Zu Stein verbackener Sand mit sogenannten Rippelmarken, rippenförmigen

Erhöhungen und Furchen, wie sie durch Wellenschlag und Wind an flacher

Küste noch heute entstehen, deutet auf Uferdünen. Also Grenze, wo

Wasser und Land sich schon damals begegneten. Kalk hat sich abgesetzt,

wohl aus seichten Seen; also auch so etwas war schon da. Zu andern

Malen hat das wirkliche Meer den Fleck überflutet, Krebse und beschalte

Wurmtiere heranführend. Gelegentlich im Laufe der Zeiten ist ein

mächtiger Lavastrom des Weges geflossen. Also auch schon Vulkanismus.

Und wie sollte er nicht? Die ganze Schichtenlage, nachdem sie eine

geraume Weile sich so gebildet hatte, ist eines Tages damals schon

ergriffen worden auch vom Schaukeln der Steinflut. Spalten sind

hindurchgebrochen, von denen wir wissen, daß sie dem Aufquellen

glühender Massen heute noch so günstig sind. An diesen Spalten haben

die ganzen Schichten sich zerstückelt, verschoben, schief gelagert,

steile Blockmassen als Berge und tiefe Senken als Täler bildend.

Auch dieses zeitweise Landschaftsrelief aber ist durch den Kreislauf

der Gewässer abermals abgenagt, geglättet, in ebenen Plan verwandelt

worden, ehe noch die folgende kambrische Periode begann. Denn diese

konnte ihre eigenen Schichten wieder ganz wagerecht auf solchem Plan

lagern. Noch mehr aber verrät uns das Wunder des Cañon. Ehe das alles

sich bildete im Algonkium, diese Ufersande, Kalke, Lavadecken, hatte an

dieser gleichen wandlungsreichen Stelle bereits ein gewaltiges Gebirge

gestanden. Kristallinische Schiefer, durchsetzt mit empordrängendem

Granit, waren durch Faltung der damaligen Erdrinde (damals schon!)

hoch emporgestaut worden, wie so viel Jahrmillionen später unsere

noch stehenden Alpen oder Kordilleren. Noch zeigt die tragende Masse

unter jenen andern Schichten innerlich ganz deutlich die Wellenlinien

dieser Faltung. Aber wiederum: noch ehe jene algonkischen Schichten,

die heute darauf lagern, sich absetzen konnten, hatte auch an diesem

Gebirge die zerstörende Verwitterung durch den schürfenden, sprengenden

und schmelzenden Wassertropfen gearbeitet. Und heruntergearbeitet

endlich (in was für Zeiträumen sicherlich!) hatte sie noch vorher das

ganze, ganze Gebirgsrelief schon so vollkommen, daß auch dieses Gebirge

zuletzt wieder einen oben vollständig glatten Plan gebildet hatte,

der nur noch in der Tiefe die letzten abgeschnittenen Faltungszacken

wahrte. Über die flache Platte dieses Blocks aber war dann die

Uferwelle dahergekommen, die jene Rippelmarken in den Sand schrieb, --

in den Sand, in dem wohl hier und da noch letzte Körnchen von diesem

abgewaschenen Gebirgsrelief selber lagen. Kein Zweifel: alles, was

bis heute eine »Karte« auf der Erdkugel gebaut hat, ist schon damals

beim Werk gewesen. Und auch das bestand bereits, was in aller Folge so

abhängig gewesen ist von dieser Erdkarte mit seinen tausend Anpassungen

und Entwicklungen, zugleich aber dieser Karte erst noch wieder den

eigentlichen Inhalt für uns gegeben hat: das organische Leben.

[Illustration: Abb. 8. Durchschnitt durch eine Wand des großen Cañon

des Koloradoflusses in Arizona. ~gn~ uralte gefaltete Gebirgsmasse

aus Gneiß, durchsetzt mit vulkanischen Durchbrüchen, oben durch

Verwitterung wieder bis auf die Wurzel platt abradiert. ~al~

aufgelagerte Schichten von Schiefern und Sandsteinen der algonkischen

Periode, durch erneute Bewegungen des Bodens samt der Unterlage

zerbrochen und verschoben. ~cam~ abermals platt aufgelagerte

Schichten, die in der kambrischen Periode sich bildeten und bis heute

horizontal liegen geblieben sind. ~dev~ ebenso aufgelagerte devonische

Ablagerungen, nur schwach noch vorhanden. ~carb~ Kalk- und Sandsteine,

die in der Steinkohlenperiode in außerordentlicher Masse noch darauf

getürmt wurden.

(Nach Frech.)]

Fast einförmig will die Erdgeschichte erscheinen, wenn man sie

gleich so »modern« einsetzen sieht. Es war aber in Wahrheit noch

für Überraschungen genug gesorgt, und auch das geographische Bild

liefert deren noch sehr sinnfällige. Auf die algonkische folgte

die _kambrische_ Periode. War es dort möglich, an einer Stichprobe

festzustellen, daß schon alle nötigen Voraussetzungen zu einer Karte

gegeben waren, so besitzen wir für sie jetzt eine Anzahl erster

Stichproben des Kartenbildes selbst. An den verschiedenen Punkten

der Erde erscheinen Ablagerungen noch der kambrischen Meere. Eine

nicht allzu reiche, aber doch kennzeichnende Tierwelt zeigt sich

in versteinerten Resten darin und erleichtert die Bestimmung der

Zugehörigkeit. Wo diese Schichten abreißen, wo sie fehlen, da vermutet

man Küste, vermutet man Land von damals, vorausgesetzt natürlich,

daß nicht spätere Zerstörung die Meereszeugnisse dort irreführend

wieder beseitigt hat; eine Voraussetzung, die allerdings, wie gesagt,

leider nicht immer gilt. Auf jeden Fall verraten aber die mächtigen

Schuttmassen selber, die die kambrischen Meere schon häufen konnten,

mit Sicherheit das Dasein großer Festlandmassen überhaupt. Gelegentlich

kann man auch aus der zwar allgemein zeitgenössisch verwandten, aber

doch in Einzelzügen schon örtlich etwas verschiedenen, gleichsam

in abgesonderten »Provinzen« entwickelten Meerestierwelt deutlich

erkennen, daß solche Landgebiete sich wie heute trennend zwischen

zwei Meere schoben. So wie man aber nun Einzelheiten der Karte daraus

zu erfassen sucht, treten rechte Seltsamkeiten hervor. Viel Land

scheint da zu sein, auffällig weite zusammenhängende Festlandstrecken,

zwischen denen auch noch das Meer, wo es eingreift, sich zumeist ganz

unzweideutig als seicht darstellt. Auf keinen Fall scheint weniger

Land vorhanden als heute. Und das ist gleich schon interessant für

ein Anfangsbild, ja es ist wertvoll, wie ich hinzufügen möchte, auch

für ein Schlußbild. Wie endlos weit wir jedenfalls schon von einem

vermutungsweisen »allumflutenden Meer« der Anfangstage entfernt

sind (falls ein solches Meer je vorhanden war), zeigt es. Aber es

beweist auch etwas für gewisse Ideen über die Zukunft der Erde, die

man öfter heute hören kann. Die Erde werde allmählich, wie der Mond,

austrocknen, sagt man uns, und damit werde natürlich alles Leben, auch

das menschliche, zuletzt jämmerlich zugrunde gehen. Wenn das richtig

wäre, so müßte sich das Festland im Verlauf der geologischen Epochen

seit der uns bekannten ältesten jedenfalls schon merkbar vergrößert,

das Wasser dagegen im Kartenbilde abgenommen haben. Wir würden also

auf der Karte des Kambriums größere und tiefere Ozeane mit nur erst

ein wenig inselhaftem Land darin erwarten müssen. Das Gegenteil ist

der Fall, und wir werden sogar gleich ein paar Karten früher Erdzeiten

sehen, auf denen ganz entschieden _mehr_ Land lag, als heute besteht.

Es scheint somit, daß das Wasserschlucken und Wasserspeien der Erdkugel

sich wirklich im Sinne des früher schon Gesagten auch geologisch stets

mindestens die Wage gehalten hat, und so brauchen wir in dem Punkt

jedenfalls nicht pessimistisch in die Zukunft zu sehen.

[Illustration: Abb. 9. Festländer und Meere in der unteren kambrischen

Periode (größtenteils nach Frech und Arldt).]

Was aber nun die Verteilung der kambrischen Festländer und Meere

anbetrifft, so scheint es, daß auch damals schon die Erde eine

ausgesprochene Landseite und eine ausgesprochene Wasserseite besaß. Und

zwar bildete die Wasserseite wie heute der _Stille_ oder _Pazifische

Ozean_, der noch ein gut Teil größer war, als gegenwärtig, während die

ganzen Erdteile äußerst dicht geschart auf dem übrigen Raum der Kugel

beisammen lagen. Es sei gleich gesagt, daß dieses Grundverhältnis

sich auch in allen zwischen heute und damals liegenden wechselvollen

Erdperioden niemals ernstlich verschoben zu haben scheint. Obwohl uns

die geologische Geschichte dieses Stillen Ozeans in vielem ja heute

noch eine unbekannte Welt sein muß, eben weil sein Grundgestein auch

heute tief unter den Wassern liegt, so sprechen doch die urweltlichen

Meeresablagerungen, die sich in den verschiedenen Erdperioden

immer wieder rings um seine ungefähren Ufer angesetzt haben, recht

eindringlich für eine solche Beständigkeit. Das wirkt nun wieder

verblüffend, obwohl es an sich auch noch bloß Heutiges urweltlich

wiederholt. Verblüffend ist es nämlich für jene Vermutung, daß alle

Regungen und Bewegungen der großen »Steinflut« in unserer Erdrinde, die

seit alters Meeresbecken, Erdteile und Gebirge neu geschaffen haben,

bloß ein Ergebnis des Nachsinkens, Einbrechens und Sichrunzelns dieser

Erdrinde über einem sich beständig verkleinernden Erdkern seien. Aus

dieser Meinung heraus ist jedenfalls sehr schwer verständlich, ja

unbegreiflich, warum die Erdkugel alle Jahrmillionen der bekannten

Erdperioden hindurch gleichsam auf ihrer einen Backe eine riesengroße

mehr oder minder tiefe Grube oder Mulde dauernd bewahrt haben soll,

während alles Stehenbleiben oder größere faltenhafte Emporquellen von

Erdteilen durchaus auf die andere Backe beschränkt blieb. Fast möchte

man hier eher an einen kosmischen oder sonst ganz allgemeinen Einfluß

denken, dem die Erde noch in jener »mythischen Epoche« ihrer Uranfänge

unterlegen wäre und der ihr Bild unabänderlich fortan bestimmt

hätte, -- wenn man nur wieder wüßte, was man sich darunter genauer

vorzustellen hätte. Jedenfalls muß die merkwürdige Sache uns aber die

Augen dafür offen halten, ob jene einseitige Schrumpfungstheorie so

ganz auf dem richtigen Wege ist.

Uns graut heute schon vor der Wasserwüste, die dieser Stille Ozean

etwa zwischen Kalifornien und China bildet. Wer damals dort hätte

segeln dürfen -- sagen wir in der Phantasie ein Wesen von fremdem

Stern, das schon in kambrischen Tagen, fünfzig und mehr Millionen Jahre

vor dem ersten Menschenauge, den Erdball entdeckt und besucht hätte

-- der wäre aber noch auf eine ganz andere Fläche gestoßen. Heute

neigen sich doch weiter nördlich wenigstens Asien und Amerika in der

Beringstraße eng zu einander. Der kambrische Pazifik trieb dagegen

seine ungeheuren Wellen auch hier noch unvergleichlich viel weiter,

er rollte sie über den engeren Fleck des heutigen China, über ganz

Ostsibirien, wo jetzt die Lena zum Eismeer strömt, bis hoch hinauf

in sieghafter Riesenentfaltung gegen die asiatische Nordspitze, das

Kap Tscheljuskin. Am Schlamm, den er dort überall abgesetzt und den

diese Länder, nachdem sie längst wirklich »Land« geworden, heute noch

an ungestörten Stellen als dicke versteinte Decken tragen, erkennt

man deutlich noch seine Spur. Und entsprechend überschwemmte er weite

Gebiete des heutigen westlichen Amerika. Von Alaska bis San Franzisko

wälzten sich auch hier seine grauen Wellen sintfluthaft. Er stand über

der ganzen Breite des unteren, zugespitzten Teils von Südamerika, von

Chile und Paraguay bis zum Kap Horn. Man fühlt sogleich, daß hier die

Gebirgsmauer der amerikanischen Kordillere noch fehlen mußte, die heute

als Felsengebirge und Anden westlich das Land verteidigt; und in der

Tat ist auch diese Kordillere erst viel, viel jüngeres geologische

Werk, wie die Anordnung und Faltung ihres Gesteins erweist. Wohl hätte

ein Besucher von damals, der sich wie ein verlorener Schmetterling

über diese endlosen Wasser hinausgejagt fand, doch auf eine Weile

den Eindruck erhalten können, er schaue noch über eine Urerde, deren

Kugelfläche ganz anders unter Wasser stand als später. Und der Eindruck

hätte sich verstärkt, wenn er inmitten dieser westamerikanischen

Überflutung nun folgerichtig damals auch keinem Isthmus von Panama

begegnet wäre, sondern auch dort quer über den Ort des heutigen

Mittelamerika hinweg in freier Fahrt ostwärts in das Gebiet des

Atlantischen Ozeans hätte einlenken können. Dann erst, bei dem Versuch,

dieses Becken zu erforschen, das zunächst auch nur wie eine offene

östliche Fortsetzung der bisher durchquerten pazifischen Wasserfläche

aussah, wäre er auf die wahre Sachlage auch der kambrischen

Festlandverteilung gekommen. Er mußte auf die riesigen inneren Küsten

der »Landseite« stoßen und das jetzt in einer Form, die einerseits ganz

entschieden abwich vom heutigen geographischen Sachverhalt, andrerseits

aber die wirklich nicht zu verachtende Masse auch des damaligen Landes

dartat.

Südöstlich von der breit offenen mittelamerikanischen Einfahrt, einem

natürlichen Panamakanal von damals fast zwanzig Breitengraden Öffnung,

hätte unser kambrischer Seefahrer endlich erstes Land gesichtet in

der Gegend etwa der heutigen atlantischen Küste von Kolumbien. Es

war der damals allein über Wasser stehende Nordblock von Südamerika,

in der Hauptmasse das heutige Brasilien umfassend. Es ist amüsant,

sich hier daran zu erinnern, daß auch unsere späte europäische

Entdeckungsgeschichte in der Zeit kurz nach Kolumbus einmal eine

Neigung gehabt hat, statt des heutigen großen Kontinents von Südamerika

dort bloß eine »brasilische Insel« zu suchen. Der Portugiese Cabral

hatte damals im Atlantischen Ozean südwärts nach dem Kap der guten

Hoffnung fahren wollen und entdeckte dabei zufällig, durch eine

Strömung aus dem Kurs gebracht, die für sein Wissen ganz vereinzelte

brasilische Küste. Eine Weile spukte daraufhin eine solche brasilische

Insel in den Köpfen, bis man durch weiteren Verfolg der Uferlinien

den wirklichen Umfang des neuen Kontinents für unsere Tage erfaßte.

Aber es gibt nicht leicht eine menschliche Phantasie, die nicht

irgendwo einmal auch im Reichtum der Natur verkörpert gewesen wäre,

und so ist im Kambrium und noch lange später auch ein urweltliches

Südamerika wirklich dagewesen, das wesentlich nur aus Brasilien

bestand. Eigenartigerweise aber wieder war der Begriff »Insel« dabei

aus einem ganz andern Grunde auch nicht richtig. Während dieses Stück

Südamerika nämlich im Gegensatz zu unsern Karten damals bei Panama

wirklich als Insel frei in den Ozean ragte, hätte unser kambrischer

Seefahrer gerade an der Seite, wo Cabral es als vermeintliche Insel

entdeckte, die befremdlichste Feststellung machen müssen. Eben da,

wo Cabral durch den Südteil des Atlantischen Ozeans nach Südafrika

durchfahren wollte, wäre ihm zu seiner Zeit der Weg völlig versperrt

gewesen. In der Verlängerung rund etwa von Venezuela ostwärts steuernd,

wäre er immer weiter und weiter an einer Küste entlang gefahren.

Schon nach kurzer Zeit konnte das nicht mehr die südamerikanische

sein. Südamerika hatte vielmehr damals ostwärts gegen Afrika zu keine

abschließende Ecke. Fortlaufende Festland sperrte die ganze Einfahrt

zum südlichen Atlantischen Ozean auf der vollen Breite von Venezuela

bis Nordafrika. Afrika und Brasilien bildeten eine einheitliche

_afrikanisch-brasilische_ Masse mit riesigem Verbindungsstück, an dem

westlich das wirkliche Brasilien nur wie eine Halbinsel hing. Nie hätte

ein Portugiese den »Seeweg nach Ostindien« in dieser Richtung finden

können! Vollzogen war in dieser uralt entlegenen Zeit, was wir oben

als Möglichkeit einer phantasievoll ausgestalteten modernen Meereskarte

flüchtig uns einmal vorgestellt hatten: der Atlantische Ozean in seinem

Südteil war einfach verrammelt mit Festland, bestand als Ozean dort

hinunter überhaupt nicht mehr.

Wenn unser kambrischer Segler nach dem vergeblichen Versuch, dieser

einförmigen Südmauer zu entrinnen, sich aber nun quer über das

Mittelstück des geheimnisvollen Meeres, in das er bei Panama doch so

offen eingefahren war, nordwärts gewendet hätte, so hätte er eine

neue eigentümliche Landerfahrung machen müssen. Nach Überquerung des

mittleren Teils des heutigen Atlantischen Ozeans wäre er nördlich

abermals auf eine ungeheure, ebenso endlos und einförmig sperrende

Küste gestoßen. Sie kam zunächst etwa aus der Gegend von Mexiko im

Bogen herauf. Offenbar also gehörte sie hier einem ebenfalls damals

schon über Wasser stehenden Teil jetzt von Nordamerika an. Genau folgte

sie allerdings zwischen Florida und Neufundland nicht dem gegenwärtigen

Küstenrand, sondern schnitt ein gut Teil noch in das heutige Land

selber ein. Man merkt, daß auch hier noch eine große Gebirgskette

fehlte, die Alleghanys, die für diese atlantische Küste Nordamerika

jetzt eine ähnliche Rolle als schützende Mauer spielen wie drüben

die Parallelfalten der Felsengebirge für die pazifische. Dann aber,

jenseits von Neufundland, verließ auch diese nordatlantische Sperrküste

einfach jede Landgrenze von heute. Sie schritt vor der Südspitze

von Grönland und Island her abermals östlich quer über den ganzen

Atlantischen Ozean auf Schottland und Skandinavien zu! Ein zweites,

ganz unfaßbar riesiges Festland mußte hier liegen, an dem diesmal der

vorhandene Teil von Nordamerika als Halbinsel hing, wie Südamerika

drüben an dem andern.

Dieses nordatlantische Festland ist die zweite recht eigentlich

bedeutsame Tatsache in der Länderverteilung der Urwelt. Damals im

alten Kambrium schon vorhanden, hat es eine gar nicht zu überbietende

geographische Rolle durch alle die folgenden Erdepochen bis noch in die

späte Tertiärzeit hinein gespielt. Wechselnd in den äußeren Grenzen,

da, dort einmal durchbrochen, streckenweise überflutet, von den andern

Festländern bald mehr getrennt, bald mehr brüderlich umfaßt, hat es

immer doch wie ein im ganzen unbeugsamer Recke dieser Urwelt sich

wieder erhoben, bis es erst ganz nahe zu unsern Tagen endlich fallen

sollte. Als wesentlicher Rest steht heute von ihm nur noch Grönland.

Dieses Grönland ist auf unsern Karten ja immer ein sonderbarer, man

möchte sagen, nicht mit klarem Rest aufgehender Landfleck. Soll man es

zu Nordamerika rechnen? Ist es eine Art eigenen Erdteils noch heute?

Das versteht man eben erst geologisch jetzt. Heute ist Grönland in der

Tat nur eine einzelne Ruinenzacke im Meer. Damals dehnte es sich offen

verfließend durch das Herz eines Erdteils; eine Landschaft war es in

seinen heutigen Nordteilen, wie heute etwa Tibet im Herzen Asiens oder

der Sudan in Afrika. Wer sich in jenen kambrischen Urtagen hoch darüber

hätte erheben können zu umfassender Schau, der sah das Land darüber

hinausfluten östlich bis über Spitzbergen und noch weiter, westlich

ohne trennende Meeresarme und Buchten über das ganze polare Inselland

von Nordamerika. Wie weit die Grenzen im Norden gingen, weiß man nicht.

Wahrscheinlich aber doch wohl über den Pol selbst noch hinüber. Wenn

man sich denken dürfte, Erdteile ließen sich schwimmend fortbewegen wie

Eisschollen, so könnte man fast versucht sein zu sagen, Nordamerika sei

in Gestalt dieser riesenhaften Masse damals polwärts heraufgerutscht

gewesen. Aber die ganze Größe der Dinge tritt erst hervor, wenn

man sieht, daß ja Nordamerika _außerdem_ damals noch vorhanden war

oder es doch sein konnte. In den kambrischen Tagen, deren Bild wir

bisher verfolgt haben (wesentlich das mutmaßliche Bild des ersten,

ältesten Abschnitts noch wieder innerhalb der gesamten kambrischen

Erdperiode), ragte von ihm wenigstens das Mittelstück als gewaltiges

Dreieck aus dem Ozean, über den Fleck der heutigen Baffinsbai, wie

gesagt, als Halbinsel anschmelzend an den rätselhaften nordatlantischen

Riesenblock; in folgenden geologischen Epochen ist es aber auch

gelegentlich fast ganz schon über den Wassern gewesen, und doch ragte

ebenso dieser Block.

Da wird man dann genötigt sein, für das Nordland einen besonderen

Namen zu suchen. Am besten wird man ihn anknüpfen an seine eigentlich

revolutionärste Eigenschaft, die es gegenüber dem heutigen Kartenbilde

stets besaß: seine ausgesprochene Richtung, nicht wie Nordamerika den

Atlantischen Ozean südnordwärts offen an sich vorbeiströmen zu lassen

gegen das Eismeer hin, sondern diesem Atlantischen Ozean von Norden

eine lange Mauer hemmend quer durch den Weg zu ziehen; wie immer seine

Grenzen im Verlauf der folgenden Erdperioden im einzelnen geschwankt

haben mögen, bald sich noch mehr vorschoben in den Ozean hinaus, bald

etwas zurückwichen, bald irgendwo vorübergehend einrissen: immer, so

lange es bestand, hat es diesen zähen Eigenwillen nicht aufgegeben.

Für ein Land aber, das den Atlantischen Ozean durchsetzen, einengen,

teilweise ausfüllen wollte, haben wir ein altes Sagenwort: _Atlantis_.

Die griechische Sage nennt auf Grund ägyptischer Überlieferung

eigentlich so ein Land, das noch in höheren Kulturtagen parallel zu

Altägypten jenseits der Säulen des Herkules, also modern gesprochen

der Straße von Gibraltar, mitten im Atlantischen Ozean gelegen haben

soll. Sehr hohe Kultur sollte dort geblüht haben, in einer Nacht der

Schrecken aber hätte der Ozean selber es wieder verschlungen. Es

ist auch hier, wie bei der Sintfluterzählung, schwer, mit der Sage

geologisch zu rechten. Man hat an mancherlei Möglichkeiten gedacht:

alte Ahnungen von Amerika; alte afrikanische Kultur, deren Ort später

sagenhaft geworden wäre. Will man sich auf den Ort gerade westlich von

Spanien versteifen, so ist wohl mit ziemlicher Gewißheit zu sagen, daß

in diesem eigentlichen Mittelstück des Atlantischen Ozeans in allen

bekannten Erdperioden niemals ein größeres Land gewesen ist, also

vollends nicht noch in Kulturtagen. Höchstens kleine Landvorsprünge

und vereinzelte Inseln könnten hier in Betracht kommen. Dagegen sind

wir eben für das Kambrium ja an einem Lande vorbeigefahren, das

südatlantisch Afrika mit Brasilien verband, einem atlantischen Lande

wirklich und wahrhaftig fast so groß wie dreiviertel Afrika selber. Und

nun haben wir entsprechend auch ein solches nordatlantisches Sperrland.

Für die Sage kommen allerdings auch diese Wunderländer der Vorzeit

wahrscheinlich nicht in Betracht. Das afrikanisch-brasilische hat zwar

auch nach der kambrischen Zeit noch viele Jahrmillionen bestanden, aber

zuletzt ist es doch endgültig fortgebröckelt, fortgeschwemmt worden

bereits in Tagen, aus denen von Kulturüberlieferung noch keine Rede

sein kann, denn der Mensch war noch gar nicht da; seine tierischen

Vorfahren können ihm doch nicht gut von dieser »Atlantis« erzählt

haben. Die letzte Brücke des nordatlantischen Festlandes aber dürfte im

Ausgang der Tertiärzeit zerbrochen sein: hier könnten also höchstens

noch Menschen mit Steinkultur der Neandertaler durchgezogen sein, aber

auch keine Ableger ägyptischer Weisheit mehr geblüht haben. Inzwischen

ist aber das hübsche Wort zu vergeben. Will man es auf die beiden

atlantischen Sperrländer der Geologie übertragen, so hätten wir unten

eine _Südatlantis_, oben eine _Nordatlantis_. Da aber (wie gleich zu

erzählen ist) für die Südatlantis in der Hochblüte ihres Bestehens

noch ein anderer Name übergreifend bedeutsam wird, empfiehlt es sich,

gewöhnlich den Nordblock, der gebieterisch einen Namen für sich

fordert, als »Atlantis« schlechtweg zu bezeichnen.

Festländer und Meere im Wechsel der Zeiten · 第 4 / 9 段