das Wasser betrifft, so ist dieser Verlauf doch immerhin einseitig. Das
Wasser schafft zwar die Mineralstoffe der oberen Erdrinde nicht aus der
Welt, aber es nivelliert, es arbeitet von sich aus unablässig einseitig
dahin, die Ungleichheiten der Landfeste möglichst fortzuglätten. Über
das Schicksal einer Erde, lediglich in seine Hand gegeben, könnte bei
der nötigen Zeit also kein Zweifel sein. Alle Gebirge würden endlich
heruntergetragen. Jede gegenwärtige Unebenheit des Bodens aller
Länder würde beseitigt. Gleichzeitig aber würden die Kontinentsockel
selbst von den Rändern und in die Tiefe hinab zernagt und erniedrigt,
während die Meere umgekehrt durch das hier entzogene Material immer
mehr ausgefüllt, durch wachsende Schlammschichten immer seichter
gemacht würden, was wieder eine umfassendere Überflutung der überall
holländisch platten Festländer zur Folge haben müßte. Als ungefähres
Schlußbild könnte die Phantasie sich denken, daß zuletzt die allseitig
ausgewalzten und angeebneten Schutt- und Sandreste des alten Erdreliefs
einen völlig einheitlichen Plan um die Erde bildeten, auf dessen Höhe
ein seichtes Meer ebenso einheitlich die ganze Kugel umwogte. So sehr
seicht brauchte dieses sieghafte Schlußmeer noch gar nicht einmal zu
sein: die heutige Wassermasse aller Ozeane, über die gesamte Erde
gleichmäßig verteilt, ergäbe immer noch einen Wasserstand von rund 2000
~m~ Tiefe. Also eine recht tüchtige »Sintflut« als Schluß!
Der Faden der Geschichte des Land- und Wasserwechsels im Wandel der
Zeiten wäre also, rein so besehen, ein ungemein einfacher: alles
Land, wie es heute unsere Erdkarte noch zeigt, vergeht allmählich
zugunsten eines allseitig erhöhten einheitlichen Meeresgrundes; die
Sterne der Zukunft spiegeln sich in einem absolut sieghaften Meer.
Fragt sich bloß, warum bei der sicher erweislichen ungeheuren Länge
der geologischen Zeiträume dieses Ziel nicht längst erreicht ist. In
all diesen Zeiten hat das Wasser doch rastlos so gearbeitet und es hat
Sandschichten gehäuft, die selber wie Gebirge so dick sind und denen
man also zutraute, daß sie Gebirge geschluckt haben könnten; trotzdem
ragen noch immer himmelhohe Gebirge über uns. Die Jahrmillionen
scheinen aber selbst für die Zerstörung von Kontinenten zu langen.
Und doch stehen noch fünf zum Teil genügend ansehnliche Erdteile
auf unserer Karte, während gleichzeitig der Meeresgrund keineswegs
Anstalten macht, überall gleichmäßig zu versanden; noch gibt es
Meerestiefen, in denen der höchste Himalajagipfel versenkt werden
könnte, ohne aus dem Wasserspiegel zu ragen.
[Illustration: Abb. 5. Reste eines versunkenen Waldes an der deutschen
Ostseeküste.
(Nach einer Zeichnung von Heinz Niederbühl.)]
In diesem Widerspruch weisen jetzt jene alten Meermuscheln tief im
Lande sogleich den weiteren richtigen Weg. Sie fallen doch versteint
aus versteintem Meeresschlamm von ehemals. Dieser Schlamm ist offenbar
vorzeiten durch Arbeit des Wasserkreislaufs vom Lande, vom Gebirge
heruntergewaschen und im Meeresgrunde abgelagert worden; die Muscheln
bezeugen, daß er wirklich schon einmal im Meere war. Aber heute liegt
er ebenso ersichtlich nicht mehr in diesem seinem Meeresgrunde. Hoch
auf dem Festland liegt er vielmehr wieder, weit im Binnenlande, ja den
Wolken nahe neu in himmelragendem Gebirge. Unglaublich hoch kann er so
liegen: im Himalaja finden sich gewisse Schichten mit Meertieren noch
bis 5000 ~m~ hoch. Hier ist also etwas Besonderes noch nachträglich
geschehen, das niemals vom Wasser selbst ausgehen konnte. Durch eine
unabhängige Macht ist der Meeresboden wieder ganz aus dem Wasser
gehoben, zu neuem Festland gemacht worden. Und auf diesem Festlande
ist er, wenn er heute gar hoch im Gebirge liegt, nochmals höher und
höher bis in die Wolken hinaufgestaut worden durch eine Gebirgsbildung
dieses Festlandes, die ebenfalls seither noch neu stattgefunden haben
muß. Im einzelnen können wir heute oft noch angeben, wann diese Bildung
erst sich vollzogen haben kann. In jenen jetzt so fabelhaft hoch
verstiegenen Schichten am Himalaja finden sich die Reste gewisser
meerbewohnender Urtiere, der Nummuliten, die in dieser Gestalt für die
Meere im Anfang der sogenannten Tertiärzeit (also schon des dritten
geologischen Hauptweltalters, von unten gerechnet) charakteristisch
waren. Um diese Zeit muß ein solches Nummulitenmeer also auch dort in
Indien noch geblaut haben. In der Zwischenzeit seit damals kann dann
aber erst das Gebirge sich gebildet haben, das an seinem Fleck eben
diesen Meeresboden bis zu 5000 ~m~ Höhe hinaufgeschoben hat, während es
selber zugleich in seinem alleräußersten Gipfel es dabei bis zum Mount
Everest gebracht hat, also der höchsten Bergerhebung überhaupt der
ganzen Erde.
Kein Zweifel, daß wir auch hier vor einer Arbeit unseres Planeten
stehen, die sich noch heute fortwirkend studieren läßt, genau wie die
Zerstörungsarbeit des Wassers. Wenn wir vom Meer sprachen und seinen
unruhigen Wassergeistern, die in Tropfengestalt die Feste zu meistern
suchten, so erschien diese Feste, erschien die ganze harte Erdrinde in
ihrer mineralischen Starre als der Gegensatz des ewig Ruhigen; passiv
ließ sie sich nur von jener Wasserunruhe zerstören; ohne diese Unruhe
stand der Granit wirklich von Ewigkeit zu Ewigkeit. Aber auch das ist
niemals genau richtig. Um noch einmal an das alte Sintflutbild zu
erinnern: in bestimmtem Sinne wandeln wir auch auf dieser festesten
Erde beständig eigentlich über einer geheimen Flut, die langsam steigt
und ebbt, schaukelt und Wellen wirft, -- das alles aber, wunderbar
genug, jetzt in Gestalt tiefinnerlichster Verschiebungen des Gesteins
selber, die mit echter Wasserbewegung gar nichts zu tun haben.
Seit alters war schon den Menschen, die noch naiv an die Sintflut
glaubten, _eine_ höchst unheimliche Erscheinung auch nach dieser Seite
geläufig: nämlich das Erdbeben, bei dem die Feste selber wenigstens
vorübergehend schwankte wie eine wellenbewegte See. Die neuere
Geologie kennt aber noch andere Anzeichen genug. Ganz gemächlich, ohne
jede wüste Störung, heben sich gewisse Länder, z. B. Norwegen und
Schweden, in geschichtlicher Zeit immer mehr aus dem Ozean. An den
alten eingehauenen Wassermarken liest man noch ab, daß die schwedische
Küste sich in hundert Jahren stellenweise je um etwa anderthalb Meter
gehoben hat. Aus den natürlichen Strandlinien mit ihren vom ehemaligen
Wogenschlag eingekerbten Wassermarken kann man aber noch ersehen, daß
diese Bewegung schon seit vielen Jahrtausenden (seit Ende der Eiszeit)
periodisch andauern muß. Umgekehrt sinken die deutsche Ostsee-, die
holländische Nordseeküste. Man hat bemerkt, daß an der Küste der
Bretagne sich Reste unterseeischer Wälder finden, alte Römerstraßen
sich im Meeresgrunde verlieren, prähistorische Steindenkmäler (Dolmen)
nur bei Ebbe noch aus dem Wasser herauftauchen. Der Meeresboden
selber, von dem man meinen sollte, er könne bei der beständigen
Einfuhr von Bergeslasten Flußsand doch nur seichter werden, senkt
sich in ganzen Riesengebieten ersichtlich, wie z. B. im Stillen Ozean
die eifrige Gegenarbeit der Korallentiere beweist, die ihre Bauten
immer nur in einer gewissen nicht zu großen Tiefe herstellen können,
deshalb immer höher bauen mußten und so allmählich Korallenriffe
erzeugt haben, die heute wie steile Türme über dem abgesunkenen Grunde
ragen. Mitten im Lande bei uns in Deutschland hat man mehrfach bei
genauen Messungen Höhenänderungen bis zu 17 ~cm~ schon im Laufe von
20 Jahren feststellen können. Im Bergwerksbetrieb glaubt man öfter im
explosionsartigen Vorbrechen und Sichfalten geöffneter Schichten, im
Aufbäumen und Sichstrecken befreiter Steinplatten unmittelbar Zeuge
des geheimen Drängelns der Tiefengesteine zu sein. Gewiß ist es eine
schwindelerregende Vorstellung, daß solche sich hebende Küste einen
neuen Erdteil, solcher Zentimeterzuwachs langsam aufschwellender
Bodenfalten zuletzt einen Himalaja ergeben sollten. Aber die
Denkschwierigkeit dabei ist keine größere, als daß die Arbeit eines
rinnenden, mit Kohlensäure geschwängerten und im Frost sich dehnenden
Regentropfens endlich ein Gebirge von der Höhe dieses Himalaja abtragen
und als Sand ins Meer schwemmen sollte. Zu beidem ist nichts nötig, als
geologische Zeitmaße. Von jeder einzelnen der größeren geologischen
Epochen aber wissen wir, daß sie schon mehrere Millionen von Jahren
umfaßte. Der Verlauf einer einzigen könnte also wohl genügen. Wie
wir ja auch hören, daß gerade der Himalaja sich erst seit Anfang
der uns verhältnismäßig noch nahen Tertiärzeit ganz aufgegipfelt
haben muß, während er gleichzeitig seither schon wieder infolge der
Wasserverwitterung im vollen Verfall zur Ruine ist. Schwieriger mag
die Vorstellung sein, wie es rein technisch überhaupt möglich sei, daß
feste Gesteine sich nachträglich so schieben, so knicken, biegen und
falten lassen. Es gibt da sehr verschiedene Erklärungen, von denen
bisher keine ganz genügt. Über das »Daß« aber kann schlechterdings
keine Frage sein. Ein paar Spaziergänge auf bekanntesten Alpenstraßen
genügen für jedermann, sich da selber ein Bild zu machen, z. B. an
der Axenstraße oder am Walensee. Unsere Alpen sind größtenteils erst
in der gleichen verhältnismäßig jungen Erdperiode emporgedrängelt
worden, wie der Himalaja. Dabei sind aber die verschiedensten alten
Meeresböden mit ihren zu Stein erstarrten uralten Schlammschichten,
die einstmals hübsch wagerecht gelegen hatten, in ein geradezu
beängstigendes Gewirre und Geschlinge von Falten gepreßt worden, die
sich jetzt im Anschnitt der halb zerstörten Felsschroffen wie hin und
her gebogene Riesenschlangen oder gigantische Würste vor Augen stellen.
Den schlichtesten Beschauer, der nie von den Geheimnissen der Geologie
gehört hat, kann man dort staunend ausrufen hören, das sehe ja aus, als
wenn der Stein Wellen geschlagen hätte. Es sieht aber nicht bloß so
aus, sondern es ist so.
[Illustration: Abb. 6. Gesteinsfalten an der Axenstraße (Schweiz).]
Das geschulte Auge des wirklichen Geologen stößt aber in jeder Gegend
bei Schritt und Tritt auf die steinernen Wogenspuren. So stark die
Wasserarbeit sich überall aufdrängt: die Arbeit dieser Steinflut ist
im sichtbaren Erdbilde doch vielfach noch durchschlagender. Wo immer
jenes Zerstörungswerk des wühlenden Wassers das Gestein in seinem
Gefüge aufgeschlossen oder wo immer es seine ursprünglichen Außenformen
noch nicht zu verwischen vermocht hat, da stößt man auf sie. Es
brauchen nicht immer unmittelbare Falten zu sein. Wo die drängelnden
Gesteinsmassen sich gestaut haben, gewahrt man die Spalten, zu denen
sie kämpfend zerbrochen sind, man erkennt, wie die dicken Schichten an
solchen Brüchen sich geradkantig auf- und abgeschoben haben, wie ganze
Schollen zu Gräben und Kesseln hinabgesunken, andere in Restbrocken als
hohe einsame Klötze darüber stehengeblieben sind. Der Laie muß sich
belehren lassen, daß aus der Heimat oder von der Karte allbekannte
Landschaften solchen wilderen Wogenprall darstellen: das mittlere
Rheintal und das Rote Meer solche Grabenversenkungen zwischen zwei
Spalten, unsere Vogesen oder unser Schwarzwald solche stehengebliebenen
Restklötze. Der Geolog verfolgt die Spur aber weiter auch an den ganzen
Kontinenten, die wieder im noch größeren teils solche Klötze und
Blöcke, teils aneinander gescharte Faltensockel über den gewaltigen
Senkungsfeldern der tiefen Ozeane bilden. Und an tausend Anzeichen
erkennt er, weit über den einzelnen Muschelfund im Binnenlande noch
hinaus, daß dieses Wogen der Steinrinde unseres Planeten seit Urtagen
dauert. Alle geologischen Epochen hindurch dauert es, von der endlos
entlegenen Devonzeit, deren Seelilien und Meerkrebse heute im Kalkstein
der Eifel liegen, bis zur Steinkohlenperiode, durch deren heute tief
verborgene Kohlenschichten noch die Sprünge und Zickzackfalten einer
damaligen europäischen Gebirgsbildung laufen, von der sogenannten
Triasepoche, deren Korallen- und Kalkalgenriffe heute unsere
Dolomitalpen bilden und in der man trockenen Fußes über den Indischen
Ozean gehen konnte, bis zur Kreidezeit, deren ozeanischer Schlamm
heute aus den weißen Felsen von Rügen glänzt, und zum Tertiär, wo die
Seekühe bei Mainz durchs Rheintal schwammen wie heute im Roten Meer,
während Scharen flüchtiger Steppenpferde über die Reste der »Atlantis«
von Grönland nach Europa herüber und hinüber kreuzten. Immer hat das
flutende Auf und Ab des Gesteins dem einförmigen Nivellieren der
Wasserarbeit Schach geboten. Ging dieses Nivellieren unablässig neben
ihm her, nagte seine Erdteile, seine Gebirgsfalten immer wieder an und
suchte seine Meereshöhlungen erneut mit Sand zu verschütten, so machte
dieser Wellenschlag des Steinmeeres es zu einem Danaidenwerk, das
nie fertig wurde, ewig neu beginnen mußte. Glättete der Wassertropfen
rastlos am Relief der Erdkugel, so baute der drängende Stein ebenso
ruhelos neues Relief. Gegenüber der wesentlich landfeindlichen
Richtung der Wasserarbeit war die Steinarbeit geologisch stets eine
landfreundliche. Während der Wasserkreislauf auch da, wo er scheinbar
baute: bei seinem Häufen von Sandschichten am Meeresgrunde, eigentlich
nur an der noch gründlicheren Überflutung der Länder arbeitete (denn
das emporgedrängte Wasser der so versandenden Meere mußte stets
bestrebt sein, sich landeinwärts flächenhaft auszudehnen), schuf die
Steinbewegung selbst da mehr Land, wo sie den Meeresboden zeitweise
senkte; denn in den Abgründen, die sie tiefte, liefen die Wasser
umgekehrt zusammen, wodurch anderswo das Flachland der Küsten trocken
gelegt werden mußte. Andrerseits wurde auch der Wasserflut mit ihrer
rinnenden Sanduhr ein wirkliches Bauen von ihr selbst nachträglich
noch aufgezwungen, wenn sie die ungeheuren Lasten Meersand, die jene
zwecklos häufte, durch ihr Schaukeln gleichsam über Nacht tatsächlich
wieder zu Land machte. Über Nacht freilich nur im Sinne, wie es in der
Bibel von den Nachtwachen des Weltschöpfers heißt. Denn in Wahrheit
ging das Spiel auch hier durchweg langsam genug. Dafür ging es durch
Jahrmillionen. Auf jeden Fall aber mußte die titanische Doppelarbeit
dieser beiden Erdgewalten im Laufe dieser Zeiten ein wahrhaft
kaleidoskopisches Wechselspiel von Meer und Festland auf unserm
Planeten schaffen, von dem das heutige Bild nur gerade einen zufälligen
Einzelfall gibt.
Zufällig! Dieses Wort sagt nicht viel und macht dem Naturdeuter
durchweg wenig Freude, wenn es auftaucht. Wir möchten das _Gesetz_
dieses Wechsels kennen lernen. Das Gesetz der Wasserarbeit ist ja
klar. Waren Festländer, Gebirge, Meere irgendwo gegeben, so drängte
das Wasser das Land allmählich ins Meer, und so oft im Verlauf der
geologischen Perioden dieser Zustand neu eintrat, so oft trat hier
auch mit untrüglicher Folgerichtigkeit die gleiche Arbeit in Kraft.
Aber was wir nun noch wissen möchten, ist das Gesetz, nach dem auch
die »Steinflut« immer wieder neue Hebungen, Faltungen, Senkungen,
Länder, Gebirge, Meere schuf, indem sie den andern Verlauf gleichsam
immer wieder herabschraubte. War es ein periodisches Schaffen, das
immer in bestimmten Zeiträumen wieder stärker einsetzte? Wohnte ihm
ein gewisser Zwang des Umschlags in der Richtung inne, daß etwa, was
eine Weile Meeresgrund gewesen war, notwendig dann wieder Land werden
mußte, und umgekehrt? Folgte der Schub seiner Falten bestimmten Linien
auf der Erdkugel? Und so weiter. Ja das möchten wir wissen, weil es ein
vorzüglicher Faden wäre für die Reihenfolge der geologischen Karten in
den einander ablösenden Perioden der Erdgeschichte. Leider werden wir
hier aber einstweilen von unserm sicheren Wissen noch überall im Stich
gelassen.
Diese Unkenntnis hängt stark zusammen mit einer andern. Während uns
nämlich die Ursache jenes beständigen Wasserflutens um die Erde von der
Sonnenwärme an, die zuerst die Wasserteilchen aus dem Ozean lockt, bis
zu den letzten zermahlenen Sandteilchen, mit denen das wolkenragende
Gebirge endlich in diesem Ozean anlangt, so gut wie ganz durchsichtig
ist, haben wir lange nicht die gleiche Einsicht in die Ursachen jener
faltenden Steinflut der Erdrinde.
Eine ganze Weile hat man sich dabei auf einer unmittelbar falschen
Fährte bewegt. Man suchte die Ursache in den von unten hebenden
vulkanischen Erscheinungen. Aus der Erdentiefe drängen bekanntlich
immerzu glühend flüssige Massen aufwärts. Bald entfließen sie unsern
Vulkanen noch als Lava, bald erstarren sie bereits in der Tiefe. Zu der
Erdrinde verhalten sie sich wie die juvenilen Quellen zum Kreislauf
der Gewässer. Sie bringen neue Stoffe hinzu, entsprechend hier statt
Wasserdampf und Heißwasser geschmolzenes Gestein. Zweifellos nehmen sie
in ihrer Art so auch Anteil an der Arbeit dieser Rinde. Sie mehren die
Masse dieser Rinde, schaffen erkaltend mächtige Einlagen und Auflagen,
gelegentlich schütten sie auch einmal selber eine Insel im Meer, einen
Berg über der Feste auf. Man glaubt auch zu beobachten, daß sie gern da
hochquellen, wo eine jener Rindenspalten zeitweise den Druck von oben
vermindert. Und auch gegen Teile der Rinde drängeln sie gelegentlich
in ihrer Weise. Aber davon kann keine Rede sein, daß sie wirklich die
geheimen Kobolde wären, die das ganze Steinmeer tanzen ließen, hinter
allen Erdbeben, Faltungen, Senkungen, ja hinter der Entstehung jener
Spalten selber ständen. Vollkommen mußte das aufgegeben werden von der
neueren Geologie.
Die heute gangbarste Meinung sucht die Ursache der Steinflut vielmehr
in der fortdauernden Zusammenziehung der Erdkugel. Gleich allen andern
Weltkörpern verdichtet sich die Erde fortgesetzt im Innern. Dabei
verkleinert sich ihr Kern. Die Rinde muß nachsinken. Vielfach bricht
sie dabei örtlich ein, während andere Teile einzeln stehenbleiben.
Vielfach auch wirft sie Falten wie ein schrumpfend sich runzelnder
Apfel. Ich verhehle nicht, daß auch diese Ansicht noch viele
Schwierigkeiten hat. Sie teilt vorläufig die Gefahr aller Erklärungen,
die vom Geologischen ins Astronomische greifen. Immerhin ist sie
zurzeit die beliebteste.
Aber auch wenn sie ganz genau richtig wäre, so würde uns das noch gar
nichts sagen über das Gesetz, das nun im Engeren dieses Nachgeben und
Sichrunzeln der Erdkruste geologisch beherrscht hat. Wir wissen nicht,
in was für Absätzen, Zeitfolgen, in was für einem Rhythmus sozusagen
diese Rindenschrumpfung sich vollziehen soll. Auch das ist das Mißliche
gerade astronomischer Deutungen, daß sie für geologische Dinge durchweg
zu allgemein, zu umfassend sind, um im einzelnen etwas zu besagen.
Der Astronom hat das Glück äußerst sicherer Berechnungen, eben weil
er die Dinge meist so im großen sieht; ihm sind ganze Weltkörper
vielfältig nur leuchtende Punkte. Der Geolog haftet trotz seiner langen
Zeiträume, die den Laien schon erschrecken, mit seinen Wünschen an sehr
viel kleineren Erscheinungsreihen. Und so bleibt es trotz so mancher
Versuche, die in alter und neuer Zeit gemacht worden sind, einstweilen
aussichtslos, den Wechsel von Wasser und Land in der Urwelt gleichsam
aus einer allgemein errechneten Formel ableiten zu wollen.
Wir sind auf die schwerere Aufgabe angewiesen, nach dem mehr oder
minder zerstückelten Material, das uns die geologische Vergangenheit
hinterlassen hat, die alten Karten einzeln wieder Stück für Stück
zusammenzusetzen. In vielen Fällen erscheint das ja einfach. Wenn
heute in Schwaben unverkennbarer alter schwarzer Faulschlamm einer
Meeresbucht mit den hübsch eingesargten Mumien der an das Leben
lediglich im Ozean angepaßten Ichthyosaurier aus der älteren Jurazeit
liegt, so ist für diese Ecke die Karte von damals natürlich fertig:
wir setzen blaue Meerfarbe auf das betreffende heutige Land. Und so
kann man noch vieles deutlich verfolgen. Uralte Gebirge, die der Zahn
der Zeit, das heißt die unerbittliche Arbeit des Wassertropfens oben
längst wieder heruntergebaut hat, deuten sich noch in den Faltenresten
der Tiefe an. Die Sandbarren ihres Meeresdeltas, zu Sandsteinblöcken
erstarrt, lehren urweltliche Riesenflüsse kennen. Salzlager verraten
die verdampften Salzpfannen von Binnenmeeren. Im roten Stein ringsum
erkennt der Geolog noch den alten Wüstenboden. Aber lange nicht alles
ist so reinlich geblieben. In nur zu vielen Fällen hat die Regenarbeit
die alten Meeresböden, nachdem sie Land geworden waren, seither völlig
wieder fortgefressen, und sie hat damit für unsere geologischen
Kartenbilder genau die Rolle gespielt wie die Mäuse oder Termiten in
wirklichen geographischen Archiven, wo nachher bald dieses, bald jenes
Blatt im Atlas fehlte. Anderes haben die Faltungen und Senkungen selbst
unkenntlich gemacht. Schließlich sind wir Menschen heute auch noch
nicht einmal ganz im Besitz unserer gegenwärtigen Erdkarte, geschweige
denn, daß wir überall wüßten, was für Restblätter darunter liegen; die
geologische Erforschung der großen Meeresbecken hat eben erst knapp an
der Oberfläche begonnen. So bleibt in jeder geologischen Karte, zumal
wenn sie ganze Erdteile wiederherstellen will, viel Fragliches, vieles,
das bessere Einsicht bald wieder ebenso fortradieren muß, wie die
Arbeit des Regentropfens Teile des Originals wegradiert hat.
Aber andrerseits gibt das Wenige, das heute schon ungefähr der
Kritik standhält, eine solche Fülle bereits des Lehrreichen und
Überraschenden, daß sich jeder Rundgang reichlich lohnt.[1] Die
großen Erregungen, die in den Tagen der Kolumbus, Tasman und Cook
unsern Vorvätern noch zu teil wurden: daß ganz neue Erdteile noch in
der Phantasie oder Wirklichkeit auftauchten, sind für unsern späten
Abend der eigentlich heroischen Geographie heute zu Ende. In dieser
geologischen Ferne sind dagegen wirklich noch unbekannte Erdteile zu
finden oder bereits gefunden; was seit Amerigo Vespuccis Zeiten nicht
mehr möglich gewesen ist, sollte dort wieder schlichten geologischen
Fachleuten beschieden sein: einen neuen Namen zu ersinnen für einen
bisher völlig unbekannten und unbenannten Erdteil. Das Märchen, das
noch romantischer als das von der Sintflut durch die Völker geht: von
ganzen Ländern, die irgendwann einmal im Ozean wieder verschollen
wären, von einer »Atlantis«, über deren Grab wir heute mit dem Schiff
segelten, viele Tage lang, hat greifbare wissenschaftliche Gestalt
dort gewonnen, -- anders, aber noch wunderbarer, als die Phantasie zu
träumen wagte.
[1] Ausgezeichnete Geologen haben sich in neuerer Zeit bemüht,
solche _geologischen Karten_ zu entwerfen. Von Deutschen
muß hier insbesondere _Frech_ erwähnt werden in seiner
unschätzbaren ~Lethaea palaeozoica~. Vielfach im Anschluß
an Entwürfe von Frech, Neumayr, Koken und Lapparent, doch
mit eigenen Änderungen hat Karten aller geologischen
Hauptabschnitte kürzlich _Theodor Arldt_ in seinem
umfangreichen Werke »Die Entwicklung der Kontinente und ihrer
Lebewelt« (Leipzig, bei W. Engelmann) gegeben. Das Studium
dieses ausgezeichneten Buchs kann jedem, der sich tiefer in
das Fachmaterial einarbeiten will, nur aufs wärmste empfohlen
werden. Unsere Skizzen schließen sich zumeist an hier
gegebene Linien an, wobei ich Herrn Dr. Arldt in Radeberg
meinen besonderen Dank für die freundliche Erlaubnis der
Benutzung auszusprechen habe. Daß auch bei diesen Umrissen
viele Einzelheiten noch Hypothese sind, sei ausdrücklich hier
hervorgehoben, ohne daß es den allgemeinen Anschauungs- und
Einführungswert zu schmälern braucht.
* * * * *
Wenn wir einen denkenden Blick auf _unsere heutigen Erdteile und Meere_
werfen, überzeugt jetzt im allgemeinen, daß auch dieses Umrißbild
unseres Schulatlas nicht die Ewigkeit bedeutet, sondern _geworden_ ist,
wie alles andere auf dieser Erde, wie Tier und Pflanze, wie wir selbst,
und daß ihm eine ganze Kette andersartiger »Erden« im geographischen
Sinne voraufgegangen ist, so können uns gewisse Züge kaum entgehen,
die hier wie ein Fingerzeig aussehen, auch ehe man noch beginnt, alten
Meeresböden, alten Gebirgen, alten Festländern wirklich im Gestein
nachzuspüren.