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[Illustration]
Festländer und Meere
▣ ▣
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart
Die Gesellschaft Kosmos will die Kenntnis der Naturwissenschaften und
damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer Erscheinungen
in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten. -- Dieses Ziel
glaubt die Gesellschaft durch Verbreitung guter naturwissenschaftlicher
Literatur zu erreichen mittels des
=Kosmos=, Handweiser für Naturfreunde
Jährlich 12 Hefte. Preis M 2.80;
ferner durch Herausgabe neuer, von ersten Autoren verfaßter, im guten
Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts. Es
erscheinen im Vereinsjahr 1913 (Änderungen vorbehalten):
Dr. K. Floericke, Einheimische Fische.
Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
Dr. H. Dekker, Vom sieghaften Zellenstaat.
Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
Dr. Ad. Koelsch, Der blühende See.
Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
W. Boelsche, Festländer und Meere.
Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
Dr. A. Zart, Bausteine des Weltalls.
Reich illustriert. Geheftet M 1.-- = K 1.20 h ö. W.
Diese Veröffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen;
daselbst werden Beitrittserklärungen (Jahresbeitrag nur M 4.80) zum
=Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde= (auch nachträglich noch
für die Jahre 1904/12 unter den gleichen günstigen Bedingungen),
entgegengenommen. (Satzung, Bestellkarte, Verzeichnis der erschienenen
Werke usw. siehe am Schlusse dieses Werkes.)
Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.
Festländer und Meere
im Wechsel der Zeiten
Von
Wilhelm Bölsche
Mit zahlreichen Abbildungen nach Original-Aufnahmen
und Zeichnungen, 6 Karten und
einem farbigen Umschlagbild, das 1895 eingestürzte
Helgoländer Felsentor: Letge Kark
darstellend.
[Illustration]
Stuttgart
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
~Copyright 1913
by Franckh'sche Verlagshandlung,
Stuttgart~
Stuttgarter Setzmaschinen-Druckerei Holzinger & Co.
Es ist oft gesagt worden: der Mensch sei ein Wesen, geboren auf der
Wegscheide zweier Welten. Sein Heil sollte hier ruhen oder sein
Fluch, je nachdem. Man hat das metaphysisch gesagt; dem wollen wir
hier nun nicht nachforschen. Aber gewiß ist, daß es in _einem_ Sinne
gesagt werden kann, über den kein Streit der Parteien möglich ist.
Als natürliches Wesen gehört dieser Mensch gleichzeitig der Feste an
und der Feuchte, dem luftumwehten Lande und der blauen Welle, die
den Fuß dieses Landes unablässig umspült. 59 Prozent des lebendigen
Menschenleibes in erwachsenem Zustande bestehen aus Wasser. Ein kleiner
Pfahlbau über der Feuchte ist jede Zelle darin; ein flüssiger Strom
pulst unausgesetzt durch unsern ganzen Körper; und wenn er auch nur für
einen Augenblick rastet, so schläft mit ihm unser Höchstes ein, das
der Einzelmensch besitzt: der Gedanke. Damit dieser Lebensbronnen in
uns sprudele, muß uns ebenso unaufhörlich von außen Wasser zugeführt
werden, wir verschmachten in der Wüste unseres Planeten, wir wären
dem völligen Untergang geweiht auf einem Monde, wo es kein Wasser
gibt. Und doch gehören wir ebenso urverwachsen auch der Feste an. Wir
besitzen zu unserer Atmung nicht die Wasserkieme des Fisches, sondern
jenes gemeinsame Organ aller oberen Wirbeltiere, das höchstens in der
Schwimmblase oder sonst einem luftgefüllten Darmabschnitt der Fische
seine Vergleichung findet: die Lunge, die auf die freie Luftatmung
eingestellt ist. _Nur_ auf sie eingestellt ist; denn wenn wir mit
dieser Stelle unseres Leibes in die einheitliche Wassertiefe versenkt
werden, so erlischt das Leben nach unabänderlichem Gesetz ebenso, wie
wenn man uns sonst das Wasser ganz entzöge. Und kein Zweifel auch,
daß der Bau unserer Gliedmaßen wie unserer Sinnesorgane diesem Dasein
auf der Feste, auf dem Lande, wo nur die freie Luft weht, entspricht.
An dieser freien Luft hängt wieder das Höchste, das in unserer Kultur
Mensch mit Mensch verknüpft hat: unsere Sprache. An dieser Feste, ob
sie nun naturgegründet aus den Wassern rage oder von uns erst als
Pfahlbau oder tragende Schiffsplanken darauf gelegt wurde, haften seit
alters alle unsere stofflichen Kulturhilfen: unsere Werkzeuge und unser
Haus, hier brennt das Feuer, das uns groß gemacht, hier gehen aus Stein
und Metall die Waffe und die Axt hervor, die uns zum Herrn der Erde
erhoben haben.
Wasser und Land, Erdteile und Meere: -- die große Zweiheit, in die wir
nach unserm Schicksal untrennbar hineingeboren sind.
Wer aber zweien Herren angehört, der hat vielleicht einen doppelten
Schutz, doch er hat auch eine doppelte Sorge. Immer muß er bedacht
sein, daß diese beiden Gewaltigen über ihm sich gegenseitig die Wage
halten, daß nicht der eine gegen den andern plötzlich verderbenbringend
sein Machtbereich verändere und ausdehne. Und so ist das Bangen der
Völker seit uralten Tagen hinter der Frage gewesen: ist der Bestand
des Festlandes und des Wassers auf der Kulturerde ein dauernder, ein
geregelter, mit dem wir uns einrichten können; ist die Besitztafel, die
Karte, die dieses Verhältnis wiedergibt, ein grundlegende Dokument für
die Ewigkeit; oder fließen diese Dinge selbst, wandeln sich im Laufe
der Zeiten oder stürzen gar gelegentlich in furchtbaren Katastrophen,
den Ort wechselnd, durcheinander ...?
Es ist bezeichnend für die Geschichte der Menschheit, daß sie durchweg
die Hauptangst dabei vor einer Verschiebung zugunsten des Wassers
gehabt hat. In seiner entlegenen Ahnenschaft ist ja wohl der Mensch
auch einmal ein echtes und rechtes Wassertier gewesen. Aber schon früh
war sein natürlicher Stammbaum dauernd auf dem Lande weitergewachsen.
Als er im engeren Sinne als »Mensch« begann, als die »Kulturgeschichte«
begann, da stand er recht eigentlich mit beiden Beinen auf diesem
Lande. Von Anfang an hat es ihn ziemlich gnädig behandelt, dieses Land.
Der Kulturmensch ist nicht als durstendes Kind der Wüste aufgewachsen.
Das erste halbwegs deutliche Stück Kulturgeschichte, das wir kennen,
geht noch durch den letzten Teil der sogenannten Diluvialzeit und
ihre Nachwehen. Das war eine Zeit auffällig feuchtkühlen Klimas.
Verbarrikadierte es eine Weile die gemäßigten Nordgebiete mit Eis, so
wirkte es umgekehrt weiter südlich als eine große Regenperiode, die
auch heute trockene Länder dort sehr fruchtbar gehalten haben muß, was
für die ältere Kulturgeschichte wahrscheinlich von der allergrößten
Wichtigkeit gewesen ist. Nachher erlebte der Mensch dann nördlich
eine Epoche allgemeiner Klimamilderung mit einem Überschwang noch an
bequemen Flüssen und Seen im Binnenlande. Selbst die Grassteppe hat
ihm gerade sein größtes Geschenk gegeben, nämlich den Ackerbau. Und wo
er sich wirklich in die Wüste gewagt hat, da ist es erst später und
mehr freiwillig geschehen. In seinen guten Stunden ist ihm seine Erde
also trotz rauher Gebirge und Urwälder doch immer als ein werdender
Garten erschienen. Im Ideal träumte er sie als Paradies, und er hat
dieses Paradies doch nicht immer als ein verlorenes gedacht, sondern
in starken Augenblicken auch als eines, das mit kluger Arbeit mehr
und mehr zu erringen sei. Unheimlich aber war ihm das Wasser, wo es
nicht als befruchtender Strom, sondern als graue wogende, unabsehbar
endlose Meeresfläche erschien. Lange blieben ihm die großen Ozeane
absolute Verkehrsgrenzen, so unüberschreitbar wie für uns heute der
leere Weltraum zwischen zwei Planeten. Ganz, ganz langsam vollzog sich
erst der Versuch einer mühsamen Anpassung, einer zaghaften Bewältigung
auch hier mit dem Werkzeug, dem Schiff. Die homerischen Gedichte stehen
schon im Zeichen einer notdürftigen Schiffahrt auf einem kleinen
Binnenmeer, aber ebenso sind sie noch im Zeichen der Meeresangst;
Poseidon ist der greuliche Verderber im Gegensatz zum guten Zeus, der
auf Bergen und Bergwolken sitzt. Und ganz abscheulich war der Gedanke,
es möchte dieses Meer eines Tages aufbäumen, in den schönen Erdengarten
roh eindringen und das Land verschlingen. In seiner höchsten Steigerung
lebt dieses Grauen in der Erzählung von der dämonischen Riesenflut, der
_Sintflut_, fort.
In alten Tagen soll das Wasser einmal so hoch gestiegen sein, daß es
die ganze bewohnbare Erde überschwemmte; so hoch zuletzt, daß sogar die
Gipfel der Berge überflutet wurden; wenn Bewohner des Landes damals
dieser Flut entkommen sind, so konnten sie es nur mit Hilfe eines
Schiffs, das so lange auf den Wogen trieb, bis die Wasser sich wieder
zurückzogen. In ungefähr dieser Form fand und findet sich die Sage
bei den verschiedensten Völkern. Uns ist sie am geläufigsten in dem
biblischen Bericht, der sie mit dramatischer Anschaulichkeit schildert.
Im alten Babylon läßt sie sich in auffällig ähnlicher Form bis ins
dritte Jahrtausend vor Christus zurück verfolgen. In einer auch von
hier beeinflußten Gestalt dauerte sie noch bei den antiken Griechen
fort. Sie klingt an in den indischen Veden und der nordischen Edda und
tritt selbständig stark auf im alten Persien. Fast gar nicht bekannt
bei den Negervölkern Afrikas, beschäftigt sie um so lebhafter heute
noch die Phantasie fast aller Südseeinsulaner. In Amerika lebt sie
in ungezählten Varianten von den Eskimos im höchsten Norden an durch
alle Indianerstämme durch bis tief nach Südamerika herab, und die
verklungenen Kulturstaaten von Mexiko und Peru hatten sie so genau in
ihrer Geschichts- und Religionsbibel wie die Babylonier oder Hebräer.
Vielgestaltig ist ihre Einkleidung je nach dem Glaubenskreise und
sonstigen Weltmythus so verschiedenartiger Völker. Im altpersischen
Bericht trifft die ungeheure Flut noch auf keine Menschen, sondern
rafft nur dämonische Ungetüme, die das böse Prinzip geschaffen hat,
dahin. In der Edda berührt sie nur die vormenschliche Zeit der
Riesen, von denen sich ein Paar in einem Boot rettet. Bald ist sie
nur ein chaotischer Naturspuk, bald wieder wird sie aufgenommen in
die sittlichen Erzählungen, mit denen eine moralische Wahrheit im
anschaulichen Gleichnis beigebracht werden soll; die schreckliche
kommt, weil die Menschen böse waren, und nur der Gute überlebt; in
diesem ethischen Kleide geht die Sintflut (als »Sündflut«, wie man
das deutsche Wort später darauf anspielend umgeändert hat) in der
Bibel; aber die Idee eines Strafgericht kehrt beispielsweise auch
bei den Fidschiinsulanern in einer offenbar dort ganz ursprünglichen
Form wieder. In dem älteren babylonischen Bericht steht hinter dem
schauerlichen Todesurteil eine Vielheit von Göttern; in dem jüngeren
biblischen hat nur der eine Gott die ganze Tragödie des Untergangs und
der Errettung in seiner allmächtigen Hand. An vielen Stellen tritt
der Bericht uns entgegen im Gewande eines mehr oder minder anmutigen
kleinen Volksmärchens, oft mit humoristischen Zügen; daneben aber
stehen die dichterischen Ausgestaltungen schon im Kunstepos wie in der
babylonischen Erzählung oder in der mexikanischen Legende. Gern kehren
gewisse kleine Züge auch an den entferntesten Ecken wieder: so daß
das rettende Schiff (die Arche der Bibel) an einem hohen Berggipfel
landet, oder daß, wie die Taube der Bibel, Tiere ausgesandt werden,
um das Fallen der Gewässer zu erkunden. In manchen Fällen ist ja hier
ohne Absicht in die Dinge hineingemogelt worden: Missionare haben z.
B. heutigen Naturvölkern aus dem biblischen Text erzählt, das ist
weitergegeben, mit echter Volksüberlieferung vermischt und bei anderer
Gelegenheit einem andern Missionar oder Forscher, der einheimischen
Sintflutsagen nachfragte, ganz gemütlich als alt und echt aufgetischt
worden. Aber nicht alle Übereinstimmungen lassen sich so erklären.
Läßt man den ethisch-religiösen Lehrinhalt und die ersichtlichen
dichterisch-mythischen Ausschmückungen beiseite, so hat das
Interesse lange und bis heute immer wieder bei der Frage verweilt,
ob nicht im Kern der Sintflutsage die Erinnerung an ein wirkliches
naturgeschichtliches, ein geologisches Ereignis stecken könne: die
Erinnerung an eine erdumspannende Wasserkatastrophe, die im Morgenrot
der Völker tatsächlich noch einmal unsern ganzen Planeten betroffen
hätte.
Unsere Wissenschaft auf ihrem heutigen Stande muß die Möglichkeit in
dieser Form mit ruhiger Gewißheit _verneinen_.
In der Sintflutsage kommt schon Schiffahrt vor. Das deutet auf eine
gewisse Höhe der Kultur. Die allgemeine Wasserbedeckung aller Erdteile
müßte also mindestens seit Beginn der menschlichen Kulturgeschichte
stattgefunden haben. Die geologische Beschaffenheit der Erdoberfläche
lehrt uns aber genau die Dinge kennen, die innerhalb dieser Zeit auf
dem Lande gewirkt und verändert haben. Eine Unmenge geologischer
Ereignisse hat sich da noch vollzogen. Die großen Gletscher der Eiszeit
sind heruntergetaut, Schwemmgrund und Staubmassen haben sich gehäuft,
Gestein ist zu Schutt verwittert, Ströme haben ihr Bett verändert oder
eingeschränkt, Tropfstein ist in Höhlen gewachsen und hat uraltes
Kulturmaterial überdeckt, Vulkane haben ausgeworfen, Seen haben ihren
Wasserspiegel niedriger gelegt, Korallentiere haben an ihren Riffen
gebaut und so viel anderes mehr. Doch keine leiseste Spur verrät eine
allgemeine Überflutung aller Länder durch den Ozean. Aus dem Bestand
und der Verbreitung der Tiere und Pflanzen während dieser Zeitspanne
aber können wir den durchaus sicheren Beweis führen, daß eine solche
Überschwemmung nicht stattgefunden haben kann. Auch wenn überhaupt bei
solcher allgemeinen Flut sich wunderbarerweise irgendwo Landtiere und
Landpflanzen erhalten hätten, so würde die geographische Verbreitung
der Arten seither doch eine grundlegend andere sein müssen, als
sie tatsächlich ist. Es war eine Frage, die schon in den Tagen des
strengsten biblischen Sintflutglaubens bei den Kirchenvätern und wieder
dann nach der Entdeckung von Amerika öfter erörtert worden ist: wie
sich nach Landung der Arche in Asien die geretteten Landtiere, die
doch nicht Ozeane durchschwimmen konnten, wieder bis auf die einsamen
Inseln im Weltmeer hätten verbreiten können; die einen meinten, Noah
habe sie besonders übergesetzt, eine etwas umständliche Sache; die
andern nahmen für diesen Fall ein Neuentstehen durch eine Art Urzeugung
ohne Archenanschluß an, wobei man aber fragen konnte, warum überhaupt
Noah Tiere mitnahm, wenn das möglich war. Es ist aber gar nicht nötig,
daß man einem ehrwürdigen Dokument der Menschheit in dieser Form
einzeln zusetzt; denn die naturgeschichtlichen Tatsachen lassen nach
dieser ganzen Seite überhaupt nicht die allermindeste Ungewißheit mehr
darüber, daß eine derartige Sintflut als Gesamtkatastrophe _nicht_
stattgefunden hat.
Wenn also in der Völkersage eine echte geologische Erinnerung stecken
soll, so könnte sie nur auf ein _räumlich beschränktes_ Ereignis
gehen, irgendeine böse Hochflut, die ein gewisses Küstenland oder
Inselgebiet _einzeln_ einmal betroffen hätte. Man hat daran gedacht,
daß alle Rassen, alle Völker der Menschheit doch wohl in sehr alten
Tagen von einem einzigen bestimmten Fleck Erde ausgegangen wären,
und daß sie noch vor ihrer Zerstreuung an diesem Fleck eine solche
lokale Wassersnot erlebt hätten, die ihnen allen spät noch nach ihrer
Zerstreuung sagenhaft in der Erinnerung fortgezittert hätte. Das wäre
geologisch wenigstens möglich. Wir wissen von dem großen Geheimnis der
Rassenzerspaltung und Urheimat der Menschheit so wenig, daß es nichts
verschlüge, hier noch ein paar Geheimnisse mehr ins Vordunkel zu legen.
Inzwischen ist aber merkwürdig, daß dann nicht _alle_ Völker die Sage
besitzen und besaßen. Die Neger, denen sie so auffällig fehlt, müßten
zur Zeit ihrer Begründung schon nicht mehr im Ursitz dabei gewesen
sein. Selbst so schwindelt einem aber noch bei der Vorstellung, wie alt
die Sage sein müßte, wenn sie überhaupt bis hinter Rassentrennungen
reichen soll. Und man kann jedenfalls niemand verdenken, wenn er
einfacher durchzudringen versucht.
Die Sage könnte zwar an eine örtliche Überschwemmung anknüpfen, aber
solche Überschwemmung könnte _öfter_ in alten Kulturtagen an weit
verschiedenen Stellen erfolgt sein und sehr verschiedene Völker könnten
durch ähnliche Ereignisse der Art zu einer ähnlichen Überlieferung
unabhängig voneinander gekommen sein. Die ähnlichen Einzelzüge würden
sich dann aus der Gesetzmäßigkeit erklären, die schließlich auch im
Fabulieren und Ausschmücken herrscht, sowie aus gewissen sachlichen
Notwendigkeiten, die der gleiche Naturanlaß überall zeitigen mußte.
Bei jeder grimmen Flut müssen Schiffe, wenn sie da waren, eine Rolle
gespielt haben; Klippen, wo ein solches Schiff zuerst landete, müssen
immer wieder im Bericht vorgekommen sein; einen Vogel auf gefährlicher
Meerfahrt mitzunehmen und auf Kundschaft fliegen zu lassen, ob
er die Landrichtung finde und den unschlüssigen Schiffern weise,
ist ein uralter Brauch, der auch sonst in antiken Sagen und alten
Reiseberichten seine Rolle spielt; noch von Kolumbus wird berichtet,
daß er sich aus einem zufällig vorbeifliegenden Zug Papageien
vergewisserte, ob in der Wasserwüste vor ihm Land liege oder nicht. Und
ebenso mußte der Schreck über das schauerliche Abenteuer sich in der
Rückschau immer wieder zu dem moralischen Schluß auswachsen, daß hier
ein Strafgericht waltete für die Verlorenen, ein Gnadengeschenk für die
Geretteten. Solche Dinge würden also nicht den Zusammenhang all der
Flutsagen beweisen, sondern nur bestätigen, daß vor ähnlichen Ursachen
die verschiedensten Menschen immer das gleiche tun, glauben und
hinzudichten seit Urtagen. Man ist allgemein heute in der Völkerkunde
mehr geneigt, Übereinstimmungen in Sitten und Gedanken so zu erklären,
anstatt gleich zu kühnen Verwandtschaftshypothesen seine Zuflucht zu
nehmen.
Verschiedene der einzelnen Flutberichte enthalten auch die deutlichsten
Anzeichen einer Katastrophe, wie sie lokal nur dort möglich war,
wo heute noch das betreffende Volk sitzt. Was man in chinesischen
Chroniken als Sintflutbericht bezeichnet hat, ist nichts anderes als
die unverkennbare Beschreibung von besonders verheerenden Ausbrüchen
des Stromes Hoangho durch Risse seiner natürlichen Uferleisten
aus sogenanntem Lößstaub; solche Ausbrüche kommen dort heute noch
vor. Und wenn bei den Kordilleren-Indianern Südamerikas in ihrer
Sintflut Erdbeben und Vulkanausbrüche mitspielen, so fühlt man ebenso
den Heimatboden. Selbst für die berühmteste Gestalt der Sage, die
babylonisch-biblische, hat aber schon vor Jahren der große Wiener
Geolog Eduard Sueß den ansprechenden Beweis versucht, sie auf ein
durchaus örtliches Ereignis in der mesopotamischen Niederung am Euphrat
und Tigris zu beziehen. Der ältere babylonische Bericht scheint in der
Tat noch eine ganze Reihe erkennbarer naturgeschichtlicher Lokalfarben
zu geben. Die Erde habe gezittert, die Wasser (Brunnen) der Tiefe seien
ausgebrochen, Sturm und Finsternis seien über das Land gekommen, und
der Wogenschwall sei vom Meer heraufgestürmt. Das alles würde für ein
furchtbares Erdbeben im Gebiet des persischen Meerbusens sprechen, bei
dem das Grundwasser aus Bodenspalten brach und mit dessen höchster
Steigerung sich, wie so oft, ein gewaltiger Zyklon oder Wirbelsturm
im Meer verband, der die Wassermassen tief ins Land hineintrieb. Wenn
sich bei den ersten Vorstößen des Bebens Menschen auf Schiffe gerettet
hatten, so mußten diese Schiffe dabei weit nordwärts über die ganze
Niederung bis an die begrenzenden Berge verschleppt werden, wo sie ganz
wie die Arche des Berichts stranden konnten. Wir brauchen nicht ins
Sagenland zu gehen, um die zerstörenden Wirkungen solcher vom Meere
kommenden Zyklone und Erdbebenfluten kennen zu lernen.
Schließlich wäre sogar möglich, daß die Menschheitskultur auf einer
sehr frühen Stufe durch eine Zeitlage durchgegangen wäre, die solchen
lokalen Überschwemmungen allgemein besonders günstig war. Wenn die
Geologie auch nichts von einer Wasserbedeckung der Erde weiß, so lassen
sich doch wohl Spuren merken einerseits, wie erwähnt, von einer großen
Regenzeit (Pluvialperiode), die über die äquatornäheren Gebiete der
Erde parallel zu der nordischen diluvialen Eiszeit hingegangen ist,
andrerseits von einem mächtigen Anschwellen der Flüsse und Binnenseen,
das im Gefolge des wiedereintretenden Schmelzens dieser großen
Eismassen sich vollzogen haben muß. Werden diese ganzen Vorgänge sich
auch über Jahrtausende verteilt haben, so mag im einzelnen doch in
ihnen ein häufigerer Anlaß zu bösen örtlichen Katastrophen gelegen
haben, und daß der frühere Kulturmensch diese Dinge noch miterlebt hat,
ist gewiß. Wenn man die Sage also durchaus für sehr alt halten will,
mag man wenigstens diese geologische Urerinnerung noch hineinbringen.
Auch sie kann aber schon an den verschiedensten Stellen und von
getrenntesten Völkern unabhängig erworben sein.
Doch wie das alles nun sei: auch in ihrer strengsten, starrsten und
abenteuerlichsten Form, wie die Sintflutlegende geglaubt worden ist,
hat sie für einen bestimmten Fortschritt des menschlichen Wissens
und wahren Naturerkennens einen ganz unschätzbaren Gewinn gehabt.
Während sie nämlich die Phantasie der Menschen unterhielt mit dem
Schauergemälde einer schwarzen Riesenflut, die einst die ganze
Menschenerde überschwemmt habe, schuf und schärfte sie ganz in der
Stille den Kulturmenschen den Blick für eine ganz andere, sozusagen
geräuschlose Art, wie in langen langen Zeiträumen wirklich Wasser
und Land, Feste und Meer im weitergehenden Maße auf dieser Erde sich
verwandelt, miteinander abgewechselt und einander abgelöst haben mußten.
In den Tagen des fröhlichsten Glaubens an die echte Sint- und Sündflut,
wie sie im Buche stand, geschah es im wachsenden Kulturlande Europa
immer öfter, daß sinnende Köpfe bei dem verweilten, was in der Praxis
längst Kinder und Wilde gewußt hatten und was selbst den uralten
steinzeitlichen Diluvialmenschen, deren Schmuck und Werkzeug wir heute
noch ausgraben, schon durchaus geläufig gewesen sein muß: nämlich der
Tatsache, daß selbst tief drinnen im Binnenlande (in Gegenden, wohin
bei heutiger Sachlage der Dinge schlechterdings niemals auch der größte
Zyklon vom Meere her Ozeanwasser verschwemmen könnte) aus dem harten
Fels, der unsern altvertrauten Heimatswald trägt oder neben unserm
Acker ansteht oder bei unserm Steinbruchbetrieb tief heraufkommt,
die Schalen und Reste meerbewohnender Muscheln und anderer Seetiere
versteint, aber doch noch im Umriß unzweideutig erkennbar gelegentlich
zutage treten. Stellenweise sehen solche Schälchen trotz ihrer
Versteinerung noch so nett aus, daß z. B. jene Diluvialmenschen in
ihren Höhlen sie schon mit besonderer Liebe als Schmuck zusammengesucht
und bewahrt hatten. Der Sintflutgläubige mußte darin zunächst ja den
greifbarsten Beweis seiner Sintflut selber sehen, die eben auch bis
hierher gelangt sei und ihre Austern oder Seeigel verfrachtet hätte;
gelegentlich mögen Flutsagen sogar bei ihrer Entstehung unmittelbar
schon durch solche Funde angeregt und beeinflußt worden sein. Und wenn
der Gläubige gar hoch im Alpengebirge solche ansehnliche Muschel aus
dem harten Stein brach, so erschien ihm schier leibhaftig zunächst
das biblische Bild von den Wassern, die angeblich viele Ellen hoch
bis über die höchsten Berggipfel hinaus gestiegen waren. Im 18.
Jahrhundert gibt es einen spaßhaften Streit, in dem der Freigeist
Voltaire die Sündflut anzweifelte, weil er allgemein die Autorität
der Bibel nicht mehr gelten lassen wollte, die Anhänger aber eben auf
diese Muscheln in den Alpen verwiesen; da bestritt Voltaire auch die
natürliche Herkunft dieser Muscheln selber und meinte, sie seien wohl
einst von den Hüten vorbeiziehender Pilger, die sich gewohnheitsmäßig
mit Mittelmeermuscheln schmückten, verloren worden. Der tapfere Kämpe
hatte in diesem Falle sachlich unrecht, die Muscheln stammten wirklich
aus dem Stein. Aber auch die Sintflutler hatten deshalb nicht recht.
Denn diese Muscheln entstammten nicht einer mythischen Allgemeinflut
aus Menschentagen, sondern sie deuteten mit dem Gestein, das sie
umschloß und das selber nichts anderes war als versteinter uralter
Meerschlamm, auf Zeiten, länger als alle bisherige Menschenahnung und
älter als alle Menschenüberlieferung. Und sie deuteten dort auf ein
uralt fortwaltendes Geheimnis, wunderbarer eigentlich noch als der
plötzliche Ruck und Schreck einer dahinbrausenden und sich wieder
verlierenden einzelnen Sintflut. An dieser Stelle, die jetzt tief im
Binnenlande oder durch noch seltsamere Verwandlung gar hoch auf dem
wolkenragenden Gebirge lag, hatte einst wirklich der Ozean geblaut,
lebendigen Seeigeln und Pilgermuscheln ihre natürliche Wohnstätte
darbietend. Zur gleichen Zeit aber war an Stellen, wo heute dieses Meer
blaut, damals hochragendes Land gewesen, auf dem Palmen wachsen und
lungenatmende Landtiere leben konnten. In unfaßbaren Zeiten, gegen die
auch die allerlängsten Zusammenschlüsse menschlicher Geschlechterfolgen
wie flüchtige Sekunden zusammenschmolzen, hatten diese Dinge ganz, ganz
allmählich sich dann wieder verschoben. Fortgewandert, ausgetrocknet,
bis auf letzte versteinende Schlammkrusten und abgestorbene
Muschellager völlig verschwunden war hier das Meer, um jetzt nicht
sintfluthaft räuberisch einbrechend, sondern ganz, ganz langsam
erobernd drüben die Scholle zu besetzen, zu überfluten, endlich hoch zu
bedecken und dort mit Muscheln und Seeigeln zu bevölkern, wo voreinst
der Schmetterling über Blüten geschwebt hatte. Einmal hatten sich die
Dinge so verschoben, aber nicht bloß einmal. In der unermeßlichen
Länge der Zeiten war dieser Wechsel von Land und Wasser, Ländern und
Meeren öfter erfolgt. Wie eine große Wandeldekoration hatte es sich
langsam über unsern Planeten dahin geschoben, rastlos in nicht endender
Wühlarbeit die große Erdkarte immer wieder um- und umarbeitend. Bis das
Bild stand, das der Mensch fand, -- das heute uns umgibt, -- das wir
unsern kleinen Knaben beibringen als die wahre Karte in der Geographie.
Aber schon ist an kleinen Anzeichen merkbar, daß auch hier keine Rast
der Dinge sein kann. Das Wandelbild gleitet still unter uns weiter.
Mit einer unhemmbaren Elementarkraft, die zuletzt wenn nur die Zeit
gegeben ist, tatsächlich großartiger und stärker ist, als der wildeste
im Augenblick verheerende Zyklon, -- stärker selbst als die mythische
Regenwolke, die vierzig Tage und vierzig Nächte regnete; denn diese
Wolke hätte nur zerstören können, diese Urkraft aber baut. Sie tieft
Land zu Meer und türmt neue Erdteile aus den Wassern, sie wirft das
Gebirge in den Ozean, aber sie baut im gleichen Zeitenraum ein neues
bis hoch über die Grenze des Himmelsschnees; sie hat das Leben nicht
vernichtet oder bloß in armen Spuren mit einer Arche auf dem Bestand
erhalten; rastlos hat sie auch ihm immer neue Bedingungen eröffnet,
immer neue Möglichkeiten, an denen es sich in eigener Folgerichtigkeit
ohne Überstürzung selbst wandeln und steigern konnte. Nicht vom
zerstörenden Fluß der Sintflut kündet die Muschel im Stein; sondern
_vom Fließen der Karte in Urwelt, Gegenwart und Ferne_.
[Illustration: Abb. 1. Wagerecht aufeinander geschichtete
Gesteinsmassen in einem Steinbruch bei Gingen a. F. in Württemberg, die
in der Juraperiode so abgelagert wurden.]
Nach dem Besinnen über diese seltsamen Muschelfunde war es die
größte nächste Erkenntnis, die zur Grundlage hier einer wirklichen
Wissenschaft führte: daß man sich allmählich überzeugen mußte, man
stände vor Geschehnissen, die zum Teil jedenfalls noch _vor_ allem
Menschendasein auf der Erde lägen. Mit dieser Erkenntnis ist recht
eigentlich die Geologie im heutigen Sinne begründet worden. In einen
Abgrund der Erdgeschichte lernte man sehen, der erst unter, erst vor
aller sogenannten menschlichen »Geschichte« gähnte. Anfangs erschien
es noch als eine Möglichkeit, wenigstens dort hinunter einen Abglanz
der alten Mythe fallen zu lassen: man träumte von plötzlichen wüsten
Katastrophen, die den großen Wandel der Land- und Wassergestaltung
mindestens damals noch beherrscht haben sollten, wobei allerdings nicht
mehr von Strafgerichten die Rede sein konnte, denn der Mensch war ja
noch gar nicht dabei. Auch das erwies sich aber nach kurzer Herrschaft
als ein geologische Märchen. Auch vor der Zeit des Kulturmenschen
hatten keine jähen Sintfluten, keine die ganze Erde von einem Tag zum
andern grob verwüstenden Schrecken gelegen. In langsamem Werden war
auch dort immer eine der alten Erdperioden in die andere übergegangen,
und langsam, im Schritt dieser allgemeinen Entwicklung, hatte sich auch
jene Veränderung der Karte vollzogen.
Als man aber das sicher erfaßt hatte, da war die Bahn frei zu einer
bedeutsamsten dritten Erkenntnis, die erst ins Herz der ganzen Sache
traf. Dieser geheimnisvolle geschichtliche Wechsel der Land- und
Meerverteilung, der so durch die Jahrmillionen ging, war jedenfalls
in gewissem Sinne nicht bewirkt worden durch besondere, erst neu zu
entdeckende Vorweltskräfte der Natur, sondern es arbeiteten durchweg
in ihm Naturvorgänge, die wir _noch heute_ ganz genau auf der Erde
beim Werk beobachten können, wenn auch dieses Werk in dem kurzen
Maßstab, den wir erst anlegen, nur ganz gemächlich dabei vorschreitet,
-- vielfach so gemächlich, daß der ungeübte Blick sich leicht darüber
täuschen kann, als rücke es überhaupt nicht vor.
[Illustration:
Wehrli A.-G., phot.
Abb. 2. Das Matterhorn.]
Wenn in wilder Sturmnacht das Meer brüllt und die Wogen Stoß um
Stoß gegen die Deiche rennen wie Sturmwidder gegen eine Festung,
dann ergreift auch uns ja heute, so fern uns die alten Völkersagen
allmählich liegen mögen, etwas Revolutionsangst vor der Natur. Aber die
Nacht vergeht, und die Meeresfläche ruht feierlich still in ihrem Blau
unter der Sonne: wie stark erscheint der Gegensatz des Naturfriedens
in diesem Bilde! Und wir wandern an solchem frischen Morgen
landeinwärts, über uns gehen ein paar schöne weiße Wolken, geisterhaft
schwebend und zerfließend in ihrem Himmelsazur, mit, neben uns rinnt
ein Bächlein leise singend durch den Wiesenplan, uns vertraut in dieser
lieben Heimlichkeit seit Kindertagen. Tauperlen glänzen noch in der
Frühsonne von den grünen Halmen. Fern lösen sich zarte Nebelschleier,
das violette Gebirge wird hell mit ein paar Schneegipfeln. Die Ahnen
unseres Volkes sind schon über diese Pässe gezogen, wie heute lag
damals bereits der Schnee, wie heute drängten die Wolken herauf gleich
Herden weißer Schäfchen und zerstiebten wieder zu wesenlosem Schein,
während die uralten Granitriesen in unerschütterlicher Herrlichkeit
ragten, ein Bild der Ewigkeit. Friedlich wie ein murmelndes Bächlein
scheint über solche Landschaft auch der gewohnte Kreislauf der Natur
hinzuziehen. Man denkt an das Bibelwort, das diesem Kreislauf so schön
als die ewige Friedensverheißung hinter den Sintflutschrecken setzt:
»So lange die Erde steht, soll nicht aufhören Samen und Ernte, Frost
und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.«
Merkwürdig aber, wie der Standpunkt wechseln muß. Der Naturforscher,
der sich wenig um die Sintflut sorgt und selbst der wildesten
Sturmflut der Küste doch nur eine untergeordnete Rolle in jenem großen
Wandel des Geologischen beimißt, weiß, daß eine der nachhaltigsten
Revolutionen unserer Erdoberfläche sich fort und fort gerade in diesen
scheinbar idyllischen Naturbildern vollzieht. Nur der langsame Gang,
mit unsern Menschenmaßen des Alltagslebens gemessen, verschleiert
das dämonisch Ungeheure des Ereignisse hier. Könnten wir unsern
Zeitblick ändern, Jahrhunderttausende in einem Augenblick sehen: wir
würden ein Schauspiel erleben, das sich mit jeder Sintflut messen
könnte, ja sie überböte. Von diesem sonnenhellen blauen Meeresspiegel
stiege es unsichtbar herauf wie ein geheimnisvoller Zauber gegen
dieses ganze Land, zu diesen Bergen. Und von ihm berührt, zerbrächen
die Berge, lösten sich auf, rasselten in unermeßlichen Trümmern und
Scherben flutend ins Flachland herab. Das Land selber aber höhlte sich
allenthalben, sänke ein, zerbröckelte, während es gleichzeitig wie eine
teigartige Masse in das Wasser hinausquölle.
In Wahrheit ist der Zauber, der da waltet, aber auch nichts anderes
als Wasser selbst. Es ist das Wasser des Ozeans, das allerdings
nicht in einer schwarzen Schauernacht über die Lande aufbäumt, das
aber unablässig, Tag um Tag, Jahr um Jahr, Jahrtausend um Jahrtausend
unsichtbar in Gestalt wassergetränkter Luft auf diese Feste
heraufkriecht und hier in dem allbekannten Kreislauf vom höchsten Fels
bis zum tiefsten Tal alles durchfeuchtet, durchrieselt, durchströmt, um
endlich wieder heimzukehren in seinen großen Urschoß. Diese »geheime
Sintflut« braucht nicht plötzlich zu kommen, sie ist beständig über
uns, um uns. Um unsere Ahnen floß sie schon, und sie hat höher, als die
Bibel weiß, bereits über allen Bergen der Erde gestanden, lange ehe
der Mensch mit seiner Kultur begann. Ihr Kommen kündigt sich nicht mit
Finsternis an, sondern recht eigentlich gerade ein Kind der Sonne über
dem blauen Meer ist sie ihrem innersten Ursprung nach.
Wenn die Sonne die Flächen des Ozeans erwärmt, so befreit sich still
ein Teil des Wassers dort von seinem gewöhnlichen Zustande und steigt
als feiner Dunst, feiner Wasserschwaden in die Lüfte empor. Dort bald
verdichtet, fällt ein großer Teil dieser wandernden Wasserstäubchen
allerdings wieder in den Mutterschoß zurück. Aber ein anderer Teil
breitet sich in diesem freien Spiel weit aus allen Meeresgrenzen hinaus
auch über die Lande aus, er verschwebt bis zu den fernsten Bergen,
und wenn er dort jetzt auch zur Verdichtung kommt, so erscheint er
inmitten der Feste als Feuchte, die scheinbar vom Himmel fällt. Sie
sinkt herab als Tau und als Regen, als Hagel, Reif und Schnee. Viel
von ihr verdunstet sogleich neu in die Luft hinein. Aber nicht alles
kann so bewältigt werden. Regentröpfchen vereinigen sich zu feinsten
Wasseräderchen; die verschmelzen zu Bächlein, der Bach wird zum Fluß.
Vieles senkt sich zunächst in die Tiefe des Bodens, durchfeuchtet die
innere Feste, bricht aber wieder als Quell vor. Immer aber auch auf
der oberen Fläche folgt die rieselnde Welle dem Zwang nach der Tiefe,
als Tröpfchen wie als Strom zuletzt rinnt sie abwärts, vom Gebirge zum
Flachland, bis sie endlich die eigene Heimat, das Meer, wieder erreicht
hat, mit dessen Verdunsten und Verdampfen im Sonnenkuß das rastlose
Spiel neu beginnt.
Nun aber diese Kreisbahn, die vom Standpunkt des Wassers doch immer
nur wie eine einfache Wanderschaft erscheinen könnte, die die Dinge
im Fluß hält, aber zuletzt nichts ändert, ist von der schier unfaßbar
einschneidendsten Bedeutung für das Land selbst. Wie jeder Pilger
mit dem Tritt seines Fußes Teilchen von dem Boden abschürft, den er
überschritten hat; wie man sagt, daß jeder Heimkehrende etwas Staub
der Fremde an den Sohlen mitbringt: so gräbt auch jedes wandernde
Wassertröpfchen seine Spur ein und so schleppt auch jedes Tröpfchen
sein Stäubchen mit fort. Der fallende Tropfen höhlt zuletzt den Stein.
Der Kreislauf der Tropfen aber vom Ozean bis zur Regenwolke, vom Bach
bis zum Strom und vom Strom wieder ins Meer, über Jahrhunderttausende
immerzu fallend, grabend und fortkarrend, wäscht zuletzt ein ganzes
Gebirge zu Tal und trägt die Trümmer als Sand ins Meer.
Im alltäglichen Naturbilde weiß das jeder: daß jeder Regen Risse in
den weichen Boden kerbt und Erdreich mitschwemmt; daß der Bach und der
Fluß sich ihr Bett durchweg selber gegraben haben; daß sie Gestein und
Schlamm abwärts verfrachten, Steine zu Sand zermahlen und den Sand
endlich in unabsehbaren Flächen in ihrem untersten Lauf häufen, bis die
Meereswelle ihn zuletzt verschlingt. Wer sich den Blick aber einmal
hier geübt hat und ins Gebirge kommt, der muß gewahren, daß auch unsere
höchsten Gebirge von heute eigentlich verfallende, zerbrechende Ruinen
sind. Von diesen »Ewigkeitszeugen« herab ziehen sich allenthalben die
wüsten Schutthalden. Die himmelragenden Zinken sind nahe besehen nur
noch verwitterte Restzacken wie an hohlen Zähnen. Die Schneekoppe
unseres Riesengebirges, die vor dem Wanderer fern im Tal auftaucht
wie ein blauer Dom der Unvergänglichkeit, entpuppt sich beim Aufstieg
als ein einiger Scherbenberg, zertrümmert wie ein Lager Töpfe, in das
eine übermächtige Faust geschlagen. Das ungeheure Matterhorn in der
Schweiz, das aussieht, als habe mit ihm die Schöpfung angefangen,
erweist sich nahe auf seine Schichtung geprüft als ein letzter noch
stehengebliebener Pfeiler eines ehemaligen kolossalen Gewölbesattels,
den das abschätzende Auge sich noch ganz gut in der blauen Luft hinzu
ergänzen kann; in Wahrheit liegt er bis auf die eine Zahnecke zermalmt,
zermahlen als Schutt im Tal, als Sand im Meer ... Keine Hunnen und
Vandalen haben so zerstören, keine Kanonen solche Burgen der Natur
zerschießen können; aber einer hat es vollbracht: der Wassertropfen.
Und nicht nur das Gebirge verfällt ihm so. Wer in der sächsischen
Schweiz je durch die schmalen Klammen gewandert ist, in deren Spalt
man den Himmel nur noch wie ein dünnes Streifchen erblickt; wer in
Adelsberg die schwarzen Wasser sich in unergründlicher Grottentiefe
hat verlieren sehen: der ahnt, was auch in der Feste unter unsern Füßen
sich abspielt, wie auch dort der Schutt dabei ist, uns zuletzt den
Boden fortzuziehen; er ahnt, daß eine Macht der Zerstörung auch den
Sockel der Länder annagt, zerschneidet und durchfrißt. Und auch das ist
der Wassertropfen, der an allen Wänden der Klamm als Feuchte ausschlägt
und in der finstern Grotte von jeder Tropfsteinspitze heruntertickt. Er
schürft und karrt nicht bloß. Er sprengt auch, indem er in den Spalten
gefrierend sich ausdehnt. Und mit Kohlensäure beladen, schmilzt er den
Kalkstein fort wie Salz, zersetzt er chemisch selbst den Granit.
Man muß eben in jener Adelsberger Karstgegend sehen, was die
Kohlensäureschmelzung des Kalks neben der einfachen Schwemmung,
Unterwühlung und Spaltung dort nach unten im bodenbildenden Kalkgestein
vollbracht hat. In Trichtern senkt sich allenthalben die Bodenfläche
ein, in Trichtern bis fast zu Kilometerbreite, schaurige Schlote
stürzen senkrecht von ihnen ab, in der Tiefe ist die ganze Feste
durchlöchert wie ein Schwamm und unendliche Labyrinthe spinnen sich
darin hin, in denen die wühlenden Wasser unablässig schmelzend, nagend,
fressend und fortschleppend weiter rauschen. Diese »Brunnen der
Tiefe« brauchen nicht heraufzusprudeln, um die Menschen als Sintflut
zu verschlingen: unmerklich lösen sie in rastloser Arbeit den Boden
selber unter ihnen fort, bis ab und zu bald dieses, bald jenes Haus
spurlos von der gähnenden Leere des Abgrundes eingesaugt verschwindet.
Oder man muß hoch oben im Granitgebirge der Leidensgeschichte dieses
trotzigsten Titanen folgen. Wie die stolzen reinen Züge seiner edeln
Stirn verwitternd zu den humoristischen Fratzen abschmelzen, die der
Volksmund nicht müde wird, mit Tier- und Teufels- und Gespensternamen
zu begaben. Wie er zu losen Kugeln zerfällt, die in ungeheuren
Felsenmeeren zu Tal branden gleich Riesenkieseln der leibhaftigen
Sintflut und in Wahrheit doch auch nur das Geröll dieser viel zäheren
Dauersintflut des fressenden Wassertropfens sind. Bis endlich Ton und
Sand die letzte Spur des alten Wolkenwanderers andeuten, wie es in der
Dichtung von dem toten Cäsar heißt, daß er, Staub und Lehm geworden,
eine alte Wand verklebt.
[Illustration: Abb. 3. Verwitterung des Granits am sogenannten
Mittagsstein auf dem Kamm des Riesengebirges. (Dr. E. Mertens & Cie.,
phot.)]
Wenn man sich dazu nun noch vergegenwärtigt, daß die Tropfen sich an
der Erdoberfläche vielfältig selber zu Riesen auch an wirklicher
Größe vereinigen, Ströme und Seen von unabsehbaren Uferweiten bilden;
daß sie als Niagara so über den Fels stürzen und mit ganzer Kraft
dieses Niagara sich rückwärts in jenen Fels einschneiden; daß der
Frost nicht bloß mit Wasserhilfe den Stein sprengt, sondern auch
vom Gebirgsschnee den Gletscher herabschiebt, der für sein Teil
wieder wie ein enormer Pflug das härteste Gestein bearbeitet, Berge
bricht und anderswo häuft und mehr als hausgroße Blöcke auf seinen
Eisschultern zu Tal trägt, als sei es ein Kinderspiel; daß immerhin
auch die Brandungen und Fluten des Ozeans selbst, von Sturm oder
Mondgezeiten bewegt, von den Küsten aufwärts in die Hand arbeiten,
indem auch sie den steilen Uferfels höhlen, Blöcke wälzen, Uferland
fortreißen; daß eine Masse anderer Zerstörungsfaktoren des Festlandes,
steinzersprengende Temperaturgegensätze der Wüste, Wind, der den
Staub aufwühlt und weithin verwirbelt oder selber das Gestein höhlt,
anschneidet und ausbläst, Pflanzenwuchs, der seine Wurzeln als zähe
Keile in jede Steinspalte drängelt, von sich aus wirkend dem Wasser
helfen; und wenn man bedenkt, daß dieser Kreislauf des Wassers heute
keine Sekunde rastet und nie gerastet hat, seit große Wasserflächen
auf der Erde sind, von Urwelten zu Urwelten bis auf diesen Tag beim
Werk ist, und daß auch nur der jüngste dieser Urweltsabschnitte schon
Jahrhunderttausende umfaßt, während dahinter vielleicht hundert und
mehr Millionen von Jahren liegen: so muß klar werden, daß es sich hier
wirklich nicht mehr wie bei jenen Sintfluterklärungen bloß um örtlich
ändernde Vorgänge handeln kann, sondern daß es um alle Kontinente,
alles Festland der Erde überhaupt zuletzt gehen muß -- um die Gestalt
der Erdkarte im ganzen -- um Dinge, die heute wie seit je an dieser
Karte _rütteln_.
Die Arbeit, wie sie hier skizziert ist, hat aber in der Tat zweifellose
Sintfluttendenz. Sie arbeitet gegen das Land. Wohl kann ja das Wasser
die Bestandteile der Feste nicht wirklich einschlucken im Sinne einer
Vernichtung. Es kann ein Gebirge zu Sand reiben und den Sand bis in den
Ozean tragen, aber endlich muß er doch wieder sich irgendwie ablagern.
Den Kalk, den es in sich aufgelöst, muß es gelegentlich wieder
irgendwie absetzen; was es davon bis ins Meer schleppt, das ziehen
dort Tiere heraus, die sich Schalen davon bauen, die als solche wieder
eine große Widerstandsfähigkeit gegen erneute Zersetzung haben und
nach dem Tode ihrer Bewohner gehäuft ebenfalls wieder kalkiges Gestein
bilden helfen. Eine tüchtige Menge Wasser geht auch bei dem Kreislauf
immer verloren. Es ist nicht so, daß bloß das Wasser Stein fräße, es
gibt auch Steine genug, die Wasser fressen. Eben bei jenem kühnsten
Verwitterungsangriff, dem selbst der Granit erliegt, schluckt immer der
übrigbleibende Ton ein ganzes Teil Wasser für sich ein, das zunächst
nicht wieder in den Kreislauf kommt. Auch feuchtet sich zuletzt alles
Gestein in die Tiefe abwärts allmählich durch, und wenn die Erdkugel im
ganzen eine trockene und mäßig kühle Masse bis zum Mittelpunkte wäre,
so läge hier auf die Dauer eine nicht unbedenkliche Wasserfalle für den
ganzen Kreislauf der Oberfläche.
Aber für diesen letzteren Punkt ist der wahre Sachverhalt, daß
wir eben aus diesen großen Erdentiefen unterhalb des gewöhnlichen
Quellenkreislaufs beständig auch Wasser _erhalten_. Wir wissen ja
heute noch nicht genau, wie es im eigentlichen Kern unserer Erde
aussieht. Gewiß aber ist, daß in einer bestimmten Tiefe nicht einfach
die Gesteine in Kellerfeuchte weitergehen, sondern daß dort eine
starke Hitze herrscht. Gerade von hier aber beobachten wir nun ein
eigentümliches Emportreiben von Wasser. Man könnte denken, daß es das
äußerste versickernde Oberflächenwasser selbst wäre, das beständig
an der Zone der Erdhitze zur Umkehr, zum Wiederaufdrängen genötigt
würde; jedenfalls bliebe dann der Kreislauf nach dieser Seite gedeckt.
Die größere Wahrscheinlichkeit ist aber sogar, daß wir aus dieser
Tiefenzone fortgesetzt Wasser nach oben _hinzu_bekommen, wirklich
_neues_ Wasser, das bisher noch niemals im Kreislauf der oberen
Gewässer mitgelaufen ist. Man denkt sich, daß unsere Erde aus ihren
ältesten Bildungstagen da unten noch eingeheimste Wasserbestandteile
bis heute bewahre, die langsam erst entbunden werden. Juveniles, noch
jungfrisches Wasser hat man dieses geheimnisvolle Tiefenerzeugnis
unseres Planeten also benannt. Solches juvenile Wasser dampft und
regnet beständig aus den ungeheuren Gasgemischen und Lavaeruptionen
unserer tätigen Vulkane, die, einerlei _wie_ tief sie nun ihrem
eigentlichen Herde nach in der Erde wurzeln mögen, jedenfalls Material
unseres Planeten heraufwerfen, das eine Schicht tiefer gesessen hat,
als aller gewöhnliche Regenwasserkreislauf. Da aber Vulkane seit den
ältesten Tagen der Erdgeschichte, die wir kennen, immerzu gespien
haben, muß die Masse des Wassers, das so ins obere Spiel hinzugebracht
worden ist, geologisch auch stets eine höchst beträchtliche gewesen
sein. Auch von einzelnen warmen Quellen nimmt man wohl mit Recht an,
daß sie unmittelbar juveniles Wasser führen, so interessanterweise
von dem heilkräftigen Karlsbader Sprudel. Natürlich läßt sich die
Ziffer nicht genau herausrechnen, wieviel an solchem Zuschußwasser
unser Planet im ganzen beständig liefert. Aber die Möglichkeit kann
nicht abgelehnt werden, daß sie sich mit der (im Genaueren natürlich
auch unbekannten) Ziffer des beständigen Wasserverlustes durch jenes
Wasseraufsaugen und Wasserbinden der Gesteine deckt. Dann wäre aber
das Wasser in gleicher Kraft und Arbeitsbereitschaft, so weit wir
geologisch zurückblicken können, und es müßte bei ebensolcher Kraft
verharren auch in alle Zukunft hinein, solange Vulkanismus und juvenile
Quellen dort dauern; von einer Abnahme dieser beiden Erderscheinungen
kann einstweilen aber wahrlich keine Rede sein.
[Illustration: Abb. 4. Durch Verwitterung entstandenes Felsenmeer am
Felsberg im Odenwald. (Dr. Bruno Baumgärtel phot.)]