscheidende, das wirklich auch unter
all dem Trubel der Periode geographisch von ihr Geleistete. Das aber
läßt sich diesmal wirklich ziemlich kurz zusammenfassen, denn auch
hier ist die Kreide nur eine Art vertiefenden zweiten Abschnitts der
Juraarbeit gewesen.
Zwischen Jura und Kreide liegt zunächst eine kleine Pause im
großen Wassertriumph. In Deutschland, Belgien, England werden die
Tethysableger des Jura aus Meer zu Waldsümpfen, in denen sich damals
die bekannten känguruhhaft auf den Hinterbeinen hüpfenden großen
Iguanodon-Saurier herumgetrieben haben. Die Shetlandstraße schließt
sich nochmals, Europa hängt sich vorübergehend noch einmal westlich
ganz an die Atlantis. Sonst bleibt aber alles wesentlich wie im
Jura. Dann aber, unter der allmählich heranrauschenden Riesenflut,
geht das tollste Spiel los. Die Tethys wahrt nicht nur fast alle
Errungenschaften, die sie im Jura erlangt hatte, sondern sie greift
neuerdings an urältesten Landbesitz. Sie stellt nicht nur die
Shetlandstraße neu her, sondern überschwemmt in ihrer Gegend westlich
die ganze Atlantis bis auf den Umriß von Grönland und sogar noch ein
Stück in die Davisstraße hinein; der ganze nördliche Atlantische
Ozean von heute wogt also schon bedeutsam eine Weile frei herüber
und hinüber. Ebenso bedeckt sie südlich jetzt auch das gondwanische
Zwischenland von Afrika und Südamerika ganz oder doch fast ganz.
Mehr aber noch: sie zerschneidet in der Gegend des Amazonenstroms
Südamerika selbst und dringt mit einer ähnlichen Schnittspalte von
Süd zu Nord durch den ganzen Westen von Nordamerika. Und während sie
über Europa abermals in voller Pracht fortrauschend erst wieder an den
Felsufern Skandinaviens brandet, schneidet sie zugleich große Teile
von Nordafrika und Arabien ab. Wenn sie auch jetzt in ihrem äußersten
Ostkurs zum Indischen Ozean abbiegt, so ist sie doch sicher auch dort
über viel mehr Land weggegangen, über Teile von Hinterindien und den
Sundainseln. Australien wurde damals auch von Asien wohl endgültig
getrennt, nachdem es im Jura von Afrika losgekommen war. Als einsamer
Gondwanarest sollte es fortan im Meer ragen, seltsame Tiere der
älteren Urwelt wie in einem unnahbaren Zauberpark bis auf unsere Tage
durchrettend. Manche Forscher glauben freilich, daß Australien gerade
damals noch Sonderschicksale von geheimnisvoller Art durchgemacht habe.
Die Kreideüberflutung soll eine Art Gegenangriff durch geheimnisvolle
Landbildungen im Südseegebiet erfahren haben, also doch einmal in dem
uralt treuen Reinwassergebiet der Erde. Wohl gar wäre ein Landstreifen
zeitweise von Australien bis zu einem dunkeln, schon im Jura vermuteten
sehr vulkanischen Lande jenseits der pazifischen Küste von Südamerika
gegangen. Doch ist das alles noch sehr, sehr unklar und vielleicht nur
ein Traum.
Für einen kühnen Seefahrer hätte es in diesen cenomanischen
Wasserwüsten jedenfalls nicht an unheimlichen Abenteuern gefehlt. Die
Begegnung mit der »großen Seeschlange« wäre in gewissen Meeresgebieten
ein alltägliches Ereignis gewesen, denn es wimmelte von schlangenhaft
langgestreckten Riesenreptilien (Mosasauriern), die allen verwegensten
Phantasieanforderungen an dieses heutige ozeanische Fabeltier Genüge
taten. Von oben aber schatteten über die unabsehbaren Wasserflächen
ungeheuerliche »Flugmaschinen«, in denen ebenfalls drachenhafte Reptile
(Pteranodon) mit einer Klafterweite bis zu sechs Meter den nicht
endenden Ozean frei übersegelten.
[Illustration: Abb. 18. Festländer und Meere in der älteren
Tertiärperiode (nach Koken und Arldt).]
Doch die Kreide neigt sich zu Ende, und die Hochflut ebbt. Jetzt
nicht bloß zu einer kurzen Pause des Kräftesammelns wie zwischen Jura
und Kreide, sondern als Beginn eines wirklichen neuen Zeitalters
offensichtlich wieder größerer Verlandung, als das sich die ganze
Restzeit zwischen Schluß der Kreide und heute fortan vor Augen stellen
soll. Gerade jetzt aber wird entscheidend, was denn nun _wirklich_
inmitten der riesigen zweiten Sintflut an Festland im dauernden
Kartensinne _erlegen_ war. Eine ganze Masse Wassereroberung, so
sieht man sofort, wird sich wieder einmal nicht halten lassen. So
der Quereinbruch durch ganz Südamerika, der Längseinbruch durch
das westliche Nordamerika, das Untertauchen Hinterindiens und der
Sundainseln. Diese Stellen sind, damals zunächst versumpfend, bis heute
in aller Folge doch wieder Land geblieben. Wirklich zerstört aber
erweist sich nach Ablauf der cenomanischen Sintflutwasser jetzt das
_südatlantische Stück von Gondwanaland_, also die frühere Landfeste
zwischen Afrika und Amerika. Und aufs äußerste _angegriffen_ erscheint
ebenso die _Atlantis_ zwischen Grönland und Europa. Auch hier ist wohl
nurmehr eine Brücke aus den Fluten wieder aufgetaucht, die immerhin
auch die echte amerikanische Westküste südlich von Grönland zunächst
noch für eine Weile erreicht haben mag. Die Reste dieser Brücke sollten
noch längere Zeit bestehen; aber aufhalten konnten auch sie zuletzt den
endgültigen Zusammenbruch auch hier nicht mehr. Das Ergebnis ist kurz:
inmitten der verwischenden Sintflut der Kreide war Gondwanaland südlich
endgültig in Verfall gebracht, und nördlich hing die uralte große
Atlantis buchstäblich nur noch an einem Faden.
Die nächste und letzte Stufe der großen geographischen Fortentwicklung
zeigt dann die Karte des älteren Abschnitts der folgenden
_Tertiärperiode_. Sie gibt auf der einen Seite noch so deutlich die
Sachlage vom Ende der Kreidezeit nach Abflauen der cenomanischen
Sintflut wieder, daß es erübrigt, für dort eine besondere Karte zu
zeigen. Andrerseits aber weist sie auch schon so klar den Rest des
Umschwungs zu heute, daß sie recht eigentlich als _Abschlußbild_ der
ganzen geologischen Geographie in ihren Grundzügen, wie wir sie ohne
Eingehen in Detailfragen hier verfolgt haben, gelten kann.
Die Tertiärzeit (im Namen als das dritte Haupt-Weltalter bezeichnet,
obwohl es sich, wenigstens zeitlich, nur um eine Einzelperiode wie
Kreide oder Jura handelt) erinnert in gewissen Zügen wieder an die
alte Steinkohlenzeit. Auch in ihr grünt ein auffällig großartiger
Pflanzenwuchs auf Erden, auch in ihr findet eine außerordentlich starke
Gebirgsbildung, die erste ganz große wieder seit dem Karbon selbst,
statt, und auch auf sie folgt eine Eiszeit, sehr viel umfassender und
wirksamer noch als die alte in Gondwanaland. Näher besehen, ist aber
doch vieles auch so grundanders. Die Wälder bilden durchweg nicht
mehr baumgroße Farnkräuter, sondern höhere Pflanzen. Die zahllosen
großen Wirbeltiere, die darin hausen, leiten nicht, wie damals, die
Saurierzeit erst ein. Ausgelebt ist vielmehr diese so kennzeichnende
Urweltschöpfung. Mit Ausgang der Kreideperiode sind durch eine
rätselhafte Ursache fast alle diese seltsamen Sauriergestalten in
Wasser wie Land dahingeschwunden gleich einem häßlichen Spuk.
Dafür beherrschen die alten Kinder Gondwanalands, die Säugetiere,
jetzt den Plan. Das höchste Geheimnis, das größte Ereignis dieser
Säugetierentwicklung liegt im Tertiär: die Menschwerdung. Überall
Anfang _unserer_ Zeit! Auch die Gebirge, die jetzt entstehen, sind
nicht mehr dämmerhafte Urweltsberge, sondern es sind die allbekannten
großen Ketten unserer Karte. Kein Wunder, wenn auch in Erdteilen und
Meeren diese Karte jetzt in deutlich moderne Geographie einlenkt.
Im allgemeinen war die Tertiärzeit nach den Sintflutperioden Jura
und Kreide wieder viel mehr eine Verlandungszeit. Gegen ihre Mitte
schwellen noch zwei mäßige Transgressionen an, die aber nicht viel
besagen und (wie die des Karbon) schon mit erstickt werden durch die
großartigen Gebirgsbildungen, die diese Mitte beherrschen. Manches,
das wie Transgression aussieht, ist in Wahrheit nur der rasch und
rascher arbeitende wirkliche Zusammenbruch letzter Reste der dem
Untergang geweihten Urweltländer. So stürzt schon auf der Wende von
der Kreide endgültig die indomadagassische Halbinsel ein und damit
das letzte unmittelbare Zeugnis für Gondwanaland auch im Indischen
Ozean. Dieser Ozean ist im ganzen Umfang fortan da, bloß noch
durchsetzt mit ein paar Inseln, ebenso deutlich und »modern« wie der
Südteil des Atlantischen zwischen Afrika und Südamerika. Gondwanaland
ist nicht mehr vorhanden. Dafür bestehen drei Erdteile im Süden,
Südamerika, Afrika, Australien, -- wie heute. Freilich das indische
und arabische Gondwanastück ist im älteren Tertiär noch nicht gleich
an Asien angeschlossen worden. Arabien hielt noch eine Weile als
Halbinsel zu Afrika, und Vorderindien lag als Insel im Meer. Denn die
Tethys flutete zunächst vom europäischen Mittelmeer noch immer nach
Zentralasien durch, wo sie allerdings jetzt breit und unzweideutig in
den offenen Indischen Ozean abfloß. Dieses ältere Tertiär hat eben im
Erbe der letzten Kreide noch eine gewisse Anzahl auch urweltlicher
Züge in seiner Karte. So ist die Tethys noch immer sieghaft obenauf.
Bei Panama fließt sie durch; in der Kreide war gerade hier herum eine
Weile wieder eine Brücke gewesen. In den stärkeren Transgressionen geht
sie noch breit durch Mitteleuropa und überschwemmt Nordafrika. Und so
kommt sie auch noch eine Weile bis Indien. Nach Norden aber wahrt sie
auch jetzt noch etwa vom Aralsee an aufwärts zum Eismeer das uralte
Vorweltsrecht ihres Durchbruchs: sie bildet das »Obische Meer«; zum
letzten Mal steht auch dieses merkwürdig zähe Spaltenmeer noch auf der
Karte, zum letzten Mal trennt es den Festlandteil Europas von Asien.
Echt urweltlich ist auf der andern Seite dieses Europa auch noch die
isländische Brücke, die es mit Grönland-Nordamerika verknüpft. Immerhin
auch nur eine Urweltruine, das letzte Stückchen der stolzen Atlantis.
Von Norden brandet schon verdächtig ein »Ostgrönland-Meer« heran. Ein
Bruch -- und der Atlantische Ozean ist auch hier fertig. Gewaltig ragt
Nordamerika. Es hängt sogar ohne Beringstraße noch mit Asien zusammen.
All seine Polarinseln sind Festland, Grönland ist ihm angegliedert.
Und dort oben herrscht noch tief ins Tertiär hinein ein weit wärmeres
Klima als heute. Auch Europa scheint sich nördlich bis Spitzbergen und
Franz-Josephland ausgedehnt zu haben. Diese riesigen, durch Brücken
noch verknüpften Landgebiete im Norden sind damals von entscheidender
Bedeutung für das beispiellose Aufblühen der Säugetiere gewesen.
Besonders Nordamerika hat da eine wahre Schöpferrolle gespielt. Die
Landbrücken erlaubten aber auch ein beständiges Hin- und Herfluten
von und zu den andern Nordländern, wobei jedes neu gewonnene oder
gewechselte Gebiet die Artenfülle steigerte. Recht eigentlich das
Paradies der Säugetiere lag in diesen älteren Tertiärtagen, und in ihm
muß damals auch die letzte Vorstufe zum Menschen gelebt haben.
Jenseits der Mitte des Tertiär aber ist es dann, als verschwebten
nun wirklich auch die letzten Nebel der Urwelt über der Karte -- sie
wird ganz modern. Die neue große Gebirgsbildung ist da, und ihre
entscheidende Tat ist die endgültige Vernichtung der Tethys. Die
riesenhaften Kettengebirge Zentralasiens, allen voran der Himalaja,
als neue Erdfalten zur Schneeregion emporgereckt versperren ihr den
asiatischen Ausgang auch zum Indischen Ozean. Die Schlammschichten,
die sie in dieser Gegend selbst noch im ersten Drittel des Tertiär
abgesetzt, werden im buchstäblichen Sinne bis in das »Haus des
Schnees« (was das Wort Himalaja bedeutet) hinaufgedrückt. Vorderindien
gliedert sich endgültig an den neuen Landriegel an. Ein letzter
Durchbruchsversuch der Tethys gegen den Persischen Meerbusen
mißlingt infolge immer neuer Riegelbildungen. Über Arabien fort
wachsen Asien und Afrika sogar zeitweise breit zusammen. Und erst
gegen Ende des Tertiär entsteht durch einen großen Zusammenbruch
wenigstens hier noch einmal eine Spalte, das Rote Meer. Diese späte
Spaltenbildung nordsüdwärts ist an sich sehr bemerkenswert als ein
Zerstückelungsversuch im letzten Gefolge der Gondwanalandzerstörung,
der jetzt sogar auf den alten soliden Block von Afrika übergreift. Aber
den wichtigen Ostausfluß der Tethys kann auch das nicht mehr retten.
Neue Gebirgsriegel schieben sich ihr in Gestalt der Balkangebirge,
Apenninen, Pyrenäen, des Atlas -- vor allem aber der Hauptmasse der
Alpen auch im europäischen Mittelmeer von allen Seiten entgegen.
Eine längere Zeit verstopft sich das ganze Ostmittelmeer mit Land.
Auch als das wieder etwas abflaute, blieb doch hier bedenklicher
Boden, dessen Unruhe wir bis heute noch an Erdbeben und vulkanischen
Folgeerscheinungen besonders im unteritalischen und griechischen Gebiet
zu spüren bekommen. Vom alten östlichen Ausfluten der Tethys konnte
aber fortan schon in dieser Gegend keine Rede mehr sein. Wiederum
zugleich aber schob sich der neue Riegelverschluß auch zwischen diese
Ecke der Tethys und die alte obisch-uralische Verbindung vom Kaspischen
Meer zum Eismeer. Das »Obische Meer« trocknete aus, zum letzten Mal.
Europa und Asien verwuchsen in der Urallinie, zum letzten Mal. Vom
Menschenstandpunkt für immer. Wir haben es als Geographen wenigstens
so und nicht anders gefunden, als wir kamen. Zwischen diese Hauptzüge
schoben sich allerdings, wie verständlich, überall noch wechselnde
Stufen des Werdens. So, als die Alpen zuerst erschienen, stiegen sie
als Zentralmasse noch inselhaft aus der Tethys selbst; nicht bloß
im heutigen Mittelmeer, sondern auch nördlich griffen die Wasser
zunächst noch darum herum. Lange noch ging ein breiter Meeresarm,
immer wieder sich neu füllend, vom Rhonetal über die Nordschweiz bis
nach Ungarn und dem Balkan; zeitweise hatte er sogar im Rheintal
noch Abfluß unmittelbar nach Norden. Durch die zunehmende Verlandung
des Ostmittelmeers gehemmt, bildeten seine zuströmenden Wasser eine
Weile ein großes Binnenmeer in der Gegend von Ungarn über das heutige
Schwarze Meer bis zum Aralsee. Da das Obische Meer schon fehlte, konnte
es für sein Teil aber dort auch nicht mehr zum Eismeer durchbrechen.
Als der Zufluß über die Schweiz doch langsam austrocknete, zerfiel
dieses Binnenmeer selber zu Bruchstücken; teils sammelte es seinen Rest
fortan im Kessel des heutigen Schwarzen Meers (das sich allmählich
doch auch noch einen schmalen Ausgang zum wieder etwas freieren
Ostmittelmeer erwarb), teils kümmerte es in den abflußlosen Senken des
heutigen Kaspischen Meeres und Aralsees weiter. Das alles aber waren
doch nur hoffnungslose Schlußzuckungen der Tethys. Im letzten Drittel
des Tertiär verlor sie den Panamadurchfluß, -- wieder im heutigen
Sinne endgültig. Auch hier war lange noch Kampf. Die entstehenden
Kordilleren gaben dem Hauptteil von Mittelamerika ein unbesiegliches
Rückgrat. Aber eine gewisse Kurve ihrer Faltung ließ zunächst gerade
bei Panama noch ein kleines Stückchen Wasserstraße offen. Endlich
aber verlandete doch auch das, damals noch eine sehr bedeutsame Sache
für das zeitweise Hinüberwandern der wunderbaren südamerikanischen
Riesenfaultiere nach Nordamerika und umgekehrt der Mastodonelefanten
und Wildpferde, die drüben noch dauerten, nach Südamerika. Wohl im
letzten Ausgang des Tertiär zerbrach dann wirklich auch die isländische
Brücke. Schon vorher hatte sich das ostgrönländische Meer zwischen
Skandinavien und England vorgeschoben, die werdende Nordsee markierend,
und die Davis-Baffinstraße hatte sich zwischen Nordamerika und Grönland
geschoben. Untergang also der Atlantis! Indem aber so der Nordteil auch
des heutigen Atlantischen Ozeans fertig aufriß, wurde der alte Name
der Tethys selber wertlos; dieser Ozean trat hier an seine Stelle, wie
bei Europa das echte Mittelmeer. Europa aber, das künftige Wunderland
der Kultur, vollendete im gleichen Augenblick den Kreislauf seiner
geologischen Abenteuer: wie einst im Kambrium schloß es sich wieder als
Halbinsel an Asien, -- mit der freien Wasserfront nach Westen über die
grauen Wellen, in denen das Märchen der Atlantis endgültig versunken
lag.
Noch stand diesem Europa, wie drüben Nordamerika, das tief
einschneidende Ereignis der großen _diluvialen Eiszeit_ bevor. Den
wesentlichen Umriß der Erdkarte im großen hat es aber nicht mehr
verändern können.
Wieder, wie einst im Beginn der Permperiode in Gondwanaland, trat
ums Ende des Tertiär eine Epoche außergewöhnlich feuchtkühlen Klimas
ein, -- wie es scheint, auf der ganzen Erde. In den gebirgigen und
den zum Pol näheren Gebieten äußerte sich dieser Klimasturz allgemein
in mächtiger Schnee-, Gletscher- und Binneneisentwickelung; näher
zum Äquator, kam er mehr als Regenperiode. Wir haben schon davon
gesprochen, -- beim Märchen von der Sintflut. Denn in _diese_
geologischen Tage ragt ja jetzt schon der Mensch selbst hinein, nicht
als dunkle Urstufe, sondern eben als Mensch, der erlebte, kämpfte und
sann. Wenn man bedenkt, daß auch die nordischen Eisfelder endlich doch
wieder tauten und ihre so befreiten Wasser noch zu denen der südlichen
Regenperiode schlugen, so möchte man in diesem »_Diluvium_« (der Name
knüpft unmittelbar an die Sintflutsage an) zuletzt fast noch einmal
eine »Transgression« erwarten. Und gewiß ist auch, daß mehrere heutige
Inselgebiete, so das des polaren Nordamerika und das der Sundainseln,
sich damals erst im Sinne unserer Gegenwartskarte wieder ganz von
ihren Festländern gelöst haben. Bei uns in Europa ist mit mehrfachem
Hin und Her wohl erst das Ostseegebiet damals herausgearbeitet worden.
Überall, wo es sich verfolgen läßt, begann die geschichtliche oder
doch schon halbgeschichtliche Zeit mit höherem Stand der Binnenseen,
mit verhältnismäßig kolossaleren Flüssen, die sich seither wieder
eingeschränkt haben und noch einschränken. Aber an die große Linie
der Erdteile, wie sie seit dem letzten Tertiär standen, tastete das
alles eben doch nicht mehr. Schließlich werden die Zeiträume ja auch
hier zu kurz: diese Dinge sind uns tatsächlich noch so nah, daß wir
nichts Größeres an Wechsel mehr erwarten können, auch wenn wir uns
gewiß sind, daß die geologischen Zerstörungen und Entwicklungen auch
über uns fortwalten, -- daß auch unsere Gebirge, indem unser staunender
Blick sie noch erfaßt, zerbrechen müssen, unsere Erdteile, indem unsere
kleinen Schüler sie von der Karte lernen, kein Gebild der Ewigkeit
sein können, und unsere Meere, indem unser Handel sie erschließt und
befährt, abermals wechseln werden wie der Nebelschleier eines neuen
Tags.