Gegen die Küste dieser Atlantis also fuhr unser kambrischer Entdecker

(im Grunde sitzt ja im Märchenschiffchen nur verkappt der Geolog

von heute) auch nordwärts steuernd an. Kein Zweifel: der ganze

Atlantische Ozean von damals war nichts anderes als ein verhältnismäßig

enges Zwischenmeer, das, wie man es auch hin und her überkreuzen

mochte, im Norden wie im Süden gegen eine fortlaufende Landmauer

brandete. Die nächste interessante Frage mußte sein, ob und wie es

wenigstens rein östlich weiter ging. Dauernde Längsfahrt an der

brasilianisch-afrikanischen Verbindung führte allmählich auf den

echten afrikanischen Nordrand, ohne daß eine Sperre nach dieser Seite

sichtbar wurde. In einer Breite fast wie früher bei Panama ging das

Meer hier in das heutige westliche Mittelmeer frei ein. Spanien mit

allen seinen heutigen hohen Gebirgszügen bis über die Pyrenäen hinweg

fehlte, und erst ganz weit über die buchtartige blaue See dämmerte

etwas wie eine Küste von Europa. Auch auf der afrikanischen Seite

überschritt die offene Einfahrt ein Stück Rand, just auch hier die

Ecke, die heute das stolze Atlasgebirge trägt. Im übrigen aber blieb

_Afrika_ rechts zur Seite ganz wie heute. Dieser ungeheure Erdteil

ragte, wenn auch eingegliedert in den afrikanisch-brasilischen

Gesamtblock, schon in diesen Urtagen in fast vollkommener Kraft aus den

Wassern. Wenn irgendein Stück Land, so macht Afrika den Eindruck einer

wirklichen zähen Ur- und Grundscholle auf Erden, ähnlich urgegeben und

dauerhaft unter den Festen wie der Stille Ozean unter den Meeren. Zum

größern Teil ist es auch in allem Wechsel der folgenden Erdperioden

nie überflutet worden. Weiter östlich im Mittelmeer wurde dann die

Durchfahrt wohl schwieriger. Die jetzt rasch heranbiegende europäische

Küste drängte hier näher zu Afrika. Immerhin mag sich doch wenigstens

zeitweise auch im Kambrium hier noch eine schmale Wasserstraße geboten

haben. Und sie mußte zur merkwürdigsten Sachlage dann gerade dort

überleiten, wo heute Asien unser Ostmittelmeer so nachhaltig ganz

abschließt. Was wir uns vorhin einmal flüchtig als Phantasiebild

beschworen, geschah auch hier wirklich. _Asien_ selbst fehlte nicht.

Aber es brach bei Palästina auseinander und gab abermals von sich

aus freie Durchfahrt. Ein gewaltiger Meeresarm, streckenweise zum

wirklichen kleinen Meer erweitert, trieb seine Wasser über Persien,

Afghanistan, das Himalajagebiet. Seine Nordküste schnitt etwa über

das heutige Kaspische Meer und vor Turkestan und Tibet hin. Wer sich

wieder zu freier Höhenschau hier erheben konnte, der sah bis in fernste

Weiten den Landblock des zentralen und westlichen Asien sich dahinter

dehnen, der so groß wie heute stand, -- abermals eine Art Urscholle

der Erde, die uns ehrwürdig aus dieser ältesten bekannten Karte schon

entgegenragt. Gern erinnern wir uns, wie dieses Asien im Glauben der

Kulturvölker immer als eine Wiege der Dinge gegolten hat, der man so

viel alten Glanz der Kultur verdankte, daß man ihr willig auch noch

viel mehr: die Erzeugung des Menschengeschlechts, ja den Rang einer

bevorzugten ersten Schöpfung auf Erden zuschrieb. Freilich hat auch der

Teil Asiens, der geologisch so früh schon stand, im Wechsel der Folge

noch vielerlei durchmachen müssen, ehe er den ruhigen Boden für eine

menschliche Kultur abgeben konnte. Von den gewaltigen Gebirgszügen, die

ihn heute auszeichnen und zu deren Schnee die Träger dieser Kultur,

so weit sie zurückdenken konnten, als dem ewigen Sitz der Götter

aufgeschaut hatten, stand im Kambrium noch kein einziger. Genau über

den Fleck des zentralen Himalaja ging jene fremdartige Wasserstraße.

Wenn unser Seefahrer aber ihr entgegengesetztes, ihr südliches Ufer

jetzt suchte, so geriet er damals schon in den nicht rastenden Wechsel

der Dinge.

Zu gewisser kambrischer Zeit, näher dem Anfang dieser Epoche, hätte

er hier die Mündung eines seichten Seitenarms entdeckt, der in der

Richtung des heutigen Indischen Ozeans abbog, scheinbar diesen Ozean

selber schon markierend. Etwas später wiederkehrend hätte er aber auch

darüber hinweg das Land geschlossen gefunden. Jetzt fuhr er also auch

an diesem Südrande immer an fester Küste entlang. Seltsam genug aber

wieder diese Küste. Sie ging vom afrikanischen Nordrand ununterbrochen

östlich weiter. Zunächst steckten in ihr offensichtlich die Teile,

die durch die große asiatische Wasserstraße selbst von dem alten

Hauptblock Asiens unten abgeschnitten worden waren: also Arabien,

Vorderindien und Hinterindien. Aber diese abgeschnittenen heutigen

Halbinseln steckten gleichzeitig in einem ganz besonderen südlich sich

fort erstreckenden großen Landgebiet, ähnlich wie Grönland in dem

Atlantisblock. Dieses Land, der Größe nach abermals ein wahrhaftiger

ganzer Erdteil, füllte einfach den Indischen Ozean nahezu ganz aus. Es

hing auf der einen Seite in voller Breite mit Afrika zusammen, auf der

andern umschloß es noch die Sundainseln und berührte Australien, so

weit dieses damals über Wasser stand. Wie drüben ein Zwischenerdteil

Afrika mit Brasilien verband, so verknüpfte hier einer _Afrika_,

_Indien_, _Australien_. Als auch er sich dauernd begründet hatte, was,

wie gesagt, wohl noch im Verlauf der kambrischen Periode geschah,

vielleicht aber ebenfalls schon viel älteres Urweltswerk war (denn

jener Seitenarm, der ihn anfangs noch ein Stück weit durchbrach, kann

bloß ein kleines Zwischenspiel gewesen sein, wie es die meisten jener

Urerdteile einmal früher oder später noch erlebt haben): da hätte ein

Wanderer trockenen Fußes von den heutigen Quellen des Amazonenstroms

in Südamerika bis nach Neuguinea gehen können! Man hat auch für diesen

Erdteil im Indischen Ozean einen Namen gesucht. Viele Millionen Jahre

der Erdgeschichte hat auch er (bloß mit geringen Grenzverschiebungen)

weiter bestanden. So kam es, daß die Geologen auf ihn zuerst besonders

deutlich aufmerksam wurden durch Schuttablagerungen, die sich noch in

viel späteren Tagen (in der Permperiode und Triasperiode) an seiner

nördlichsten Ecke, im heutigen Vorderindien, auf ihm gebildet hatten.

Sie setzen heute dort Gebirgsgestein im Lande des einheimischen

Volksstammes der sogenannten Gonds zusammen, in Gondwana. Danach hat

man sich dann gewöhnt, in der Geologie den ganzen verschollenen Erdteil

einfach auch als _Gondwanaland_ (Gondwana allein heißt eigentlich

schon das Gond-Land) zu bezeichnen. In gewisser Hinsicht hat der Name

zweifellos so etwas Zufälliges, immerhin aber drückt er wenigstens die

eine wichtige geologisch-geographische Tatsache aus, daß eben Indien,

so lange wie der urweltliche Erdteil bestand, zu ihm und nicht zu Asien

gehörte, nicht eine Halbinsel war, die von Asien südwärts vorsprang,

sondern umgekehrt seine, des Erdteils im Indischen Ozean, äußerste

Nordecke. Jedenfalls ist das Wort heute nicht mehr abzuweisen. Und

da, wie schon im Kambrium selbst, so auch später noch während der

meisten Tage, die das geologische Gondwanaland erlebte, tatsächlich

fester Anschluß von ihm auch mit Afrika, über Afrika fort aber durch

die Südatlantis selbst mit Südamerika bestand, so ist vielfach auch in

der Folge der ganze ungeheure Landkomplex dieser drei Länder, also das

gesamte Südland der Landseite mit Einschluß auch des südatlantischen

Teils, im erweiterten Sinne als Gondwanaland bezeichnet worden --

was zur Vereinfachung auch wieder unverkennbar manches für sich hat

und im einheitlichen Namen verkörpert, was für eine ganz unglaublich

umfangreiche Einheitsschöpfung sich damals aus so viel Ländern --

Südamerika, Afrika, Arabien, den beiden Indien, Australien -- zeitweise

zusammengeschmiedet hatte.

Wieder jedenfalls wie bei Panama zwischen Nord- und Südamerika,

wie im Atlantischen Ozean zwischen der nordischen Atlantis und dem

südatlantischen Zwischenstück, wie in unserm Mittelmeer zwischen

Europa und Afrika, befand sich unser kambrischer Seefahrer in der

großen asiatischen Wasserstraße, die sein Schiff quer über den

Himalaja fahren ließ, wie in einem Kanal eingeschlossen zwischen zwei

Festlandküsten, dort der zentralasiatischen, hier der vom engeren

Gondwanaland. Und immer noch gab es kein Heil zum Weiterkommen für ihn

als ostwärts. Es scheint nun, daß auch schon im Kambrium die seltsame

Straße jenseits der Ostecke des heutigen Himalaja wirklich noch eine

letzte Durchfahrt gewährte: hinter ihr aber dehnte sich dann plötzlich

wieder in unabsehbarer offener Weite der gleiche Ozean, von dem die

ganze Fahrt ihren Ausgangspunkt genommen: der Stille. Es ist gesagt,

daß dieses riesenhafte Meer in dieser Urwelt noch bis weit über China

heraufkam. Dort konnte also schon die Ausfahrt sich vollziehen.

Vollendet war damit die Durchquerung der gesamten Landseite des

Planeten von Wasserseite zu Wasserseite auf Grund des fortlaufenden

Zusammenhangs jenes kanalartigen Zwischenmeers zwischen den Nordmassen

und den Südmassen dieser Landseite, das bei Panama einging, um zuletzt

bei China wieder herauszumünden. Zu diesem merkwürdigen Urmeer waren

nötig: das amerikanische Mittelmeer mit offener Panamadurchfahrt,

das Mittelstück des Atlantischen Ozeans, unser hergebrachtes echtes

Mittelmeer, außerdem ein für uns jetzt unmöglicher asiatischer

Durchstich quer über die heutigen dicksten Gebirgsriegel zwischen dem

Kaspischen Meer und Südchina. Auch dieses »_große Mittelmeer_« im

weitesten Sinne bildet offenbar so eine grundlegende Tatsache ersten

Ranges auf der Karte der gesamten Urwelt, nicht bloß des kambrischen,

sondern auch aller folgenden Zeitalter. Seine Spur läßt sich heute

noch verfolgen. Seine kleinen Abenteuer: ob es sich gelegentlich hier

oder da auf eine Weile verschloß und wieder öffnete, ob es Ablenkungen

oder Erweiterungen und Seitenanschlüsse erhielt, durchspinnen die

geologische Geographie, so weit wir sie kennen, wie nicht endende

kleine Unterhaltungen. Da der längst vergebene Name »Mittelmeer«

aber stets etwas Irreführendes hat, war es geboten, auch ihm eine

neue Bezeichnung zu geben. Sueß hat es also die _Tethys_ genannt.

Mythologisch ist das die Gattin des Okeanos und Urmutter aller Dinge,

nicht zu verwechseln mit Thetis, der Mutter des Achilles, die bloß eine

Nymphe war. Das Wort ist sonst schon einmal naturgeschichtlich für den

dritten Saturnmond verliehen worden.

Nach glücklich vollbrachter Durchschiffung der Tethys blieb für unsern

urweltlichen Geographen nur noch ein letztes Problem zu lösen. Wie

verhielt sich der damalige asiatische Erdteil zu der von Norden über

Island und Spitzbergen herabkommenden Atlantis? Asien war damals,

wie gesagt, kleiner als heute. Es fehlte ihm nicht nur das Stück,

das die Tethys abschnitt und zu Gondwanaland hinüber warf. China und

Ostsibirien standen unter dem Wasser des Stillen Ozeans. Immerhin

ragte der Restblock. Und an ihm hing jedenfalls auch schon ein Teil

Europa, er kam ja verengend oder gar zeitweise sperrend bereits

bis ans östliche Mittelmeer. Wurde nun dieser Block _erreicht_ von

der Atlantis? Verschmolz sie, über Spitzbergen vorrückend, mit der

westsibirischen, über Island kommend mit der skandinavischen Küste?

Dann war auch der Nordteil der Landseite von damals in seiner ganzen

Riesenbreite geschlossen, wie der Südteil. Land, ununterbrochenes Land

ging von Nordamerika über die Atlantis nach Asien und Europa, wie

drüben in Gondwanaland von Südamerika über Afrika bis Australien. In

wunderbar einfachen Zügen bot sich in dem Falle die Urkarte dar: ein

nördlicher Gürtel und ein südlicher getrennt bloß durch die Tethys. Aus

ferner Planetenschau, etwa wie wir den Mars sehen, würde die Landseite

der Erdkugel sich dargestellt haben als ein großer gelbrötlicher Fleck,

den ein schwärzlicher oder bläulicher Kanal ein Stück nördlich vom

Äquator in zwei Hälften zerschnitt.

Bei einer nördlichen Umseglung Asiens würde unser Seefahrer indessen

festgestellt haben, daß schon in der kambrischen Epoche eine gewisse

Neigung jedenfalls der erdbildenden Kräfte bestand, diese einfache

Gliederung auf der Nordseite doch nicht dauernd so schön aufkommen zu

lassen. Eine Neigung oder Richtung würde er schon bemerkt haben, die

bestrebt war, den kolossalen Nordblock irgendwie mit einer oder gar

mehreren _Spalten_ in ungefähr südnördlicher Richtung zu durchsetzen,

Seitenkanälen, die zu der Richtung der Tethys mehr oder minder

senkrecht standen. Es ist gesagt, daß auf dem heutigen Kartenbilde

solche Durchbruchsspalten nach Norden mehrfach deutlich werden. Die

heute entscheidendste ist der nördliche Atlantische Ozean selbst mit

seiner Verlängerung zum Eismeer. Von ihm konnte damals ja nun keine

Rede sein, da die Atlantis den Fleck füllte. Gleichwohl muß aber auch

im Kambrium schon eine viel kleinere Kanalspalte solcher Art zwischen

Asien und dieser Atlantis durchgegangen sein, deren Bruchstelle

genau über Nordeuropa lag. Untergetaucht waren in ihr zeitweise ganz

Großbritannien und Skandinavien. Über das Nordkap fort brach sie

dann wahrscheinlich auch schon zwischen der weiteren Atlantisküste

und Westsibirien an Nowaja Semlja hin bis wieder zum Stillen Ozean

durch, der ja von der andern Seite Ostsibirien bis gegen das Kap

Tscheljuskin unter Wasser hielt. Beim Mittelmeereingang abbiegend hätte

unser Seefahrer also höchstwahrscheinlich auch durch diesen schmalen

englisch-skandinavischen Kanal von der Tethys aus sein Ziel, den

Pazifik, wieder erreichen können.

Die Lage einer solchen Durchbruchsspalte schon im Kambrium (der

einzigen für damals im Nordgebiet der Erdkarte sicher bekannten)

ausgespart über _Europa_ ist nun wieder eine neue hochinteressante

Grundtatsache urweltlicher Geographie. Sie deutet schon so früh auf

ein Spannungs- und Zerstückelungsfeld der Erdrinde, dessen Unrast

auf dieses _Europa_ fiel. Wie der Kanal im Kambrium lag, könnte man

versucht sein, sich ihn rein veranschaulichend als eine Art örtlicher

Notwendigkeit zu denken, auch wenn man weit gehende Vermutungen über

das »Wie« der Kartenbildung ablehnt. Europa scheint, so weit es über

Wasser stand, damals ähnlich wie heute eine westlich am weitesten

vorspringende Halbinsel Asiens gewesen zu sein. So bildete es eine

Art Wellenbrecher gegen die sich stauende Tethys. Auf der einen Seite

mußte diese zwischen ihm und dem alt gegebenen Block Afrika sich im

Mittelmeer in enger Spalte durchdrängen. Kein Wunder wenn ihre Wasser

aber auch auf der andern um den Vorsprung strudelnd sich zum Teil auch

hier durchgebohrt hätten. Doch wie das ursprünglich nun gewesen sei: in

der weiteren Folge der geologischen Perioden ist es jedenfalls nicht

bloß bei dieser einen Spalte geblieben. Während sie sich zeitweise

wieder schloß oder verlegte, öffneten sich parallele andere unabhängig

an andern Stellen der kritischen Gegend. Immer aber blieb Europa diesem

Spaltenspiel ausgeliefert bis heute. Bald schlug die Spaltenbildung

aus ihm selber ganze große Stücke heraus (wie eben im Kambrium), bald

drängelte sie es vollständig von Asien ab und zur Atlantis hinüber,

bald endlich wieder schmiedete sie es erst recht an Asien und schied

es fernweit von dieser Atlantis. Nimmt man nun dazu, daß gleichzeitig

die Tethys selber an seiner Südseite immerfort riß und nagte, mit

der Neigung, es auch von dieser Seite her immer neu zu überschwemmen

und in eine Inselschar aufzulösen, so muß man die geologische Unruhe

begreifen, die über dieser uralten Kreuzungsstelle zweier aufeinander

senkrechter Spaltungsrichtungen in allen geologischen Perioden

notwendig hat walten müssen.

Mit Absicht habe ich gerade das Erdbild der kambrischen Epoche so

ausführlich hier vorgemalt, obwohl es, wie ich ausdrücklich betonen

möchte, in manchen Umrissen noch besonders schwankt oder erst aus dem

folgenden ergänzt werden muß. Aber wer einmal die großen Züge der

urweltlichen Wasser- und Landverteilung sich hier überhaupt eingeprägt

hat, der hat damit schon den Schlüssel und Kern für alles Weitere, und

daß diese Grundzüge auch damals schon wenigstens im wesentlichsten

vorhanden waren und aufgezeigt werden konnten, darüber ist doch kaum

ein Zweifel. Man hat wohl gesagt, diese kambrische Zeit mache in vielem

den Eindruck, als sei sie nicht der Anfang, sondern bereits der Abend

und Abschluß eines unfaßbar weiten voraufgehenden Weltalters gewesen,

und wir haben ja auch gesehen, wie sie gelegentlich bereits mit ihrem

Sand und Geröll auf den abradierten Sockeln älterer Gebirgsschiebungen

fußte, unter denen noch wieder ältere lagen. Aber das Kartenbild kann

dann auch dort zurück schon kein ganz abweichendes gewesen sein.

Merkbar macht sich dagegen auch in ihr schon etwas, das in den

folgenden Erdperioden mit der bedeutsamsten Folgerichtigkeit

wiederkehrt, nämlich ein gewisser periodischer Wechsel von Zeiten

zunehmender Trockenlegung, Verlandung innerhalb des allgemeinen

Grundschemas der Karte mit Zeiten umgekehrt wachsender Überflutung,

sieghafterer Vorwärtsbewegung (»Transgression« im geologischen

Fremdwort) des Wassers innerhalb ein und der gleichen Periode. Das

kommt und geht, ändert zeitweise scheinbar schon früh sehr stark

das Kartenbild, läßt aber lange doch wieder abflauend die ähnlichen

Grundzüge durchschimmern; während dann allerdings auf eine Reihe

solcher ganzen Perioden hin auch dieses sich herausschälende Grundbild

einen gewissen eigenen und dauernden Wechsel zeigt. Speziell in der

kambrischen Periode kann man schon ein solches periodisches Auf und

Ab besonders gut an Nordamerika verfolgen, von dem eine Weile das

ganze Mittelstück als große Halbinsel an der Atlantis hängt, während

später noch in der Epoche selbst das Meer zeitweise mit seichter

Überschwemmung gerade über dieses Mittelstück fortgegangen ist;

dieser zeitweise Wechsel hat aber doch Nordamerika deshalb nicht ganz

wegwischen können.

Eine Tatsache, die doch recht merkwürdig ist, möchte ich zu diesem

ältesten bekannten Kartenbilde aber auch noch wenigstens erwähnen.

So viele und große und zusammenhängende Festländer damals schon da

waren: es scheint, daß sie noch so gut wie gar nicht bewohnt worden

sind. Während das Leben im Meer schon recht deutlich und mit Anzeichen

längeren Bestehens entwickelt war, fehlen vollständig die Reste

von Landtieren und Landpflanzen. Die unabsehbaren Sandfelder und

Schutthalden, die in den Landablagerungen dieser fernen Urwelt stecken,

sprechen durchaus für vegetationslose Wüsten, die sich einförmig über

die riesigen Erdteile hinzogen. Erst in den nächsten Epochen scheint

das Leben auch das Festland ganz allmählich vom Meeresrande aufwärts

besiedelt zu haben. Warum hat es aber nicht früher diese Landanpassung

versucht? Es ist um so auffälliger, wenn wir schon vor dem Kambrium

sicher Millionen von Jahre lang ebenfalls Festländer annehmen müssen.

An besonderen Schwierigkeiten der Eroberung kann es kaum damals gelegen

haben. Man hat einzelne Eisspuren bereits aus dem Kambrium, die eine

unmäßige Hitze schon für damals unmöglich machen. Andererseits hat

damals und auf lange hinaus noch nicht die heutige dauernde Vereisung

der Pole geherrscht, so daß selbst die Atlantis ganz bewohnbar gewesen

sein wird. Ist das Leben doch vielleicht erst ein weit jüngeres

Erzeugnis gewesen als die Erdkarte mit ihren Landbildungen, das erst

landreif wurde, als die Länder selbst schon viele Jahrmillionen alt

waren? Es sind vielerlei Fragen die hier aufgeworfen werden könnten.

Auf die kambrische Periode folgte in der von unserer Geologie

abgegrenzten Reihenfolge die _silurische_, benannt nach

Gesteinsschichten im alten englischen Stammland der keltischen Silurer,

mit denen die Römer ihrer Zeit in Wales zu kämpfen hatten; solche

Namen sind an sich so gleichgültig wie Gondwanaland, aber sie dauern,

weil man sich an sie gewöhnt hat. Das Silur (wie man das Wort wieder

abkürzend gebrauchen kann) war eine Epoche staunenswertester Entfaltung

der Meerestierwelt. Jetzt erst schien dieses Meerleben auf seiner

ganzen Höhe zu sein. Alle Tierstämme blühten bis zu ihren Kronen,

soweit diese noch dem Wasser angehören, auf. Die Wirbeltiere bildeten

den Fisch und damit die Grundlage aller obersten Lebensentwicklung

überhaupt, durch die in späten Tagen der Mensch möglich werden sollte.

Korallen und andere kalkbildenden Rifftiere ersetzten die Höhe der

Einzelorganisation durch Masse der sozialen Genossenschaften, sie

meldeten sich als Landbildner, als merkbare Helfer bei der Karte, ohne

doch selber das Land zu betreten. Die bauenden Kräfte der Erdrinde aber

unterstützten dieses Paradies der Wasserbewohner für ihr Teil aufs

stärkste.

Im Anfang der silurischen Periode trat allerdings zeitweise eine

gewisse Verlandung ein. Es ist bezeichnend, daß fast durchweg in

diesen von uns abgegrenzten älteren Erdperioden der untere Teil mehr

Land auf der Karte hat, während nachher im zweiten Abschnitt eine

größere Überflutung durch das Meer erfolgt. Auf dieser ersten Stufe

bildeten sich mehrfach Landbrücken in der Tethys, die bei einzelnen

Forschern geradezu den Eindruck erweckt haben, diese Tethys sei

überhaupt vorher noch gar nicht ordentlich dagewesen und habe sich

jetzt erst allmählich herausgekämpft; solche Brückenbildung hat aber

auch später noch öfter bei ihr ein Intermezzo gebildet, nachdem sie

zweifellos längst im ganzen da gewesen war. So baute sich in Amerika

vorübergehend eine Art Panamabrücke von Florida nach Venezuela

herüber, die wahrscheinlich dadurch entstand, daß sich infolge einer

Gebirgserhebung im Gebiet der heutigen Alleghanys gerade das Oststück

von Nordamerika jetzt über Wasser gestellt und bis hier herüber

ausgestreckt hatte, nachdem es im Kambrium lange überflutet gewesen

war. Und eine andere, noch interessantere Brücke schloß sich ähnlich

in Europa. Das östliche Mittelmeer, falls es im Kambrium überhaupt

offen gewesen war, verstopfte sich jedenfalls in der Balkangegend jetzt

eine Weile vollständig, Europa wuchs wenigstens schmal hier an Afrika.

Zugleich aber sperrte sich durch Auftauchen des Landes der enge Zugang

von der atlantischen Tethys zu jenem skandinavischen Kanal, -- Europa

wuchs mit der andern Seite des schwachen, landzungenartigen Teils,

der damals überhaupt nur von ihm bestand, über die heutige Nordseite

hinüber jetzt tatsächlich auch mit der Atlantis zusammen. Darüber kam

die skandinavische Einbruchspalte aber selber in die Enge, und sie

scheint sich in ihrer Not teilweise südwärts über Rußland verlegt zu

haben, wo sie schließlich _hinter_ dem europäischen Vorsprung auf die

nicht mehr abgesperrte asiatische Fortsetzung der Tethys traf. Damit

war ganz Europa also eine Weile zur freischwebenden Brücke zwischen

Afrika und der Atlantis gemacht, hinter der das russische Wasser einen

Abschluß jetzt gegen Asien bildete. An sich war das auch vergänglich.

Schon im oberen Silur brach die Tethys wieder frei durch und die Ecke

zur Atlantis fiel noch einmal. Aber eine Richtung war doch seither

für längere Zeit gegeben, die jetzt den Spaltdurchbruch nach Norden

zunächst einmal immer stärker _hinter_ Europa zwischen Asien und

Europa zu legen suchte und Europa selbst damit immer deutlicher zu

der Atlantis hinüberdrängte. In den nächstfolgenden Weltaltern bleibt

das ein zäher Zug in der Karte, so fremd es uns auch heute scheinen

will, daß Europa mehr dem Westen, einem Lande, das über Island und

Grönland nach Nordamerika ging, als Halbinsel angehören soll, als dem

asiatischen Osten. Unwillkürlich denkt man wieder an Völkerbewegungen

und Anschlüsse unserer Kulturzeit. Wie einerseits Südeuropa da immer

wieder alles Heil erwartete und zu erhalten schien von Asien. Wie aber

andrerseits die alten Skandinavier, die Normannen, lange einen Anschluß

umgekehrt vom Norden zum Mittelmeer herab suchten, -- mit dem Versuch

auch damals eines Rückhaltes an Island, Grönland, Amerika, wobei sie

freilich die veränderte geographische Lage hier nur noch mit dem Schiff

bemeistern konnten. So wiederholte der Mensch gelegentlich noch ein

Für- und Gegenspiel, das die Erdkarte seit Jahrmillionen gespielt

hatte, indem sie bald Europa von Nordwesten orientierte, zur Atlantis,

die bis Amerika ging, als Halbinsel oder Inselarchipel angliederte

mit der Front nach Asien und zum Mittelmeer, bald es wieder ganz

von diesem Asien selbst aus packte mit freier Wasserfront zur fern

verschwebenden Atlantis.

Jedenfalls gewann das Meer in der zweiten Hälfte des Silur aber

in größtem Siegeszuge überhaupt wieder die Oberhand. Es wusch die

Panamabrücke abermals fort und stellte die Tethys in größter Pracht

auch hier wieder her, zugleich der Entfaltung der Meertierwelt

den entschiedensten Raum gewährend. Bis dann mit Eintritt der

nächstfolgenden _Devon-Periode_ allerdings erneut eine Verlandung

eintrat, und zwar jetzt eine so ungeheuerliche, daß es am heutigen

Kartenbilde gemessen wirklich aussah, als wenn das Meer damals

wenigstens auf der Landseite der Erde überhaupt hätte austrocknen

wollen.

[Illustration: Abb. 10. Festländer und Meere in der unteren

Devonperiode (größtenteils nach Frech und Arldt).]

Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten · 第 5 / 9 段