bei den Erdteilen von einer Alten und Neuen Welt zu reden, also zwei
großen getrennten Landmassen auf der Ost- und der Westhalbkugel; und
beim Meer denken wir am meisten an das atlantische, das diese beiden
Gegenstücke für uns Kulturmenschen so lange und so weit voneinander
gehalten hat. Ein Betrachter vom Weltraum aus würde aber anders
urteilen, und wir können uns leicht seinen Standpunkt verschaffen,
wenn wir einen in der richtigen Achsenschiefe eingestellten Globus
drehen. Es gibt da eine Lage, bei der fast die ganze Frontwölbung
einheitlich erfüllt ist vom Wasserblau des _Stillen_ oder _Pazifischen
Ozeans_. Eine wirkliche »Wasserseite« hat hier der Erdball. Schaut
man dann über den Nordpol hinaus, so erscheinen die Landmassen
drüben für ihr Teil ebenfalls als eine Einheit; sie ergeben eine
»_Landseite_« der Kugel; der Atlantische Ozean gewinnt dort nur das
Wesen eines sehr großen Kanals, der zweimal, nördlich über Schottland,
Island, Grönland, südlich bei Afrika-Brasilien, eine starke Neigung
zeigt, sich zu schließen. Den stärksten Block dieser »Landseite«
bilden im Norden Asien (mit Europa) und Nordamerika (mit Grönland).
Mit geringer Phantasie ließen sie sich über den Pol hinweg als
wirklicher _nordischer Riesenerdteil_ zusammenschließen. Die heutige
trennende Überflutung, die unter den Eisfeldern des Pols durchgeht,
erschiene dann nur als ein nebensächliches, mehrfach durch Inseln
oder Meeresbodenwölbung stark verstopftes, vielleicht vergängliches
Kanalstück, das sich hier als Verlängerung des atlantischen Kanals
durch die einheitliche nordische Landmasse ziemlich mühsam bis zum
Stillen Ozean durchgebohrt hat. Es scheinen noch mehrere Anläufe zu
solchen Kanälen dort zu bestehen, die aber noch weniger erreicht
haben; so zwischen Grönland und Nordamerika einer in der Verlängerung
der Davis-Straße; bei uns in Europa der stumpf auslaufende Vorstoß
Nordsee, Ostsee, Bottnischer und Finnischer Meerbusen; aus der heutigen
Landbeschaffenheit ließe sich leicht aber auch noch einer dazu denken,
der Asien und Europa am Ural hin, etwa zwischen dem Kaspischen Meer
und der Obmündung, teilte und vielleicht südwestlich Anschluß an das
Mittelmeer erhielte.
Jedenfalls liegt die heute auf der Karte noch unruhigste, wie frisch
erst zerstückelt aussehende, überall klippenhafte Stelle dieser
Einbrüche zwischen den Nordteilen Europas und Grönland. Die bekannte,
überaus _unruhige Gestaltung des Kartenbildes von Europa_ wird hier von
der einen Seite mitbedingt. Sie ist ja bemerkt worden, so lange die
Kultur sich jetzt auf dieser (eigentlich ist sie es heute doch nur)
Halbinsel Asiens immer enger vereinigt hat. Nicht müde sind denkende
Geschichtsforscher und Geographen geworden, aus ihr die weittragendsten
Folgerungen für die Entwicklung dieser Kultur zu ziehen. In der Tat
gibt es kein zweites so großes Landgebiet der Erde, das geographisch
einen so durchgearbeiteten Charakterkopf hätte, wie Europa, und daß
gerade er für die weitere Charakterbildung auch des Kulturantlitzes der
Menschheit von der größten Bedeutung sein mußte, ist klar. Aber wieder
diesen geographischen Charakter wird man sich nur erklären können
durch eine ungemein reiche geographisch-geologische Vergangenheit.
Seit den ältesten Zeiten bis in die jüngsten Tage meint man hier eine
Stätte nicht abreißender Erlebnisse, Wandlungen, Kämpfe des Erdbildes
zu sehen, deren Geschichte die eigenartigsten Überraschungen zu
versprechen scheint. Das gilt aber wie von Europas Nordseite, so eher
verstärkt noch auch von seiner Südseite am Mittelmeer. Hier aber gibt
sich Gelegenheit, auf etwas Neues in der gesamten Kontinentbildung der
Landseite unseres Planeten von heute aufmerksam zu werden.
Nimmt man Nordamerika, Grönland, Asien und Europa als eine geschlossene
nordische Landmasse an, so stellen sich dieser Masse unverkennbar _die
übrigen Erdteile alle als südlich gelagert gegenüber_: Südamerika,
Afrika, Australien und die einsame hohe Klippe des Südpolarlandes.
Statt der hergebrachten Einteilung in einen Ostteil und Westteil
des Festlandes der Erde erhalten wir einen ausgesprochenen Nordteil
und einen ausgesprochenen Südteil. Dieser _Südteil_ läßt sich aber
heute nicht entfernt so zu einem Einheitsblock vereinigen, wie die
Nordmasse. Eigentlich sind es _vier_ heute gut in sich geschlossene
_Einzelblöcke_, die sich wie riesige Inseln südwärts unter den
Nordblock lagern. Nähert sich immerhin noch einigermaßen die äußerste
Ecke des westlichen Nordafrika der östlichsten von Brasilien, grüßt
Feuerland merkbar zu der südpolaren Klippe hinüber, so trennen doch
ganz unabsehbare Meeresweiten heute etwa das Kap Horn vom Kapland, das
Kapland von der australischen Westküste, Afrika von der Antarktis. Man
hat das Gefühl, daß hier statt unruhiger, noch spät möglicherweise
fortdauernder Einzelversuche von Kanalsprengungen wie in der Nordmasse
zu irgendeiner älteren Zeit eine wirkliche endgültige Zerstücklung mit
Sinken ungeheurer Zwischengebiete stattgefunden haben müßte, falls
man auch für diese Südhälfte der Gesamt-Landseite eine ursprüngliche
geschlossene Blockeinheit annehmen will, die dem Nordkontinent einen
ebenso großen _Südkontinent_ im ganzen gegenüber gesetzt hätte. Und
das unverkennbar größte Loch würde man dabei im Indischen Ozean
annehmen müssen. Nordamerika liegt immerhin heute noch Südamerika,
Europa Afrika, Ostasien Australien gegenüber; von Vorderindien geht
es dagegen in die offene blaue Wasserwüste hinein, bis tief unter
die abschneidende Wölbung der Kugel. Obwohl der mathematische Südpol
selbst gegenwärtig auf einer einsamen Ecke Landes liegt, muß man im
ganzen doch sagen, daß auf unserer heutigen Karte das Wasser eine
gewisse Neigung zeigt, zu der eigentlichen, durch irgendein Gesetz ihm
preisgegebenen Wasserseite unseres Planeten (wie sie der Stille Ozean
darstellt) auch noch den Südteil der Landseite von den höheren Breiten
an äquatorwärts aufdringlich stärker zu überschwemmen. Wobei aber doch
auch wahr bleibt, daß vier große Blöcke darin liegen, die wirklich
in mehrerem Betracht ganz wie vier stehengebliebene Pfeiler einer
Gesamtmasse aussehen, die auch hier im Süden einmal der »Sintflut«
trotzte, heute aber aus irgendeinem Grund in diese Trümmer zerfallen
ist. Noch wieder ein Interessantes betrifft aber dann die Angliederung
dieser Südstücke an die große Nordmasse.
Der Ausdruck »Insel« für die Südkontinente im Verhältnis zum Nordklotz
ist ja nur bedingt richtig. Nordamerika hat eine ganz dünne Verbindung
mit Südamerika, und Afrika hing wenigstens noch in geschichtlicher
Zeit bei Suez mit Asien zusammen. Aber diese winzigen Landbrücken
von heute können nicht darüber täuschen, daß auf weite Strecken hin
ein »_Mittelmeer_« bestrebt ist, in ungefähr paralleler Richtung zum
Äquator den Nordkontinent von den Südkontinenten durch ein mehr oder
minder deutliches westöstliches Wasserband zu scheiden. Unmittelbar
geläufig ist uns das gewohnheitsmäßig als Mittelmeer bezeichnete
Stück dieses Trennungsmeeres, das Europa von Afrika sondert. Es ist
hier schmal, kanalhaft, streckenweise fast verstopft heute; sein
europäisches Ufer ist über alle Maßen reich gegliedert, und wir
alle wissen hier wieder, wie diese Gliederung in Spanien, Italien,
Griechenland eine Macht ersten Ranges für die Kulturgeschichte
geworden ist. Mehr naturgeschichtlich werden wir aber auch hier den
Schauplatz langer und noch nahe zu uns heranreichender Bewegungen und
Umwälzungen vermuten. Ein ganz ähnliches Mittelmeer mit großen Inseln
und reicher Ufergliederung finden wir dann zwischen Nordamerika und
Südamerika. Die erwartete künstliche Durchstechung der Landenge von
Panama würde ihm eine freie Einlaufstelle zum Stillen Ozean geben, wie
sie unser altweltliches Mittelmeer bei Gibraltar zum atlantischen hat.
Zwischen dieses mittelamerikanische und unser europäisch-afrikanisches
Mittelmeer schiebt sich das Mittelstück dieses Atlantischen Ozeans.
Dächten wir uns wirklich die Nordmasse einmal ganz vereint, also
etwa von Nordeuropa über Island nach Grönland und Nordamerika eine
geschlossene Küste bildend; und dächten wir uns auch einmal in den
Südgebieten wirklich noch Afrika und Südamerika mit ihren zustrebenden
Ecken verwachsen: so wäre der so allein übrigbleibende Mittelteil des
Atlantischen Ozeans auch nur ein echtes Stück »Mittelmeer« zwischen
Nord und Süd, in dem das vom Stillen Ozean kommende amerikanische
Mittelmeer mit breitem weiterschreitendem Wasserring sich einfach bis
zu dem europäisch-afrikanischen Mittelmeer fortsetzte. Die Wasserbahn
zwischen Nord und Süd ginge tatsächlich von Panama bis etwa nach
Palästina einheitlich durch. Von dort könnte man sie weiter abbiegen
lassen durch den großen Einsturzgraben des Roten Meeres bis an die
asiatische Seite des Indischen Ozeans, wo heute allerdings, wie
gesagt, das große Loch ist und die Fortsetzung des Südlandes überhaupt
fehlt, wenn man nicht die unendlich entfernte Südpolklippe noch für
den entlegensten Rest nehmen will. Jedenfalls käme man aber auch
hier mit Wasser weiter, schnitte noch einmal zwischen Ostasien und
Australien eine Art mit Landvorsprüngen und Inseln fast verstopften
malaiischen Mittelmeers, um endlich wie auf der amerikanischen Seite im
Stillen Ozean, also auf der großen Wasserseite überhaupt, zu münden.
Von Wasserseite zu Wasserseite durchbrechend, schnitte das »_große
Mittelmeer_« als Gesamtbegriff die ganze Landseite des Planeten
quer auf Nord und Süd auseinander. Immerhin muß auf dem letzten,
dem asiatischen Stück die starke Richtungsbiegung beim Roten Meer
auffallen. Der klaren Richtungsfolge entsprechend, möchte man mit dem
Wasserring dort viel lieber unmittelbar durch Asien hindurchgehen, quer
durch Zentralasien bis, sagen wir einmal, Südchina oder Hinterindien.
Ein hier durchbrechendes zentralasiatisches Mittelmeer als östliches
Ringstück des Ganzen hätte jedenfalls noch eine interessante Folge.
Es schlüge ein Stück von Südasien, vor allem das riesige Dreieck
_Vorderindien_, zu den Südländern hinüber, machte es zu einem heute
vereinzelten Pfeiler dort gleich Afrika und Südamerika, einem letzten
Pfeiler, der doch noch wenigstens an der Grenze des großen rätselhaften
Lochs im Indischen Ozean ragte. Keiner kann die Karte von heute
ansehen, ohne zu fühlen, daß Vorderindien trotz seiner kleineren
Maße eine geradezu auffällige äußere Ähnlichkeit mit Südafrika und
Südamerika besitzt; wenn etwa in der Gegend des Himalaja statt eines
schneebedeckten Hochgebirges heute noch ein Meeresarm blaute, so würde
keiner zweifeln, daß hier in Indien ein kleiner fünfter Südblock, eine
Art von Süd-Asien im viel schärferen, Süd-Amerika drüben entsprechenden
Sinne erhalten sei. Die Erwähnung des Himalaja gibt aber selber einen
neuen Fingerzeig.
Dieser Himalaja im Bunde mit den andern riesigen Gebirgsfalten
Zentralasiens verstopft heute einer so gedachten östlichen Verlängerung
des großen trennenden Mittelmeers den unmittelbaren Weg, eben weil er
vorhanden ist. Das muß uns auch sonst auf die störende Rolle gewisser
_großer Gebirgszüge_ unserer heutigen Weltkarte bei diesem Mittelmeer
aufmerksam machen. In dem vorhandenen Mittelmeer zwischen Europa und
Afrika kann uns nicht entgehen, daß eine Hauptschuld an den zahlreichen
Hemmungen, Verstopfungen und Verengungen, die dieses Stück Wasserring
zwar nicht ganz unterkriegen, aber doch allenthalben sozusagen
quetschen, auch einige der bekanntesten Faltengebirge von heute tragen:
die Apenninen schneiden es nahezu mitten durch, die Pyrenäen, Alpen,
Karpathen hemmen seine Breitenentfaltung nach Europa hinein, und so
weiter. In Mittelamerika bauen die Kordilleren, von Nordamerika kommend
und nach Südamerika weiterlaufend, mit an der Mauer, die dem freien
Anschluß des großen Mittelmeers zum Stillen Ozean an dieser Stelle
den Weg verlegt. Alle die hier genannten Gebirge gehören aber ein
und derselben Faltungszeit der Erdrinde an, und zwar (es wurde beim
Himalaja oben schon erwähnt) einer verhältnismäßig noch jungen. Sie
sind erst entstanden im Verlaufe hauptsächlich des mittleren Abschnitts
der Tertiärperiode, also zu einer Zeit, da der Mensch schon entweder
im Entstehen begriffen oder sogar bereits vorhanden war. Wir haben
keine Überlieferung davon, aber vielleicht könnten sich Menschenaugen
alle diese Gebirge noch fortdenken. Damals dann muß auch jedes jener
Hemmnisse fortgefallen sein, und wir würden uns denken dürfen, daß
der Ring unseres trennenden Riesenmittelmeers zwischen dem Nord- und
Südlande tatsächlich noch ganz anders glatt durchgegangen wäre.
Es würde mir nicht einfallen, den Leser so lange auf unserm doch
allbekannten Kartenbilde von heute spazieren zu führen, wenn nicht der
vielleicht verblüffende Sachverhalt einfach der wäre, daß mit dieser
Betrachtung schon ein ganzer Hauptteil der wesentlichsten Veränderungen
gestreift ist, die uns der Geolog für seine Weltalter gegenwärtig an
dieser Karte aufzuzählen weiß. Die eigentümliche Lage des Stillen
Ozeans gegenüber den andern Meeren und dem Gesamtblock der Landgebiete;
die allmähliche Entstehung des Atlantischen Ozeans; der ungeheure
Nordblock; seine Durchkreuzung durch polar gerichtete Meereskanäle;
die Zertrümmerung der atlantischen Landverbindung zwischen Nordeuropa
und Grönland; Europa als ein Brennpunkt immer erneuter geologischer
Unruhe; die Möglichkeit eines Südblocks und seiner Zersplitterung; das
Geheimnis des Indischen Ozeans; Entstehung und wechselnde Schicksale
des großen Mittelmeers; die wahre Rolle Indiens; die Wandlungen des
Kartenbildes durch neu aufsteigende Gebirgsfalten: jeder einzelne
dieser Punkte bildet ein entscheidendes Kapitel in unserer heutigen
Kenntnis vom Wechsel von Wasser und Land in der geologischen
Vergangenheit, so weit es sich um halbwegs beweisbare Vermutungen
handelt.
So gern der Geschichtsschreiber der Erdkarte möchte: er kann niemals
mit dem wirklichen Anfang beginnen. Wenn eine Anschauung, die wieder
mehr astronomisch als geologisch ist, die Erde in ihren äußersten
Urtagen auch an der Oberfläche glühend flüssig sein läßt, so hat das
mit einer Karte noch nichts zu tun. Die älteste Erstarrungskruste
dieses Glutballs -- darüber sind sich heute die meisten Geologen und
Mineralogen so ziemlich einig -- kennen wir ebenfalls heute nicht
mehr; wir haben keinen Fleck, der in diesem Sinne nachweisbar noch
jetzt echtes »Urland« wäre. Eine gangbare Vermutung, die natürlich
von jenem Bilde der glühenden Urerde abhängig ist, läßt auf dieser
zunächst noch warmen Rinde das Wasser, das bis dahin als Dampf in der
Atmosphäre schwebte, sich zum ersten Mal überall niederschlagen in
Gestalt eines ältesten allumflutenden Erdmeeres. Auch über dieses Bild
läßt sich mit Tatsachen noch nichts aussagen. Es muß dahingestellt
bleiben, ob wenigstens dieses wahre »Urmeer« wirklich zunächst noch
sintfluthaft die ganze Kugel umwogt haben könnte oder ob es auch damals
sich sogleich schon Unebenheiten, Schollen, Falten, vulkanischen
Aufgüssen der neuen Rinde anbequemen, steile Rindenteile frei lassen
und sich in Senkungen sammeln mußte; das letztere ist natürlich das
wahrscheinlichere. Was man aber gelegentlich sonst schon von diesem
Urmeer oder diesen Urmeeren zu wissen glaubte, hat sich durchweg als
viel zu frühe Vermutung herausgestellt. Ihre noch heißen, chemisch weit
wirksameren Wasser sollten die sogenannten kristallinischen Schiefer
als eine Art ersten Heißschlammes abgesetzt haben. Es handelt sich hier
um mächtige Gesteinsschichten der heutigen Erdrinde, die einerseits
wie Wasserabsätze, Meeresschlamm der Vorwelt, aussehen, andrerseits
aber im Gegensatz zu sonstigen geologischen Meeresniederschlägen
auch irgendeinen Wärmeeinfluß, der sie innerlich anders gestaltete,
verraten. Frühere Ansicht nahm sie sämtlich für uralt, älter als alle
sonstigen Schichten jener Art. Da sollte sie dann das heiße Erstmeer
unter ganz absonderlichen Verhältnissen, die nie mehr so wiedergekehrt
wären, gebildet haben. Die neuere Geologie glaubt zunächst nicht mehr
an das wirkliche Uralter aller dieser kristallinischen Schiefer; auch
viel jüngere Bodenabsätze des Meeres können in solche nachträglich
verwandelt worden sein, wenn sie durch Senkungen und Faltungen der
Erdrinde nachmals noch wieder in das Bereich stärker erwärmter
Erdentiefen gerieten. Je tiefer andrerseits aber eine Schicht ihrem
Alter nach wirklich lag, desto sicherer mußte sie dieser nachträglichen
Umformung im Erdenschoße verfallen. Was also an Schiefern wirklich
bis ins Uralter reicht, das muß vermutlich heute samt und sonders
kristallinisch verändert sein. Zu ihrer Zeit und in ihrem Urmeer selbst
aber können auch solche Urschiefer genau so entstanden und ursprünglich
beschaffen gewesen sein, wie alle späteren nicht kristallinischen. Dann
verraten sie uns aber auch nichts über ein heißes Urmeer, mögen sie so
alt sein wie sie wollen.
Wie immer es sich aber mit dieser, man darf wohl noch sagen,
»mythischen« Periode der Geologie verhalte: unfaßbar lange Zeiträume
müssen nach ihr bereits verflossen gewesen sein bis zu dem Punkte,
wo unsere wirkliche geologische Überlieferung beginnt. Bekanntlich
bezeichnet man die uns bekannten und aus allerlei Gründen mehr
oder minder gut voneinander unterscheidbaren großen Abschnitte der
Erdentwicklung mit hergebracht festen Namen, die bald an einfache
Zahlzeichen (z. B. Tertiärperiode für das dritte Hauptweltalter),
bald an eine ihrer bekanntesten Hinterlassenschaften anknüpfen, z. B.
die Steinkohlenperiode oder die Kreideperiode, bald endlich einen Ort
nennen, wo solche Erbteile von damals in Gestalt von Gesteinsschichten
sich besonders auffällig gemacht haben, z. B. die Devonperiode nach
der englischen Landschaft Devonshire (abgekürzt Devon). Die größte
Errungenschaft der neueren Geologie ist aber dabei, daß man die
zeitliche Reihenfolge dieser Einzelabschnitte von oben nach unten
kennt, also weiß, daß etwa die Steinkohlenperiode weit älter liegt,
als die Kreideperiode, und die Devonperiode noch wieder älter als
diese Periode der Steinkohlenbildung. Längere Zeit hindurch war nun
überhaupt die älteste dieser Epochen, aus der man nicht bloß mehr oder
minder kristallinisch veränderte und unklar gemachte Gesteinsschichten,
sondern wohl deutbare Ablagerungen mit noch eingebetteten Tierresten
hatte, die sogenannte kambrische Periode, die ebenfalls nach einem
südenglischen Berggebiet (Kambria ist ein alter Name für Wales) ihre
Bezeichnung bekommen hatte. Und erst eine neuere Errungenschaft ist es
wieder, daß man doch auch dahinter noch ein Stück weiter vorgedrungen
ist, -- bis in eine Erdperiode hinein, die man nach dem Heimatgebiet
der heute untergehenden nordamerikanischen Algonkin-Indianer (wo von
ihr gebildetes Gestein unter anderm gefunden wird) die algonkische oder
kurz das _Algonkium_ nennt; diese zweite Bezeichnung entspricht dem
Brauch der auch sonst abkürzend von »dem Kambrium« oder »der Kreide«
oder »dem Tertiär« geologisch reden läßt.
Mit diesem Algonkium geht für uns recht eigentlich der Vorhang der
Erdgeschichte im engeren auf. Nicht allzu viel ist es, was wir von
ihrem ersten Akt dabei noch zu sehen bekommen, aber bezeichnend genug
ist es schon. Mit aller Sicherheit erkennen wir, daß wir auch hier
nicht bei einem wirklichen Anfang der _Dinge_ selbst, sondern bloß
bei einem Anfang unseres _Wissens_ stehen. Denn nicht erst im rohen
Werden, sondern aufgeschlagen, längst offenbar aufgeschlagen bereits
ist die ganze Bühne, auf der fortan die Erdentwicklung weiter spielen
sollte. Man vermag dieser algonkischen Periode auf Grund ihrer bisher
bekannten einwandfreien Hinterlassenschaften nicht mehr so auf der
Erde nachzugehen, daß man eine Karte ihrer Länder und Meere entwerfen
könnte. Aber das Wenige, das wir von ihr noch haben, beweist, daß
sämtliche Voraussetzungen zu einer solchen Karte im heutigen Sinne
schon in ihr klar gegeben waren. Nicht so, daß ihre Länder, Meere
und Gebirge genau am gleichen Fleck hätten liegen müssen, wo diese
geographischen Einzelheiten heute liegen; aber so, daß Land, Meer,
Gebirge schon überhaupt vorhanden waren. Aus ganz einfachen Stichproben
läßt sich das mit sieghafter Überzeugungskraft nachweisen.
Da gähnt in Nordamerika, in der Landschaft Arizona, das Naturwunder des
sogenannten großen Cañon des Koloradoflusses. Alle Vergnügungsreisenden
dort besuchen und bestaunen es heute schon. An einer weiten Hochebene
hat sich eine Reihe von Jahrhunderttausenden lang wieder einmal die
Macht des rinnenden Wassers erprobt. Das Stromnetz hat unablässig
wühlend und nagend die Gesteinsschichten zerstückelt, eine nach der
andern wie Butterbrotscheiben abwärts wieder erschließend, wie sie
sich in der geologischen Reihenfolge der Perioden einst übereinander
gestapelt hatten. Zuletzt hat es sich dann noch wie mit dem Messer in
den Grund eingeschnitten, schauerliche Spalten von fabelhafter Tiefe
bildend, die eher an die Rillen des Mondes erinnern, als an irdische
Täler. Cañons, Röhren, nennt sie der Spanier. Jener größte ist 60
Meilen lang und bis 2000 Meter tief. Nackt starren die Schichten
aus seiner Wand, in wunderbar grellen Farben gleißend, hinunter und
hinunter steigend, als solle es mit dem Wort der Bibel wirklich bis
in der Erde Nieren gehen. Schier unglaublich wirkt es schon, was an
solchem einzelnen Fleck sich im endlosen Verlauf der Urwelt überhaupt
alles ablagern konnte. Die Hochebene im ganzen beginnt fern oben mit
Gesteinen aus der Tertiärzeit. Dann aber geht es rückwärts buchstäblich
durch alle Weltalter. Die eigentliche enge Cañonspalte muß sich noch
durch eine Bergesbreite Kalk und Sandstein der alten Steinkohlenperiode
sägen. Bis sie noch immer tiefer und tiefer stürzend in ihrem
grauenhaften Schlunde endlich auch den uralten Boden des Kambriums
schneidet. Selbst dort aber ist diesmal kein Ende. Aufspalten muß sich
die noch entlegenere Urerde des Algonkiums. Auf einen einzelnen hellen
Augenblick sehen wir in ihre Landschaft. Aber wieviel sieht der Geolog
da sogleich.
[Illustration: Abb. 7. Versteinerter Sand mit Erhöhungen und Furchen
(sogenannten »Rippelmarken«), die durch Wellenschlag oder unmittelbar
durch den Wind in urweltlichen Tagen erzeugt wurden.
(Aus dem Buntsandstein der Permperiode.)]